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Zwei Leben - Unser Kampf - Severus Snape

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
31.01.2022
25.06.2022
31
240.000
44
Alle Kapitel
70 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
02.06.2022 11.792
 
~* Wie jede Woche gibt es den kurzen Hinweis: Vergesst nicht, Harrys Sicht der Dinge bei Enoraá zu lesen! *~


Draco musste bei der Tür gestanden haben, denn er öffnete diese und sah Severus missmutig entgegen. »Hey«, murmelte er und trat beiseite, sodass Severus eintreten konnte, wobei Draco sich deutlich vom Bett fernhielt, wo Narzissa an Lucius' Seite saß, den Blick auf das Mädchen in ihren Armen geheftet, das gerade gefüttert wurde. Severus sah seinen Patensohn mit der gewohnten Distanz an, die der junge Mann bereits aus all den Jahren in Hogwarts kannte. »Ich zeige dir dein Zimmer«, sagte er zu Draco. »Außer, du bist geneigt, hier zu verweilen.«

»Komme«, entgegnete Draco nur, einen kurzen Blick mit seiner Mutter tauschend. Nein, er war offenbar nicht geneigt. Wenig verwunderlich, wie Severus fand. Das Verhältnis von Vater und Sohn schien nachhaltig gestört zu sein. Severus wendete sich also ab und führte Draco zur Treppe und ein Stockwerk tiefer, wo die etwas kleineren Gästezimmer waren.

»Auf diesem Flur verweilen Miss Lovegood, Mr. Lovegood, Mr. Shaklebolt, sowie Mr. Thomas und Mr. Finnigan«, erklärte er seinem Patensohn, ihn zu einer Tür in der Mitte des Flurs bringend. »Wenn dir etwas auf dem Zimmer fehlt, werde ich versuchen, es zu beschaffen.« Er öffnete die Tür, ein einfaches, in verschiedene Braun- und Cremetönen gehaltenes Zimmer offenbarend. Es gab keine Sitzgruppe und keinen begehbaren Kleiderschrank, aber es bot genügend Platz – vor allem für alleinstehende Männer.

»Ein paar normale Nicht-Gryffindors waren wohl ausverkauft?«, fragte Draco stöhnend.

»Zu meinem Bedauern, tendieren Schüler meines Hauses dazu, kopflos einem gewissen dunklen Lord zu folgen«, merkte er an.

Draco ließ sich nicht einmal dazu herab, darauf einzugehen. Sie wussten beide, dass Draco nie den Stolz darüber empfunden hatte, den er zu zeigen gezwungen worden war. »Potter ist wieder fit?«, fragte er vollkommen beiläufig, während er tiefer ins Zimmer trat und sich abschätzig umsah, aber keinen Ton zum Zimmer verlor.

»Nicht in dem Maß, wie es wünschenswert wäre«, erwiderte Severus kühl. »Zeigst du mir deinen Arm?«, bat er, bemüht, weniger distanziert zu klingen.

Draco schlug unbeteiligt seinen Hemdsärmel nach oben und streckte den Arm vor. Die Narbe war noch sichtbar, aber für die Verhältnisse der Verbrennung sah sie sehr gut aus, ganz glatt. Noch waren die Konturen gut sichtbar, aber es war anzunehmen, dass sie mit der Zeit verblassen würden. Von dem dunklen Mal selbst war nichts mehr zu sehen und das erleichterte Severus in einem Maß, das sich kaum in Worte fassen ließ.

»Ich bin froh, dass es funktioniert hat«, sagte er. »Die Schmerzen sind gänzlich fort?«

»Ja.« Sollte es noch ab und an ziepen, schien Draco es nicht für erwähnenswert zu halten. Andererseits wirkte er seit dem Auftauchen seines Vaters ohnehin nicht mehr besonders gesprächig.

»Gut. Solltest du irgendwas bemerken, seien es Schmerzen oder anderweitige Missempfinden, sag Bescheid«, bat der Tränkemeister. »Ist alles in Ordnung?«, hakte er stirnrunzelnd nach. »Ohne bissige Kommentare deinerseits machst du mir Sorgen.«

Draco verdrehte die Augen. »Überschütte doch Potter mit deinen Sorgen«, ätzte er direkt zurück. »So besser?« Er hob eine Braue, Severus damit gar nicht mal so schlecht nachahmend. »Mach dir mal keine Sorgen um mich. Ich komme schon klar«, stellte er klar.

Anders als bei ihrem letzten Gespräch, seufzte Severus nicht und er verzog auch keine Miene. Professor Snape war bei der Arbeit. »Pathetisch«, sagte Severus tonlos. Nicht mehr.

Draco zuckte nur die Schultern und warf sich aufs Bett. »Wenn du meinst. Also... was ist das nun mit dir und Tante Bellatrix?«, wollte er wissen, wie stets geradeheraus.

Obwohl Severus das Bedürfnis hatte, zornig zu Knurren, blieben seine Züge ausdruckslos. »Nichts«, erwiderte er tonlos. »Du kennst ihre Natur und ihre Eifersucht auf jeden, der die Gunst des dunklen Lords genoss. Es war nur ein perfider Versuch, mir zu schaden.«

»Das macht keinen Sinn, sie hat dich gehasst«, entgegnete Draco. »Warum sollte sie dann freiwillig sagen, dass sie ein Kind von dir hat? Damit würde sie sich doch eher schaden?«

»Aus dem gleichen Grund, warum sie mit den unbrechbaren Schwur abverlangt hat: Sie hat stets versucht, mich in Situationen zu bringen, die mich brechen«, versuchte er, sich zu erklären. »Ich bin nicht erst seit gestern schwul, Draco. Ich würde zuerst tot umfallen, bevor ich ein Kind zeugen könnte.«

Draco hob unbeeindruckt die Schultern. »Wie gut, dass Potty schon mit Kind kommt«, sagte er trocken. »Welche Rolle spielt es schon. Bellatrix ist tot und meine Mutter hat ein neues Spielzeug.«

Die Wut in Severus kochte sofort hoch. Dennoch zwang er sich zur Ruhe. »Hör auf«, verlangte er von Draco. »Deine Dummheit und deine Respektlosigkeit wetteifern. Du gibst dir wirklich alle Mühe, dass jeder die Distanz zu dir suchen wird.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe mich schon nicht nach einer Patenschaft für ein Kind gerissen, geschweige denn danach, ein Kind in einer Partnerschaft zu haben. Und ein Kind, ganz gleich, von wem es abstammt, als Spielzeug zu betiteln ist sogar unter deinem Niveau. Sprich dich aus, Draco… was vergiftet deinen Geist?«

Der winkte ab. »Kümmere dich um deinen Kram. Scheint anstrengend genug zu sein. Ich behalte meinen Hintern hier und warte. Am Ende wird schon irgendetwas rauskommen«, legte er ruhig fest.

Severus fand nicht einmal gedachte Worte für den Frust, den er verspürte. Draco konnte echt froh sein, dass sie nicht in Hogwarts waren. »Es wird nur anstrengend durch die Personen, die es anstrengend machen, dich inkludiert«, sagte er tonlos und wendete sich zur Tür, um ohne weitere Kommentare das Zimmer zu verlassen und schlecht gelaunt wieder hoch zu Narzissa zu gehen, die hoffentlich irgendwie das Kind losgeworden war. Er klopfte… mal wieder.

Und wieder wurde die Tür direkt geöffnet, dieses Mal von einer offenbar wandernden Narzissa, die das Kind natürlich immer noch auf dem Arm hatte – leise greinend. »Komm rein«, forderte sie ihn leise auf, seinem Blick kurz begegnend, ehe sich Severus bemühte, definitiv nicht mehr in ihre Richtung zu sehen, als er eintrat.

»Hat Draco dir gezeigt, wo die Küche ist?«, fragte er sie ganz abgeklärt.

»Ja, mit einer wütenden Molly Weasley darin«, entgegnete sie recht gelassen. »Ich nehme an, sie gehört zum Inventar? Sie sah aus, als würde sie uns die Kochlöffel aufhalsen wollen. Jedenfalls bis sie Dianthea gesehen hat, das hat sie beruhigt.« Narzissa war, sofern ihr Sohn nicht gerade in akuter Gefahr war, eine ruhige, abgeklärte Person.

»Verzeih meine fehlende Aufklärung«, sagte er zu ihr. »Es ist mehr los, als mir lieb ist.« Der Tränkemeister starrte jetzt einfach den bewusstlosen Lucius an. »Neben Molly und Arthur Weasley, sind noch ihre Söhne Charlie und George Weasley hier, sowie Kinglsey Shaklebolt, Familie Lovegood, sowie zwei unbedeutende Gryffindors aus dem Jahrgang von Harry.« Er atmete tiefer durch. »Hast du alles, was du brauchst?«

»Fehlende Aufklärung ist tatsächlich ein Problem«, merkte sie an. »Es bedurfte Draco, um mir zu erklären, was genau ihr mit Lucius anstellt und das wir jetzt offensichtlich nicht nur auf der Seite von Harry Potter sind, sondern auch mit ihm verbandelt?« Sie sah ihn forschend an.

»Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen. Seine Reaktion bei meinem Auftauchen erlaubte keine Ausführliche Konversation, die eine brauchbare Entscheidung seinerseits zur Folge gehabt hätte. Mir war jedoch klar, dass jeder weitere Fehltritt seinen Tod bedeuten könnte.« Er hob minimal die Brauen. »Und ihr seid auf Niemandes Seite mehr, Narzissa. Ihr seid frei zu gehen, wohin auch immer ihr wollt, sobald Lucius wieder wach ist.« Auch wenn er Schnaufen wollte, er tat es nicht. »Dementsprechend seid ihr auch nicht mit ihm verbandelt. Das ist nichts, was euch oder sonst irgendjemanden betrifft.«

»Wir sind noch immer Freunde, Severus. Ich weiß, ich habe in der Vergangenheit viel von dir verlangt und dir nur wenig zurückgeben können. Aber behandle mich bitte nicht wie eine Fremde. Wäre ich das, wäre ich heute wohl kaum hier«, hielt sie fest. »Draco hat dich anzunehmender Weise nicht gebeten, uns zu holen.«

»Sein Wunsch, euch zu holen, wäre bei dir geendet«, stimmte Severus zu, Lucius weiter fixierend. »Der dunkle Lord hat…« Er unterbrach sich selbst. »Hat Draco dich aufgeklärt, was der dunkle Lord von Lucius verlangt hat?«

»Lucius hat es mir gesagt«, entgegnete sie und hob das Kinn leicht. »Hinterher. Sturzbetrunken, natürlich. Ich weiß nicht, ob er sich daran erinnert. Er hat schon ohne Alkohol ein erstaunliches Talent, Dinge zu verdrängen, an die er sich nicht erinnern möchte«, sagte sie kühl.

»Jeder tut, was er kann, um zu überleben«, murmelte er. »Du weißt, was er uns abverlangt. Jeder findet seinen Weg mit den Dingen zurechtzukommen.« Nahm er Lucius gerade in Schutz? Offenbar. »Er hat nun die Chance, zu genesen. Weißt du, wohin ihr gehen wollt? Denn unabhängig irgendwelcher Freundschaften: Ich werde euch nicht abverlangen, hier zu verweilen oder mit mir an Harrys Seite gegen ihn zu kämpfen.«

»Alles was ich im Moment weiß ist, dass Draco nicht bei uns sein wird«, entgegnete sie leise. »Über den Rest habe ich noch nicht entschieden.« Und Lucius schien ihrer Meinung nach kein Entscheidungsrecht mehr zu haben.

»War es ein Fehler?«, fragte er stirnrunzelnd. »Hätte ich euch nicht herholen sollen? Ihn?« Er löste seinen Blick endlich von Lucius. »Draco macht nicht den Eindruck, besonders zufrieden zu sein und dein Ärger gegenüber Lucius ist auch mehr als deutlich spürbar.«

Narzissa atmete sichtbar tief durch. Das Kind auf ihren Armen hatte längst aufgehört zu weinen und wurde nun auf ein, aus einer Decke geschaffenen, Nestchen auf das Bett gelegt. »Ich werde nicht für Draco sprechen. Ich kann ihm nicht ersparen, irgendwann selbst den Mund aufzumachen... oder eben kommentarlos zu gehen«, hielt sie fest. »Du kannst von einer Mutter nicht erwarten, dass sie unbewegt zusieht, wie ihr Ehemann ihr einziges Kind wieder und wieder in Lebensgefahr bringt, um seinen eigenen Hals zu retten. Natürlich will ich Lucius hier haben, aber ich kann es Draco nicht verübeln, dass er nicht mit ihm in einem Haus... nicht einmal im gleichen Land sein möchte. Wir hatten unsere Entscheidung bereits getroffen, als der Potter Junge in Hogwarts scheiterte. Wir waren schon halb aus England verschwunden, Severus. Es war Lucius, der uns hier gehalten hat. Ich bleibe an seiner Seite, aber er wird keine Entscheidungen mehr treffen.« Sie hob das Kinn erneut. Für eine Reinblüterin war es beinah undenkbar sich zu Lebzeiten über ihren Mann zu erheben, aber Narzissa war letztlich auch eine Black. Und sie hatte sich eindeutig zu lange gebeugt.

Severus verengte die Augen, seinen alten Freund mit Enttäuschung im Blick betrachtend. »Nein, das würde ich nicht von dir erwarten, du hast Recht. Dir sollte dennoch bewusst sein, dass er am Ende… nie eine Wahl hatte. Das hatten wir alle nicht«, sagte er kaum hörbar.

»Belüg dich doch nicht selbst, Severus. Wir alle hatten die Wahl. Selbst ich hatte eine Wahl. Wir haben die falsche getroffen, aus welchen Gründen auch immer und müssen mit den Konsequenzen leben. Aber das bedeutet nicht, dass wir unsere Fehler wieder und wieder wiederholen müssen. Du scheinst dich aus deinen zu erheben. Wenn auch auf deine... üblich herzliche Art.« Sie hob eine Braue.

Das war der Punkt, an dem Severus nichts mehr erwiderte. Sein schwarzer Blick ruhe einfach nur ausdruckslos auf den Zügen der starken Frau. Er hatte die Wahl gehabt, ganz zu Anfang. Bei der Rückkehr des dunklen Lords hatte er diese Wahl nicht mehr gehabt. »Sprich nicht von Dingen, über die du Nichts weißt, Narzissa.«

»Weißt du, was das Problem ist, mein Freund? Dann dürfte ich überhaupt nicht mit dir sprechen.« Bissige Worte, die Severus mit einem fragenden Stirnrunzeln schweigen ließen.

»Du bist heute wirklich ein perfektes Beispiel deiner selbst«, seufzte die Frau. »Sei es wie es sei... ich hatte nicht vor, dir Vorwürfe zu machen. Ich bin dankbar, dass du meine Familie hierhergebracht und die beiden von ihrem Mal befreit hast«, hielt sie fest. »Das Schicksal, nicht zu wissen, was eigentlich vor sich geht, ist mir nicht neu.«

»Ich bin, wie ich sein muss«, erwiderte Severus tonlos. »Das Schicksal der Unwissenheit braucht dich in Zukunft nicht mehr zu kümmern. Forme sie nach deiner Vorstellung neu. Wenn du mit Draco das Land verlassen willst, werde ich euch unterstützen. Wenn du bei Lucius bleiben und ihm helfen willst, so werde ich euch dabei unterstützen.« Er zögerte einen kurzen Moment. »Er glaubt nicht, dass Draco lebt. Als ich ihn weckte und zwang, den Trank zu trinken, bat er mich, auf dich Acht zu geben«, erklärte er leise. »Bei allen Fehltritten… er war dir immer treu ergeben, Narzissa. Hätte er diese Dinge nicht verlangt… er hätte es nicht getan. Nichts davon.«

»Das weiß ich«, entgegente sie ruhig. »Und deswegen werde ich bei ihm bleiben, auch wenn Draco geht. Und er wird gehen.« Sie lächelte schief, schien das aber bereits akzeptiert zu haben. »Denke nicht, ich würde ihn nicht mehr lieben, Severus. Ich hatte das große Glück trotz allem die Liebe kennenzulernen. Doch so, wie mich seine Fehler nicht blind für meine Liebe machen, macht meine Liebe mich nicht blind für seine Fehler. Und ich weiß nicht, ob und wie er dieses Mal seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will.« Er hatte es oft geschafft, vielleicht zu oft.

»Die einzige Schlinge ist dein Urteil«, sagte Severus nun kühler. »Es ist schmerzlich, doch die Aussicht weniger erschreckend als ein qualvoller Tod.« Er reckte sachte sein Kinn, den Blick nun abwendend. »Du wirst deinen Weg finden. Draco wird seinen Weg finden. Wenn ihr Unterstützung braucht, werde ich euch selbstverständlich zur Seite stehen. Ich bezweifle, dass ihr finanzielle Mittel in Italien habt?«

»Mein Urteil wird er schon aushalten... sobald er wieder eigenständig stehen kann«, brummte die Frau. »Danke, Severus. Du weißt, dass wir dir mehr schulden, als wir je begleichen könnten, schon gar nicht mit Geld. Wenn du es uns erlaubst, hier zu bleiben für ein paar Tage, werden sich gewiss einige Dinge klären. Unser Geld liegt in der Tat anderswo, aber das sollte kein Hindernis darstellen. Ich habe noch immer meine treue Elfe, die ich rufen kann.«

Das rang Severus ein leichtes Nicken ab. »Ich hoffe, sie wird gut behandelt. Ich kann sonst nicht für Harry garantieren. Dobby scheint ihm viel bedeutet zu haben«, merkte er an. Severus atmete nun etwas tiefer ein und aus, die Augen kurz schließend. »Wirst du sich um sie kümmern?«, fragte er leise. Harry machte sich Sorgen… also musste er sich darum bemühen.

Narzissa verlor in der Tat keinen Ton, den verstorbenen Hauselfen betreffend oder ihre eigene Hauselfe. »Wenn du das willst? Auch wenn ich der Meinung bin, dass Kinder bei ihren Eltern sein sollten. Warum soll sie nicht bei dir bleiben?«, fragte sie ernst. »Ich weiß,… du warst nicht begeistert von seiner Anweisung und alles... aber letztlich ist sie deine Tochter und was man Bellatrix und dem dunklen Lord auch vorwerfen mag... sie kann nichts dafür«, erklärte sie, durchaus sanft nun.

Sollten die Worte ihn aufklären? Sie taten es nicht. Es verwirrte ihn nur noch mehr. »Ich bin nicht ihr Vater, Narzissa«, sagte er ganz bestimmt. »Was auch immer Bellatrix dir erzählt hat…« Er schüttelte den Kopf ganz sachte. »Es kann nicht der Wahrheit entsprechen. Ich habe…« Draco hatte ihr erzählt, dass er und Harry verbandelt waren, also wusste sie, dass er schwul war. »Ich kann es schlicht nicht.«

Narzissa sah jedoch so verwirrt aus, wie er sich fühlte. »Severus... wir waren doch dabei, als ihr beide die Anweisung bekommen habt«, sagte sie, als müsste er sich daran doch erinnern. »Bellatrix hätte niemals seine Anweisung missachtet und sich einfach jemand anderen gesucht. Er hatte einen Plan und sie war immer begeistert von all seinen Plänen.« Doch der Tränkemeister schüttelte trotzdem den Kopf.

»Wovon sprichst du?«, fragte er finster. »Was für ein Plan?«

Narzissa sah ihn noch einen Moment verwirrt an, ehe sie die Schultern hob. »Uns ist allen klar, dass die meisten reinblütigen Familien viel zu nah miteinander verwandt sind. Er wollte das alte Blut etwas auffrischen mit... nun, sagen wir potentem Blut von Leuten wie dir. Alte Blutlinie, nicht lange gebrochen, starke Magie... diese Dinge. Er hat es euch nach einer der Versammlungen in unserem Haus gesagt.«

Das war der Augenblick, in dem sich Severus' Züge zur Gänze verschlossen und der schwarze Blick genauso ausdruckslos wurde, wie man ihn gewohnt war. Potentes Blut? Das war… das war absurd. Und er erinnerte sich an nichts. »Du musst dich irren«, sagte Severus finster, den Kopf schüttelnd. »Ich würde mich wohl erinnern, wenn so etwas über meinen Kopf hinweg entschieden würde und darüber hinaus, stattgefunden hätte.« Sowas vergaß man nicht, egal wie sehr man sich betrank.

»Bitte Severus... denkst du, ich würde dir das erzählen, wenn es nicht genau so stattgefunden hätte? Glaub mir, ich musste meine Schwester hinterher ertragen. Ich weiß nicht, warum du dich daran nicht erinnerst... vielleicht weiß Lucius da mehr.«

Glauben. Sows sollte er glauben? Das war absolut undenkbar. Absolut. Nein. Das konnte nicht wahr sein. Seine Kiefer mahlten für einen Moment deutlich aufeinander, schließlich aber schüttelte er den Kopf. »Nein. Ich will davon nichts mehr hören. Bellatrix war wahnsinnig, das weißt du, Narzissa. Sie hätte alles gesagt, um mich zu zerstören. Sie hat mich wegen meines Blutstatus verabscheut.«

Narzissa schwieg, ganz wie von ihm erbeten, aber es war deutlich sichtbar, dass sie dazu noch einiges zu sagen hätte. Sie hob die beringten Hände leicht.

»Ich behalte sie hier, bei mir. Solltest du es dir überlegen... solltest du jedoch nicht zu lange warten«, warnte sie ihn. »Der Potter Junge sagte, es gäbe noch mehr Säuglinge im Haus... kann ich also hier bekommen, was ich für sie brauche?«

»Nicht zu lange warten? Ich warte nicht, Narzissa. Das ist Irrsinn«, knurrte er wütend. »Ja. Ted Lupin. Er ist bei Harry.« Der Tränkemeister stieß die Luft leise aus, sich in die Nasenwurzel kneifend. Was war das bitte für ein ausgemachter Blödsinn… er und Bellatrix… »Was brauchst du?«

Allerdings antwortete Narzissa nicht, stattdessen starrte sie ihn an, deutlich blasser geworden. »Wo ist Andromeda?«, hauchte sie stattdessen.

Dem Tränkemeister wurde schlagartig bewusst, dass Andromedas Tod noch nicht bei ihr angekommen sein konnte. Er kräuselte die Lippen missvergnügt, sie fest anblickend. »Sie starb bei dem Versuch, Ted vor unseresgleichen zu schützen«, sagte er. »Sie hatte unter anderem Miss Lovegood Schutz gewährt und eben diese brachte ihn hierher, zu seinem Paten.«

Narzissa schwieg mehrere Momente. Ihre Lippen zitterten deutlich, doch sie war die perfekte Reinblüterin. Ihre Schultern strafften sich und ihre Züge klärten sich ebenfalls. »Verstehe. Ich nehme an, der Hund hat Harry Potter zu seinem Paten gemacht?« Severus nickte knapp. Was auch immer sie zum Tod ihrer zweiten Schwester zu sagen hatte... blieb ungesagt. Sie würde es mit sich selbst ausmachen, ganz so, wie ihr Stand es von ihr verlangte.

»Ich brauche spätestens morgen Windeln, Nahrung und alles was dazugehört. Du musst mir nur sagen, wo ich es finde«, fügte sie an, als hätte es das Zwischenspiel nicht gegeben.

»Ich werde es dir bringen. Später«, sagte Severus tonlos. »Ich werde Lucius gegen Abend aus der Bewusstlosigkeit holen, damit er die Nacht schlafen kann.« Er wich nun zur Tür zurück. Narzissas Trauer ging ihn nichts an, ungeachtet ihrer Freundschaft. Severus war kein gefühlsbetonter Mann.

»Verstehe. Danke.« Sie nickte ihm zu. Damit verschwand der Tränkemeister aus dem Raum, die Tür ruhig schließend, nur um draußen einer Welle der Verzweiflung fast zu erliegen. Er verstand nicht, wie das sein konnte, was Narzissa ihm erzählt hatte. Warum erinnerte er sich nicht daran? Er war oft genug in seinem Leben nicht ganz bei Sinnen gewesen, aber so sehr, dass er sich nicht mehr erinnerte? Nein. Das war schlicht und ergreifend nicht möglich.

Er wollte in sein Labor gehen… stattdessen öffnete er zwei Herzschläge später die Tür zu seinem Schlafzimmer, um sich darin zu verschanzen. Dass er so elend aussah, wie er sich fühlte, war ihm zumindest in diesem Zimmer egal. Hier und in seinem Labor musste er nicht so sehr auf seine Maske achten, nicht so sehr seine Rolle spielen. Er kam wortlos zum Bett, sich einfach nur auf die Bettkante neben Harry setzend. Er würde gleich irgendwas sagen müssen, das war ihm bewusst… aber gerade musste der massive Wellengang in der ruhigen See seines Geistes erst einmal abebben. Harrys sachte Berührungen halfen ihm dabei, wieder zu einer gewissen inneren Ruhe zu finden, sodass er nach einigen Minuten etwas tiefer einatmete, um Worte formulieren zu können, die selbst für ihn völlig absurd klingen. »Narzissa sagte, es sei sein Plan gewesen«, erklärte er tonlos. »Zu dickes Blut in reinblütigen Familien.« Er schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich trotzdem an nichts.« Wie konnte man sich an nichts erinnern? Vor allem an so etwas?

»Es… muss schlimm gewesen sein… denkst du nicht, du… hast dir die Erinnerungen vielleicht genommen oder… nehmen lassen?«, fragte Harry besorgt.

»Ich bin mir unschlüssig, ob es überhaupt möglich ist, sich selbst die Erinnerung zu nehmen«, gestand Severus sehr leise ein. »Und irgendjemanden an meinen Erinnerungen herummanipulieren zu lassen ist nicht gerade etwas, das in das Repertoire meiner Entscheidungen passt.« Er sah auf seine Hände hinab. Damit war sie trotz aller Gegenwehr dann vielleicht doch seine Tochter…?

Warm lehnte sich Harry von hinten gegen ihn und schmiegte sich trostspendend an den Älteren an. Und es spendete wirklich Trost! »Wäre sich manipulieren zu lassen vielleicht doch… weniger schlimm?« Vielleicht. War er so verzweifelt gewesen? »Wen… würdest du um so etwas bitten… außer Lucius?«, fragte er leise.

»Niemanden«, presste er hervor. »Ich hätte vielleicht Albus um Hilfe gebeten, aber… du weißt, dass er zu dem damaligen Zeitpunkt bereits geschwächt und nur selten gegenwärtig war. Ich… bin mir nicht einmal sicher, ob er noch lebte?« Er schüttelte sich. »Lucius. Als Einzigen.«

»Tja… zufällig ist Lucius hier. Selbst wenn… du deine Erinnerungen nicht zurückhaben möchtest, er könnte dir zumindest sagen, was passiert ist. Warum du ihn darum gebeten hast, falls es so war. Und wie.« Severus schüttelte sich direkt.

»Nein, ich will davon nichts wissen«, sagte er tonlos. »Es gibt Dinge, die besser ungewusst bleiben und dieses Wissen hätte ich mir gern erspart.« Er atmete gedehnt ein und aus. »Zumal es fraglich ist, ob er sich überhaupt daran erinnert. Er war besoffen, als ich ihn traf. Nach dem Frühstück. Laut Draco und Narzissa trinkt er seit einer ganzen Weile sehr heftig.«

Harrys deutlichere Umarmung bereitete dem Tränkemeister gerade deutliches Unwohlsein… er wollte gerade nicht eingeengt sein, es fühlte sich… unangenehm an, obwohl Harrys Nähe gleichzeitig tröstlich und angenehm war. Das schien Harry auch zu spüren, denn der Druck ließ augenblicklich etwas nach. In einer abwesenden Geste griff Severus in seine Manteltasche, wo er üblicherweise diverse Tränke aufbewahrte… doch statt des gewohnten Gefühls kühlen Glases an seinen Fingerspitzen, trafen seine Finger auf Stoff, den er nun hervorzog. Ein Sabberlätzchen aus sattem, rotem Stoff mit einem gelbgoldenen Bändchen zum zuschnüren. Stirnrunzelnd erinnerte sich Severus, dass er für Harry und Ted Sachen gekauft hatte. Der Angriff gegen Harry hatte ihn das ganz vergessen lassen.

»Was hast du da?«, fragte Harry ihn skeptisch.

»Das… hatte ich aus der Stadt mitgebracht«, gestand er und reichte es Harry. »Mit einigem… anderen Zeug… für dich. Ted.« Harry würde sich darüber freuen, hatte er sich gesagt. Und dann hatte er es einfach vergessen. Jetzt fühlte es sich merkwürdig an, dieses Zeug gekauft zu haben. Nicht, weil es unangemessen wäre oder peinlich, sondern weil er es nicht für sein eigenes Kind getan hatte, sondern für Harrys Patensohn.

Der allerdings schien sich zu freuen, denn er küsste Severus sanft auf die Wange, ein tränennahes »Danke« hauchend. Severus schnürte es derweil die Kehle zu, wieder senkte er den Blick. Er fühlte sich machtlos. Binnen eineinhalb Monaten hatte sich sein Leben in einer Weise geändert, die er nicht angestrebt hatte. Harry: Absolut, ja. Aber Kinder? Der Gedanke daran, von wem das Baby abstammte, ließ ihn nicht los und immer deutlicher wurde der Gedanke, dass sein Vater selbiges vielleicht bei einem magischen Baby empfunden haben musste. Angst.

»Bist... bist du traurig, dass... du es nicht annehmen kannst?«, erkundigte sich Harry leise und ließ bei Severus mehrere Fragen danach offen, was genau er meinte. Das Kind nicht annehmen? Annehmen, Vater zu sein? Annehmen, dass Harry dankbar war? Alles davon? Der Tränkemeister schloss die Augen und atmete ganz ruhig und betont tief ein und aus.

»Ich bin... nicht wirklich traurig. Ich bin enttäuscht von mir«, gestand er. »Darüber, dass ich gegenüber diesem Kind Vorurteile habe, die mich beeinflussen. Ich kann mich nur fragen, ob es meinem Vater genauso ergangen war. Er wusste nicht, dass meine Mutter eine Hexe war, bis sie hochschwanger war...« Er zog die Schultern hoch. »Vielleicht hatte er Angst vor einem unberechenbaren, magischen Kind.« So wie er vor Bellatrix’ Erbe. Würde das dafür sorgen, dass er am Ende doch so wurde wie sein Vater? Immer wieder kam er an diesen Punkt, an diese Angst.

»Ich… kann mir vorstellen, dass er die hatte. Immerhin, als Muggel… sie wissen doch gar nicht, was das bedeutet. Für mich, als Kind, war es schon schwer genug, das alles zu begreifen und ich lerne die Welt heute noch jeden Tag kennen. Er war nie in Hogwarts, hatte nie die Möglichkeit es kennenzulernen. Wobei… ich glaube, dass die meisten Eltern Angst haben. Ich habe Angst«, erklärte Harry ganz aufrichtig.

»Ich denke nicht, dass deine Angst auf Vorurteilen begründet liegt«, murmelte Severus. »Du hast Sorge, Angst, etwas Falsches zu tun, das Kind zu enttäuschen oder nicht genug für ihn da zu sein. Das ist nicht angenehm, aber... auch berechtigt und gut, denn es führt dein Handeln zum Positiven.« Der Tränkemeister schob die Hand wieder in die Tasche. »Ich habe Angst, dass sie wird, wie Bellatrix und ich nichts tun kann. Das ich diesen Gedanken nie loswerde. Das ich immer Angst habe und jedes Verhalten dahin interpretiere, dass sie wie ihre Mutter ist. Ich habe Angst, dass diese Gedanken Grund dafür waren, dass mein Vater wurde, wie er wurde. Dass sie Grund sein könnten, so zu werden, wie er.« Das war einfach permanent in seinem Kopf, vor allem, seit nun Ted hier aufgetaucht war. Er wusste nicht, was seinen Vater so hatte werden lassen... und ob es ihm nicht genauso ergehen könnte.

»Als wir über ihn gesprochen haben... sagtest du, es sei die Umgebung, die uns formt. Ich weiß... der Black-Wahnsinn...«, begann Harry. »Entschuldige...« Er unterbrach sich selbst, den Kopf leicht schüttelnd. »Was ich eigentlich sagen will ist..., dass ich immer noch denke, dass du ein guter Dad wärst. Sein könntest. Ob nun für sie oder für Ted oder für beide. Auch wenn du Angst hast.« Wie immer bemühte sich Harry... »Aber mir ist klar, dass ich dir da nicht reinreden kann. Gar nicht... darf. Ich... hätte mir bei Ted auch nicht reinreden lassen«, gestand der junge Mann.

»Aussprechen solltest du, was dir durch den Kopf geht – zumindest solange wir unter uns sind«, sagte Severus ruhig. »Doch du hast Recht: Es ist meine Entscheidung.« Er seufzte leise. »Ich wünschte nur, die Umstände wären Andere. Alle Umstände.« Der Tränkemeister zog die kleine Tasche aus seiner Umhangtasche, in der Strampler, Fläschchen, Söckchen und derlei Dinge waren. Vieles davon war in Rottönen... oder eben Gelb. »Am Ende ist nicht einmal klar, ob du und ich überleben. Ob all das überhaupt einen Nutzen hat, darüber zu grübeln.« Severus stieß die Luft aus. »Ich weiß nur, dass ich Angst habe und das Wort ‘Dad’ auf den Tod nicht ausstehen kann.« Er war kein Dad.

»Wäre ein anderes Wort denn wirklich besser?«, fragte Harry skeptisch mit nach vorn geschobener Unterlippe.

»Ich habe bisher immer artig auf Professor gehört und da das künftig wohl nicht mehr erklingt...« Er stieß die Luft leise aus, sich bemühend, weniger angespannt zu sein. Zumindest lachte Harry und damit war dessen Anspannung wohl ein bisschen abgeklungen. Severus bemühte sich weiter.

»Dir ist schon klar, dass Professor definitiv nicht das erste Wort irgendeines Kindes ist?«, erwiderte Harry belustigt. »Außerdem glaube ich, dass dir das ziemlich schnell auf den Zeiger gehen würde, wenn es ein kleines Kind ungefähr zehn Mal nacheinander kreischt. Vermutlich ist es pures Glück, wenn die ersten Geräusche annähernd nach irgendetwas klingen, dass nichts mit... nun... anderweitig verständlichen Dingen zu tun hat.«

Bei dem Gedanken daran, dass die Kinder permanent rumkreischen und nach ihnen verlangen würden, wurde Severus wieder blass. Er durfte nicht die Augen schließen, um klar zu differenzieren, dass er im hier und jetzt war, nicht in einem Zuhause mit einem Vater, der ihn dafür windelweich geprügelt hätte, hätte Severus geschrien.

Es war alles viel zu früh. Kinder sollten erst nach Jahren einer Partnerschaft überhaupt ein Thema werden. Hier kamen sie offenbar gratis gleich mit und überforderten den alten Tränkemeister damit dezent. Außerdem hatte er einfach trotzdem Angst, weshalb er jetzt seufzte, und die angespannten Schultern fallen ließ. Dad. Vater, Papa. Nichts davon fühlte sich nach etwas an, das zu Severus passen würde. Es war einfach die falsche Schuhgröße.

Der Tränkemeister erlaubte sich, einen Moment die Augen zu schließen, als sich Harry an ihn lehnte und klärte seine Gedanken vollständig, damit keinerlei negativen oder positiven Empfindungen diese körperliche Nähe trügen konnten. Dennoch musste er noch einmal los. Narzissa brauchte Zeug für die Kleine.

»Narzissa braucht Zeug für... sie. Windeln und alles. Ich weiß nicht, was sie braucht und was wir... erübrigen können.« Die Sachen hatte er für Ted gekauft... sie waren Gryffindor-Rot und Hufflepuff-Gelb. Das ging doch nicht..

»Erübrigen... können wir sicherlich einiges. Ich kann das für sie fertig machen, wenn du möchtest. Weißt du, ob sie auch Kleidung braucht? Ich habe keine Ahnung, ob die beiden überhaupt annähernd gleich groß sind.« Etwas, über das Severus nicht nachgedacht hatte.

»Keine Ahnung«, erwiderte Severus brummig. »Zu beiden Überlegungen.« Er hatte das Kind nicht einmal angesehen bislang. Hatte sie Haare? Waren sie schwarz? Oder goldblond, wie bei seiner Mutter? Severus schüttelte sich prompt, als diese Gedanken aufkamen. Seiner inneren Unruhe nachgebend erhob er sich, Harry sachte von sich lösend. »Ich weiß das nicht«, sagte er finster, als hätte Harry und nicht etwa sein Kopf diese Überlegungen geäußert.

»Okay«, brachte Harry atemlos hervor, sich vorsichtig auf die Beine bringend. »Dann finde ich es wohl am besten heraus.« Sich selbst über sein gestern noch lädiertes Brustbein reibend, suchte er den Blick des Älteren. »Bleibst du dann kurz bei Ted?«, fragte er. Severus, der gar nicht so recht verstand, warum Harry jetzt so reagierte, blinzelte leicht.

»Bleib liegen«, sagte er also dünn. »Ich... spreche mit ihr.« Irgendwie.

»Weißt du überhaupt, wo du alles findest?«, fragte Harry staubtrocken mit gehobener Braue zurück. »Wir können es auch einfach zusammen machen«, schlug sein junger Gefährte vor.

»Und Ted?«, brummte Severus. »Es gibt so etwas Praktisches, das nennt sich Aufrufezauber...« Damit würde er wohl alles bekommen. Wobei der Gedanke, an Harrys Seite mit Narzissa zu sprechen, irgendwie... beruhigte. Sie würde nicht so vertraut mit Severus umgehen, richtig?

»Ich glaube, wenn du Molly heute Windeln um die Ohren fliegen lässt, sprengt sie das Haus in die Luft mit ihrer Laune. Was hast du mit ihr gemacht?«, fragte Harry auf dem Weg zur Wiege.

»Ich habe sie der Küche verwiesen, um zu Kochen – diese Wahnsinnige hat jedoch bereits vor dem Frühstück das Mittagessen auf dem Herd gehabt«, brummte er, »weshalb ich sie wieder in die Küche geschickt habe. Freundlich, natürlich.« Wie immer. Einen Augenblick später war Harry, der Ted aus der Wiege geholt hatte, bei ihm angekommen und legte ihm den kleinen Lupin auf die Arme. Severus konnte nur völlig hilflos dastehen, völlig steif. Die fehlende Gegenwehr des Tränkemeisters nutzte Harry jedenfalls, um sich erst einmal den restlichen Schmerztrank zu Gemüte zu führen, das Fläschchen verschwinden lassend.

»Ich hoffe für dich, dass das Fläschchen an einem sinnvollen Ort gelandet ist«, brummte er, ganz die Snape-Litfaßsäule, die man erwarten durfte. Sofern er nicht wegen etwaiger Tränkefläschchen bellte, war er steif und atmete kaum.

»Wüäh... wenn du es irgendwann schaffst, Tränke zu entwickeln, die mich nicht kotzen lassen, bekommst du eine Auszeichnung«, keuchte Harry, den restlichen Tee vom Morgen trinkend. »Und Jaja... keine Sorge, es steht im Labor im Waschbecken. Du darfst übrigens Atmen.«

Severus schnaubte nur leise und presste die Kiefer kurz fest aufeinander. »Lass mich«, knurrte er. »Schmerztränke schmecken üblicherweise nicht so bitter. Das ist eine verstärkende Komponente, deren Geschmack ich durch Donnerwurzwarzenwurzelextrakt verstärkt habe, um einer Abhängigkeit entgegenzuwirken«, erklärte er, zumindest atmend. Es war nicht leicht, auf Donnerwurz die wetterempfindlichen Warzen wachsen zu lassen, die es zur Verstärkung eines jeden Geschmacks bedurfte und die winzigen Warzen-Wurzeln waren rar und schwer zu ernten.

»Donnerwurzwarzenwurzelektrakt... komm du mir heute Abend ins Bett«, murmelte Harry ungläubig. »Na los... bevor du noch Donnerwurzwarzenwurzeln schlägst.« Er zwinkerte Severus an, die Tür für ihn öffnend. Nur äußerst widerwillig folgte Severus Harry, vor der anderen Tür skeptisch innehaltend.

»Du solltest ihn nehmen«, murmelte er angespannt. Es war immerhin Harrys Patenkind. Er war... er war einfach nur da!

»Würde ich gerne, aber der Trank wirkt noch nicht gut genug. Ich bin vollauf mit atmen beschäftigt«, meinte Harry nur knapp und klopfte, die Tür direkt öffnend, als Narzissa sie hineinbat. Severus wollte im Boden versinken. Wo waren die Löcher, wenn man sie brauchte?

»Mr. Potter«, sagte die Frau überrascht.

»Mrs. Malfoy«, begrüßte Harry die Frau wiederum freundlich, ehe Severus mit ziemlich verkniffenem Blick ebenfalls ins Zimmer trat und mit dem Baby auf dem Arm weiterhin wirkte, wie eine gruselige Schaufensterpuppe.

»Severus.« Wie gern er sie jetzt gelyncht hätte. Die dunklen Augen lachten, auch wenn ihr Blick ansonsten ganz die Aristokratin war und nichts verriet von dem, was sie fühlte.

»Edward, oder?«, fragte sie warm, das kleine Mädchen im Arm sachte wiegend. Nach wie vor mied Severus den Blick. »Darf ich?«

»Klar.« Harry gab Narzissa seinen Patensohn? War er gutmütig oder dumm? Es war nicht so ewig her, da war er ein Gefangener in den Wänden der Malfoys gewesen. Leider hatte seine Zustimmung zur Folge, dass sie sich ihm mit dem Mädchen näherte und Severus den Blick zur Seite wendete. Er war doch hervorragend geeignet als Präsentierhalterung für ein Baby, oder?

»Du meine Güte«, murmelte die Frau ganz hingerissen und hatte dieses Leuchten in den Augen, welches Severus einst auch bei Lily gesehen hatte. »Severus... würdest du deinen Arm...?« Sie deutete dem Tränkemeister, seinen Arm zu platzieren und schlagartig weiteten sich die Augen des Mannes.

»Was? Nein, ich...«, stammelte er. Zwei Kinder? Halten? Sie halten? Unmöglich, absolut unmöglich!

»Keine Sorge, sie ist ganz leicht.« Und weitere Widerworte des Tränkemeisters abzuwarten, bewegte sie Severus’ Arm, sodass sie das Mädchen hineinlegen und ihm Ted entwenden konnte, sodass er gezwungenermaßen fast panisch das kleinere Bündel umschlingen konnte. Wie konnte sie kleiner als Ted sein? Sie war doch älter? Narzissas Lachen drang an sein Ohr, ganz warm und freundlich. »Ganz schön schwer, der Kleine«, meinte sie und fuhr mit ganz sanften Fingern durch das türkise Haar des jungen, dass sich nun zu einem dunkleren Blau umfärbte.

Diese Begeisterung von Frauen mit Babys konnte Severus wirklich nur bedingt teilen. Er hatte unterdessen das Atmen fast gänzlich eingestellt, seine leicht geweiteten Augen starrten irgendwo in die Leere zwischen Harry und Narzissa und als sich das kleine Mädchen bewegte und die kleine Faust gegen seine Wange drückte, hatte er das Bedürfnis, hinzusehen und gleichzeitig wegzurennen. Was für eine furchtbare Gratwanderung! Da half auch all das liebevolle Geblubber von Narzissa nicht, die glückselig mit zwei so kleinen Wundern in ihrer Traumwelt vor sich hin existierte.

Harry rieb sachte über Severus’ Rücken, offenbar, um ihm ein wenig beizustehen. »Alles okay?«, fragte er leise. Der Beistand half zumindest mal nicht, Worte zu finden. Das Unheil in Form eines wirklich niedlichen Mädchens, dass nur im Halbschlaf um sich grabschte, war stärker als Harrys Beistand. Wirklich krampfhaft starrte Severus jetzt einfach zu Narzissa. Nicht hinsehen. Es war egal, ob sie blond oder schwarzhaarig war. Oder Braun? Was, wenn sie rotes Haar hatte?

»Sev«, flüsterte Harry und zwang ihn damit, den Blick zu diesem zu wenden. Er konnte nur hoffen, dass die Verzweiflung nicht in seinem Blick zu sehen war. Die Zerrissenheit. Ein Teil von ihm wollte hinsehen. Er wollte in dem kleinen Mädchen vielleicht etwas von seiner Mutter sehen... aber ein großer Teil fürchtete sich auch vor den Dingen, die mit diesen Erkenntnissen folgen konnten. Harry hatte ihn aber offenbar nur angesprochen, um seine Wange zu berühren. Dort, wo zuvor das kleine Dings ihn berührt hatte.

»Sag irgendwas«, bat Severus seinen Gefährten, der das leise Kichern und die fröhlichen Blubbergeräusche von Ted, der mittlerweile ganz munter war, nicht weiter ertragen wollte.

»Möchtest... du wissen, wie sie aussieht?« Warum fragte Harry ihn genau das? Von allen Dingen, die er so fragen und erzählen konnte? Severus schluckte hart, als die kleine Hand an der Knopfleiste seines Umhangs Widerstand fand und hängen blieb.

»Ich weiß nicht, ob...« Er schloss die Augen. Es war gut, dass Lucius schlief und Draco nicht hier war. »Sieht... sie mir ähnlich?«, fragte er kaum hörbar. Denn er sah seinem Vater ähnlich und das... wollte er nicht für sie.

»Nein«, entgegnete Harry ganz sanft und warm. »Sie sieht eigentlich... gar niemandem ähnlich.« Liebevoll und wirklich behutsam löste er den unkontrollierten Griff des Mädchens von Severus’ Knöpfen, was das Baby dazu veranlasste, ein Glucksen auszustoßen, das entfernt an ein Lachen erinnerte.

Man konnte bei genauerem Hinsehen vermutlich gut erkennen, wie die Anspannung von Severus abfiel, als Harry ihm versicherte, dass sie nicht wie er und nicht wie Bellatrix aussah. Wenn auch überaus zögerlich, senkte er schließlich den Blick auf das Bündel mit den strahlenden, blauen Augen. Severus’ Hals schnürte sich zu. Blau. So intensiv blau wie die Augen seiner Mutter. Er musste die Kiefer fest zusammenbeißen, um sich nichts anmerken zu lassen. Wie hübsch sie war... Es war kaum vorstellbar, dass so etwas unverdorbenes und hübsches aus zwei so hoffnungslosen Fällen wie Bellatrix und ihm entstanden sein konnte. In den strahlenden, wenn auch müden Augen lag kein Wahnsinn. Kein Schmerz. Vielleicht war der Black-Wahnsinn... nicht... umfassend? Narzissa und Andromeda waren genauso wie Regulus nicht wahnsinnig gewesen. Wie hatte Narzissa sie genannt? Nicht Delphini, so weit er sich erinnerte... der Name war auch bescheuert. Aber welchen Namen trug dieses Mädchen...? Seine Tochter?

Wie auch immer man das Kind ansprach, es blubberte zu ihm hoch und lächelte ein etwas schleimiges Speichellächeln, das die blauen Augen noch mehr strahlen ließ. Ein unwilliges Schlucken, dann hob sich kaum merklich der Mundwinkel des Tränkemeisters. Ein Mü... aber es war da und das spürte er auch. Es fühlte sich befremdlich an, aber nicht schlecht.

Als Ted nun allerdings anfing, zu weinen – offenbar hatte Narzissa irgendwas gemacht, dass ihm nicht gefallen hatte, schlug sofort die Stimmung der kleinen Black um. Sie ließ sich von ihm anstecken... und begann ebenfalls sofort zu weinen. Sofort verschwand das Lächeln und die Unsicherheit kehre auf Severus’ Züge und in seine ganze Haltung zurück. Er wirkte fast panisch, hilfesuchend sah er zu Harry, der sogleich zu ihm kam und über den dunklen Flaum streichelte.

»Rede mit ihr«, murmelte Harry, seinen Arm nach wie vor unterstützend um Severus gelegt.

»Was... soll ich denn sagen?«, fragte Severus ganz hilflos. Dianthea weinte derweil weiter.

»Sag ihr, dass alles in Ordnung ist... und ihr nichts passiert. Leise... warm und ruhig«, erklärte Harry weiter.

»Das weiß sie doch... sie kann dich doch hören«, brummte Severus dünn.

»Komm schon... du weißt, dass sie mich nicht versteht. Es geht um deine Stimme, Sev«, warf Harry ein. »Und wieg sie dabei, ganz sachte, so.« Leicht die Arme des Tränkemeisters berührend, gab Harry ihm die Bewegung vor. Severus’ Herz sank dabei auf Grund. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es wollte kein Wort rauskommen. Scham. Er empfand... Scham? Wovor, das wusste er gerade selbst nicht, aber es hinderte ihn daran, zu sprechen. Lächerlich, wie hilflos er sich fühlte.

Wie in einer Trance bekam er mit, wie Harry sie mit einem Zauber umgab und vor ihn trat, das kleine Mädchen sachte berührend. »Ist gut, Mäuschen… dir passiert nichts«, sagte er ganz sanft. Das nutzte bloß nichts, denn sie weinte einfach weiter. »Rede Sev… sie spürt die Vibration meiner Brust nicht.«

In Severus kippte nun spontan ein Schalter um. Reden. »Sechs Fangzähne gelb geringelter Nattern zusammen mit vier Einheiten Trank-Standardmischung in einem Mörser geben und sechs getrocknete Billywigstacheln in den Kessel geben, um letztere bei mittlerer Temperatur für 30 Sekunden zu erhitzen. Allen Inhalt des Mörsers zerstoßen und davon vier Einheiten zu den erhitzten Billywigstacheln geben. Drei Mal im Uhrzeigersinn umrühren…«, begann er das Rezept für das Gegengift zum Trank der lebenden Toten. Es war zwar ein bisschen mechanisch, aber zumindest sprach er und offenbar war es auch egal, was er sagte, denn das Mädchen wurde deutlich ruhiger. Das sorgte für ein wenig Entspannung in Severus' Schultern, er seufzte leise.

»Noch ein bisschen weiter«, bat ihn der junge Zauberer, sodass der Tränkemeister sein Rezept noch ein wenig fortsetzte, bis das Mädchen zu weinen aufhörte. »Gut gemacht«, murmelte Harry, den Zauber um sie herum aufhebend. Das empfand Severus zwar anders, aber er nickte dennoch sachte.

»Tut mir leid«, sagte Narzissa ganz unangenehm berührt. »Er hat sich erschrocken, als ihm meine Haare ins Gesicht gefallen sind.« Nachvollziehbar, das kannte der Zwerg ja nicht. Wohl aber kannte er Harrys Duft und seine Nähe und entspannte sich ziemlich, als er sein Gesicht gegen Harrys Shirt drückte. Severus beobachtete das alles wortlos und angespannt. Er war sich nicht sicher, wie es jetzt weiterging. Allgemein fiel ihm das Denken schwer. Warum waren sie noch gleich hergekommen?

»Dinge…«, murmelte er stirnrunzelnd.

»Wir wollten fragen, welche Dinge du für sie brauchst«, vervollständigte Harry ganz gewissenhaft.

»Uhm… du… willst sie also hierlassen?«, fragte die Frau skeptisch, eine Braue minimal hebend. Die Frage mochte berechtigt sein, überforderte Severus allerdings gerade mächtig. Er sah wieder zu dem jetzt friedlich dösenden Mädchen hinab, mehrfach angestrengt atmend. Er konnte sich nicht um sie kümmern… weil…

»Wir haben keine Wiege… oder… Ahnung«, presste er hervor. In seinem Kopf herrschte gähnende Leere.

»Du hast vermutlich auch keine Wiege in deiner Handtasche«, fragte Harry trocken und erhielt ein sachtes Kopfschütteln von der Aristokratin. »Also brauchen wir ohnehin eine. Was… genau meinst du mit Ahnung, Sev?« Damit weckte ihn Harry aus seiner Starre. Sev… er hatte Harry diesen Kosenamen erlaubt, aber wie war das noch mit dem Umfeld gewesen, in dem Harry alles sagen und fragen durfte?

»Was könnte ich damit wohl meinen?«, fragte er dunkel. »Wir haben keine Ahnung von Kindern und schon gar nicht von… Mädchen.« Sein finsterer Tonfall sorgte direkt für die nächsten Tränen bei dem Mädchen, die offenbar sehr empfänglich für die Stimmungen des Tränkemeisters war. Dieses Mal eilte Harry ihm allerdings nicht zur Seite und half ihm, weshalb er hilflos das weinende Bündel auf den Armen hielt und wiegte. Warum half Harry ihm nicht? Er wusste es doch! Sie würden nicht zurechtkommen! Und Narzissa? Die ließ ihn einfach stehen!

»Rede mit ihr«, mahnte Harry ihn und bewirkte wieder fast ein Zähneknirschen.

»Ich…« Er sah die beiden an, die wiederum ihn ansahen. »Starrt mich nicht an«, presste er hervor. Er fühlte sich beobachtet, die Scham wuchs in seiner Brust. Mit einem Säugling zu reden, stand nicht gerade auf seiner Tagesagenda und bereitete ihm wirklich Not. Zumindest aber wendeten sich Narzissa und Harry jetzt ab, um ihm etwas mehr Privatssphäre zu gönnen und so begann er, das Mädchen etwas deutlicher zu wiegen und seinen Finger in ihre kleine Hand zu schieben, die sie sogleich umschloss und neugierig beäugte, das Weinen etwas reduzierend. Sie weinte, war aber neugierig. Aber sie weinte.

»So viele Säuglingstränen kann kein Tränkemeister der Welt verarbeiten«, murmelte er kaum hörbar. »Du… musst nicht weinen, weißt du?« Was laberte er da eigentlich? Es war egal. Es wirkte, das Mädchen schien auf seine Stimme sehr positiv zu reagieren, wenn er nicht knurrte oder zu forsch wurde. Immerhin.

Warum strengte das bloß so an? Es war ermüdend und frustrierend, wenn so ein Kind einfach direkt losweinte, nur weil man zu laut sprach. Natürlich hatte er beiden gerade vor den Kopf geworfen, ihn nicht anzustarren… aber jetzt hatte er leider das Gefühl, hier ganz allein zu sein. »Mich allzu wörtlich zu nehmen, bereitet euch Freude, oder?«, murmelte der Tränkemeister. »Zwischen Anstarren und…« Er brach ab, den Kopf schüttelnd. »Nein. Ihr habt nichts falsch gemacht.« Sie hatten getan, was er verlangt hatte, und das auf eine sehr diskrete Weise.

»Ich fühle mich ein bisschen überflüssig«, gestand Narzissa, wohingegen sich Harry einfach gar nicht regte. »Vielleicht sollte ich euch eine Weile alleine lassen? Ihr scheint gut klarzukommen«, merkte sie an. Natürlich war auch hier Severus' erste Reaktion ein bisschen Panik und das Bedürfnis, direkt zu negieren… aber er blieb ruhig, bevor das Kind wieder weinte.

»Das ist euer Zimmer«, sagte er leise. »Du gehst nicht. Allenfalls gehen wir.«

»Wenn ihr wollt? Ich bin ja nicht weit weg, im Zweifelsfall. Oh und… mach dir keine Sorgen, weil sie ein Mädchen ist, Severus. So viel unterscheidet sich das nicht und das kann man euch schnell beibringen«, erklärte Narzissa ganz sanft und überzeugend. Harry reagierte jedoch auch weiterhin nicht, sodass Severus nun dessen Rücken anstarrte. Wollte er… nicht? Er wirkte so abweisend, als wäre ihm plötzlich klar geworden, dass dieses Bündel in Severus’ Armen kein Patenkind oder ein Neffe war, sondern Severus’ leibliche Tochter.

Verärgert wischte der Tränkemeister diesen ätzenden Gedanken fort und atmete tief durch als Harry sich zu ihm umwendete und ihn musterte. »Soll ich dir die Tür aufmachen?«, fragte Harry freundlich, damit natürlich bewirkend, dass Severus im Zugzwang war. Dieser sah rückversichernd zu Narzissa, die eigentlich das Vorrecht hätte, sich weiter um das Kind zu kümmern.

»Narzissa«, sagte der Tränkemeister bemüht ruhig. »Wie hast du sie genannt?«

»Dianthea«, erwiderte Narzissa regelrecht sanft. »Ich dachte, das könnte dir vielleicht gefallen.« Dianthea. Dianthuskraut. Kurz ging sein Blick zu Harry, der im vierten Jahr durch das stibitzte Dianthuskraut aus Severus’ Vorräten die zweite Prüfung hatte überleben können. Das war fast ironisch.

»Das... tut es«, sagte Severus zögerlich. Besser als Delphini war es allemal. Nun sah er zu Harry, ein kaum merkliches Nicken in dessen Richtung gebend, damit er die Tür öffnete. Er wusste zwar nicht so recht, was er jetzt tun sollte, aber zumindest für den Augenblick hatte er das Mädchen und Narzissa keine Ruhe, weil sie hier herumturnten. Sie konnte sich endlich ganz um Lucius kümmern, sobald sie das Zimmer verlassen hatten.

Severus bewegte sich mitsamt dem kleinen Bündel wie auf rohen Eiern und wirkte furchtbar angespannt. Wie war es damals gewesen, als er Klein-Harry geholt hatte? War er da auch so furchtbar ängstlich gewesen? Nein, da war er betäubt gewesen von dem Schmerz, Lily und James verloren zu haben.

Reichlich steif im blauen Zimmer angekommen, wusste Severus gerade auch nicht, wohin mit sich und dem Kind. Was tat man mit so einem nutzlosen, weinerlichen Bündel?

»Da die Wiege dir gehört, musst du das natürlich entscheiden, aber... vielleicht können wir Minerva bitten, sie für uns zu verwandeln, damit beide reinpassen, ohne sich zu stören?«, schlug Harry vor. Eine Wiege für beide gemeinsam? Vermutlich würden sie sich dennoch stören. Nicht zuletzt, wenn einer eines der Kinder herausnahm.

»Duplizieren«, erwiderte er. »Mehr Flexibilität.« So konnte... das Kind auch wieder zu Narzissa. Ja. Flexibilität war wichtig.

»Kann ich es versuchen?«, fragte Harry sofort, auch wenn er ziemlich argwöhnisch wirkte. Es war eindeutig, dass er so etwas Großes noch nicht dupliziert hat.

»Du warst offenbar noch nie in Kesselnot«, murmelte er. »Versuch es.«

»Mir fehlen selten Kessel«, erwiderte Harry mit gehobener Braue. »Aber ein Kessel wäre einfacher...« Dennoch begann er den Geminio zu wirken, der die Wiege duplizierte und dafür sorgte, dass nun zwei vollkommen identische Wiegen im Raum standen. Gewissenhaft prüfte Harry, ob die Wiege stabil war, sich mit Ted so sicher bewegend, als habe er nie etwas anderes gemacht während Severus wieder wie eine Salzsäule herumstand.

»Und? Zufrieden?«, wollte er ernst wissen, Harrys Reaktion genau beobachtend. Er nickte überzeugend und schien wirklich zufrieden, sodass nach dem Bettchen nun auch eine Decke folgte.

»Magst du testen, Ted?«, fragte Harry. »Du siehst nämlich schon wieder aus, wie schlafen.« Ganz liebevoll legte er das Kind in die Wiege und drapierte die Decke um den kleinen Körper, die Wiege sachte schaukelnd. »Also für Ted scheint sie in Ordnung zu sein«, meinte er zuversichtlich. »Schläft sie?«

Schweigend blickte Severus zu dem Bündel hinab. Die Augen waren zu, also schlief sie wohl. »Ich schätze schon?« Er atmete etwas tiefer ein. Ablegen. Dieses kleine Dings in die Wiege legen... das wäre sinnvoll.

»Willst du sie dann ablegen? Oder weiter halten?«, fragte der junge Mann sanft.

»Ich würde gern Fragen gestellt bekommen, die sich weniger komplex darstellen. Warum fragst du mich nicht nach den siebzehn Anwendungsvarianten von Knarlstacheln in Tränken?«, fragte er zurück, die Brauen zusammenziehend. »Warum ist das so schwer?« Entscheidungen treffen bezüglich des Kindes?

Harrys Blick machte deutlich, dass seine Worte nicht auf klatschenden Beifall trafen. »Weil du es dir schwer machst. Die Frage ist einfach nur, möchtest du sie weiter halten, oder lieber ablegen. Es gibt kein Falsch und richtig bei der Frage. Nichts davon ist im Moment besser oder schlechter.«

»Ich weiß nicht, ob ich sie danach nochmal aufheben kann«, gestand Severus. »Gerade fühlt es sich an, als müsse es so sein. Aber wenn ich sie ablege...« Würde die Normalität wiederkehren. »Ich habe nicht das Gefühl, dass das hier... richtig ist. Oder gut. Zumindest für sie.« Das Kind konnte nicht weggehen oder ihn wegschicken. Sie war gezwungen, mit ihm auszukommen, egal wie gut oder schlecht er sich benahm.

»Sie fühlt sich aber wohl – sonst würde sie nicht schlafen, sondern die ganze Zeit weinen und kreischen. Das tut sie nicht, im Gegenteil, sie hat sich von dir beruhigen lassen. Molly meinte, die Kinder zeigen einem, was sie möchte, und ich finde, sie macht das recht eindeutig.«

War das so? Zeigten Kinder so, ob sie sich wohlfühlten? Bedeutete das, dass seine Tochter sich bei ihm... wohlfühlte? Severus schluckte hart. Seine Tochter... »Dann sollte ich sie nicht ablegen, oder?«, fragte er Harry.

»Severus… ich verstehe, dass das alles sehr schwer ist… Aber ich glaube, etwas rationales Denken reicht, um sich ganz gut durchzufummeln. Wenn du sie ablegst, und sie weint… dann war es nicht so gut. Wenn du sie ablegst, und sie schläft weiter, ist es wohl in Ordnung. Wenn sie bei beidem weint, dann stimmt irgendetwas anderes nicht. Und dann musst du in das Ganze noch einbeziehen, was du erreichen willst. Soll sie anständig im Bettchen schlafen, müssen wir sie immer wieder hineinlegen, damit sie daran gewöhnt ist.« Harry sprach ganz ruhig, setzte sich jedoch auf das Bett. Ein eindeutigeres Zeichen dafür, dass er Severus hier nichts abnehmen würde, konnte er nicht geben.

»In meinem rationalen Denken haben Säuglinge in den Armen von Frauen zu liegen«, knurrte er. »Außerdem...« Er zog die Brauen zusammen. »Das Weinen.« Seine Kiefer pressten sich kurz aufeinander. »Ich... das Geräusch... es ist... unerträglich.« Es war nicht gut und löste in ihm wieder das Gefühl aus, still sein zu müssen. Man durfte nicht weinen, nicht quengeln, nicht schreien.

»Das gebe ich dir Recht, aber es ist eben ihre einzige Art zu kommunizieren. Für sie wäre es bestimmt auch einfacher, wenn sie dir einfach sagen könnten, was denn nun los ist.«

»Das wäre in der Tat wünschenswert«, murmelte Severus. »Kannst... du mir helfen?«, fragte er zögerlich. Die Arme wurden nämlich schwer.

»Natürlich, was willst du tun?«, erwiderte Harry ganz sanft.

»Sie ablegen. Meine Arme fallen ab«, gestand Severus kleinlaut. Aber sie war irgendwie filigraner als Ted... Was, wenn er zu grob war? Harry jedenfalls erkannte das Dilemma offenbar, denn er kam direkt auf die Füße und trat an die Wiege heran.

»Komm her«, bat er ganz sanft und half Severus dann, das Mädchen unfallfrei in ihre Wiege zu legen, wobei er zuvor die Decke von ihr nahm, in die sie eingewickelt war. Es offenbarte sich ein intensiv rosafarbener Strampler, der Severus fast hätte lachen lassen. Abstrakt. Er fand, es stand ihr gut. Mit ein wenig Teamwork lag sie schließlich in der Wiege und blieb auch still und friedlich unter der hellen, beigen Decke liegen. »Sehr gut«, lobte Harry ihn und auch sich selbst.

Severus schlug unterdessen die Lider herab und atmete etwas tiefer durch, sich wieder etwas deutlicher entspannend. Er wusste nicht, ob er das hinbekommen wollte und konnte. Offenbar hatten da aber bereits andere für ihn die Entscheidung getroffen. So sehr Harry ihn auch ständig beschwichtigend, tröstend, besänftigend berührte... es blieb für den Augenblick sehr überwältigend.

»Und? Was denkst du?«, fragte Harry ihn leise.

»Wenn ich jetzt sage: Sie hat die Augen meiner Mutter... ist das hoffentlich nicht verwerflich«, erwiderte er. »Ich weiß nicht, was ich denke... oder denken soll. Es ist alles sehr wirr und... zugegebenermaßen viel zu viel. Du hast mit der Annahme der Patenschaft im Grunde gedanklich zugestimmt, in dieser Situation aktiv zu werden... Draco ist erwachsen... ich dachte, ich bin aus dem Schneider.«

»Narzissa kümmert sich sicherlich weiter, wenn du möchtest«, sagte Harry und klang dabei erstaunlich kleinlaut. Severus musste den Blick auf ihn richten, ihn mustern. Er wusste, wie Harry dazu empfand. Darüber dachte. »Wie auch immer du dich letztlich entscheidest... ich unterstütze dich dabei.«

»Du bist angenehm naiv und gutmütig«, sagte Severus dunkel und ging zum Stuhl, um darauf zu sacken. Er wollte gerade keine ablenkenden Berührungen. »Aber was, wenn dir etwas zustößt oder du gehst? Oder mir etwas zustößt? Was dann?«, fragte er.

»Wenn ich gehe? Rede keinen Blödsinn. Du weißt, dass dazu schon viel passieren müsste. Und ich plädiere ja immer noch dafür, dass wir einfach nicht sterben.« Der junge Mann lächelte ihn schief, aber warm an. »Die Sache ist… das sind alles Dinge, die wir nicht wissen und vielleicht nicht einmal beeinflussen können. Aber… stellt sich diese Frage nicht, ganz unabhängig vom Krieg? Ich meine… stell dir vor, wir gewinnen und überleben und in zwei Jahren werde ich vom fahrenden Ritter überfahren. Sowas kann doch jederzeit passieren. Ich weiß… ehrlich gesagt nicht einmal was mit Ted passiert, sollte mir etwas zustoßen. Ob ich… irgendjemand anderen für ihn verantwortlich machen kann, sozusagen als Ersatzpaten. Aber… was auch immer passiert… ich bin sein Pate. Ich muss einfach versuchen, mich so gut ich kann um ihn zu kümmern, oder? Egal, was vielleicht irgendwann passiert. Denn darauf habe ich heute ja keinen Einfluss.«

»Ich sage ja: Naiv und gutmütig«, erwiderte Severus schwach lächelnd. »Die Verantwortung, die mit Kindern einhergeht, ist so unglaublich groß. Es ist das Eine, wenn man unterrichtet und Hauslehrer ist. Schüler kommen und gehen. Kinder jedoch...« Er sah schluckend zu der Wiege mit seiner Tochter darin. »Sie braucht einen Paten.« Aber wer kam für so etwas in Frage? Für das Kind von Bellatrix... und ihm? Das war so absurd, nach wie vor und auch Harry schien keine Idee zu haben, denn er nickte zwar, schlug jedoch nichts vor.

»Ich hatte eigentlich ins Labor gewollt«, meinte er nach einer kurzen Phase des Schweigens. »Und du hattest dich weiter ausruhen wollen.« So war das alles nicht geplant gewesen und Effizienz suchte man jetzt vergebens. Das war einfach nicht Severus’ Art, zu Leben.

»Du kannst immer noch ins Labor gehen. Mit dem Trank bin ich recht fit«, meinte Harry ganz zuversichtlich. Konnte er das? Konnte er Harry das aufbürden?

»Sicher?«, fragte er daher stirnrunzelnd und äußerst skeptisch.

»Wenn du dich entscheidest, dass sie bei uns bleiben soll, werde ich wohl häufiger mit den beiden alleine sein, oder?«, meinte Harry ruhig, die Schultern leicht anhebend.

»Mir... deine Wortwahl.« Er runzelte die Stirn. »Etwas daran sagt mir, dass du nicht sehr begeistert darüber bist.«

»Irgendwann reden wir mal darüber, was mich begeistert. Ich versichere dir, dass Windeln wechseln, nicht dazu gehört. Allerdings spielt das nicht wirklich eine Rolle. Ich hatte schon bevor wir beide überhaupt das erste Mal über sie gesprochen haben, für mich festgelegt, dass ich dich unterstützen werde, solltest du dich für sie entscheiden.« Nach wie vor nutzte Harry einen ruhigen, warmen Tonfall, der sehr erwachsen und abgeklärt klang, aber dennoch... da blieb etwas, das Severus störte.

Wollte er wirklich, dass ihr Leben so aussah? Harry, jung und eingebunden, unfrei wie ein Hauself? Gezwungen, sich um zwei Kinder zu kümmern, damit Severus ein paar Tränke brauen konnte, um nicht wahnsinnig zu werden? Unzufrieden runzelte der Mann die Stirn tief, Harry finster und nachdenklich betrachtend. Das konnte nicht das Leben sein, das Harry führte. Endlich frei von Prophezeiungen und irgendwelchen Aufgaben, sollte er jetzt nicht als Mütterchen seine Tochter bemuttern müssen. Er hatte sich für Ted entschieden, und würde sich jetzt für Dianthea entscheiden. Letzteres jedoch nur seinetwegen. Es war kein Pflichtbewusstsein, das einer Patenschaft entsprang. Es war notwendig, weil Harry bei Severus sein wollte.

»Was?«, fragte Harry mit einer wachsenden Unsicherheit auf den Zügen.

»Das ist nicht richtig. Du bist keine achtzehn Jahre alt und sollst dein Leben damit zubringen, auf Kinder aufzupassen, die nicht einmal deine sind?« Er stieß die Luft leise aus. »Mit einem Mann an deiner Seite, der des Alters wegen dein Vater sein könnte, nicht der Vater des Kindes, auf das du Acht gibst.« Ihn schauderte es innerlich, sich als Vater des Kindes zu bezeichnen. Es klappte in seinem Kopf nach wie vor nicht. Severus war kein Vater.

»Ich wünschte mir, ich wäre älter… einfach nur, damit du nicht immer wieder darüber stolperst«, seufzte Harry. »Und ich muss doch ohnehin auf Ted aufpassen. Cimny und Jeemy sind ständig für uns unterwegs und Kreacher würde ich ehrlich gesagt nicht mal die Fürsorge eines Erwachsenen auflegen. Aber wenn Molly wieder bessere Laune hat, wird sie mir bestimmt noch ein paar Kniffe beibringen.« Harrys Worte waren nicht dumm, wirklich nicht. Dennoch war Severus unzufrieden.

»Mach es mir nicht zum Vorwurf, darüber zu stolpern und dir im Leben mehr Freude zu wünschen, als von Anbeginn deiner vermeintlichen Freiheit nur gebunden und in die Verantwortung gezogen worden zu sein«, knurrte Severus.

»Ich mache... dir keinen Vorwurf«, murmelte Harry leiser.

»Nein, nicht direkt«, stimmte Severus zu. »Aber es ändern zu wollen, zeigt mir, dass meine Sorgen diesbezüglich bei dir nicht auf Wohlwollen treffen.« Er seufzte ganz leise, als Harry den Blick senkte. »Roopy könnte dir zur Hand gehen. Aber ich bezweifle, dass es für Kinder gut ist, wenn sich Hauselfen um sie kümmern.«

»Wer ist Roopy?«, wollte er leise wissen.

»Er war Andromedas Hauself. Der Erbfolge nach müsste er nun Edward gehören.« Zumindest wusste er von keinen anderen Erben der Familie Tonks und Black in diesem Familienzweig.

»Ah... mh«, machte Harry nur, verfiel dann aber in ein langes, nicht sehr glückliches Schweigen. Severus hatte nach wie vor das gesteigerte Bedürfnis, in sein Labor zu flüchten, aber das schlechte Gewissen Harry gegenüber fesselte in an diesen Raum und machte wiederum ihn nicht sehr glücklich. So schwiegen sie also und existierten nun. Auch eine Möglichkeit, den Tag zu verbringen.

»Also... gehst du ins Labor?«, fragte Harry ihn.

»Nein.« Er würde Harry seine eigenen Laster nicht aufbürden. Dieses Kind, wenn auch nicht erwünscht, provoziert oder gewollt, war nicht Harrys Verantwortung.

»Also... was? Sitzen wir hier und schweigen uns an?« Das klang genervt. Irgendwie. Severus kräuselte die Lippen ein wenig und leckte sich über die Lippen.

»Es gibt viele Dinge, die man tun kann, während man gemeinsam in einem Zimmer ist«, sagte er reichlich kühl. »Welche präferierst du?«

»Keine, solange deine Laune so schlecht ist«, murmelte der Jüngere. »Ich hole mal mehr Sachen her, damit wir im Zweifelsfall alles parat haben.« Womit er dann auch im Bad verschwand und Severus auf seinem Stuhl allein ließ. War seine Laune schlecht? Kaum schlechter als sonst, oder? Nein, er war doch wie immer? Er war pflichtbewusst, aufmerksam, reagierte umgehend. Dass die ganze Situation, allem voran diese Sache mit den vielen Gästen im Haus und einem Kind, von dem er nicht wusste, wie es gezeugt worden war, seiner Laune wirklich abträglich geworden war, das war ihm natürlich bewusst. Aber er war doch trotzdem wie immer.

Das schien sein junger Partner allerdings anders zu empfinden, denn der ging kommentarlos aus dem Raum und ließ Severus mit zwei Säuglingen zurück. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Kaum, dass Harry ganz aus dem Raum verschwunden war, atmete Severus mehrfach sehr gedehnt durch. Solange die Kinder schliefen, würde es schon gehen. Er saß hier und nichts passierte. Niemand weinte. Niemand schrie. Es war alles in bester Ordnung, als Harry wieder zurückkehrte und ein Tablett voll mit Babysachen und auch Mittagessen neben Severus auf den Tisch stellte.

»Es ist schon Mittag?«, fragte er stirnrunzelnd. Dabei war der Mittag längst durch.

»Es war schon Mittag«, entgegnete Harry, der wieder ins Bad getigert war, um die mitgebrachten Babysachen unterzubringen und schließlich zurückkam, um sich mit bester Laune an den Tisch zu setzen. Wer war hier schlecht gelaunt? Severus hatte erstaunlich wenig Appetit.

»Narzissa und Draco... weißt du, ob sie was gegessen haben?«, fragte er leise.

»Ich weiß nicht, ob sie gegessen haben, aber Kingsley hat ihnen Essen gebracht«, erklärte Harry zu Severus’ Erleichterung. Damit wären sie versorgt, ob sie aßen, konnten sie demnach selbst entscheiden. Nun griff auch er nach dem Besteck und begann eine kleine Portion zu essen, damit sein Magen ein wenig Beschäftigung hatte. Lustlos und definitiv vom Tag beeinträchtigt, aber er aß, während seine Tochter und Edward schliefen. Er bemühte sich sehr, einigermaßen gut zu essen, egal, was sein Magen oder sein Appetit ihm sagten.

»Wirst du Lucius nach der Schlange fragen, wenn er wach ist?«, fragte Harry ihn, wieder alles so weit zusammenschiebend.

»Unter anderem, ja«, erwiderte Severus. »Und derweil beten, dass er kein so schlimmer Säufer ist, dass er trocken unbrauchbar ist.« Hoffentlich war Lucius, wenn er erwachte, nicht völlig fertig mit seiner Welt.

»Was denkst du… würden sich unsere Chancen verbessern, wenn alle wüssten, dass die Schlange beseitig werden muss? Und ich meine damit… ganz England?«

»Ich bin mir nicht sicher. Einerseits könnte es dazu führen, dass er Nagini kurzerhand an einen anderen Ort bringen will und sich damit verrät... alternativ werden die Sicherheitsvorkehrungen nur noch höher und die Schlange damit unerreichbar«, erwiderte Severus. »Ich habe die ganze Zeit das ungute Gefühl, dass er versuchen wird, dass Nagini nicht der letzte Horkrux ist...« Was, wenn er andere Objekte fand, in die er seine Seele sperren wollte, wie den sprechenden Hut, einen Schnatz oder andere Personen?

»Wenn es nach Dumbledores Theorie geht, müsste das schwer werden. Es kann kaum genug von seiner Seele übrig sein, um einen weiteren zu erschaffen. Aber natürlich… wissen wir beide, dass auch Dumbledore sich irren konnte.«

»Albus war nicht allwissend und eine Seele in einen anderen, lebenden Körper zu sperren sollte nach den Regeln der Zauberei auch nicht möglich sein. Ich bin vorsichtig mit solchen Theorien«, brummte Severus. »Warten wir auf Lucius.« Das war das Einzige, das Sinn machte. Wenn jemand etwas nützliches Wissen konnte, dann der Todesser und Schuldirektor Lucius Malfoy.

Als es plötzlich von der Wiege her leise blubberte, sah Severus mit zerfurchter Stirn auf, doch Harry erhob sich bereits geschmeidig und nahm sein Patenkind aus der Wiege, welches Harrys Gesicht nach zu urteilen stank wie ein Iltis. Severus sah missmutig zu den Resten des Essens. Wunderbar. Wirklich wunderbar. Direkt nach dem Essen musste man sowas haben, nicht? Da kam wirklich Freude und Lust auf mehr auf. Auch wenn durch das geöffnete Fenster und ihre Zauberei wenig von dem unangenehmen Odeur blieb, war Severus deswegen wenig begeistert. Das sollte er Harry allein zumuten? Für beide Kinder? Das wäre wirklich asozial von ihm.

»Wenn ich eine Luftblase um sie ziehe, können sie mit ins Labor«, murmelte er mehr zu sich als zu Harry. Sie wären dann vor Dämpfen seiner Tränke und der übermäßigen Hitze bestimmter Prozeduren sicher geschützt. Wenn er sie außerdem akustisch abschirmte, würde es nicht zu unliebsamen Schreckmomenten kommen, sofern er einen Überwachungszauber auf die Wiegen legte. Mit seinen meisterlichen Stasiszaubern konnte er jederzeit mühelos seine Tränke unterbrechen – nicht, dass das jemand außer ihm wusste.

Er sah stirnrunzelnd auf, weil Harry wie getreten in der Raummitte herumstand. »Was ist los?«, fragte er. »Warum... setzt du dich nicht wieder?«

»Ich hasse dieses warten. Ich würde diese Sachen gerne endlich erledigen.«

Jetzt musste Severus widerwillig schmunzeln und den Kopf schütteln. Er streckte Harry wohlwollend eine Hand entgegen, damit dieser zu ihm kam. »Geduld war nie deine Tugend«, stimmte er zu. »Übrigens auch nicht die deiner Eltern, weder noch.« Warm verwob er seine Finger mit denen von Harry als dieser wie herbeigeschwebt nähergekommen war.

»Du redest die ganze Zeit vom Beginn meines Lebens… aber ich habe nicht das Gefühl, dass das hier schon der Beginn ist, verstehst du? Es kann… kein Beginn sein, solange das hier noch nicht abgeschlossen ist und ich es hinter mir lassen kann. Auch wenn ich mir wünschte, dass es so sein könnte.«

Sachte Harrys Finger mit seinen massierend und ihn dabei etwas näher ziehend, betrachtete er den jungen Mann. »Das Leben ist nicht so geradlinig, Harry. Es können neue Dinge beginnen, bevor alte Dinge geendet haben. Du und ich, das ist ein Beginn, der völlig von dem Krieg und der Tyrannei des dunklen Lords unabhängig ist. Viele Dinge können simultan neu beginnen, andere Dinge können für Ewigkeiten nicht enden. Die Herrschaft des dunklen Lords hat für mich bis heute nicht geendet, fast achtzehn Jahre, nachdem er vermeintlich gefallen war. Aber in der Zwischenzeit begann mein Leben als Lehrer in Hogwarts. Deine Schulzeit begann und damit meine Aufgabe. Und nun wir zwei, und... die beiden dort hinten. Es mag sich nicht richtig anfühlen, das Neue zu begrüßen, solange das Alte noch da ist.« Und auch, wenn Harry jetzt schwieg und nur seinen Stuhl neben ihn rückte, wusste Severus, dass seine Worte ihn erreicht hatten. »Es kann Wochen oder Monate dauern, bis wir die Chance haben, die Schlange oder ihn zu töten«, flüsterte er. »Deswegen solltest du zumindest versuchen, dich dem neuen zu öffnen.« Er atmete tief ein und aus. »Immerhin hast du es schon ganz gut geschafft... du hast erkannt, dass du schwul oder zumindest bisexuell bist und mich irgendwie ein bisschen leiden kannst. Oder auch, dass du scheinbar ein sehr guter Pate bist.«

Irgendwas an seinen Worten schien Harry zu belustigen, so amüsiert wie er schmunzelte. Was es wohl war? »Dass ich dich irgendwie ein bisschen leiden kann?«, fragte Harry mit ganz schiefem Lächeln. »Fühlt es sich so an für dich?«

»Nein«, erwiderte Severus sanft. »Aber irgendwie musste ich dich aus der Reserve locken.« Er schüttelte mit einem leichten Lachen den Kopf. »Dieser Tag ist verhext. So durcheinander, so viel auf und ab... es ist, als wäre der Tag seit dreißig Stunden aktiv.« Es fühlte sich nichts von alledem irgendwie real an.

»Wir kriegen das hin, oder? Das alles?«, wollte Harry von ihm wissen. Severus nahm sich nicht zurück, Harrys Gedanken dazu aufzufangen, die jugendlich leicht und gleichzeitig bedeutungsschwer erwachsen waren.

»Ich bin mir nur bei einer Sache sicher: Wir werden ihn stürzen. Alles andere… nun, wir werden uns bemühen müssen. Beide.« Er räusperte sich leise und etwas peinlich berührt. »Wobei beide wohl ein Synonym für mich ist. Ich werde mich bemühen müssen.« Er stellte mir seinen Reaktionen oftmals ein Problem darf, das wusste er.

»Ich wusste gar nicht, dass du für zwei zählst«, meinte Harry sanft und führte mit den Fingerspitzen sachte Severus' Unterarm.

»Zumindest zählte ich als Professor Snape und als Severus«, erwiderte dieser etwas verhalten. Das waren zwei Persönlichkeiten. Zwei Rollen.

»Wenn es danach geht… bist du aber nicht nur zwei«, warf Harry direkt zurück, deutlicher verhaltener nun.

»Wie viele bin ich deiner Meinung nach?« Der Tränkemeister hatte die Stirn nun deutlich gerunzelt.

»Ich weiß noch nicht… aber ich glaube nicht, dass dein… Spion-Ich wirklich das gleiche ist, wie dein Professor-Ich… und wer weiß, wie viele unterwegs verloren gegangen sind?«

Auch wenn es nicht das war, was Severus hatte hören wollen, so musste er damit doch arbeiten und so runzelte er die Stirn doch noch etwas tiefer, die Kiefer zusammenbeißend. Wie viel von ihm war unterwegs verloren gegangen… eine Frage, die er sich auch gestellt hatte. Wie viel von dem, was man erlebte, war er, und wie viel war Gewohnheit und der Rest einer Rolle, die die Hälfte seines Lebens einen wichtigen Aspekt dargestellt hatte? Die schwarzen Augen ernst verengt, wendete der Tränkemeister den Blick stumm ab, kurz bei dem Sechstanten hängen bleibend. Wer er war, wusste er selbst nach wie vor nicht. Das machte es für alle anderen schwierig, mit ihm umzugehen.

»Das ist okay, weißt du? Dein Leben ist, wie meins auch, nicht gerade aus gegangen. Und selbst Leute, wo es das tut, verändern sich. Ich mag das Ich, dass ich hier kennenlernen durfte. Sogar sehr«, erklärte der junge Mann, weiter Severus' Arm streichelnd.

»Wenn ich nicht einmal weiß, wer ich bin, wie kannst du das mit Gewissheit sagen, Harry? Ich zeige mehr als ein Ich, je nach Situation.« Was ihn selbst nervte. »Und längst nicht jede davon ist… umgänglich.«

»Ich widerspreche dir bei nichts davon. Aber das sind unteranderem auch Seiten an dir. Nicht alles davon sind Rollen. Und naja… wer weiß denn wirklich, wer er ist? Vor allem, wenn einem gewisse Dinge passiert sind? Denkst du George weiß gerade, wer er ist? Aber ich weiß trotzdem, dass ich ihn mag. Und wir wissen beide, dass ich auch nicht unbedingt… stabil in meinen Verhaltensweisen bin. Und trotzdem findest du mich nicht mehr gänzlich ätzend.« Er hob die Schultern leicht. »Außerdem… ist im Moment alles irgendwie neu und wirr… wir haben überhaupt keine Stabilität um uns herum, jeden Moment kann alles schief gehen, sich alles ändern…«

»Zum aktuellen Zeitpunkt wird wohl der eine oder andere eine gewisse Identitätskrise durchleben.« Nicht zuletzt Draco, der jetzt zum ersten Mal wirklich frei war. »Ich hoffe nur, dass das, was von mir bleibt, nachdem das alles vorbei ist, dir noch zusagt.« Er schaffte es, ein schiefes Lächeln zu präsentieren. »Nicht mehr gänzlich«, stimmte Severus nickend zu. »Du hast ein poetisches Talent, Dinge zu konkretisieren.« Das meinte der Tränkemeister gar nicht zynisch oder sarkastisch oder so.

»Es ist eine Gabe«, lachte Harry, mit einem Grinsen dem Blick des Älteren begegnend. »Aber du hast Recht. Wir müssen uns beide bemühen. Für all diese Dinge. Und am Ende einfach sehen, was bleibt und wie wir damit umgehen können. So, wie alle anderen auch.« Da dem kaum noch etwas hinzuzufügen war, nickte Severus nur sachte, seine innere Anspannung hinaufschnaufend.

»Ich weiß nur zugegebenermaßen nicht, wie wir jetzt noch vernünftig trainieren sollten…«, gestand Severus ein. Mit zwei Säuglingen?

»Ich könnte die beiden schweben lassen«, meinte Harry ganz unschuldig. Unweigerlich verengte der Tränkemeister die Augen so finster, dass sein Blick Dritte vermutlich direkt getötet hätte. Er merkte es nicht einmal. »Vielleicht macht es Sinn, erst einmal abzuwarten, was Ma… Lucius zu sagen hat. Wenn er wirklich relevante Informationen hat und wir anfangen können, Pläne zu machen, haben wir dafür ohnehin keine Zeit mehr.«

»Dann verlagert sich mein Gedanke lediglich auf einen bevorstehenden Kampf. Wir können keine Säuglinge allein lassen.« Hauselfen hin oder her. Im Zweifel brauchten sie einen Menschen, der sich um sie kümmerte.

»Und wir können keine Schwangere mit in einen Kampf nehmen«, stimmte Harry voller Bedenken zu. »Luna wird also auf jeden Fall hierbleiben. Und Draco, Narzissa und Lucius sicherlich auch, außer sie gehen vorher ganz weg.« Etwas, das Severus sicher mehr zusagen würde, als seinen Patensohn und seine Freunde in einem Kampf gegen die zu wissen, die sie leider durchaus gut kannten.

»Es wird sich zeigen, ob sie gehen… und ob sie gemeinsam gehen«, murmelte Severus tonlos. »Warten wir ab, was gesprochen wird, wenn ich nachher Lucius wecke.« Die Informationen des Mannes konnten vieles verändern… oder eben nichts aussagen.
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