Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zwei Leben - Unser Kampf - Severus Snape

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
31.01.2022
25.06.2022
31
240.000
44
Alle Kapitel
70 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
06.06.2022 8.211
 
~* Wie jede Woche gibt es den kurzen Hinweis: Vergesst nicht, Harrys Sicht der Dinge bei Enoraá zu lesen! *~

Vor der Tür seiner Gäste stand er nun, aufrecht und ernst. So wie man ihn kannte. Das Kind, dass seine Tochter sein sollte, schlief bei Harry im Nebenraum und war gut versorgt. Harry ging es besser, seine Prellung war auf ein weniger schmerzhaftes Maß abgeklungen. Ordnung kehrte wieder ein und das Chaos des Tages, der ihm so unwirklich erschien. Er wusste nicht, was ihn erwarten würde, wenn er Lucius weckte. Draco wusste Bescheid. Würde er kommen? Aufrechten Hauptes klopfte der Tränkemeister an die Tür, eintretend, sobald Narzissa es ihm akustisch zu verstehen gab.

»Narzissa«, grüßte er ganz neutral. »Ich würde Lucius nun gern wecken und ihm, sofern er dazu in der Lage ist, ein paar Fragen stellen. Möchtest du dabeibleiben?«

Die blonde Frau blickte von Severus zu ihrem Mann, und nickte letztlich. »Ich bleibe, aber ich halte mich im Hintergrund«, legte sie fest und deutete auf einen Stuhl beim Fenster. Natürlich wollte sie sichergehen, dass es ihrem Mann gut ging... soweit es das denn überhaupt konnte.

Entsprechend nickte Severus knapp, die Tür hinter ihm nur einfach verschließend, nicht verriegelnd. Seine konzentrierten, weiten Schritte brachten ihn an das Bett des Todessers, der selbst in dem bewusstlosen schlafähnlichen Zustand völlig fertig und gestresst wirkte. Wie wächsern seine Haut einfach aussah… Wortlos wirkte er den Aufhebungszauber, um Lucius aus der magischen Bewusstlosigkeit zu holen, seinen Zauberstab zwar senkend, jedoch nicht fortnehmend. Auch wenn Lucius unbewaffnet war, er konnte ihn immer noch händisch angreifen.

Lucius schien sichtlich verwirrt darüber zu sein, so plötzlich zu erwachen und noch dazu an einen Betthimmel zu starren, den er nicht kannte. Verwirrt und eindeutig noch etwas neben sich stehend, ging sein trüber Blick suchend umher, bis er auf Severus traf und er atmete tiefer ein. »Ich lebe noch?« Er klang tatsächlich überrascht.

»Sofern du mir keine guten Gründe nennst, daran etwas ändern zu müssen, ja«, erwiderte Severus mit einer leicht gelupften Braue, seinen besten Freund wachsam musternd. Die Augen des Mannes, steingrau wie die seines Patensohnes, waren von dem vielen Alkohol, den er zu sich genommen haben musste, ganz blutunterlaufen und glasig. Für einen Moment sank Lucius einfach nur in das Kissen zurück und starrte erneut an den Baldachin hinauf, ehe er sich wohl genügend gefasst hatte, um sich auf Severus zu konzentrieren.

»Und nun? Was folgt jetzt?«

»Wenn du dich in der Lage fühlst, einige Fragen«, erwiderte Severus. »Wie du dir unschwer vorstellen kannst, bin ich kein Getreuer des dunklen Lords mehr und du ebenfalls nicht.«

Lucius Blick fiel auf seinen noch verbundenen Unterarm. »Mich erwartet kein dunkles Mal mehr?« Der Gedanke musste für seinen Freund schwer zu fassen sein. Wie auch Severus hatte Lucius weit mehr als die Hälfte seines Lebens mit dem Mal verbracht. Wie viel Freiheit musste das zurückgeben? Vielleicht erfuhr Severus dieses Gefühl der Freiheit auch noch.

»Kein dunkles Mal mehr«, sagte Severus ruhig. »Weder du noch Draco tragt es.« Er selbst legte sich die Hand auf den Unterarm. »Sobald der dunkle Lord gefallen ist, werde auch ich es entfernen.« Das fügte der Tränkemeister eher leise und beiläufig an.

»Stell deine Fragen, Severus. Ich werde sehen, ob ich helfen kann.«

»Die wohl prominenteste Frage: Weißt du, wo sich Nagini aufhält?«, wollte er von seinem Freund wissen.

Lucius schwieg einige Momente und betrachtete nur den Verband an seinem Arm, sodass nicht ersichtlich war, ob er überhaupt über die Frage nachdachte. »Die schwerste und zugleich einfachste Frage«, murmelte er. »Nagini ist in meinem Anwesen. Umgeben von einem guten Batzen Magie. Sie kommt nicht mehr mit zu den Treffen, nicht einmal, um den Todessern Angst einzujagen oder um ‘aufzuräumen’.« Eine gute und eine schlechte Nachricht.

»Hast du eine Idee, welche Zauber dort gewirkt wurden?«, wollte er wissen. »Ich nehme an, nach den letzten Reinfällen aus eigenen Reihen wird er niemanden zu ihrem Schutz abgestellt haben?«

»Ich hatte natürlich angeboten, die Schutzzauber meiner Familie zur Verfügung zu stellen«, gab Lucius unumwunden zu. »Aber schon vor den Ereignissen der letzten Tage lehnte er das ab. Nur ein Hauself wird hin und wieder zu ihr gelassen, um sie mit Nahrung zu versorgen. Du weißt ja, dass sie nur selten frisst, wenn die... Menge ausreichend ist.« Man durfte sich also selbst ausmalen, was der bedauernswerte Hauself der Schlange brachte. Sie war am Ende eben dennoch gut geeignet, um Körper loszuwerden, um die man sich sonst anderweitig kümmern müsste.

Severus, nachdenklich dreinblickend, verengte die Augen. »Welcher Hauself?«, wollte er wissen, allerdings hätte er sich vermutlich denken können, dass Lucius nur mit der Hand wedelte. Das Malfoy-Oberhaupt hatte wirklich keinerlei Interesse, sich mit seinen Dienern auseinanderzusetzen. Vermutlich wusste er gerade so den Namen des Hauselfen, den er eben immer rief.

»Trudy?«, ließ sich Narzissa von ihrem Stuhl aus hören und Lucius setzte sich auf. Offenbar hatte er ihre Anwesenheit bis eben nicht einmal bemerkt. Jetzt hing sein Blick nur noch auf ihr. »Ich denke schon.«

Trudy. Keine Hauselfe, die Severus kannte. »Sie ist im Besitz der Malfoys?«, fragte er leiser. Das wäre unglaublich praktisch.

»Was?« Lucius schien kurz den Faden verloren zu haben und sah wieder zu Severus, nickte dann aber. »Ja, eine von den Alten«, erklärte er. Wenn jemand seine Hauselfen in neu und alt einteilte, wusste man wohl auch alles, was man wissen musste. »Er selbst ist jedenfalls nie dort und hat verboten, dass irgendjemand überhaupt den Flügel betritt.« Man hörte, dass das an Lucius' Stolz kratzte. Natürlich katzbuckelte er vor dem dunklen Lord, seinen Besitz abgesprochen zu bekommen, gefiel ihm jedoch gar nicht. Dass das vermutlich gerade sein geringstes Problem war, behielt Severus für den Augenblick allerdings lieber für sich.

»Wir müssen zeitnah reagieren«, erklärte Severus, »und die Schlagen töten. Andernfalls ist es unmöglich, den dunklen Lord zu stürzen.«  Er sah kurz zu Narzissa, dann wieder zu Lucius. »Ihr seid in Italien und damit vor ihm sicher. Allerdings benötige ich die Unterstützung eurer Hauselfen, insbesondere Trudy, um die Schlange aufzusuchen.« Kaum hatte er die Worte gesprochen, konnte er sehen, wie Lucius die schmalgewordenen Schultern anzog. Den dunklen Lord mit Worten zu verraten, schien ihm doch recht leicht zu fallen, wenn er damit seinen Hintern retten konnte. Aktiv dabei zu helfen, gegen ihn vorzugehen?

»Ich kann sie rufen«, legte Narzissa jedoch fest, und dass Lucius ihr nicht widersprach, sagte auch sehr viel über die beiden aus. Lucius war nicht mehr länger das eigentliche Oberhaupt der Familie.

»Nicht jetzt«, erwiderte Severus reichlich nüchtern. »Wir müssen uns vorbereiten. In dem Augenblick, wo es fraglich wird, dass ihr tot seid, oder zumindest gegen euren Willen gefangen, würde er sie gewiss woanders hinbringen.« Wieder fixierte er den Mann vor sich. »Ich brauche mehr Informationen. Welche Todesser genießen aktuell sein vermeintliches Vertrauen, wie ist die Hierarchie aufgestellt und was sind seine dir bekannten Pläne?«

Lucius atmete schwerfällig durch. »Nach heute... wohl nur noch Rodolphus und Rabastan. Vielleicht der alte Avery.« Der Innere Kreis war mit Severus, Lucius und Bellatrix doch reichlich ausgedünnt worden. »Er weiß, dass es einen Spion in unseren Reihen geben muss... nun,...« Lucius Blick fokussierte sich einen Moment klarer auf Severus. »Einen Spion außer dir. Er ist fest davon überzeugt, dass er dich getötet hat. Deswegen gibt es vermutlich auch bald keine echten Treffen mehr, er spricht nur noch mit einzelnen Leuten.« Das war für Severus Arm natürlich gesünder, aber für den Informationsfluss wesentlich schlechter. »Was auch immer seine Pläne sein mögen, die Longbottoms spielen eine übergeordnete Rolle darin. Er behält die alte Schachtel die gesamte Zeit in seiner Nähe. Wo auch immer das sein mag.« Was wiederum nur wenige Schlüsse zuließ.  Was wollte der dunkle Lord mit der alten Augusta Longbottom?

»Rodolphus sollte sich wohl freuen, endlich befreit zu sein«, murmelte Severus kopfschüttelnd. »Er wird vorsichtiger. Wir müssen uns also ranhalten.« Einen langen Augenblick musterte er den Mann vor sich, dann musste er gleich wieder den Kopf schütteln. Lucius war unbrauchbar, wenn es um mehr als Worte ging. »Danke, Lucius. Wenn ihr wollt, organisiere ich euch eine Ausreise in eines eurer Häuser im Ausland. Ihr könnt auch hierbleiben, sofern ihr euch mit den Weasleys und den restlichen, vornehmlich Gryffindor-gezeichneten Gästen dieses Hauses arrangieren könnt.«

»Weasleys und Gryffindors? Hast du uns in einen Zoo gebracht?«, fragte Lucius erwartet empört.

»Molly Weasley macht einen ganz hervorragenden Rinderbraten«, wiegelte ihn Narzissa direkt ab und erhob sich nun von ihrer Position. »Draco und ich werden für den Moment hierbleiben«, ließ sie Severus wissen. »Und mein Gatte und ich haben einige Dinge zu besprechen. Lass es mich wissen, wenn ich Trudy für dich rufen soll.« Lucius war wieder blass geworden, schwieg aber.

»Du kannst mir glauben, wenn ich dir versichere, dass ich keinerlei Gesellschaft allen Rotschöpfen dieses Landes vorgezogen hätte. Sie haben sich jedoch als zuverlässige und loyale Verbündete erwiesen«, meinte der Tränkemeister staubtrocken. »Solltet ihr etwas brauchen oder aufbrechen wollen, lasst es mich wissen. Ich werde mit Harry die Informationen besprechen und planen, wie wir gegen Nagini vorgehen wollen.« Narzissa nickte ihm nur zu, Lucius zog es vor, weiterhin zu schweigen.

Es war nur noch ein kurzer Augenblick des Zögerns, dann wendete sich Severus ab und verließ ohne große Worte des Abschieds den Raum. Nagini im Malfoy-Anwesen und eine Hauselfe als Snakesitter. Das war schon fast zu einfach, oder? In Gedanken versunken kehrte er wieder in sein altes Zimmer ein, abwägend, ob sie es wagen durften oder es am Ende zu gefährlich war, diese wirklich sehr praktische Chance zu nutzen.

Im blauen Zimmer sah er Harry am Fenster stehen, den Blick zu ihm gerichtet. Unabhängig von allgemeinen Risiken… wollte er ihn gefährden? Wollte er ihn wirklich ins Malfoy-Anwesen bringen, um eine magische Schlange, einen Horkrux zu töten? Jeder Horkrux war auf seine Weise gefährlich gewesen, nicht? »Es geht ihm so weit gut. Er stellt kein Risiko dar«, erklärte er Harry leise.

»Das ist gut.« Harry klang zwar nicht maßlos erleichtert, aber zumindest aufrichtig mitfühlend. Dass er die Malfoys nicht unbedingt leiden konnte, verdachte der Tränkemeister ihm auch nicht. Es waren einfach von Anfang an die falschen Bedingungen gewesen. So, wie sich Harry zum Stuhl begab, tat es auch Severus, sich neben ihm an dem kleinen Tisch niederlassend.

»Ich weiß, wo die Schlange ist und wahlweise eröffnet sich uns dadurch eine außerordentlich einzigartige Möglichkeit, oder eine Falle sondergleichen«, erklärte er tonlos.

»Wo?«, fragte Harry, offenbar genauso skeptisch wie er es gewesen wäre.

»Im Malfoy-Anwesen. Sie hat keinerlei Menschenkontakt. Nur eine Hauselfe bringt ihr gelegentlich Nahrung«, erklärte er. »Es ist eine der Hauselfen der Malfoys und jederzeit abrufbar.« Die Reaktion seines jungen Gefährten fiel genau so aus, wie er es erwartet hatte und ließ ihn abwesend zum Fenster blicken.

»Weiß Lucius, wie lange sie schon da ist?«, fragte Harry ihn leise.

»Er hat keinen Zeitrahmen genannt, nur, dass der dunkle Lord keine Schutzzauber der Malfoys annehmen wollte.« Er hatte einen Verräter unter seinen Leuten vermutet und reagiert… mehr als einmal wohl. Wie viele Todesser wohl bereits durch die Hand des dunklen Lords gestorben waren?

»Würde ich vermutlich auch nicht, wenn ich denke, dass es einen Verräter unter meinen Leuten gibt«, murmelte Harry, seine Unterlippe mit den Zähnen malträtierend.

»Tu das nicht«, bat Severus bei diesem Anblick, die Brauen zusammenziehend. »Es ist abzuwägen, ob Lucius' Verschwinden ihn dazu bewegt, die Schlange an einen anderen Ort zu bringen…«, seufzte er. »Ich wünschte, wir hätten diese Informationen früher bekommen.« Sie hätten längst die Schlange töten können. Einen Schritt weiter. Einen einzigen, verfluchten Schritt.

»Wir müssen da hin. Ob Falle oder nicht, es ist vielleicht die einzige Chance, die sich uns in näherer Zeit bieten wird«, stimmte ihm Harry zu.

»Ich will dich nicht in das Anwesen bringen«, knurrte Severus, den fragenden Blick des jungen Mannes ignorierend. »Es wäre besser, wenn du hier bei den Kindern bleibst, Harry.«

»Vergiss es. Lass uns das bitte nicht wieder diskutieren. Wenn du dort ohne mich hingehst, werde ich hier tausend Tode vor Sorge sterben. Und ich muss das machen. Verstehst du? Ganz davon abgesehen, dass die Horkruxe alle die ein oder andere Möglichkeit hatten, sich zu wehren, sodass es ohnehin niemand allein versuchen sollte. Ich akzeptiere, dass du mit mir gehen wirst… aber definitiv nicht ohne mich.« Das Kopfschütteln unterstrich seine Worte visuell sehr deutlich.

»Vielleicht hat mich allmählich der Wahnsinn ergriffen und ich glaube, eine weitere Diskussion könne dich dazu bewegen, an die Zukunft deines Patenkindes zu denken«, murrte Severus. »Wir haben keinen Vielsafttrank mehr. Das Risiko, dass jemand dich erkennt, ist so furchtbar groß.« Wenn ein Todesser, oder ein Hauself wie Kreacher Harry erkannte…

»Severus bitte… es war meine Aufgabe. Die ganze Zeit war es meine Aufgabe.« Harry ballte die Hände zu Fäusten. »Und ich habe verdammt viel auf diesem Weg verloren. Ich kann jetzt nicht einfach aufhören.« Warum verstand Harry denn nicht, dass es nicht mehr seine Aufgabe war? »Ich meine… was, wenn die Schlange nicht echt ist? Du würdest sie töten und wüsstest es nicht. Du warst nie dabei, du kannst sie nicht fühlen. Das kann nur ich.«

Resignierend schloss Severus die Augen, leise und gedehnt die Luft ausstoßend. Es missfiel ihm. So sehr. Aber am Ende konnte und würde er es Harry nicht vorschreiben. Es war zwecklos und verletzte diesen unnötig, sorgte allenfalls für kopflose Übersprungshandlungen. Am Ende war Severus machtlos, Harry im Zweifel vor seiner eigenen Sturheit zu beschützen, wenn er nicht doch noch die Variante mit dem magischen Kellerverließ in Erwägung zog.

Harrys tiefes Atmen und Kopfschütteln veranlasste den älteren Zauberer, die Augen wieder zu öffnen und zu Harry zu blicken. »Es tut mir leid, dass ich es nicht einfach lassen kann, aber ich muss… ich muss das Sehen, verstehst du das?«, fragte er Severus leise. »Ich muss sehen, dass die Schlange tot ist, und am Ende muss ich sehen, dass er stirbt. Ich muss…« Harry stieß erneut die Luft aus und erhob sich ganz fahrig von seinem Stuhl, um rastlos durchs Zimmer zu tigern. »Ich weiß doch, dass… ich dich nicht beschützen kann, und dass es gefährlich ist, und dass du dir sorgen um mich machst«, schloss er.

Nur was sollte Severus dazu sagen? Es war hoffnungslos und diskutieren brachte sie beide nicht weiter. »Ich verstehe es«, stimmte er zu. »Alles davon.« Was nicht bedeutete, dass er es guthieß. Aber für heute hatte er bei weitem genug Aufregung gehabt. Für heute wollte er lieber Pläne und Antworten. »Wann brechen wir auf?« Es war wirklich nicht so, als wolle er das übers Knie brechen… allerdings lief ihnen vielleicht die Zeit davon und welche Pläne sie auch schmiedeten, die Willkür des dunklen Lords konnte das jederzeit über den Haufen werfen.

»Wann immer du es für angebracht hältst«, erwiderte Harry, nachdem er mehr als offensichtlich einen kleinen, inneren Kampf ausgetragen hatte und so unruhig wirkte, wie ein eingesperrter Puma.

»Komm her«, forderte er Harry auf. »Zuerst einmal… atme tief durch und versuch, wieder ruhiger zu werden. Zum anderen: Komm her. Lass uns essen.«

Harry kam jetzt zwar zum Tisch, sah allerdings nicht besonders glücklich oder ruhig aus. So, wie er auf den Stuhl plumpste und die Lippen verzog, rebellierte sein Magen vermutlich direkt.

»Es ist nie klug, überstürzt etwas zu beginnen«, sagte Severus leise. »Und vor allem nicht hungrig.« Er zog einen Mundwinkel in die Höhe. »Nagini wird noch da sein, wenn wir gegessen haben und vermutlich auch morgen noch.« Es brachte nichts, wenn Harry aufgebracht oder aufgewühlt war. Dann würde jeglicher Einsatz nur in die Hose gehen.

In einer ganz sanften Geste legte er seine Hand auf die des jungen Mannes vor ihm, der gerade seine Gabel in die Hand genommen hatte. Severus könnte mehr sagen, aber für wirklich beruhigende oder beschwichtigende Worte fehlte es ihm gerade einfach an Erfahrung. Er wusste nicht, was Harry brauchte, damit er weniger angespannt war. Es schien allerdings schon zu helfen, ihn einfach nur so zu berühren. Harry ließ die Gabel wieder los, um seine Hand zu drehen ihre Finger ganz sachte miteinander zu verweben.

»Tut mir leid, dass ich manchmal einfach… so bin«, sagte Harry leise.

»Du hältst es mit meinen… wie vielen Persönlichkeiten aus?« Severus schüttelte den Kopf. »Du hast allen Grund, so zu sein. Ich bin gespannt, wie du bist, wenn all das vorbei ist und du nicht mehr in ständiger Alarmbereitschaft sein musst.«

Mit einem schiefen Lächeln und ganz sachter Bewegung seiner Finger reagierte sein junger Gefährte subtil auf Severus' Worte. »Wahrscheinlich bin ich dann total langweilig«, meinte er. »Und mutiere einfach zur Übermutter oder sowas…« Letzteres würde Severus kaum stören. Er sah sich nach wie vor nicht in der Lage, wirklich als ein Vater irgendwas zu tun, sich zu kümmern… das Ganze zu schaffen, ohne wie sein eigener Vater gravierende Fehler zu machen. »Und in meiner Freizeit hänge ich mich einfach wie eine Klette an dich dran.« So, wie er schmunzelte, stellte er sich das bildlich vor und…. Jap, er stellte es sich bildlich vor. Wie ein Babyaffee, der sich ans Bein seiner Mutter hängte, hing Harry an seinem Oberkörper, die Beine um seine Hüfte geschlossen und mit dem theatralischsten Blick, den er zu bieten hatte.

Severus konnte nicht anders. Er musste einfach loslachen. Dieses Bild war so völlig absurd, dass man nicht ernst bleiben konnte. Nicht einmal er. Das gehörte wohl eher zu Severus als zu seiner Rolle als Professor Snape. Snape wäre ernst geblieben und hätte einen herablassenden Spruch gebracht, oder?

Harry grinste, vermutlich, weil er lachte und überbrückte die Distanz zwischen ihnen umständlich ein wenig, um sich gegen ihn zu lehnen. Stühle waren für solche Dinge wirklich unpraktisch. Nah sein, und trotzdem war man fern. Ihre Blicke begegneten sich, wobei der von Severus zunächst noch amüsiert wirkte… bis er die großen, feucht wirkenden Augen seines Gefährten sah, der sich zu allem Überfluss auch noch auf die Unterlippe biss.

»Ich liebe dich«, piepste er mit sehr dünner Stimme und glühenden Wangen. Gute Güte, Harry sah aus als müsse er jeden Moment anfangen, zu heulen. Die Angst um den Tränkemeister brauchte er gar nicht aktiv in Harrys Geist zu erforschen… er spürte sie förmlich.

»Du brauchst keine Angst um mich zu haben«, sagte Severus daher leise und fuhr mit der freien Hand durch das widerspenstige Haar des Gryffindors. »Ganz gleich, wohin mein Weg mich führt und was auch geschieht, mehr als ein paar Kratzer kriege ich nicht ab.« Manche Kratzer waren einfach tiefer, aber als Tränkemeister war er immer mit Heiltränken verschiedener Art ausgerüstet und sofern man ihm nicht die Halsschlagader durchschnitt, überlebte er. Er hatte den dunklen Lord und Nagini überlebt!

»Gut«, erwiderte Harry. »Du weißt ja, was sonst passiert… der olle Potter kommt vorbei und macht dir beim Sterben einen Strich durch die Rechnung«, hielt er fest.

»Das ist ein Garant deines Familiennamens. Meine Pläne zu vereiteln«, stimmte Severus trocken zu. »Ich nehme es in diesem Fall jedoch dankend an.« Wenn es ihn davon abhielt, zu sterben? Bitte!

»Lass uns morgen früh gehen, oder? Es wäre fair, wenn die anderen zumindest davon wüssten?«, schlug der deutlich jüngere Zauberer vor, sachte seine Hand drückend.

»Ich würde einen Aufbruch in der Nacht bevorzugen. So ungewöhnlich es auch klingen mag, doch auch der dunkle Lord selbst schläft in den frühen Morgenstunden und so wird es sicher auch Nagini. Das könnte uns zum Vorteil gereichen. Natürlich müssen wir zuvor die anderen instruieren – auch für den Fall, dass etwas schiefläuft.« Darüber wollte er zwar weniger bewusst nachdenken, aber es war wohl notwendig. Wer nahm sich der beiden Kinder an, sollte ihnen etwas zustoßen? Wer führte den Plan weiter aus?

»Okay«, kam es von Harry, der offenbar ein wenig ruhiger hatte werden können. »Dann sollten wir essen und danach mit den anderen sprechen.« Mit diesen Worten löste er seine Hand und nahm sein Besteck wieder an sich, um nun mit dem Essen zu beginnen. Severus tat es ihm gleich, auch wenn er wenig Appetit hatte und das Essen für ihn erstaunlich sehr nach Nichts schmeckte. So war es immer, wenn er wusste, dass er in eine für ihn nicht sehr begrüßenswerte Situation kommen würde. Das Essen schmeckte nicht und ganz gleich wie viel er trank: Seine Kehle blieb trocken.



War der Salon seiner Großeltern jemals so voll gewesen? Nein, dafür nutzte man keinen Salon. Wenn es ein Fest gegeben hatte, war es im Saal ausgerichtet worden. Der Salon diente nur für kurzweiligen Besuch, der kam und wieder ging, ohne mehr als ein paar Happen eines Küchleins und eine Tasse Kaffee oder Tee getrunken zu haben. Jetzt aber war der Salon voll und während die eine Hälfte mit weißblondem Haar die slytherinlastige Seite beschrieb, so war auf der anderen Seite der Trupp Rotschöpfe. Lediglich dazwischen fand sich von allem ein wenig: dunkle Haut, blondes Haar, rötliches Haar. Gryffindors gab es zu Severus' Bedauern einfach zu viele in diesem Gebäude und wenn er die fast trotzigen Blicke jener betrachtete, die dem roten Haus zugehörig gewesen waren, sowie die zurückhaltend reservierten Blicke jener aus seinem Haus, erfüllte sich das Klischee der mutigen, vielleicht etwas kopflosen Gryffindors und der berechnenden Slytherins sehr.

»Es ist so schön, mit so vielen Leuten zusammen zu sein«, säuselte Luna gut gelaunt mit einem seligen Lächeln auf dem Feengleichen Gesicht. Dass Lucius daraufhin keinen finsteren Kommentar losließ, war wohl seiner beachtlich schlechten Kondition geschuldet. Er musste viel getrunken haben, so arg, wie dieser kurzzeitige Alkoholentzug seine Hände zittrig sein ließ. Es war offensichtlich, dass es dem Familienoberhaupt nicht gut ging, so sehr er sich auch bemühte, ein anderes Bild zu präsentieren.

Wie auch Harry entging ihm nicht, dass Seamus und Dean ihre Hände miteinander verwoben hatten und auffällig dicht beieinandersaßen. Es war ein harmonisches Bild und bedachte man die Schulzeit der Jungs, war es wohl zu erwarten gewesen, dass sie sich trotz des schlechten Rufs als schwules Paar zusammenfanden.

Ein kurzer Blick ging zu seinem Patensohn, der wie auch bei den Versammlungen der Todesser den Blick ins Leere und leicht gen Boden gerichtet hatte. Er fühlte sich hier nicht weniger unwohl als dort und selbst der kurze, finstere Blick gen Luna hatte keine Schärfe.

»Harry und ich werden heute Nacht aufbrechen«, begann Severus tonlos, das Kinn leicht gereckt. »Wir werden Nagini aufsuchen und töten. Der Großteil von euch weiß, was das bedeutet.« Natürlich waren die Reaktionen recht durchmischt – während die Malfoys nicht wissen konnten, dass der Tod der Schlange gleichzeitig der Freifahrtsschein zum Tod des dunklen Lords war, war der Rest vollkommen im Bilde. Sie zischten, keuchten, seufzten, stöhnten.

»Was tun wir?«, wollte George wissen, der in der immer gleichen Haltung war: so, als wäre Fred noch neben ihm. So, als müsse sein Bruder gleich die Blicke mit ihm kreuzen, seine Sätze beenden.

»Ihr bleibt hier«, antwortete Harry, ein Zischen vom ältesten Weasleysohn erntend.

»Das kann nicht euer Ernst sein«, knurrte dieser.

»Es ist unser vollster Ernst, Mr. Weasley, und in Anbetracht der reichlich geringen Zahl an instruierten Personen ist es notwendig, Sie hier in der Hinterhand zu behalten, sollten wir scheitern«, sagte Severus kalt. »Sollten wir heute Nacht nicht schaffen, was wir planen, ist es an Ihnen, unser Werk fortzusetzen.« Irgendjemand musste die Schlange töten.

»Was ist mit Edward und Dianthea?«, fragte Narzissa, einen überraschten Blick bei Severus auslösend. Am Ende war sie eben wie Molly eine Mutter, durch und durch.

»Roopy und Cimny bleiben für heute Nacht bei den beiden.« Es war nicht optimal, aber besser als nichts.

»Wenn ihr beiden scheitert, verlieren wir unsere letzte Waffe gegen die Schlange«, hielt Minerva ruhig fest.

»Bedingt. Anders, als die anderen Horkruxe, ist Nagini genauso wie Harry lebendig. Nur in der Theorie benötigen wir den Basiliskenzahn. In der Realität könnte es auch auf die althergebrachte Art funktionieren: Der Schlange den Kopf abschlagen. Für den Fall, dass wir scheitern…« Sein Blick ging zu Narzissa.

»Ich werde mich um die Kinder kümmern«, sagte Molly brüsk, woraufhin Severus zu ihr sah. Genauso wie Narzissa, die offenbar das gleiche hatte sagen wollen.

»Und du wirst bestimmt Unterstützung dabei erfahren«, warf Harry sehr schnell ein. »Ted und Thea sind genauso mit dir, wie mit Mrs. Malfoy verbunden. Ihr werdet euch kaum darüber streiten müssen.«

Thea? Wann war das denn passiert? Stirnrunzelnd sah Severus zu Harry, der offenbar bereits Spitznamen vergab. Das ging ja schnell bei ihm. Narzissa wirkte dem gegenüber jedenfalls aufgeschlossen und auch wenn Molly für einen Augenblick noch sehr verschlossen wirkte, nickte sie schlussendlich jedoch ganz leicht.

»Macht euch um die Kinder keine Sorgen«, schloss sie. »Sorgt euch lieber darum, wieder gesund hier her zurückzukehren.« Letztlich konnte offenbar insbesondere Molly schnell ihren Ärger verbergen, wenn es darum ging, dass es Harry gut ging.

»Das ist die oberste Sorge«, versicherte Harry, Severus' Hand leicht mit seiner streifend. Ganz beiläufig nur.

»Sagt uns Bescheid, wenn ihr aufbrecht. Dann können wir euch hier erwarten und euch versorgen, solltet ihr verletzt werden«, warf Minerva sachlich ein.

»Das werden wir. Narzissa wird uns die Hauselfe rufen, die mit der Versorgung Naginis betraut ist – eine heimliche Aktion ist somit ausgeschlossen«, versicherte Severus, seinerseits seinen Zeigefinger ganz eben zwischen Harrys Zeige- und Mittelfinger schiebend.

»Was soll dieses… Spiel?«, fragte jetzt Lucius verärgert und fixierte Severus gereizt.

»Spiel? Wovon sprichst du?«, wollte Severus tonlos wissen.

»Harry? Ihr haltet Händchen? Was soll dieses abartige Schauspiel? Wem willst du was vormachen, Severus?« Der adressierte Tränkemeister blinzelte irritiert, ehe ihm gewahr wurde, dass Lucius genauso wenig wie der eine oder andere Anwesende wusste, was mit ihm und Harry ablief.

»Über die Abgründe der Abartigkeit gewisser Handlungen können wir uns gern ausführlich unter vier Augen unterhalten, Lucius. Ich würde dir jedoch empfehlen, nichts in Bezug auf Harry abartig zu nennen«, sagte er eisig. Es war das Eine, wenn Leute, die ihn nicht kannten und mochten in seinem Handeln etwas schlechtes oder böses für Harry sahen und ihn deswegen verurteilten. Lucius jedoch war sein Freund, ungeachtet aller Widrigkeiten. Er würde nicht zulassen, dass er nur wegen seiner verfluchten Reinblütererziehung an Harry und ihm Kritik übte.

Lucius sah ihn fassungslos, ja regelrecht pikiert an… und sagte doch nichts weiter dazu. »Also, ich denke mal unsere Beziehung wurde ausreichend diskutiert. Mr. Malfoy, wenn Sie Fragen dazu haben, können Sie sich bestimmt vertrauensvoll an die Familie Weasley wenden«, frotzelte Harry, Severus' Hand nun richtig umfassend und drückend. Das war auch eine Möglichkeit Leck mich zu sagen.

»Ich werde einen Teufel tun, mit diesen Blutsverrä-…« Weiter kam Lucius nicht, da hatte Severus ihm bereits mit einem Schnippen seines Zauberstabs eine Art Ohrfeige verpasst.

»Dieses Wort«, sagte Severus vollkommen kalt, »hat in diesem Haus nichts zu suchen. Hier gibt es keine Anfeindungen des Blutes, der Abstammung, der Haarfarbe oder der finanziellen Mittel wegen. Vergiss niemals, dass ich, genauso wie der dunkle Lord selbst, nur ein Halbblut bin. Diese ganze, lächerliche Farce über Reinblüter muss aufhören.« Seine Hand in Harrys Griff verkrampfte sich ein wenig. »Familie Weasley ist vielleicht nicht die begrüßenswerteste Gesellschaft, jedoch zuverlässiger und loyaler, als jeder Malfoy oder Black, dem ich begegnet bin.« Er sah zu Narzissa. »Dich ausgenommen.« Das bescherte ihm ein nachsichtiges Lächeln von der geborenen Black.

»Hat er uns gerade gelobt?«, flüsterte George mehr schlecht als recht zu Charlie. Einhelliges Kichern erklang. Severus starrte den rothaarigen Ex-Zwilling mit einem finsteren Blick an, der hoffentlich deutlich machte, dass er seine Worte bereits bereute.

»Gewiss wird mein Mann schon noch die Vorteile dieses Zusammenlebens erkennen«, merkte Narzissa abwinkend an. Sie wirkte motiviert und gut gelaunt.

»Und Harry und Professor Snape können Sie sowieso nicht voneinander loseisen«, warf Luna glockenhell ein, ganz selig lächelnd.

»Sofern es keine konstruktiven Vorschläge oder Ideen gibt, diesen bevorstehenden Ablauf zu optimieren: Sie dürfen sich nun wieder mit sich selbst befassen.« Severus reckte das Kinn etwas. Die Versammlung war aufgelöst. Zwar öffneten sich hier und da Münder, Worte kamen jedoch nicht heraus. Sie sahen aus, wie eine Schar Fische. Stumpfe, nach vorn gerichtete Blicke und sich öffnende Münder.

Bereitwillig wendete er sich nun zu Harry als dieser seine Hand drückte und an seinem Arm zog. »Gehen wir hoch«, sagte er leise, nach einem letzten Blick auf Lucius, Draco und Narzissa den Raum verlassend. Sie würden zurechtkommen, solange Narzissa den Ton angab.



Das Bett war, nachdem Harry noch einmal nach den Kindern gesehen und sie versorgt hatte, ein sehr begrüßenswerter Ort. Harry hatte sich bereits darauf niedergelassen, Severus jedoch stand noch und thronte damit vor und über Harry.

»Tut mir leid, dass du mit Lucius aneinandergeraten bist.« Harrys Blick war von Scham gezeichnet, die Art, wie er seine Lippen schürzte, sagte deutlich, dass er sich für seine Reaktion ein wenig schämte.

»Es wäre früher oder später ohnehin geschehen. Wie ich bereits mehrfach subtil angedeutet und wie wir bereits diverse Male weniger subtil erfahren haben, sind Schwule nicht besonders gern gesehen. Vor allem in Reinblüterfamilien.« Es war nicht akzeptiert, es war verpönt. Sie würden sich immer wieder offener Anfeindung, sogar aggressiven Handlungen stellen müssen, je nachdem, wem sie begegneten.

Severus sah Harrys Hand, wie sie sich ihm entgegenstreckte und trat auf das Bett zu, sich ein wenig dichter vor Harry stellend. »Er ist dein Freund«, murmelte er.

»Das ist er auch morgen noch. Es ist nicht ungewöhnlich, dass seine einstudierten Floskeln sich auch gegen mich richten. Am Ende hat er meine Freundschaft geschätzt, obwohl ich nur ein Halbblut bin«, sagte der Tränkemeister, sich so über Harry beugend, dass dieser sich auf den Rücken niedersinken lassen musste. »Ein Leben wie das der Malfoys ist bemitleidenswert streng und indoktriniert, ganz unabhängig vom dunklen Lord. Ich bin auf meine Weise froh, erst spät als Prince-Abkömmling aufgewachsen und nicht als Black oder Malfoy geboren worden zu sein.«

Harrys warmen Hände an seinen Seiten waren ganz angenehm und so sanft, dass Severus andeutungsweise lächelte. »Ich würde mich trotzdem manchmal freuen, wenn die Realität sich ein bisschen mehr nach meinem Kopf richten würde«, seufzte Harry.

»So funktioniert das Leben leider nicht. Allerdings kann man sich diese alternative Realität mittels ausgezeichneter Legilimentikfähigkeiten bisweilen zu eigen machen«, sagte er ruhig. »Und nun lass das negative Empfinden zurück, Harry. Wir wollen unsere Zeit bis zum Aufbruch doch nicht so verbringen?« Passend zu seinen Worten schloss Harry die Augen, offenbar die negativen Dinge in ihm zurückdrängend. Was folgte, war ein ganz zärtlicher, kleiner Kuss.

»Wenn die Schlange weg ist, wird es mir besser gehen«, versprach er ganz dicht an den Lippen des Älteren.

»Morgen um diese Zeit«, flüsterte Severus zurück, »werden wir hier liegen und darüber schmunzeln, dass wir uns wegen der Schlange derart nervös gemacht haben. Sie zu töten… wird mein erster, aktiver Akt gegen ihn sein… ich bin aufgeregt«, gestand er. »Entweder sind wir nun gemeinsam angespannt, oder wir finden einen Weg, diese Sorgen loszuwerden.« Küsse, Nähe, Wärme… das alles beruhigte den Geist, den Körper.

»Mir würden vielleicht ein… bis drei Sachen einfallen«, erwiderte Harry amüsiert, ihn erneut küssend. Es war unverfänglich und sanft und schenkte schon jetzt so viel Frieden, wie es tausend Worte nicht könnten. Severus beugte sich über Harry, damit diese sich nicht so hochdrücken musste, ihn voller Zärtlichkeit ganz langsam und gedehnt küssend. Diese Nähe… Harrys Nähe… schenkte Severus Frieden.

Auf Harrys Geheiß ihn ließ er sich neben ihn auf die Matratze sinken, ihm dennoch ganz nahe bleibend. Bedauerlicher Weise reagierte sein Körper auf die Kombination aus Nähe, Küssen und Streicheln schon etwas deutlicher. »Ein… bis drei Sachen?«, fragte der Tränkemeister daher, sich damit ein wenig Zeit erkaufend. Er wollte nicht wie ein pubertierender Teenager bei jeder körperlichen Nähe so reagieren.

»Vielleicht auch dreißig?«, erwiderte Harry schmunzelnd. »Mein Kopf ist sehr kreativ, was dich angeht!« Das klang wie ein Versprechen, ein Schwur und eine Drohung in einem.

»Mh«, brummte Severus. »Vielleicht zeigst du mir ein bis drei von diesen Sachen einfach?«, schlug der Tränkemeister vor. Er war da vermutlich eher altmodisch und klassisch. Gemeinsam reden, gemeinsam liegen und kuscheln, küssen… und Sex. Das waren drei Dinge, die man zusammen so tat. Naja, und duschen. Vier.

»Okay mh…«, grübelte der Jüngere. »Dann musst du dich anders hinlegen«, legte er fest, etwas Distanz zwischen ihren erhitzten Leibern schaffend. »Auf den Bauch? Und ziehst du deine Robe und dein Hemd aus?«, schlug er vor.

Unweigerlich schluckte Severus gegen einen Kloß in seinem Hals an. Bauchlage. Teilweise unbekleidet. Das versprach eigentlich, angenehm zu werden, wenn er es schaffte, sich zu entspannen. Harry wusste nun, was ihm einen Horror bereitete… darauf würde er Rücksicht nehmen. Also richtete er sich auf, um seine Bekleidung um ein paar Dutzend Schichten zu erleichtern und schließlich angespannt mit nacktem Oberkörper wieder vor dem Bett zu stehen. Die antrainierte Furcht, sich obenherum nicht unbekleidet zeigen zu dürfen, machte es nach wie vor schwer. Es waren nur kleine, runde Narben. Nicht mehr. Der Verursacher war lange tot und konnte ihn nicht mehr bestrafen, weil er sie nicht verbarg. Doch was Hänschen gelernt hatte, würde Hans immer im Kopf behalten. Dennoch folgte er nach einigem Zögern der sanften Berührung seines rechten Unterarms durch Harry und streifte sich die Schuhe ab, um sich auf den Bauch auf die Matratze zu legen. Dass er sich dabei wie ein Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank fühlte, versuchte er dabei zu verdrängen.

Harry erkannte seine Anspannung offenbar, so sanft wie er sein Haar aus dem Gesicht streichelte und ihn anlächelte. Jede Berührung war warm und versprach ihm nichts weniger als das Paradies. Dennoch brauchte es einiges an Überwindung, sich in dieser Position zu entspannen. Er konnte sich nicht erinnern, je wirklich auf dem Bauch geschlafen zu haben seit jenem schicksalshaften Tag. Es dauerte einfach ein wenig, aber nach und nach schien sein Körper die Anspannung nicht mehr halten zu können oder zu wollen.

»Ich knie mich über dich, damit ich besser an deinen Rücken komme«, warnte Harry ihn und auch, wenn der Gedanke irgendwie erschreckend war, so nickte er doch. Daran war nichts Verwerfliches oder schlimmes und da Harry die sanften, liebevollen Berührungen aufrecht erhielt und seinen gesamten, breiten Rücken liebkoste, war er bereit, die Augen zu schließen und sich dem Fühlen hinzugeben.

Das klappte auch so lange gut, bis Harry anfing, mit etwas Druck die massiv verspannten Muskeln zu bearbeiten. Das war bei weitem nicht die Art von Druck, die ein richtiger Masseur anwenden würde, aber es reichte, damit Severus das Gesicht voller Qual verzog, die Kiefer fest aufeinanderpressend – bloß kein Tönchen von sich geben.

»Es tut sehr weh, mh?«, fragte Harry, den Druck vollständig zurücknehmend. Stattdessen rieb und streichelte er über die festen Muskeln. Kein Schmerz mehr.

Severus atmete gedehnt aus, seine Züge zeigten wieder deutlich mehr Neutralität. Die Frage, ob etwas wehtat… war ihm so ungewohnt fremd. »Ein wenig«, erwiderte Severus also möglichst neutral. »Das Laster des Tränkebrauens.«

»Und dabei bin ich nur am Rücken, nicht an den Schultern«, meinte Harry salopp, weiter und weiter reibend. Er wechselte nunmehr auf seine Handflächen, wodurch er flächigeren Druck ausüben konnte und der Schmerz nicht so punktuell kam. Severus seufzte kaum hörbar, die Stirn kräuselnd bei geschlossenen Augen. Wie verspannt konnte man eigentlich sein und wodurch?

»Wir sollten das häufiger machen«, sagte Harry sanft. »Vielleicht kann ich lernen, wie das richtig geht.« Das Schmunzeln konnte man richtig hören. Severus wollte dem weder zustimmen, noch widersprechen. Wer wollte diese Schmerzen freiwillig ertragen? Das war alles andere als angenehm! Also brummte er nur leise. Sollte Harry für den Augenblick eine Zustimmung daraus ziehen! »Wenn wir das regelmäßig machen, dann ist es irgendwann nicht mehr so schlimm«, setzte Harry noch nach. Offenbar war es seine Aufgabe, Severus jetzt eine Massage zu verkaufen.

»Lass uns darüber nachdenken, wenn wir alles hinter uns haben«, brummte Severus. »Dann sehen wir, wie regelmäßig so etwas in unseren Alltag passt.« Gut, er war zu ernst. Mal wieder. Harry ließ sich davon allerdings nicht beirren und liebkoste ihn weiter, wodurch er zumindest ein wenig entspannte – trotz des lauten Krachens in seiner Wirbelsäule. Für einen Moment glaubte er, er müsse jeden Augenblick Höllenqualen durchleiden, weil da irgendwas kaputt gegangen war… dem war aber nicht so. Im Gegenteil.

Als Harry schließlich deutlich leichter wurde mit seinen Berührungen, seufzte Severus wohlig. Immer wieder zuckten die Muskeln unter der Haut, dort, wo der junge Mann ihn berührte. Schließlich spürte er das Gewicht des Jüngeren auf sich, zuerst nur auf seinem Hintern, dann über seinen gesamten Körper. Angespannt zwang Severus sich, weiterzuatmen und nicht den Fokus auf das Hier und Jetzt zu verlieren. Gar nicht so leicht. Dabei war Harry im Grunde ein Leichtgewicht.

»Ist das okay so?«, fragte ihn der junge Mann ganz aufmerksam für sein Wohl und sofort überkam ihn ein ziemlicher Zwiespalt. Ein Teil von ihm wollte laut und deutlich Nein schreien. Andererseits war es ihm mit Harry doch nicht überragend unangenehm. Dafür vertraute er Harry genug.

»Ja und Nein«, sagte Severus aufrichtig. »Ich konzentriere mich auf dich. Das macht es okay.« Aber noch war es zu negativ behaftet.

»Na, wenn es nur okay ist, dann müssen wir das ja auch nicht machen«, sagte Harry sanft. »Ich versuche nur herauszufinden, was in Ordnung ist.« Das konnte Severus verstehen, wirklich.

»Aktuell… begrüße ich wirklich andere Dinge«, murmelte der Tränkemeister, wirklich damit kämpfend, die negativen Gefühle zurückzudrängen. Sie gehörten hier nicht her. Das Gefühl der tanzenden Finger auf seinen Seiten, das Gefühl des Kitzelns allerdings machte etwas mit ihm. Mit einem Schlag verschwamm seine ganze Sicht, das blaue Bett war nicht mehr vor seinen Augen. Das angedeutete Gewicht, dass über ihm schwebte, die Beine, die seinen Körper eingrenzten… und plötzlich übernahm sein Körper die Kontrolle.

Mit einem einzigen, heftigen Zug drehte sich der Tränkemeister unter Harry, ihn mit einer Mischung aus Luftmagie und seinem Körper nicht nur von sich, sondern halb durch den Raum stoßend, die schwarzen Augen von einem Anflug aus Panik geweitet. Er spürte sein Herz so klamm schlagen, dass er kaum atmen konnte. Er war gerade nicht in seinem blauen Zimmer in der Toskana. Und Harry war nicht Harry.

Dieser wurde gegen die Wand zwischen den beiden Türen geschleudert, wo er heftig zu Boden ging. Kein Ton. Nur der Aufprall. Severus kniff die Augen zusammen, gehetzt zu Harry blickend, der vollkommen benommen auf dem Boden hockte. »Verflucht«, stieß er extrem dünn aus, sich trotz seiner zitternden Hände und Beine auf eben jene kämpfend, um zu Harry zu hetzen. »Es tut mir leid… bei Merlins Bart… bist… bist du verletzt…?«, stammelte er. Er hatte Harry angegriffen. Er hatte ihn verletzt. Einfach so, mit einem Lidschlag. Wäre er anders aufgekommen…

»Glaub nicht«, murmelte Harry etwas nuschelig, seinen Hinterkopf betastend. Kein Blut. Immerhin. Ein kleiner Trost. »Was ist passiert?«, fragte er den Älteren verwirrt. Severus konnte jedoch nur beschämt den Blick zur Seite abwenden und die Kiefer zusammenpressen. Es war wie dieser verdammte Kitzelfluch. Es war… Severus erschauderte und stieß die Luft aus. Er hatte sich gewehrt. Wunderbar. Wirklich. Dreißig Jahre zu spät.

»Hey…«, sagte Harry ganz leise, seine Hand auf die Wange des älteren Zauberers legend. »Was ist passiert?« Gezwungenermaßen sah Severus zu seinem jungen Gefährten, der Blick noch flackernd von dem Wechselspiel aus Gegenwart und Vergangenheit.

»Zu viel«, flüsterte er als leise Antwort. »Das Kitzeln… war zu viel.« Er benetzte seine Lippen, schwer schluckend. »Ich wollte dich nicht verletzen, Harry… bitte vergib mir…« Er hatte seinen Gefährten angegriffen, verletzt. Wie sein Vater, wenn er betrunken war. Nein, er war nicht betrunken… aber war es ohne diese Ausrede wirklich besser?

»Natürlich«, erwiderte Harry sanft. »Aber hast du vielleicht einen Zauber für mich parat? Ich hab ein Hörnchen«, fügte er noch an.

»Ja, selbstverständlich.« Severus zog seinen Zauberstab aus dem Armholster und richtete ihn auf Harry, einen stummen Interitus wirkend, der die unangenehme Schwellung direkt abklingen ließ. »Besser? Hast du Schmerzen? Soll… willst du einen Trank…?«, fragte er dünn und viel zu schnell. Statt sofort zu antworten, griff der junge Mann jedoch erst einmal nach seinen Händen und drückte sie sachte.

»Nein, geht schon wieder. Tut mir leid, ich… hab gar nicht mitbekommen, dass ich dich gekitzelt habe.« Schuldbewusst klang der einstige Gryffindor. Das war nicht richtig. Er hatte nichts Falsches getan. Doch statt etwas in dieser Art zu sagen, senkte der Tränkemeister nur den Blick und nickte knapp. Noch mehr Worte wollte er nicht aussprechen.

»Hey… nichts passiert«, flüsterte sein Gegenüber, sich auf die Knie und näher an Severus heranbringend. Ihre Hände fanden wieder einmal zueinander.

»Du weißt genauso gut wie ich, dass das nicht wahr ist«, sagte Severus tonlos. »Und eine andere Richtung, und es hätten schlimmere Dinge geschehen können…« Er sah kurz zum Fenster, dann zur Kommode mit dem Sechstanten.

»Ist es aber nicht und jetzt weiß ich es. Eigentlich hätte ich es mir wohl denken können und vorsichtiger sein müssen. Ich hatte nur gedacht, es lag bei unserem Training einfach an dem unerwarteten Fluch… nicht so wirklich am Kitzeln.«

Nein, kein Fluch, egal welcher Art, hätte ihn derart aus dem Konzept gebracht. Severus schluckte seinen Kloß herunter und erhob sich stumm, Harry mit sich auf die Beine ziehend. Jetzt wusste Harry es. Viel mehr gab es nicht, was Severus unerwartet derart aus dem Konzept bringen konnte. Harry hatte brav alles abgegrast.

»Severus…«, setzte der deutlich jüngere Mann an. »Du wolltest das nicht, oder? Also… war es ein Unfall. Das ist echt blöd, aber sowas passiert leider.« Schön gesprochen, leider unwahr.

»Ich wollte es«, sagte er vollkommen tonlos. »Nicht gegen dich gerichtet, das nicht. Aber gegen den Verursacher der Situation.« Severus' Züge verschlossen sich. »Ich habe meine Reaktion genauso unbedacht ausgeführt, als hätte ich mich betrunken.« Die Worte waren mehr geknurrt als gesprochen. »Es tut mir leid. Sowas darf nicht passieren. Mit keiner Ausrede. Nie.«

»Und wenn das mir neulich passiert wäre? Vielleicht ist es nur nicht passiert, weil ich zufällig auf dir lag und nicht unter dir. Man kann die Reaktionen seines Körpers nicht immer bestimmen, egal ob nun betrunken oder nicht. Wie gesagt… es war ziemlich blöd und ich bin bestimmt nicht scharf auf eine Wiederholung… aber das gerade macht dich nicht zu einem schlechten Menschen.«

Severus lauschte den Worten zwar nicht hochkonzentriert, aber sie erreichten ihn durchaus. »Nein, ich bin vermutlich kein schlechter Mensch. Aber gefährlich.« Er ließ seine Schultern etwas hinabsinken. »Und du ahnst nicht einmal, wie sehr du… in Gefahr warst… oder bist…« Passend dazu löste Harry eine Hand, um sich über das Gesicht zu reiben.

»Es tut mir leid, Severus aber… wir sind nicht einer Meinung. Ich habe dir versprochen, dass ich gehe, wenn du mir jemals wehtust, aber… das hier? Ich meine…« Er stieß die Luft aus. »Sowas passiert viel häufiger als du vielleicht glaubst, aus viel weniger heftigen Gründen. Und jedes Mal könnte es ziemlich schief gehen. Also… sollte man nicht einfach froh sein, wenn nichts weiter passiert ist? Es geht mir gut, du hast dich sofort um mich gekümmert… «

In Severus stieg gleichsam Ärger auf, wie Verzweiflung. Dieser Tag hatte einfach schon zu viel in ihm losgetreten heute. Es war kein guter Tag. »Du könntest tot sein, Harry. Und das nicht nur, weil ich dich vielleicht in eine unglückliche Richtung geschleudert hätte«, sagte er eisig und entzog Harry seine Hand. »Spiel die Dinge nicht herunter, die du nicht begreifen kannst.« Er konnte es nicht begreifen, weil in seiner kleinen, heilen Harry-Potter-Welt nur die Bösen jemanden töteten – und Sev, der liebe Sev, war kein Böser!

»Sind wir jetzt wieder an dem Punkt, dass ich dumm bin?«, fragte Harry harsch und bissig. »Bitte schön. So viel zu unserem friedlichen Miteinander, bis wir zu einer Mission aufbrechen, bei der wir beide tatsächlich ziemlich leicht draufgehen können. Warum sollten wir uns auch nicht streiten«, knurrte der junge Mann grimmig.

»Du bist nicht dumm«, erwiderte Severus monoton. »Du bist naiv und du kennst mich nicht im Ansatz so gut, wie du es dir einreden willst.« Der Tränkemeister biss die Zähne aufeinander, während er sich abwendete und von Harry fortging. »Du hast einfach keine Ahnung und gehst immer vom Besten aus, sprichst die Leute um dich herum heilig und die schlimmen Dinge klein…« Wenn Harry wüsste, zu was er im Stande war, würde er wohl anders reagieren. Aber wenn er das wüsste… würde er dann überhaupt noch mit ihm agieren?

»Hör auf damit«, bat Harry ihn plötzlich ganz leise und beherrscht. Den Schmerz seiner Worte spürte Severus regelrecht.

»Damit, die Wahrheit auszusprechen?«, fragte Severus. »Dann hör auf, mich heilig zu sprechen, verflucht. Ich bin es nicht!« Ihre Blicke begegneten sich, beide völlig ausdruckslos.

»Warum das alles? Warum überhaupt all das? Wofür? Ich habe dir vor… was? Zwei Stunden gesagt, dass ich dich liebe… und schon wieder stößt du mich von dir. Weil wir nicht einer Meinung sind. Du machst dir so viele Sorgen darum, dass du mich verletzen könntest, als würdest du permanent mit einem Messer durch die Gegend laufen… ist dir nicht klar, dass du mir damit viel mehr wehtust? Innendrin?«

»Du solltest lernen, zu differenzieren, Harry«, sagte Severus betont ruhig und gleichmäßig. »Ich stoße dich nicht weg, vor allem nicht, nur weil wir nicht einer Meinung sind. Ich ertrage es nur nicht, dass du in mir nur das Gute sehen willst, ganz gleich, wie viel Schlechtes in mir ist.« Der Tränkemeister schnaufte angespannt. »Nein. Offenbar ist es mir nicht bewusst.« Mit zusammengebissenen Kiefern zog der Mann die Brauen zusammen. »Aber offenbar gehört das genauso zu mir, wie die Gefahr, die ich für dich bedeuten kann.« Doch eine Reaktion folgte nicht. Harry resignierte. Er verkniff sich seine Worte, nahm wieder einmal des Friedens wegen bereitwillig die Opferrolle ein.

Das war alles einfach nur absoluter Irrsinn. Alles was kompletter Irrsinn. Harry war zu gutherzig für ihn. Sein Herz war zu gut. Er vergaß und vergab, nur um selbst irgendwann an den Dingen, die er tat, zu zerbrechen. Wollte Severus das? Nein, Harry musste leben. Nicht nur überleben. Die Leute, vor allem aber Ted brauchte ihn. Und auch Dianthea würde es gut bei ihm haben, da war er sich sicher. Ihn wieder und wieder in Gefahr zu bringen, jemanden töten zu müssen, obwohl alles in Harry nach Frieden sehnte, erschien ihm mehr und mehr absurd.

»Du wirst nie akzeptieren, dass ich nicht so gut bin, wie du es glaubst. Heiliger oder Sünder… ich bin Letzteres.« Er hatte seinen Zauberstab noch zur Hand, den er jetzt widerwillig gegen Harry erhob und wortlos einen Stupor zauberte, ganz ohne Vorwarnung. In seinen Augen brannte der Schmerz über das, was er tat. Er musste Harry noch einmal wehtun, damit das alles endete und sie sich wirklich aufeinander konzentrieren konnten. Keine erzwungenen Ruhephasen, wenn es sie antrieb, tätig zu werden. Keine Pläne schmieden und doch über den Haufen werfen. Keine geplanten Morde.

Harry wollte, dass die Schlange heute starb. Dann konnte wirklich jeder den dunklen Lord töten. Bitte. Er würde die Schlange für Harry beseitigen und danach den dunklen Lord höchstselbst, sobald er es vermochte. Harry würde fern von alledem sein. Er würde… Harry die Freiheit geben, die er sich so sehr ersehnte. Und wenn er es überlebte, würde Severus sich seinem letzten Kampf stellen und die Schrecken seiner Vergangenheit so aufarbeiten, dass er für Harry bereit war, ohne ein Risiko, eine Gefahr für ihn zu sein. Dann würde er ihn nicht mehr versehentlich verbal verletzen, aus Selbstschutz vor etwas, dass nicht mehr relevant war. Er würde seinen Zauberstab nicht mehr gegen Harry erheben.

Severus ließ nicht zu, dass der reglose Körper des jungen Mannes einfach nur auf den Boden aufschlug – das verhinderte seine Luftmagie sofort. Ihn zum Bett zu bringen, übernahm er allerdings selbst, das wollte er nicht mit Magie machen. Er kniete sich neben seinen Gefährten und strich ihm das strubbelige Haar aus dem Gesicht. »Vielleicht kannst du mir eines Tages auch das verzeihen«, sagte Severus leise, über die glatte Wange des Mannes streichelnd. »Ich liebe dich auch.« Er hob ihn auf seine Arme und trug ihn rüber zum Bett, wo er ihn sorgsam bettete und zudeckte, gut darauf Achtgebend, dass er bequem und natürlich lag. Vielleicht war das vorangegangene ausreichend, damit Harry ihm nicht nachfolgte und er genügend Zeit hatte, die Schlange und den dunklen Lord zu töten. Vielleicht war es auch das, was er brauchte, um diese weit zurückliegenden Fehler eines jüngeren Severus Snape wiedergutzumachen.

»Cimny«, verlangte Severus leise nach seiner Hauselfe. »Ich werde nun ins Malfoy-Anwesen aufbrechen. In zwei Stunden informierst du bitte Mrs. Weasley, dass Harry hier oben liegt und von einem Stupor betroffen ist, sollte ich bis dahin nicht zurück sein. Kümmere dich bitte in der Zwischenzeit um die Kinder und solltest du Hilfe benötigen, sprich mit Mrs. Weasley oder Mrs. Malfoy«, erklärte er der kleinen Person, die mit einem leisen Plopp und wackelnden Herzohren aufgetaucht war.

»Sehr wohl, Master Snape, Sir«, sagte sie, sehr besorgt zu ihrem frei erwählten Herrn aufblickend.

»Und habe mir ein Auge auf Harry, sollte ich länger weg sein. Es sollte nichts geschehen, doch wenn… hol Hilfe. Egal wen. Er soll mir auf keinen Fall nachfolgen oder irgendwas anderes Dummes tun. Ich werde zusehen, so schnell, wie es mir möglich ist, zurückzukehren.« Wieder nickte die kleine Person Pflichtbewusst.

Severus atmete tief durch, dann zog er sich sein Hemd und schließlich auch die Robe wieder an. Er stand noch einen Moment zögerlich im Raum, dann trat er noch einmal zu Harry ans blaue Bett und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Ich hätte dich lieber im Labor eingesperrt«, flüsterte er. »Aber da wärst du sicher schnell entkommen und hättest dumme Dinge getan, wärst mir gefolgt und dich in Gefahr gebracht. Vergib mir ein letztes Mal, wenn du erwachst.« Damit zog er sich von Harry zurück, holte sich den Basiliskenzahn aus der Perlentasche von Hermine, die auf der Kommode gestanden hatte, nur um den Raum schließlich zu verlassen und nach nebenan zu gehen. Er klopfte leise an die Tür, die Narzissa ihm etwas müde dreinblickend öffnete.

»Severus?«, fragte die Frau überrascht.

»Ja. Ruf Trudy. Ich werde allein aufbrechen.«
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast