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Zwei Leben - Unser Kampf - Severus Snape

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
31.01.2022
25.06.2022
31
240.000
45
Alle Kapitel
71 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
11.05.2022 11.557
 
~* Vergiss nicht, Harrys Sicht der Dinge bei  Enoraá zu lesen, die in diesem Kapitel gelegentlich in Dracos Haut geschlüpft ist für mich!  *~

Er wollte schreien. Der Zauberstab war gegen ihn gerichtet. Vielleicht nicht mit der Absicht, ihn zu töten, wohl aber mit dem Ziel von genau diesem Ergebnis. Am Ende würde er sterben und das nur, weil Arthur Weasley entkommen und der Plan seines Vaters gescheitert war.

Draco schloss die Augen, er wartete, innerlich vor Angst schreiend auf den Tod, wagte jedoch nicht, zu wimmern oder zu weinen. Die Genugtuung würde er dem dunklen Lord nicht geben und seinem elenden Vater würde er diesen Schmerz ersparen. Vielleicht war er am Ende doch ein guter Sohn gewesen, wenn es half, den Stand seines Vaters zu festigen und damit seiner Mutter neuen Schutz zu bieten. Hoffentlich konnte sie seinen Verlust irgendwann verschmerzen.

Der Zauberstab seines Vaters zitterte, der Widerwillen war ihm ins blasse, von Stress gezeichnete Gesicht geschrieben. Gut, dass er mit dem Rücken zu den Schülern und Todessern stand, die alle wie gebannt zusahen, dass der letzte Erbe dieser alten Blutlinie starb. Abartig, wenn man selbst am falschen Ende des Zauberstabes stand. Das ließ einen vieles, was man gedacht und gesagt hatte, überdenken.

Sein Vater atmete tief ein, wollte gerade zu einem tödlichen Zauber ansetzen, da flog hinter ihnen das Schlossportal krachend auf und eine wütende McGonagall trat einer rothaarigen Bande vorangehend auf den Uhrenplatz. »Hier stirbt kein Dumbledore mehr!«, rief sie, einen nonverbalen Angriffszauber gegen seinen Vater schickend, der vor Überraschung ganz perplex, von diesem getroffen von dem Podest geschleudert wurde. Lucius Malfoy war noch nie ein herausragender Duellant gewesen.

Draco wollte wieder schreien. Er sah, wie sich das Haar seines Vaters augenblicklich rot färbte, so hart musste er aufgeschlagen sein. Und doch war er nach wie vor wie in Trance, nahm all das um sich herum nur gedämpft und leise, ganz fern wahr. Stille Zauber warfen erst den einen Anhänger des dunklen Lords gegen eine Säule, dann zwei Körper gegeneinander. Schüler drängten panisch auseinander – niemand wollte unfreiwillig zum Ziel werden, nicht einmal jene, die ihn so gehässig angesehen hatten. Draco blieb, wo er war, starrte den Leuten fassungslos entgegen, deren Ankunft sie natürlich erwartet hatten. Wie blöd musste man bitte sein?

Es war die Verwandlungslehrerin, die festen Schrittes vortrat, während die Weasleys mit erhobenen Stäben die Umgebung absicherten. »Kommen Sie!«, wies sie ihn ernst an, nahm den Arm des jungen Mannes und zog ihn bestimmt mit sich, zwischen die rothaarigen Weasleys, die nun ebenfalls den Rücktritt antraten.

Einer der Todesser rappelte sich allerdings bereits wieder auf die Beine, ging jedoch, ohne dass einer von ihnen einen Zauber löste, direkt wieder zu Boden, sodass sie das Schlossportal erreichten und mit einem lauten Donnern zuwarfen. Just in diesem Moment erreichte ein dunkelhäutiger junger Mann die Gruppe, den Draco nicht kannte.

»Sichern Sie das Portal! Wir müssen sofort nach oben!«, wies dieser an und packte selbst Dracos Arm, um ihn – nicht grob! - in Richtung Treppe zu ziehen.

Die Schritte fielen Draco schon schwer, es war, als müsse er nicht nur sein eigenes Gewicht tragen, sondern auch das Gewicht jeder einzelnen Entscheidung eines jeden Malfoys vor ihm. Der dunkelhäutige Junge erinnerte ihn entfernt an Zabini, so zielstrebig und forsch, wie er war. Wortlos ließ er sich mitziehen und ächzte regelrecht beim eiligen Aufstieg der Treppen. Seine Lungen brannten.

»Halten Sie durch, Aberforth«, beschwor ihn McGonagall mit besorgten, verblasten Augen. Er nickte nur vage, er hatte keine Luft, um zu sprechen. Wie sehr seine Lungen einfach brannten! Dieser Körper... er war diese Art der Anstrengung absolut nicht gewöhnt.

»Schneller!«, rief der ältere Weasley aus, aus seinem Beutel einen tragbaren Sumpf zu Tage befördernd, den er am oberen Treppenabsatz platzierte, damit etwaige Verfolger einfach in den Sumpf rannten. Schritte und Flüche hörte man bereits, auch wenn die Todesser offenbar gut aufgemischt worden waren und ihnen nun folgten. Auch der andere Weasley schien bemüht, mit einer gewitzten Falle ihren Verfolgern das Leben schwer zu machen.

Man drängte ihn immer wieder in Geheimgänge, deren Existenz er nicht einmal geahnt hatte. Waren Potter und seine Leute auf diese Weise immer wieder beinahe ungesehen zum Raum der Wünsche gelangt?

Endlich am Büro des Direktors angekommen, ließ McGonagall die Statue zum Leben erwachen, obgleich diese sich nicht wirklich regte. Noch nicht. Ob sie wohl die Verfolger angreifen würde? Es war anzunehmen.

»Colloportus!«, riefen Mrs. Weasley und versiegelte die Tür.

»Halten Sie sich fest«, wies der dunkelhäutige Junge sie alle an und ohne auch nur zu zögern, taten sie, was verlangt war, wobei sie zuerst McGonagall aus Hogwarts raus apparierte und dann der junge Zauberer, den Draco nicht kannte, sie wiederum mitten in einen dichten Wald brachte. Er taumelte, zwei Mal hintereinander zu springen war er nicht gewöhnt, noch dazu nicht, wenn er nicht selbst apparierte. Er hustete rau und heiser, sich angewidert an den Hals fassend.

»Alle in Ordnung?«, fragte der dunkelhäutige Freiheitskämpfer. Draco nickte knapp. »Dann los.« Wer war dieser Kerl und warum hatte er so viel Plan und so wenig Not damit, diese Leute anzuführen? Ohne zu Zögern und ohne zu forsch zu sein, ergriff der Kerl seinen Arm erneut und führte seinen geschwächten Körper, der er etwas wackelig auf den Beinen war, durch den Wald, bis er innehielt und konzentriert ins Nichts stierte.

»Gut, von hier aus müssen alle ganz genau in meine Fußstapfen treten. Charlie, George, könnt ihr Aberforth zwischen euch nehmen?«, bat er. »Niemand darf auch nur einen Schritt abweichen!« Was das wohl für eine Art von Zauber war? Flankiert von den zwei abscheulichen Weasleys wurde Draco nun fast tänzerisch durch das Laub geführt, Schritt für Schritt auf... nichts zu.

Das stimmte nicht, musste er feststellen, als der junge Zauberer plötzlich zwischen der Baumgabel verschwand und die Männer ihn hindurchzogen, um ihn in einen finsteren, mit ekelerregend grünlichem Licht erhellten Gang zu bringen. »Alle noch da?«, wollte er wissen.

»Was ist das für ein Ort?«, fragte Draco mit rauer, fremdartiger Stimme. Sie klang so viel dunkler als die Seine.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte der Fremde sanft. »Wir sind fast da. Und dort ist es viel angenehmer.« Und da war es doch gut, wenn sich Draco alles einprägte, was er sah, nicht? Ja, jede Abbiegung prägte er sich ein! Er hatte allmählich echt Sorge, dass dieser Plan schief ging, es funktionierte alles viel zu einfach. Sie brachten ihn hier völlig ratlos in ihre Mitte, nicht wissend, dass er sie bald verraten musste.

Nun in einem Raum mit einem Kamin ankommend – so etwas hätte er hier unten definitiv nicht erwartet – runzelte Draco die Stirn. »Gut. Mrs. Weasley, Professor, gehen Sie vor«, bat er freundlich. »Prince Anwesen, Toskana.« Moment, Toskana? Das war nicht gut! »Charlie, nimmst du gleich Aberforth mit? Ich und George kommen gleich nach«, erklärte er weiter.

Draco verkrampfte sich dezent und wich vor dem Kamin zurück. Bildete er sich das ein, oder war der junge Mann gerade noch dunkler und das Haar krauser gewesen? Er halluzinierte vor Angst. »Ich geh da nicht rein«, presste er hervor. »Ich gehe nicht ins Ausland!« Von dort konnte er nicht zurück apparieren!

»Ist schon gut. Haben Sie keine Angst, Sir. Sie sind dort sicher. Versprochen«, sagte der junge Mann fest. »Und wenn es so weit ist, bringen wir Sie zurück nach England, das schwöre ich.«

»Vertrauen Sie uns, Aberforth. Wir bringen Sie in Sicherheit. Sie müssen nicht mehr kämpfen«, versprach McGonagall, wohl wissend, dass der Wirt definitiv nicht zu jenen gehörte, die mit dem Zauberstab in erster Reihe standen.

»Nein… Ich…« Er starrte den dunkelhäutigen jungen Mann an, dessen Gesicht erstaunlich vertraut aussah, obwohl die Hautfarbe nicht zu passen schien. »Wer bist du?«, fragte er leise und beobachtet, wie der andere junge Mann sich nachdenklich über die Lippen leckte.

»Sir… ich bin Harry Potter. Und wenn die Wirkung des Tranks nachlässt, sollten wir wirklich weiter«, merkte er an. »Wir wissen nicht genau, was hier unten alles hausen könnte…«

Fassungslos weitete Draco die Augen. »Das ist unmöglich«, flüsterte er. »Harry Potter ist tot…« Er hatte zwar nie dessen Leiche gesehen, aber wenn der dunkle Lord es behauptete, musste es doch stimmen? Plötzlich spürte er Hoffnung aufkeimen. »Prince Anwesen?«, fragte er leise nach.

»Wenn wir dort sind, kann ich Ihnen alles erklären«, versprach er. »Also… bitte.« Lächelnd deutete Potter auf den Kamin und Draco… startete einen inneren Kampf. Wenn er da durchging, hatte er ein riesiges Problem. Er durfte nicht über Landesgrenzen apparieren, konnte es vermutlich nicht einmal… aber er würde zurückflohen können, oder? Er schluckte hart und atmete tief durch.

»Wie viele?«, fragte er. »Wie viele… leben noch?«

»Ab, komm schon. Ich habe keine Lust hier auf Kriechgetier zu treffen, das ist hier nicht dein Pub«, drängelte einer der Weasleys und schob ihn an der Schulter näher zum Kamin. Die Angst war Draco absolut ins Gesicht geschrieben, er spürte, wie seine Hör- und Sehkraft allmählich wieder zunahm. Widerwillig griff er nach dem Flohpulver, mit dem rothaarigen Kerl in den Kamin tretend, nachdem bereits die beiden Frauen durch waren.

»Gut, ihr als nächstes, Charlie«, sagte Potter.

»Wir können«, verkündete Charlie.

»Prince-Anwesen, Toskana«, murmelte er widerwillig… und begann damit seine unfreiwillige Reise über die Landesgrenze hinaus, mitten in das Kaminzimmer im Princeanwesen, wo er ziemlich ins stolpern kam, weil er sich mehr und mehr körperlich veränderte.

»Gut, Aberforth, wir bringen…«, setzte Potter an, unterbrach sich aber. Draco zog seinen Zauberstab aus dem Ärmel und wich zum Kamin zurück, bereit, wieder zurückzuflohen. Das graue Haar wandelte sich, wurde glatter, glänzender… kürzer. Draco atmete bereits richtig gestresst. Er hätte vor dem Flohen umkehren sollen. Wiederum hätte das den dunklen Lord nicht zufriedengestellt und ihn vermutlich getötet?

Den Zauberstab verteidigend gehoben, jedoch selbst nicht aggressiv gegen die anderen wirkend, wurde er bereits von McGonagall entwaffnet, während der eine Weasley derbe fluchte. Draco zischte, seinem Zauberstab hinterherblickend. Abwehrend hob er beide Hände. Verdammt!

»Wen haben wir denn hier?«, fragte Harry, der nur noch etwas dunklere Haut hatte, ansonsten wieder er selbst war. »Draco!«

Hätte er seinen Namen mit Freude gerufen, hätte Draco wohl keinen Grund, vor Angst um sein Leben verkrampft hier zu stehen. Seine Kiefer presste er kurz hart zusammen.

»Potter«, erwiderte Draco in der nun zu großen Kleidung von Aberforth. Unangenehm drängte ein Zauberstab in seinen Rücken, von dem anderen Weasley.

»Das Haus ist appariergeschützt«, erklärte Potter, seinen offenbar neuen Zauberstab sinken lassend. »Bist du verletzt?«

Fragte der Kerl das gerade ernsthaft? Er war der Feind. Unabhängig davon, was im Malfoy-Anwesen geschehen war, er war ein Todesser und Harry der Staatsfeind. Die Hände des Blonden ballten sich zu Fäusten, noch ehe er etwas erwidern konnte, fuhr der Weasley dazwischen.

»Harry, bist du verrückt? Er ist ein Spion!« Er war es auch, der ihm ein wenig Akkupunktur mit der Zauberstabspitze verpasste.

»Natürlich ist er das, und? Er kann nicht zurück. Und wir lassen ihn auch nicht zurück«, legte Potter einfach schön stumpf, wie er war, fest.

»Wie kannst du noch leben?«, war alles, was Draco gerade hervorbrachte, über diesen Punkt noch nicht hinweg. »Er denkt, du seist tot…!« Er schüttelte den Kopf. »Alle denken das.«

Nickend antwortete Potter ihm. »Es war knapp genug und unteranderem dein Verdienst.« Sein Verdienst? Draco hob das Kinn leicht an. »Also… bist du verletzt? George, steck den Zauberstab weg. Er ist doch schon entwaffnet und er kennt den einzigen Ort, mit dem dieser Kamin verbunden ist, nicht«, erklärte Potter ganz ruhig. Tatsächlich folgte der Weasley der Aufforderung, während sich Dracos Schultern leicht senkten. Der Kamin war nur mit einem anderen Kamin verbunden. Das erklärte die mangelnde Auswahl an Kaminen unterwegs. Und es besiegelte sein Schicksal. Andererseits… würden so alle glauben, er sei tot, nicht? Das tat ihm für seine Eltern leid, aber er… war in Sicherheit. Irgendwie.

»Ich bin unverletzt«, erwiderte Draco gedämpft, zornig beobachtend, wie Potter seinen Zauberstab aufhob und mal wieder einfach wegsteckte. Damit war er ziemlich mittellos.

»Aberforth ist nicht in Gefahr?«, fragte er nach. »Es ging nur darum, dich hier einzuschleusen, oder?«

»Keiner weiß, wo der Mann ist«, erwiderte Draco. Wenn er sich bemühte und gute Informationen gab, vielleicht… behandelten sie ihn dann gut und warfen ihn nicht ins allerletzte Kerkerloch? Er konnte ohnehin nicht zurück. Was nutzte es also?

»Gut, komm mit, wir suchen dir ein Zimmer. Danke«, brachte Potter raus, kurz die anderen Anwesenden betrachtend. Der Typ war durchgeknallt.

»Sollte ihn nicht jemand bewachen?«, fragte George Weasley verstimmt.

»Wenn du nichts Besseres zu tun hast?«, erwiderte Potter tonlos und zuckte mit den Schultern.

»Ein Zimmer?«, fragte Draco eher skeptisch, sich keinen Millimeter rührend. Das machte keinen Sinn. Warum sollte man ihm ein Zimmer geben?

»Das ist so ein Ding mit vier Wänden und Möbeln darin«, erwiderte der verfluchte Gryffindor. Draco verengte drohend die Augen, Späße auf seine Kosten konnte er nicht leiden. »Ich würde dich gerne in eines bringen, wo du dich ausruhen kannst, bis alle von uns wieder fit sind. Ich glaube, da wartet noch eine Überraschung auf dich. Wenn du nett bist, vielleicht sogar zwei.«

»Du bist verrückt, oder? Ich bin dein Feind«, zischte Draco. »Als Spion hierhergekommen, und du willst, dass ich mich ausruhen kann?« Seine Stimme bebte. Er musste sich zusammenreißen. Er durfte keine Schwäche zeigen. Vor allem, weil der Idiot ihn jetzt auch noch eingehend musterte.

»Du warst nie mein Feind, Draco Malfoy. Schlimm genug, dass ich so lange gebraucht habe, um das zu erkennen. Und für Folter und Mord bist du leider ins falsche Haus gekommen. Sowas gibt es bei uns nicht. Nur Zimmer, Essen, Gesellschaft. Je nach dem, wonach davon dir ist.« Er hob die Schultern, wirkte… wirklich ganz offen. Es war, als wäre Draco im falschen Film gelandet. In einer Dimension zwischen den Kaminen falsch abgebogen oder sowas.

»Du bist verrückt«, flüsterte Draco, seinen linken Unterarm mit der Hand umfassend. »Glaubst du dir deine Worte eigentlich selbst, wenn du sie oft genug wiederholst?«

»Du musst mir nicht glauben, Draco. Aber es wäre doch sehr viel angenehmer, wenn du einfach mit hochgehst, anstatt dich von mir schocken und nach oben verfrachten zu lassen, oder? Ich meine… wenn du drauf stehst? Aber… es wäre halt wirklich unnötig.«

Draco biss die Zähne fest zusammen, dann stieß er leise die Luft aus. »Meinetwegen«, brummte er. »Geh vor.« Er würde ihm folgen, denn natürlich kannte er sich hier nicht aus. »Warum sind wir hier? Toskana? Italien?« Warum ausgerechnet hier, und warum ausgerechnet ein Prince-Anwesen? Verhöhnte das nicht seinen Paten, den Potter in der Schlacht um Hogwarts getötet hatte?

»Die einfache Antwort ist: Weil es hier sicher ist, wir uns erholen und planen können, ohne jederzeit mit einem Angriff rechnen zu müssen. Die weniger einfache Antwort bekommst du später«, erklärte der Gryffindor, ihn zu einer Reihe Türen führend, wovon er zielstrebig eine öffnete. Dahinter verbarg sich ein eleganter, in natürlichen und grünlichen Tönen gehaltener Raum, den Potter noch mit ein paar Haushaltszaubern auffrischte. Wie pathetisch, aber gut... wer sich keine Hauselfen leisten konnte, der musste eben selbst Hand anlegen und bestimmt hatte die Weasley-Mutter ihm das beigebracht. »Deins«, legte Potter noch fest. »Ich werde das Zimmer gleich versiegeln, aber wir kommen später wieder zu dir. Dann werden sich ein paar Dinge auch für dich aufklären. Eine Sache noch… sollte dein Dunkles Mal zu brennen beginnen, ruf nach uns, okay? Ich will nicht, dass du von dem Schmerz wahnsinnig wirst oder… Schlimmeres. Die hier…« Er zog Dracos neuen und alten Zauberstab hervor, »nehme ich so lange noch an mich. Wie gesagt… sei nett, dann klären sich einige Dinge sicherlich schnell.«

Dracos Augen weiteten sich beim Anblick seines Zauberstabes und das galt definitiv nicht seinem Neuen. »Mein Stab«, flüsterte er, die Augen finster verengend. »Mein Mal?« Er sah für den Bruchteil eines Augenblicks zu seinem Arm. »Warum sollte ich davon wahnsinnig werden?« Ja, es meldete sich sehr deutlich, aber warum sollte man davon wahnsinnig werden?

»Weil du dem Ruf nicht folgen kannst, wird es nicht aufhören und der Schmerz immer schlimmer werden. Quasi dein ganz persönlicher Cruciatus-Fluch. Also... sag Bescheid. Ich sehe zu, dass du nicht so lange auf uns warten musst«, erklärte Potter ihm ekelhaft freundlich. Da war doch irgendwo ein Haken. Leise schnaubend wendete sich Draco ab, voller Zweifel in den Raum starrend, während hinter ihm die Tür ins Schloss fiel und magisch versiegelt wurde. Hier stand er also nun. Er hatte sich gut geschlagen und trotzdem versagt. Ein Apparierschutz. Darauf hätte man kommen können. Dachte sein Vater, er sei tot? Wenn er nicht zurückkehrte? Würde der dunkle Lord ihn holen, weil er wusste, wo er war? Hätte er einen Zauberstab, könnte er das Mal einfach aktivieren, ihn rufen. Das konnte er jetzt leider nicht und irgendwie... war sein Bedürfnis, noch eine Minute weiter diesen Grausamkeiten, Ränkespielen und Schuldzuweisungen ausgesetzt zu sein, schwindend gering. Stumm ging er zum Fenster, sah in den noch halbwilden Garten hinab und biss die Zähne zusammen. Hätte er damals eine Wahl gehabt... er hätte nichts anders gemacht, oder? Aus Furcht und aus seinem Geltungsdrang seinem Vater und Severus gegenüber. Nein, am Ende wäre er hier gelandet, egal was er getan hätte. Draco Malfoy, der Gefangene von Potter.



Durch den passenden Zauber geweckt, erwachte der Tränkemeister mit pochenden Kopfschmerzen und glühendem Unterarm. Er seufzte und öffnete die Augen nur halb. Es reichte, kurz Harry zu sehen und dann schloss er sie wieder für einen Moment, damit er sich nach der langen Bewusstlosigkeit sammeln konnte.

»Wer ist es diesmal?«, fragte er, als er die zerfurchte Stirn von Harry erspähte. Wen wollten sie dieses Mal als Lockvogel nutzen?

»Es... ist schon erledigt«, erklärte Harry ruhig, »Wir hatten nur eine halbe Stunde Zeit, um zu reagieren.« Severus fuhr hoch, die schwarzen Augen nun endlich geöffnet und suchend auf Harry gerichtet. Sein Kreislauf folgte mit etwas Abstand. »Die Info war, dass Aberforth in Hogwarts hingerichtet werden soll. Es war sehr einfach. Was… kein Wunder ist, weil sie versucht haben, uns einen Spion unterzuschieben«, erklärte Harry weiter, noch bevor Severus Einwände erheben konnte.

»Ein Spion? Bei Merlin, euch hätte klar sein müssen, dass das wieder eine Falle ist«, zischte Severus aufgebracht. »Das war...« Er presste die Lippen zusammen, seine restlichen Worte nicht mehr aussprechend.

»Natürlich wussten wir, dass es eine Falle ist. Wir waren zu fünft und so gut vorbereitet, wie es in dreißig Minuten eben geht. Weder hätten wir warten können noch dich wecken. Aber… du solltest dich eher für das Ergebnis interessieren«, merkte Harry an. »Der Spion war Draco.«

Schlagartig wurde der Tränkemeister deutlich blasser. Mit aller ihm verbliebenen Härte verdrängte er jede Gefühlsregung aus seinem Gesicht, dennoch war der folgende Atemzug deutlicher und schwerer. »War?«, fragte er regelrecht dünn, trotzdem seine Stimme rau und dunkel war. Es fehlte jeglicher Nachdruck darin.

»Naja, ich nehme mal an, dass man Leute, die in Gästezimmern untergebracht sind, nicht mehr so nennt. Er weiß noch nichts von dir. Aber ich nehme mal an, dass, sobald sich das ändert, nicht mehr gehen wollen wird?«

Vermutlich erhoffte sich Harry darauf jetzt eine Antwort, die seine fahrlässige Handlungsweise rechtfertigte. Das Problem war nur: Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Draco hatte sich zuletzt nicht als mental stabil gezeigt und war unter der Last seines Mals, der Verpflichtung gegenüber seiner Familie regelrecht zerbrochen. »Das kann ich nicht mit Bestimmtheit bekräftigen«, murmelte der Tränkemeister. »Er wird sich nicht freiwillig gemeldet haben, was bedeutet, dass Lucius und Narzissa ziemlich bestimmt involviert sind.« Er stieß die Luft aus. »Bei Merlins Bart...« Das uferte allmählich aus. Sie mussten irgendwas tun.

»Die Wirkung des Vielsafttranks verflog, kaum, dass wir hier angekommen sind. Wenn ich es nicht besser würde, würde ich denken, Lucius sollte, wieder einmal, bestraft werden. Ich meine…« Severus nickte auf die Worte hin, ausdruckslos auf seinen eigenen, geröteten Unterarm blickend. »Kann... er über das dunkle Mal spüren, ob ein bestimmter Todesser noch lebt?«, fragte Harry leise.

»Ja«, flüsterte Severus. »Darum war es so wichtig, dass mich niemand erkennt. Wenn er sich auf einen speziell konzentriert und ihn ruft... weiß er, ob dieser noch lebt...« Und das war ein Problem. »Und damit kann er diesen Todesser aus der Ferne, ohne Not, zu Tode quälen.«

»Das heißt... notfalls müssen wir Draco in eine Art Dauerschlaf verfrachten?« Harry klang selbst nicht überzeugt und das teilte Severus definitiv.

»Nein, wie sollen wir ihn damit versorgen? Außerdem ist er dennoch am Leben. Der dunkle Lord könnte ihm einfach folgen, ob er wach ist, oder nicht.« Severus schloss die Augen nachdenklich. »Wir könnten ihn mit bereinigten Gedanken zurückschicken, das Risiko, dass der dunkle Lord ihn mittels Legilimentik solange ausquetscht, bis er an die wahren Erinnerungen kommt, ist jedoch hoch.« Er biss die Zähne hart zusammen. Seine Idee, sein Projekt, sein Versuch, sich selbst zu befreien... vielleicht war das Dracos einzige Chance? Aber es war gefährlich...

»Also was sollen wir tun? Wir können ihn ja nicht einfach umbringen.« Saloppe Worte, die Severus die Augen finster verengen ließen.

»Denk nicht noch ein einziges Mal auch nur entfernt an eine Kombination von Draco und Tod«, knurrte er. »Es gibt... ich habe eine Theorie. Zum dunklen Mal.« In fast zwanzig Jahren hatte er ja ein bisschen was gelernt. »Ich hatte nie die Möglichkeit, es zu verifizieren.« Er hatte gerade keine Augen dafür, dass Harry aufgrund seiner Worte körperlich mit hochgezogenen Schultern reagierte und sich offensichtlich zurücknahm, durchaus verunsichert. »Solange die Magie des dunklen Lords noch aktiv ist, lässt sich das dunkle Mal weder verändern, noch beseitigen. Für jede Art von Zauberei, von den unverzeihlichen Flüchen abgesehen, gibt es Konter. Der Cruciatus wird durch den Ruf ausgelöst. Ich vermute hier seit langem eine Kombination aus dem Proteus-Zauber und einem zeitlich aktivierten Zauber, der den Cruciatus entfesselt.«  Er atmete tief durch. »Ich habe die Vermutung, dass es möglich sein könnte, das dunkle Mal zu zerstören, wenn man diese Zauber unterbricht.«

»Und wie? Und... welches Risiko besteht dabei?«, fragte Harry leise.

»Finite Incantatem«, sagte Severus leise. »Von einem mächtigen Zauberer gewirkt.« Jetzt erhob er sich, um angespannt durch den Raum zu gehen. »Risiken... wird es viele geben. Von einem Fehlschlag ohne Wirkung, zu einer permanenten Wirkung, einem Ruf des dunklen Lords durch die Manipulation...« Er atmete tief ein und aus. »Im schlimmsten Fall stünde er binnen weniger Augenblick hier, Harry.«

»Okay und… welche Wahl bleibt uns? Du magst in vermeintlicher Sicherheit sein und das Brennen deines Mals ein Frühwarnsystem… aber für Draco gilt das nicht. Denn… genaugenommen, könnte er doch durch Draco ohnehin jederzeit hier auftauchen?«

Der Tränkemeister drehte sich zu Harry um, begegnete seinem geliebten, waldgrünen Blick. »Uns bleibt keine Wahl«, flüsterte Severus. Dieses Risiko... mussten sie eingehen. Auch wenn es vielleicht Dracos oder ihrer aller Leben kostete. Nichts zu tun war ein Garant dafür, sinnlos zu sterben.

»Was brauchen wir?«, fragte Harry. »Ich meine… was genau muss mit dem Mal unter der Wirkung des Zaubers wohl angestellt werden? Und reichen unsere Schmerztränke dafür aus?«

Die Zähne kurz fest aufeinanderpressend schnaufte Severus leise. »Ich weiß es nicht, Harry. Es sind alte Theorien. Ich weiß nicht einmal, ob es funktioniert.« Er seufzte. »Das sicherste wäre vermutlich, wenn nichts von dem dunklen Mal überbleibt.«

Harry rutschte sich auf der Matratze zurecht, sodass er schließlich am Rand saß und die Beine über die Kante strecken konnte. »Sag mir einfach, falls ich helfen kann«, bat er leise und kramte zwei Zauberstäbe hervor, die er sorgsam Severus reichte. »Die gehören Draco.« Sachte nahm Severus sie entgegen und betrachtete Dracos alten Zauberstab einen langen Moment.

»Ich werde mit ihm sprechen müssen. Es... ist am Ende seine Entscheidung, dieses Risiko einzugehen«, sagte er ruhig. »Ihm wurden genau wie dir schon zu viele Entscheidungen

aufgezwungen.« Harry nickte sachte.

»Natürlich.«

»Wo ist er?«, wollte der Tränkemeister also wissen.

»Grünes Zimmer«, erwiderte Harry, in die Richtung von den bisher belegten Zimmern wegdeutend. »Es… ist Mittag durch. Keine Ahnung, ob er heute schon etwas gegessen hat. Und ich weiß nicht, ob er ehrlich war, als ich ihn nach Verletzungen fragte«, fügte er noch an.

»Danke«, brachte Severus etwas steif hervor. »Ich spreche mit ihm. Wartest du hier?«, bat er ihn.

Wenn er ihn brauchte, wäre er nahe – anders als unten in der Küche.

»Klar«, stimmte Harry kleinlaut zu, sodass Severus erstmal ins Badezimmer verschwinden konnte, ehe er sich frisch machte und ankleidete und mit wehendem Umhang den Raum verließ, um vor dem Zimmer, das ihm von allen am wenigsten behagt hatte von den Farben, anzuhalten und den Zauber zu lösen, der den Raum versiegelte. Er öffnete die Tür und hatte prompt einen alarmierten, erschöpft wirkenden Draco vor sich stehen, der aussah, als wolle er sich zur Not mit seinen Fäusten verteidigen.

»Severus«, keuchte der Blonde und taumelte zurück, ungläubig, was er sehend war.

»Draco«, erwiderte Severus und verschloss die Tür sogleich hinter ihnen. Niemand musste irgendwas von hier mitansehen.

»Ich... Potter... er... Du... ich dachte...«, stammelte Draco und bescherte Severus damit eine Grimasse, weil dessen ungefilterte Gedanken nicht leiser waren als die von Harry, wenn er so aufgebracht war.

»Was auch immer der dunkle Lord gesagt hat über mein Ableben, war gewiss nicht nahe an der Wahrheit«, sagte Severus ruhig. »Er tötete mich, um Herr des Elderstabs zu werden.« Lange sah er seinen Patensohn an. »Er wusste nicht, dass du der rechtmäßige Herr warst.« Womit Draco direkt mal noch blasser wurde, immerhin wurde die Aussicht, all das hier irgendwie zu überleben, echt nicht besser.

»Du... hier? Ich meine... du und Potter hier? Mit den Weasleys?«

»Ich erkläre dir alles, Draco, aber jetzt musst du mir zuhören. Setz dich«, verlangte er autoritär und sah, wie Draco das völlig mechanisch durchzog. »Das Wichtigste ist: Geht es dir gut? Bist du verletzt?« Der Slytherin schüttelte sachte sein Haupt. »Gut, damit sich daran nichts ändert, muss ich wissen, wem deine Loyalität gilt.« Er sah die Verwirrung in Dracos Zügen, das Zögern. »Das reicht mir«, fügte er an. »Du bist kein hirnloser Gefolgsmann des dunklen Lords.«

»Ich...«, stammelte Draco, den Blick mit zerfurchter Stirn senkend.

»Ich habe möglicherweise einen Weg gefunden, das dunkle Mal außer Gefecht zu setzen, Draco. Aber dafür gibt es kein Garant und auch weiß niemand, was eine solche Manipulation bewirken wird mit dem Träger des Mals. Bis zum Tod ist alles möglich.«

Gute Güte, wie blass konnte sein Patensohn bitte werden? »Aber.. es ist... unzerstörbar...«, murmelte Malfoy.

»Möglicherweise. Allerdings gilt er auch als unsterblich und ist es nicht«, sagte Severus fest. »Es ist deine Entscheidung, ob du dieses Risiko eingehen willst. Du kannst hier sicher verbleiben, bis er gestürzt wurde.«

»Meine Mutter und mein Vater«, warf Draco ein. »Ich bringe nicht nur mich damit in Gefahr!«

»Das weiß ich. Doch wenn er dich ruft und du nicht folgst, kann er, wenn er es für praktisch erachtet, deinen Ungehorsam erneut gegen deinen Vater nutzen. Das Risiko für dich und deine Familie ist in jeder Variante groß, Draco. So jedoch schützt du zumindest uns und ermöglichst es, ihn zu stürzen.«

»Hast du ihn so schnell verraten?«, wollte der junge Slytherin wissen.

»Ich war ihm seit dem Tag, an dem er fiel, nicht mehr treu, Draco. Ich habe Dumbledores Plan gedient, nicht seinem

»Aber... du hast ihn getötet. Dumbledore.«

»Er war bereits todkrank. Es war lange vereinbart. Außerdem habe ich einen unbrechbaren Schwur geleistet, dich davor zu schützen und ihn damit erfüllt. Bedenke deine Möglichkeiten. Bedenke, ob du uns nicht sogar helfen kannst.«

»Was macht ihr mit mir, wenn ich mich dagegen entscheiden sollte?«

»Ich weiß es nicht. Dich ohne Erinnerungen irgendwo einkerkern vielleicht. Ich... kann dir nichts versprechen, Draco. Diese Entscheidungen obliegen nicht nur mir.«



Draco schwieg einen langen Moment und musterte ihn aufmerksam. Vermutlich lag die Vermutung, dass Severus gar nicht Severus war, auch nicht so fern. »Wenn es tatsächlich funktioniert und er mich nicht mehr rufen kann... werden dann nicht alle denken, ich sei tot?« Wie sollte er das seiner Mutter antun? Seinem Vater?

»Das denken sie vermutlich schon jetzt. Wie lange bist du hier? Eine Stunde, eineinhalb?« Er atmete tief durch. »Deine Eltern werden vor Trauer vergehen. Aber somit hat er nichts mehr, dass er so mühelos gegen sie verwenden kann, wie dich.«

Sofern überhaupt möglich, schien Draco noch blasser zu werden. Er schwieg und wendete sich dem Fenster zu, da der Raum nicht gerade viel Platz zu einem unruhigen Umherwandern bot. Als er sich einige Momente später wieder Severus zuwendete, sah er recht verzweifelt aus. »Ich... will das alles nicht mehr. Diese Seite. Jene Seite. Die Guten, die Bösen, das Richtige, das Falsche. Ich will mich nicht mehr beugen müssen, nur um vielleicht einen weiteren Tag zu überleben«, brachte er hervor. Er wollte nur seine Familie, seinen Status und sein Leben zurück, unkompliziert und ungefährdet. »Tu einfach was notwendig ist.«

Severus schluckte schwer, der Kloß in seinem Hals war überwältigend groß. »Ich weiß, wie du dich fühlst.« Hätte er vor vielen, viel zu vielen Jahren die Wahl gehabt, er hätte alles beendet. »Ich werde alles daransetzen, dir zu helfen, Draco. Nicht nur wegen des Schwurs.« Er war immerhin sein Patensohn. »Ich bespreche das mit Harry und den anderen und bereite alles vor.«

Der Blick der Severus jetzt traf war erstaunlich abschätzig. »Ja, besprich das mal mit Harry«, entgegnete er wenig begeistert. »Potter scheint anstatt eines Falls ja einen erstaunlichen Aufstieg hingelegt zu haben.«

Sofort verengten sich die Augen des Tränkemeisters. »Genauso, wie ich nicht wünsche, dass er abfällig oder geringschätzend von dir spricht, wünsche ich es andersherum«, sagte er tonlos. »Ihr solltet beide vergessen, was in eurer Vergangenheit geschehen war und euch darauf besinnen, was in jüngster Vergangenheit geschehen ist.« Harry hatte Draco gerettet, Draco Harry.

»Tut mir leid, dass ich nicht Saint Potter bin«, giftete Draco zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du solltest eigentlich auf meiner Seite sein, weißt du das?«

»Es gibt hier keine Seiten, Draco«, harschte Severus dunkel. »Es gibt nur noch seine Gefolgsleute und die, die es nicht sind.« Der Tränkemeister atmete tief ein und aus. »Ihr beide seid euch in vielerlei Hinsicht nicht unähnlich. Sieh es, oder sieh es nicht. Ich dulde hier keine Feindseligkeiten mehr.«

Was natürlich erklärte, warum Potter so ekelhaft freundlich durch die Gegend lief. Widerlich. Und eindeutig ein Wettstreit, den Draco verlieren würde. Er hob das spitze Kinn leicht an. »Das spielt auch keine Rolle mehr, wenn sie beschließen, dass ich weggesperrt in einen Keller besser aufgehoben bin.«

»Sie haben in meinem Haus keine Entscheidungsgewalt«, sagte Severus kühl. »Und sofern du mir keinen Anlass gibst, um unser aller Sicherheit besorgt zu sein, wirst du hier genauso frei herumlaufen, wie der Rest.«

»Ja, klar... umgeben von Weasleys...« Vermutlich sollte er froh sein, würden sie ihn nachts einschließen. Warum hatte er nicht versucht zu fliehen? Natürlich..., weil auf der anderen Seite der dunkle Lord auf ihn wartete. Warum musste die einzige Alternative unbedingt Potter heißen und von roten Haaren umgeben sein?

»Ich bin genauso wenig erfreut über uneingeladene Gesellschaft, wie du es bist«, meinte Severus trocken, »allerdings scheine ich die Reife zu besitzen, meine Notlage zu erkennen und zu nutzen. Diese Personen hätten dich auch ohne Vielsafttrank befreit, Draco. Ob du das wissen willst, oder nicht.«

Draco schwieg, was vermutlich für sie beide besser war – nicht lösungsorientiert, aber für den Moment wohl dennoch besser. Er würde Potter jedenfalls nicht hirnlos hinterherrennen, wie Weasley und Granger es getan hatten. Man sah ja, wohin es sie gebracht hatte! Und er war immer noch ein Malfoy! Er stieß nur schwer die Luft aus, hielt jedoch den Mund.

»Ich werde nun alles vorbereiten. Hast du Hunger?«, wollte er wissen.

»Nein...«, entgegnete der junge, blonde Mann und wendete sich zum Fenster ab.

»Draco«, bat Severus nun deutlich milder. »Ich werde dir alles erklären. Versuch bis dahin, dich nicht zu sehr in deiner Feindseligkeit zu verlieren.«

»Mein eigener Vater hat vor nicht einmal zwei Stunden seinen Zauberstab auf mich gerichtet, um mich zu töten... lass mir meine Feindseligkeit...«, raunte Draco, konzentriert aus dem Fenster starrend.

»Dein eigener Vater hatte keine andere Wahl, und das weißt du. Hätte er sich geweigert, hätte der dunkle Lord nicht nur dich qualvoll getötet, sondern auch deine Mutter.« Er zögerte jetzt für einen kurzen Augenblick. »Wie geht es ihm? Deinem Vater?«

»Oh, ganz toll... Er denkt sich jeden Tag neue Pläne aus, um den dunklen Lord zu beeindrucken, die uns alle immer näher an den Rand des Todes bringen, weil sie alle nicht funktionieren.«

Die Sorge um seinen vermeintlich besten Freund stand Severus ins Gesicht geschrieben. Er wusste nicht, inwiefern das Oberhaupt der Malfoys wirklich aufrichtig dem dunklen Lord folgte oder wie viel davon noch der verzweifelte Versuch war, zu überleben. »Das ist nicht gut«, murmelte er besorgt.

»Der alte Weasley war seine Idee... ich nehme mal an, er ist auch hier? Dieser Fehlschlag... brachte den dunklen Lord zur Annahme, mich als Aberforth zu verkleiden, wäre eine ganz fantastische Idee.« Nur um die Folgen von Lucius großartigen Ideen mal näher zu formulieren. »Wäre heute niemand pünktlich aufgetaucht, hätte er mich töten müssen.« Draco starrte noch immer mit starren Zügen aus dem Fenster.

»Die Fehlschläge sind wohl kaum seiner Idee anzulasten, sondern unserem Einsatz«, knurrte Severus. »Er liegt einige Zimmer weiter. Die Behandlung durch die Todesser, Dementoren und sein Aufenthalt in Askaban haben ihn schlimm zugerichtet.« Er konnte das absolut nachempfinden, wirklich. »Ja, das klingt nach einem grandiosen Plan. Genauso, wie einen Schüler zu zwingen, den Schulleiter zu töten.« Severus ging auf Draco zu und legte ihm sachte eine Hand auf die Schulter. »Hier droht dir keine Gefahr. Vorerst. Bitte versuch, das nicht mutwillig ins Gegenteil zu ändern. Ich bin froh, mir um dich keine Sorgen mehr machen zu müssen.«

Severus Worte mochten stimmen, aber Lucius Familie litt nicht erst seit gestern unter seinen Fehlschlägen. Und Severus wusste ja auch, dass der dunkle Lord Fehlschläge immer anderen anlastete, niemals sich selbst.

»Ich bleibe einfach hier im Zimmer «, legte er nun fest. Da konnte er mit niemanden aneinandergeraten.

»Für den Anfang vielleicht eine gute Idee. Ich bringe dir gleich etwas zu Essen hoch. Ich würde es gern so schnell wie möglich versuchen, dein dunkles Mal unschädlich zu machen, bevor er dich quälen oder finden kann.«

Severus erhielt daraufhin nur ein Nicken. Die pure Erschöpfung, die den jungen Malfoy seit Monaten belastete, war für diese Art Auseinandersetzungen nicht hilfreich. Und es war nicht so, dass er wirklich eine Wahl hätte.

»Ruh dich aus. Du wirst vermutlich alle Kraft brauchen«, murmelte er, dann ließ er von ihm ab und verschwand mit wehendem Umhang aus dem Zimmer, welches er nicht versiegelte. Dafür gab er einen Alarmzauber auf, der ihn informierte, wenn Draco den Raum verlassen wollte.



Wenige Augenblicke später kam er zurück ins blaue Zimmer und schloss die Tür seufzend hinter sich, erst jetzt wirklich begreifend, was hier gerade geschah.

»Alles okay? Geht’s Draco gut?«, fragte Harry ganz aufmerksam und machte regelrecht einen langen Hals, um Severus zu mustern.

»Körperlich ja«, erwiderte er. »Aber ein Todesser zu sein, geht an niemandem spurlos vorbei.« Er seufzte leise. »Zudem ist er aktuell gewillt, seinen Frust in Feindseligkeiten auszulassen. Das können wir hier nicht gebrauchen.« Er wendete den Blick etwas seitlich ab, die Brauen zerfurcht. Draco von dem dunklen Mal befreien... es klang ja so furchtbar einfach, nicht?

»Sag mir, wie ich dir helfen kann. Ihm. Wenn… ich ihm aus dem Weg gehen soll…?«

Auch, wenn Severus dieses Angebot als sehr löblich empfand, so war es nicht zielführend. »Nein, er ist nicht dumm. Wir machen weiter, wie bisher, bewegen uns, wie bisher. Es steht ihm später frei, wohin er gehen will und wie er sich verhält. Er war lange sehr isoliert mit seiner Aufgabe. Er ist verbittert, aber jung. Ich hoffe, er...« Er seufzte. »...Zunächst hoffe ich, dass er die Prozedur überlebt, die wir nun vorbereiten. Ich brauche Minerva und dich an meiner Seite. Hast du irgendwo Verbandsmaterial gefunden?«, wollte er wissen.

»Ich habe welches gekauft. Es stand auf der Einkaufsliste. Ich glaube, Mrs Weasley bunkert das in einem der Küchenschränke«, erklärte Harry, Severus’ Hand sachte drücken. Severus war regelrecht entgangen, dass dieser seine Hand ergriffen hatte, so abgelenkt war er von den Umständen um seinen Patensohn.

»Wir brauchen Verbandsmaterial, um die entstandene Verletzung mit etwas Diptam zu einer ebenmäßigen Heilung zu bringen«, erklärte er. »Schmerztrank mit beruhigender Wirkung, sowie einen starken Schmerztrank in Reserve.« Er atmete tief durch. »Ich weiß nicht, wie... wir es entfernen sollen«, gestand er. Es magisch zu entfernen war aufgrund des Finite Incantatem nicht direkt möglich, da dieser Zauber alle Zaubereffekte aufhob – Severus wusste aber aus Experimenten, dass unmittelbar danach gesprochene Zauber negativ beeinflusst werden konnten. Wie eine magische Rückkopplung.

»So unangenehm das ist und klingt, aber… ein Messer wäre vermutlich schon das sinnvollste, oder? Die Haut wächst mit dem Diptam dann ja wieder vollständig nach. Und wir könnten Draco vorher Schlafenlegen, damit er den Prozess nicht mitbekommt?«, schlug Harry leise vor und entlockte Severus damit eine regelrechte Grimasse.

»Ich weiß nicht, ob ich das kann«, flüsterte Severus. »Ich kenne Draco sein ganzes Leben lang...« Und als Pate hatten sie auch eine besondere Verbindung gehabt, ungeachtet von Severus’ Bemühungen, immer als Einzelgänger zu bleiben und soziale Kontakte zu meiden. Dennoch hatte der kleine Draco ihm Freude bereitet und er hatte stets auf ihn Acht gegeben.

»Aber du wirst ja nicht alleine sein. Nicht, dass ich das besondere Bedürfnis hätte, das zu machen, aber… wenn es notwendig ist, kriege ich es vermutlich irgendwie hin.« Harry schlug das zwar so einfach vor, sah allerdings so aus, als würde er schon bei der Vorstellung würgen müssen. Das war doch Mist. Wirklich. Allein der Gedanke, Draco mutwillig zu verletzen, egal wer das durchführte, war furchtbar. Entsprechend schwieg er auch, sichtlich unzufrieden.

»Wir haben leider keinen Arzt in unseren Reihen, mh?«, fragte Harry leise. Severus brummte nur ärgerlich und wendete den Blick ab.

»Nein.« Aber sie mussten sich jetzt ranhalten. »Hol Minerva«, bat er, »sowie das Verbandszeug. Ich bringe Draco eine Kleinigkeit zu Essen, bevor ich ihn ausschalte.« Denn das oblag ihm, niemandem sonst. Er selbst wendete sich nun ab, um Draco aus der Küche etwas Obst und Wasser zu holen, nichts, das zu schwer im Magen lag, seinem Körper aber Reserve gab für das, was nun folgen mochte. Schweigend auf seinem Weg nach oben fragte er sich schon wieder, ob es wohl Götter irgendeiner Art gab und ob diese es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ihn für all seine Fehlverhalten zu strafen. Wortlos war er auch, als er ins Zimmer kam, wo Draco – noch immer trug er die Aberforthkleidung - auf dem Bett lag und an die Decke starrte.

»Wir beginnen gleich«, sagte der Tränkemeister ruhig. »Iss das Obst, damit dein Körper nicht zu entkräftet ist, wenn du die nächsten Stunden bewusstlos vor dich hinheilst.«

»Du klingst ja fast bemüht«, murmelte Draco missmutig. »Gib her.« Severus trat an ihn heran und überreichte ihm die Apfelspalten und Trauben. Fast bemüht. Wenn der Junge nur wüsste!

»Ich werde dich gleich bewusstlos machen, damit du den Schmerz nicht mitbekommst. Vorher geben wir dir einen Schmerztrank, der den Schmerz auch für deinen Körper aufhebt. Wenn du wieder erwachst, bist du frei.«

Draco allerdings antwortete nicht, er aß nur etwas von dem Obst und trank ein paar Schlucke. »Fangt einfach an, okay?«, brummte er, sodass Severus sich erhob und zur Tür ging, diese für die wartenden öffnend. Sein schwarzer Blick bemühte sich wie stets um absolute Ausdruckslosigkeit... aber Harry wusste es besser, nicht?

Harry begegnete seinem Blick für einen kurzen Moment und auch wenn er im Grunde nicht wollte, dass irgendwer auch nur ahnte, wie verflucht angespannt er gerade war, so war er froh, in Harrys Augen Verständnis für seine Lage zu sehen. Es geschah eben nicht jeden Tag, dass man sein Patenkind verstümmeln und einer großen Gefahr aussetzen musste.

»Hey Draco«, begrüßte Harry den Blondschopf, der gerade den letzten Apfelspalt gegessen hatte und den Blick feindselig erwiderte.

»Was macht er hier?«, fragte er gereizt an seinen Paten gerichtet.

»Er wird mich unterstützen«, sagte Severus kühl und kam ebenfalls in den Raum, gefolgt von Minerva. »Vergiss meine Worte nicht.«

Mühelos war auf Dracos Zügen erkennbar, wie missmutig er war und auch, dass er am liebsten noch etwas gesagt hatte. Stattdessen schien sich der Slytherin seine Worte zu verkneifen, etwas, dass er wohl unter dem dunklen Lord gelernt hatte. Folgsam sein, wo er doch immer stets der gewesen war, dem man gefolgt war.

Severus ging zielstrebig zu den Schmerztränken und holte die Flasche hervor, die stark schmerzstillend und beruhigend war und reichte sie Draco nun. »Sieben Schluck«, erklärte er. »Sobald du dich fühlst, als müsstest du einschlafen, sag Bescheid.« Das dauerte etwas, um die Wirkung so stark zu entfalten. Er wollte Draco nicht schaden, also musste er seinen Körper auch gegen den Schmerz lahmlegen. Dass er selbst nichts gegen die Schmerzen des Cruciatus einnahm, den ein ignorierter Ruf brachte, war seine eigene, verbohrte Dummheit.

Draco trank schweigend seine sieben Schlucke, mit verengten Augen finster dreinblickend. Da machte er seinem Patenonkel wirklich alle Ehre – aber er hatte ja auch gute sieben Jahre in der Schule jeden Tag Zeit gehabt, von ihm zu lernen.

Er sagte nichts, begann aber, im Sitzen leicht zu wanken und vermehrt zu blinzeln. »Leg dich hin«, befahl Severus dunkel und tatsächlich folgte Draco höchst eckig und angestrengt. Severus zögerte ziemlich, richtete aber schließlich den Zauberstab auf Draco und sendete ihn ins traumlose Land der magischen Bewusstlosigkeit. Der Körper des jungen Slytherin erschlaffte. Schon jetzt hatte er das Gefühl, er müsse sich übergeben, wenn er noch einmal Hand anlegte. Wie sollte er das machen?

Innerlich fuhr er zusammen, wenn auch äußerlich ganz stabil im Raum stehend. Harry hatte seine Hand auf seinen Rücken gelegt und strich sanft darüber. Es war beruhigend, ja, aber es half ihm nicht, sich zu überwinden, Draco zu schaden.

»Hey... sag mir, was ich machen soll«, bat ihn Harry inständig und sorgte damit dafür, dass sich Severus zu den beiden Gryffindors umdrehte.

»Minerva«, sagte er ruhig. »Was denken Sie? Womit ließe sich die Tätowierung am besten entfernen, ohne Draco zu sehr zu... verstümmeln.«

»Ich kenne mich weder mit Tätowierungen an sich noch mit dem Dunklen Mal gut aus. Soweit ich weiß, dringt die Tinte in tiefere Hautschichten vor? Harry sagte, Sie wollen die Magie auf dem Mal unterbinden. Dann bliebe nur ein Entfernen der notwendigen Hautschichten oder deren Zerstörung, etwa durch große Hitze. Mit einer heißen Metallplatte, zum Beispiel?« Sie wirkte nicht übermäßig begeistert, während sie das so erzählte, andererseits sahen sie alle drei nicht übermäßig begeistert aus.

»Heißes Metall«, murmelte Severus und hatte alle Mühe, nicht schwer zu schlucken. Dennoch war jeder Muskel angespannt. »Das sollte gehen.« Mit der Diptam-Essenz würde es definitiv gut verheilen.

»Können Sie den Arm freimachen?«, fragte Minerva, während sie einen Teller einfach in eine gebogene Metallplatte verwandelte. Severus nickte nur knapp und zog den viel zu labberigen Ärmel des Jungen hoch, um das verhasste, dunkle Mal zu entblößen, dass dort ruhig prangte. Mittlerweile hatte Severus, ohne es selbst zu bemerken, seine Kiefer fest zusammengepresst und beobachtete, wie die noch kühle Metallplatte abschätzend zu Draco schwebte, in Form, Biegung und Größe sich so verändernd, dass sie genau das dunkle Mal und keinen Zentimeter mehr Haut bedecken würde.

»Nun... wie werden Sie die Magie unterbinden?«, hakte sie nach. Wollte sie es tun? Er würde sich nicht darum streiten, wirklich.

»Ein doppeltes Finite Incantatem«, erklärte Severus ruhig. »Lokal.«

»Denkst du, es einmal zu wirken, reicht?«, wollte Harry wissen.

»Zum einen wirken wir es zu zweit, also zweimal, zum anderen beendet dieser Zauber alle gerade wirkenden Flüche und Zauber, sofern der Zauberwirker stark genug ist.« Er hoffte einfach, dass ihre magischen Fähigkeiten reichten... andererseits war Harry der Einzige, der den Todesfluch zwei Mal überlebt und dem dunklen Lord in Kämpfen getrotzt hatte. Wenn jemand in der Lage war, diese Zauber zu durchbrechen, dann wohl er.

»Ich denke, es sollte heiß genug sein«, sagte Minerva ernst. Severus ließ sich sofort die Diptam-Essenz in die Hand fliegen und richtete seinen Zauberstab auf Draco, angespannt bis ins letzte Glied.

»Bei drei«, sagte er. »Eins, zwei.. Drei«, zählte der Tränkemeister an, das Finite Incantatem nicht einmal nonverbal wirkend. Er sprach den Zauber fest aus, um damit seiner Entschlossenheit Ausdruck zu verleihen und den Zauber um jedes Quäntchen Stärke zu bereichern, dass es gab. Harry tat es ihm gleich und binnen eines Herzschlags verblasste das mahnende, dunkle Mal zu einem blassgrauen Abbild dessen und wurde noch einen Herzschlag später von dem heißen, orangen glühenden Metall bedeckt. Es zischte, sofort warf die Haut neben dem Metall Blasen von der enormen Hitze. Es stand bestialisch nach verbranntem Haar und Fleisch. Doch Draco blieb, wie erhofft, ruhig liegen. Nur mit Bewusstlosigkeit wäre das nicht geglückt - er wäre sofort erwacht. Aber da der starke, überdosierte Schmerztrank jeden Funken Schmerz im Keim erstickte, war das nicht passiert.

Eilig, aber nicht unbedacht brachte er die Diptam-Essenz auf die Wunde, die binnen weniger Sekunden eine dünne Haut auf die Brandwunde legte – fixiert durch Harrys straffen Verband würde sie nun ganz glatt nachwachsen und sich nicht verknoten.

»Wir haben vermutlich erst Gewissheit, wenn der nächste Ruf kommt, oder?«, fragte Harry unsicher, das Ende seines Verbands vorsichtig feststeckend.

»Ja«, seufzte Severus, dem hundeelend war von dem Anblick verbrannten Fleisches. Dracos verbrannte Haut. Er schluckte hart, damit er nicht würgte und zog die Decke über Draco, sich erhebend. »Ich lasse ihn für einen ganzen Tag in diesem Zustand«, sagte er leise. »Bis dahin sollte das Diptam das meiste geheilt haben, dass er mit normaler Dosierung Schmerztrank zurechtkommt.« Das hoffte er. Die Schmerzen einer solchen Verbrennung wollte er sich gar nicht ausmalen und bei allem was heilig war... er würde es niemals bei sich tun.

»Von dem Mal war nichts mehr zu sehen. Wenn es eine Chance gab, dann haben wir sie vermutlich genutzt.« Minerva klang unerwartet zuversichtlich. »Sagen Sie, wenn Sie mich brauchen«, bot sie noch an, als Antwort nur ein Nicken erhaltend, ehe sie sich zurückzog. Nun war er allein mit einem schlafenden Draco und einem wartenden Harry.

»Ich werde es ihm erklären«, sagte er nach einer Weile. »Alles. Albus’ Plan, meine Aufgabe, uns. Ich weiß nicht, wie er auf uns reagieren wird. Reinblüterfamilien... sind eigen, was diese Dinge angeht. Sie sehen es als Makel an. Krank.« Da war es wieder, dieses Wort. Auch sah er, wie Harry darauf reagierte. Regelrecht müde sah er ihn an.

»Okay«, murmelte er mal wieder, gar nicht begeistert klingend.

»Wie soll er sonst verstehen, was los ist?«, seufzte Severus. »Saint Potter... wenn ich das noch einmal höre, kann ich für nichts garantieren.«

Harry hob natürlich irritiert die Braue bei dieser Aussage. »Ich hatte gehofft, das hat sich erledigt. Aber offenbar reicht es nicht aus, sich gegenseitig den Hintern zu retten.«

»Offenbar nicht«, erwiderte Severus tonlos. »Vielleicht versteht er besser, wenn er nicht mehr permanent in Panik um sein Leben ist.« Severus betrachtete die entspannten Züge des Mannes. »Lucius muss ziemliche Probleme haben, wenn sie Draco schon wieder genutzt haben, um ihn zu verletzen. Draco sagte, er hätte seinen eigenen Sohn töten müssen, wenn niemand von uns gekommen wäre«, fuhr er fort. »Jede Idee von ihm scheint aktuell nur Probleme zu bereiten. Ich... bin mir nicht mehr sicher, ob er versucht, im Sinne des dunklen Lords zu handeln oder einfach nur zu überleben.«

»Hat er je etwas anderes getan? Versteh mich nicht falsch, ich kann ihn nicht leiden, aber er kam mir nie wie jemand vor, der wirklich von der Dienerschaft an einem anderen überzeug ist. Wie jemand, der mit allen Mitteln und Wegen versucht, seinen Hintern zu retten, aber schon. Vielleicht sollten wir ihn und Dracos Mum einfach auch hierher schleifen«, murmelte Harry nachdenklich.

»Zumindest einst war Lucius fest davon überzeugt, ihm zu folgen wäre richtig und die Muggel und Muggelstämmigen, Halbblüter auf ihre Plätze zu verweisen... Immerhin stärkt es nur seine eigene Macht und sein Ansehen. Ob es noch immer so ist... ich weiß es nicht. Wir haben darüber nie wieder gesprochen.« Er blickte zu Harry rüber, der am offenen Fenster stand und ganz nachdenklich wirkte, das zerzauste, wilde Haar ganz leuchtend vom Sonnenlicht.

»Du bist Dracos Pate, also müsst ihr ziemlich gut befreundet sein. Wie funktioniert das? So... Als Halbblut?« Er hatte sich nun Severus zugewendet, sodass sich ihre Blicke durch den Raum hinweg begegnen konnten.

»In meinem Fall hat man sich wohl überwiegend die Geschichte zurechtgelegt, die passt, immerhin ist die Familie Prince hochangesehen gewesen.« Er atmete tief durch. »Wie auch der dunkle Lord...« Er brach ab. War das wirklich etwas, dass er Harry brühwarm erzählen sollte? Vermutlich würde es diesen ziemlich schockieren, was Severus alles so mit dem dunklen Lord verband und welche Schandtaten dazu führten, dass er trotz seines Blutstatus einer der höchsten Todesser gewesen war.

»Ein Witz, nicht? Ein Halbblut, wenn auch aus alter Linie, dass die ach so tollen Reinblüter anführt. Slytherins Linie hin oder her, sein Vater war ein Muggel. Madame Black hätte ihn nicht nur aus dem Stammbaum gesprengt, er wäre dort überhaupt gar nicht erst aufgetaucht. Und trotzdem hat er es an ihrer aller Spitze geschafft… egal wie viel reines Blut dafür vergossen werden musste.«

»Es gibt etwas, dass ihn von anderen Halbblütern unterscheidet«, sagte Severus tonlos. Harry fragte nicht weiter nach und vermutlich hätte ihn das auch eher gebremst. »Hat Albus dir seine tragische Geschichte erzählt? Eine Squib zur Mutter, ein Muggel zum Vater und letzterer nicht einmal freiwillig. Offenbar gilt Muggelblut, dass gewaltsam in die Familie gebracht wurde, nicht als Makel.«

»Ich kenne seine Geschichte, ja. Ich habe… viele Erinnerungen im Denkarium gesehen, auch von Merope, seiner Mutter und seinem Vater. Von ihm als Kind, als Schüler… Eine Sache habe ich mich dabei immer gefragt… Du sprichst von erzwungen eingebrachtem Blut. Wie ist das… mit Amortentia? Welche Auswirkungen hat es am Ende? Auf… ein Kind? Nachdem, was die Erzieherin im Waisenhaus über ihn sagte, war er schon früh… anders. Gewaltbereit, geheimnistuerisch, egoistisch. Ich frage mich einfach… wie viel davon ihm dort anerzogen wurde, wie viel davon vielleicht seiner verkorksten Blutlinie entstammt… und wie viel von den Umständen seiner Zeugung?«

Der Tränkemeister schüttelte nun sachte den Kopf. Wie Harry selbst für den dunklen Lord noch versuchte, eine Entschuldigung zu finden war wirklich erstaunlich. »Er ist nicht das erste und nicht das letzte Zeugnis einer missbräuchlichen Nutzung von Amortentia. Ein Kind, dass aus einer solchen Verbindung entsteht, ist genauso gesund oder krank wie eines, das aus Liebe oder durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde. Es beeinflusst weder den Charakter noch irgendetwas anderes von dem Kind.« Er stieß die Luft aus. »Es ist die Umgebung, die uns formt.«

»Warum bist du ihm gefolgt?«, wollte Harry wissen. Severus war klar gewesen, dass diese Frage irgendwann gestellt werden würde. Von Harry. Von Irgendwem.

»Das... ist...«, begann er stammelnd. »Halbblüter... waren vor dreißig, vierzig Jahren seltener als heute. Damals... durften Muggel und Zauberer nicht frei heiraten«, erklärte er zögerlich. »Halbblüter waren geächtet. Meine Großeltern haben daraus nie einen Hehl gemacht. Zurecht.« Er wendete den Blick etwas ab. »Als Lucius und ich uns kennenlernten, ahnte er nichts von meiner Abstammung und behandelte mich erstmals gleichwertig, stellte mich ihm vor und plötzlich war ich, mein Talent... keine Schande oder etwas, das man eben ertragen muss, sondern geachtet und gebraucht. Es war so einfach, seinen Idealen zu folgen, wenn man sich selbst verleugnet.« Er sprach leise und sehr gleichmäßig, um nicht zu viel von diesem alten Schmerz, dieser alten Schuld rauszulassen. Dann hörte er Harry die Luft ausstoßen und musste zu ihm sehen, sich seinem Urteil stellen, das nicht kam.

»Also... wärst du ihm nicht gefolgt, wenn du eine anständige Familie gehabt hättest?«, fragte er stattdessen.

»Vielleicht. Ich hätte nie Grund gehabt, meine Muggelabstammung zu verabscheuen. Warum hätte ich etwas verteufeln sollen, von dem ich am eigenen Leib erfahren hätte, dass es gut sei?« Er schüttelte den Kopf bitter. »Für viele Reinblüter ist er nur eine Bekräftigung dessen, was sie ohnehin ihr ganzes Leben lang zelebrieren. Dass es irgendwann eskalierte...« Er zog die Schultern hoch. »Es scheint, als gehöre das zum Leben dazu. Eskalation... bis zum Tod.« Das konnte er mit Bestimmtheit sagen, denn erfahren... hatte er es am eigenen Leib.

»Nein. Es sind einige wenige, die das Leben von all den vielen schwer machen. Die Welt ist nicht so schlecht, wie sie uns oft scheint«, widersprach Harry überzeugt. Seine Naivität kannte manchmal keine Grenzen und gerade schnürte es Severus den Magen zu.

»Ein Junge, der als Kleinkind seine Eltern verliert, ein anderer, dessen Eltern vollkommen mental instabil im St. Mungo liegen, Waisen, gewalttätige, hasserfüllte Familien, die ihrem Ziehkind alles vorenthalten, ihn quälen, Prügel, Mord, Vergewaltigungen... Selbst in vermeintlich glücklichen Familien, in denen das Kind in eine Bahn gezwungen wird, die es nicht will... die Welt ist schlecht, Harry. Wenn du dich umsiehst, siehst du genau das. Wer kennt ein gutes Leben? Die Weasleys, in ihrer Armut, weil sie sich nicht von ihrem Blutstatus in Bahnen haben lenken lassen? Du, ein Waise mit einer grausamen Ziehfamilie, gezwungen, dein ganzes Leben zu kämpfen, nur um am Ende selbst zu sterben? Miss Granger? Als Muggelgeborene außerstande, ihren überragenden Talenten beruflich je wirklich gerecht zu werden? Mr. Longbottom und seine zwar noch lebenden, aber nicht mehr ansprechbaren Eltern?« Er stieß die Luft bebend aus und wendete den Blick zu Draco. »Oder Draco, der nichts weiter wollte als die Anerkennung und das Lob eines Vaters, der verzweifelt versucht, das Familienbild seiner Ahnen hochzuhalten und ihn damit in die Fänge des dunklen Lords trieb? Nein, es gibt nur Schlechtes in der Welt und das einzig Gute, das existiert, wird von uns selbst geschaffen, mit Mühe und oft auch mit Not und noch mehr Leid.«  Ob das nun bedeutete, dass man sparte und versuchte, der Familie damit doch alles notwendige zu bieten, sich anzupassen, um nicht verstoßen zu werden... Es gab so viele Wege, das Schlechte in der Welt ein bisschen besser zu machen.

»Du kannst und darfst nur für dich urteilen«, ließ Harry seinen Dumbledore raushängen. »Und ich kann nur hoffen, dass dein Urteil irgendwann anders ausfällt«, fügte der junge Gryffindor noch an. Severus spürte seinen festen Blick, der Seine blieb jedoch auf Draco gerichtet.

»Ich weiß nicht, ob diese Hoffnung nicht vergebens ist, Harry. Nicht nach so vielen Jahren. Ich behaupte nicht, dass es nichts Gutes in dieser Welt gibt. Aber das Gute kommt nicht ohne unser Zutun und leider oft auch nicht ohne Entbehrung oder Leid. Dafür ist das Gute, was wir erringen, umso kostbarer.« So wie das, was sie jetzt hatten. Hart erkämpft... aber hier war er nun, ein bisschen viel Glück empfindend darüber.

»Erzählst du mir von deiner Familie? Von... deiner Mum?«, fragte Harry schließlich. Bislang hatte Severus höchstens Dinge angedeutet oder Harry von dessen Mutter erzählt. Von seiner Familie allerdings war er kaum ins Detail gegangen.

»Sie war großartig, wenn sie es konnte«, sagte er zögerlich. »Wenn wir hier waren und ihre Eltern sie nicht gerade wegen ihrer Männerwahl fertig gemacht haben, war sie ein fröhlicher Mensch, ganz aufgeschlossen für die Welt, für Muggel und Zauberer gleichermaßen. Sie war außerordentlich klug. Eine Ravenclaw, wie auch meine Großeltern.«

»Warum ist sie bei ihm geblieben? Deinem Dad?«, fragte Harry ihn weiter, sich offenbar gar nicht darüber ärgernd, dass Severus kaum Informationen preisgab.

»Liebe, emotionale Abhängigkeit«, erwiderte Severus. »Angst. Ich weiß nicht, was es am Ende... war.« Seine Brust dehnte sich unter einem tiefen Atemzug etwas aus. »Ich nehme an, sie hat daran geglaubt, dass es besser würde, wider besseren Wissens, dass das Gegenteil eintrat.«

»Du hast sie nie gefragt?«, fragte Harry sehr überrascht wirkend.

»Hast du deine Tante je gefragt, warum sie dich so behandelt? Ich war nicht einmal neun Jahre, als sie starb. Bis dahin... habe ich ihr immer vertraut, dass ihre Entscheidungen richtig sind und.... auch, dass es anderswo genauso unangenehm wird, dank ihrer Eltern, die sie ständig denunziert und mir meinen geringen Wert deutlich gemacht haben. Es war überall gleich.« Ein Halbblut, mit einem Taugenichts als Vater, unmagisches Brot.

Erst nach einer Weile des Schweigens antwortete Harry schließlich. »Ich habe gefragt«, sagte er leise. »Solange, bis ich verstand, dass Fragen stellen, Schläge nach sich zieht.« Severus biss die Kiefer dabei hart aufeinander. Nach wie vor mied er es, Harry anzusehen. Er war furchtbar angespannt. »Und dass niemand etwas daran ändert. Allen voran nicht sie.« Wie sehr er es verstand. Aber wie konnte Harry dann nicht verstehen, dass er nicht gefragt hatte?

»Du... hast mich gefragt, wie es damals für mich war. Hogwarts«, erinnerte Harry nach einem neuerlichen Schweigen. »Ehrlich gesagt… war das Unglaublichste daran, dass ich acht Stunden mit einem anderen Jungen zusammengesessen habe, der all meine total bescheuerten Fragen beantwortet hat. Geduldig, lachend, freundlich.« Unweigerlich musste Severus die Mundwinkel zu einem ganz leichten, angedeuteten Lächeln anheben.

»Freunde sind essenziell für Kinder«, stimmte er zu. »In Miss Granger und Mr. Weasley hattest du loyale Freunde. Wäre Draco nicht so verbohrt und derart überheblich gewesen, hättet ihr euch sicher auch verstanden«, meinte er kopfschüttelnd. Er selbst hatte dieses Glück nicht gehabt.

»Direkt nach seinem Namen war das erste, was ich hörte, wie er Ron denunzierte. Er hatte nie eine Chance«, gab Harry zu. »Aber… wie ich schon einmal sagte. Die Dinge kamen, wie sie kommen mussten.«

Severus nickte nur sachte zur Antwort. Draco war arrogant gewesen, kaum, dass sein Vater nicht mehr jeden seiner Schritte überwacht hatte. Allerdings hatte er sich damit in eine gute Position unter den Slytherins gebracht und damit wiederum Lucius mit Stolz erfüllt. Ein Rattenschwanz, der Draco angespornt hatte.

»Sie war blond«, merkte er an, das Thema zum Ende bringend. »Wie Weizen. Ich habe mich als Kind furchtbar geärgert, dass ich optisch sehr viel mehr nach meinem Vater schlage. Nur unseren mürrischen Gesichtsausdruck teilten wir. Sie hat oft, wenn wir hier ankamen, am Fenster gestanden und ewig in den gepflegten Garten geschaut, bis alles Schlechte vergessen war.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat.« Severus seufzte leise. »Zumindest hat sie mir hier ermöglichen können, etwas von der Zaubererwelt zu erfahren und mich mit der Tränkebrauerei auseinanderzusetzen.« Er schüttelte jetzt wieder den Kopf und erhob sich von dem Bett, auf Harry und das Fenster zugehend. »Alle Dinge geschehen für einen weiterführenden Zweck.« Wenige Worte, so kalt und tonlos gesprochen, als hätte er gerade die Grabrede für den dunklen Lord gehalten. Seine Mutter hatte sterben müssen, damit er hier intensiv für Tränke geschult werden und herausragend werden konnte. Alles war notwendig gewesen, um ihn heute an diesen Punkt zu bringen.

Harry streckte die Hände nach ihm aus, und er ließ es zu, dass Harry seine Hände ergriff, ihn an sich heranzog und sich für einen Kuss zu ihm hochstreckte. Er wollte, aber er konnte den Kuss nur schwach erwidern. All diese Erinnerungen spannten ihn an, dazu das vorangegangene mit Draco... gerade war er nicht entspannt.

»Wie fühlst du dich?«, wollte Severus schließlich wissen, völlig aus dem Kontext heraus.

»Ich versuche, nach wie vor nur wenig aktiv zu fühlen«, gestand ihm Harry einfach ein. Das entlockte dem älteren Zauberer ein Seufzen.

»Du weißt, dass das nicht gut ist. Allerdings...« Er drückte Harrys Hand leicht. »...geht es mir im speziellen um den heutigen Morgen.« Immerhin hatten sie einige nette Dinge getan.

»Ich weiß nicht, ich…« Er senkte den Blick auf Severus Brust, die Stirn leicht gerunzelt. »Ich versuche noch, das alles irgendwie einzuordnen. Wenn Draco wieder wach ist, muss er uns mal erzählen, wie es jetzt in England ist«, sagte er gedämpft. »Ich meine… irgendwie ist das doch komisch alles. Wenn wir nicht aufgetaucht wären, und Lucius Draco hätte töten müssen… hätte er Lucius doch verloren, oder? Er mag ja keinerlei Empathie besitzen und das Konzept von Liebe nicht verstehen, aber er ist nicht dumm. Kommt es dir nicht auch irgendwie… verzweifelt vor?«

»Das war zwar nicht, was ich meinte, doch...« Er atmete tief ein. »Es ist eine gewisse Verzweiflung dabei, allerdings nicht die Art von Verzweiflung, die du und ich kennen. Es ist die fehlende Kontrolle, die ihn wütend macht. Es ist ihm gleich, ob er einen oder fünf Todesser verliert, Harry. Nur für den Verdacht, der Elderstab könne ihm dann besser gehorchen, hat er mich töten wollen. Lucius und Draco sind genauso wertlos für ihn wie alle. Er ist an der Macht, die Leute fürchten ihn. Solange es jedoch Widerstand gibt, wird diese Machtdarstellung geschmälert...«

Wie, als wäre er vollkommen erschöpft, lehnte Harry seine Stirn gegen Severus’ Brust und seufzte ganz leise. Der ältere Zauberer konnte sich vorstellen, dass es nicht leicht war, all diese Dinge auf so jungen Schultern zu tragen und doch nicht zu wissen, wohin der Weg wirklich führen mochte. Kamen sie nicht an die Schlange heran, nutzte ihnen all die Vorbereitung nichts – und was geschah, wenn der dunkle Lord neue Horkruxe erstellte, daran dachte er lieber nicht.

»Du solltest etwas essen«, stellte Harry fest, sich sachte lösend. »Soll ich dir etwas herbringen?« Obwohl Severus wirklich nicht nach einem Mahl zumute war, nickte er. Der Geruch von verbranntem Fleisch und der Anblick von eben diesem würde ihn vermutlich nicht so schnell loslassen, sodass er sich besser zwingend musste.

»Ja. Lass uns gemeinsam hier essen«, schlug er vor und verlor damit direkt den Kontakt zu Harry, der ihn nur noch sachte am Arm berührend fortging, um in der Küche etwas Essbares zu organisieren. Er selbst widmete sich in der Zeit seinem Patenkind, analysierte magisch dessen Befindlichkeit und legte einen kühlenden Zauber auf die Stirn des Blonden. Trotz des Diptams reagierte der Körper auf die Verletzung mit einem kurzen Fieberschub. Das wäre bald vorbei, das wusste er. Dennoch musste Dracos Körper nicht mehr Strapazen erleiden als irgendwie notwendig, nicht?

Er blickte vom Bett auf, Harry entgegen, kaum dass dieser die Tür leise geöffnet hatte. Natürlich würde Draco nicht erwachen… dennoch war es eine nette Geste.

»Ich hoffe, Salat und Käsebrot sind okay?«, hakte der Gryffindor nach, irgendwie unsicher klingend. Beide Salatschüsseln verteilte er direkt, sowie auch das Geschirr und etwas Wasser.

»Natürlich. Ich glaube, jede Form von warmen Essen wäre… denkbar ungünstig«, gestand er.

»Ja, das… war mein Gedanke«, stimmte ihm Harry nach kurzem Zögern zu.

»In der nächsten Mohn-Saison werde ich dir einen Salat mit Mohn zubereiten«, versprach er murmelnd zwischen zwei Bissen von dem Käsebrot.

»Ich freue mich darauf«, versicherte ihm der Jüngere lächelnd, ganz gemütlich Käsebrot und Salat simultan verspeisend. »Jetzt musst du mir nur noch verraten, ob mehrfach im Jahr Mohn-Saison ist«, meinte dieser.

»Nein, nur einmal im Jahr. Aber es gibt Regionen, in denen der Mohn zeitversetzt ausgesät wird, damit die Saison länger anhält«, merkte er an. Er konnte Mohn besorgen, wenn Harry ihn denn mal allein gehen ließ.

»Wenn das mit Dracos Mal klappt… wirst du das dann auch machen?«, fragte Harry. Augenblicklich unterbrach Severus sein Essen und senkte die Hand mit dem Brot auf den Rand seines Salatschüsselchens, Harry ernst anblickend.

»Nein. Nicht, solange er und wir noch leben«, sagte er ernst. »Es ist unsere einzige Chance, an Informationen über Cimny zu gelangen, wenn wir wissen, dass er die Todesser ruft. In seiner Gegenwart wäre es zu gefährlich für sie, zumindest wenn sie dauerhaft bei ihm wäre.« Es gefiel ihm nicht, aber es war eben wirklich ihr einziges Indiz, solange sie nicht in England verweilten.

»Macht Sinn.« Harry sprach leise. Es gefiel ihm nicht, das erahnte Severus, ohne auch nur einen Gedanken von Harry aufzugreifen.

»Wir werden später noch etwas trainieren«, versprach Severus seinem jungen Gefährten. »Wir dürfen keine Zeit verstreichen lassen. Daran ändert auch Dracos Ankunft nicht. Ich bin mir sicher, Mrs. Weasley oder Minerva werden ein Auge auf ihn haben.«

»Sicher, dass du das willst? Wärst du nicht ziemlich unkonzentriert?«, hakte Harry nach. Sofort verengte Severus verärgert die Augen, die Stirn tief runzelnd. »Bestimmt würde Professor McGonagall auch mit mir üben, wenn du lieber hierbleiben möchtest.«

»Würde ich das wollen, hätte ich es vorgeschlagen«, erwiderte Severus eisig. »Und mir mangelnde Konzentration zu unterstellen, solltest du lassen oder hast du mich je unkonzentriert bei der Arbeit erlebt?«

»Du… weißt, dass es so nicht gemeint war«, murmelte Harry mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Blick, als wäre er ein kleiner Junge, dem man unterstellte, Süßigkeiten geklaut zu haben. »Außerdem wäre es nur zu verständlich… und ich möchte nicht, dass sich so etwas wie mit dem Rictumsempra im Feuerkreis wiederholt«, nuschelte er.

Severus fühlte in sich eine enorme Unruhe, die ihn veranlasste, sein restliches Essen beiseitezustellen. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun«, sagte er tonlos. »Dieser Zauber…« Er kräuselte die Nase deutlich.

»Weißt du, du… musst nicht immer direkt denken, ich würde an deinen Fähigkeiten zweifeln. Das tue ich nicht. Es… wäre einfach nur verständlich, wenn du bei Draco bleiben wolltest.« Severus war nicht bewusst gewesen, dass Harrys Schultern noch höhergezogen werden konnten… aber nun sanken sie wieder hinab.

»Das wäre auch ein Fehler«, erwiderte Severus nüchtern. »Draco ruht und heilt. Ich kann nichts für ihn tun, außer sein Fieber zu lindern und ihn zu gegebener Zeit zu wecken. Alles weitere wäre verschwendete Sentimentalität«, verschloss sich Severus.

Harrys Blick sprach Bände, Severus zwang sich jedoch, nicht darauf zu reagieren. Auch nicht auf das Schlucken und auf das Reiben seiner Unterarme. Das hier war ein Moment, in dem der Tränkemeister sich selbst verabscheute dafür, so zu reagieren, nur weil er mit einer Feststellung nicht zurechtkam. Rictumsempra. Harry würde wohl nie verstehen, warum dieser verfluchte Zauber ihn dermaßen aus dem Takt gebracht hatte. Und dazu noch die Sorge um Draco, das Vorangegangene, sowie die Sorge um seine Konzentration. Es war, als hätten diese Dinge Stein um Stein seine säuberlich demontierte Mauer wieder aufgebaut.

»Wann willst du anfangen?«, fragte er leise.

»Wenn du bereit bist.« Das Essen sollte ihn nicht zu träge machen. Nicht, dass es wirklich schwer gewesen wäre. Aber diese Ausrede brauchte er gerade.

»Na dann… fangen wir an.« Der Gryffindor schloss kurz die Augen, dann erhob er sich geschmeidig. Severus folgte, seine Reste zurück auf das Tablett stellend. Wieder keine ganze Mahlzeit. Er musste wirklich achtsamer sein.

Unten angekommen ging er hinaus in den Garten. Zumindest der Nieselregen hatte aufgehört, sodass sie im grauen Licht zumindest trockenstehen konnten. »Kriegst du das Wasser noch geteilt?«, fragte er ruhig. Immerhin war es einen Tag her, nicht? Es brauchte Wiederholung zur Festigung.

Harry wendete sich direkt dem Wasser zu… und nutzte Luftmagie zum Teilen. Severus kräuselte die Lippen ein wenig. »Ich meinte den Partis Temporus«, merkte er an. »Deine Luftmagie ist herausragend.«

Pflichtbewusst folgte Harry der Aufforderung, mit seinem Zauberstab in der Hand den Zauber wirkend. »Partis Temporus!«, sagte er ernst, auf das Wasser deutend… dieses hatte jedoch nicht den Anstand, sich zu teilen.

»Nochmal«, forderte Severus seinen jungen Gefährten auf, für den Bruchteil eines Augenblicks hoch zum Fenster des grünen Zimmers blickend. Sobald Harry sich wieder anschickte, zu zaubern, war er wieder ganz aufmerksam und bei ihm. Wieder führte Harry die Geste gewissenhaft aus, wieder sprach er die Worte, wieder teilte sich das Wasser nicht zufriedenstellend.

Sichtbar unzufrieden ließ Harry die Schultern sinken, das unruhige Wasser stumm betrachtend. »Du hast es gestern gut gemeistert. Gib nicht auf. Nochmal«, forderte Severus ernst und konzentriert. Es folgte ein Zögern, dass ihn ebenfalls stocken ließ, dann tat Harry jedoch, was er verlangte und teilte das Wasser mit Mühe, hielt es… und ließ es wieder zusammenschwappen.

Zufrieden nickte Severus dem jungen Mann entgegen. »Sehr gut«, sagte er. »Sei immer konzentriert. Dieser Zauber könnte dir eines Tages das Leben retten«, merkte der Tränkemeister an. Harry wirkte so verkrampft… dabei wiederholten sie doch nur!

»Als wir damals im Ministerium waren… hat einer der Todesser… Dolohow glaube ich… einen Zauber gegen… Hermine gewirkt, von dem ich bis heute nicht weiß, was er war«, meinte Harry. »Er machte eine jähe, peitschende Bewegung… etwa so «, fuhr Harry fort und demonstrierte stablos, was er meinte, was Severus finster dreinblicken ließ, »und eine Art violetter Flammenschweif fuhr durch ihre Brust. Er war stumm gezaubert. Sie gab gerade noch ein kleines, fast überraschtes 'oh' von sich, ehe sie zusammenbrach und regungslos liegen blieb.«

»Pectardenti«, sagte er tonlos. »Es ist ein schwarzmagischer Zauber und wie Ardecere mit Pech tödlich. Pectardenti trifft die Brust und reizt alle Nerven dort schwer, was zur sofortigen Bewusstlosigkeit führt – oder zum Herzstillstand. Ardcere wurde vom gleichen Zauberer entwickelt und gibt dem Getroffenen das Gefühl, dass sein Gehirn in Flammen stehen müsste… es brennt furchtbar und führt binnen Sekunden zur Bewusstlosigkeit oder zum Tod.«

»Warum fällt so etwas eigentlich nicht in die Kategorie 'Unverzeihlich'?«, fragte Harry, die Luft angespannt ausstoßend.

»Weil sich unser Ministerium schwer damit tut, althergebrachtes zu verändern. Sectumsempra würde meiner Meinung nach definitiv in diese Kategorie fallen.« Severus leckte sich angespannt über die Lippen. »Ich werde dir keine schwarzmagischen Flüche beibringen«, hielt er nun fest. Er wollte nicht, dass Harry in diese Abgründe blickte…

»Sollst du nicht, ich will nur auch die Gegenseite kennenlernen, wissen, was mich erwartet«, erklärte ihm sein Gefährte. »Und wissen, wie ich mich effektiv dagegen verteidige. Es war in unserem fünften Jahr… allein, dass er, obwohl er stumm war, zaubern konnte, war für uns damals überraschend.«

Langsam nickte der Tränkemeister. »Was dich erwartet… alles, was du dir vorstellen kannst. Ich habe kein Buch, in dem jeder schwarzmagische Zauber von jedem Todesser drinsteht. Ich kenne einige, nutzte einige…« Er sprach letztere Worte sehr viel leiser aus. »…aber am Ende gibt es vermutlich sehr viel mehr schwarzmagische Zauber als jene, die wir nutzen sollten und können. Wo siehst du selbst dein Defizit, an dem wir weiterarbeiten sollen?« Er sagte das ja bestimmt nicht grundlos?

»Ich… habe einfach generell das Gefühl, zu wenige Zauber zu kennen. Davon abgesehen… neige ich dazu, meine Umgebung auszublenden, wenigstens was ihre Nutzbarkeit angeht. Und generell… ich brauche wohl einfach Kampferfahrung…« Severus neigte den Kopf nachdenklich, den Blick durch den Garten schweifen lassend. Was die Umgebung anging, das konnte man trainieren. Eine Vielfalt von Zaubern sicher zu beherrschen war allerdings nichts, dass man übereilen sollte.

»Dann beginnen wir mit der Umgebung«, sagte Severus ruhig. »Und wie du sie nutzen kannst.« Woraufhin Harry sich parat machte, wie immer darauf wartend, seinen Anweisungen zu folgen.
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