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Abyssus abyssum invocat

von Hakuyu
Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Angst / P16 / MaleSlash
Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
01.02.2022
01.02.2022
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4.330
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01.02.2022 4.330
 
A/N: Der Titel ist lateinisch und bedeutet übersetzt "Der Abgrund ruft nach dem Abgrund"

Schwarze Wolken verschlangen den Mond.
Noé schaffte es kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als wäre die Luft selbst zähflüssig geworden. Ihm war als schlucke er Wasser statt Sauerstoff.
Als laufe er durch schwarzen Morast und versinke mit jedem Schritt mehr und mehr. Seine Gedanken vergingen im tiefen Schlamm. So verzweifelter er auch mit den Händen im Schlick wühlte, so war da nur zähflüssiger, schwarzer Schlamm, der sich über ihn ergoss.
Was soll ich tun? Was soll ich tun? Was soll ich tun?
Er musste Domi retten. Durfte nicht zulassen, dass…dass sie…Oder war es längst zu spät? Hatte bereits ihren Namen korrumpiert? Nein, Vanitas konnte sicher…aber wenn…Vanitas…er musste Vanitas finden…
Die Nacht hatte sich über den Vergnügungspark gelegt. Das Jauchzen, Lachen, der Trubel des Tages waren von der Stille geschluckt worden. Keine Passanten, keine bunten Luftballons. Kein Geruch von gebratenem Essen. Kein Klackern von Dosen an den Schießbuden. Die Achterbahn stand still wie eine riesige, metallene Schlange. All das Licht und die Fröhlichkeit waren in die Winkel und Gassen der Buden geflohen, hatten sich dort verkrochen. Dort waren sie von der Dunkelheit erjagt zu worden. Nur vereinzelte Straßenlaternen ergossen ihren Schein auf die weißen Pflastersteine. Kleine Pfützen blassen Lichts.
Vor der dunklen Wolkendecke zeichnete sich das Riesenrad ab. Wie ein riesiges Ziffernblatt einer Uhr prangte es über den gesamten Vergnügungspark. Das metallene Gerüst schimmerte schwach, wenn das Mondlicht hervorbrach. Auf einer der Gondeln stand Dominique. Nur einen Schritt davor, in die tödliche Tiefe zu fallen. Aus der Entfernung konnte Noé sie nicht ausmachen. Aber er wusste, nein, hoffte, dass sie noch immer da war. Zusammen mit Mikhail. Wartend.
Noé war schwindelig. Sein Körper fühlte sich unglaublich schwer an. Sein Arm, der noch immer in der Schlinge lag, war wie Blei und schien ihn mit jedem Schritt hinabzuziehen. Er schwankte. Die Pflastersteine verflossen vor seinen Augen zu einer grauen Masse. Was passierte nur? Warum geschah das alles? Wie von allein kämpfte sich sein Körper vorwärts.
Sein Kopf war wie von Watte gefüllt.
Hatte Mikhail auch seinen Namen korrumpiert? Hatte er mit ihm das gleiche gemacht, wie mit Domi? Kontrollierte er ihn, um sicherzugehen, dass er auch wirklich von Vanitas‘ Blut trank? War er nicht mehr Herr seiner Sinne? Wurde er verrückt? Vielmehr, war er verrückt gemacht worden? Und wenn er verrückt geworden war, würde er es überhaupt merken? Was, wenn er irgendetwas tat, dass…
Was sollte er Vanitas nur erzählen…? Wie sollte er ihn fragen? Würde er ihn tatsächlich umbringen?
War dies nur eine leere Drohung gewesen, um ihn fortzustoßen? Oder würde er tatsächlich nach seinem Messer greifen und die im schwachen, samtenen Mondlicht glänzende Klinge in seine Brust rammen…
Noé war, als balanciere er am Rande eines unendlich tiefen Abgrundes, der seine Leere und Dunkelheit nach ihm ausstreckte.
Unter einer der Straßenlaternen kam Noé unter schweren Atemzügen zum Stehen. Mit seiner freien Hand stützte er sich an den metallenen Pfahl.
Selbst das fahle Licht blendete.
Bunte Farbfunken tanzten vor seinen Augen.  

„Noé!“ Jemand rief nach ihm. Eine bekannte Stimme so weit entfernt wie das Echo eines Traumes.
Noé hob den schweren Kopf. Sein Herz zog sich zusammen. Vanitas. Vanitas‘ schwarzes Haar und sein schwarzer Mantel verschmolzen mit der Nacht. Er stand an der Grenze zwischen dem Lichtkranz der Straßenlaterne und der Dunkelheit. Selbst als er ins Licht trat, näher an ihn heran, schien es, als würde die Finsternis in dünnen Fäden an ihm kleben und ihn nicht loslassen wollen. Aber seine blauen Augen strahlten sogar in der Dunkelheit. Mikhail, derjenige, der auf ihn wartete, derjenige, der Domi Schreckliches angetan, hatte dieselben Augen. Dasselbe Blau des Mondes. Und doch waren ihre Augen anders. In Mikhails Augen strahlte Hass. In Vanitas‘ Blick lag jene blaue, verzweifelte, hilflose Leere.  Noé kannte diese Augen. Er hatte sie bereits in dem Labor Moreaus kaum ertragen. Und auch nicht im Café, als Vanitas Laurent verzweifelt fragte, warum sich jemand in „jemanden wie ihn“ verlieben sollte. Nun stand Vanitas mit denselben Augen vor ihm. Schwer atmend, sein Brustkorb hob und senkte sich und beinahe bildete sich Noé ein, seinen rasenden Herzschlag hören zu können.
In der einen Hand das Messer.
Das fahle Licht sammelte sich an der scharfen Kante des Metalls, schien die Klinge entlang zu rinnen und an ihrer Spitze hinabzutropfen.
Dieses Messer. Hatte er etwa auch auf dem Weg hierher gegen Automaten gekämpft? Hatte er das Messer nur dabei, um sich zu verteidigen, oder…
Was denkst du nur? Was hast du vor?
„Vanitas…“, brachte Noé hervor, er konnte die Zunge kaum heben, „…was machst du hier…?“
Wortlos griff Vanitas in seine Manteltasche. Das Rascheln von Papier. Mit zusammengepressten Lippen hielt Vanitas schließlich ein Papier hoch. Den Brief von Mikhail. Der Brief, in dem stand, dass er Domi in seiner Gewalt hatte. Richtig…den hatte er in der Eile ganz vergessen.
„Ach so…“ Selbst für diese Worte reichte seine Stimme kaum aus.
„Was fällt dir eigentlich ein? Einfach so zu verschwinden!“, Vanitas spie ihm die Worte entgegen, „Du beschwerst dich über meine Alleingänge! Du bist aber kein Stück besser! Warum musst du nur so eine dumme Heldennummer abziehen?“
Domi ist in Gefahr. Ich muss Domi retten. Unbedingt. Domi! Domi!
Er hatte nicht warten können. Nicht eine Sekunde. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er nicht einmal daran gedacht, Vanitas davon zu erzählen. Er war einfach losgerannt.
Noé ließ die Schultern hängen und senkte den Kopf. Er würde es ihm erzählen müssen…Er würde ihn fragen müssen…
„Es tut mir Leid…“, murmelte Noé. Es tut mir Leid was ich getan habe. Es tut mir Leid, weiß ich vielleicht tun werde. Ich kann nicht. Ich kann das nicht. Ich will nicht. Aber…
„Noé“, sagte Vanitas, sein Gesicht glich einer steinernen Maske, „geh jetzt nach Hause. Ich übernehme von hieran. Was Dominique angeht – ich werde dir nichts versprechen, aber ich tue, was ich tun kann.“
Noé spürte eine flüchtige Berührung auf seiner Schulter. So vergänglich, dass er sich fragte, ob sie überhaupt real gewesen war.
Nach Hause…ja…irgendwann war das Hotelzimmer zu seinem Zuhause geworden. Ihrem gemeinsamen Zuhause.
Also dachte Vanitas auch so.
Aber wie? Wie sollte er einfach so gehen?!
„Das kann nicht dein Ernst sein. Was soll ich dann deiner Meinung machen?! Warten und Däumchen drehen, bis ihr wiederkommt?!“, mit der Entrüstung kam die Stimme zurück, „ Oder auch gar nicht wiederkommt?! Das werde ich nicht tun! Auf keinen Fall. Erst beschwerst du dich über meinen Alleingang, aber jetzt bist du auch nicht besser.“ Hilflos in ihrem gemeinsamen Zimmer sitzen. Warten. Warten. Warten.
„Mikhail ist wegen mir hier“, Vanitas Augen waren kalt, sein Gesicht ungerührt, „Ich muss das alleine regeln.“
„Das musst du nicht!“
„Warum kannst du nicht einfach verschwinden?“
„Warum kannst du nicht akzeptieren, dass ich bleibe?“
Vanitas‘ Augen verengten sich. Er zischte. „Noé, dir ist nicht klar, in was-“
„Doch, das ist mir sehr wohl klar…“, die Kraft wich aus Noés Stimme, „Er hat auch ein Buch, oder?“
Vanitas sah ihn an, als hätte Noé ihn mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Seine zitternden Finger wanden sich nahezu haltsuchend um den Griff des Messers. Sein Mund öffnete sich, aber kein Laut kam heraus. „Du bist ihm begegnet?“ Die Worte waren heiser, vermischten sich allzu schnell mit der Stille, die sie umgab.
„Ja…“, Noé schluckte. Einmal. Zweimal. „Er hat Domi etwas angetan und ich weiß nicht was, vielleicht hat er ihren Namen korrumpiert, er scheint sie zu kontrollieren…und er hat mir Dinge erzählt…ich weiß nicht ganz, wie ich das verstehen soll…kannst du mir das vielleicht erklären?“
„Was meinst du? Dinge?“ Vanitas verengte die kaltblauen Augen.
„Er ist auch Familie für dich, oder? Er sagte, er sei dein Bruder. Stimmt das?“ Deine Familie.
Vanitas antwortete nicht. Sah zur Seite. Sein Ohrring klimperte unter der ruckartigen Kopfbewegung.
„Und er hat gesagt, du hättest euren ‚Vater‘ umgebracht…war das etwa der Vampir des blauen Mondes?“ Vanitas starrer Blick wurde noch starrer. Leblos nahezu. Seine Lippen bebten, bis er sie zusammenkniff. Er schlang die Arme, welche er vor der Brust gekreuzt hatte, enger um seinen Körper.
Auch darauf antwortete er nicht. Sag doch bitte etwas! Etwas, damit ich dich verstehen kann!

„Was wollte er?“, murmelte Vanitas, die Stimme so leer wie sein Blick, „Mikhail. Was wollte er von dir?“
„Er…hat gesagt…ich soll den Grund dafür herausfinden…ich soll dein Blut trinken und ihm sagen, warum du…scheinbar…“
Vanitas knirschte mit den Zähnen. Als wäre er derjenige, der kurz davor war, zuzubeißen. Er tat einen Schritt zurück. Taumelnd. Näher an den Rand der Dunkelheit.
Ich muss Domi retten. Ich muss sie unbedingt retten. Aber ich will dich nicht verlieren. Bitte hass mich nicht.
„Noé, verschwinde! Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß! Das alles geht dich nichts an!“ Der schwarze Stoff seines Mantelärmels flatterte wie der Flügelschlag eines Raben. Eine fegende Handbewegung, als wollte er eine Grenze zwischen ihnen ziehen, als wolle er Noé fortschleudern. Das Messer, noch immer in seiner Hand, durschnitt die Luft zwischen ihnen, ehe es scheppernd auf den Pflastersteinen landete. Vielleicht war es Vanitas aus der bebenden Hand geglitten, vielleicht hatte er es fortgeschleudert, einfach, weil er irgendetwas tun wollte. Das Messer fiel aus dem Lichtkreis hinaus und wurde von der Dunkelheit verschluckt. Das Scheppern hallte noch einige Sekunden nach. Er machte sich nicht einmal die Mühe, es aufzuheben.
„Verschwinde!“, keuchte Vanitas mit bebender Stimme, sein Brustkorb, seine Schultern hoben und senkten sich unter den schweren Atemzügen. Das schwarze Haar hing ihm wild ins Gesicht.
„Vanitas…“, sagte Noé nur. Hilflos.
„Du weißt doch, was es für dich bedeutet und was er tun kann, wenn er ebenfalls ein Buch hat! Deine beschissene Naivität bringt dich noch um! Es macht mich krank! Warum kapierst du das nicht?! Kannst du nicht ein verdammtes Mal an dich denken?! Verschwinde endlich!“
„Ich werde nicht gehen“, sagte Noé schließlich. Erst recht nicht, wenn er in so einem Zustand war. So aufgewühlt und fahrig, wie er war…Ihm würde etwas Schlimmes passieren, wenn er in diesem Zustand alleine war.
„Na schön“, murmelte Vanitas plötzlich, „Dann bleib hier und warte. Ich geh alleine.“
„Was hast du vor?“, fragte Noé mit bedeckter Stimme.
„Na, was wohl? Wenn er es unbedingt wissen will, werde ich es ihm sagen.“ Mit einem Mal war Vanitas‘ Stimme ruhig, gleichgültig, kalt.
„Warte! Du weißt doch gar nicht, was er dir antut, wenn er dich plötzlich sieht!“
„Ich kann es mir ungefähr vorstellen. Es spielt keine Rolle…“
„Geh nicht!“ Noé legte ihm die freien Hand auf die Schulter. Mit einer unwirschen Handbewegung wischte Vanitas seine Berührung fort.
„Wie oft soll ich noch sagen: Es geht dich nichts an!“ Vanitas‘ Gesichtsausdruck war verzerrt. Wut. Zorn. Verzweiflung?
„Inwiefern geht es mich denn nicht an? Domi ist in Gefahr und du auch! Aber wenn er dir etwas antut, sobald er dich sieht oder Domi, wenn ich nicht auf seine Anweisungen höre…Als ob ich einfach zusehen kann!“ Wie alles auseinander fällt. Wie du dich selbst zerstörst. Wie Domi mir entgleitet.
Ganz gleich, was heute Nacht passiert, wenn die Sonne aufgeht, wird nichts mehr so wie früher sein.
Dabei ist es genauso wie früher. Ich habe mich nicht verändert. Ich kann nichts tun. Ich werde Domi verlieren, wie ich Louis verloren habe. Ich werde Vanitas‘ Bitte nicht erfüllen können, wie ich Louis‘ Bitte nicht erfüllt habe. Zwar hat Vanitas mich mit dem Tode bedroht – doch auf seine Art und Weise hat er mich angefleht, sein Blut nicht zu trinken. Mich in seine Erinnerungen, sein Herz einzudringen. Er wird mir hassen und ich werde Domi verlieren.
Es ist so dunkel.
Die Sonne, sie wird doch wieder aufgehen, oder?
Für Vanitas war es immer düster.
Ich will ihn nicht in der Dunkelheit alleine lassen.
Noés Augen brannten. Etwas Feuchtes rann seine erhitzten Wangen entlang.
„Verdammt, Noé! Fang nicht an zu heulen! Davon wird es nicht besser! Die Welt ist nicht so ein freundlicher Ort! Egal, wie viel du weinst, weinst und weinst, es wird nie helfen! Und was kommt nach den Tränen? Was dann?! Die Erkenntnis, dass man vollkommen alleine ist und das, was einem im Inneren zerfleischt nur einen selbst berührt und es allen egal ist!“ Warum dann? Warum sagte Vanitas diese Dinge und sah so aus, als würde er hinter der Grimasse von Wut selbst gegen die Tränen ankämpfen? Nein, nicht nur gegen die Tränen, sondern immerzu gegen sich selbst.
„Weiß ich doch!“, rief Noé „Ich weiß doch, dass es nicht hilft und ich erwarte auch gar nicht, dass es hilft! Aber…es tut so weh. Ich bin so wütend, ich fühl mich so hilflos. Ich weiß nicht wohin mit den Gefühlen und…“
„Ist ja gut…“, sagte Vanitas, ruhiger mit einem Mal, „Ich weiß ja.“ Er seufzte.
„Aber weinen hilft, denke ich. Es ist nicht so schmerzhaft, wie alles in sich hineinzufressen, oft tut es weniger weh, nachdem man geweint hat“, sagte Noé, „Außerdem bin ich ja nicht alleine. Du bist ja hier. Und du bist auch nicht alleine, Vanitas.“
Vanitas schwieg, sah ihn mit starrem Blick an und gleichzeitig irgendwie an ihm vorbei.
Noé wischte die Tränen fort, so gut es ging.
Es musste eine andere Lösung geben. Eine Lösung, die niemanden verletzte.
„Wenn du nicht willst, dass ich dein Blut trinke, erzähle es mir doch einfach, was damals passiert ist.“ Er versuchte, Vanitas aufmunternd zuzulächeln und konnte nur zusehen, wie Vanitas‘ Augen sich verengten und seine Lippen sich zu einem dünnen Strich formten.
„Als ob du das verstehst!“, zischte Vanitas
„Du versuchst es ja nicht einmal, mir zu erklären!“
„Du kapierst das nicht! Du hast überhaupt keine Ahnung!“
„Woher willst du das wissen, dass ich es nicht kapiere, wenn du es nicht erklärst?“, Noé ballte die zitternde Hand zu einer Faust.
„Ich kann nicht darüber reden!“
„Warum nicht?“
„Ich…“, Vanitas wich seinem Blick aus und verschränkte die Arme, „kann nicht…“ Es tut weh, oder? Es tut schrecklich weh.
„Vanitas, egal, wovor du Angst hast-“
„Ich habe keine Angst!“
„Ich werde dich nicht hassen.“
„Das sagst du jetzt!“
„Ich kann dich eh nicht leiden, weißt du noch, du hast nichts zu verlieren. Und erinnerst du dich an das, was ich noch gesagt habe? Auf dem Dach. Dass ich froh bin, dass du so bist wie du bist?“
„Kannst du das wirklich zu einem Mörder sagen? Du sagtest, ich bin nicht wie Astolpho. Nur deswegen bin ich ‚gut’ für dich, oder? Aber woher kannst du so sicher sein? Du weißt doch gar nichts. Was, wenn ich genauso bin?“
„Astolpho hat seine Gründe. Das hast du selbst gesagt. Ihr seid in einigen Punkten ähnlich, aber ganz anders. Aber auch du hattest auch deine Gründe. Da bin ich mir sicher. Du hast gesagt, ich soll mir während des Kampfes keine Gedanken machen, ob Astolphos Hass gerechtfertigt ist oder nicht. Auch über dich werde ich nicht richten. Aber ich möchte dich verstehen. Als du gesagt hast, dass nichts gefährlicher ist, als jemand, der sich im Recht sieht…kann es sein, dass du dich gemeint hast?“
„Solchen Illusionen habe ich mich nie hingegeben…“ Vanitas schnaubte.
Sah weg, die Arme noch immer verschränkt, die Unterlippe ein wenig vorgeschoben.
Noé konnte nicht anders als lächeln. „Das bist halt du.“
„Wie kannst du in so einer Situation lächeln? Du lächelst und hast noch immer Tränen in den Augen. Wenn du dich gerade selbst sehen könntest.“
„Ich weiß auch nicht. Ich weiß nur, dass meine Worte immer gelten werden. Ich bin froh, dass du so bist, wie du bist. Ganz gleich, wie du vorher warst. Wer du vorher warst. Jetzt bist du Vanitas. Die Vergangenheit mag dich beeinflusst haben – aber du bist nicht deine Vergangenheit. Du bist nicht das, was dir passiert ist. Du bist auch nicht das, was du getan hast. Du bist auch deine Gefühle, deine Beweggründe. Und du noch so viel mehr. Dein ‚Du‘ hat so viele Facetten wie Sterne am Himmel. Einiges ergibt Konstellationen, verschiedene Bilder. Aber selbst diese verschiedenen Bilder sind nicht alles. Andere Sterne  stehen für sich oder die Konstellationen sind ganz verschieden und das ist in Ordnung. Das alles bist du.“ Noé legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf zum Nachthimmel. Die schwarze Wolkendecke starrte zurück. „Ich werde meine Meinung nicht ändern. Und ich bin froh, dass wir uns kennengelernt haben. Dass du du bist. Domi ist meine Familie und ich werde sie retten. Das gleiche gilt für dich. Auch, wenn du das vielleicht anders siehst und dir das egal ist: Auch du bist meine Familie und ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.“
Vielleicht hatte er zu viel gesagt.
Aber er bereute es nicht. Vielmehr war froh, es gesagt zu haben. Ja! Vanitas war Familie!  
Vanitas blieb stumm. Die Lippen leicht geöffnet. Die Augen starr, etwas schwamm in ihnen, dass Noé nicht erkennen konnte.
„Familie, was…?“, wiederholte Vanitas schließlich kaum hörbar, seine Worte wurden von der Stille fortgetragen wie dünner Rauch im Sturm.
Plötzlich lachte er auf, freudlos. Ein nahezu bösartiges Grinsen. „Also echt, Noé. Das ist jetzt wirklich nicht der Zeitpunkt für Witze.“
„Ich weiß“, sagte Noé, „Das ist auch kein Witz.“
Noé lächelte ihn an. Dagegen wurde die Härte in Vanitas‘ Gesicht fortgespült und sein hämisches Grinsen versiegte. Zurück blieb ein weicher, nahezu hilfloser Ausdruck.
„Noé, du bist echt…“, Vanitas Worte verliefen in der Dunkelheit.
Stille breitete sich zwischen ihnen aus.

„Eigentlich machst du es dir unnötig kompliziert. Wenn du Dominique unbedingt hättest retten wollen, hättest du gar nicht erst fragen sollen oder versuchen, mich zu überzeugen. Stürz dich doch einfach auf mich und trink mein Blut. Fertig“, sagte Vanitas plötzlich.
„Das würde ich niemals tun!“, rief Noé entsetzt, „Natürlich will ich Domi unbedingt retten! Aber ich würde nie ohne deine Zustimmung-“  
Vanitas lachte trocken auf. „Du bist halt auch du. Und von Zeit zu Zeit ist das auch gar nicht so übel.“
Wärme breitete sich durch Noés Körper aus.
Stille. Wieder.
„Es geht wohl nicht anders, was?“, murmelte Vanitas schließlich und seufzte.
Noé schluckte und ließ die Schultern hängen. „Ich wünschte, es würde mir etwas anderes einfallen…“
„Du hast es so sehr gewollt und jetzt willst du nicht mehr“, knurrte Vanitas.
„Du hast gedroht, mich umzubringen, wenn ich auch nur daran denke, dein Blut zu trinken.“
„Dass du dich an solche Kleinigkeiten erinnerst…“, murmelte Vanitas.
„Jetzt müsstest du mich tausend Mal umbringen, denn ungefähr so oft habe ich in der letzten halben Stunde daran gedacht. Wirst du es tun? Danach? Tatsächlich versuchen, mich umbringen? Mit deinem Messer? Meinetwegen. Ich gebe die dir Erlaubnis dafür, wenn ich dafür dein Blut trinken und Domi retten darf. Schließlich habe ich nicht auf deine Warnung gehört und da muss ich wohl oder übel die Konsequenzen tragen.“
Vanitas riss die Augen auf. „Spinnst du jetzt völlig? Seit wann bist du so lebensmüde?“
„Du missverstehst mich. Ich habe gesagt, ich gebe dir die Erlaubnis, es zu versuchen. Nicht, dass ich mich nicht wehren werde. Ob du es schaffst, mich umzubringen, steht auf einem anderen Blatt.“
Ein abfälliges, beleidigtes Schnauben. „Manchmal bist du echt unerträglich.“
„Wer hat denn angefangen, mich mit dem Tode zu bedrohen?“ Noé lächelte warm.
„Halt die Klappe“, protestierte Vanitas. Er seufzte. „Nur damit das klar ist, das hier ist eine Ausnahme…obwohl, du siehst nur beim ersten Mal die Erinnerungen, oder? Dann muss es keine Ausnahme sein.“ Noés Herz schlug schneller. Meinte Vanitas das ernst? Das hieß…es gab ein später.
Ein wieder einmal.
Es war nicht alles vorbei.
„Was auch immer du siehst, vergiss es sofort wieder, verstanden? Erwähne es nicht einmal.“ Es musste so schwer für ihn sein. Möglicherweise ähnlich bedeutsam für ihn, wie für einen Vampir, der seinen wahren Namen verriet. Ein Geheimnis offenbarte, dass er für immer in sich verschlossen halten wollte.
Plötzlich schutzlos, nackt und ungeschönt sein wahres Wesen offenbarte.  Was auch immer er sehen würde, er würde Vanitas mit diesem Wissen nie wehtun. Diesen rohen, empfindlichen, zitternden, blutenden Teil von ihm, der er für ihn offenlegte, nicht wie Scharlatan verletzen, manipulieren, zerstören, sondern mit Wärme umfangen. Das würde er tun.
„Verstanden. Ich weiß nicht, ob ich es vergessen kann, aber ich werde nichts sagen. Du musst auch nichts erklären, wenn du nicht willst.“
Dabei wusste er nicht einmal, ob er tatsächlich stillschweigen konnte. Er hatte noch nichts erfahren und bereits jetzt wollte er mit Vanitas darüber sprechen.
Ihn trösten.
Ein hässliches, kaltes Gefühl der Übelkeit kroch in ihm hoch, wenn er daran dachte, was er sehen würde.
Er hatte Vanitas schon in die Tiefen der Katakomben hinein in seine Vergangenheit begleitet. Jetzt würde er die Katakomben seiner Seele betreten, die Stufen hinab, durch dunkle Gänge,  tiefer und tiefer hinein in sein selbst.
„Auch wenn du dem Namen begegnen solltest, den ich vorher getragen habe – komm nicht auf die Idee, mich so zu nennen. Ich werde dich einfach ignorieren.“
Stumm nickte Noé.
Richtig, Vanitas‘ Name…Den Namen, den ihm seine Eltern gegeben hatten. Bei Moreau war er nur eine Nummer gewesen. Aber bestimmt hatte der Vampir des Blauen Mondes Vanitas bei seinem früheren Namen genannt. Vanitas hasste den Vampir des Blauen Mondes über alles – so viel hatte Noé verstanden.
Er hatte ihn scheinbar getötet und wollte selbst über seinen Tod hinaus noch immer Rache nehmen.
Und doch hatte er seinen Namen übernommen. Also gab es noch jemanden, den Vanitas mehr hasste, als den Vampir des Blauen Mondes.
Den er noch mehr und noch endgültiger auslöschen wollte.
Sein altes Selbst.

„Na dann, Noé“, sagte Vanitas.
Also wollte Vanitas es tatsächlich tun.
Noé schluckte. Er durfte also von seinem Blut kosten. Wie gerne hätte er sich darüber gefreut.
Dass Vanitas ihm derartig vertraute…Aber unter diesen Umständen…Keiner von ihnen wollte dies wirklich. Es war im Grunde das letzte, was Vanitas wollte. Und doch tat er es. Warum?
Am allerwenigsten für sich selbst. Vielleicht für Domi, damit sie gerettet werden konnte. Möglicherweise für Mikhail? Damit er es erfahren konnte?
Vielleicht tut er es für mich. Für mich. Auch wenn es ihn so belastet. So viel Schmerzen bereitet.
„Vanitas…“, brachte Noé hervor, „Ich weiß, dass du das nicht willst…Ich möchte es auch nicht. Es tut mir Leid. Und ich danke dir.“
„Jetzt werde nicht sentimental, Noé. Zumindest bist es du.“
„Was meinst du?“ Noé blinzelte verwirrt.
„Nichts. Vergiss es.“
Wo ließ Vanitas ihn wohl beißen? Am Hals? Vielleicht gegenüber von Jeannes Mal? Wenn es in derselben Region war, dann hieß dass…Vanitas würde sie beide unmittelbar vergleichen können. Ob Jeannes Biss weniger schmerzhaft war? Ihr Gift wohltuender? Noé schüttelte den Kopf. Solche Gedanken gehörten nicht hierher.
Doch anstelle sein Hemd aufzuknöpfen, damit Noé an seinen Hals gelangen konnte, streifte sich Vanitas seinen Handschuh ab.
Unter dem dünnen, dunklen Stoff kam dünne blasse Haut zum Vorschein. Es war nicht der Arm, in dem der Vampir des blauen Mondes seine Markierung hinterlassen hatte. Doch ähnlich wie die blauen Verästelungen der Markierung schienen das Netz an Adern durch Vanitas‘ Haut durch.
Fast war es, als hörte Noé das Rauschen des Blutes und mit ihm die Echos der Vergangenheit.
Vanitas streckte Noé seinen Arm hin.
Vorsichtig ergriff Noé sein Handgelenk. Die Sehnen traten deutlich unter der blassen Haut hervor. Rasender Puls pochte bis in Noés Finger hinein. Vanitas eiskalten Finger streiften Noés Wange, als Noé das Handgelenk näher an seinen Mund führte. Plötzlich erinnerte er sich daran, wie Vanitas seinen Arm wieder angenäht hatte, den Astolpho ihm im Kampf abgetrennt hatte.
Ja, auch das war ein Unterschied zwischen ihnen. Noé hatte kaum zusehen können, wie Nadel und Faden immer wieder durch seine Haut gingen. Er ertrug sein eigenes zerfetzte Fleisch nicht und sein Blut. Vanitas war ganz ruhig und konzentriert gewesen, hatte sich höchstens beschwert, dass Noé nicht so zucken sollte. Über eine Stunde saßen sie so beisammen.
Noé hatte sich gewünscht, auch Vanitas helfen zu können. Wenn er auch nicht seinen Körper heilen könnte, dann zumindest seine Seele. Jetzt würde er Vanitas‘ Körper verletzten.
Ein Biss in die Haut.
Wie zwei Nadelstiche, keine heilenden, verknüpfenden Stiche, sondern Stiche, die verletzten und durchtrennten.
Ein Biss in die Seele.
Aber vielleicht, wenn er ihn besser verstand…wenn er wusste, was mit ihm geschehen war…vielleicht würde er ihm helfen können. Aus diesen verletzenden Stichen Stiche der Heilung werden lassen.  
„Was zögerst du noch, Noé?“
„Nichts“, murmelte dieser. Ihm war als stände er am Rand eines dunklen Sees, in den er hineinspringen sollte. Nicht wissend, wie kalt und tief das Wasser war oder was er am Boden des Sees finden würde. Alle Muskeln waren gespannt, zum Sprung bereit. Und dennoch konnte er den entscheidenden Absprung nicht wagen.  
„Willst du nun mein Blut trinken, oder nicht? Entscheid dich mal.“
Noé schlug die Augenlider nieder. „Und danach….? Was passiert danach, nachdem ich es getan habe? Ich werde zu Mikhail zurückgehen und du…?“
„Was wohl? Ich bin nicht hergekommen, damit du wieder einen Alleingang durchziehst. Außerdem, wie ich bereits sagte, ist Mikhail wegen mir hier.“
Noé hob den Blick. „Also gehen wir zusammen?“
Vanitas nickte. „Ja, zusammen.“
So viel hatten sie schon gemeinsam durchgemacht. Sie waren nicht alleine. Sie mussten das nicht alleine durchstehen. Vanitas musste nicht alleine Mikahil, seiner Vergangenheit gegenübertreten. Und er musste nicht alleine Domi retten. Sie würden es schaffen. So war es bisher immer gewesen. Gemeinsam konnten sie alles schaffen. Ganz sicher. Tröstliche Wärme breitete sich in Noé aus. Noé spürte, wie Vanitas Finger seine Haare streiften und streichelten, als er sich zu Vanitas‘ Handgelenkt vorbeugte.  
„Ich…fange jetzt an…“, begann Noé, „Bitte sag, wenn ich dir wehtue.“
„Noé…“
„Ja?“, Noé sah auf. Vanitas wich seinem Blick aus. Dann presste er seine Stirn gegen Noés Schulter. Vergrub sein Gesicht in seinen eigenen Haaren und Noés Kleidung. Er war warm. Die Wärme floss von Noés Schulter in seine Arme und den Rest seines Körpers.  
„Nichts. Fang an.“ Die plötzliche Berührung ließ Noés Atem stocken. Aber er tat wie geheißen. Öffnete den Mund. Legte seine Lippen auf Vanitas kalte Haut, auf seinen Puls. Legte die Zähne an und…
Noés Fangzähne schnitten durch die Zeit und gruben sich tief in das Fleisch der Vergangenheit.
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