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Zwei Leben - Unser Kampf - Severus Snape

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
31.01.2022
25.06.2022
31
240.000
45
Alle Kapitel
71 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
09.06.2022 6.374
 
~* Wie jede Woche gibt es den kurzen Hinweis: Vergesst nicht, Harrys Sicht der Dinge bei Enoraá zu lesen! Severus und Harry sind nun getrennt, sodass sich hier anbietet, beide vollständig unterschiedlichen Perspektiven zu lesen!

In diesem Kapitel war Enoraá so lieb, mir einen sehr freundlichen Voldi zu schreiben. Ich hoffe, er gefällt euch! *~

Ein leises Plopp, dann stand Severus in dem Flur im Anwesen der Malfoys. Trudy war an seiner Seite, klein und unscheinbar. »Halte dich unsichtbar im Hintergrund«, empfahl Severus der Hauselfe, sich kurz orientierend. Hier unten war er noch nicht gewesen, und so dunkel wie es war, musste es noch hinter den Verließen liegen, die er kannte. Es war allerdings irrelevant. Er kam nicht auf dem herkömmlichen Weg und er würde nicht auf dem herkömmlichen Weg wieder gehen. Rein, Schlange töten, wieder zurückkehren und hoffen, dass Harry ihm diese Aktion verzieh. Aber es war nicht anders gegangen. Harry war… einfach zu sehr Harry und nachdem er ihn nun bereits wegen eines kleinen Kitzelns angegriffen hatte, erachtete der Tränkemeister es als sinnvoller, nur sein eigenes Leben in Gefahr zu bringen, nicht auch noch das von seinem Gefährten. »Welche Richtung?«, wollte er von Trudy wissen. Er hoffte sehr, dass er mit den Schutzzaubern zurechtkam, die der dunkle Lord gewirkt haben musste.

»Dort, die Tür, Mr. Snape«, sagte das kleine Geschöpf ängstlich und deutete auf eine nicht besonders auffällige Tür.

»Gut, dann mach alles so, wie immer«, verlangte er von Trudy, sich zur Tür begleiten lassend. Vielleicht wurden dann keine Schutzzauber ausgelöst? Er konnte nur hoffen, dass seine Chancen damit stiegen.  

Ziemlich unspektakulär öffnete sich die Tür für das kleine Wesen. Natürlich war es unspektakulär. Der Raum hinter der Tür war ebenfalls sehr unspektakulär. Es gab einen - natürlich, so im Hause Malfoy - edlen Teppich und ein bequem aussehendes, recht großes Bett. Wobei das Bett gewiss sehr viel bequemer wäre, wären darüber nicht all die Windungen der riesigen Schlange verteilt, die es sich darauf offenbar bequem gemacht hatte und selig schlief. Severus hätte es gern ‘Schlaf der Gerechten’ genannt, aber das wäre gelinde gesagt eine ziemliche Lüge gewesen.

Severus war zum zerreißen angespannt, so wirklich einen Plan, wie er die Schlange töten wollte, hatte er akut nicht. Er musste sie nur mit dem Zahn des Basilisken verletzen. Ein Riss, ein Schnitt, ein Stich. Irgendwo am Körper. Mehr brauchte es nicht, damit das Gift, dass dem Zahn anhaftete, sie tötete. Also schob er sich leise und langsam in den Raum, jeden Schritt auf dem Teppich so setzend, dass er möglichst keinen Laut von sich gab. Ein Riss. Er musste nur die Schuppen durchdringen.

Vielleicht hätte er Harry fragen sollen, wie seine Begegnung mit der Schlange damals abgelaufen war? Es hätte ihm ein Indiz gegeben, wie schnell und klug die Schlange agierte. Er kannte sie nur als Haustierchen des dunklen Lords, hörig und in ihrer Natur zwar intelligenter als ein Tier, jedoch am Ende eben nur das: Ein Tier, dass fraß und beobachtete.

Dieses Tier regte sich nun leicht. Ihre Augen waren offen, so ganz ohne Augenlider, es war also unmöglich zu sagen, ob sie tatsächlich schlief, andererseits spielte das wohl auch keine Rolle. Sollte sie eine Bewegung in der Dunkelheit wahrnehmen, wäre sie ohnehin sofort wach. Verfluchtes Reptil.

Ob diese plötzliche Idee grandios oder dumm war, vermochte Severus nicht zu sagen… aber er ließ den Basiliskenzahn nun mit seiner Luftmagie dicht über den Boden schweben… langsam auf die Schlange zu. So hatte er Distanz zu ihr, sollte sie erwachen und ihn angreifen. Distanz, die ihm wertvolle Herzschläge Zeit verschaffte, rechtzeitig zu reagieren und wenn er es schaffte, den Zahn zwischen ihre Windungen fallen zu lassen, würde sie sich selbst tödlich verletzen, sobald sie sich bewegte. Das klang in erster Linie absolut grandios und gleichzeitig zu stumpf, um von ihm zu stammen. Färbte Harry auf ihn ab?  

Weniger grandios war natürlich die gelblich-weiße Farbe des großen Zahns, der einen deutlichen Kontrast zur dunklen Umgebung und dem bunten Teppich darstellte. Aber sahen Schlangen überhaupt Farben? Sah Nagini Farben? Oder konnte sie nur Wärmesignaturen wahrnehmen? Und war es dann nicht ganz egal, ob Severus sich schnell oder langsam bewegte? Der Zahn schwebte näher, dichter an sich heran, war beinah in Reichweite, als die Schlange plötzlich ihren breiten Schädel hob und in seine Richtung züngelte, mit viel zu klugen Augen in seine Richtung blickend.  

Severus hielt den Atem an, die Schlange einfach nur ernst und neutral anstarrend. Keinerlei Bewegungen waren mehr im Raum. Die Schlange kannte ihn. Würde sie erahnen, dass er kein Freund mehr war, nachdem der dunkle Lord ihr einst befahl, ihn zu töten? Sein Stab war bereits in seiner Hand, wenn auch nicht aggressiv erhoben. Er wollte nicht kämpfen. Nicht, wenn es sich vermeiden ließ.

Dummerweise hielt Nagini von dieser Idee gar nichts – kaum, dass sie ihn wirklich wahrnahm, zuckte ihr riesiger Schädel in seine Richtung, mit einer Geschwindigkeit, die an Magie grenzen musste. Severus sprang einigermaßen geschickt zur Seite, ihrem weit aufklaffenden Maul gerade noch so entkommend. Der Basiliskenzahn blieb derweil in der Luft in ihrer Nähe stehen. Er musste sich erst einmal um sich und dieses große, fangzahnige Maul kümmern. Stumm schickte er eine Reihe von Flüchen in ihre Richtung, allesamt darauf ausgerichtet, sie irgendwie bewegungsunfähig zu machen oder zu verlangsamen. Wie konnte dieses riesige Vieh nur so schnell sein? Wie ein Blitz zuckte sie herum, trotzdem das Zimmer nicht riesig war. Mühelos riss sie mit einer ihrer gewaltigen Windungen einen Bettpfosten ein und schnappte sofort erneut nach Severus.

Bewirkten seine Zauber überhaupt irgendwas? Er konnte nicht sehen, dass auch nur eine Schuppe anders aussah, als sie es sollte. Dem nächsten Angriff wich er ebenfalls gerade noch so aus, dass sie ihn nur umstieß und zu Fall brachte – aber er wurde nicht verletzt. Nun ließ er den Basiliskenzahn zwischen die verbliebenen Windungen fallen, die noch auf dem Bett ruhten.

Nagini, die schon die ganze Zeit zischte und fauchte, gab dieses Mal ein anderes Geräusch von sich, eindeutig eines, das von Schmerz zeugte, als sich der scharfe Zahn durch ihre Schuppen bohrte, doch das Geräusch wurde schnell übertönt von einem Schrei, an dem nichts Menschliches war, ohrenbetäubend und voller Qual, während Naginis ganzer Körper sich scheinbar in schwarzen, dichten Rauch verwandelte, der schwer und giftig zu Boden sackte und regelrecht in diesen einfloss... Es war ein erschreckendes wie faszinierendes Schauspiel, nur leider flog just in diesem Moment die Tür hinter ihm erneut auf und noch ehe Severus überhaupt einen Finger rühren konnte, legte sich eine Ganzkörperklammer um ihn und beraubte ihn jeglicher Bewegungsfähigkeit.

Licht flutete den Raum und räumte jeden Zweifel aus, wer ihn gerade auf frischer Tat ertappt hatte. Das blanke Entsetzen übernahm von ihm Besitz, erfüllte sein klammes Herz. Sofort verschloss er, wie all die Zeit davor, sein Innerstes vor dem dunklen Lord, der höchstselbst in der Tür stand und ihn mit seinem schlangenähnlichen Antlitz und den roten, von Hass durchdrungenen Augen ansah. Zumindest... war der dunkle Lord zu spät gekommen. Die Anderen hatten jetzt freie Hand und konnten ihn töten. Es war bedauerlich für ihn und im höchsten Maß erschreckend, was ihm bevorstand... aber er hatte zumindest dafür gesorgt, dass der dunkle Lord wieder sterblich war.

Wie gut es war, dass Harry nicht mitgekommen war.

»So«, lautete die kalte Feststellung des dunklen Lords. »Severus Snape.« Die kalten, roten Augen musterten ihn von oben bis unten. Unbändiger Zorn, jedoch eiskalt, nicht etwa brennend heiß, strahlte von ihm ab. »Das wird interessant«, zischte er, ehe er den Elderstab erneut hob, Severus an die nächstbeste Wand fesselnd, in der das Seil, dass ihn schmerzhaft hielt, einfach verschwand.  

Die Wand in seinem Rücken war kalt und hart. Für heute hatte er jedoch wohl genug Panik durchgestanden, um jetzt vollkommen ruhig seinem einstigen Herrn entgegenzublicken. Der Schmerz dieser Fesselung war nicht unbedeutend, aber noch erträglich, sodass er sich damit stumm halten konnte, die Kiefer aufeinanderzupressen.

Der dunkle Lord trat tiefer in den Raum, den Zauberstab noch immer erhoben, den roten Blick fest auf Severus geheftet. Er sprach den Zauber nicht einmal aus, mit dem er in Severus Kopf eindrang, sanft wie ein Vorschlaghammer, suchend.

Natürlich spürte Severus das. Natürlich erwartete er das. Und gute Güte, er musste zusehen, genug zu liefern, ohne jemanden in Gefahr zu bringen. Er fokussierte sich auf die lachenden Weasley-Brüder, die besorgte Molly und den bewusstlosen Arthur, die von Minerva unterstützt wurden. Er dachte an die Mitschüler von Harry, Kingsley und Xenophilius, an die Treppenaufgänge, die Bibliothek, den Salon, den Saal. Genügend Details, um glaubwürdig zu sein, nicht zu viele Details. Er musste sich auf seinen Kampf mit Minerva fokussieren, darauf, wie sie ihn in der großen Halle von Hogwarts zurückdrängte und schlussendlich besiegte. Ob es reichte?

Der Druck in seinem Kopf verschwand, stattdessen sah er sich mit der abfälligen Schlangenvisage konfrontiert. Wieder bewegte sich der Zauberstab des dunklen Lords wortlos, und Severus konnte nur annehmen, dass dieser sämtliche Magie über ihn aufhob, denn auch die Seile und die Ganzkörperklammer verschwanden restlos – und damit wohl auch ein möglicher Imperius-Fluch. Sollte er erleichtert oder beunruhigt sein? Beides war völlig angebracht. Für den Augenblick begnügte er sich erstmal damit, dank der aufgelösten Zauber vor dem dunklen Lord auf den Boden zu sacken, erbärmlich und klein wirkend. Severus Snape kniete.

»Severus, Severus«, tadelte der Lord. »Der Spion, der einem Imperius unterliegt. Erbärmlich«, ließ er ihn kalt wissen, und schien sich gar nicht an der Tatsache zu stören, dass er selbst ihn vermeintlich getötet hatte und Severus nun doch hier stand.

»Herr«, presste er so ruhig, wie es ihm möglich war, hervor, sich in einer zu den Worten des dunklen Lords passenden Geste an den Kopf fassend. »Was ist geschehen?« Mitspielen und überleben. Ein Slytherin sein, durch und durch. »Habe ich versagt?«

Wie war es überhaupt möglich, dass dieser eiskalte Mann noch mehr Kälte ausstrahlen konnte? »Versagt?«, fragte er gefährlich leise, den Zauberstab freilich noch immer in den spinnenbeingleichen, bleichen Fingern. »Wie würdest du den Umstand, dass du sechs Wochen lang auf der Seite meiner Feinde gekämpft hast, wohl betiteln?«, zischte er wütend, als sei das überhaupt alles Severus Schuld.  

Schlechte Ausgangslage. Wirklich sehr schlecht. »Vergebt mir mein Versagen, Herr«, katzbuckelte er reumütig. »Für mein Versagen gibt es keine Entschuldigung.« Was konnte er sagen, damit der dunkle Lord sich seiner Fähigkeiten erinnerte? »Es war ihr Fluch. Minerva McGonagall«, flüsterte er mehr zu sich selbst.

»Geschlagen von einer alten Frau«, spottete der Lord. Wobei Spott vermutlich noch das beste war, was ihm passieren konnte, nachdem er gerade Nagini vernichtet hatte. »Gab es also nie einen Verräter unter meinen Todessern? Warst du es?«, donnerte er weiter.

Es gab für Severus nun zwei Möglichkeiten: Den dunklen Lord weiter durch seine Reihen wüten zu lassen, oder ihn in Sicherheit wiegen. »Ja, Herr«, erwiderte Severus mit wirklich überzeugendem Entsetzen über seine eigenen Worte. Entsetzen und Abscheu.

»Du hast die alte Schachtel befreit? Und die Blutsverräter?«, bohrte der Lord weiter nach, Severus geistig so nah wie eh und je. Das war es, was die meisten Todesser sich so fürchten ließ. Keiner von denen war in der Lage, ihren Meister anzulügen.

Wie, als müsse er sich eines dunklen Traumes erinnern, schwieg Severus angestrengt, das intensive Drängen, Minerva befreien zu müssen mental erlebend. Harry und seine eigene, alte Verbindung zu ihr ließ er dabei geflissentlich raus. »Ja, Herr«, gab er zu. »Ich… musste es tun. Auf sie warten, sie befreien. Sie befahl mir, sie bei der Befreiung des Blutsverräters zu unterstützen.« Oh Mann, das war furchtbar gelogen… Und doch schien sein Herr es für den Moment hinzunehmen. »Was ist mit Draco Malfoy geschehen, nachdem er mitgenommen wurde?«, bohrte er stattdessen weiter.

Puh, empfindliches Thema. Da musste er sich mehr bemühen. »Tot«, sagte er kalt. »Nachdem der Vielsafttrank aufhörte zu wirken, töteten wir ihn. Genauso wie Lucius Malfoy.«

»Und Bellatrix«, schloss der Lord die Liste kalt. Bellatrix war ein noch sehr viel empfindlicheres Thema. Sie war stets sein Liebling unter den Todessern gewesen, seine Favoritin, wenn auch nicht auf die Weise, wie Lestrange es sich wohl erhofft haben mochte. »Es wäre besser für mich gewesen, wärst du totgeblieben, mein treuer Freund.« Diese herzliche Anrede aus dem lippenlosen Mund konnte man nicht ertragen, ohne sich schmutzig zu fühlen.  

»Und Bellatrix«, wiederholte Severus, wenig Mühe dabei empfindend, diese zwei Worte ganz nüchtern auszusprechen. »Und doch kniee ich nun vor Euch, Herr.« Er war nicht tot und gewissermaßen hatte der dunkle Lord es auch bedauert, ihn zu töten… also vielleicht… ganz vielleicht? »Wie kann ich Euch zu Diensten sein?«

Konnte es wirklich sein, dass er in der Gunst des dunklen Lords noch hoch genug stand? Imperius oder nicht, der dunkle Lord würde ihm das maximal als Schwäche auslegen, keineswegs als Entschuldigung. Mit dem Verlust von Bellatrix und Lucius jedoch... »Wie bist du hier hergekommen?«, wollte er jedoch stattdessen wissen, was eine bedauerlicher Weise berechtigte Frage war. Nun, berechtigt für jemanden, der so wenig auf magische Wesen hielt, wie der dunkle Lord.  

Gut, das war jetzt wirklich ungünstig. Wirklich, wirklich ungünstig. Der dunkle Lord würde ihm niemals glauben, dass er einfach hineinspaziert war. Apparieren konnte man nur außerhalb des Grundstücks. »Hauselfen«, sagte er also leise. Trudy war unsichtbar. Seine Hauselfe in Sicherheit. Kein Risiko, oder?

»Verräterische Ratten. Nun, wie es der Zufall will, benötigt Hogwarts einen neuen Schulleiter. Ich lasse dich erneut zum Schulleiter bestellen. Deine erste Amtshandlung wird darin bestehen, alle Hogwartshauselfen zusammen zu rufen. Ich lasse die Anderen nach Narzissa Malfoy suchen, damit auch diese Kröten gerufen werden können«, legte er kalt fest. Konnte Severus wirklich so viel Glück haben? Er war wie betäubt. Es war ein halber Sieg, zumindest für ihn. Für die Hauselfen jedoch...  

»Was Hogwarts angeht, wird man dich vor Ort über die aktuellen Richtlinien informieren. Dir sei jedoch gesagt, dass mein besonderes Augenmerk im Moment auf dem Longbottom-Jungen liegt. Es ist ihm verboten, einen einzigen Schritt im Schloss ohne Überwachung zu tun, oder das Schloss zu verlassen.«

Severus atmete etwas tiefer ein und aus. »Natürlich, Herr«, sagte er. »Gibt es noch etwas zu Mr. Longbottom zu wissen? Darf er normal bestraft werden?«, wollte er kalt wissen, wieder in seine alte Rolle zurückfindend. So funktionierte es am Besten.

»Er darf körperlich nicht beschädigt werden«, legte der dunkle Lord streng fest. »Und muss jederzeit abrufbereit sein.« Lucius schien Recht zu behalten, der Lord hatte irgendetwas mit Longbottom vor. Da Severus noch nicht wusste, was es war, nickte er nur ergeben und wagte es nun endlich, etwas instabil wieder auf die Füße zu kommen. Die Frage war nun, wie es weitergehen sollte. Würde er jetzt nach Hogwarts einkehren? Wie schnell ernannte man ihn zum Schulleiter?

Der dunkle Lord ließ sich jedenfalls nicht anmerken, dass er gerade seinen letzten, Severus bekannten Horkrux verloren hatte. Das war besorgniserregend, oder? Oder sparte er sich seinen Zorn für all die vielen Hauselfen auf?  

»Du wirst direkt nach Hogwarts apparieren. Der Schulrat wird dich innerhalb der nächsten zwei Stunden neu ernennen. Halte dich auf Abruf.«

»Sehr wohl, Herr.« Nach Hogwarts und… dann würde er die Hauselfen zu sich bestellen. Ob es eine Möglichkeit gab, zumindest einen Teil von ihnen zu retten?  

»Ach und... Severus?«, schnurrte der dunkle Lord regelrecht. Im nächsten Moment explodierte der unerträglichste Schmerz in Severus’ Körper, als der Cruciatus folgte, auf den er wohl gefasst hätte sein müssen. Lange. Viel zu lange... er hielt einfach viel zu lange in voller Macht an. Als der Cruciatus ihn nun quälte, verging Severus jeder unterschwelliger Gedanke. Sein ganzes Sein fokussierte sich darauf, alles Notwendige zu verbergen, als der sengende, unerträgliche Schmerz über ihn hereinbrach. Augenblicklich sackte er auf die Knie, die Arme um sich geschlungen. Für einen Moment konnte er es noch unterdrückten, dann stöhnte er schmerzerfüllt auf. Es war, als schmelze jemand das Fleisch von seinen Knochen, erfüllte sein Innerstes mit brennendem Öl und zerre an jedem Nervenende, rabiat und unbarmherzig.

»Vergiss nicht wieder, wem deine Treue gilt.« Botschaften brannten sich immer ganz besonders tief ein, wenn man sie mit etwas verknüpfte. Wie könnte man vergessen, wem man die Treue schuldete, wenn man voller Schmerzen kaum atmen, geschweige denn denken konnte?

Der Fluch wurde genauso plötzlich gelöst, wie er gewirkt worden war. Der dunkle Lord wendete sich ab, ohne weiter auf den um Fassung ringenden Severus zu achten. Dieser hatte seine Anweisungen und demnach für den Moment seine Ruhe.  

Kraftlos sackte der Tränkemeister in sich zusammen, schwer gegen die Erschöpfung seines Körpers anatmend. Vermutlich sollte er froh sein, dass der dunkle Lord sich abwendete und ging. Dass Harry in Sicherheit war, genauso wie die Kinder. Aber denken war gerade etwas, dass er sich nicht erlaubte. Sicher war sicher. Sobald er sich sicher war, dass er wieder stehen konnte, würde er auf das Gelände vor Hogwarts apparieren und ins Schloss einkehren… bis er wieder reagieren musste. Scheiße, es war mitten in der Nacht und das Risiko für Cimny, sie zu rufen gerade exorbitant hoch… er musste es tun, aber nicht in dieser Nacht.



Hogwarts. Immer wieder zog es ihn hierher zurück. Dieses alte, wunderschöne Schloss mit all seinen Geheimnissen... und Schrecken. Wieder einmal stand er hier im Büro des Schulleiters, ohne, dass Albus sich mit ihm hier aufhielt. Das hier war nicht der richtige Platz für ihn, war es nie gewesen. Er hatte als Berater, als Freund des Schulleiters gut hierher gepasst, doch in dieser Weise? Niemals.

Wie versprochen, hatte man ihn binnen kürzester Zeit zum neuen Schuldirektor ernannt und wieder einmal gingen damit alle Pflichten und Privilegien einher. Anders jedoch als beim ersten Mal, war er nun kein Mann mehr, dem der dunkle Lord vertraute. Er wurde bewacht und konnte nicht mal eben alle Hauselfen warnen oder befreien. Er konnte sie nicht schützen. Harry würde ihm das niemals verzeihen. Jeden Angriff gegen ihn selbst, ja. Aber zuzulassen, dass der dunkle Lord die Hauselfen bestrafte für seinen Fehltritt, sich erwischen zu lassen? Nein.

Kein einziges Schulleiterportrait hing noch in diesem Raum. Das war schon zu seiner Zeit geändert worden. Die urteilenden Blicke, die finsteren Kommentare... die Traurigkeit in Albus’ Augen... Severus hatte das nicht ertragen wollen und sie einfach abhängen lassen. Lucius hatte daran nichts geändert, wie es schien. Wie auch? Er wusste vermutlich nicht einmal, wo die Bilder waren.

Es war mehr als ungewöhnlich, dass ein Schulleiter alle Hauselfen zu sich rief. Und es waren so viele. Das Einzige, was Severus tun konnte, war jene auszulassen, die nicht Hogwarts verpflichtet, sondern frei waren. Ein paar wenige, freie Elfen, die hier arbeiteten, weil es keinen anderen Platz mehr für sie gab, die jedoch nicht an das Schloss und den Schulleiter gebunden waren. So fehlte etwa auch Kreacher, Harrys Hauself. Alle anderen fanden sich ein, die Elfen aus der Küche, die Elfen, die das Schloss stets sauber hielten und jene, die sich um die Kleidung aller Schlossbewohner und die Bettwäsche kümmerten. Für über dreihundert Schlossbewohner – in normalen Zeiten – reichten fünf Hauselfen eben nicht aus. Und schon legte sich diese grausame, dunkle Präsenz über den Raum, als der dunkle Lord aus den grünen Flammen des Kamins trat.

»Befiehl ihnen, dass sie den Raum nicht verlassen dürfen«, verlangte er sofort mit kalter Stimme, den mächtigen Zauberstab bereits zwischen seinen Fingern drehend. Hatte Severus zuvor noch überschattet und niedergeschlagen gewirkt, so hatte die Ankunft des dunklen Lords seine Züge zu absolut ausdrucksloser Gleichgültigkeit verformt.

»Kein Hauself verlässt diesen Raum, weder durch die Tür, noch durch Fenster, Zauberei, disapparieren oder irgendeine andere Art.« Möge Harry ihm vergeben. Mochten die Hauselfen ihm vergeben. Jetzt regten sich die kleinen Wesen doch unruhig. Sie mochten ihre ganz eigene Form der Gesellschaft haben, Regeln denen sie sich, ob freiwillig oder nicht, unterwarfen. Das hieß aber nicht, dass sie keine Angst verspüren konnten und es hieß auch nicht, dass sie nicht wussten, mit wem sie in einem Raum eingesperrt waren. Es hieß nur, dass es keiner von ihnen schaffte, zu entkommen, als der dunkle Lord den Stab mit weiten Bewegungen niederpeitschen ließ, da Severus direkter Befehl sie daran hinderte, zu fliehen. Zauber um Zauber fuhr auf die Elfen hernieder, mal ein schneller Avada Kedavra, doch dieser Tod war nicht jedem vergönnt. Es war kein leises Schlachten, die Elfen hatten panische Angst, rannten kreuz und quer durch den Raum, was seinen Herren nur noch mehr anzustacheln schien und jedes Stimmchen, das verklang, schien ihm tiefe Genugtuung zu verschaffen. Der Boden des Schulleiterbüros schwamm regelrecht im Blut der Hauselfen.

Es war ein Anblick, der sich so tief in Severus’ Kopf einbrannte, dass er sich sicher war, auch in hundert Jahren noch die toten, in die Leere blickenden Augen sehen und die panischen Schreie hören würde. Nach außen hin war er so kalt und distanziert wie eh und je. Als würde es ihn nicht berühren. Reiner Selbstschutz, denn innerlich schrie er regelrecht. Natürlich nicht so, dass ein Legilimentiker wie der dunkle Lord es hören würde.

Es verging eine halbe Ewigkeit, bis endlich alle Hauselfen tot waren... und endlich war in diesem Fall wirklich ernst gemeint. Das Schlachten war vorüber. Doch wer säuberte es nun, wenn es keine Hauselfen mehr gab...?

Den Blick zum Lord hätte er sich lieber sparen sollen, der wirkte auf eine obszöne, regelrecht ekelerregende Art befriedigt. »Ruf die drei Schlammblüter, die Carrow sich im Kerker hält, um hier aufzuräumen«, wies er ihn an, als hätte er die Frage in Severus Kopf vernommen. »Ich werde die kläglichen Reste aus dem Ministerium zusammenkratzen und herbringen lassen, damit der Schulablauf nicht gestört wird. Dann hat dieser Abschaum wenigstens noch eine Verwendung. Sollte einer davon versuchen, ihn die Nähe eines Zauberstabes zu gelangen, töte sie.«

Klare, unmissverständliche Anweisungen. Schlammblüter waren also auf einer Stufe mit Hauselfen und durften nun die Drecksarbeit machen. »Natürlich, Herr«, sagte Severus tonlos. Warum er sich nicht übergab, wusste nur sein Verstand. Vermutlich hätte diese Form von Schwäche nicht unbedingt zu Freudensprüngen beim dunklen Lord geführt.

»Rabastan kümmert sich im Moment um die Überwachung von Longbottom. Du sicherst ihm dabei vollständige Unterstützung zu.« Damit wendete der Lord sich ab, um wieder zum Kamin zu gehen, und zu verschwinden. Offensichtlich war damit alles gesagt und mit dem Aufräumen hinter sich hatte er sich ja noch nie lange aufgehalten. Rabastan. Der Longbottom-Junge konnte einem Leidtun. Er würde nicht viel Luft haben. Aber was scherte ihn das gerade? Er stand in einem Meer aus toten Hauselfen. Der Saum seines Umgangs war vollgesogen mit Blut und hinter ihm lag ein Stapel Pergament mit Anweisungen und Regeln der neuen Weltordnung. Er ließ sie zum Schlafgemach schweben – lesen musste er sie zwangsläufig. Aber das ging auch andernorts. Mit zusammengebissenen Zähnen stieg er über die Leichen hinweg, eine blutige Spur hinterlassend auf seinem Weg in den Kerker und zu Amycus Carrow. Der war vermutlich genauso gut auf Severus zu sprechen wie Severus auf ihn.

»Carrow«, herrschte er beim Betreten des Kerkers finster.

Zur Antwort erhielt er ein raues Stöhnen und ein jämmerliches Wimmern aus einem Raum neben sich. Wie viele schlechte Zeitpunkte konnte man sich aussuchen? »Snape«, fluchte der Todesser, kam aber stolpernd auf die Beine und zog sich die Hose hoch, während der Körper hinter ihm sich nur zu einer kleinen Kugel zusammenrollte. Besser nicht hinsehen, wen genau er sich da geholt hatte. Aber augenscheinlich war Carrow schon über Severus’ neue Rolle und seine Wiederauferstehung informiert. Er wirkte zwar verstimmt, aber nicht überrascht. »Was willst du? Du störst«, stellte er klar.  

»Deine erbärmlichen Klagen kannst du dem dunklen Lord höchstselbst vorbringen. Er ist gewiss geneigt, dir voller Mitgefühl zu lauschen, dass du lieber ein dreckiges Schlammblut bespringst, als mir die eingekerkerten Schlammblüter auszuhändigen, die die toten Hauselfen aus meinem Büro entsorgen sollen.« Es war erschreckend, wie leicht er sich wieder in diese Rolle einfand.

Carrow murrte vor sich hin. »Die verteilen doch nur noch mehr Schmutz«, grollte er. Dennoch kam er Severus entgegen und ging an ihm vorbei, um auf dem Gang drei Zellen aufzusperren. Eine Frau, die Severus nicht kannte, ein ehemaliger Schüler aus Ravenclaw, zuletzt Sechstklässler und ein Mädchen das, wenn überhaupt, Erstklässlerin war. »Nimm den Schmutz mit«, sagte er abfällig und stieß die Frau mit dem Fuß an, die leise wimmerte.  

Trotzdem die Abscheu über dieses Verhalten und diese Worte ihn regelrecht erschütterte, tat Severus, was notwendig war, damit sie alle das hier überlebten. »Aufstehen«, fuhr er die drei harsch und kalt an. »Sie alle kommen mit mir.« Die kleine Erstklässlerin schluchzte leise auf. »Sparen Sie sich Ihre Tränen. Es interessiert niemanden, ob Sie Angst haben oder leiden und wenn Sie nicht wünschen, noch mehr Zeit mit Amycus zu verbringen, bewegen Sie sich nun.«

Doch woher sollten die Gefangenen wissen, ob Severus nicht noch sehr viel schlimmer war? Sie konnten es nicht wissen. Dennoch kramten sie sich auf die Füße, der Junge stützte das Mädchen das leicht humpelte, wobei er selbst reichlich zerschlagen aussah und nicht besonders fit. Carrow gab nur ein abfälliges Geräusch von sich. »Wenn es das war? Ich habe zu tun«, verkündete er, bereits auf halbem Weg zurück in das Zimmer, in dem Severus ihn aufgespürt hatte und wo ja noch eine andere Frau, ein Schlammblut war.

Severus wusste nicht, ob er es bereuen würde, aber er konnte keine Frau bei diesem abartigen Drecksack lassen. Nicht, wenn es offenbar keine Regeln und keinen Anstand mehr gab. »Sofern du nicht das Bedürfnis hast, den Schlammblütern Gesellschaft zu leisten, solltest du mir jeden deiner Gefangenen mitgeben«, sagte Severus dunkel. »Ich würde meinen ersten Tag als Schulleiter ungern in einem von Blut getränkten Büro beginnen.«

Wie zu erwarten, hielt Carrow von dieser Idee gar nichts, er bleckte die Zähne regelrecht in seine Richtung. »Sie gehört mir. Putz doch selbst«, knurrte er, die Hand bereits am Zauberstab, obwohl sie beide wussten, dass er in einem Kampf keine Chance gegen Severus hätte. Dementsprechend griff Severus nicht einmal nach seinem Zauberstab.

»Vielleicht sollte ich das tun«, stellte er kühl fest. »Ein menschlicher Wischlappen ist sicher eine Erfahrung wert, einen Imperius anderweitig auszutesten.« Seine Augen verengten sich drohend. Carrow erwiderte diesen Blick wütend und aufgebracht, erinnerte sich aber wohl daran, dass er ihm unterlegen war, denn schließlich flucht er und verließ die Tür, die zu dem Raum führte, um zu gehen... nicht ohne die Gefangenen auf dem Gang noch einmal anzurempeln, was die Frau zu Boden riss. Und doch, so war der Weg für Severus frei, um in den Raum zu gehen, der nicht mehr als ein Bett... eher eine Pritsche beinhaltete, auf der sich der nackte, geschundene Körper zusammengerollt hatte, buschiges, strähniges braunes Haar, viel mehr konnte man dankenswerter Weise nicht sehen. Kleidung war in der Nähe allerdings auch keine.

»Aufstehen«, befahl er der nackten Person so kalt, wie es ihm in Anbetracht dieser Misshandlung möglich war. Armes Ding. Er konnte nichts für sie tun. Alles, was er tat, war aufgeschoben, nicht aufgehoben. Wenn sie mit dieser erniedrigenden, Übelkeit erregenden Tätigkeit fertig war, würde sie wieder herkommen und Amycus würde sie wieder missbrauchen wie ein Spielzeug. Aber es waren vielleicht doch ein, zwei Stunden ohne diese Pein.

Es brauchte einen Moment, bis sich die Person auf der Pritsche regte und den Kopf hob, um Severus’ Blick zu begegnen. Diese braunen, klugen Augen würde er leider überall wiedererkennen, ganz gleich, wie sehr ihr Gesicht auch zugeschwollen und verfärbt sein mochte. Hermine Granger. Sie war nicht tot? Wie konnte das sein? Hatte Kreacher... Kreacher! Innerlich stöhnte der Tränkemeister und ging forschen Schrittes auf sie zu, sie hart am Handgelenk packend. Auch wenn für einen kurzen Augenblick so etwas wie Hoffnung in ihren Augen lag – immerhin hatten sie sein Leben gerettet – kippte ihre Stimmung so schnell um wie ein Kartenhaus. Hysterisch kreischte die junge Frau auf, wand sich und strampelte, trat nach ihm.

»Nein! Lassen Sie mich! Lassen Sie mich los!«, brachte sie hervor. Die Angst... man konnte sie über all die Gerüche des Körpers hinweg so deutlich riechen, dass Severus regelrecht übel wurde. Sie trat ihm schmerzhaft gegen sein Knie, war völlig ungebändigt, jetzt, wo sie ihn erkannt hatte. Es war ein einfacher, leichter Hieb mit der Rückhand, der sie schlagartig verstummen und ausdruckslos dreinblickend in sich zusammensinken ließ.

»Aufstehen«, befahl er ihr kalt. »Carrow. Dein Hemd«, verlangte er finster in die Stille. »Niemand soll diesen Anblick ertragen müssen.« Carrow jedoch antwortete nicht. War der Kerl etwas wirklich gegangen? Offensichtlich. Leise stieß Severus die Luft aus, sich zum Flur wendend. »Geben Sie mir Ihren Umhang«, verlangte er von dem jungen Mann. Der hatte zumindest noch Kleidung darunter an. Ängstlich tat dieser, was Severus verlangte und so konnte der Tränkemeister der jungen Frau den Umhang zuwerfen. »Verhüllen Sie sich und dann kommen Sie.«

Schluchzend tat Hermine, was er verlangte, sich so gut es ihr möglich war in dem Umhang einwickelnd. Sie konnte nur sehr schwankend laufen und wirkte massiv geschwächt und zugerichtet. Es musste ihm egal sein. So, wie es ihm immer hatte egal sein müssen.

Die nunmehr vier Gefangenen waren langsam unterwegs, das Mädchen konnte kaum anständig laufen, die Frau schien innerlich einfach aufgegeben zu haben, Granger konnte sich kaum bewegen und der Ravenclaw-Junge war irgendwie mittendrin. Er versuchte zu helfen, jedoch nur, wenn Severus nicht hinsah. Offensichtlich hatte er gelernt, gut unter dem Radar zu fliegen, vermutlich sah er deswegen auch noch halbwegs intakt aus.

Severus blendete all das aus, bis er oben vor dem Schulleiterbüro ankam. Es ließ sich jetzt nicht mehr vermeiden, sich mit all diesen Situationen auseinanderzusetzen und wie er die Tür öffnete und das Massaker offenbarte, erklang das panische Kreischen der Erstklässlerin sowie Hermines entsetztes Keuchen. »Rein«, befahl er den vier Personen tonlos. »Reinigen Sie mein Büro. Der dunkle Lord schätzt es nicht, die Abfallprodukte seiner Disziplinarmaßnahmen ein zweites Mal anzusehen, wenn er zurückkehrt.« Vielleicht begriff Hermine seine Worte.  

Kaum, dass nun alle in den Raum gezwungen worden waren, zückte er den Zauberstab. Das sorgte gemeinhin für Angst und Panik. Die vier wichen vor ihm zurück, die wortlose Frau stolperte sogar über einen toten Hauselfen und landete in einer Blutlache. »Ich habe wenig davon, Sie hier zu töten oder zu quälen. Ich werde Ihre Verletzungen ein wenig abmildern. So sind Sie unbrauchbar«, meinte er kalt, mit Episkey den angebrochenen Knöchel der Erstklässlerin zu heilen und allen Anwesenden gab er etwas körperliche Kraft durch einen abgewandelten Rennervate. Da er sie hier nicht alleinlassen konnte, ging er zum Schreibtisch und ließ sich dahinter nieder, die Regelwerke wieder aus seinem Gemach herbeibeschwörend, schließlich aufschlagend. Er musste sich bemühen, nicht hinzusehen, was sie dort taten.

»Sir... Professor? Was... wo sollen wir denn... die Leichen?«, stammelte der Ravenclaw, genauso ratlos im Raum stehend, wie der Rest. Das Entsetzen auf der einen Seite, nur wie sollten sie aufräumen und sauber machen, wenn alle dreißig Zentimeter ein toter Körper lag?

Ein guter Einwand. Um so etwas kümmerte sich im Regelfall natürlich ein Hauself, wenn man selbst keinen Zauberstab schwingen wollte. Davon gab es hier keine mehr. Innerlich seufzend hob er den Zauberstab, alle Hauselfenkörper in blauem Feuer vergehen lassend, sodass nur noch Asche und Blut zurückblieb. Dann beschwor er Putzlappen und Eimer mit Wasser. »Die Eimer und Lappen können Sie in den Toiletten unten auf dem Gang reinigen. Sollten Sie an Flucht denken, seien Sie sich gewahr, dass Carrow nur ein erbärmlicher Wärter ist und die vielen Jahre an der Seite von Mrs. Lestrange mir ein guter Lehrmeister waren.«

Das kleine Mädchen weinte immer noch leise, aber zumindest machte der Rest sich tatsächlich daran, das Blut mit den Lappen aufzuwischen. Eher aufzutunken, denn es schwamm regelrecht vor Blut, ehe sie auch nur in Betracht ziehen konnten, überhaupt irgendetwas mit Wasser anzurichten. Die Arbeit ging schweigend von statten. Immer mal wieder verschwand einer von ihnen, um einen Eimer mit Blut oder blutigem Wasser fortzubringen, aber sie kehrten brav zurück. Ihre Angst musste unermesslich sein. Kaum verwunderlich, wenn er sich die Strafen und Regeln ansah, die hier niedergeschrieben waren.

Das, was ihn jedoch am meisten abschreckte, war nicht die Ausgrenzung von Halbblütern und Schlammblütern - das war nicht neu – oder die Tötung von zauberergebärenden Muggeleltern. Nein, die selektive Rückzüchtung verdorbenen Blutes für die Erschaffung einer nutzbringenden Mittelschicht war es, was Severus erschreckte.



Die Auswahl potenzieller Kandidaten erfolgt nach folgenden Kriterien:

- Blutstatus

- Fähigkeiten

- Geschlecht

- Bereitschaft zur Anpassung



Ein weibliches Halb- oder Schlammblut, das mit überragenden, magischen Talenten geboren wurde, kann einem reinblütigen Mann zur Befruchtung gereicht werden. Durch die stetig fortwährende Vermischung talentierten und reinen Blutes erfolgt eine Rückzüchtung zu möglichst reinem, mächtigem Blut. Mischblüter - bewusst aus der Kreuzung von Reinblütern und Halb- oder Schlammblütern entstandene Kinder – erhalten je nach magischen Fähigkeiten die Erlaubnis, Hogwarts als Schüler zu besuchen oder werden von der Gesellschaft ausgeschlossen und niederen Aufgaben zugeteilt.

Mischblüter werden im Rang immer unter Reinblütern stehen und dürfen den Familiennamen erst in 7. Generation annehmen und weitervererben.



Männliche Schlammblüter oder Halbblüter können verschiedenen reinblütigen Frauen zugewiesen werden, deren magisches Erbe herausragend, sie jedoch bislang nicht vermählt sind oder einer Vermählung nicht entsprechen wollen.

Kandidaten, die sich in dieses Gefüge einbringen und der Sache dienen, erhalten einen Zauberstab und eingeschränkte Rechte in der Gesellschaft. Sie haben sich monatlichen Prüfungen durch Mentalmagier zu unterziehen.

Zeigt sich ein halbbültiger Kandidat als rebellisch und widersetzlich, wird diesem jeglicher Rang, Zauberstab, finanzielle Mittel und Familienname abgesprochen. Ein Schlammblüter hat mit Exekution zu rechnen.



Sein Blick glitt zu Hermine. War es das, was Carrow getan hatte? Sie... befruchtet? War das also geltendes Recht? Dieser Tage? Was war in den paar Wochen passiert und wie hatte es dazu kommen können, dass das Gefolge des dunklen Lords auf dieses Niveau sank? Derartige Dinge hätte es früher nicht gegeben. Vergewaltigung hatte immer unter dem Niveau der Reinblüter gestanden. Immer. War es das, was zu Dianthea geführt hatte...?

Severus rieb sich über die Stirn, sich weiter auf das Regelwerk konzentrierend, während man vor seinem Schreibtisch schrubbte und schrubbte, um die grausamen Spuren dieser Untat verblassen zu lassen. Etwas, das mit einem Wink seines Zauberstabs obsolet gewesen wäre. Etwas, das er dennoch niemals tun würde. Er wusste, was es für sein eigenes Leben bedeuten würde, wenn er es täte. Stunde um Stunde verging, der Morgen graute längst, als der Raum endlich einigermaßen sauber, zumindest aber frei von Blut war.  

»Granger«, verlangte er von der jungen Frau, die mit zusammengebissenen Zähnen zu ihm aufsah. »Kommen Sie zu mir.« Das Grauen in ihren Augen war echt. Dennoch tat sie erschöpft, was er verlangte, blieb jedoch mit gestrafften Schultern vor dem Schreibtisch stehen. Da war wieder dieser Trotz. Sie und Harry... Trotzköpfe. Durch und durch.

»Sie sind sicher überglücklich, nach allem endlich eine Bedeutung in der Gesellschaft zu haben, nicht wahr?«, fragte er sie kalt. Sie schwieg. »Der dunkle Lord beweist Güte, Schlammblütern doch eine Chance in unserer Gesellschaft zu geben. Kommen Sie zu mir und tun Sie Ihren Dienst«, verlangte er von ihr. Jetzt wurde sie ganz blass. Sie wich deutlich von ihm zurück, stürzte beinahe über die Stufen, sich tiefer in den Raum zurückziehend.

»Cimny... unsichtbar«, flüsterte er kaum hörbar, als Hermine sich deutlich zu Wort meldete.

»Lieber sterbe ich«, schrie sie, den Tränen nahe. Wenn man sich auf eines verlassen konnte, dann auf ihre Widersetzlichkeit.

»Bring sie zu Harry und komm kurz darauf wieder, um den Rest zu holen«, flüsterte er schnell weiter. »Das wäre wohl zu bedauerlich«, harschte er und erhob sich, um mit großen, drohenden Schritten auf sie zuzugehen. Hermine drehte sich um, dann rannte sie los. Ein kleiner Fluch traf sie in den Rücken und schleuderte sie zu Boden. Der Umhang bauschte um ihren nach wie vor nackten Leib als sie sich wimmernd auf die Knie schob. »Sie sollten dankbar sein, einen Zweck erfüllen zu können«, sagte er noch, dann verschwand Hermine plötzlich. Severus sah sich sofort hektisch um, genauso wie die anderen drei Personen. »Wo ist sie?«, fauchte er und wirkte ein paar völlig nutzlose Zauber, doch keiner sagte ihm, wohin sie verschwunden war. Perfekt.

»Sprecht! Was habt ihr abscheulichen Schlammblüter für einen erbärmlichen Trick genutzt?« Sie taten ihm leid, so groß war ihre Furcht...

Das kleine Mädchen hatte sich mittlerweile hinter dem Ravenclaw versteckt, der allerdings auch aussah, als würde er seine verbliebene Kleidung gleich ruinieren, die Frau starrte einfach nur weiterhin blicklos vor sich hin.  

Keiner reagierte und antwortete ihm. »Dann werdet ihr jetzt sterben. Ich kann nicht zulassen, dass Abschaum wir ihr unserer Sache schadet.« So nahe, wie sie beieinanderstanden, konnte Cimny sie problemlos wegholen. Er wartete nur auf das leise Plopp. »Avada-...«, setzte er sehr betont und gedehnt an... dann ploppten auch sie weg und er blieb allein zurück, sich müde über das Gesicht reibend. Zu viele Stunden ohne Schlaf, zu viele Geschehnisse. Er kehrte zu seinem Stuhl zurück und ließ sich darauf niedersacken, die Augen schließend. Tod. Überall war der Tod. Das Leid. Die Qual. Wann würde sich eine Situation anbieten, in der er den dunklen Lord angreifen konnte? Es durfte nicht geschehen, wenn dieser ihn bewusst aufsuchte. Er brauchte das Überraschungsmoment selbst. Für den Augenblick aber musste er sich ausruhen und das ging nicht im Büro des Schulleiters, weshalb er das Gemach aufsuchte, indem noch vor einem Tag Lucius genächtigt hatte. Unverkennbar, wenn er die teuren Flaschen mit Alkohol dort stehen sah. Wie viel von dem, was Severus nur für ein paar Augenblicke gesehen hatte, hatte Lucius wohl tagtäglich erlebt? Hatte er noch schlafen können? Severus war sich sicher, dass er die Bilder dessen, was heute geschehen war, nicht so leicht loswürde. Nicht das Gesicht von Hermine, die ihn panisch ansah und schrie. Nicht die Panik in den Blicken der totgeweihten Hauselfen. Es konnte jeden Augenblick vorbei sein. Jeden Moment konnte der dunkle Lord ihn doch noch bestrafen kommen.

»Cimny«, hauchte er dünn und fuhr sich durchs Haar, es mit dieser Geste aus dem Gesicht streifend. Natürlich war sie wieder im Raum gewesen und wurde jetzt sichtbar.

»Master Snape, Sir?«, fragte sie ganz vorsichtig.

»Bringe alle in Hogwarts verbliebenen Hauselfen in das Anwesen«, sagte Severus leise. »Er darf sie nicht auch noch töten.« Der Tränkemeister zog die Brauen zusammen. »Sag Harry, dass ich wohlauf bin und sie keine kopflose Aktion beginnen sollen. Ich versuche, Ihnen Informationen zukommen zu lassen, wenn es sich anbietet.« Er atmete tief durch. »Sie sollen wissen, dass die Schlange tot ist… und er irgendwas mit Longbottom geplant hat. Geh«, forderte er sie auf, ihrem Plopp fast wehmütig nachhorchend. Nach dem heutigen Tag war es wohl angebracht, sich ein Glas von dem teuren Whiskey zu gönnen, den Lucius hier gebunkert hatte. Vielleicht half es ihm ja, ein wenig Schlaf zu finden. Denn den würde er brauchen, wenn er später am heutigen Tag wieder ganz und gar Professor Snape spielen wollte.
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