Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zwei Leben - Unser Kampf - Severus Snape

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
31.01.2022
25.06.2022
31
240.000
44
Alle Kapitel
70 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
13.06.2022 6.550
 
~* Wie jede Woche gibt es den kurzen Hinweis: Vergesst nicht, Harrys Sicht der Dinge bei Enoraá zu lesen! Severus und Harry sind noch immer getrennt, sodass sich hier anbietet, beide vollständig unterschiedlichen Perspektiven zu lesen! *~

Was für grauenvolle Stunden waren das gewesen? Hatte er in Folge seines Todeskampfes schon schlecht geschlafen, hatte das Fehlen seines Gefährten, der Anblick des Massakers, der geschändeten Granger und der verängstigten Schlammblüter ihn kaum zur Ruhe kommen lassen, obwohl er ein wenig Whiskey getrunken hatte. Das Maß half also nicht, um diese Schrecken auszublenden und doch zu schlafen, weshalb Severus vollkommen übernächtigt sein Gemach verließ. Er musste etwas frühstücken, wenn er nicht auch noch entkräftet sein wollte. Dass sein Auftauchen unter den Schülern sehr zwiespältig aufgenommen wurde – ein Teil freute sich, vornehmlich die Slytherins, die ihn kannten – registrierte er eher beiläufig. Es interessierte ihn nicht, nach wie vor. Viel wichtiger waren die feindseligen oder furchtsamen Blicke derer, die sein Kollegiat darstellten. Klar, Carrow war zornig, immerhin hatte er sein Spielzeug entwendet und nicht zurückgebracht. Er musste achtsam sein, er war nicht mehr der engste Kreis des dunklen Lords. Nichts schützte ihn vor den kaltblütigen Gemütern anderer Todesser, die großenteils das Kollegiat bildeten. Der dunkle Lord würde vermutlich nicht in Tränen ausbrechen, nur weil Severus starb.

»Wo ist die Kleine?«, fragte Amycus Carrow ihn eisig.  

»Das ist nicht weiter von Belang für dich«, sagte Severus genauso eisig. »Konzentrier dich auf deinen Unterricht.«

»Sie gehörte mir«, fauchte der Todesser, als ihm mit einem einzigen, winzigen Schnippen von Severus’ Zauberstab jedoch vor versammelter Mannschaft die Luft wegblieb und er vermutlich dank des Aguadra-Fluches das Gefühl hatte zu ertrinken, wurde er angenehm still. Eine kleine Machtdemonstration. Eine kleine Erinnerung daran, dass er mächtig genug war, sie alle auszuschalten, wenn er wollte.

»Der dunkle Lord hat mich zum Schulleiter ernannt, Carrow. Damit entscheide ich, was in diesen Mauern geschieht. Ich habe entschieden, dass dieses Schlammblut für dich nicht weiter von Relevanz ist. Möchtest du meine Entscheidung und damit die des dunklen Lords, mich als Schulleiter einzusetzen, anzweifeln?«, fragte er ganz sachlich. Aus der Not heraus schüttelte der andere Mann nur hektisch den Kopf, woraufhin Severus den Zauber wieder aufhob. »Gut. Ich hatte schon Grund zur Annahme, dein Verstand wäre in der Schlacht vollständig verloren gegangen.« Er blickte über die restlichen Lehrer, wovon jene, die Todesser waren, sich ein wenig besser darstellten und seinen Blick unterwürfig mieden. Klar, eine solche Machtdemonstration war immer ganz eindrucksvoll. Die Lehrer, die jedoch einst seine Kollegen gewesen waren, hatten ihre Blicke vor Enttäuschung und Angst gesenkt. Sie sahen ihn nicht an. Sie fürchteten ihn. Sie verurteilten ihn. Zurecht.



Vielleicht wäre er besser im Bett geblieben. Oder hätte sich vom dunklen Lord oder der Schlange töten lassen. Schulleiter. Lachhaft. Es erinnerte ihn schmerzlich an die Geschichtsbücher der Muggel, die vom zweiten Weltkrieg berichteten. Damals hatte man Menschen einer bestimmten Glaubensrichtung und Herkunft gesellschaftlich ausgegrenzt, misshandelt und im großen Stil getötet. Dass der dunkle Lord nichts von magischen Kreaturen wie Kobolden, Hauselfen oder Zentauren hielt, war nicht neu. Zuerst hatte er regelrecht einen Genozid an den Kobolden verübt, nun hatte er eine große Gruppe Hauselfen getötet und da sich die wehrhaften Zentauren nicht greifen ließen, ging es direkt bei den Schlammblütern und Halbblütern weiter.

Severus hatte vor sich Akten liegen. Akten. Nicht über Fächer, Unterrichtsstoffe und Zahlung von Lebensmitteln, die sie in Hogwarts brauchten, sondern über Schüler. Schüler und ihre Einstufung über ihren Wert in der magischen Gesellschaft. Reinblüter schnitten – oh Wunder - gänzlich passabel ab, während sich Halbblüter wirklich beweisen mussten. Ihre Fähigkeiten, Loyalität und Herkunft wurden genauestens aufgelistet. War ein Halbblut aus einem hoch angesehenen reinblütigen Elternteil und einem Muggel entstanden, erhielt es eine höhere Wertung als ein Halbblut, dass aus einer namenlosen Familie aus Halbblütern stammte. Das zog Punkte in der Wertung ab. Lediglich herausragende Fähigkeiten konnten dann – bei lückenlosem Stammbaum seitens der magischen Vorfahren – zu einer noch akzeptablen Wertung führen. So konnte am Ende ein Halbblut niederer Abstammung, das wirklich herausragend gut in Zauberkunst war, dennoch eine annähernd so hohe Bewertung bekommen, wie ein Halbblut aus einer hoch angesehenen, reinblütigen Familie und einem Muggel.

Doch was nutzte den Kindern diese Bewertung? Nichts. Keines dieser Kinder würde frei über sein Leben entscheiden können. Sie würden Aufgaben erhalten, sowie Vorgaben, mit wem sie sich zu paaren hatten. Wie Zuchtvieh. Sie waren Zuchtvieh. Stuten und Hengste, die man am Seil, das man aus ihren Noten geknüpft hatte, vorführte. Ein Ohnegleichen knüpfte da gemeinhin ein eleganteres Seil, als ein Annehmbar oder gar Mies. Am Ende würden sie aber, ganz gleich wie gut sie abgeschnitten hatten, nur dazu da sein, das zu dick gewordene Blut der Reinblüter aufzufrischen und neue Familienstämme zu begründen, die von herausragendem, magischem Potenzial und altbewährten Blutes waren.

Severus seufzte und schlug die erste Akte auf, ziemlich blass werdend als er das Bild einer verängstigten Zweitklässlerin aus Slytherin sah.  

Name: Christina Banks

Status: Halbblut. (Muggelvater, Halbblutmutter)

Score: 30/42

Grundtalent 5/6

Dunkle Künste 1/6

Zauberkunst 5/6

Kräuterkunde 6/6

Zaubertränke 4/6

Folgsamkeit 4/6

Optik 5/6

Klassifizierung: Brauchbar.



Optik. Bei einem zwölfjährigen Kind? Wie abartig war das bitte? Wie konnte man ein Kind in dem Alter als etwas Anderes sehen als ein Kind? Er schüttelte sich und presste die Lippen zusammen. Die Notizen waren von Lucius übertragen worden, wobei die eine oder andere Zahl höher ausfiel als auf den Notizen der Lehrer. Hatte der Aristokrat beschissen? Zum Wohle des Mädchens? Steckte in seinem alten Freund mehr Herz als dieser ihm zeitweise gezeigt hatte?

Unwillig blätterte er die nächste Akte auf. Eine Sechstklässlerin, Hufflepuff. Etwas pummelig, aber genauso wie Pomona Sprout hatte sie genau deswegen ein sehr gütiges Gesicht. Sie kam im Scoring nur auf bedauernswerte 20/42 Punkten und war damit kategorisch von der Gesellschaft ausgeschlossen. Vermerke, wo sie arbeiten sollte, und dass sie keine Erlaubnis bekam, sich fortzupflanzen, standen schamlos neben ihrem unsicheren Lächeln auf dem Pergament abgedruckt.  

Und so, wie die beiden Mädchen, wurden auch alle anderen Schüler kategorisiert und jene, bei denen es noch keine Einstufung gab, wurde es von Severus und den Lehrern erwartet, dies nachzuholen.

Severus wurde gezwungen, über Leben auf eine Weise zu entscheiden, die nicht nur falsch, sondern grausam war. Er wurde gezwungen, junge Leben zu kategorisieren und für immer zu zerstören. Das alles würde natürlich obsolet werden, sobald der dunkle Lord fiel... doch die Entscheidungen, die Empfindungen, die sie dabei hatten, würden damit nicht einfach ungeschehen sein.

Am späten Abend saß Severus hinter seinem Schreibtisch und starrte abwesend auf die freie Fläche davor, die in der Nacht noch von toten Elfen und Blutlachen übersät gewesen war. Er hatte dreißig Akten auf dem Schreibtisch, die er noch einmal durchgeschaut hatte und war mit sich für heute wirklich fertig als ihm plötzlich siedend heiß einfiel, dass da eigentlich noch eine Verpflichtung auf ihn wartete. In Cokeworth. Das hatte er schon am Vortag einfach sausen lassen, weil er wegen Lucius, Dianthea und Harry und dem anstehenden Ausflug ins Malfoy-Anwesen ein bisschen abgelenkt war. Pathetisch.

»Cimny«, seufzte er kaum hörbar. »Ich kann hier nicht weg. Kannst du mit Charlie und George Weasley nach Cokeworth gehen und nachsehen, ob dort jemand ist, der wartet?«, fragte er die kleine Hauselfe, die sich wie immer unsichtbar hielt. Nur das Plopp sagte ihm, dass seine Worte nicht ungehört verklungen waren. Zumindest um diese Dinge konnte er sich noch kümmern, dank Cimny. Dennoch musste er vorsichtig sein, durfte nicht zu übermütig werden. Die letzte, verschwundene Schlammblüterin und drei tote Schlammblüter - zumindest nach Severus’ Worten - würden beim dunklen Lord nicht gut ankommen. Für den Augenblick war das allerdings eine Information, die noch nur bei Amycus Carrow und anderen Todessern lag. Hoffentlich reichte seine Schreckensherrschaft noch lange genug aus, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Es hatte ihn nicht geschützt, Entscheidungen treffen zu müssen, die nicht so reversibel waren, wie Bewertungen auf einem Blatt Papier. Bestrafungen, die nicht selten einer Folter gleichkam, Blutfedern. Das alles wurde hier umgesetzt, durchgesetzt und wann immer es fraglich war, hatte er die Entscheidung zu fällen oder gar beizuwohnen, insbesondere dann, wenn es um den weiterführenden Verrat an anderen Schülern ging, die mit dem bestraften Kind unter einer Decke hingen.

Severus hasste alles an diesen Stunden, an diesen Tagen. Es widerte ihn an und es machte ihn vollkommen fertig, denn die Spuren dessen, was diese Schüler durchlebten, würden sie ein ganzes Leben mit sich tragen.



Wo brachte man sie dieses Mal hin? Sie wusste es nicht. Sie wusste es nie. Manchmal verbrachte sie mehrere Tage in einem Verschlag irgendwo unter der Erde, sah niemanden, hörte niemanden. Manchmal waren da auch andere Leute – andere Frauen. Und manchmal... Was wäre es dieses Mal? Sie wollte es nicht wissen und dennoch beherrschte sie die Angst davor, sodass sie unweigerlich darüber nachdenken musste, während ihr Kopf sich immer neue Horrorszeniarien ausmalte, die am Ende doch nicht so schlimm waren, wie die Realität. Dank des Blendzaubers Solexcaecatus sah sie nicht, wo sie war, nicht, ob Tag oder Nacht war, nicht einmal, wer sie so grob vor sich herschob. Als sie an die erste Treppe stieß und stolperte, erklang hinter ihr nur ein Grunzen. Ein übler Gestank ging von dem Todesser aus und seine Hand war groß und grob, das war alles, was sie sagen konnte.

Vorsichtiger nun suchte sie mit den Fußspitzen die nächste Stufe, schließlich den Absatz... bis sie wieder gegen eine Treppe stieß und dieses Mal fast fiel. Wieder das Grunzen hinter ihr. Offensichtlich hatte der Todesser seinen Spaß daran, sie blind umhertaumeln zu lassen. Schließlich könnte er ihr verdammt noch mal auch einfach sagen, wann eine dämliche Treppe kam! Mehr Treppen und noch mehr Treppen. Nichts davon war gruselig. Dass man sie vor dem Aufbruch gereinigt hatte und sie frische Kleidung trug – das war gruselig. Denn es konnte im Grunde nur Eines bedeuten.  

Dieses Mal war die Treppe gewunden und enger, dann rempelte sie gegen eine Tür und stöhnte leise auf. Aua. Blödes. Todesser. Arschloch. Wenn sie nur an ihren... ach was an irgendeinen Zauberstab gelangen würde! Sie würde diese Kerle so dermaßen verfluchen!  

Die Tür wurde geöffnet, im gleichen Moment hörte sie das Rauschen eines Kamins, nur konnte sie nicht sehen, wer aus eben diesem entstieg, in dem Moment, in dem sie ins Büro des Schulleiters geschoben wurde.



Severus pendelte nur zwischen Schreibtisch, Bett und Tafel hin und her. Arbeiten, Essen, der Versuch, zu schlafen. Mit zwei Gläsern von Lucius’ Whiskey klappte das sogar einigermaßen. Er vertrug nicht genug, um nicht in einem leichten Rauschzustand nur an Nichtigkeiten zu denken, statt an Tod und all diese netten Dinge, die sein Tagwerk für ihn im Besonderen bereithielten. Gerade hatte er ein Glas des edlen Tropfens getrunken, mental bereits auf dem Weg ins Bett. Er war müde, unendlich müde.

Irritiert sah der Tränkemeister auf, als die Tür zu seinem Büro einfach geöffnet wurde, ohne, dass er jemanden geladen oder hereingebeten hatte. Da zeitgleich mit seinem unliebsamen Gast jedoch das grüne Feuer seines Kamins aufflammte und der dunkle Lord diesem entstieg, erhob er sich sofort respektvoll, das Gesichts ausdruckslos nur und ausschließlich auf seinen Herren gerichtet.  

»Herr«, sagte er ruhig, den Kopf neigend. Nur aus dem Augenwinkel erspähte er flammend rotes, langes Haar und Fenrir Greyback. Stinkender Werwolfabschaum.

»Severus«, eröffnete der dunkle Lord in diesem Ton, der nur wenigen Todessern vorbehalten war. Dem Inneren Kreis, im Regelfall. Hatte er... doch noch die Kurve bekommen? Severus mochte es sich kaum vorstellen. »Ich hörte, du machst gute Fortschritte bei der Bewertung der Schüler.« Der Werwolf und seine Gefangene wurden für den Moment von ihm ebenso ausgeblendet, die roten Augen lagen ausschließlich auf dem Tränkemeister, der noch einmal in einer kleinen Geste sein Haupt neigte.

»Die Spreu vom Weizen zu trennen ist absolut notwendig, um der großen Sache zu dienen, Herr«, sagte Severus. »Je eher ich alle Schüler bewertet habe, desto eher kann diese Trennung vollzogen werden.« Man mochte brechen.

»Das ist in der Tat korrekt. Du scheinst mir jedoch ein bisschen einsam zu sein, hier oben in diesem Turm«, säuselte der Lord. Oh Nein.

»Ihr wisst, Herr, dass ich meine Zeit gewissenhaft investiere. Gesellschaft ist nichts, dass der Sache dienen mag und hält mich allenfalls ab, Euch zu Diensten zu sein.« Er brauchte wirklich keine Gesellschaft. Von niemandem.

»Du willst mein Geschenk also ablehnen?« Dahin die Säuselei. Sofort kehrte die Kälte zurück, die Gefahr, die alleine schon diese raue Stimme ausstrahlte. Es war zumindest einen Versuch wert gewesen.

»Euer Geschenk?«, fragte Severus, den Blick jetzt zu Fenrir und dem Rotschopf wendend. Oh Nein. »Niemals würde es mir einfallen, Eure Großzügigkeit abzulehnen«, wich er aus. Er durfte nicht wieder von ihm verlangen, jemanden zu foltern. Bitte.

Voldemort machte eine Geste mit seinen zu langen, zu bleichen Fingern und Fenrir schubste das Mädchen in seine Richtung, dass blind voran stolperte und auf die Knie fiel, da sie offenbar mit der plötzlichen Bewegung nicht gerechnet hatte. »Da deine letzte Chance, deiner Blutlinie erneut zu Glanz zu verhelfen, offenkundig mit Narzissa Malfoy verschwunden ist, biete ich dir eine neue. Ich würde dir jedoch raten, sie nicht zu verlieren...« Er wusste Bescheid. Ganz eindeutig wusste er Bescheid.  

Widerwillig sah er zu dem rothaarigen Weasley-Mädchen. Ginevra Weasley. »Ihr seid zu gütig«, brachte er hervor. »Bring sie in die Gemächer des Schulleiters«, wies er Fenrir an. »Und sieh zu, dass die Tür fest verriegelt ist.« Hier konnte er sie nicht gebrauchen. »Ich hoffe, sie wird Ihren Zweck baldig zu unserer Zufriedenheit erfüllen«, katzbuckelte er ausdruckslos.

»Das hoffe ich auch, dir bleibt schließlich nicht ewig Zeit.« Für beiläufige, aber ernstzunehmende Drohungen hatte der dunkle Lord wirklich ein Talent. Fenrir packte das widerspenstige Mädchen erneut, sie auf die Beine reißend und brachte sie aus dem Raum in seine angrenzenden Gemächer, ehe er wortlos zurückkam und ging. Der Dunkle Lord musterte ihn noch einige Augenblicke, ehe er sich umwendete und so in den Flammen verschwand, wie er gekommen war.  

Verflucht. Ohne den Werwolf hätte das seine Chance sein können. Aber Nein, der stinkende Werwolf musste sich auch hierher begeben. Er hatte nicht ewig Zeit. Er musste noch vorsichtiger sein. Er durfte kein Leben mehr einfach retten, das wäre sonst zu auffällig. Was auch immer geschah, er musste es stumm hinnehmen, wie die fast zwei Jahrzehnte zuvor. Verflucht! Harry hatte ihn weich gemacht!

Severus wartete, bis der dunkle Lord im Kamin verschwunden war, dann stieß er leise die Luft aus. »Cimny... überbring noch eine Botschaft: Ginevra Weasley ist wohlauf und in meinen Gemächern gefangen. Es darf keine Rettungsmission geben. Der dunkle Lord vertraut mir nicht. Ich werde niemanden mehr retten können...«, hauchte er kaum hörbar, ehe er sich auf seine Zimmertüre zubewegte, diese leise entriegelnd. Das Mädchen hatte berechtigter Weise sicher Todesangst.

Oder auch nicht, zumindest ließen die Schläge, die plötzlich vollkommen unkoordiniert auf ihn einprasselten, darauf schließen. »Verräter! Verräter! Verräter!«, kreischte sie, obschon noch immer geblendet, aber egal was sie von ihm erwischte, es konnte nur nicht fest genug sein. Sofort begann Severus natürlich damit, sich mit Händen zu verteidigen und als er schließlich ihre Handgelenke zu packen bekam, hörten die heftigen Schläge auf. Seine Nase blutete und bestimmt wurde sein rechtes Auge ein Veilchen bekommen.

»Seien Sie still«, herrschte er sie finster an. »Und beruhigen Sie sich.« Dass seine autoritäre, finstere Stimme kaum beruhigend wirken mochte, ahnte er nicht.

»Sie haben uns verraten! Alle sind tot, wegen Ihnen!«, kreischte sie und zerrte mit durchaus viel Kraft an seinem Griff. Sie sah alles in allem aber auch wesentlich weniger mitgenommen aus als Granger. Natürlich... so als Reinblut.

»Genug«, knurrte er und stieß sie so von sich, dass sie gegen sein Bett prallte und rücklinks darauf fiel. Einen Herzschlag später war er über ihr, ihre Hände neben ihrem Kopf auf das Bett drückend. »Hören Sie zu und spielen sie mit«, hauchte er ganz dicht an ihr Ohr. »Sie haben die Chance, den Namen ihrer Familie wieder ins richtige Licht zu rücken«, knurrte er dunkel. »Schreien Sie. Glaubhaft.« Wieder nur ganz leise Worte. »Hören Sie auf, sich zu wehren!« Die Worte knurrte er wieder lautstark.

Sie sollte schreien? Sie schrie. Und zwar wie am Spieß! Allerdings hörte sie dabei auch nicht auf, sich zu wehren, auch wenn ihr nicht viel mehr übrigblieb, als unter ihm zu zappeln, wie ein Fisch am Land, weil er ohnehin viel zu schwer war. Dummes Kind.

»Ihre Eltern sind in Sicherheit«, flüsterte er kaum für sich selbst hörbar. Aber sie würde es hören, so dicht, wie er ihrem Ohr dabei kam. Sie erwischte ihn mit ihrem schlagenden Kopf. Es interessierte ihn nicht. »Ihre Brüder, Charlie und George, sind bei ihnen, sowie Hermine Granger, Professor McGonagall und einige Mitschüler.« Abrupt ließ er sie jetzt los und zog sich vom Bett zurück. »Miststück«, zischte er. Er war sich sicher, dass der Werwolf nicht weit war. Sehr sicher.

Und doch hatte sie es gehört, so atemlos wie sie jetzt doch liegen blieb. Natürlich musste sie sich fragen, ob er die Wahrheit sprach. Und beweisen konnte er es auch nicht. Blind und doch suchend fuhren ihre Augen umher. »Verräter«, wimmerte sie, aber offensichtlich spielte sie mit, denn das Wimmern spiegelte sich nicht in ihren Zügen wider. Da waren nur Entsetzen und die Frage, ob das wirklich sein konnte.

»Wiederholen Sie es, so oft Sie wollen«, sagte er eisig, seinen Zauberstab auf sie richtend. »Es wird Ihre Situation nicht ändern.« Und schon war der Blendzauber einfach aufgehoben. Ihre Augen konnten sich nun auf einen übermäßig blassen, müde wirkenden Severus Snape heften, der ein Taschentuch gezogen hatte und sich an die blutende Nase hielt. »Fügen Sie sich und es wird Ihnen an nichts mangeln.« Sein Blick ging kurz zu dem geöffneten Turmfenster. Verstand sie?

Sie blinzelte noch ziemlich, aber sie folgte seinem Blick. Ob sie wirklich verstand war nicht klar ersichtlich, aber sie blieb für den Moment ruhig sitzen, wenn sie auch die Beine an den Körper zog. Unsicher bewegten sich auch ihre Lippen, ohne dass ein Ton darüber drang. Sie schniefte. ‘Mum’ formte sie schließlich lautlos und sah ihn fragend, fast flehentlich an. Antworten konnte er ihr so jedoch nicht. Also nickte er nur langsam und ging zum Fenster, dieses lautstark zuknallen lassend. Wieder kam er auf sie zu, dieses Mal jedoch mit gehobenen Händen. ‘Spiel mit’, formten seine Lippen, wobei er sich nur auf das Bett neben sie setzte, genügend Distanz zwischen ihnen. »Ist es so schwer, sich auszuziehen?«, knurrte er. »Ich bin mir sicher, dass Mr. Potter diese Zurückhaltung nicht begrüßt hätte.« Er suchte ihren Blick. »Ich kann Sie nicht wegbringen«, flüsterte er. »Er tötet mich sonst.« Wieder kaum hörbare Worte, die sich in das Wechselspiel einfinden sollten.

Wieder bewegten sich ihre Lippen für einen Moment lautlos, aber wohl eher mangels Worten. Eine gute Schauspielerin war sie jedenfalls nicht. »Harry ist tot! Wegen Ihnen!« Gut, der Vorwurf klang tatsächlich echt.

»Mit Verlaub, aber hätte ich Potters Tod verursacht, hätte mich der dunkle Lord sicher nicht belohnt«, gab er finster zurück. Was stimmte. Weniger wie die Tatsache, dass Harry tot war. »Er ist tot. Finden Sie sich damit ab.« Zum Widerspruch schüttelte er den Kopf sachte und legte sich einen Finger an die Lippen, dann zog er sich den Umhang von den Schultern, damit der Stoff raschelte und nur noch seine Robe darunterblieb. Er hatte nur keine Ahnung, wie sie den Akt vollziehen sollten, damit Fenrir genug hörte.

Soweit schien das Mädchen aber noch gar nicht zu denken. Ihre Augen waren riesengroß auf ihn geheftet, ungläubig und doch fand sich eine Spur Hoffnung darin. Sie schlug sich die Hände vor den Mund und schloss die Augen einen Moment, das ganze erst einmal mit sich ausmachend, ehe sie tiefer durchatmete. Dann verzog sie jedoch deutlich die Lippen und musterte ihn skeptisch von oben bis unten. »Sie sind genauso schlimm, wie der verlauste Werwolf!«, warf sie ihm vor und deutete dann auf ihre eigene Wange, nicht besonders begeistert wirkend, aber sie wusste, wie dieses Spiel bei anderen Todessern ablief. Liebevoll war anders. Er schüttelte jedoch den Kopf, die Brauen leicht zusammenziehend. Er war kein gewalttätiger Mann... Er war nicht wie sein Vater. Er würde ihr nicht wehtun.

»Provozieren Sie nur, Miss Weasley, es wird Ihnen am Ende nicht helfen. Auf den Bauch«, verlangte er scharf und sah sich unschlüssig um, denn... er hatte wirklich kein Bedürfnis, sie zu schlagen oder zu nehmen. Wirklich nicht. Und Ginny schien genauso unschlüssig zu sein, um nicht zu sagen verwirrt und vollkommen überfordert. Zumindest bewegte sie sich unruhig auf dem Bett, was für mehr Geraschel sorgte, sogar für leises Knarzen des Holzes. Kein ganz schlechter Anfang, aber das reichte natürlich bei weitem nicht aus. »Lassen Sie mich los!«, rief sie, obwohl er nicht mal in ihrer Nähe war.

»Eines Tages werden Sie mir dankbar sein«, gab Severus zurück, das blutgetränkte Taschentuch neu gegen seine Nase drückend. Er trat mit der Ferse gegen den Bettrahmen, dann erhob er sich und schüttelte sich heftig. Allein, es so darstellen zu müssen, zerrte an seinen Nerven. Er deutete Ginny an, sich die Hand auf den Mund zu legen. »Schrei, so laut du willst. Es gibt keinen, der dich retten wird.«

Sie schien die Situation genauso furchtbar zu finden wie er und tat sich ziemlich schwer damit, dennoch schob sie sich die Hand über den Mund und gab sich Mühe, gedämpfte, halbwegs glaubwürdige Geräusche auszustoßen, dabei auf dem Bett herumhüpfend, was ihre Schreie gleichzeitig mal lauter, mal leiser sein ließ. Dafür war Severus ihr wirklich dankbar. Auch dafür, dass Männer beim Sex im Regelfall relativ leise waren. Irgendwann knurrte er einfach nur laut und machte eine Geste, damit sie aufhörte, sich zu bewegen, ehe er sich wieder neben sie auf das Bett fallen ließ. Seine Kiefermuskeln waren bis zum Bersten angespannt, er schwieg jetzt und starrte einfach nur in den Raum vor sich. Wie lange würde Fenrir wohl lauschen, wenn er wirklich abgestellt war?

Das Mädchen drehte sich auf dem Bett liegend von ihm fort, und rollte sich genauso ein, wie sie es wohl tatsächlich getan hätte, wäre all das echt und zum Weinen hatte sie ganz bestimmt genügend Grund, auch wenn es alle dem hier eine Realität verlieh, die an den Nerven zehrte. Ganz gleich, ob sie nun vor Erleichterung weinte, oder nicht.  

Severus blieb noch eine gute Viertelstunde sitzen, dann erhob er sich wortlos und verließ den Raum, um sich für eine weitere Viertelstunde im Bad zu verschanzen. Erst danach kehrte er zurück, den Raum magisch gegen Lauschangriffe schützend. »Entschuldigen Sie dieses abscheuliche Schauspiel«, sagte er verstimmt. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass er Fenrir abgestellt hat, uns zu belauschen.«

Ihre Augen waren noch gerötet, sie hatte wirklich geweint, aber sie nickte leicht. »Dachte ich mir«, murmelte sie verschnupft. »Was ist denn nur los?«, fragte sie verwirrt, traute sich aber offenbar auch nicht, offen weitere Fragen zu stellen und bewies damit zugegeben mehr Hirn als diverse andere Gryffindors.  

»Wie gut sind Sie in der Lage, Ihren Geist gegen einen Legilimens zu verschließen?«, konterte Severus die Frage der jungen Frau. »Daran bemesse ich, was ich Sie wissen lassen kann.«

Die gehobene Braue macht ihrer Mutter große Konkurrenz. »Ich habe es noch nie versucht«, entgegnete sie. »Ich kann Ihnen sagen, dass ich Carrows Imperius abschütteln kann, das wars.« Das war nicht wenig.  

»Erlauben Sie mir, Sie mit einem entsprechenden Zauber anzugreifen? Wenn ich mir gewahr bin, dass Sie kein offenes Buch für den dunklen Lord sind, werden Sie einige Dinge erfahren könne.« Er sprach weiterhin ruhig und leise, wirkte weiterhin angespannt. Sie wedelte mit der Hand, fast ungeduldig. Natürlich wollte sie mehr wissen. Allerdings war ihr aktueller Zustand auch recht angegriffen. Aber so wie sie das Kinn reckte?

Severus zögerte natürlich nicht, wortlos drang er mit Legilimentik in ihren Kopf ein, auf der Suche nach ihrer unangenehmsten, vielleicht sogar schmerzlichsten Erinnerung, sowie der schönsten. Das waren Dinge, die sich am schwersten verbergen ließen. Er war gespannt, wie gut sie sich schlagen würde und war überrascht, welches natürliche Talent sich dahinter verbarg. »Herausragend, wie in beinahe allen Dingen, die Sie lernen«, meinte er stirnrunzelnd und wieder hob sie eine Braue. »Wie ich bereits andeutete, sind ihre Eltern, sowie ihre Brüder in Sicherheit«, erklärte er ihr. »Zusammen mit einigen Flüchtigen, den eingekerkerten Schlammblütern, Miss Granger, der kompletten Familie Malfoy, Kingsley, Mr. Thomas und Mr. Finnigan.« Harry lies er bewusst raus. Zu riskant.

»Sie sprachen von Charlie und George... was ist mit den anderen Jungs?«, hakte sie nach. »Und sind Sie nun auf unserer Seite oder nicht? Sie sprechen von ‘eingekerkerten Schlammblütern’«, rügte sie und rümpfte die Nase.

Severus wurde gewahr, dass sie offenbar nicht wusste, wer tot war und wer lebte. Unangenehm. »Es tut mir leid, Miss Weasley. Sie, und die beiden, sind die einzigen überlebenden ihrer Geschwister. Bis vorhin dachten wir, dass auch Sie tot sind«, eröffnete er ihr dunkel und konnte beobachten, wie sie deutlich blasser wurde. Nein, sie hatte es nicht gewusst. »Wäre ich nicht auf Ihrer Seite, hätte ich wohl diese Scharade abgezogen, statt meiner Pflicht nachzukommen?«, zischte er dunkel. »Ich bemühe mich, dennoch in meiner Rolle zu bleiben und somit bleiben Sie eine Blutsverräterin und Miss Granger ein Schlammblut.«

Sie atmete tief durch. »Bitte schön«, murmelte sie. Es musste ihr nicht gefallen. »Aber ich weiß nicht, welche... Schlammblüter wo eingesperrt sind. Oder wo überhaupt... wo ich war.« Vielleicht war sie in Hermines Nähe gewesen? Aber sie hatte es nicht wahrnehmen können.

»Jetzt aktuell ist kein Schlammblut mehr eingekerkert«, versicherte er ihr. »Miss Granger ist offiziell geflohen, die anderen drei habe ich offiziell getötet«, sagte er ganz nüchtern.

»So einfach, mh? Und Sie? Ich habe die Todesser reden gehört. Es hieß Sie seien nicht aus der Schlacht zurückgekehrt und dass Lucius Malfoy nun Schulleiter ist.« Er paar Dinge hatte sie offensichtlich hören können.

»Nichts daran ist einfach und schon gar nicht ohne Risiko«, knurrte er mit verengten Augen. »Es hat seine Gründe, weshalb ich überlebt und die Anderen habe retten können«, meinte der Tränkemeister. »Ich würde Sie gern fortbringen, doch für den Augenblick stehe ich offenbar nicht hoch genug in seiner Gunst, um Vertrauen zu genießen. Sie müssen hierbleiben, zunächst.«

Sie hob die Schultern leicht. »Ich war in den letzten Wochen an deutlich schlimmeren Orten. Und ich kann etwas sehen. Das ist von Vorteil.«

»Spielen Sie Ihre Rolle, ich spiele meine, Miss Weasley. Mit etwas Glück überleben wir es und können bald auf eine Zeit ohne ihn blicken.«

Sie nickte leicht. »Wenn Sie mich einfach hierlassen, sollte das einfach sein, solange er nicht mehr als Lauschangriffe verordnet.« Sie schüttelte sich leicht und auch Severus sah für einen Moment leidend drein.  

»Hoffen wir das Beste«, murmelte er. »Schlafen Sie, wenn Sie erschöpft sind. Ich bin nebenan im Büro«, fügte der Tränkemeister noch an, sich zur Tür begebend. Es gab nun mal nur ein Bett und das besetzte gerade sie. »Die Mahlzeiten werden mittlerweile versetzt eingenommen, nachdem der dunkle Lord alle Hauselfen getötet hat. Ich kann Ihnen also nicht sagen, wann Sie Essen gebracht bekommen.«

»Alle Haus...« Sie unterbrach sich und stieß die Luft aus. »Nicht schlimm. Würden Sie mir sagen, wo das Bad ist? Danach lege ich mich hin«, versicherte sie. Es war ja offensichtlich, dass er nicht weiter mit ihr interagieren wollte, und sie konnte sich sicher auch bessere Gesprächspartner vorstellen. Entsprechend deutete er nur beiläufig in Richtung des angrenzenden Badezimmers, in das er zuvor ja selbst verschwunden war und verließ das Gemach. Er würde die Nacht durcharbeiten und irgendwann in den frühen Morgenstunden versuchen, etwas zu schlafen, nachdem er das Mädchen irgendwie... rausgeworfen hatte. Vielleicht funktionierte das ja irgendwie auch ohne Whiskey und ohne Harry zumindest für ein, zwei oder sogar drei Stunden.

Er hasste diese Arbeit mehr, denn je und wieder einem Mädchen die Befugnis zu nehmen, über ihr Leben und ihre Liebe zu entscheiden fühlte sich an als würde er ihr Leben direkt ihren Händen entreißen. Er war nicht viel besser als ein Dementor, nicht? Er raubte das Lebensglück, die Fähigkeit, positive Dinge zu empfinden, indem er diese Kinder für ein vorgeschriebenes Schicksal klassifizierte. Es waren erst wenige Tage, aber Severus war sich sicher, dass er niemals in der Lage sein würde, diese Tage zu vergessen.  

Das leise Plopp seiner Hauselfe ließ ihn nicht reagieren – das musste er sich zu ihrem Schutz ohnehin abgewöhnen. Im Idealfall bekam das dann einfach niemand mit, sollte doch jemand in seiner Gesellschaft sein, wenn sie sprachen. Nach einem kurzen Augenblick der Stille wurde die Elfe allerdings sichtbar und kam mit einem dicken Kissen in den Armen zu ihm gestolpert.

»Was hast du da?«, fragte er stirnrunzelnd.

»Ein Kissen, Sir!«, erklärte die kleine Person freudig.

»Das sehe ich. Gut, andersherum: Warum hast du ein Kissen dabei?«, fragte er sie mit nun angehobenen Brauen. Er hatte hier Kissen und sie auch nicht darum gebeten, ihm ein Kissen mitzubringen.

»Das ist von Master Potter, Sir!«, erklärte die Elfe noch freudiger, was den Schulleiter sichtbar stocken und schlucken ließ.

»Von Harry...?«, fragte er dünn. Hatte der junge Mann etwa trotz seiner Aktion noch positive Gefühle für ihn?

»Oh Ja, Sir! Und ich soll Ihnen ausrichten, dass er Sie vermisst. Und er macht sich sehr viele Sorgen und für ihn hat sich nichts geändert!« Die piepsige Stimme passte kaum zu der Schwere dieser besonderen Worte, die Severus’ Kehle zuschnürten und ihn dazu zwangen, immer wieder hart zu schlucken. Harry. Was war das nur mit dem Jungen? Da schockte Severus ihn nach einer Art Streit und machte sich entgegen aller Zusprüche, Versprechen und lieben Worte allein auf den Weg, die Schlange und den dunklen Lord zu töten und Harry... vergab ihm einfach. Ja, Harry hatte definitiv ein Problem.

»Danke«, flüsterte Severus, sich hinabbeugend, um das Kissen entgegenzunehmen und kurz die Nase hineinzudrücken. Sofort schloss er die Augen, der Duft des jungen Mannes, irgendwas und Mandel, war so präsent als stünde er direkt vor ihm. Das machte das klamme Gefühl in seiner Brust und die Enge in seiner Kehle nicht besser. »Danke...«

»Der Master vermisst ihn sehr«, stellte die kleine Elfe fest. »Master Potter hat vorgeschlagen, mit der jungen Miss Weasley den Platz zu tauschen mit Vielsafttrank«, sprudelte es aus ihr hervor. Severus reagierte da eher impulsiv, statt sinnvoll.

»Das wäre Irrsinn«, knurrte er. »Er soll von hier wegbleiben. Zu seinem Wohl«, erklärte er ihr finster, die Worte noch in dem Augenblick regelrecht bereuend. War es wirklich zu Harrys Wohl, in Italien allein eingesperrt zu sein? Andererseits war dort Ted und Harry hatte klar gemacht, dass er sich um ihn kümmern würde - und auch um Dianthea. Wiederum wollte Harry bei ihm sein. Andererseits war jetzt Hermine bei ihm. Wiederum wollte er nicht tatenlos zusehen, wie die Dinge in England schlimmer wurden.

Severus seufzte gedehnt und knautschte das Kissen leicht. »Ich will darüber schlafen. Außerdem sollte Miss Weasley einverstanden sein, wenn er ihren Platz einnehmen sollte«, legte er fest. Immerhin musste sie für einige Zeit ihren Körper zur Verfügung stellen. In Situationen, in denen man im Regelfall nie gesehen würde, würde Harry ihren Körper tragen. Das war in keiner Vorstellung wirklich angenehm.

»Cimny... ruh dich etwas aus. Ich werde später schlafen, wenn Miss Weasley ausgeruht ist. Du siehst erschöpft aus.« Klar, Langstreckenapparieren war auch für Hauselfen nicht ohne, und da sie ja auch abends mit den Weasleys nach Cokeworth ging, war das für sie aktuell wirklich nicht ohne.

»Cimny wird sich ausruhen, aber wenn Master Snape sie braucht, ist sie da!«, versprach sie ihm.

»Das weiß ich. Und ich danke dir dafür.« Er seufzte. »Ohne dich und die anderen wären wir längst tot. Oder Minerva und die anderen wären es.« Ein knappes Lächeln war, was er der Elfe gab, und die lächelte zurück, ehe sie mit ihrem Plopp verschwand. Severus blieb mit seinem nach Harry duftenden Kissen zurück. Er würde nicht ein einziges Kind bewerten, solange er Harrys Duft in der Nase hatte.



Eine Entscheidung wie diese sorgte für einen sehr müden Severus, der irgendwann an die Tür zum Schlafzimmer klopfte. Ob das Mädchen wach war? Wie würde sie wohl dazu stehen, mit Harry die Plätze zu tauschen.

»Ja...?«, erklang es eher zögerlich von drinnen, allerdings musste sie ja auch nicht, was sie erwartete. Es wäre wohl zu viel verlangt zu hoffen, dass sie sich hier irgendwie wohl fühlen könnte. Vor allem wenn sie wusste, dass irgendwo ein großer Teil ihrer Familie war. Severus hatte also durchaus Verständnis für jedes negative Gefühl ihrerseits.

Leise öffnete er die Tür, dann schloss er sie wieder hinter sich, den Raum erneut mit Zaubern belegend, die ihre Worte verreißen und abdämpfen würden. »Konnten Sie etwas ruhen?«, fragte er tonlos. Sie trug natürlich noch das gleiche Kleid, in dem sie gestern hier angekommen war, aber ihr flammend rotes Haar war eindeutig frisch gewaschen. Ihre Erscheinung war wirklich nicht mit Grangers zu vergleichen.  

»Ein bisschen, ja«, stimmte sie leise zu. Das Bett hatte sie bereits etwas glattgezogen, saß selbst auf der Bettkante.  

»Gut.« Er blieb groß und autoritär an der Tür stehen, den ganzen Raum mit seiner Präsenz vereinnahmend, obwohl er sich ihr nicht näherte. »Es gibt etwas, dass Sie erfahren sollten. Danach benötige ich eine Entscheidung von Ihnen«, erklärte er ihr sachlich. »Wenn Sie sich dagegen entscheiden, werde ich dieses Gespräch aus ihrer Erinnerung entfernen müssen.«

Sie runzelte die Stirn leicht, die Aussicht, dass er an ihren Erinnerungen herumpfuschte, schien ihr gar nicht zu gefallen, aber welche Wahl hatte sie? Also nickte sie ihm zu. »Worum geht es?«

»Mr. Potter lebt«, sagte er sachlich, ganz bewusst keine zu persönliche Anrede nutzend. »Er ist bei Ihrer Familie und hat mir die Information zukommen lassen, dass er bereit wäre, den Platz mit Ihnen zu tauschen, indem er Ihre Gestalt annimmt.« Emotionslos, sachlich. Sie sollte nicht beeinflusst werden. Trotzdem blinzelte sie überrascht. Das Harry noch lebte, hatte er ja bereits angedeutet, es musste also der Vorschlag selbst sein, der das auslöste.  

»Wäre das nicht unglaublich gefährlich? Oder... wäre es besser, wenn er hier ist?« Sie wusste es nicht, also musste sie nachfragen. Das war nicht dumm.

»Das wäre es. Sein Überleben muss unbedingt geheim gehalten werden. Daran haben wir bislang alles gesetzt. Allerdings stehe ich hier auf verlassenem Posten – einen Mitstreiter gegen ihn zu haben, wäre nicht von Nachteil.«

»Und natürlich will er das auch«, seufzte sie. »Wobei er wohl wirklich nützlicher gegen ihn ist.« Sie nickte sachte. »Na gut... ich bin einverstanden.« So richtig begeistert sah sie nicht von der Vorstellung aus, dass Harry in ihren Körper schlüpfen würde, aber wer wäre das schon.

Severus seufzte leise und schloss für einen sehr kurzen Moment die Augen. Harry hierher zu holen war so furchtbar riskant... aber andererseits konnten sie so gefahrlos in Situationen kommen, in denen sie den dunklen Lord angreifen konnten. »Dann bereiten Sie sich darauf vor, im Laufe des Tages auszuziehen«, sagte er. »Ich lasse Cimny Wechselkleidung für Sie mitbringen, damit Harry Ihre Kleidung anziehen kann.« Ernst kräuselte er die Nase. »Er kann von Glück reden, dass ich derlei Tränke immer vorrätig habe.« Er zögerte noch kurz. »Beschäftigen Sie sich nebenan. Ich brauche etwas Schlaf«, murrte er leise. Das Kissen würde er sich definitiv holen.

Die junge Frau nickte mehrfach, wenn auch mit verzogenen Lippen, ehe sie sich erhob und gemeinsam mit ihm das Zimmer verließ. Es gab Bücher hier... sie würde sich wohl beschäftigen können, nicht? Severus nahm sich das Kissen kommentarlos, dann verschwand er nach ein paar verriegelnden Zaubern ins Schlafzimmer. Er wusste, dass sie nicht abhauen würde, aber wer auch immer ungefragt hereinkommen wollte, müsste das mit Zauberei machen und das wirkte dann so, als habe er sie eingesperrt.

»Cimny«, flüsterte Severus, seine Kleidung abstreifend. »Informiere Harry, dass er heute parat stehen soll, ein Ausflug nach Hogwarts steht ihm bevor, sobald ich den Vielsafttrank organisieren kann.« Zwei Plopp, dann sank Severus mit der großen Nase voran in Harrys Kissen, todmüde in einen zumindest oberflächlichen, traumlosen Schlaf gleitend.



Unerholt, aber zumindest mit der Aussicht, Harry wiederzusehen, war Severus ohne das Mädchen in den Tag aufgebrochen und hatte sich bemüht, unauffällig seinem Tagwerk zu folgen. Cimny hatte unterdessen die notwendigen Informationen, sowie Wechselkleidung für beide Seiten übermittelt. Was nun noch fehlte, war ein Vielsafttrank. Dazu musste er unweigerlich hinab in die Kerker des Schlosses, wo er im Grunde aktuell nicht viel zu suchen hatte. Er war kein Lehrer, kein Hauslehrer mehr, sondern der Schuldirektor, der sicher wichtigere Dinge zu tun hatte als durch die Korridore zu streifen. Der Vorteil daran, Severus Snape zu sein war allerdings, dass ihn wirklich niemand in Frage stellte und er hier unten einen derart vertrauten Anblick bot, dass es wohl kaum zu Fragezeichen in den Köpfen der Schüler führen würde.

Severus kehrte in sein altes Gemach ein, wo er seine geheimen Vorräte hatte – wie auch in Cokeworth – und nahm sich den Vielsafttrank in die magische Tasche seines Umhangs, zu seiner Deckung zwei, drei Fachbücher aus seinem alten Gemach, dass nach wie vor unbewohnt war, mitnehmend. Es würde wohl niemand in Frage stellen, dass er das Bedürfnis hatte, ein paar Fachbücher zu lesen. Zur Zerstreuung und Unterhaltung. So war er schon am frühen Mittag wieder in seinen Räumlichkeiten – denen des Schulleiters – und fand dort die junge, rothaarige Frau vor.

»Sie wissen, wohin Sie gleich gehen werden?«, fragte er, sich rückversichernd, dass man sie nicht zwischenzeitlich ausgetauscht hatte.

»Ja, Sir. Ich bin echt erleichtert, dass Sie einen Weg gefunden haben, mich zu meinen Eltern zu schicken«, seufzte sie und strich sich das lange, dunkelrote Haar aus dem Gesicht. »Auch wenn mir zwischenzeitlich einfiel, dass Harry jetzt einige Zeit in meinem Körper verbringen wird.« Sie zog die Brauen zusammen, gar nicht so begeistert wirkend.  

»Das fällt Ihnen erstaunlich früh ein«, stellte Severus trocken fest. »Ich hatte mehr Weitsicht von Ihnen erwartet.« Er zog seinen Vielsafttrank aus der Tasche und sah sie auffordernd an… immerhin brauchte er für diese Flasche ja ein Haar von ihr.

Sie wickelte ein eben solches um ihren Finger und zog es von ihrem Kopf, es ihm reichend. »Jah... ich hatte das ausgeblendet«, gab sie zu.  

»Nun, ich hoffe, Sie können es in Anbetracht einer sicher tränenreichen Wiedervereinigung mit Ihrer Familie ausblenden.« Severus nahm das Haar und gab es in den Trank, diesen wieder verkorkend. Für den Moment wurde er nicht gebraucht, stattdessen wanderte er in seine Tasche. »Bereit?«

Sie nickte fest. »Ja Sir«, stimmte sie zu und atmete tief durch, sich leicht straffend. Natürlich vertraute sie ihm wohl nicht vollständig und hatte noch immer eine gewisse Sorge, er könnte sie reinlegen, aber sie war eben am Ende eine Gryffindor – mit allem Für und Wider.  

Severus nickte schließlich knapp. »Cimny, wir sind bereit«, sagte er leise, woraufhin die keine Elfe zwar mit Plopp erschien, jedoch nicht sichtbar war – wie immer hier. »Leben Sie wohl, Miss Weasley«, sagte Severus, der nicht wusste, ob er das Ganze am Ende überleben würde oder konnte. Da verschwand Cimny jedoch bereits mit Ginny und ließ ihn allein mit dem Echo seiner Worte zurück in den Gemächern des Schulleiters. Leise seufzend schloss er die Augen. Es war absoluter Wahnsinn… aber… vielleicht brauchte man ein wenig Wahnsinn in diesen Tagen. Harry hierher zu holen war absoluter Irrsinn und wirklich fahrlässig, aber mitunter war es am Ende dieses Themas wichtiger, jede Chance zu ergreifen als sich und andere in trügerische Sicherheit zu wiegen. Er konnte nur hoffen und zu wem oder was auch immer beten, dass es am Ende nicht aufflog, wer hier nun an seiner Seite ausharrte.


*~ In diesem Kapitel war Enoraá so lieb, mir eine störrische Ginny und einen sehr freundlichen Voldi  zu schreiben. Ich hoffe, das hat euch gefallen! ~*
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast