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A Wilde Family Band 1: Nicholas Priberius Wilde

von Caragor
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Tragödie / P18 / Gen
Finnick Gideon Grey Judy Hopps Mr. Big Nick Wilde OC (Own Character)
01.02.2022
06.08.2022
22
117.543
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06.08.2022 6.251
 
29 NRK



Sie hassten mich noch immer dafür.
     
Die Tat war erst einen Tag her, ebenso ihre Erkenntnis, dass sie jetzt mir und nicht mehr meinem Vater über alles Rechenschaft ablegen mussten und dass ich hier jetzt die Fellrichtung angab. Trotzdem hassten sie mich dafür, dass ich jegliche Foltereien von Raubtieren dauerhaft außer Kraft gesetzt hatte, was sie mich während des ganzen Tages in der Behörde spüren ließen.
     
Ich kam am frühen Morgen herein (Judith schlief noch, als ich zur Arbeit fuhr), und wie schon am Tag zuvor verstummten die Stimmen der Beutetiere, die sich in der Lobby aufhielten.
     
Doch dieses Mal wandte sich mir niemand zu. Stattdessen spürte ich förmlich, während ich den Weg zu den Aufzügen nahm, dass mir eine Welle der Kühle und Distanziertheit entgegenschlug.
     
„Guten Morgen“, sagte ich und meine Stimme hallte laut durch die Halle.
     
Niemand antwortete.
     
Rechts auf den Bänken saßen mehrere Beutetiere, die Zeitungen lasen oder in ihre Handys vertieft waren; als ich an ihnen vorbeikam und einen Blick in ihre Augen zu erhaschen versuchte, zogen sie entweder ihre Zeitung höher oder ihre Augen erstarrten auf dem Bildschirm.
     
Die Beutetiere, die überall herumstanden oder sich unterhalten hatten, schienen wie Wachsfiguren in der Bewegung eingefroren zu sein; ihre Augen huschten durch die Lobby, doch sie schienen penibel darauf zu achten, mich nicht in ihr Blickfeld zu bekommen.
     
Sie wirkten völlig entspannt, als wären sie ein lebensechtes Panoramastandbild wie die aus der Republikanischen Kunstakademie Zoomanias, doch ich sah, dass einige von ihnen einen verkrampften Gesichtsausdruck zur Schau stellten.
     
Selbst das wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, wäre da nicht noch ihr kollektives Schweigen, welches etwas Eisiges und fast schon Abweisendes an sich hatte.
     
Ich ging zwischen ihnen hindurch und beobachtete die Beutetiere auf der linken Seite, die hinter dem Tresen und ihren Computern saßen. Auch sie sahen mich nicht an, sondern schienen in ihre Bildschirme vertieft, und als einer von ihnen meinen Blick auffing, wandte er sich schnell wieder ab.
     
Ich erreichte die Aufzüge und forderte einen von ihnen an. Während ich darauf wartete, dass dieser kam, tat sich so einiges: Sie veränderten ihre Positionen, husteten oder unterhielten sich leise im Flüsterton miteinander.
     
Obwohl ich es mir nicht anmerken ließ, nahm ich die Gespräche wahr, wie auch jedes andere Beutetier hier.
     
„Ich meine, was soll das?“, hörte ich es vom anderen Ende der Lobby her. „Warum sollen jetzt die eigenen Leute ausspioniert werden?“
     
„Ich weiß nicht. Vielleicht ist er auch nur paranoid, nach der Sache mit seinem Vater …“
     
„Wenn du mich fragst, wird er uns noch in den Ruin treiben“, fing ich ein Gespräch von irgendwo hinter den Tresen auf, konnte aber nichts sehen, weil die Computer die Gesichter verdeckten. „Er hat uns als Städtisches Sicherheitsbüro unserer effektivsten Waffe zur Befragung von diesen Fellknäueln beraubt.“
     
„Ja, und dann auch noch petzen, was? Also, bei der Scheiße mach ich nicht mehr lange mit …“
     
Der Aufzug kam und öffnete sich. Ich ging hinein und kurz bevor sich die Aufzugtüren vollständig geschlossen hatten, sah ich, wie eine Welle der Erleichterung durch die Meute zu gehen schien, denn sie schienen aufzuatmen und entspannter zu werden.
     
Sobald der Aufzug hielt und ich in mein Büro gegangen war, kam auch schon der nächste Ärger um die Ecke gebogen.
     
Ich machte mir einen koffeinfreien Kaffee und in diesem Moment platzte Hank von der Einsatzabteilung herein.
     
„Mr. Savage, Sir!“, trompetete er ohne Umschweife los; der Kaffee war noch nicht einmal vollständig durchgelaufen. „Im Namen der Einsatzabteilung muss ich Ihnen unser Missfallen über Ihre gestrige Entscheidung mitteilen. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass diese Entscheidung überfrüht getroffen worden sein könnte und möchten Sie darum bitten, sich dies noch einmal zu überlegen.“
     
Ich nahm meine fertige Tasse Kaffee und gab zwei Löffel Rohrohrzucker von den Plantagen der Burrows hinein, bevor ich sie umrührte und wieder hinstellte.
     
„Ich kann Ihnen versichern, dass diese Entscheidung zum absolut richtigen Zeitpunkt getroffen wurde“, sagte ich mit einer Stimme, die der vollkommene Gegenpol zum heißen Kaffee war. „Ich werde sie nicht nochmal überdenken.“
     
Ich nahm die Tasse und trug sie zu meinem Schreibtisch, hinter dem ich mich niederließ. „Das ist mein letztes Wort. Richten Sie Mr. Littlehorn aus, dass er sich seine Machtspielchen mit mir in Zukunft ersparen kann; ich werde auf diese Zeitverschwendung nicht eingehen. Haben Sie verstanden?“
     
Ich nahm einen Schluck und beobachtete den Elefanten dabei. Hank sah aus, als wollte er mich am liebsten mit seinem Rüssel erwürgen oder mich mit seinen Stoßzähnen aus dem Fenster werfen.
     
„Ja, Sir“, stieß er kalt hervor.
     
Er wandte sich um und war schon an der Tür; ich stellte meine Tasse bewusst zu laut ab.
     
„Und eine Sache noch“, sagte ich mit schneidend kalter Stimme.
     
Hank wandte sich mir zu.
     
Ich sah ihn über die Tasse hinweg an und konnte nicht sagen, ob mein Blick oder meine Stimme kälter waren: „Wenn Sie noch einmal ohne jegliche Vorabsprache mit mir in mein Büro platzen und mir keinen triftigen Grund dafür liefern können, werde ich Sie feuern lassen.“
     
Hank reagierte nicht.
     
„Ist. Das. Klar?“, fragte ich betont und langsam.
     
Hank nickte knapp und entschwand durch meine Tür.
     
Sobald der Elefant verschwunden war, lehnte ich mich zurück und atmete tief durch.
     
Der Tag hatte noch nicht einmal wirklich angefangen, und ich wollte jetzt schon am liebsten einfach wieder gehen. Auch der restliche Tag wurde nicht besser, obwohl ich von weiteren dämlichen Einfällen wie der von Mr. Littlehorn erstmal verschont blieb.
     
Aber dann war da noch die Sache mit Mr. Blackeye.
     
So gegen Mittag forderte ich aus der Cybersicherheitsabteilung einen vollständigen Bericht inklusive möglicher Verstecke von weiteren ZP-Sympathisanten oder –Mitgliedern an.
     
Doch dieser kam nicht.
     
Eine halbe Stunde nach meiner Anforderung kam eine Rehdame herein, die mir knapp und wortlos ein Blatt Papier überreichte, auf dem ein Stadtplan ausgedruckt war. Rote Kreise an diversen Stellen symbolisierten verwanzte Häuser und überwachte Plätze.
     
„Was ist das?“, fragte ich sie nach kurzer Einlesezeit in den Plan.
     
„Mir wurde von den Leuten des HappyTown-Sektors gesagt, dass ich Ihnen das hier geben soll“, sagte sie schüchtern; sie schien nicht oft hier oben zu sein. „Es hieß, dass da alles drinsteht, was Sie benötigen würden.“
     
Ich unterdrückte ein genervtes Seufzen.
     
„Ich verstehe“, sagte ich. „Danke sehr.“
     
Ich gab ihr das Blatt zurück. „Richten Sie bitte Mr. Blackeye aus, dass ich ihn und Mr. Shorttooth so schnell wie möglich hier oben haben möchte.“
     
Sie nickte und stakste eilig aus meinem Büro hinaus.
     
Während ich darauf wartete, dass sich die beiden Idioten zeigten und mir eine vernünftige Erklärung für diesen Quatsch lieferten, überlegte ich, was ich in der Zwischenzeit tun könnte, doch mir fiel nichts ein, was das Meeting nicht verzögert hätte.
     
Ich gab ihnen noch eine Viertelstunde, bevor ich mich selbst auf den Weg machte.
     
Sobald der Aufzug hielt, marschierte ich hinaus und öffnete die erste Tür links von mir, ohne anzuklopfen.
     
Das Zimmer vor mir war vollkommen finster, bis auf ein paar horizontale Streifen Tageslicht, welche durch die Schlitze der heruntergelassenen Jalousien hereinfiel. Auf Tischen, die nach rechts auf einen wandgroßen Bildschirm ausgerichtet waren, standen mehrere Computer mit fahlem bläulichem Schimmer neben- und übereinander, und davor saß immer mindestens ein Beutetier.
     
Alle starrten mich an, als ich unangekündigt in den Sektor spazierte. Zwei von ihnen begannen, halblaut zu tuscheln, sobald sie mich sahen.
     
„Ich möchte Mr. Blackeye und Mr. Shorttooth sprechen“, sagte ich kühl. „Wo finde ich sie?“
     
„Im Sektor für Reviersicherheit“, sagte ein weibliches Nashorn.
     
„Danke“, sagte ich knapp und in diesem Moment meldete sich einer der beiden Beutetiere, die miteinander getuschelt hatten, zu Wort; es war ein männlicher Hirsch: „Mein Freund und ich hier haben uns gefragt, wieso Sie ein so großes Interesse an den Spitzzähnen haben.“
     
Ich wandte mich ihnen zu.
     
Sie waren jung und schienen noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit Autoritätspersonen zu haben, das konnte ich an ihrer Haltung sehen.
     
„Ja, wieso sich mit den Spitzzähnen bemühen?“, wollte jetzt auch sein Freund wissen, ein männlicher Hase. „Wenn es aus Rache war, warum haben Sie die dann nicht einfach dem Befragungsteam überlassen, wie es Ihr Vater getan hätte?“
     
„Weil ich nicht mein Vater bin“, entgegnete ich knapp.
     
„Schon, aber ich meine doch nur, dass die Fellknäuel unsere Zeit nicht wert sind, die wir mit denen verbringen müssen“, fuhr der Hase fort. „Am Ende landen die doch sowieso nur in den Gefängnissen, auf den Farmen oder in den Lagern.“
     
„Genau“, stimmte auch der Hirsch zu, „wieso sich also mit denen abmühen? Warum lassen Sie nicht einfach die Einsatzabteilung sich um die Viecher kümmern?“
     
Ich sah sie beide lange an.
     
„Dann wissen Sie also Bescheid über das, was ich in den Befragungsräumen getan habe?“, wollte ich wissen und der Hase nickte. „Ich verstehe. Vielleicht haben Sie auch schon bemerkt, dass sich die Zeiten geändert haben und ich nicht so weitermachen kann wie mein Vater zuvor, da ich nicht dessen spezifische Vorgehensweise kenne.“
     
„Natürlich nicht“, sagte der Hirsch, „das können Sie ja auch gar nicht. Sie sind nicht Ihr Vater.“
     
„Eben darum“, sagte ich schlicht und ging aus dem Zimmer wieder heraus.
     
Daran hatten sie erst einmal eine Weile zu knabbern, wie ich hoffte.
     
Ich wandte mich nach links und öffnete die Tür am Ende des Korridors.
     
Der Sektor für Reviersicherheit war identisch mit dem für das Amazonasdistrikt, nur, dass sich die Fenster mir gegenüber befanden, und alle Tische auf diese ausgerichtet waren.
     
Dieses Mal sah niemand auf, auch dann nicht, als ich die Tür hinter mir zufallen ließ und alles wieder in das diffuse Licht tauchte, welches durch die Schlitze der Jalousien und die Bildschirme erzeugt wurde.
     
In dem Moment, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, schien die Temperatur im Raum um mehrere Grad abzukühlen, denn mir schien, als würde ein Schaudern durch die Reihen gehen und alle erstarrten für eine winzige Sekunde.
     
Ich ließ meinen Blick über die Reihen schweifen. Niemand regte sich, aber das Beutetier drei Plätze links von der Tür zitterte leicht, als wäre ihm kalt.
     
Ich sah es mir genauer an und erkannte die Rehdame von vorhin wieder.
     
„Ich verlange eine Unterredung mit Mr. Blackeye, Mr. Shorttooth und Ihnen“, sagte ich laut und deutlich, wobei ich auf die Rehdame deutete.
     
Alle Anwesenden fuhren herum, sahen mich und sofort machte sich eine nervöse Stimmung breit.
     
„Sofort!“, fügte ich mit schneidend kalter Stimme hinzu.
     
Zitternd erhob sich die Rehdame und kam auf mich zugestakst.
     
Mr. Blackeye und Mr. Shorttooth rührten sich nicht, obwohl ich sie in der vordersten Reihe nebeneinander sitzen sehen konnte.
     
Ich funkelte beide solange an, bis sich Mr. Shorttooth erhob und einen nervösen Blick auf Mr. Blackeye warf, der ihn erwiderte und sich ebenfalls erhob.
     
„Stellen Sie sich nach vorne zu den Fenstern“, sagte ich zu den beiden und fügte zur Rehdame gewandt hinzu: „Und Sie folgen mir bitte.“
     
Wir bahnten uns unseren Weg durch die Reihen, wobei uns die Augen der Anwesenden wie Kameras folgten und nervös über interessiert bis abfällig zwischen uns vier hin- und herhuschten, als wir alle vorne angekommen waren.
     
Ich drehte mich zu den Leitern der Cybersicherheitsabteilung um und sah ihnen lange in die Augen.
     
„Haben Sie das Blatt noch, welches Sie mir vor fast einer Stunde gegeben haben?“, fragte ich die Rehdame, ohne die beiden aus den Augen zu lassen.
     
„Welches Blatt …? Oh! Ja, natürlich … Hier …“, sagte sie, stakste zu ihrem Tisch hin, kramte das Blatt heraus, stakste zu uns zurück und reichte es mir.
     
Ich gab es an Mr. Blackeye und Mr. Shorttooth weiter, verschränkte die Arme vor meiner Brust und sagte: „Erklären Sie sich.“
     
Sie betrachteten das Blatt kurz in den Lichtstreifen des Fensters, bevor Mr. Blackeye mit einem leichten Grinsen und bemüht neutraler Stimme sagte: „Das ist der vollständige Bericht, wie von Ihnen angefordert, Mr. Savage.“
     
Mein linkes Ohr zuckte abfällig.
     
„Vielleicht haben Sie es noch nicht gemerkt, aber ich habe nicht viel für Humor dieser Art übrig“, entgegnete ich kalt, aber absolut ruhig. „Ich weiß, was hier gespielt wird und ich weiß auch, welchen Hintergrund das hat. Also: Erklären Sie sich!“
     
„Was gibt es da schon groß zu erklären?“, fragte Mr. Blackeye, wobei ich eine Spur Herablassung in seinen Augen sah. „Wo Sie doch wissen, was hier gespielt wird und welchen Hintergrund das hat.“
     
„Erklären Sie sich, wieso ich anstatt des vollständigen Berichts, um den ich Sie gebeten hatte, eine halbe Stunde später diesen Unsinn erhalten habe und wieso Sie es für nicht nötig hielten, zu der von mir angeforderten Unterredung bezüglich des besagten Berichts vor fast einer Stunde in meinem Büro zu erscheinen“, sagte ich kalt. „Ich kenne die Hintergründe, ja. Aber ich bin neugierig. Ich möchte gerne Ihre Version hören.“
     
Niemand sprach.
     
„Ich warte“, legte ich noch kälter nach.
     
Noch immer sprach niemand.
     
„Wessen Idee war es?“, fragte ich und wandte mich zur Rehdame. „Und ich hoffe sehr, dass es nicht die Ihre war.“
     
„Ich würde mich einer solchen Sache niemals anmaßen, Mr. Savage“, sagte sie leise, aber deutlich.
     
Ich nickte.
     
„Danke“, sagte ich zu ihr. „Sie dürfen damit an Ihren Platz zurückkehren.“
     
Sie warf mir einen kurzen, undeutbaren Blick zu, bevor sie sich umdrehte und an ihren Platz zurückstakste.
     
Ich wandte mich wieder an Mr. Shorttooth und Mr. Blackeye.
     
„Was wird das hier, ein Verhör?“, wollte dieser wissen und funkelte mich wütend an.
     
Ich funkelte mit absoluter Kälte in meinen Augen zurück.
     
„Wenn Sie es so nennen wollen …“, sagte ich leise. „Ich nenne es Selektion.“
     
Mr. Blackeye presste seine Kiefer zusammen und schien auf etwas herumzukauen, sagte aber nichts.
     
Mr. Shorttooth dagegen studierte seine Hinterhufe und schien sich wahrscheinlich weit weg zu wünschen.
     
„Wessen Idee war es?“, fragte ich stattdessen ihn. „Ihre? Oder seine?“
     
Mr. Shorttooth schüttelte nur schnell den Kopf, doch seine Ohren zuckten nervös und seine dunklen Augen huschten hin und her.
     
„Wenn wir hier zu keinem Ergebnis kommen“, sagte ich deutlich, „dann gehe ich von einer gemeinsamen Sache aus und werde dementsprechend handeln.“
     
„Es war George“, sagte Mr. Shorttooth schnell. „Er dachte, es wäre lustig, Ihnen eine Art Denkzettel zu verpassen, wegen der Sache in den Vernehmungsräumen. Ich sollte ihn decken.“
     
Das Nilpferd sah aus, als würde es gleich zusammenbrechen, und er zitterte.
     
Dieser funkelte ihn wütend an, wodurch Mr. Shorttooth noch mehr zu schrumpfen schien.
     
„Danke für Ihre ehrliche Antwort, Mr. Shorttooth“, sagte ich leise. „Sie schienen es nicht lustig zu finden. Wieso haben Sie sich nicht gegen ihn gestellt?“
     
„Ich sagte ihm, dass ich fände, dieser Streich ginge damit zu weit“, meinte Mr. Shorttooth leise. „Nachdem er schon die ganze Behörde überzeugt und unterstützt hat, sich gegen Sie zu stellen.“
     
„Aber Sie wollten sich nicht gegen Ihre Freunde stellen“, ergänzte ich mit leichtem Nicken und er sah beschämt aus. „Ich verstehe.“
     
Ich holte tief Luft.
     
„Als Sie beide vor drei Tagen zu mir kamen und mir die Nachricht vom Tod meines Vaters überbrachten, hatte ich zwei effiziente und vertrauenswürdige Mitarbeiter des CSBs in Ihnen gesehen – wie auch in Ihnen allen hier“, sagte ich mit lauter Stimme. „Jetzt muss ich allerdings erfahren, dass hier ein hochgradiger Mangel an Kompetenz herrscht sowie Unwillen, einen neuen Kurs einzuschlagen; meine Entscheidungen werden angezweifelt oder in Frage gestellt, hinter meinem Rücken werden Komplotte zur Untergrabung meines Amtes und meiner damit verbundenen Rechte und Pflichten ausgeheckt und ich bekomme jetzt schon versteckte Drohungen, meine Entscheidungen rückgängig zu machen und den alten Kurs meines Vaters weiterzufahren.“
     
Ich legte eine Pause ein und ließ die Worte wirken.
     
„Für alle, die es noch immer nicht mitbekommen haben: Seit drei Tagen bin ich der Leiter des CSBs. Diese Position habe ich auf legale Weise erhalten und ich werde sie nicht dazu nutzen, um die einzelnen Eigeninteressen bestimmter Mitarbeiter hier zu unterstützen, damit das CSB unverändert weitermachen kann. Meine Anordnungen sind absolut und auch als solche zu behandeln. Ist das klar?“
     
Niemand rührte sich, niemand sprach; es war so ruhig, dass ich das Atmen aller im Raum hören konnte.
     
„Mr. Blackeye, Sie sind mit sofortiger Wirkung Ihrer Position als Leiter der Cybersicherheitsabteilung enthoben und auf unbestimmte Zeit suspendiert“, sagte ich und das Zebra hob ruckartig den Kopf.
     
„Das können Sie nicht machen!“, zischte er, doch ich sah ihn nur abfällig an.
     
„Ich kann und werde“, sagte ich kalt, bevor ich mich an Mr. Shorttooth wandte. „Erstatten Sie mir sofort Bericht, wenn er sich währenddessen auch nur ein einziges Mal hier zeigt.“
     
„Ja, Mr. Savage“, sagte Mr. Shorttooth leise.
     
„Sie dürfen sich einen behördlichen Vertreter in dieser Zeit aussuchen, Mr. Shorttooth“, sagte ich. „Für Ihre Beihilfe zur Untergrabung meiner Position wird Ihr Gehalt für diese Zeit um dreißig Prozent gekürzt. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?“
     
„Ja, Mr. Savage“, sagte Mr. Shorttooth leise und auch Mr. Blackeye ließ ein resigniertes Schnauben hören.
     
„Sie können gehen“, sagte ich, drehte mich um und ging ebenfalls zur Tür heraus.



Die grün und rosa leuchtende Neonschrift über der Tür des Ladens ließ die Worte Mystic Spring Oasis vor der immer dunkler werdenden Mauer hervorscheinen.
     
Ursprünglich war das Bordell hier in der Freizone selbstständig gewesen, doch nachdem die Besitzerin, eine Giraffe mit dem klangvollen Namen Daisy, in finanzielle Nöten kam, bot sich eine von Hasen geführte und erfolgreiche Bordellkette an, ihr finanziell auszuhelfen, indem sie die Rechte an diese überschrieb.
     
Er lag zwar überhaupt nicht auf meinem Heimweg, aber nach all dem Mist, den ich heute noch im CSB erlebt hatte, musste ich mich abreagieren, bevor ich bereit war, Judith gegenüberzutreten.
     
Ich fragte mich, ob sie sich bisher schon gut eingelebt hatte.
     
Als ich durch den Perlenvorhang hinter der weit offenstehenden Tür eintrat, empfing mich eine vollkommen andere Welt: Die Beleuchtung war stilvoll gedimmt, Sofas und Sessel, in denen sich Beutetiere jedweder Art mit oder ohne lokaler Begleitung aus Beute- oder Raubtieren herumlümmelten, standen um kleine, dazu passende Tische herum und hier und da war leises Gelächter oder auch andere Geräusche zu hören.
     
Rechts im Raum stand eine Theke mit Getränken dahinter, ihr gegenüber waren die Toilettenräume und zwischen diesen, an der Wand mir gegenüber, unterhalb einer Balustrade im Haus mit Türen in die oberen Vergnügungszimmer, waren drei Türen, die in diverse Räume führten.
     
Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass die Tür ganz links in den Keller und SM-Bereich führte, die Tür in der Mitte in ein sehr luxuriös eingerichtetes Zimmer, dem sogenannten „Premium-Zimmer“ für besonders wohlhabende Kunden und primär für Giraffen. Die Tür ganz rechts dagegen war mir völlig unbekannt.
     
Diese ging soeben auf und Daisy persönlich kam heraus, mit einem Drink im rechten Huf.
     
„Oh, hallo, Jack!“, rief sie aus und kam auf mich zugeeilt.
     
Daisy war eine mittelalte, vollbusige Giraffe mit glockenheller Stimme und obsessivem Faible für Schmuck.
     
Sie stellte den Drink auf die Theke und umarmte mich; ich kannte sie seit zwei Jahren, und zwischen uns hatte sich ein ungezwungenes Verhältnis entspannt, da ich vor allem im ersten Jahr oft hier war.
     
„Das mit deinem Vater tut mir leid“, flüsterte sie in mein Ohr. „Mein herzliches Beileid.“
     
„Danke“, sagte ich und sie ließ mich wieder los und schenkte mir ihr strahlendes, fast schon unheimliches Lächeln.
     
„Ich sehe schon, dass du dringend Ablenkung brauchst“, sagte sie. „Wer kann dich denn diesmal beglücken?“
     
„Wer ist denn verfügbar?“, konterte ich und ihr Lächeln wurde noch breiter.
     
„Das hängt ganz vom Geschlecht ab“, sagte sie, „und welches dir persönlich zusagt.“
     
„Ich bin am männlichen Geschlecht nicht interessiert“, sagte ich. „Das solltest du doch langsam wissen.“
     
Sie schüttelte ihren Kopf und zwinkerte mir verschwörerisch zu. „Das ist ja das Schöne an unserem Geschäft: Man kann es eben nie wissen …!“
     
„Sag schon: Wer ist verfügbar?“
     
„Da hat es einer aber ganz eilig, was? Und du willst vorher nicht erst noch zwei, drei Drinks? Ich habe erst kürzlich wieder besten Wild-Berry-Cocktail besorgt. Du magst doch den Blaubeer-Karotte so gern, nicht?“
     
„Danke, aber nein“, sagte ich. „Ich muss noch fahren und will nicht, dass sie einen schlechten Eindruck von mir bekommt.“
     
„Ach? Wer ist sie denn?“
     
„Eine Bauernhäsin aus den Burrows“, sagte ich schlicht. „Also?“
     
„Na, das ist ja interessant“, meinte Daisy weise lächelnd. „Warte hier, ich hole sie.“
     
Ich setzte mich auf einen Hocker der Bar, ohne mir etwas zu trinken zu bestellen, und behielt die Tür im Auge, durch die Daisy gerade wieder verschwunden war, während ich der Musik, dem Gelächter und leisen Gestöhne lauschte. Kurz darauf kam sie wieder herein und brachte vier weibliche Gestalten mit.
     
„Hier sind sie“, sagte sie und ich stand auf.
     
Sie stellten sich vor mich hin und ich beobachtete sie.
     
„Das hier ist Jessy“, sagte sie und deutete auf eine junge Elefantendame in Unterwäsche und sinnlichen Augen, die mich mit einem breiten Lächeln begrüßte. „Sie ist noch nicht lange bei uns hier, aber dafür auch sehr günstig zu haben.“
     
„Interessant“, sagte ich schlicht, während vor meinem inneren Auge das Horrorszenario ablief, wie ich von ihr schon in den ersten paar Minuten durch blöden Zufall zerquetscht wurde, weshalb wir zur nächsten Dame übergingen.
     
„Hallo, Lis“, sagte ich zur schwarzen, jungen Katzendame mit weißem Bauch und dunkelgrünen, mystisch funkelnden Augen.
     
Lis hieß eigentlich Elisabeth und war hier eine sehr versierte Harte Pfote, die primär im SM-Bereich arbeitete. Sie war auch eine der wenigen Raubtiere hier, die hochgeschätzt wurden.
     
„Hallo, Jack“, schnurrte sie; sie hatte einen Akzent, den ich nie einordnen konnte. „Schön, dich mal wieder hier zu sehen …“
     
Lis schien mich mit ihren Augen förmlich zu verschlingen und ich spürte, dass ich die Kontrolle über mich selbst immer mehr verlor und sie ihr überließ …
     
„Ihr kennt euch ja“, sagte Daisy schlicht, riss mich aus meiner Trance und ich blinzelte.
     
„Du kommst auf jeden Fall in die engere Wahl“, sagte ich. „Wie immer.“
     
Lis grinste mich an und schob ihre spitzen, weißen Fangzähne über ihren Unterkiefer, sodass sie aufblitzten.
     
Ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken und mein Fell stellte sich auf.
     
„Das hier ist Bella“, sagte Daisy und ich erkannte eine ältere Schafdame, die sich eine Graszigarette anzündete und genüsslich zweimal dran zog.
     
„Hey, du …“, sagte die Schafdame mit rauchiger, kratziger Stimme.
     
„Bella hat ein sehr bockiges Wesen und ist vor allem für Geschlechtsverkehr der Superlative bekannt“, meinte Daisy.
     
„Wenn du es hart und dreckig willst, bist du bei mir genau richtig, Schätzchen …“, sagte sie leise, streckte ihren Huf aus und umklammerte meinen Arm einmal fest, sodass ich scharf die Luft einzog, bevor sie ihn wieder losließ.
     
„Glaub mir, Schätzchen, ich weiß, wie’s richtig geht“, meinte sie leise.
     
Ich rieb mir meinen Arm und sagte leise: „Glaub ich dir aufs Wort …“
     
„Sie ist die bekannteste, beste und teuerste Vertreterin des weiblichen Geschlechts hier“, sagte Daisy. „Aber wir haben auch noch sie …“
     
Sie deutete auf eine fast minderjährig wirkende, weiße Zwerghäsin mit dunklen, schwarzen Augen, die eine fast grenzenlose Unschuld ausstrahlten.
     
„Mein Name ist Juno, Mister“, sagte sie und legte einen kleinen Knicks hin, sodass ich in ihren tiefen Ausschnitt sehen konnte, der vor Fell fast überquoll. „Ich mache alles, was Sie wollen …“
     
Sie blinzelte mich an und zwinkerte mir leicht zu.
     
„Wirklich alles?“, hakte ich nach. „Ohne Widerworte?“
     
Sie lächelte mich sinnlich an.
     
„Juno ist noch neu und relativ billig zu haben“, sagte Daisy. „Sie ist absolut unterwürfig – so unterwürfig, dass nicht einmal mehr Lis sie ertragen kann.“
     
Ich warf einen Blick zu Lis, die absichtlich gelangweilt mit den Augen rollte, bevor ich mich zu Juno beugte.
     
„Dann gehörst du jetzt mir“, flüsterte ich in ihr Ohr hinein und strich mit einem Finger sanft über ihr Brustfell.
     
Juno ließ einen leisen, erregten Seufzer hören.
     
„Ich nehme Juno“, sagte ich. „Ich muss mich abreagieren.“
     
„Dann viel Spaß, ihr zwei!“, sagte Daisy und zwinkerte uns zu, bevor sie und der Rest abrauschten.
     
„Folgen Sie mir bitte …“, sagte Juno leise.
     
Sie nahm meine rechte Vorderpfote sanft in ihre und führte mich in Richtung der Balustrade. Wir stiegen die Treppen hinauf und wandten uns oben nach links, wo wir die hinterste Tür nahmen.
     
Das Vergnügungszimmer war recht spartanisch eingerichtet; es bestand hauptsächlich aus einem großen, bequemen Bett auf der rechten Seite, einem Kosmetiktisch mit Spiegel und Stuhl auf der linken Seite, direkt neben der Tür zum Erfrischungsraum und einem blickdicht verhangenem Fenster auf der gegenüberliegenden Seite mit kleinem Tisch und zwei Stühlen davor, auf dem eine leere, flache Schale stand.
     
Juno drückte auf den Lichtschalter links neben der Tür und sanftes, sinnlich gedimmtes Licht erfüllte den Raum. Die Schatten wurden in die Ecken und unter die Decke gedrängt, doch das meiste Licht war auf das Bett gerichtet.
     
Ich schloss die Tür hinter mir; Juno ließ meine Vorderpfote los und begann, sich absichtlich langsam ihrer Kleider zu entledigen.
     
Auch ich zog meine Kleider aus und starrte dabei auf Junos perfekten Körper, mit dichtem, weißem Fell und besonders samtig wirkendem Bauchfell.
     
Sie war wunderschön und seltsam anmutig, wobei sie auch etwas Wildes, Primitives an sich hatte, doch das stand ihr alles sehr gut.
     
Ich legte mich aufs Bett und sah ihr kurz zu, wie sie mitten im Raum stand und nichts tat.
     
„Komm!“, sagte ich und sie kam auf mich zu und kletterte ins Bett hinein.
     
Ihre dunklen Augen schienen mich zu verschlingen; sie waren so schwarz, dass ich das Gefühl hatte, ich würde in sie hineinfallen.
     
„Sind Sie Jack Savage?“, fragte sie scheinbar interessiert, während sie über mir aufragte, das Licht aussperrte und langsam mein Bauchfell zu massieren begann.
     
Ich sog zittrig die Luft ein, schloss die Augen und stieß einen zustimmenden Stöhnlaut aus. In diesem Moment vergaß ich, weswegen ich hergekommen war oder was zuvor geschehen war; alles, was jetzt zählte, war sie.
     
„Das mit Ihrem Vater habe ich gehört“, sagte sie leise. „Er war ein guter Leiter.“
     
„Danke“, stieß ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor, weil sie jetzt anfing, langsam mit ihren Fingern einzeln durch mein Brustfell zu fahren.
     
„Ich hoffe, Sie machen sich als Leiter ebenso hervorragend wie er …“, murmelte sie und fuhr mir mit ihrer Schnauze einmal vom Bauch bis zur Brust durch mein Fell hoch.
     
Meine Finger verkrampften sich im Bettlaken und ich stieß einen kehligen Laut aus.
     
Jetzt fing sie an, mit ihren Daumen kreisförmige Bewegungen auf meiner Brust zu machen und ich atmete schneller; fast automatisch legte sich mein Kopf nach hinten und ich spürte, dass sie ihren Kopf an meinen Hals rieb.
     
Vor allem spürte ich den Druck unten, der sich aufbaute.
     
„Dreh … dich …!“, stieß ich leise hervor und öffnete wieder die Augen.
     
Sie lächelte mich an und ich legte meine Arme um ihre Taille, was sie mit einem freudigen Seufzer quittierte. Mit Schwung drehten wir uns um, sodass ich nun auf ihr lag.
     
Sie räkelte sich ein bisschen und ich richtete mich auf.
     
„Die Beine hoch und spreizen!“, sagte ich mit vor Erregung zitternder Stimme, was sie auch befolgte.
     
Ich nahm sie und benutzte sie als Haltegriffe, während ich den Kopf in den Nacken legte, drei-, viermal zustieß und ihren ekstasischen Stöhnen lauschte.
     
Ich spürte, dass ich kam; mein Rücken bog sich durch und ich stieß ein letztes Mal zu.
     
Auch ihr Rücken bog sich durch und sie stieß ein zitterndes Lachen aus, während es langsam abebbte.
     
Sie schlang ihre Arme um meine Taille und zog mich langsam zu ihr herunter; ich ließ ihre Beine los und schloss die Augen.
     
Und das nächste, was ich spürte, war ihre Zunge; sie fuhr mir sanft mit der Zungenspitze durch das Hals- und Schulterfell.
     
„Fester …!“, hauchte ich und sie tat es.
     
Ich fuhr dagegen mit meiner Schnauze durch ihr Halsfell und sie stöhnte erfreut auf.
     
Mit meinen Fingern massierte ich ihre Arme und dann erinnerte ich mich daran, weswegen ich eigentlich gekommen war.
     
Ich richtete mich keuchend auf und sah ihr tief in ihre dunklen, schwarzen, unschuldigen Augen.
     
„Ich werde mich jetzt abreagieren und du wirst alles befolgen, was ich sage!“, flüsterte ich. „Ist das klar?“
     
„Ja, Mr. Savage …“, hauchte sie zurück. „Alles, was Sie wollen …“
     
Ich lächelte – und dann nahm ich sie fest und hart ran.
     
Ich zeigte keinerlei Rücksicht, sondern tat das, was ich wollte.
     
Sie überließ mir nur allzu bereitwillig die Dominanz und machte mir das heute bisher beste Geschenk: Sie ließ keinerlei Widerwillen erkennen.
     
In diesem Moment war sie nicht Juno, die Zwerghäsin und Prostituierte.
     
In diesem Moment war sie mein Eigentum, mit dem ich so umgehen konnte, wie ich wollte.
     
Später, als wir uns beide bis an den Rand der Erschöpfung gebracht hatten, stand ich auf, machte mich frisch und zog mich wieder an. Dann hinterließ ich den angemessenen Preis in der Schale inklusive Trinkgeld, während sich Juno jetzt erst anzog.
     
„Danke für das Erlebnis“, sagte ich. „Ich …“
     
„Sie brauchten es“, sagte sie schlicht und leise lächelnd. „Jederzeit gerne wieder. Es war schön.“
     
Ich schenkte ihr zum Abschied ein Lächeln und verließ das Zimmer und die Mystic Spring Oasis, ohne nochmal auf Daisy zu treffen.
     
Draußen war die Sonne fast vollständig untergegangen; nur ein paar letzte Strahlen tauchten die Spitzen der Hochhäuser in zunehmend verblassendes, weiches, goldenes Licht und die ersten Straßenlaternen taten dasselbe mit dem Boden.
     
Erst, als ich im Auto saß und nach Hause fuhr, fiel mir wieder Judith ein, die zuhause auf mich wartete.
     
Hoffentlich hatte ich sie damit nicht verletzt oder gar abgewiesen.
     
Es interessierte mich eigentlich nicht, was sie über mich dachte oder von mir hielt, doch ich war für sie ihr Traumpartner und insofern ein Stück weit auch verantwortlich für einen schönen Aufenthalt ihrerseits in der Freizone und der Hauptstadt. Wenn sie jetzt oder morgen früh deswegen abreiste, hätte sich all der Aufwand nicht gelohnt.
     
Als ich an unserem gemeinsamen Haus ankam, saß sie im Wohnzimmer, vom diffusen Licht einer einsamen Lampe angestrahlt und las ein Buch aus meiner privaten Sammlung.
     
„Hallo, Jack“, sagte sie, als sie meine Silhouette im Türrahmen erkannte. „Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich das hier ausgeliehen hatte; mir war langweilig und …“
     
Ich schüttelte nur den Kopf.
     
Sie fing an, mir von ihrem Tag zu erzählen; sie hatte anscheinend mit mittelmäßigem Erfolg versucht, sich in die Nachbarschaft zu integrieren.
     
Ich ließ sie reden und musterte sie dabei unauffällig, nachdem ich mir eine Flasche mittelprozentigen Karotten-Blaubeer-Saft aus dem Kühlschrank geholt und mich auf dem Sofa niedergelassen hatte.
     
Erneut wurde mir klar, je länger ich sie musterte, dass sie mich absolut nicht interessierte.
     
Ich wollte nichts über ihre kindliche Naivität hören, mit der sie in den Tag hineinlebte, oder ihre Versuche, als Bäuerin vom Land die feinen Dissonanzen und Untertöne der städtischen Gesellschaft zu entschleiern.
     
Ich wollte sie nicht.
     
Judith beendete ihren endlosen Vortrag über ihr junges Stadtleben mit der Frage, wie denn so mein Arbeitstag war; zu diesem Zeitpunkt hatte ich die halbe Flasche leer und hoffte, dass sie mir meinen Besuch in der Oasis nicht ansah.
     
Für einen Moment erwiderte ich nichts, sondern überlegte mir eine zufriedenstellende Antwort, ohne meinen Abstecher zu erwähnen.
     
„Es war ein absolut durchschnittlicher Tag“, sagte ich schließlich, leerte die Flasche in einem Zug und ging zu Bett, ohne weiter auf ihre Konversationsversuche einzugehen.
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