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Ich wollt' schon immer mal Teil deines Lebens sein

von Emiliadre
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P18 / MaleSlash
Versengold
01.02.2022
19.02.2022
18
34.614
3
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01.02.2022 2.418
 
Es ist später Abend in Kalifornien, als mein Handy klingelt. Ich nehme es vom Tisch und schaue aufs Display, bevor ich den Anruf annehme.

„Dan. Von dir habe ich ja ewig nichts mehr gehört. Wie geht‘s dir?“

Ich wandere beim Telefonieren etwas von unserer Veranda in den Garten. Obwohl keiner meiner Mitbewohner hier Deutsch spricht, bin ich doch ein Fan der zumindest minimal größeren Privatsphäre, die ich hier habe.

„Hi, Sean. Mir geht‘s gut so weit. Und dir? Was machen die USA? Du bist doch noch in den USA, oder?“

„Ja. Ich bin noch in den USA. Und den USA geht es ganz gut. Es ist eine spannende Erfahrung hier zu leben.“

„Cool. Das freut mich. Ist es alles, was du dir vorgestellt hast? Oder eher enttäuschend?“

„Nee, schon das, was ich mir vorgestellt habe. Ich hatte aber jetzt auch nicht allzu hohe Erwartungen. Ich wollte es halt mal erleben und mir ein Bild davon machen, wie es sich hier lebt. Besonders, weil mein Vater ja aus den USA kommt und lange hier gelebt hat. Da wollte ich einfach mal wissen, wie das so ist. Es nachvollziehen können. Und mir dann überlegen, ob ich bleibe.“

„Und? Bleiben oder nicht bleiben?“

„Das habe ich noch nicht endgültig entschieden, das hängt noch ein wenig davon ab, ob und welche Möglichkeiten sich mir hier in nächster Zeit noch offenbaren. Bisher sieht es nämlich mit er Erfüllung meines Traums vom Rockstar hier etwas mau aus. Ich vermute aber mal, das ist nicht wirklich, warum du anrufst, oder? Um über mein Leben hier in Amerika zu quatschen?“

„Nicht wirklich. Zumindest nicht ausschließlich. Ich hätte unter Umständen einen Job für dich hier in Deutschland, wenn du Interesse hättest, zurückzukommen. Der ist jetzt auch nicht unbedingt die Erfüllung deines Traums vom Rockstar und ich verstehe es sehr gut, wenn du dich dagegen entscheidest. Es wäre eine große Entscheidung und ich habe keinerlei Erwartungen. Ich wollte nur das Angebot auf den Tisch legen, falls du noch überlegst und gewillt bist, dir das durch den Kopf gehen zu lassen.“

„Was wäre das denn für ein nicht ganz Rockstar-Job?“

„Wir suchen aktuell einen Schlagzeuger für ‚Versengold‘, die Band, in der ich seit ein paar Jahren spiele. Von der habe ich doch bestimmt mal erzählt? Wir möchten uns musikalisch etwas umorientieren und wollen dafür einen Schlagzeuger und einen Bassisten in die Band integrieren, um das Ganze etwas rockiger aufzuziehen. Und da habe ich eben zuerst an dich gedacht. Wie gesagt, ich will dich damit jetzt überhaupt nicht unter Druck setzen oder so etwas. Wir finden bestimmt auch jemand anderen. Ich wollte dir das Angebot nur zuerst unterbreiten. Schließlich kennen wir uns ewig und hatten uns mal versprochen, dass wir uns informieren, falls wir solche Möglichkeiten für den jeweils anderen finden. Hättest du denn Interesse?“

„Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du als Erstes an mich gedacht hast. Schick mir mal was von euch. Dann höre ich mir das an und entscheide. Wie gesagt, bisher sind meine Träume hier auch nicht unbedingt in Erfüllung gegangen. Insofern bin ich definitiv bereit, es mir zumindest ernsthaft durch den Kopf gehen zu lassen, ob das eine Alternative dazu wäre, hier auf meine Chance zu warten. Bis wann musst du es denn wissen?“

„Wir wollen Anfang März ins Studio. Bis dahin solltest du im Zweifelsfall wieder in Deutschland sein. Und die Zu- oder Absage am besten so schnell wie möglich. Aber überlege es dir wirklich ganz in Ruhe, bevor du deine Zelte in den Staaten abbrichst und nach Deutschland kommst. Du bist mir definitiv keine Zusage schuldig.“

„Ich weiß. Wie gesagt, wenn du mir mal was schickst, höre ich mir das an und melde mich in den nächsten Tagen.“

„In Ordnung. Danke, dass du drüber nachdenkst. Dann will ich auch gar nicht länger stören. Schönen Abend noch. Und, wie gesagt, ich verstehe es absolut, wenn das aktuell nicht das ist, was du mit deinem Leben anfangen willst. Das würde ich dir auf keinen Fall übelnehmen. Manchmal kommen solche Angebote einfach zur falschen Zeit.“

„So, wie du mir, wäre es andersherum, auch nichts schuldig wärst. Danke für das Angebot und einen schönen Tag.“

„Danke.“

Ich lege auf und habe wenig später eine Mail von Dan mit einem Dropbox-Link im Posteingang. Ich entscheide, mir das Ganze in Ruhe am nächsten Tag anzuhören, und kehre stattdessen zu meinen Freunden auf die Veranda zurück.

Die wollen natürlich sofort wissen, wer mich da gerade angerufen hat, quetschen mich ein wenig aus und fordern mich dann auf, jetzt schon in ihrer Anwesenheit in die Lieder reinzuhören, die Dan mir geschickt hat.

Bei den Liedern scheint es sich bereits um Lieder für das nächste Album zu handeln. Zumindest besitzen sie alle eine Bass-Spur und verschiedene Schlagzeug-Spuren. Die Musik ist vielleicht nicht unbedingt das, was ich privat hören würde, aber sie macht auf jeden Fall gute Laune und Spaß. Sogar meine Freunde, die ja kein Wort verstehen, gehen dazu ab. Außerdem gefällt mir die Verwendung der Geige in den Liedern, die mir sofort auffällt.

Es ärgert mich ein wenig, dass mir die Musik so gut gefällt und ich tatsächlich darüber nachdenken muss, ob ich in die Band einsteigen möchte. Schließlich wäre die Entscheidung viel einfacher gewesen, hätte mir die Musik nicht gefallen. Dann hätte ich Dan absagen und hierbleiben können, ohne groß daran zu zweifeln, ob es das ist, was ich möchte. So bin ich es Dan schuldig, meinen Plan, einfach hier zu bleiben, zumindest zu überdenken. Trotzdem bin ich dankbar, dass Dan mich angerufen hat. Wir waren in der Schule ziemlich gut befreundet und haben uns damals, als wir irgendwann getrennte Wege gegangen sind, tatsächlich versprochen, uns gegenseitig zu informieren, falls sich solche Möglichkeiten ergeben. Ich freue mich unendlich, dass Dan an dieses Versprechen gedacht hat, obwohl wir uns schon vor einer Weile aus den Augen verloren und nur noch sporadischen Kontakt haben.

Ich bleibe noch lange mit Tom auf der Veranda sitzen, auch nachdem die anderen sich in ihre Betten oder nach Hause verabschiedet haben. Mein bester Freund hier scheint genau zu merken, dass mich die Sache mit ‚Versengold‘ doch ganz schön beschäftigt. Auch wenn er mich nicht darauf anspricht. Stattdessen leistet er mir einfach beim Nachdenken Gesellschaft.

Diese unaufdringliche, stille Art des Gesellschaftsleistens bei schwierigen Entscheidungen schätze ich an ihm, seit ich ihn kenne. Es war wohl dieser Teil seines Charakters, in den ich mich zuerst verliebt habe. Und obwohl unsere Beziehung es nicht ins neue Jahr geschafft hat, sind wir doch Freunde geblieben und es tut gut, ihn jetzt neben mir sitzen zu haben.

„Du denkst darüber nach, nach Deutschland zurückzugehen, oder?“, will Tom irgendwann auf Englisch wissen.

„Ja. Das könnte eine echt großer Schritt für mich und meine Zukunft sein. Und hier hat sich mir in den letzten sechs Monaten keine einzige ähnlich große Möglichkeit offenbart. Vielleicht ist es an der Zeit, einzusehen, dass ich es hier nicht geschafft habe und nicht schaffen werde“, antworte ich ebenfalls in Englisch.

„Ich glaube immer noch, dass du es hier schaffen könntest. Aber ich verstehe es, dass du überlegst eine Möglichkeit anzunehmen, die sich bereits bietet, statt auf eine zukünftige zu hoffen, die unter Umständen nie kommen wird.“

„Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich müde, immer nur zu hoffen. Vielleicht sollte das hier einfach nicht sein.“

„Manche Dinge sollen einfach nicht sein. Aber das heißt ja nicht, dass es eine schlechte Idee war, hierher zu kommen.“

„Ich weiß. Und ich werde es niemals bereuen, hierhergekommen zu sein. Ich glaube immer noch fest daran, dass es vor sechs Monaten die richtige Entscheidung war. Aber ich glaube auch, dass es jetzt vielleicht die richtige Entscheidung sein könnte, nach Deutschland zurückzukehren.“

„Wenn es sich richtig anfühlt, ist es das wahrscheinlich. Ich werde dich hier trotzdem vermissen.“

„Und ich dich. Wie alle anderen auch. Aber das Leben wandelt auf seltsamen Pfaden. Und ich glaube daran, diesen Pfaden zu folgen. Wo auch immer sie einen hinführen.”

„Nicht nur du. Und wer weiß, wofür es in ein paar Jahren gut sein wird.“

„Eben.“

Wir verfallen wieder in Schweigen, während wir in unseren Gedanken versinken. Ich weiß, dass Tom es meint, wenn er mich darin bekräftigt, zurück nach Deutschland zu gehen. Nicht, weil er seinen Exfreund loswerden will, sondern, weil er wirklich glaubt, dass es die richtige Entscheidung für mich und meine Zukunft ist. Er meint es ernst, wenn er mir sagt, dass er mich vermissen wird, aber dass er auch glaubt, dass es für mich richtig sein könnte, zurückzugehen. So gut kenne ich ihn inzwischen dann ja doch.

Als Tom und ich eine Weile später ins Bett gehen, ist die Entscheidung eigentlich schon gefallen. Und am nächsten Morgen buche ich noch vor dem Frühstück einen Flug nach Deutschland.

Meine Mutter freut sich, als ich ihr bei einem Telefonat ein paar Tage später erzähle, dass ich nach Hause komme. Die vermisst mich sowieso seit sechs Monaten und fand meinen Umzug in die USA damals schon eine schlechte Idee. Dan ist ähnlich erfreut, als ich ihm am selben Tag meine Mitarbeit bei ‚Versengold‘ zusage.

Die ersten beiden Februarwochen, die gleichzeitig auch meine letzten beiden Wochen in Kalifornien sind, vergehen wie im Flug. Ich verbringe so viel Zeit, wie möglich, mit meinen Freunden und wir verbringen lange Abende und Nächte auf der Veranda des Hauses, in dem Tom und ich mit ein paar Freunden wohnen. Wir unterhalten uns bis spät in die Nacht, trinken gemeinsam und schmeißen die ein oder andere Party.

Viel zu schnell ist der 16. Februar und damit mein letzter Abend in Kalifornien da. Noch einmal versammeln sich all meine Freunde auf unserer Veranda. Wir machen Burger und sitzen bis spät in den Abend zusammen, bevor wir uns auf den Weg in die Stadt und unseren Lieblingsclub machen. Wir feiern ausgelassen und feucht-fröhlich und ich bin nicht der Einzige, der den Club in den frühen Morgenstunden nicht allein verlässt.

Nicht umsonst ist unser Lieblingsclub bekannt dafür, der Go-To-Spot für queere, junge Leute zu sein, die mal ein bisschen was ausprobieren möchten, und für seine bunte Mischung aus allem von Lack und Leder bis Neonfarben berüchtigt. Hier kann man sich wohlfühlen und sein, wer man sein möchte. Hier kann man problemlos jemanden für One-Night-Stands finden, über die man sich anschließend nicht tagelang den Kopf zerbrechen muss. Hier ist man entspannt, für alles offen und einfach man selbst. Hier habe ich auch Tom getroffen, nur dass der kein One-Night-Stand geblieben ist. Im Gegensatz zu dem komplett in neon-gelb gekleideten Typen, den ich heute mit nach Hause nehme. Und nach dessen Namen ich noch nicht einmal frage.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist mein neon-gelber Typ entsprechend auch schon verschwunden. Ich schleppe mich und meinen Kater in die Küche, wo meine Mitbewohner mit einem Frühstück auf mich warten. Keiner unserer Übernachtungsgäste ist geblieben.

Wir frühstücken in Ruhe, bevor Tom mich zum Flughafen fährt. Wir sprechen die ganze Fahrt lang nicht miteinander. Stattdessen genieße ich den Blick auf die Stadt, die sechs Monate mein Zuhause war und in gewisser Weise auch meine Heimat geworden ist.

Neben der Freude auf meine Familie und der Vorfreude auf all das Neue, das mich mit ‚Versengold‘ in Deutschland erwartet, bin ich auch traurig, mich verabschieden zu müssen. Von meinen Freunden. Von den USA. Von Kalifornien. Von meinem Leben hier. Und obwohl ich mir die Möglichkeit, bei ‚Versengold‘ direkt wieder auszusteigen und in die USA zurückzugehen, offengehalten habe, weiß ich doch irgendwo ganz tief in mir schon jetzt, dass ich in Deutschland bleiben und hierher nur noch im Urlaub zurückkehren werde. Dass das hier ein Abschied für immer ist. Zumindest der Abschied von meinem Leben hier.

Wie immer lässt Tom mich einfach mit meinen Gedanken in Ruhe und zwingt mir kein Gespräch auf. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür.

Erst als wir gemeinsam in der Halle das Flughafens stehen und ich mein Gepäck abgegeben habe, erhebt Tom seine Stimme wieder.

„Komm gut nach Hause. Und wir hören voneinander.“

Wie immer sprechen wir Englisch miteinander.

„Versprochen. Du bist viel zu wichtig, als dass wir nicht voneinander hören.“

Tom schließt mich in die Arme.

„Danke”, meine ich so leise, dass wirklich nur er es hören kann, „Für deine Liebe. Für deine Freundschaft. Für alles, was du mir in den letzten Monaten beigebracht hast. Einfach für alles.”

„Sehr gern. Ich bin echt froh, dass wir uns kennengelernt haben. Bleibe du. Denn du bist wunderschön. Von außen und von innen. Bleib offen für alles Neue. Lerne immer weiter und verbreite deine Liebe und deine Fröhlichkeit unter den Leuten.“

„Versprochen. Ich werde dich vermissen.“

„Ich dich auch.“

Tom nimmt mein Gesicht in seine Hände und drückt mir einen schnellen Kuss auf die Lippen. Der Kuss hat nichts Romantisches. Nichts von dem, was vor unserer Trennung mal in unseren Küssen lag. Er ist rein platonisch. Ein Ausdruck tiefer, freundschaftlicher Zuneigung. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist nicht einmal lang genug, dass ich ihn erwidern kann. Stattdessen grinse ich ihn kurz an, als er die Lippen wieder von meinen nimmt. Dann lasse ich ihn los und hebe meinen Rucksack fürs Handgepäck auf. Ich hänge ihn mir über die Schulter und hebe die Hand.

„Wir sehen uns.”

„Wir sehen uns. Und du wirst es rocken. Da bin ich mir sicher.“

„Danke.“

Ich drehe mich um und laufe auf die Sicherheitschecks zu. Am Ende der Schlange angekommen, drehe ich mich nochmal um. Tom hat sich keinen Schritt bewegt. Er hebt die Hand und zieht grinsend einen imaginären Hut. Ich erwidere die Geste und drehe ihm und meinem Leben in den USA endgültig den Rücken zu. Auf der anderen Seite das Atlantiks warten neue Abendteuer und ich kann es kaum noch erwarten, mich kopfüber hineinzustürzen, auch wenn mich der Abschied von den USA traurig macht.

Im Endeffekt ist es vielleicht sogar ganz gut, dass sich dieses Abendteuer jetzt offenbart hat. Ich war noch nie gut darin, lange irgendwo zu bleiben. Wer weiß also, wann es mich aus meinem Leben in Kalifornien sowieso weggezogen hätte. Meine Beziehung mit Tom ist daran schließlich auch schon gescheitert. Feste Bindungen sind einfach nichts für mich. Sie machen mir zu einem gewissen Punkt sogar etwas Angst. Auf jeden Fall vermeide ich sie, wo es geht. Kein Wunder also, dass ich mir auch bei ‚Versengold‘ die Möglichkeit offengehalten habe, wieder auszusteigen, wenn es mich weiterzieht.

Aber daran will ich jetzt überhaupt nicht denken. Jetzt will ich in einem Stück nach Deutschland kommen. Und dann will ich in das Abendteuer ‚Versengold‘ springen. Ohne mir vorher schon Gedanken um sein Ende zu machen.
 
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