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Zwei Leben - Unser Kampf - Severus Snape

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
31.01.2022
25.06.2022
31
240.000
45
Alle Kapitel
71 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
23.06.2022 5.895
 
~* Vergesst nicht, Harrys Sicht der Dinge bei Enoraá zu lesen!

Ihr Lieben, das hier ist das letzte Kapitel. Es folgt hiernach nur noch der Epilog. Ihr habt es also fast geschafft! Wir lassen euch allerdings nicht bis Montag warten, sondern werden den Epilog am Samstag veröffentlichen! Und hiermit schwöre ich feierlich, dass ihr glücklich sein werdet! *~

Severus hatte Stunden geschlafen. Es war nicht der erholsamste Schlaf in seiner Geschichte gewesen, wohl aber der erholsamste der letzten Tage. Harry war am frühen Morgen genauso wortkarg wie er. Das Damokles-Schwert ihrer bevorstehenden Aktion schwebte bedrohlich über ihren beiden Köpfen und drohte, jeden Augenblick hinabzusausen. Ein Fehler, eine unbedachte Aktion, ein falscher Blick… und alles mochte eskalieren.

Essen konnten sie beide nichts, dafür waren sie wohl beide zu angespannt. Es war Severus wichtiger, Harry nahe zu sein. Sollten das hier ihre letzten Stunden sein, wollte er sie nicht mit Essen, Diskussionen oder Sorgen vertun.

Als es Zeit wurde, aufzubrechen, erlaubte Severus sich, Harry lange und gedehnt zu küssen, ehe er aufbrach, um Neville zu holen. Der wusste natürlich nicht, dass Severus keiner von den Bösen war und Gryffindortypisch widerspenstig.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte er trotzig, als Severus nach dem Frühstück vor ihm stand und bedrohlich, groß und dunkel verhinderte, dass der junge Mann weiterging. »Reicht nicht ein Kindermädchen?«

»Sie kommen mit mir«, verlangte Severus eisig von dem jungen Gryffindor.

»Ich habe nichts verbrochen«, knurrte Neville. »Ich habe mich an alle Regeln gehalten!«

»Sehe ich etwa so aus als würden mich Ihre Worte interessieren, Mr. Longbottom? Folgen Sie mir und seien Sie still. Sie reduzieren mein Denkvermögen«, harschte Severus ihn an. Neville, der die Konsequenzen seines Handelns offenbar vor Augen hatte, folgte widerwillig und unsicher, was ihm nun bevorstehen mochte. Im Schulleiterbüro war Neville offenbar nie zuvor gewesen, so unsicher, wie er sich umsah.

»Was soll ich hier?«, fragte er den Tränkemeister.

»Warten und keinen Mucks von sich geben«, knurrte Severus, auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch deutend. »Sie haben um elf Uhr einen Termin.«

»Um elf? Die anderen aus meinem Jahrgang sollen sich auch um Elf im Uhrenhof einfinden«, murmelte der Gryffindor vor sich her.

»Es ist von Glück zu sprechen, dass der Großteil der Gryffindor-Schüler bei der Schlacht umgekommen ist oder anderweitig untergebracht wurde«, sagte Severus kühl, »denn die Inkompetenz, einfachsten Befehlen Folge zu leisten, sollte man wahrhaftig niemandem außerhalb dieser Schule zumuten.« Als sich plötzlich eine Hand auf seinen unteren Rücken legte, zuckte er tatsächlich zusammen und atmete scharf ein, um den Schreck zu überspielen.

»Setzen Sie sich, Mr. Longbottom, und seien Sie still.« Severus starrte auf die Unterlagen, die er durchblätterte,… und hier und da noch eine Notiz machte. Harry kam jetzt in den Genuss, seine abscheuliche Arbeit aus nächster Nähe zu betrachten. Ob er es auch als unfair empfand? Es fehlten nur ein paar Akten, die hatte er nicht gänzlich durchgearbeitet, weshalb die Notizen darin sehr spärlich ausfielen. Aber es war eben eindeutig, nach welchen makabren Maßstäben man die Kinder kategorisierte und bewertete.

Es war mühsam, sich ein Seufzen zu verkneifen, als Harry durch sein Haar im Nacken streichelte und ihm somit die Gewissheit gab, dass trotz dieser schrecklichen Dinge, die dort standen, er Severus nicht verurteilte. Jetzt mussten sie nur die Zeit rumkriegen, bis es so weit war und erstaunlicher Weise ging das recht schnell. Severus Herz klopfte bereits ganz klamm, da war er nicht einmal aufgestanden. In wenigen Minuten würde sich entscheiden, ob sie siegreich waren, oder starben.

»Kommen Sie«, forderte Severus den jungen Mann auf, sich selbst erhebend. »Geben Sie mir Ihren Zauberstab.«

Sichtlich zögernd zog Neville jedoch seinen Zauberstab aus der Ledermanschette und reichte ihn Severus, der diesen wiederrum in seine Schublade legte. Die Akten aufnehmend, trat er hinter dem Schreibtisch hervor und deutete Neville an, den Raum zu verlassen, ihm wie ein gruseliger Schatten folgend, wobei er etwas Abstand ließ. Harry musste zwischen ihnen gehen, um an Türen nicht aufzufallen, nicht? Zwischen zwei Personen die Tür geöffnet zu halten, das fiel nicht auf.

Sie waren in wenigen Minuten all die vielen, elendig langen Treppen hinabgestiegen und endlich auf dem Uhrenplatz angekommen, wo nebst den Schülern des sechsten und siebten Jahrgangs auch einige Eltern standen. Todesser gab es nur drei, die hier hinter der Schülerschar standen. Zu Severus' Glück war der dunkle Lord noch nicht da, sodass er vor den Schülern Position beziehen und mit strengem Blick abwarten konnte, was geschah. Solange Neville oder ein Mitschüler nichts unüberlegtes tat, würde es schon werden.

Der dunkle Lord machte mit dem Aufstoßen der Tore eine geeignete Szene, um sich noch ein bisschen das Ego zu polieren und kaum, dass er auf die Stufen getreten war, sanken die ersten Schüler vor Angst auf die Knie. Severus atmete etwas gedehnter durch, dann trat er an die Seite des dunklen Lords, wobei er unterhalb der Treppe blieb, ihn im Fokus aller Aufmerksamkeit lassend. Geduldig wartete er, dass die Schüler sich auf Geheiß des dunklen Lords wieder erhoben und schließlich der Ball in Severus' Feld lag.

»Sie stehen heute hier, um Ihren weiteren Werdegang zu erfahren«, sagte Severus tonlos und akzentuiert. »Jene von Ihnen, die sich mit Talent und dem Willen, zu Folgen herausgetan haben, und jene, deren Talent im Widerspruch mit Ihrem Blutstatus steht.« Er zog die erste Akte hervor. »Lisa Turpin«, sagte er und eine verängstigte Hexe aus Ravenclaw kam unsicher aus der Reihe nach vorn. »Sie werden künftig an der Seite von Mr. Shafiq verweilen und Ihren fragwürdigen Blutstatus mit seiner Hilfe ausgleichen.« Die blonde Frau wurde käseweiß.

»Sir, ich…«, stammelte sie. »Ich kann mehr… ich… bitte…« Wieder spürte Severus die Hand seines jungen Gefährten an seinem Rücken, nur half das dieses Mal nichts. »Sir, bitte!«, rief sie, einen Schritt nach vorn machend. Brennend war der Blick des dunklen Lords. Er spürte es genau.

Widerwillig hob er den Zauberstab. »Crucio«, zischte er, die junge Frau damit schreiend auf den Boden schickend. Lange hielt der Zauber nicht an, er hob ihn im Grunde sofort wieder auf, selbst etwas tiefer atmend. »Sie alle«, sagte er eisig, »sollten nicht vergessen, wer Sie sind und wo Ihr Platz ist.« Einer der drei Todesser zerrte die junge Frau am Arm auf die Füße und verschleppte sie aus der Gruppe an den Rand, wo sie schluchzend in sich zusammensank.

»Megan Jones«, rief Severus die nächste Schülerin aus Harrys Jahrgang auf. »Sie werden künftig von Mr. Burke empfangen.« Im Gegensatz zu Lisa blieb Megan ganz gefasst, nur ihre glänzenden Augen verrieten, dass sie kurz davor war, zu weinen. Sie ging ganz eigenständig zu ihrer Mitschülerin und bewies mit ihrem Handeln mehr Mut als jeder Gryffindor. Dabei war sie eigentlich eine Hufflepuff.

»Daphne Greengrass«, rief er nun die dritte Frau in Folge auf, die tatsächlich ein wenig blass war als sie nach vorn kam. »Das Zaubereiministerium begrüßt Sie in der Abteilung für die magische Überwachung von Halb- und Schlammblütern.« Wie erleichtert konnte eine Frau bitte sein, der man gerade die Entscheidung abgenommen hatte, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte? Da ihre Familie mit anwesend war, ging sie nun zu dieser, eine feste Umarmung ihrer Mutter sichtbar begrüßend.

So ging es weiter. Name für Name wurde verlesen, der Großteil der Schüler wurde Reinblüterfamilien zugewiesen. Manche Reinblüter bekamen mehr als eine Person in den Hausstand, überwiegend Frauen, vereinzelte Männer. Es gab neue Ministeriumsangestellte, Heiler, Journalisten für Propaganda… Schließlich waren alle Akten verlesen und die reinblütigen Schüler bei ihren Eltern, die Halbblüter allein im hinteren Bereich. Severus hatte sein abscheuliches Werk beendet und die Kinder in zwei Klassen unterteilt.

»Neville Longbottom«, rief der dunkle Lord schließlich auf, nachdem er Severus bedeutet hatte, zur Seite zu treten. Der zögerte definitiv nicht und war froh, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Zu Severus' Entsetzen öffneten sich die Tore zum Schloss und der Werwolf kam mit Augusta Longbottom hinaus, die er gefesselt und geknebelt vor sich hertrieb, wie ein Lamm zur Schlachtbank.

»Oma!«, keuchte Neville, regelrecht nach vorn springend. Severus weitete die Augen, den Zauberstab gegen Neville richtend, damit dieser nichts Dummes tat. Der hielt auch augenblicklich inne, Severus dermaßen hasserfüllt anfunkelnd, dass es verwunderlich war, dass der Tränkemeister nicht augenblicklich tot umfiel.

Severus war genauso klar, wie Augusta und wohl auch Harry, dass diese Frau heute nicht lebend von diesem Hof spazieren würde. Harry ließ ihn los. Hoffentlich übereilte er nichts. Wenn er jetzt angriff, mit Greyback vor ihnen… waren sie geliefert.

»Es ist noch keine zwei Monate her, als du dich auf diesem Hof zum Narren gemacht hast. Ich habe beschlossen, deinen… Mut«, begann der dunkle Lord, hämisch grinsend, »zu belohnen. Du wirst dein weiteres Leben zu meinen Füßen verbringen.«

Neville stieß die Luft aus. »Einen Teufel werde ich!«, gab Neville zurück. »Du hast nichts zu entscheiden!« Er zögerte nicht, bückte sich und zog einen Zauberstab aus seiner Socke, der definitiv nicht seiner war. Nein, es war der von Hermine Granger. Allerdings kam er damit nicht weit, denn Severus entwaffnete ihn kommentarlos, das Kinn reckend. Dummkopf… er machte alles zunichte! Entsetzen war in Nevilles Gesicht zu sehen, der offenbar gehofft hatte, wenigstens einen Zauber wirken zu können, bevor er fiel. Die Enttäuschung in Augustas Augen hingegen war kalt und sicher schmerzlich für den Jungen.

»Wie ich sehe, haben zwei Monate nicht genügt, um klüger zu werden«, spottete der dunkle Lord, Severus kurz mit einem kalten Blick begegnend. Er blieb ruhig und ausdruckslos, auch, als Voldemort Neville einen Cruciatus entgegenwarf. Neville ging augenblicklich schreiend zu Boden und wechselte sich zwischen Krümmen und Durchbiegen ab, das Gesicht über den steinigen Boden reibend.

Severus regte sich nicht. Angst lähmte seine Glieder. Die Gewissheit, an Nevilles statt dort zu liegen. Zu schreien. Wie betäubt konnte er nur zusehen, wie der Junge sich quälte, bis nach einer unfassbaren Ewigkeit endlich der Zauber ein Ende fand.

Neville lag keuchend auf dem Boden, eine Hand zitternd um ein Büschel Gras, das zwischen den Steinen emporwuchs, geballt.

»Schluss mit dieser Farce, ich habe keine Geduld mehr«, verkündete der dunkle Lord und jeder Muskel in Severus' Körper spannte sich an. Hatte er sie durchschaut? Doch statt sich zu ihnen umzuwenden, richtete er den Zauberstab gegen Augusta und ohne ein einziges Wort zauberte er den Todesfluch, sie mit dem grünen Blitz mitten in die Brust treffend. Neville schrie verzweifelt auf, die treuen Augen des jungen füllten sich mit Tränen. Severus, noch immer den Zauberstab in der Hand, hob diesen kaum merklich an. Viel weiter kam er jedoch nicht, denn kaum, dass der Elderstab sich auf Neville richtete, kaum, dass der unausgesprochene Zauber vollendet war, legte sich eine düstere Stille über die Szenerie. Es war nur ein kurzer Moment, dann wurde die Stille von einem markerschütternden, unmenschlichen Schrei durchbrochen, der von den Mauern des Hofes widerhallte.

Es war nicht Neville, der schrie. Severus war es auch nicht, sein Mund war geschlossen. Nein, es war der dunkle Lord, der schrie, das Gesicht von Qual und Entsetzen verzerrt. Die bleiche Haut des Mannes wurde aschfahl, verfärbte sich zu einem widernatürlichen Grauton, ehe mehr und mehr Risse auf der Haut erschienen, als habe man Schlamm in der Sonne getrocknet.

Die roten Augen des dunklen Lords verdrehten sich nach innen, plötzlich wurde es still. Einzig ein leises Stoffrascheln erklang als der Mann nach vorn kippte. Auf den Boden aufschlagen sollte er jedoch nie, denn bereits während er fiel, zerstäubte der Leib des mächtigsten, dunklen Zauberers der Geschichte in tausende und abertausende dicke Flocken, die wie feuchte Asche zu Boden fielen und einfach verschwanden.

Ernsthaft? Severus blinzelte, schüttelte den Kopf. Ungläubigkeit ereilte ihn genauso wie alle anderen. Es war Greyback, der zuerst reagierte und Anstalten machte, Neville anzugreifen. Jetzt reagierte Severus… und schickte Greyback mit einem mächtigen, nonverbalen Duell-Fluch ins Land der Träume, aus dem Handgelenk die anderen Todesser schockend, so schnell es ihm möglich war.

Damit verwirrte er die Leute offensichtlich, denn nun starrten alle ihn an. Hielten sie ihn für den Mörder des dunklen Lords? Insbesondere bei den Eltern aus Reinblütigen Familien konnte man Zwiespalt im Blick erkennen und die Schüler, die Severus zu einem Leben als Zuchtobjekt verurteilt hatte, funkelten ihn hasserfüllt an.

»Ich glaube, wir sollten verschwinden«, hauchte Harry. Just in dem Moment flog ihm ein schwacher Angriffszauber entgegen, den er einfach zur Seite wischte.

»Sie werden alsbald von Professor McGonagall aufgesucht«, legte Severus stirnrunzelnd fest. »Lassen Sie Ihren Unmut an denen aus und sorgen Sie dafür, dass keiner von denen verschwindet.« Er deutete auf die geschockten Todesser. Der nächste Zauber prallte an einem stummen Protego ab. »Und lernen Sie endlich, vernünftige Duellzauber anzuwenden! Das ist ja zum Erbarmen.« In dem Moment wendete er sich Harry zu. »Nimm Mr. Longbottom«, forderte er ihn auf, woraufhin Harry den Tarnumhang von seinen Schultern zog.

Schüler und Erwachsene raunten gleichermaßen und wie Harry so auf Neville zutrat, stahlen sich die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages durch die weißgrauen Wolken. Harry erstrahlte wie ein verdammter Heiliger.

»Hey Nev«, murmelte Harry zu dem am Boden liegenden, völlig erschöpft wirkenden Neville.

»Harry«, flüsterte Neville, die Tränen gar nicht zurückhaltend. »Ich wusste es… ich wusste es die ganze Zeit…«, schluchzte der jetzt.

»Professor Snape gibt dir Brief du Siegel darauf, dass ich einfach zu dumm zum Sterben bin«, versprach Harry schief lächelnd und half Neville auf die Beine, indem er ihm unter die Arme griff.

Severus hatte für den Augenblick keine weiteren Angriffe zu befürchten, wie es schien, denn da Harry ihn nicht angriff, war er offenbar als Staatsfeind gerade erst einmal aus. Harrys fragender Blick wurde mit dem Anheben seiner Schultern quittiert.

»Ich hoffe, Ihnen allen ist klar, dass alles, was ich vor wenigen Minuten über Ihre Leben bestimmt habe, obsolet ist«, merkte er trocken an. »Sie können also aufhören zu weinen, Miss Turpin.« Die weinte umso mehr, allerdings vor Erleichterung.

»Ich glaube, wir sollten Minerva herbringen lassen, bevor wir gehen.«

»Ja. Cimny?« Plopp. Die kleine Hauselfe erschien sofort vor ihm, sichtbar und mit dem Ausdruck auf den Zügen, den Harry von Dobby kannte, wenn dieser stolz war, etwas gut gemacht zu haben. »Bring bitte Minerva her. Und Kingsley«, wies er die Hauselfe an. »Sag ihnen, der dunkle Lord ist gefallen. Endgültig.«

Diese Worte trugen sich wie ein Herbstwind mit Laub über den Hof… und plötzlich fingen die Schüler an, zu tuscheln… einige weinten, einige jubilierten… allmählich schienen sie zu begreifen, was gerade geschehen war. Derweil verschwand Cimny wieder und ließ die beiden zurück, um die gewünschten Personen in Italien einzusammeln.

Neville löste sich jetzt von Harry und stolperte seiner toten Oma entgegen, die neben dem geschockten Greyback auf den kalten Steinen lag, das Gesicht vor Grauen und Schmerz verzerrt. Bittere Tränen rannen über seine Wangen, und obwohl er sich so sehr bemühte, nicht zu schluchzen, konnte er es kaum unterdrücken.

Natürlich kam Harry zu seinem Freund und hockte sich neben ihn, sachte den Rücken des anderen Gryffindors reibend.

»Tut mir leid, Nev…«, flüsterte Harry schuldbewusst.

»Du hast den Fluch nicht gesprochen«, widersprach Neville und wischte sich ungalant über das Gesicht. »Aber er…« Neville sah völlig zerstört zu Severus. »Hätte er mich nicht entwaffnet…«

»Hätte das vermutlich nichts geändert«, widersprach Harry ganz reif und widmete sich weiter dem Trostspenden. »Außer, dass er dich vermutlich noch schlimmer zugerichtet hätte und am Ende wäre es dennoch so bekommen. Außerdem… Hermines Zauberstab? Hast du ihn probiert?«, wollte Harry wissen, nur ein Kopfschütteln auf diese Frage erhaltend.

»Ich… konnte nicht einfach nichts tun, Harry«, murmelte er. »Er hätte mir bestimmt zugehört.« Der junge Gryffindor machte sich ganz klein und schluckte. »Warum… sind alle tot?«, fragte er schmerzlich. »Ron, Hermine, Fred, George, Cho, Lavender, Luna…«, schluchzte er leise.

»Nev… ich glaube, da gibt es ein paar Überraschungen für dich. Vielleicht auch eine, die… also vielleicht kommst du am besten erst einmal mit uns mit. Und heb Hermines Zauberstab auf, dafür gibt es noch eine Verwendung« , erklärte sich Harry, Neville eher verwirrend als beruhigend.

»Mit euch…?« Er sah zu Severus, der nach wie vor einfach nur präsent blieb… da ploppte schon Cimny mit einer hergerichteten Minerva und einem stolz dreinblickenden Kingsley auf.

Schlagartig war der gesamte Hof in Aufruhr, Freudenschreie und Jubel übertönten alles. Scharen von Schülern umringten die einstige, stellvertretende Direktorin freudig.

»Zeit, zu gehen«, sagte Severus zu den beiden Jungs, beobachtend, wie Harry seinen Freund auf die Beine zog. Der ließ das eher widerwillig über sich ergehen und wirkte beinahe, als müsse er jeden Moment in sich zusammensacken.

»Komm, Nev. Du kannst jederzeit hierher zurück, aber… das willst du nicht verpassen«, versprach er ihm. Nicht, dass der junge Gryffindor aussah als könne er irgendeine Entscheidung treffen. Severus kam auf die beiden zu, Cimny an seiner Seite und trotzdem Harry bei ihm war, wich Neville vor dem finsteren Mann zurück. Dass Harry ihn nicht ließ, machte dem jungen Mann sichtlich Bauchweh. Nicht zuletzt die Geste, wie er die Hand nach Severus ausstreckte, schien Neville zu verstören. Aber auch hier hatte er keine Wahl.

»Schon gut, wirklich. Es ist jetzt alles… irgendwie gut. Es wird gut. Versprochen. Jemand wartet auf dich. Vertrau mir.« Harry drückte nochmal die Schulter des Anderen, dann verschwanden sie mit Cimnys Hilfe, mitten im Foyer des Anwesens auftauchend. Sofort zog sich Neville von beiden zurück.

»Wo bin ich? Was ist hier los?«, fragte er in einem sichtbaren Anflug von Panik. Vermutlich hatte er angenommen, irgendwo hingebracht zu werden, wo er in Sicherheit war und andere Leute, vielleicht sogar Auroren waren.

»Neville?«, erklang die zarte Stimme der jungen Luna, so vollkommen aufgebracht und hektisch, wie man es zuvor noch nie gehört hatte. Severus sah der jungen Frau auf der Treppe entgegen, genauso wie ein völlig fassungsloser Neville, der zunächst gar nicht zu wissen schien, was er tun sollte, bis sie sich ihm entgegenwarf und er die Arme um sie schlingen konnte.

»Luna«, keuchte er kaum hörbar, sie vorsichtig an sich drückend, als befürchte er, diesen Traum sonst zerplatzen zu lassen. »Du… du lebst… du…«, stammelte Neville dümmlich.

Severus legte den Arm wie beiläufig um Harry, die Szene mit wachsender Zufriedenheit beobachtend. Der dunkle Lord war tot, gestorben auf die unspektakulärste Weise. All die Vorbereitungen, all das Training, all die Pläne… und letztlich hatte er sich einfach selbst gerichtet. Es war zum Totlachen. Sein Blick ging runter zu Harry, der ihn angrinste. Er sah ziemlich durch aus.

»Wie ist das möglich?«, fragte Neville kaum hörbar. »Sie sagten, du seist tot… du und all die anderen aus der DA…«

»Kingsley hat mich rausgebracht«, erwiderte Luna ganz verträumt, sich in Nevilles Arme schmiegend. »Und du wirst dich wundern, was du noch alles so verpasst hast.« Sie deutete zur Treppe, die von lauter werdenden Schritten erobert wurde. Mehrere rote Schöpfe, Hermine, Dean und Seamus erschienen.

»Kingsley…«  Severus sah die Dankbarkeit in den Augen des jungen Gryffindors, der seinen Mitschülern und Mitstreitern entgegenblickte.

»Neville!«, rief Hermine aus, die Treppe regelrecht herunterschwebend.

»Bei Merlin! Hermine!« Der Junge wirkte überrascht und wie sich jetzt alle Überlebenden hier versammelten, fiel Severus' Blick auf Ginny, die lächelnd bei ihren Freunden stand. Sein Magen verknotete sich, unwohl wendete er sich ab. Er musste hier weg. Dringend.

Das erkannte auch Harry, der ihn nun sanft durch die Eingangstür hinaus in die Sommersonne zog, die sie freundlich begrüßte. Severus blinzelte die Sonne an, nicht recht glaubend, dass es nun alles vorbei war. Für all die Schüler und Erwachsenen würde jetzt das alte Leben weitergehen. Für ihn… wohl nicht.

»Alles okay?«, fragte Harry ihn leise, die Sorge in der Stimme kaum unterdrücken könnend.

»Ja«, erwiderte Severus mechanisch. »Er… ist tot. Auf die lachhafteste Weise die ich mir vorstellen kann. Einzig ein Sturz von einer Treppe wäre noch lächerlicher gewesen.« Und doch… konnte er es nicht glauben. Sollte es nach zwanzig Jahren so einfach beendeten sein?

»Fühlt sich merkwürdig an, mh? Keiner von uns hat am Ende etwas getan. Wir hätten nicht einmal da sein müssen. Ganz egal, was wir getan hätten, es wäre heute so gekommen.« Harry betrachtete die Weite des plötzlich sehr gepflegten Grundstücks – Hauselfen! – einfach erleichtert wirkend.

»Wären wir nicht in Hogwarts gewesen, wäre es dennoch genauso abgelaufen«, stimmte Severus mit dünner Stimme zu. Er hätte Harry nichts antun müssen. Er hätte diese Dinge nicht aufschreiben und aussprechen müssen. Es war so sinnlos.

Angespannt entzog er Harry seine Hand und legte sie auf seinen Unterarm, dorthin, wo das dunkle Mal unter Schichten aus Stoff prangte. Oder? Tat es das noch? Das war der letzte Beweis, den er brauchte, um zu wissen, dass der dunkle Lord wirklich tot war.

»Soll ich nachschauen?«, fragte der Jüngere ganz leise, woraufhin sich Severus' Finger fast besitzergreifend um seinen Unterarm wölbten. Wenn er nicht sah, dass es noch da war, bedeutete es, der dunkle Lord war gefallen. Auch wenn es noch da war. Schrödingers dunkles Mal.

»Was, wenn es noch da ist?«, fragte er zurück, hauchdünn und unsicher. Wenn es noch da war…

»Dann sagen wir seinen Namen und bringen ihn noch mal um?«, schlug Harry sanft vor. »Er ist weg. Er ist weg und wird es bleiben. Noch ein paar Jahre, dann wird nichts mehr an ihn erinnern«, sagte er nachdrück, woraufhin Severus nur leise Seufzen und eine Hand an Harrys Wange heben konnte. Vorsichtig streichelte er darüber, seine Furcht vor der Wahrheit zurückdrängend. Sanft schob er das Haar aus Harrys Stirn, wo für immer die Blitznarbe prangen würde.

»Wenn es nur so wäre«, sagte Severus leise.

»Wir sagen einfach, ich bin über meine eigenen Füße gestolpert und habe mich fast umgebracht beim Fallen. Das glaubt jeder«, versprach Harry schmunzelnd, der Berührung dankbar folgend. »Die einzige Macht, die er noch hat, ist die, die wir ihm geben«, sagte er sehr viel leiser.

»Ich wusste nicht, dass du vorhattest, in Albus' Fußstapfen zu treten«, neckte Severus, seine Hand wieder von Harry lösend, um den Ärmel seines linken Armes hochzuschieben. Dort war nur noch hauchdünn das dunkle Mal zu sehen, kaum erkennbar, wenn man nicht genau darauf achtete. Severus schluckte hart und biss die Kiefer zusammen. Es war verblasst. Wie der dunkle Lord selbst war es einfach… verblasst.

»Weg«, sagte Harry leise. »Voldemort… ist nur noch eine böse Erinnerung.« Trotzdem nichts geschah, war Severus kurz zusammengezuckt. Doch nichts. Stille. Kein dunkler Lord. Keine Todesser. Nichts.

»Es ist vorbei«, flüsterte Severus mit einer Erleichterung in der Stimme, die er selbst gar nicht ganz begreifen konnte. Tränen kündeten sich mit einem Kribbeln in seiner Nase an, heiß und unbarmherzig. Es war vorbei. Zwanzig Jahre… und nun war es vorbei!

Harry schlang die Arme um Severus und bei Merlin, er erwiderte das nur zu gern, Harry an sich drückend und gegen die Tränen der Erleichterung ankämpfend, die drohten, ihn zu übermannen. Stattdessen vergrub er seine Nase in Harrys Haar und schloss die Augen, die intensive Nähe zu seinem Gefährten genießend.

Da flog plötzlich die Tür auf und Neville polterte heraus, schmutzig, aber überglücklich. »Ich werde Vater!«, rief er aus. Severus löste sich instinktiv von Harry, das hatten einige Tage in Hogwarts hervorragend neu eingenordet.

»Ich weiß«, erwiderte Harry grinsend. »Herzlichen Glückwunsch… du Casanova«, kicherte er, woraufhin Neville ganz rot wurde.

»Du aber auch, wie ich hörte«, meinte Neville und sah kurz etwas verhalten zu Severus. »Danke, Sir.«

»Ich wüsste nicht, wofür«, erwiderte Severus tonlos.

»Sie haben mich aufgehalten, bevor ich etwas Dummes tun konnte und das hier nie erfahren hätte… Danke.«

Severus wendete den Blick etwas beschämt ab und atmete tiefer durch. »So sind Gryffindors. Man muss Sie vor ihrem eigenen  Mut beschützen«, sagte er tonlos. »Gehen Sie feiern, Mr. Longbottom.« Er sah zu Harry. »Und du auch. Feiere mit deinen Mitschülern. Ich sollte die Malfoys informieren.«

Statt zuzustimmen, seufzte Harry jedoch nur leise. »Ich gehe nach den Kindern schauen«, widersprach er ihm. »Komm Nev, du solltest definitiv feiern«, wendete er sich an seinen Freund, der verstrahlt nickte und sich wieder nach drinnen verzog.

»Was für Kinder?«, fragte er auf dem Weg nach drinnen an Harry gewendet, während Severus versuchte, sich an den beiden vorbeizuziehen. Er wurde von Harrys Blick allerdings ziemlich direkt ausgebremst und so ungern er es auch zugab, hier hatte er gerade noch Aktien mit drin.

»Edward Lupin, mein Patenkind und Dianthea, Severus' Tochter«, erklärte er einem sehr verblüfften Neville. »Wie du schon sagtest… irgendwie bin ich auch Dad geworden. Gleich zwei Mal und ich musste gar nichts dafür machen«, gluckste er schief lächelnd.

»Sie sind Vater?«, fragte Neville fassungslos an Severus gerichtet. Die Erkenntnis traf Severus nach wie vor wie ein Schlag und nachdem er am gestrigen Morgen mit Harry… Severus schluckte hart und schauderte.

»Schwer vorstellbar, aber ja«, presste Severus hervor.

»Nun geh schon«, sagte Harry sanft, ihn wie eine lästige Fliege wegwedelnd, woraufhin Severus freilich mit Freude die Flucht antrat und nach oben ging, um zuerst bei Draco anzuklopfen. Hoffentlich sah er nicht so elend aus, wie er sich fühlte.

Draco öffnete die Tür... und sah ihn überrascht an. Was auch immer die anderen bereits erfahren hatten, bei Draco war es bisher nicht angekommen. »Hey«, murmelte er überrascht und trat beiseite, um Severus einzulassen. Der Tränkemeister trat allerdings nicht ein, sondern fixierte Draco.

»Hey. Komm bitte mit hoch zu deinen Eltern«, sagte er zu seinem Patensohn. »Es gibt Neuigkeiten.« Draco sah zwar skeptisch aus, nickte aber und trat so aus dem Zimmer heraus. Natürlich erwischte man den Malfoy-Sohn niemals unordentlich und nicht ausgehbereit. Das gab es bei Draco einfach nicht, egal wie er sich fühlte oder wie es ihm ging.

Severus ging mit festen Schritten vorweg und führte seinen Patensohn direkt ins Zimmer seiner Eltern, wo er nur kurz klopfte und eine leise Zustimmung von Narzissa abwartete. Lucius und Narzissa saßen auf den Stühlen, tranken Tee und schienen sich gerade zu unterhalten als Severus mit Draco im Schlepptau hineinkam. Für einen elendig langen Augenblick verschränkten sich Lucius' und Severus' Blick. Wissend. Sie wussten, was der jeweils Andere als Schuldirektor wohl erlebt haben mochte.

»Er ist gefallen«, sagte Severus leise. »Wir sind… frei.«

Es war Narzissa, die als erstes reagierte. Anders, als gewiss viele andere Frauen, stieß sie keinen Schrei aus, sie sprang nur auf und umklammerte Lucius Schulter. »Severus«, hauchte sie. »Ist das wahr? Hast du es selbst gesehen?«, fragte sie angespannt, offenbar noch gar nicht zu Erleichterung fähig. Dennoch streckte sie bereits die Hand nach Draco aus.

»Ich stand neben ihm«, sagte er leise. »Er zerfiel zu Staub als er einen Zauber gegen Mr. Longbottom richtete, nachdem er Augusta Longbottom tötete.« Severus benetzte seine Lippen in einer angespannten Geste. »Vielleicht… war es am Ende doch Mr. Longbottom, den die Prophezeiung auserkoren hatte.«

Draco trat zu seiner Mutter und rieb sachte über ihre Schulter, während Narzissa ihn einfach nur ungläubig ansah, ehe sie... begann zu lachen. Sie lachte einfach. Das, was in dem Moment vermutlich am angebrachtesten gewesen wäre.

»Tut mir leid, wegen Augusta aber das...« Sie schüttelte den Kopf und umarmte stattdessen Draco, der einfach nur erleichtert aussah.

»Es ist ein Leben«, sagte Severus tonlos. »Dafür werden viele andere nicht mehr sterben müssen.« Er beobachtete mit Wärme in seiner Brust, wie Draco und Narzissa sich umarmten. Lucius, der noch immer reichlich blass war, erhob sich schließlich und trat vor Severus.

»Danke, Severus«, sagte er leise. »Danke, dass du uns von dort gerettet und in deinem Haus untergebracht hast.« Er sah zurück zu seiner Frau und seinem Sohn.

»Dazu bedarf es keinen Dank. Lebt. Und Draco: Werde vernünftig. Das ist die einzige Form von Dank, die ich akzeptiere.«

»Ich habe beschlossen, Leuten aus dem Weg zu gehen, die mich nerven«, entgegnete Draco trocken, wobei man die Aussage vermutlich auch auf eine Person im Raum beziehen konnte. »Hast du... Astoria gesehen, als du in Hogwarts warst?«, erkundigte er sich dennoch, den Blick stur an seinem Vater vorbeigerichtet.

»Wohlauf. Wie die meisten Reinblüter«, sagte er tonlos. »Sie und ihre Schwester sind unter dem Radar geflogen.«

Draco nickte zufrieden. »Gut. Blaise wäre total fertig gewesen, wenn ihr was passiert wäre.« Er drückte seine Mutter noch einmal, ehe er sich ein bisschen löste. Öffentliche Zuneigungsbekundungen waren einfach nichts für Slytherins, nicht einmal in einer solchen Situation.

»Zum aktuellen Zeitpunkt wäre es unklug, nach England zurückzukehren«, sagte Severus, über Dracos Worte hinwegsehend. Er war genauso ein Slytherin, wie der Rest der hier anwesenden Personen. »Wollt ihr hierbleiben?«

Narzissa schüttelte den Kopf leicht. »Lucius und ich werden bald nach Frankreich aufbrechen«, entgegnete sie. »Danke für alles«, sagte sie inständig. Lucius sah zwar nicht so aus, als hätte er dabei ein Mitspracherecht gehabt, aber nun gut, solange sie sich zusammenfummelten?

»Und du?«, fragte er an Draco gewendet. Der hob die Schultern leicht.

»Ich gehe nicht mit. Ich weiß noch nicht, wohin es mich verschlägt.« Nun, er war volljährig, und konnte das natürlich allein entscheiden.

»Du kannst hierbleiben, solange du es brauchst«, sagte Severus, ein Seufzen unterdrückend. Er durfte wohl nicht erwarten, dass Draco von jetzt auf gleich wusste, wohin mit sich. »Mein Wort hat keine Bedeutung mehr, allerdings könnte sich Professor McGonagall sicher Positiv für dich aussprechen«, merkte er beiläufig an.

»Danke«, brachte er durchaus überzeugend hervor. »Wer weiß... vielleicht verschlägt es mich ja zurück nach Hogwarts.« Er hob ganz nachlässig die Schultern. Ob es wohl jemand bestimmten gab, nachdem sich das richtete?

Der Dank überraschte Severus durchaus ein wenig, dennoch nickte er mal ganz beiläufig. »Vielleicht«, stimmte er zu. »Ich werde mich nun ausruhen und hoffe, dass die Kinder mich lassen«, merkte er an. »Solltet ihr etwas brauchen, oder aufbrechen wollen, kommt bitte dennoch zu mir.«

Einhelliges Nicken dreier blonder Personen und damit war er wohl für den Moment entlassen.

Severus wendete sich ab, um endlich in sein altes Zimmer zu gehen, wo Harry bereits auf einem Stuhl sitzend auf ihn wartete. Oder betrachtete er nur seine zwei Ziehkinder? »Lucius und Narzissa werden bald nach Frankreich aufbrechen«, erklärte Severus leise. »Draco bleibt.« Zur Antwort nickte Harry nur sachte. Natürlich. Viel gab es dazu auch nicht zu sagen.

Der Tränkemeister kam auf Harry zu, von hinten die Arme um ihn schlingend und sein Kinn sachte auf dem Haar des Jüngeren ablegend. Er sah allerdings nicht in die Wiege – das bereitete ihm noch immer Unwohlsein – stattdessen sah er hinaus. »Solltest du nicht mit deinen Mitschülern den Abschluss und eure Freiheit feiern?«, tadelte er leise.

»Ich habe gar keinen Abschluss gemacht«, widersprach er. »Und gerade… bin ich lieber mit dir allein.« Er untermalte diese Empfindung mit sanftem Streicheln der Unterarme seines älteren Gefährten.

»Du hättest letztes Jahr schon abgehen könnten«, widersprach er. »Zumindest in Zaubertränke und Verteidigung wärst du mit Erwartungen übertroffen und Ohnegleichen aus der Prüfung gegangen. Den Rest müssen Andere beurteilen.«

»Vielleicht… Hermine geht bestimmt zurück nach Hogwarts und macht ihren Abschluss richtig«, prophezeite Harry, nicht wirklich überzeugt klingend. Er schien es für sich selbst nicht in Erwägung zu ziehen. Sanft schmiegte sich der kleine Mann an Severus und wirkte damit noch kleiner. »Ist es lächerlich, wenn ich mich zu alt dafür fühle?«, fragte er ganz leise.

Severus konnte sich wirklich vorstellen, wie absurd es sich anfühlen mochte, jetzt nochmal als Schüler nach Hogwarts zu gehen. Der Überlebende. Der Auserwählte. Der Bezwinger des dunklen Lords. Der, dessen bester Freund nicht mehr neben ihm sitzen würde.

»Ich würde gerne einfach… ich weiß nicht, ganz neu anfangen? Ohne alte Erinnerungen, an einem schönen Ort, wo wir tun und lassen können, was uns eben in den Kopf kommt und Spaß macht. Ausprobieren, wer wir sind, wenn niemand unsere Fäden zieht.«

Der Tränkemeister seufzte kaum hörbar. »Das klingt furchtbar naiv und gleichzeitig furchtbar weise«, gestand er. »Du hast jedoch mit einem Recht: Es wäre schön, irgendwo zu leben, wo niemand uns kennt und durch Vorurteile oder Meinungen einschränkt.« Er schloss die Augen. »Mit den ZAGs hast du den kleinen Abschluss gemacht, Harry. Wenn du nicht wieder zur Schule willst, lass es. Oder lass dich außerschulisch prüfen, wenn du für dich lernen willst. Oder mach, was dich reizt, lern, was dir zusagt.«

Seine Worte schienen Harry zu gefallen. Dieser zog sich etwas zurück und sah zu ihm auf, die wundervollen, waldgrünen Augen groß. »Lass uns alles in Ordnung bringen… und dann einfach abhauen. Wir werden schon irgendwo landen. Ich habe ein Vermögen unter Gringotts liegen und mit den Hauselfen können wir die Kinder überall hin mitnehmen. Abgesehen von hier, war ich noch nie außerhalb von England. Und… es gibt bestimmt auch irgendwo anders Mohn«, erklärte Harry schmunzelnd, Severus' Kiefer mit seinen Lippen berührend.

»Was möchtest du denn noch in Ordnung bringen?«, fragte Severus, der nicht wusste, was Harry damit meinen könnte.

»Naja, keine Ahnung? Ich weiß nicht, was man so machen muss«, gestand Harry leise. »Ich weiß… viele Sachen nicht. Ich habe mich nie mit Sirius’ Erbe auseinandergesetzt und… ich weiß nicht, ob ich sowas noch machen muss. Und… naja, es gibt bestimmt eine Trauerfeier, oder?«

Severus schlief das Gesicht ein. Trauerfeiern hatte sein ganzes Leben lang gemieden. Selbst die seiner eigenen Mutter. Aus guten Gründen. »Trauerfeiern… werde ich nicht beiwohnen«, murmelte Severus. »Bei allem Anderen kann ich dir helfen.«

»Ich würde gern hingehen«, gestand Harry. »Aber ich würde dich niemals zwingen, mitzukommen. Tatsächlich… gehe ich vielleicht nicht einmal sichtbar hin, nur…« Severus zog die Brauen etwas kraus. »Also… was denkst du, bleibt sonst zu erledigen?«

»Geldmittel müssen transportabel gemacht werden… Besitztümer benötigen Verwaltung, wenn sie unbewohnt bleiben, wir brauchen Pässe… Ansonsten kommt vieles darauf an, wohin es uns verschlägt.«

»Häuser… Da fällt mir wieder ein, dass ich das Potter-Anwesen immer noch nicht gesehen habe… und ich muss Jeemy fragen, ob sie da wieder hinmöchte.« Severus runzelte die Stirn. Fragte er sich das wirklich? »Kommen wir denn einfach so an Pässe oder geht das nur mit Magie?«, fragte er.

»Zaubereministerium«, seufzte Severus kaum hörbar.

»Oh.« Harry stieß die Luft gedehnt aus. »Ich bin ein Vollidiot. Was für ein Glück, dass du ein Genie bist.«

»Das würde schmeichelhafter klingen, wenn du dabei nicht so Trocken klingen würdest«, merkte Severus an. »Ich habe einen europäischen Pass, noch von damals. Du allerdings wirst wohl keinen haben.«

»Ich habe gar nichts an Papieren oder sowas. Naja, außer meine Schulzeugnisse, falls das zählt.« Tat es nicht, wie Severus Kopfschüttelnd klar machte. »Und das war nicht gegen dich gemeint, es war einfach nur eine Feststellung, dass ich alleine offenbar vollkommen verloren wäre«, gestand Harry.

»Wärst du. Dafür bin ich dir ein paar Tage an Lebenserfahrung voraus. Wir kriegen das schon hin. Du hast im Ministerium nichts zu befürchten«, beschwichtigte Severus seinen dezent angefressen wirkenden Gefährten mal liebevoll.

»Dein Partner ist ein Trottel«, seufzte Harry, seine Hände in Severus' Haar schiebend. »Hermine weiß sowas bestimmt. Also… Pässe und Geld… und irgendwie die Häuser versorgen. Die Knirpse brauchen auch Pässe?«, hakte er nach. »Ich muss mich vermutlich auch schlau über Remus' Testament machen,… und Andromedas, falls es eines gibt, nicht? Wegen Ted.«

»Testamente liegen immer dem Ministerium vor. Sie würden auf dich zukommen, jetzt, wo klar ist, dass du als sein Vormund noch lebst. Lass sie arbeiten und warte ab«, sagte er. »Kleinkinder bis drei Jahren brauchen keine Pässe. Da haben wir unsere Ruhe.«

»Tut mir leid, ich werde glaube ich noch viele dumme Fragen stellen müssen.« Eine saloppe Warnung.

»Bislang sind sie eher besorgt. Sollten sie dumm werden, lasse ich es dich wie üblich wissen.« Severus lächelte ihn schief an. »Ganz gleich, wie weit unser Weg sein mag und wie viele Widrigkeiten sich darauf befinden… wir finden unseren Weg, Harry. Gemeinsam. Deine Naivität wird meine Verbitterung aufheben, wenn es um Zukunftsperspektiven geht… und meine Erfahrung wird deine Jugend ausgleichen, damit unser Weg nicht in einer Sackgasse landet. Wo auch immer wir also landen, werde wir uns gegenseitigen Ausgleich bieten.« Er küsste Harry ganz zärtlich. »Es ist nun Zeit, nicht mehr der Junge-der-überlebt zu sein. Ab heute bist du der Junge-der-lebt.«
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