Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zwei Leben - Harry Potter

von Enoraa
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
31.01.2022
25.06.2022
31
235.956
34
Alle Kapitel
47 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.06.2022 6.292
 
Kapitel 30 – Erfüllte Schicksale


Harry hatte Severus lange im Arm gehalten, ihn gestreichelt, ihn angesehen. Auch noch, als Severus wieder aufgewacht war, was umso besser war, denn so konnte er zusätzlich die dunklen Augen betrachten. Es folgte kein Gespräch mehr über Alkohol oder sonst irgendetwas. Harry hatte für den Moment kein Bedürfnis mehr nach Gesprächen. Er wollte einfach nur Severus Nähe genießen, solange es eben ging. Und in der Nacht ein paar Stunden in seinen Armen schlafen, einfach nur, um morgens ausgeruht zu sein. Runter bekam er an diesem Morgen nichts… dafür zog er sich vollständig an als Severus schließlich aufbrach, um Neville abzuholen.
Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Severus das Schlafzimmer mit Magie verschließen würde. So kam Ginny nicht raus und sonst niemand rein, nur dass der Raum eben ganz und gar leer war, denn Harry wartete bereits unter dem Tarnumhang im Büro. Er hatte seinen geschrumpften Rucksack und den Zauberstab bei sich. Und in sich fühlte er eine tiefe, unbestimmte Ruhe. Es würde heute enden. Endgültig. Es gab keinen Ausweichplan mehr. Kein vielleicht und was wäre wenn. Entweder brachten sie heute Voldemort um, oder sie beide würden sterben. Das waren die beiden einzigen Szenarien, die es gab. Naja, und natürlich noch das, dass sie Voldemort umbrachten und danach starben. Aber Harry war sich sicher, dass die Schüler, die just vorher erfahren hätten, wie es mit ihnen weitergehen würde, ganz erpicht darauf wären, ein paar Todesser zu verfluchen.
Neville sah furchtbar aus, als er in den Raum kam. Nicht mehr so zerschlagen, wie vor zwei Monaten, aber müde und abgespannt, schmal und unsicher, was nun eigentlich los war. Der sah sich fragend um, offensichtlich ohne Plan, wieso er überhaupt hier war, was er auch gleich verbal bestätigte.
„Was soll ich hier?“, fragte er.
„Warten und keinen Mucks von sich gaben“, entgegnete Severus knurrend. „Sie haben um elf Uhr einen Termin.“
Harry bewegte sich lautlos durch den Raum.
„Um elf? Die anderen aus meinem Jahrgang sollen sich auch um Elf im Uhrenhof einfinden“, murmelte Neville.
„Es ist von Glück zu sprechen, dass der Großteil der Gryffindor-Schüler bei der Schlacht umgekommen ist oder anderweitig untergebracht wurde, denn die Inkompetenz, einfachsten Befehlen Folge zu leisten, sollte man wahrhaftig niemandem außerhalb dieser Schule zumuten“, schnarrte Severus kalt, was er Punkt war, an dem Harry sachte seine Hand von hinten an seinen unteren Rücken legte. Er musste Neville nicht so fertig machen… Das half niemandem, auch Severus nicht. Und der Blick, den Neville ihm zuwarf, sagte auch sehr deutlich aus, was der von den Worten hielt. Harry fand ja, dass dieses direkte Benehmen gegenüber der Menschen Severus viel mehr schadete als Entscheidungen, die irgendjemand im Hintergrund getroffen hatte. Severus würde sie verkünden, aber niemand wirklich wissen, dass er sie niedergeschrieben hatte. Der zuckte bei der Berührung ziemlich zusammen, sagte aber dann doch etwas ruhiger:
„Setzen Sie sich, Mister Longbottom, und seien Sie still.“
Severus selbst setzte sich ebenfalls wieder zu seinen Unterlagen und Harry blieb dicht bei ihm, sodass er erstmals einen Blick auf die Bögen werden konnte, auf denen all diese Abscheulichkeiten formuliert waren. Er sah zu Neville, der den Blick, nachdem er sich gesetzt hatte, allerdings abgewendet hielt… und hob die Hand erneut, um zärtlich und ganz sachte, um nicht sein ganzes Haar zu bewegen, am Hinterkopf durch Severus Haar zu streichen. Er war nicht alleine, das durfte er nicht vergessen. Harry war da, im Moment in der Rolle des Beobachters und auch irgendwie des Aufpassers. Aber doch bei ihm. Was auch immer heute geschah… sie würden zusammen sein.
Er blieb lange hier stehen, gegen die Stuhllehne gelehnt, Severus streichelnd, wobei er immer darauf achtete, dass Neville davon nichts mitbekam. Schließlich war es soweit. Severus nahm seine Unterlagen und erhob sich, nachdem Harry einen Schritt zurückgetreten war.
„Kommen Sie“, forderte er Neville auf. „Geben Sie mir Ihren Zauberstab.“ Würde Neville sich dagegen wehren? Er wusste, dass die Schüler zuletzt ständig ihre Zauberstäbe hatten abgeben müssen, sei es zur Bestrafung oder einfach nur aus Schikane…
Aber Neville spielte mit, gab den Stab ab und sie machten sich auf den Weg, wobei Harry die etwas größere Lücke zwischen Neville und Severus nutzte, um durch die Türen zu schlüpfen, ihn immer wieder leicht an der Hand berührend, wenn sie durch waren, damit Severus Bescheid wusste, und nicht ins Stocken kam.
Der Uhrenplatz war voll mit den Schülern der sechsten und siebten Klasse. Warum Sechstklässler? Wurden sie jetzt auch aussortiert, wer nicht mehr brauchbar war? Harry erkannte zwei Todesser, aber da war noch ein weiterer Erwachsener, den er nicht kannte, also vermutlich auch einer. Voldemort war nicht zu sehen. Er wartete ab, wo genau Neville sich hinstellen würde und stellte sich dann für den Moment etwas abseits, damit Voldemort nicht in ihn reinlief, wenn er ankam.
Wieder einmal hatte er dabei nicht bedacht, dass selbst Voldemort nicht einfach aufs Gelände apparieren konnte. Er wusste das seit sieben Jahren und doch vergaß er es immer wieder.
Voldemort stieß schließlich das Schlossportal auf und nicht wenige Schüler wichen noch einige weitere Schritte zurück. Offenbar war er selbst hier kein häufiger Gast. Auf der Treppe zum Schloss blieb er stehen und die ersten Schüler sanken ängstlich auf die Knie.
Wie peinlich war das denn? Bekam er abseits hiervon nicht genug Respekt entgegengebracht, dass er Kinder vor sich knien lassen musste? Harry konnte darüber nur den Kopf schütteln. Severus positionierte sich um, blieb aber unterhalb der Treppe. Offensichtlich hatte Voldemort vor, alles von der Stufe aus zu beobachten. Er überblickte die knienden Schüler – keiner wehrte sich dagegen, musste dazu gezwungen werden, was auch klüger war, fand Harry. Auf diese Weise zu trotzen, brachte nichts, er wusste das. Er… hätte es vermutlich dennoch nicht getan.
Erst mit einem Handzeig des Lords wurde sich wieder erhoben und er nickte Severus zu.
Der erhob nun die Stimme, wobei er nicht einmal mehr klang wie Snape…
„Sie stehen heute hier, um Ihren weiteren Werdegang zu erfahren. Jene von Ihnen, die sich mit Talent und dem Willen, zu Folgen herausgetan haben, und jene, deren Talent im Widerspruch mit Ihrem Blutstatus steht“, erklärte er emotionslos und zog die erste Akte hervor.
„Lisa Turpin“, rief er auf. Harry hatte nie wirklich etwas mit ihr zu tun gehabt, dennoch tat sie ihm jetzt schon leid. „Sie werden künftig an der Seite von Mister Shafiq verweilen und Ihren fragwürdigen Blutstatus mit seiner Hilfe ausgleichen.“
Lisa wurde so blass, dass Harry glaubte, sie müsse gleich einfach in Ohnmacht fallen.
„Sir, ich… Ich kann mehr… ich… bitte…“, flehte sie.
Harry schluckte. Ihr würde nichts passieren. Nach heute… würde ihr nichts mehr passieren, dafür würden sie sorgen, in wenigen Minuten schon. Also… wanderte seine Hand wieder an Severus Rücken, ganz sachte, damit Voldemort, der ja hinter ihm stand, auch bloß nichts mitbekam. „Sir, bitte!“, rief die junge Frau, doch Severus hob den Zauberstab.
Crucio“, zischte er, was gleich schon vom Schrei der Schülerin übertönt wurde, obwohl Severus den Fluch nur einen kurzen Moment aufrechtgehalten wurde, gerade so lange, wie eben notwendig. „Sie alle sollten nicht vergessen, wer Sie sind und wo Ihr Platz ist“, schnarrte er, während die Todesser das Mädchen am Arm nach hinten zerrten. „Megan Jones“, rief Severus direkt die nächste, ein Mädchen aus Hufflepuff. „Sie werden künftig von Mister Burke empfangen.“
Das Mädchen blieb ernst und gefasst, trat nach hinten, wo Lisa auf dem Boden hockte, und noch immer weinte und Harry, der soweit er sich erinnerte, nie ein Wort mit ihr gewechselt hatte, konnte doch nicht mehr tun, als sie zu bewundern.
„Daphne Greengrass“, rief Severus die Slytherin-Schülerin auf. Harry bezweifelte, dass sie viel zu befürchten hatte. Greengrass war eine angesehene Familie, alle von ihnen Slytherins, ob sie Voldemort nun wirklich folgten oder nicht. „Das Zaubereiministerium begrüßt Sie in der Abteilung für die magische Überwachung von Halb- und Schlammblütern“, verkündete Severus, was Harry also nicht überraschte. Daphne ging direkt zu ihrer anwesenden Familie – die meisten davon Slytherin, weswegen Harry annahm, dass nur jene hatten kommen dürfen, deren Kinder nicht aussortiert wurden… Das bewahrheitete sich auch. Nur die Mädchen die eine zweifelsfreie Abstammung vorzuweisen hatten, wurden in Berufe geschoben, der Rest kam in irgendwelche Familie, teils mehrere Mädchen zusammen… und manchmal kam auch ein Junge hinzu, vermutlich, wenn es dort weiblichen Nachwuchs gab. Der Rest wurde in die Berufe eingeteilt, die es nun gab – das neue Ministerium, Heiler die man wohl auf jeder Seite immer brauchte, Propagandaschreiber… darauf konnte man ja so richtig stolz sein. Ob Rita Kimmkorn die Ausbildung übernahm? Es würde Harry nicht wundern! Als Severus endete, trat Voldemort vor und deutete Severus, beiseitezutreten, woraufhin Harry nach seiner linken Hand griff.
„Neville Longbottom“, rief er auf, wendete sich jedoch zur Tür, die in eben diesem Moment geöffnet wurde und Greyback trat heraus, Augusta Longbottom vor sich herschiebend. Die ältere Dame war gefesselt und geknebelt, trotzdem war der Blick, den sie Voldemort zuwarf tödlich und Harry wurde es ganz kalt. Warum war Nevilles Oma hier? Er sah zu Neville, der sich das gewiss auch fragte, oder?
„Oma!“, keuchte der auf und sprang sofort einen Schritt vor, nur durch Severus Zauberstab aufgehalten, den dieser sofort hob. Uff… seit wann hatte Neville so einen Todesblick drauf? Augusta richtete nun ihren Blick auf ihren Enkel und hob das Kinn an. Das war der Moment, in dem Harry klar wurde, dass ihr klar war, dass sie sterben würde. Hier und jetzt. Sie wusste das und gab sich keinerlei Blöße, richtete den Blick nur und ausschließlich auf Neville. Harrys Finger verkrampften sich kurz um Severus Finger, ehe er ihn losließ… er brachte die rechte Hand zum Zaubern. Aber er blieb so dicht bei ihm, dass er ihn dennoch spüren konnte.
„Es ist noch keine zwei Monate her, in denen du dich auf diesem Hof zum Narren gemacht hast“, verkündete Voldemort, der von der ganzen Stimmung keinerlei Notiz zu nehmen schien. „Ich habe beschlossen, deinen… Mut“, er grinste hämisch, was bei ihm einfach nur gruselig aussah, „zu belohnen. Du wirst dein weiteres Leben zu meinen Füßen verbringen“, ließ er Neville wissen und Harry weitete die Augen.
Verstand hier irgendjemand außer ihm, was er gerade versuchte, nicht gedanklich herauszubrüllen? Allerdings verging ihm das auch, als Neville plötzlich die Stimme hob.
„Einen Teufel werde ich! Du hast nichts zu entscheiden!“, begehrte er auf, bückte sich, um plötzlich einen Zauberstab in der Hand zu halten, der Harry sehr bekannt vorkam… und von Severus entwaffnet zu werden, noch ehe Voldemort auch nur zuckte. Der Zauberstab flog in ihre Richtung, landete auf dem Boden und blieb einen Schritt vor Harry liegen. Eindeutig – Hermines Zauberstab.
„Wie ich sehe, haben zwei Monate nicht genügt, um klüger zu werden“, spottete Voldemort und streifte Severus mit seinem Blick. Nicht etwa dankbar, es war viel mehr so, als müsste man damit rechnen, er hätte Severus betraft, hätte er nicht so schnell reagiert. Voldemort stieß den Zauberstab in Nevilles Richtung, ohne auch nur einen Ton zu sagen, und warf ihm den Crucio entgegen. Harry schloss die Augen. Sie mussten etwas tun. Schnell! Er sah flehentlich zu Severus, der ihn natürlich nicht sehen konnte… Und der regte sich auch nicht, starrte nur vor sich hin, während Neville sich auf dem Boden wand vor Schmerzen, sich hin und herwarf, lange… so unfassbar lange. Als Voldemort von ihm abließ war er vermutlich nicht einmal mehr in der Lage, aufzustehen, oder? Harry schluckte und hob den Zauberstab, ohne sich zu offenbaren. Er könnte… er musste einfach nur…
Du musst es wollen…
Das war Problem. Wenn er den Zauber wirkte und es nicht klappte, waren sie sowas von geliefert. Und er wollte ja, dass das alles endete…
„Schluss mit dieser Farce, ich habe keine Geduld mehr“, verkündete Voldemort. Harrys Hand zuckte, aber er zauberte nicht. Es war Voldemorts Zauberstab, der den grünen Blitz hervorbrachte, der Augusta Longbottom mitten die Brust traf, jedoch bewegte er den Zauberstab weiter – jetzt ohne grünes Licht – auf Neville zu, eine weitausholende Geste, ein rotes Aufblitzen seiner Schlangenaugen. Er würde Neville zum Horkrux machen, Harry wusste es. Er wusste es und dennoch brachte er den Zauber nicht hervor. Er konnte es nicht. Er versagte. Erneut. Einen Moment herrschte vollkommene Stille, ehe ein Schrei erklang. Nicht von Neville. Für einen Herzschlag lang, verstand Harry gar nicht, woher dieser Schrei kam, obwohl er Voldemort anstarrte. Der schrie. Ein Geräusch, wie Harry es bereits mehrfach gehört hatte – jedes Mal beim Zerstören eines Horkruxes. Nur dauerte es dieses Mal viel länger und Harry war sich sicher, dass Voldemort nicht schreien sollte, wenn er einen Horkrux erschuf. Oder dass seine Haut grau werden sollte… und Risse bekam. Aufplatzte, wie alte Farbe an einem Schuppen. Voldemort verdrehte die Augen und dann endete der Schrei so abrupt wie er begonnen hatte und Voldemort kippte nach vorn, nur erreichte sein Körper den Boden nicht, denn während er in Zeitlupe umkippte, zerstäubte er regelrecht und die dicken Flocken, die den Boden erreichten, schienen wie dunkle Essenz ins Erdreich einzudringen… und verschwanden.
Harry starrte das ganze an, die leere Robe die zurückblieb… und war gefangen zwischen einem lauten Lachen – das er Merlin sei Dank unterdrückte – und purer Fassungslosigkeit. Als Greyback sich bewegte, reagierte Severus sofort, fluchte ihn nieder und schockte im nächsten Atemzug die anderen Anwesenden Todesser, noch ehe Harry auch nur darüber nachdenken konnte. Wieder herrschte einen Moment Stille. Und alle Blicke richteten sich auf Severus. Oh.
„Ich glaube wir sollten verschwinden“, hauchte er ihm zu. Keiner hier wusste, dass er auf ihrer Seite war und Schüler konnten auf die Idee kommen, einen Todesser allein überwältigen zu können. Voldemort war… also… wenn er jetzt nicht tot war, dann wusste Harry auch nicht und… also sie… sollten wirklich besser verschwinden, nicht? Genau in dem Moment flog bereits ein Zauber auf Severus zu, der ihn jedoch einfach abwehrte.
„Sie werden alsbald von Professor McGonagall aufgesucht“, verkündete Severus. „Lassen Sie Ihren Unmut an denen aus“, sagte er mit einem Deut auf die Todesser, „und sorgen Sie dafür, dass keiner von denen verschwindet.“
Wieder flog ihm ein Zauber entgegen, den er abwehrte. „Und lernen Sie endlich, vernünftige Duellzauber anzuwenden! Das ist ja zum Erbarmen.“
Harry hätte fast gelacht… aber er war ehrlich gesagt immer noch zu sehr geschockt.
„Nimm Mister Longbottom“, forderte Severus ihn nun auf.
Oh… er sollte in Erscheinung treten? Damit hatte er ehrlich gesagt nicht gerechnet. Er räusperte sich… und zog sich den Tarnumhang vom Kopf – was für ein Glück, dass er sich ordentlich angezogen hatte! – was natürlich einen Aufschrei auf dem Hof bewirkte und diverse Schüler, die seinen Namen riefen. Er räusperte sich erneut, löste sich dann aber, um zu Neville zu gehen, seiner Großmutter einen kurzen Blick zuwerfend, aber… sie konnten nichts mehr für sie tun.
„Hey Nev“, murmelte er und blendete die anderen Schüler aus, die offenbar gar nicht wussten, ob sein Auftauchen nun gut oder schlecht oder ein Witz war.
„Harry“, hauchte Neville, der immer noch auf dem Boden lag und immer noch weinte. „Ich wusste es… ich wusste es die ganze Zeit…“, schluchzte er und Harry lächelte reichlich schief.
„Professor Snape gibt dir Brief und Siegel darauf, dass ich einfach zu dumm zum Sterben bin“, versprach er ihm sanft und schob die Hände sachte unter seine Arme, um ihn etwas anzuheben und ihm auf die Beine zu helfen. Dabei sah er zu den Schülern hinüber. Er erkannte natürlich all die Gesichter, auch wenn er nicht unbedingt jeden Namen kannte. Sollte er… irgendwas sagen? Die Leute sahen total ratlos aus. Fragend sah er zu Severus zurück. Severus nahm ihm das jedoch ab.
„Ich hoffe, Ihnen allen ist klar, dass alles, was ich vor wenigen Minuten über Ihre Leben bestimmt habe, obsolet ist“, erklärte er. „Sie können also aufhören zu weinen, Miss Turpin.“
Was natürlich nur dafür sorgte, dass sie umso mehr weinte. Jetzt aber wenigstens vor Erleichterung.
„Ich glaube, wir sollten Minerva herbringen lassen, bevor wir gehen“, murmelte er in Severus Richtung. Hier schien gerade niemand zu wissen, wie Beine funktionierten… er zählte lieber nicht darauf, dass diese verstörten Schüler die Todesser in Schach halten konnten.
„Ja“, stimmte Severus zu. „Cimny?“ Sofort erschien die Hauselfe, die einfach nur glücklich und zufrieden aussah. „Bring bitte Minerva her. Und Kingsley“, wies er sie an. „Sag ihnen, der dunkle Lord ist gefallen. Endgültig.“
Während Cimny verschwand, begannen die Schüler plötzlich zu tuscheln, zu weinen, zu lachen, zu jubeln, als würden sie erst jetzt verstehen, was sie doch gerade mit eigenen Augen gesehen hatten. Neville machte sich von Harry los und stolperte zu seiner toten Oma… Harry folgte ihm, hockte sich zu ihm und rieb sachte seinen Rücken.
„Tut mir leid Nev…“ Er hätte das verhindern können. Er hätte den Fluch nur sprechen und meinen müssen, die Gelegenheit war da gewesen, ausreichend lang…
„Du hast den Fluch nicht gesprochen“, entgegnete Neville und Harry war sich nicht sicher, ob das ein Vorwurf war,… oder nicht. „Aber er…“ Neville sah zu Severus hinüber. „Hätte er mich nicht entwaffnet…“
„Hätte das vermutlich nichts geändert“, widersprach Harry sanft und rieb weiter über Nevilles Rücken. „Außer, dass er dich vermutlich noch schlimmer zugerichtet hätte und am Ende wäre es dennoch so gekommen. Außerdem… Hermines Zauberstab?“, fragte er schief lächelnd. „Hast du ihn probiert?“ Er traute Neville verdammt viel zu, so war das wirklich nicht. Aber Hermine war eine spezielle Art von Mensch und ganz anders als Nev. Wäre ihr Stab ihm wirklich gefolgt?
„Ich… konnte nicht einfach nichts tun, Harry. Er hätte mir bestimmt zugehört“, sagte er verzweifelt, aber Harry schüttelte nur den Kopf, den Arm nun um Neville legend. Eigentlich wollten sie ja los, aber… Nev brauchte ihn gerade. „Warum… sind alle tot? Ron, Hermine, Fred, George, Cho, Lavender, Luna…“
Harry räusperte sich.
„Nev… ich glaube da gibt es ein paar Überraschungen für dich. Vielleicht auch eine, die… also vielleicht kommst du am besten erst einmal mit uns mit.“ Nev wusste nicht, dass er Daddy werden würde. Na ups. „Und heb Hermines Zauberstab auf, dafür gibt es noch eine Verwendung“, versprach er.
„Mit euch?“, fragte Neville ungläubig, erneut zu Severus blickend und Harry nickte, allerdings tauchten in diesem Moment Minerva und Kingsley auf und der Hof brach in Chaos aus, da alle sie umringen wollten.
„Zeit, zu gehen“, ließ sich Severus vernehmen und Harry zog seinen Freund wieder auf die Beine.
„Komm, Nev. Du kannst jederzeit hierher zurück, aber… das willst du nicht verpassen“, versprach er. Die Toten… liefen nicht davon. Severus kam mit Cimny auf sie zu und Harry musste Neville festhalten, damit der nicht vor Severus zurückwich. Außerdem streckte er die Hand nach Severus aus.
„Schon gut, wirklich. Es ist jetzt alles… irgendwie gut. Es wird gut. Versprochen. Jemand wartet auf dich.“ Er drückte seine Schultern. „Vertrau mir.“
Aber eine Wahl hatte Neville gar nicht, denn plötzlich verschwanden sie schon… und tauchten in der Eingangshalle in Italien wieder auf, wo Neville sofort von ihnen wegstolperte.
„Wo bin ich? Was ist hier los?“, fragte er verstört.
„Neville?“
Das Harry Luna in diesem Leben tatsächlich einmal aufgebracht hören würde… Vermutlich hatte das Haus mitbekommen, das Kingsley und Minerva geholt worden waren, nicht? Zumindest kam Luna von der Treppe direkt auf sie zu, ignorierte sie beide und warf sich Neville entgegen. Okay. Damit wäre zumindest das geklärt und Harry grinste unweigerlich, sich an Severus Seite drückend.
„Luna“, murmelte Neville ungläubig. „Du… du lebst… du…“ Neville schien vollkommen überfordert, aber glücklich zu sein.
Severus legte seinen Arm um Harry, der unweigerlich zu ihm hochgrinste. Es war vorbei. Einfach vorbei. Severus erwiderte seinen Blick und Harry konnte nicht anders, als einfach weiter zu grinsen. Ja, sie hatten viel verloren, sie alle. Mehr als gut war, mehr als man rechtfertigen könnte… Und doch.
„Wie ist das möglich?“, fragte Neville. „Sie sagten, du seist tot… du und all die anderen aus der DA…“, hauchte er.
„Kingsley hat mich rausgebracht“, antwortete Luna nun, und schmiegte sich an Neville, ganz ähnlich wie Harry hier bei Severus stand. „Und du wirst dich wundern, was du noch alles so verpasst hast.“
Sie deutete zur Treppe hinauf, von wo nun mehrere Schritte zu hören waren. Harry wusste nicht, ob eine Hauselfe sie informiert hatte, oder ob sie einfach alle beschlossen hatten, just jetzt runterzukommen, aber da waren sie. Hermine, George und Charlie, Ginny, Dean und Seamus. Waren sie ins Mittagessen geplatzt? Vermutlich.
„Kingsley“, hörte er Neville hinter sich murmelnd, der wohl noch nicht ganz mitgeschnitten hatte, was um ihn herum passierte.
„Neville!“, rief Hermine von der Treppe aus und kam heruntergerannt.
„Bei Merlin! Hermine!“
Hach ja… Harry hob den Blick zu Severus, sah wie er Ginny sah,… und zog dann sanft an seiner Hand. Sollten die anderen alles erklären, sie hatten darin ohnehin keine Aktien mehr. Für sie war es vorbei, mh? Sie würden noch hier und da hingehen müssen und wollen, aber im Großen und Ganzen… Er zog Severus direkt aus der Eingangstür, die er während all der Wochen hier nur so selten benutzt hatte.
Severus blinzelte in die Sonne, aber Harry sah die ganze Zeit nur ihn an.
„Alles okay?“, fragte er leise, Severus Hand drückend. Kam er klar? Der heutige Tag war für ihn bereits so nervenaufreibend gewesen…
„Ja“, erwiderte Severus wenig überzeugend. „Er… ist tot. Auf die lachhafteste Weise, die ich mir vorstellen kann. Einzig ein Sturz von einer Treppe wäre noch lächerlicher gewesen“, murmelte er.
„Fühlt sich merkwürdig an, mh? Keiner von uns hat am Ende etwas getan. Wir hätte nicht einmal da sein müssen. Ganz egal, was wir getan hätten, es wäre heute so gekommen.“ Jetzt wendete auch Harry den Blick ab und ließ ihn übers Grundstück wandern. Severus machte sich los, was Harry einen Stich versetzte, aber er ließ es natürlich zu… und nahm im Augenwinkel wahr, wie Severus nach seinem Unterarm griff. Er leckte sich über die Lippen und wendete sich Severus wieder mehr zu, die Hände leicht ausstreckend.
„Soll ich nachschauen?“, fragte er leise. Severus verkrampfte sich deutlich.
„Was, wenn es noch da ist?“, hauchte er zurück.
„Dann sagen wir seinen Namen und bringen ihn noch mal um?“, schlug Harry vor und hob die Schultern. „Er ist weg“, legte er fest. „Er ist weg und wird es bleiben. Noch ein paar Jahre, dann wird nichts mehr an ihn erinnern“, sagte er nachdrücklich. Severus schien davon nicht wirklich überzeugt, seufzte sogar leise. Er hob eine Hand und streichelte furchtbar zärtlich seine Wange, hinauf zu seiner Stirn, wo er die Haare beiseiteschob.
„Wenn es nur so wäre“, murmelte er. Harry hob die Schultern leicht.
„Wir sagen einfach, ich bin über meine eigenen Füße gestolpert und habe mich fast umgebracht beim Fallen. Das glaubt jeder“, versprach er sanft und lehnte den Kopf leicht in die zärtliche Berührung. „Die einzige Macht, die er noch hat, ist die, die wir ihm geben“, fügte er leiser an.
„Ich wusste nicht, dass du vorhattest, in Albus Fußstapfen zu treten“, neckte Severus ihn sanft und löste sich erneut von ihm, um den Ärmel hochzuschieben. Das Dunkle Mal war ganz verblasst, kaum noch zu sehen, wie eine alte Erinnerung. Harry stieß die Luft aus.
„Weg“, stellte er leise fest. „Voldemort… ist nur noch eine böse Erinnerung.“ Nichts geschah. Alles blieb ruhig und friedlich, die Sonne schien auf sie herab. Severus war zwar zusammengezuckt, als Harry den Namen sagte, aber das änderte nichts an alle dem.
„Es ist vorbei“, hauchte Severus, fast erstickt und Harry trat den verbliebenen Schritt zu ihm, um seine Arme um ihn zu schlingen. Vorbei… einfach vorbei. Obwohl Harry wieder versagt hatte. Und so wie Severus die Umarmung erwiderte… ging es ihm ganz ähnlich. Gerade öffnete Harry den Mund um zu sagen, dass es in Ordnung war, wenn Severus jetzt heulte, wie ein Schlosshund… da flog die Tür geräuschvoll auf und Neville erschien.
Er war schmutzig, aber so wie er in die Sonne trat und über beide Ohren strahlte, sah er aus wie ein verdammter Heiliger.
„Ich werde Vater!“, rief er total überwältigt und Harry konnte nicht anders, als zu lachen.
„Ich weiß“, grinste er. „Herzlichen Glückwunsch… du Casanova“, kicherte er, auch wenn Severus sich leider etwas von ihm löste.
„Du aber auch, wie ich hörte“, entgegnete Neville und sah dann zu Severus. „Danke, Sir.“
„Ich wüsste nicht, wofür“, entgegnete Severus.
„Sie haben mich aufgehalten, bevor ich etwas Dummes tun konnte und das hier nie erfahren hätte… Danke.“
Severus sah zur Seite, offenbar wusste er gar nicht wie er mit dem Dank umgehen sollte.
„So sind Gryffindors. Man muss Sie vor ihrem eigenen Mut beschützen“, murmelte er und Harry schüttelte lächelnd den Kopf. Dieser Mann! „Gehen Sie feiern, Mister Longbottom. Und du auch“, wendete er sich an Harry. „Feiere mit deinen Mitschülern. Ich sollte die Malfoys informieren.“
Harry seufzte leise.
„Ich gehe nach den Kindern schauen“, widersprach er. „Komm Nev, du solltest definitiv feiern“, legte er fest.
„Was für Kinder?“, hakte Neville auf dem Weg nach drinnen nach. Harry warf Severus einen Blick mit gehobener Braue zu, als der versuchte, sich an ihnen vorbeizuschummeln. Ihm war schon klar, wie kindisch das war?
„Edward Lupin, mein Patenkind und Dianthea, Severus Tochter“, erklärte er Neville dennoch ruhig und gefasst. „Wie du schon sagtest… irgendwie bin ich auch Dad geworden“, gluckste er. „Gleich zwei Mal und ich musste gar nichts dafür machen.“ Er lächelte reichlich schief.
Sie sind Vater?“, fragte Neville reichlich fassungslos an Severus gewendet, der nun doch mit ihnen gleichauf blieb.
„Schwer vorstellbar, aber ja“, brachte Severus gepresst hervor.
„Nun geh schon“, sagte Harry sanft und wedelte mit der Hand. War ja nicht auszuhalten, wie er sich neben ihnen herumdrückte… Er bekam das schon auch alleine erklärt. „Also… du und Luna, mh?“, fragte er stattdessen an Neville gewendet.
„J-ja, irgendwie schon“, sagte Neville, sich verlegen den Nacken reibend. „Unglaublich, oder?“
Harry lachte leise.
„Ich freu mich für dich, für euch beide… naja, euch drei!“, lachte er. „Willst du… mit hochkommen, oder wieder zu Luna?“
Eine Frage, die den Gryffindor zu überfordern schien. „Ich würde euch gern alle unter den Arm klemmen, ganz gleich wohin ich gehe“, gestand er. „Dass Hermine noch lebt... sie war ganz erstaunt, dass ich ihren Zauberstab habe“, lachte der erschöpfte Neville. „Aber für jetzt will ich zu Luna. Ich habe sie so vermisst“, gestand er beschämt.
Harry nickte einfach nur.
„Alles ganz in Ruhe, wir haben jetzt Zeit“, versicherte er. „Drück Luna von mir. Und quetsch sie aus, was es wird, okay? Ich bin sicher, dass sie es weiß, aber nichts sagt“, merkte er an.
Neville lachte auf. „Ich will es glaube ich gar nicht wissen, sondern mich überraschen lassen“, gestand er verträumt. „Ich... Papa... ich dachte, ich überleb heute nicht und jetzt... jetzt habe ich ein richtiges Leben“, schwärmte er. „Ich kann gar nicht glauben, dass Du-weißt-schon-wer tot sein soll... er... ich meine, was ist passiert?“
Oh uhm… ja, das wusste Neville natürlich nicht.
„Das zu erklären, dauert ein bisschen länger“, gab er zu. „Aber auch dafür ist noch Zeit. Erst einmal reicht es zu wissen, dass er tot ist“, versicherte er. „Geh zu deinem Mädchen Nev… Sie hat lange gewartet.“ Und die beiden hatten das Glück einander wiederzusehen… anders als Ron und Hermine. Und Ginny hatte leider auch kein Glück, also… ja, verdammt, Neville war ein Glückspilz!
„Okay... erklär es mir später. Du hast nämlich Recht: Sie hat lange gewartet. Viel zu lange!“ Neville klopfte Harry sachte auf die Schulter, dann tigerte er auf den Salon zu, wo Luna auf ihn zu warten schien, sie ganz liebevoll in die Arme nehmend.
Es waren Ginny und Hermine, die wiederum auf Harry warteten. „Es ist wirklich vorbei, Harry?“, fragte seine beste Freundin.
Harry kam hier also wohl doch nicht so schnell weg, wie gewollt. Er nickte jedoch.
„Ja, ist es“, stimmte er zu. „Voldemort ist Geschichte. Severus Mal ist verblasst. Er kommt nicht wieder“, versprach er. „Wir… er hat Nevilles Oma noch umgebracht“, gab er betreten zu. „Aber… jetzt wird es keine Opfer mehr geben. Naja… keine durch ihn. Natürlich müssen noch haufenweise Todesser eingesammelt werden.“ Aber das war nicht mehr ihre Aufgabe. Ron… der hätte sich vermutlich direkt auf diese Aufgabe gestürzt, er hatte so unbedingt Auror werden wollen… aber Harry? Nein. Sein Kampf war vorbei.
„Nevilles Oma? Wie furchtbar“, murmelte Ginny betroffen, zum Salon blickend.
„Was... wirst du nun tun, Harry?“, fragte Hermine, seine Hände nehmend. „Jetzt, wo du endlich selbst bestimmen kannst?“
Harry drückte ihre Hände sanft und warf nur einen Seitenblick zu Ginny. Irghs.
„Ich habe keine Ahnung“, versicherte er. „Erst mal will ich die Knirpse sehen und später mal schauen, ob ich Severus wieder einfangen kann. Wir müssen bestimmt noch mal nach England… und dann… wäre es glaube ich eine gute Idee einfach zu leben?“, schlug er schief lächelnd vor.
„Leben klingt großartig“, sagte sie. „Komm, Ginny... lassen wir ihn zu seinen Knirpsen gehen“, schlug sie vor, was die Rothaarige mit einem knappen Nicken bewilligte.
„Wir bringen dir später was zu essen hoch?“, schlug Ginny mal vor. Harry leckte sich über die Lippen,… und schüttelte schließlich den Kopf.
„Braucht ihr nicht, danke“, wiegelte er ruhig ab. Wenn Severus dann bei ihm war… würde ihm das nicht guttun. Eigentlich sollten sie zusehen, dass sie von hier wegkamen, nicht? Die Leute würden gewiss noch eine Weile hier sein…
„Achte bitte nur drauf, dass du genug isst“, mahnte Hermine, Ginnys Hand nehmend. „Komm, Ginny, helfen wir deiner Mutter in der Küche“, sagte sie, die Rothaarige mit sich ziehend, sodass Harry für den Augenblick endlich allein war.
Er stieß sogar hörbar die Luft aus, ehe er sich endlich wieder der Treppe zuwendete und langsam und ruhig nach oben ging, in das blaue Zimmer, das er hier so lange bewohnt hatte. Er lächelte unweigerlich, als er die beiden Wiegen sah. Er war nur eine Woche weggewesen… ob die Knirpse ihm das übel nahmen?
„Hey ihr beiden“, murmelte er, ganz leise, denn sie schliefen… und setzte sich dann einfach vor die Wiegen auf den Stuhl, um die zwei zu betrachten, wie sie so friedlich schliefen. Zum ersten Mal seit langer Zeit… empfand er dabei einfach nur Ruhe. Er hatte absolut keinen Schimmer was kommen würde und es war ihm auch vollkommen egal, solange Severus in seiner Nähe war.
Der öffnete schließlich auch die Tür und Harry lächelte zu ihm hinüber.
„Lucius und Narzissa werden bald nach Frankreich aufbrechen. Draco bleibt“, erklärte er leise und Harry nickte. Er hatte schon angenommen, dass Draco nicht bei seinem Vater bleiben würde. Vielleicht… konnten sie sich eines Tages aussprechen.
Severus kam zu ihm, schlang die Arme von hinten um ihn und legte sein Kinn auf Harrys Kopf ab. Eine Geste, die Harry unglaublich gut gefiel, sodass er sich leicht deutlicher nach hinten lehnte.
„Solltest du nicht mit deinen Mitschülern den Abschluss und eure Freiheit feiern?“, fragte Severus leise.
„Ich habe gar keinen Abschluss gemacht“, entgegnete er lächelnd und schloss die Augen, mit den Händen sachte über Severus Arme streichend, die ihn festhielten. „Und gerade… bin ich lieber mit dir allein.“
„Du hättest letztes Jahr schon abgehen können“, entgegnete Severus. „Zumindest in Zaubertränke und Verteidigung wärst du mit Erwartungen Übertroffen und Ohnegleichen aus der Prüfung gegangen. Den Rest müssen Andere beurteilen.“
Harry hob die Schultern ganz leicht.
„Vielleicht… Hermine geht bestimmt zurück nach Hogwarts und macht ihren Abschluss richtig“, prophezeite er, und schmiegte sich weiter an den Älteren Mann. „Ist es lächerlich, wenn ich mich zu alt dafür fühle?“
Noch mal Schüler sein… Die Vorstellung war nicht angenehm. Und das nicht nur, weil er Harry Potter war – zwei Monate lang totgeglaubt, und irgendwie doch in den Fall von Voldemort verwickelt, jedenfalls nach dem, was die Zeugen vermutlich sagen würden. Ganz davon abgesehen, dass er mit den Kindern dafür gar keine Zeit hatte!
„Ich würde gerne einfach… ich weiß nicht, ganz neu anfangen? Ohne alte Erinnerungen, an einem schönen Ort, wo wir tun und lassen können, was uns eben in den Kopf kommt und Spaß macht. Ausprobieren, wer wir sind, wenn niemand unsere Fäden zieht.“ Dort, wo sie keine Masken brauchten. Severus seufzte tief, was er regelrecht körperlich spüren konnte.
„Das klingt furchtbar naiv und gleichzeitig furchtbar weise“, murmelte er und brachte Harry damit zum Schmunzeln. „Du hast jedoch mit einem Recht: Es wäre schön, irgendwo zu leben, wo niemand uns kennt und durch Vorurteile oder Meinungen einschränkt. Mit den ZAGs hast du den kleinen Abschluss gemacht, Harry. Wenn du nicht wieder zur Schule willst, lass es. Oder lass dich außerschulisch prüfen, wenn du für dich lernen willst. Oder mach, was dich reizt, lern, was dir zusagt.“
Harry zog den Kopf leicht unter seinem Kopf heraus und legte ihn dann weit in den Nacken, um zu Severus hochzuschauen.
„Lass uns alles in Ordnung bringen… und dann einfach abhauen. Wir werden schon irgendwo landen. Ich habe ein Vermögen unter Gringotts liegen und mit den Hauselfen können wir die Kinder überall hin mitnehmen. Abgesehen von hier, war ich noch nie außerhalb von England. Und… es gibt bestimmt auch irgendwo anders Mohn“, fügte er schmunzelnd an, drückte sich auf dem Stuhl etwas hoch und küsste Severus auf den Kiefer.
„Was möchtest du denn noch in Ordnung bringen?“, hakte Severus nach.
„Naja, keine Ahnung? Ich weiß nicht, was man so machen muss“, gab er zu. „Ich weiß… viele Sachen nicht. Ich habe mich nie mit Sirius Erbe auseinandergesetzt und… ich weiß nicht, ob ich sowas noch machen muss. Und… naja, es gibt bestimmt eine Trauerfeier, oder?“, fragte er leiser. Severus schien von dem Thema gar nicht so begeistert zu sein.
„Trauerfeiern… werde ich nicht beiwohnen“, machte er leise klar. „Bei allem Anderen kann ich dir helfen.“
Harry nickte sachte, ihn immer noch überkopf anschauend.
„Ich würde gerne hingehen“, erklärte er. „Aber ich würde dich niemals zwingen, mitzukommen. Tatsächlich… gehe ich vielleicht nicht einmal sichtbar hin, nur…“ Er wollte dort hin hingehen, weil er Harry Potter war. Er wollte dort hin, um Abschied zu nehmen.
„Also… was denkst du, bleibst sonst zu erledigen?“, hakte er nach. Severus wusste das bestimmt viel besser. Man konnte, in Harrys Kopf, ja nicht alles stehen und liegen lassen, richtig?
„Geldmittel müssen transportabel gemacht werden… Besitztümer benötigen Verwaltung, wenn sie unbewohnt bleiben, wir brauchen Pässe… Ansonsten kommt vieles darauf an, wohin es uns verschlägt“, antwortete er.
„Häuser“, murmelte Harry „Da fällt mir wieder ein, dass ich das Potter Anwesen immer noch nicht gesehen habe… Und ich muss Jeemy fragen, ob sie da wieder hinmöchte.“ Er konnte sie ja nicht durch die Weltgeschichte schleifen, wenn sie das nicht wollte! „Kommen wir denn einfach so an Pässe oder geht das nur mit Magie?“ Er wusste nur, dass die Dursleys Pässe für ihre Urlaube hatten. Er hatte sowas nie besessen.
„Zaubereiministerium“, gab Severus zurück und Harry blinzelte… und räusperte sich.
„Oh.“ Es… gab Pässe für Magier? Er stieß die Luft aus. „Ich bin ein Vollidiot“, stellte er trocken fest. „Was für ein Glück, dass du ein Genie bist.“
„Das würde schmeichelhafter klingen, wenn du dabei nicht so trocken klingen würdest“, entgegnete Severus. „Ich habe einen europäischen Pass, noch von damals. Du allerdings wirst wohl keinen haben.“
Harry schüttelte den Kopf.
„Ich habe gar nichts an Papieren oder sowas“, entgegnete er. „Naja, außer meine Schulzeugnisse, falls das zählt“, erklärte er, genauso trocken wie eben. „Und das war nicht gegen dich gemeint, es war einfach nur eine Feststellung, dass ich alleine offenbar vollkommen verloren wäre.“
„Wärst du“, stimmte Severus zu allem Überfluss auch noch zu und Harry schloss die Augen. Wie ahnungslos konnte man sein!? „Dafür habe ich dir ein paar Tage an Lebenserfahrung voraus. Wir kriegen das schon hin. Du hast im Ministerium nichts zu befürchten.“
Harry seufzte und streckte die Hände nach oben aus, um sie in Severus Haar zu schieben.
„Dein Partner ist ein Trottel“, brummte er. „Hermine weiß sowas bestimmt.“ Warum wusste er sowas nicht!? Man, das war echt ärgerlich. Er schnaufte leise. „Also… Pässe und Geld… und irgendwie die Häuser versorgen. Die Knirpse brauchen auch Pässe?“, hakte er nach. Vielleicht brachte man die erst, wenn man älter war? „Ich muss mich vermutlich auch schlau über Remus Testament machen,… und Andromedas falls es eines gibt, nicht? Wegen Ted.“ Immerhin war er sein Vormund und musste sich um diese Sachen kümmern… was bestimmt gut klappte, wenn er keinen Schimmer hatte. Mist!
„Testamente liegen immer dem Ministerium vor. Sie würden auf dich zukommen, jetzt, wo klar ist, dass du als sein Vormund noch lebst. Lass sie arbeiten und warte ab. Kleinkinder bis drei Jahren brauchen keine Pässe. Da haben wir unsere Ruhe.“
Harry stieß die Luft aus und nickte.
„Tut mir leid, ich werde glaube ich noch viele dumme Fragen stellen müssen“, warnte er vor. Man Severus hätte sich echt jemand gebildeteren aussuchen sollen!
„Bislang sind sie eher besorgt. Sollten sie dumm werden, lasse ich es dich wie üblichen wissen“, versprach Severus und lächelte ihn schief an – das schönste Lächeln auf der ganzen Welt!
„Ganz gleich, wie weit unser Weg sein mag und wie viele Widrigkeiten sich darauf befinden… wir finden unseren Weg, Harry. Gemeinsam. Deine Naivität wird meine Verbitterung aufheben, wenn es um Zukunftsperspektiven geht… und meine Erfahrung wird deine Jugend ausgleichen, damit unser Weg nicht in einer Sackgasse landet. Wo auch immer wir also landen, werde wir uns gegenseitigen Ausgleich bieten.“ Severus beugte sich vor, um Harry ganz zärtlich zu küssen, was dieser nur zu gerne erwiderte. „Es ist nun an der Zeit, nicht mehr der Junge-der-überlebt zu sein. Ab heute bist du der Junge-der-lebt.“

---

Tadaaaaaa!
Es ist soweit - das war das letzte Kapitel! Es folgt nur noch ein unglaublich glitzernder Epilog, der dieser furchtbaren Geschichte ein schönes HappyEnd gibt :D

Es war eine unglaubliche Reise bis hierher, mit, für mich, unglaublich langen Kapiteln und einer unglaublichen Zusammenarbeit mit meiner lieben Silberfeder, bei der ihr natürlich auch heute noch einmal Severus Seite lesen könnt.
In diesem Kapitel hat sie hauptsächlich Neville und die Mädchen geschrieben, während ich mich mit Voldi und dergleichen rumärgern durfte :D

Auch wenn die Geschichte sich nicht der größten Beliebtheit erfreut, bin ich dankbar für jeden, der bis zum Ende dabei geblieben ist - für Euch ist auch der Epilog, der (vermutlich am Samstag) noch folgt, also stay tuned :D

Ich hoffe, ihr überlebt die Hitze alle gut!
Eno
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast