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Show me the window to your soul

von TmRA
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Het
Vampire
19.01.2022
23.02.2022
2
12.626
 
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19.01.2022 6.302
 
Eine Kurve riss das schlafende Mädchen aus ihrem Schlaf und sie öffnete erschrocken die Augen. Doch augenblicklich wurde ihr klar, dass sie sich nach wie vor im Auto befand, in dem sie bereits seit mehreren Stunden saßen. Erschöpft rieb sie sich ihre blauen Augen und setzte sich etwas gerader hin. Ein Blick auf die anderen Insassen des Wagens verriet ihr, das sie gleich ankommen würden. Denn die Beiden anderen hatten angefangen, interessiert die Umgebung durchs Fenster zu beobachten und lehnten sich beide ans Fenster. Marilyn musste sich bemühen, all das Neue zu verdrängen, das auf sie zukommen würde. Denn sie musste alles Bekannte zurücklassen und ihr Leben hier neu beginnen. Schließlich rappelte Marilyn sich auf und blickte ebenfalls durch die getönten Scheiben nach draußen auf die endlos gleichaussehenden Häuser. Schon bald schienen sie in der Innenstadt angekommen zu sein. Am Straßenrand befand sich ein großes Rathaus, daneben die Polizeistation, viele kleine Geschäfte, wie Marilyn es in einer amerikanischen Kleinstadt nicht erwartet hätte und schließlich noch eine große Kirche. Doch, bevor Marilyn sich weiter umsehen konnte, fuhren sie bereits weiter und entfernten sich wieder von der Innenstadt.

„Da drüben befindet sich die Highschool“ erklärte der Mann, der auf dem Fahrersitz saß und deutete in die ungefähre Richtung. Richard war vor einigen Monaten zum ersten Mal seit einer langen Zeit wieder hier gewesen, um alles wegen dem Haus zu klären und die nötigen Formalitäten zu besorgen. Nun war er wieder zurück, doch diesmal endgültig. Und endlich war seine ganze Familie hier. Glücklich über diesen Gedanken trat ein Lächeln auf sein Gesicht und durch den Rückspiegel warf er einen Blick auf seine drei Kinder. Richard Parker galt immer schon als attraktiv und es wurde bereits in seiner Jugend darüber spekuliert, wen er schließlich heiraten würde. Nach dem frühen Tod seiner Eltern hatte er jedoch die Gedanken über Frauen für eine lange Zeit beiseitegeschoben. Bis schließlich Olivia, bis dahin eine seiner besten Freunde, es schließlich geschafft hatte, sein Herz zu erobern. Und seitdem war sie auch die Einzige, die Richard liebte. Und nun war er nach so langer Zeit wieder hierher zurückgekehrt, nach Black Heac. Als sie Beide die Stadt damals verlassen hatten, waren sie noch ohne Plan gewesen, am Anfang ihres Lebens. Und nun waren sie Mitte 40, seit 25 Jahren verheiratet, Richard Arzt, Olivia Anwältin und gemeinsam hatten sie 3 bezaubernde Kinder. Und die Beiden liebten ihre Kinder so sehr, dass sie die Welt am liebsten komplett von ihnen abschirmten, sobald sie nicht in ihrer Gegenwart waren. Und obwohl es sich Richard nie eingestehen würde und die Tatsache mit jeder Faser seines Daseins abstritt, liebte er zwei seiner Kinder mehr; seine Zwillinge.

„Und auf diese Highschool bist du auch gegangen?“ fragte Melissa in ungläubigen Ton.

„In der Tat“

„Wir sind gleich da“ erklärte Markus unnötigerweise, als er ihr erwachen bemerkt hatte und blickte Marilyn fest in die Augen. Er wusste, dass sie eigentlich nicht von Europa wieder hierher zurück nach Amerika ziehen wollte, doch das würde sie niemals so offen zugeben. Also schenkte sie ihm ein versicherndes Lächeln, denn sie wusste ganz genau, dass Markus sich Sorgen um sie machte.

Markus schüttelte den Kopf; er war nicht überzeugt, doch Marilyn ging nicht darauf ein und richtete den Blick erneut nach vorne. Schließlich waren sie etwas außerhalb der Stadt angekommen und die Straße, auf der sie sich befanden, fing an steiler zu werden. Weit und breit gab es nun nur noch Bäume. Dieser Straße folgten sie eine Weile, bis Richard schließlich links in eine Seitenstraße abbog, welche sich schon bald als schmächtige Auffahrt herausstellte. Am Ende davon verdeckte ein prunkvolles Aluminiumtor weitgehend die Sicht auf das Haus.

„So, da wären wir.“ Als Richard näher an das Tor fuhr, begann es sich automatisch zu öffnen und dahinter erschien ein bekanntes Gesicht. Grinsend hob Nathan die Hand und trat einen Schritt beiseite. Marilyn mochte Nathan. Er flirtete immer ein wenig mit ihr, obwohl er 10 Jahre älter war. Er arbeitete bereits seit vielen Jahren für die Familie Parker, genauso wie sein älterer Bruder Sam. Die Beiden waren zuständig für die Sicherheit aller Familienmitglieder, eine Art Bodyguards. Doch im Moment schenkten Marilyn ihm keine Aufmerksamkeit, denn sie war vollkommen darauf konzentriert, die neuen Eindrucke in ihr Gedächtnis aufzunehmen. Alle betrachteten staunend das Anwesen in seiner vollen Pracht.  

Der Anblick überwältigte Marilyn. Das Haus bestand aus einem sandfarbenen Mauerstein, welcher an einigen Stellen von Ranken überwachsend wurde. Dieses Haus unterschied sich von allen, in denen Marilyn jemals gewohnt hatte. Denn ihre Eltern waren nach Europa gezogen, als Markus und Marilyn gerade mal ein Jahr alt gewesen waren. Dort hatten sie in einem Apartment mitten in Mailand gewohnt. Und jetzt, nach so vielen Jahren, hatten sich ihre Eltern dazu entschlossen, wieder zurück nach Black Heac zu ziehen, wo sie aufgewachsen waren.

In Gedanken notierte Marilyn sich die Eindrücke, die sie bisher auf der Reise gesammelt hatte und verglich sie mit Europa. Sie mochte das Kleinstadtfeeling. Die Luftfeuchtigkeit fühlt sich anders an und auch die Infrastrukturen unterscheiden sich.

Gerade, als sie weiter darüber nachdachte, hielt ihr Vater an und parkte den schwarzen, langen Wagen direkt vor die große Eingangstür. Alle stiegen aus und Marilyn streckte erstmal wohltuend ihre versteiften Muskeln vom langen Sitzen. Bei dem Haus handelte es sich um ein altes Anwesen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Das Haus bestand aus einem Hauptteil und zwei Nebenteilen links und rechts, wodurch es sich über eine große Fläche erstreckte. Alles war vollkommen symmetrisch. Die Hausfront war mit Blumengärten rundherum geziert und von kleinen LEDs in der Erde angeleuchtet.  Die großen, gotischen Fenster gefielen Marilyn sehr.

Draußen war es angenehm warm, doch es wehte ein leichtes Abendlüftchen, das Marilyns goldblonde Haare im Wind bewegte. Richard öffnete den Kofferraum des Mercedes und holte das restliche Gepäck heraus. In diesem Moment öffnete sich die große Eingangstür und Eli kam direkt auf die kleine Gruppe zu gerannt. Der Eingang befand sich unter einem Balkon, der von zwei Säulen gestützt wurde. In der Eingangstür stand Olivia und beobachtete die Szene. In diesem Moment stürmte ein kleiner Junge aus der Eingangstür, vorbei an Olivia, und rannte geradewegs auf Marilyn zu. Als er sie erreicht hatte, umfasste er lächelnd ihr Bein.

„Marilyn!“ rief er strahlend und entblößte dabei seine kleinen Milchzähne.

„Hallo, Eli.“ Marilyn lächelte ebenfalls und nahm ihn in die Arme. Sie konnte nicht anders, als Eli glücklich zu umarmen.

Eli war der Sohn von Sonja, eines der Dienstmädchen der Parkers. Nachdem Richard erfahren hatte, was mit Sonjas Ehemann geschehen war, entschied er, sie trotz kleinem Kind einzustellen. Marilyn liebte es, mit Eli zu spielen und sie freute sich, durch ihn etwas Abwechslung zu erfahren.

Verspielt vergrub Eli sein kleines Gesicht in ihren Haaren. Daraufhin verwuschelte Marilyn ihm sein braunes Haar, bis er sich beschwerte. Danach ging Eli weiter zu Markus und Melissa und begrüßte auch sie fröhlich. Nun gesellte sich auch Liv dazu und umarmte all ihre Kinder nacheinander.

„Und, wie ist das Haus so?“ fragte Markus an seine Mutter gewandt.

„Schön“ sagte sie bloß und musterte ihre Kinder genau.

Marilyn warf einen weiteren Blick auf das Haus. Sie fand es zwar ein wenig zu groß, ansonsten liebte sie aber den Charme des alten Anwesens.

„Wir sollten rein gehen“ schlug Richard schließlich vor und gemeinsam betraten sie die große Eingangstür.

„Das Abendessen wir bald fertig sein“ erklärte Olivia. „Ihr könnt euch doch inzwischen das Haus ansehen.“

Obwohl Marilyn erschöpft war, konnte sie ihre Neugier nicht leugnen. Staunend begutachtete sie die große Eingangshalle. Der hohe Raum wurde durch einen großen Kronleuchter beleuchtet und in der Mitte bedeckte ein Teppich den Marmorboden. Rechts führte eine gigantische Treppe hinauf in den ersten Stock und von oben konnte man hinunterschauten.

„Nicht schlecht.“ gab Markus zu und nahm Marilyns Hand. Er zog sie links in eine Tür und sie ließ es geschehen. Alle Wände darin waren bedeckt von Bücherregalen voll mit Büchern. Eine komplette Reihe war nur voll von Büchern über Medizin.

„Wow.“ staunte Markus lächelnd und begutachtete Marilyns Gesicht, als diese nicht reagierte.

„Wundervoll.“ teilte Marilyn Markus per Gedanken mit.

-Es wird uns hier bestimmt gefallen- hörte Marilyn, als wären es ihre eigenen Gedanken. Die Stimme in ihrem Kopf überraschte sie keineswegs. Markus und sie konnten bereits seit dem Kindesalter durch ihre Gedanken miteinander kommunizieren. Doch davon hatten sie noch nie jemandem erzählt. Nicht einmal Olivia und Richard wussten davon. Dies war in der Vergangenheit bereits sehr praktisch gewesen, um sich heimlich über andere lustig zu machen oder um den jeweils anderen seine Meinung zu sagen. Doch besonders amüsant war es beim Kartenspielen. Bis ihre Eltern schließlich nicht mehr mit ihnen spielen wollten. Seither waren sie immerzu bedacht darauf, die Spiele etwas ausgewogener zu gestalten.

„Ich glaube auch, aber ich mache mir auch Sorgen.“ Marilyn machte sich gar nicht die Mühe, über Telepathie zu sprechen. Ihr war es egal, falls sie gehört werden sollte.

„Es wird bestimmt großartig hier. Hey, du wolltest das ganze doch als Chance sehen, ein normales Leben zu beginnen.“

Marilyn nickte. Markus hatte Recht. Dies war ihre Chance, ganz neu anzufangen. Es war nicht bedenklich, hoffnungsvoll zu sein, erinnerte sich Marilyn.

Marilyn und Markus waren hochbegabt. Bei Beiden hatte sich die erhöhte Intelligenz bereits nach wenigen Monaten ihres Lebens klar gezeigt; die Beiden konnten bereits mit 6 Monaten laufen, mit einem Jahr ganze Sätze sprechen und mit drei Jahren von Büchern vorlesen. Marilyn erinnert sich kaum an diese ersten Jahre ihres Lebens, obwohl ihr Hirn bereits so weit entwickelt gewesen war. Und die Beiden litten an einer sehr seltenen Krankheit, die verursachte, dass ihre Blutgerinnung nicht richtig funktionierte. Deshalb waren bereits die kleinsten Verletzungen oft gefährlich und ließen das Blut gerinnen. Genauso wie Überanstrengung. Immer dann musste das Blut durch Spritzen wieder verdünnt werden und manchmal war es sogar nötig, das Blut gegenseitig auszutauschen. Deshalb hatten die Geschwister bisher ein sehr zurückgezogenes Leben geführt. Sie hatten zwar viel erlebt und von der Welt gesehen, hatten aber weder gleichaltrige Freunde gehabt noch ein sonderlich aufregendes Leben geführt. Auf den etlichen Veranstaltungen der Freunde ihrer Eltern gab es nicht sonderlich viele junge Leute. Auch auf eine öffentliche Schule waren sie nie gegangen; ihr ganzes Leben lang hatten sie Privatunterricht genossen. Und um ehrlich zu sein hatten diese Umstände die Beiden auch nie gestört. Gleichaltrige empfanden sie meist als nervenzehrend und ihnen völlig fremd. Die gegenseitige Gesellschaft reichte ihnen vollkommen aus, um glücklich zu sein. Doch nun wollte Marilyn zum ersten Mal ihre Komfortzone verlassen und eine öffentliche Schule besuchen.

„Willst du nicht doch mitkommen?“ Marilyn kannte die Antwort ihres Bruders bereits. Trotzdem versuchte sie es erneut.

Markus grinste, zog gleichzeitig aber eine schockierte Miene und drehte sich theatralisch langsam zu seiner Schwester. „Nein, definitiv nicht. Aber ich freu mich auf jeden Fall für dich. Das ist eine Riesenchance für dich.“

„Glaub ich auch.“ Marilyn freute sich darauf, doch gleichzeitig machte es ihr auch ein wenig Angst. Sie war es nicht gewöhnt, von Markus getrennt zu sein, wodurch sich in ihr ein Gefühl der Unruhe ausbreitete. Doch sie respektierte seine Entscheidung, und im Grunde wussten beide, dass dies die einzige Möglichkeit war, für mehrere Stunden am Stück voneinander getrennt zu sein

Als sie die Bibliothek wieder verließen, betraten sie das Zimmer daneben. Dort befand sich die Küche. Die Möbel waren in einem dunkeln Holz gehalten und passten perfekt zum Steinboden aus Marmor. Dort stand eine Frau und bereitete vermutlich gerade das Essen vor. Als sie Marilyn und Markus bemerkte, strich sie sich hastig über ihre Schürze. Und plötzlich verbeugte sie sich leicht vor den Geschwistern. „Guten Abend, Mr. und Miss Parker. Schön Sie kennen zu lernen.“, gab sie verlegen von sich. Sie sprach mit einem Akzent, stellte Marilyn fest. Vermutlich Rumänien.

„Hallo, nennen sie mich ruhig Markus.“, sagte Markus leicht lächelnd und hielt der Frau die Hand hin. Marilyn konnte gut verstehen, wie die Frau sich fühlen mochte. Markus konnte sehr einschüchternd wirken. Denn sie alle hatten sich angewöhnt, mit dem Personal vorsichtig zu sein, seit im Haus mehrere Sachen gestohlen wurden.

„Und ich bin Marilyn.“, stellte sie sich ebenfalls vor und auch sie schüttelte der Frau die Hand. Marilyn lächelte aufmunternd.

„Wie Sie wünschen. Ich bin Dorota, die Köchin und Reinigungskraft.“ sagte sie mit schüchterner Stimme und verbeugte sich erneut. In diesem Moment kam Richard herein.

„Oh, ihr habt Dorota also bereits kennen gelernt. Gut. Dorota, Sie können das Essen jetzt auf den Tisch stellen.“, sagte er lächelnd und schob Marilyn und Markus durch die Tür. Dort stand ein großer Esstisch und alle anderen saßen bereits. Auch die Angestellten saßen dort am Tisch, so wie immer an Feiertagen oder wichtigen Ereignissen.

„Essen wir zuerst. Ihr könnt nachher das Haus erkunden.“, bedeutete Richard und deutete auf die freien Stühle.

„Was glaubst du, wird es auch so verrückte Lehrer geben, wie in Filmen immer?“, fragte Marilyn Markus, sobald sie sich gesetzt hatten.

„Ja, klar. Bestimmt einen, der an die Existenz von übernatürlichen Wesen glaubt und plötzlich den Unterricht ausfallen lässt, weil er glaubt, Aliens würden seine Katze entführen.“

Laut begannen die Beiden zu lachen und alle blickten verdutzt oder fragend in ihre Gesichter.

„Was gibt es da zu lachen?“, wollte Melissa grinsend wissen, doch Marilyn schüttelte leicht den Kopf.

„Das werden wir nie erfahren.“, warf Richard lächelnd ein. „Auf jeden Fall freue ich mich auf diesen neuen Lebensabschnitt. Ich bin wirklich froh, dass wir den Schritt gewagt haben.“

Richard ließ seinen Blick über die Runde schweifen und verweilte bei jedem Einzelnen für einen kurzen Moment. Daraufhin hob Olivia feierlich ihr Sektglas und gab ihrem Mann einen Kuss auf die Wange. „Auf die Zukunft!“

Alle prusteten sich gegenseitig zu und wiederholten Olivias Worte wie im Chor.



Nach dem Essen erkundeten Marilyn und Markus das restliche Haus und mit jedem weiteren Raum, gefiel Marilyn das Haus besser. Alle Zimmer waren mit alten Möbeln eingerichtet. Es gab sehr viele Badezimmer, einen Fernsehraum, Angestelltenzimmer und eine Seite nur mit Schlafzimmern. Es gab ebenfalls einen Weinkeller, einen Konferenzraum und einen Raum mit einer Bar und einem Billardtisch. Nacheinander begutachteten sie zum Schluss die Schlafzimmer. Markus hatte sich schnell für eines entschieden; in dem Zimmer befand sich das Bett in der Luft. Marilyn brauchte etwas länger. Doch auch sie fand ein Zimmer. Dort waren sehr viele Regale voller Bücher an den Wänden und rechts im Raum befand sich ein großes Bett aus Leder. Marilyn beschloss damit zu beginnen, einige ihrer unzähligen Kleider auszupacken und in den begehbaren Schrank zu hängen, den sie sich mit Markus teilte. Nach fünf Kisten entschied sie jedoch, für heute Schluss zu machen, denn morgen würde der erste Schultag stattfinden. Sie entschied sich umzuziehen, denn sie wollte die Kleider von der Fahrt loswerden und ihr Nachthemd anziehen.

„Markus, weißt du wo mein Nachthemd ist?“

Marilyn betrat sein Zimmer und es sah deutlich anders aus als vor einer Stunde. Er hatte all seine Kleider auf Kleiderbügel gehangen, hatte sein Bett anders bezogen und einige seiner Habseligkeiten standen bereits auf den Regalen herum.

„Wow, nicht schlecht.“, gab sie zu und suchte unter den Kleiderhaken ihr Nachthemd. „Hast du aus Versehen mein schwarzes Nachthemd?“

„Ich glaub nicht. Aber du kannst eines von meinen Shirts nehmen.“, sagte er und warf ihr ein schwarzes T-Shirt zu. Dann kam er auf sie zu und sah ihr in die Augen.

„Bist du schon aufgeregt wegen Morgen?“, wollte er mit sanfter Stimme wissen. „Ich bin mir sicher, dazu gibt es keinen Grund.“

„Hoffen wir mal, dass du recht hast. Es wäre aber bestimmt lustiger, wenn du mitkommen würdest.“, sagte sie lächelnd und umarmte ihn fest. In diesem Moment kam Richard herein und betrachtete seine Kinder lächelnd.

„Ihr solltet langsam mal ins Bett gehen. Wir wollen doch nicht, dass Marilyn an ihrem ersten Tag zu spät kommt“

„Keine Sorge, Dad.“, versicherte Markus und verdrehte die Augen, genauso wie Marilyn es immer machte. Doch Richard blieb nach wie vor im Türrahmen stehen.

„Hört mal, ich weiß, das alles ist eine große Umstellung für euch, aber ich bin mir sicher wir könnten hier glücklich werden.“ Seine Stimme klang zuversichtlich. Unsicher blickte er zu Marilyn. Doch diese schenkte ihm ein leichtes Lächeln. Sie war nicht wütend auf ihre Eltern, denn sie wusste, dass sie nur das Beste für sie Beide wollten. Und sie war stolz auf ihren Vater, über seinen Schatten gesprungen zu sein und sie auf eine öffentliche Schule gehen zu lassen.

„Wir werden uns Mühe geben.“, sagte Marilyn ergeben und Richard lächelte, den ganzen Weg bis in sein Büro.



Am nächsten Morgen erwachte Marilyn früh. Als sie leise den Wecker checkte, um Markus nicht zu wecken, stellte sie fest, dass es halb 6 war. Markus hatte beschlossen, heute mal in ihrem Bett zu schlafen, wie sie es früher immer gemacht hatten. Leise erhob sich Marilyn, nahm ihre Sportsachen und begab sich in das große Badezimmer, das sie sich mit Markus teilte. Sie hatte noch eine Stunde Zeit, um joggen zu gehen. Und diese würde sie ausnutzen. Motiviert eilte sie nach draußen in die frische Morgenluft. Es war noch dunkel und deshalb musste Marilyn sich zweimal umsehen, ob sie in die richtige Richtung lief. Nathan begleitete sie gutgelaunt.

Als sie schließlich wieder am Haus ankam, waren die Anderen bereits alle auf den Beinen. Schnell begab Marilyn sich unter die Dusche und zog sich an. Sie entschied sich für elegante Jeans und ein bequemes, jedoch schickes Oberteil. Die Haare flocht sie sich zu einer komplizierten Hochsteckfrisur. Als sie fertig war, schritt sie die lange Treppe hinunter und streifte mit der rechten Hand das elegante Geländer. Unten war Dorota gerade dabei, den Boden zu wischen und Frank, der Gärtner der Parkers, stellte Pflanzen ins Haus.

„Guten Morgen“ begrüßte Marilyn die Beiden lächelnd. Frank arbeitete nun schon seit vielen Jahren für die Parkers. Er war schon der Gärtner von Marilyns Eltern gewesen, bevor sie geboren wurde; er gehörte praktisch zur Familie. Und wie auch all die anderen Angestellten der Parkers, lebte er bei ihnen.  Dorota blickte erschrocken auf und strich sich wieder nervös über die Schürze.

„Guten Morgen, Miss Parker.“ Sie verbeugte sich, genauso wie gestern.

Frank schien das sehr komisch zu finden und lachte laut auf.

„Hallo, meine Dame.“, sagte er und krümmte sich dabei immer noch vor Lachen. Marilyn ignorierte ihn einfach und wandte sich an Dorota.

„Dorota, du musst dich nicht vor mir verbeugen.“

„Wie sie wünschen, Miss Parker.“, sagte sie rasch und ging mit schnellen Schritten davon, sichtlich irritiert von Franks Reaktion. Danach musste Frank nur noch mehr lachen.

„Hey, das ist gar nicht komisch.“, beschwerte Marilyn sich, lachte aber auch. Als sie sich beruhigt hatten, fragte sie schließlich nach Markus.

„Hast du ihn gesehen?“

„Ja. Alle sind draußen beim Frühstückessen.“, erklärte er und fuhr mit seiner Arbeit fort.

„Das ist aber eine schöne Pflanze.“ Marilyn wusste nicht genau, welche Art von Pflanze es war, aber sie war sich sicher, Frank hatte sie selbst gezüchtet.

„Danke. Möchtest du in deinem Zimmer auch eine haben?“

„Sehr gern, danke.“ Und in diesem Moment stürmte Eli sie Treppe runter. Er nahm immer 2 Stufen auf einmal und Marilyn machte sich bereits Sorgen, dass er fallen könnte. Doch er kam heil unten an und auf seinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.

„Guten Morgen, Mary Jane“ Weil er wusste, dass Marilyn es hasste, wenn Markus und Richard sie so nannten, rannte er schnell davon und verschwand Richtung Küche.

„Na warte, Eli.“, rief sie ihm nach und verabschiedete sich noch schnell von Frank. Marilyn mochte auch Frank sehr gerne. Er war immer wie ein Großvater für sie gewesen, den sie nie hatte. Denn die Eltern ihres Vaters waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen und von den Eltern ihrer Mutter wusste sie nichts. Liv hatte ihr lediglich gesagt, sie wären mit ihrer Beziehung zu Richard nicht einverstanden gewesen und dadurch war es dazu gekommen, dass sie sich furchtbar zerstritten hatten. Doch Marilyn schob diese Gedanken schnell wieder beiseite. Irgendwann würde sie bestimmt die ganze Geschichte erfahren. Schnell eilte sie in die Küche, doch keiner war da. Alle saßen draußen auf einem großen Tisch im Garten. Auch Marilyn ging durch die Terrassentür nach draußen zum Tisch. Nun wurde Marilyn die wunderschöne Aussicht erst so richtig bewusst. Weil das Haus etwas höher lag als die restliche Stadt, hatte man einen perfekten Ausblick auf alles.

„Hallo Schatz.“, begrüßte Liv sie und war gerade dabei ein Brot für Eli zu streichen, da Sonja gerade arbeitete.

„Guten Morgen.“

Marilyn setzte sich neben Markus an den großen Tisch.

„Wie hast du geschlafen?“, fragte sie Markus und lächelte ihn an.

„Gut. Hast du alles schon zusammen gepackt für die Schule?“

„Ja, schätzte schon. Wo genau muss ich denn hin?“, wollte Marilyn an ihre Mutter gewandt wissen.

„James wird dich fahren.“ erklärte sie. James war der Sekretär und Berater von Marilyns Eltern. Die drei kannten sich bereits zu ihrer Studienzeit und James arbeitete nun seit 20 Jahren bei den Parkers. James war ein netter Mann, doch seit Marilyn ihn kannte, war er immer ziemlich schweigsam gewesen. Er war die Art von Mann, der immer ernst war und niemals leichtfertig etwas sagte. Marilyn mochte ihn, wenn er ihr auch manchmal etwas leidtat.

Als Marilyn ausreichend gefrühstückt hatte, verabschiedete sie sich noch von Markus, welcher ihr viel Glück wünschte und anschließend ließ sie sich von James zur Highschool fahren. Auf dem Weg sahen sie sehr viele Schüler zur Schule gehen und auch der Schulbus fuhr an ihnen vorbei. Als sich immer mehr Schüler auf den Straßen tummelten, wusste Marilyn, dass sie gleich da sein würden. Der Weg war nicht besonders weit. Morgen würde sie zu Fuß gehen.

Von weitem konnte Marilyn bereits das Footballfeld und den Parkplatz sehen

„Oh, genauso hatte ich es mir vorgestellt.“, bemerkte Marilyn, wenn auch mehr zu sich selbst.

„Ja, die High-Schools scheinen sich nicht sonderlich verändert zu haben in den letzten 20 Jahren.“

Auf dem Parkplatz stand ein großes Schild mit der Aufschrift: „Lakewood High, Black Heac“. Sobald James an den Seitenrand fuhr, um Marilyn aussteigen zu lassen, richteten sich unzählige Blicke auf den Maybach Exelero.

„Soll ich wirklich aussteigen?“

James schien keine Begeisterung für die Situation zu empfinden und blickte kritisch nach draußen. „Ich würde es dir nicht Raten, Miss Marilyn.“

Marilyn lachte bloß, bedankte sich bei James und stieg aus dem Wagen.

„Und schon geht’s los“ dachte sie und bemühte sich, ein Pokerface aufzusetzen, als sie geradewegs auf den Eingang zumarschierte, die Blicke der anderen Schüler ignorierend. Marilyn sah sich um. Die Schule sah im Großen und Ganzen ganz okay aus; ein braunes Gebäude eben. Vor dem Eingang standen einige Tische, an denen Schüler ihre Hausaufgaben abschrieben oder einfach mit Freunden saßen. Und sie alle starrten Marilyn an und tuschelten in kleinen Gruppen. Genauso hatte sie sich eine Schule vorgestellt.

Als sie vor dem Eingang stand, breitete sich ein unangenehmes Gefühl in Marilyn aus. Irgendwie freute sie sich darauf, in die Schule zu gehen und neue Leute kennenzulernen, aber andererseits hatte sie ein merkwürdiges Gefühl über diese Stadt. Sie konnte es sich selbst nicht erklären.

Drinnen sah die Schule genauso aus, wie Marilyn sie sich vorgestellt hatte; ein langer Gang führte zum Infobereich, wo eine etwas ältere Frau saß. An den Wänden entlang befanden sich rote Schließfächer, an denen Leute standen und sich lautstark unterhielten oder Späße machten. Marilyn schritt den Gang entlang auf den Infobereich zu, diesmal weniger beobachtet, denn hier war es noch voller als auf dem Parkplatz draußen.

Marilyn trat an den Infobereich, doch die Frau, die hinter der Scheibe an einem Schreibtisch saß, beachtete sie gar nicht. Sie warf gerade einem anderen Mann vielsagende Blicke zu und dieser erwiderte ihren Blick und lächelte breit. Vermutlich der Hausmeister, dachte sich Marilyn. Die Frau hatte orange-rötliche Haare und an manchen Stellen tauchten bereits graue Stellen auf. Als sie Marilyns Anwesenheit bemerkte, wandte sie sich augenblicklich wieder einem Stapel voller Zettel zu und wirkte plötzlich ziemlich verärgert. Marilyn wartete geduldig, doch die Frau reagierte nicht.

„Entschuldigen sie, Miss. Ich bin neu hier. Könnten sie mir bitte die nötigen Formulare ausstellen?“  

Grimmig blickte die Frau von ihrem Schreibtisch auf und musterte Marilyn voller Argwohn.

„Seht ihr Kinder denn nicht, dass ich im Moment keine Zeit habe?“ Mit unsympathischer Stimme und bösem Blick verweilte die Frau noch einen Moment auf Marilyn, dann wandte sie sich ab und widmete sich wieder ihren Zetteln.

„Aber der Unterricht beginnt in wenigen Minuten. Ich brauche diese Formulare.“ beharrte Marilyn und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Dann hätten sie sich eben früher darum kümmern müssen.“

Marilyn reckte das Kinn vor und blickte unverwandt hinter die Scheibe. Mittlerweile hatte sie erneut Aufmerksamkeit erworben. Eine Gruppe mehrerer Jungs und einige kichernde Mädchen hörten gespannt der Auseinandersetzung zu. Marilyn zwang sich, ruhig zu bleiben. Die Blicke der anderen waren ihr unangenehm.

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn sie uns jetzt diese Formulare aushändigen würden.“, begann Marilyn und wartete auf die Reaktion der Sekretärin. Diese Blickte erneut auf und warf Marilyn einen umso wütenderen Blick zu.

„Wie bereits gesagt, habe ich keine Zeit.“

„Ansonsten müssen wir wohl zu anderen Maßnahmen greifen...“ Marilyn machte eine kurze dramatische Pause und beugte sich ein wenig näher an die Sekretärin. „Und dem Direktor von ihren Treffen mit dem Hausmeister erzählen“.

Marilyn konnte das kurze schockierte aufblitzen in den Augen der Sekretärin sehen und Erleichterung breitete sich in ihr aus. Sie hatte gerade eben auf ziemlichem Risiko gespielt und ihre Vermutungen so klingen lassen, als wären es todsichere Tatsachen. Diese Tricks hatte sie sich im Laufe ihres Lebens angeeignet.

Die wütende Miene der Frau verschwand und ein eiskaltes Lächeln trat an die Stelle. Unter Marilyns entschlossenem Blick begann sie schließlich nachzugeben und reichte Marilyn die Zettel.

„Vielen Dank.“, sagte Marilyn noch, bevor sie sich umdrehte und sich auf dem Weg zu ihrem angewiesenen Schließfach machte. Dabei dachte sie konzentriert an Markus, um die Blicke in ihrem Rücken so gut es ging auszublenden. „Wäre er doch hier“, dachte sie sich.

Als sie an ihrem Spind angekommen war, studierte sie kurz ihre Stundenpläne sowie einen Raumplan, doch bereits nach wenigen Minuten läutete es zur ersten Stunde. Also machte sie sich auf den Weg. Sie fand den Richtigen Klassenraum nicht sofort, denn das Gebäude bestand aus ziemlich vielen Gängen voller Schüler, die alle unterwegs zu ihren Klassen waren.

„Das war ziemlich klasse vorhin.“

Marilyn blickte hinter sich, um zu sehen, wem diese Stimme gehörte. Hinter ihr stand ein Junge mit hellbraunem Haar und mit schelmisch grinsenden Augen und einem breiten Lächeln. Neben ihm standen zwei weitere Jungs, die sie ebenfalls interessiert beäugten.

„Danke.“ sagte Marilyn und schenkte ihnen ein Lächeln. Die Jungs gingen neben ihr her.

„Ich bin übrigens Daniel.“ sagte er und grinste selbstsicher. „Und das sind Michael und David.“

Marilyns Blick schweifte zwischen den dreien hin und her. Einer, der als Michael vorgestellt wurde, hatte schwarze Haare, die zu einer Igelfrisur gegelt waren. David war etwas kleiner und wirkte schüchterner als die Beiden anderen.

„Hallo Süße.“, sagte Michael und zwinkerte Marilyn zu. Diese verdrehte bloß die Augen und ging unverwandt weiter, bis sie schließlich den richtigen Klassenraum gefunden hatte. Und Marilyn musste feststellen, dass Daniel, David und Michael jetzt ebenfalls Geschichte hatten.

Marilyn ließ den Blick durch das Klassenzimmer schweifen. Es waren nicht mehr viele Plätze frei. Die meisten saßen bereits und unterhielten sich mit ihren Sitznachbarn.

„Und wie heißt du?“ wollte Daniel wissen. Ergeben blieb Marilyn schließlich stehen.

„Marilyn, ich bin neu hier.“ sagte sie und lächelte.

„Wir können dich nachher gerne rumführen, wenn du willst.“ bot Daniel grinsend an.

„Danke, ich werde darauf zurückgreifen.“

Daniel schien zufrieden und verabschiedete sich mit einem Grinsen. Marilyn drehte Marilyn sich um und setzte sich auf einen der freien Bänke. Neben ihr auf der rechten saßen zwei Mädchen, die sich gerade über irgendetwas unterhielten. Rechts davon saß ein Junge mit blond, bläulich gefärbten Haaren, welche ihm in losen Strähnen ins Gesicht hingen. Er schien Marilyn gar nicht bemerkt zu haben.

„Entschuldigung, bist du die Neue?“

Marilyn wandte sich nach rechts, um zu sehen, welche der Mädchen sie angesprochen hatte. Die kleinere der Beiden musterte sie neugierig. Sie hatte kurze schulterblonde Haare.

„Ja, scheint sich hier schnell rumzusprechen.“, stellte Marilyn fest. Das andere Mädchen warf ihre wilde Mähne hinter die Schulter und machte ein „Tz“ Geräusch. Ein solches Teenagerklischee hätte Marilyn sich nicht in ihren wildesten Träumen erdenken können.

„Tz ja, so ist das hier in Black Heac. Gewöhn dich besser daran.“ Das Mädchen nickte bestimmt. „Ich bin übrigens Brittany.“

„Und ich bin Allison.“ Fügte die blonde hinzu und lächelte Marilyn an.

„Falls du irgendwelche Schwierigkeiten hier haben solltest, oder dir Infos über jemanden einholen möchtest, wende dich einfach an uns.“

„Vielen Dank, das ist wirklich sehr nett von euch. Was ist denn das Wichtigste, was ich über die Lakewood High wissen sollte?“ Marilyn war wirklich neugierig, wenn auch eher zur Belustigung.

„Es ist eigentlich ganz einfach. Freunde dich mit den Cheerleadern an und komm ins Team. Den Look dafür hast du auf jeden Fall schon mal.“ Brittany nahm eine Marilyns blonder Strähnen in ihre Finger.

„Ihr seid auch im Team?“ Eigentlich war sich Marilyn sicher, doch sie fragte trotzdem. „Ja. Ich bin Main Base, Ally ist Flyer.“

„Rede doch mal mit Madison, sie ist der Team Capitaine. Wir könnten noch jemanden als Front Base gebrachen.“ Alison beugte sich ein wenig herüber und fügte im Flüsterton hinzu: „Aber ich warne dich schon mal; Madison ist extrem arrogant. Sie wird es nicht mögen, jemanden im Team zu haben, der ihr möglicherweise ihren Platz als Capitaine streitig machen wird.“

„Danke für den Ratschlag, ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.“ Marilyn grinste in sich hinein. So viel Drama hatte sie sich nicht vorgestellt. Es war noch nicht mal die erste Stunde vergangen und schon hatte sie sich angeblich eine Feindin gemacht. Markus wird sich blendend amüsieren.

Bevor das Gespräch weitergeführt werden konnte, klingelte es zur ersten Stunde und eine Lehrerin betrat das Klassenzimmer.

Die Zeit verging ziemlich schnell. Es wurde der 2. Weltkrieg durchgenommen und dieses Thema kannte Marilyn in- und auswendig. Zu Beginn hatte sie sich der Klasse vorstellen müssen, doch es machte ihr nichts aus. Sie wurde sowieso von allen Seiten angestarrt und daran würde nur die Zeit etwas ändern können. Danach arbeitete jeder in Einzelarbeit an Fragen zum Thema. Marilyn war ziemlich schnell fertig und begann deshalb, sich die Zeit mit sinnlosem Gekritzel auf einem Blockblatt zu vertreiben, als sie an der Schulter angetippt wurde. Gedankenverloren malte sie das Nirvana Logo.

„Marilyn, richtig?“ fragte der Junge mit den gefärbten Haaren. Er hatte dunkelbraune Augen und trug mehrere Ohrringe sowie eine Kette.

„Ja, cooler Ohrring übrigens.“ Marylin lächelte ihn an.

„Du würdest niemals Ohrringe anziehen, hab ich recht?“ teilte sie Markus mit.

„Wie kommst du denn jetzt darauf? Und fürs Protokoll; nein, niemals.“

„Dachte ich mir schon. Ich erzähl’s dir später.“

„Alles klar, viel Spaß Marli. Ich liebe dich.“ Teilte Markus ihr mit. Das ganze Gespräch hatte nur wenige Sekunden gedauert. „Ich dich auch.“ Danach konzentrierte Marilyn sich wieder auf den Jungen neben ihr.

„Danke. Schöner Nirvana Smiley.“ Marilyn war gerade dabei, ihn auszumalen. „Bist du denn wirklich ein Fan? Oder kennst du das Zeichen nur, weil es populär geworden ist durch die Shirts, genauso wie mit Trasher?“

„Ich bin wirklich ein Fan. Und zu meiner Verteidigung; ich glaube nicht, dass ich ein Trasher Shirt besitze.“ Daraufhin lachte der Junge und strich sich seine Haare aus dem Gesicht, welche jedoch sofort wieder in dieselbe Position zurückfielen. „Oh, dann ist ja alles gut.“ In diesem Moment forderte die Lehrerin die Klasse auf, etwas ruhiger zu arbeiten.

„Was ist denn dein Lieblingssong von Nirvana?“ wollte der Junge wissen. Marilyn konnte sich nicht zwischen „Come as you are“ und „Heart-Shaped Box“ entscheiden.

„Heart-Shaped Box.“ Der Junge nickte. „Gute Wahl.“

Marilyn begann ihre Sachen zusammenzupacken, denn die Stunde würde in wenigen Minuten zu Ende sein.

„Du solltest wirklich achten, mit wem du dich abgibst. Bisher scheinst du genau auf die falschen Leute getroffen zu sein.“ Er erhob sich von seinem Platz. „Und übrigens heiße ich Zayden.“



Auch Mathematik ging schnell vorbei. Den Mathematiklehrer mochte Marilyn lieber als die Geschichte Lehrerin. Als es schließlich zur Mittagspause klingelte und Marilyn auf die Suche nach der Cafeteria gehen wollte, kamen wieder Daniel, Michael und David zu ihr.

„Hi, ich wollte dir bloß sagen, dass du dich zu uns an den Tisch setzten kannst, wenn du willst.“ Daniel schenkte Marilyn ein schelmisches Grinsen und zwinkerte ihr zu.

„Danke für das Angebot.“ Marilyn drehte sich um und wollte davon gehen, als sie erneut von Daniel aufgehalten wurde.

„Halt, warte. Woher kommst du eigentlich?“

„Italien.“, erklärte sie. In diesem Moment stießen Brittany und Alison dazu und David legte den Arm und Alison. Gemeinsam gingen alle in die Cafeteria. Marilyn holte sich einen Apfel und auf Daniels Ratschlag hin einen Teller Makkaroni. Es war ziemlich voll. Das Klischee der beliebten und unbeliebten Tische schien sich ebenfalls als wahr herauszustellen, denn laut Brittany saßen nur Cheerleader und Footballer an ihrem Tisch, abgesehen von Marilyn. Die meisten Namen konnte sie sich nicht merken und irgendwann gab sie es auf, es zu versuchen. Im Großen und Ganzen waren alle sehr nett und Marilyn freute sich, an ihrem ersten Tag so herzlich empfangen worden zu sein.

Den restlichen Tag wurde Marilyn mehr oder weniger immer von irgendjemandem aus dem Footballteam zur nächsten Stunde begleitet. Auch einige scheinbar nicht Sportler unterhielten sich während des Unterrichts mit ihr. Die Aufmerksamkeit konnte sie gar nicht nachvollziehen. Im Spanischunterricht entschied Marilyn schließlich auch mal jemanden anzusprechen, und zwar ein Mädchen Namens Lily Cohen. Die Art, wie sie aufmerksam dem Unterricht folgte, sich aber trotzdem nie meldete, als eine Frage in den Raum gestellt wurde, sagte Marilyn viel über das Mädchen aus. Marilyn schätze Lily als schüchtern ein und entschied sich, ihr hoffentlich den Tag zu verschönern. Also wandte sie sich ihr zu und erklärte, dass sie ihre Flechtfrisur schön fand. Und sie meinte es ernst. Zuerst schien Lily zu überrumpelt von der Situation, doch sobald Marilyn ihr klarmachte, dass es nicht ihre Intention war, sich über sie lustig zu machen, begannen die Beiden sich nett zu unterhalten. So flog auch der Nachmittag schnell dahin.

Als Marilyn ihren Spind abgeschlossen hatte und sich zum Parkplatz begeben wollte, wurde sie von Brittany und einer Gruppe anderer Mädchen aufgehalten.

„Willst du mit uns mitfahren? Wir können dich nach Hause bringen.“ Bot Alison an und deutete auf eines der Autos auf dem Parkplatz.

„Ich glaube, ich werde abgeholt, aber trotzdem danke.“ In diesem Moment fuhr James den Wagen vor. Marilyn winkte den baffen Mädchen zu und verabschiedete sich, bevor sie auf der Beifahrerseite einstieg und im Exelero davonfuhr.

Sobald sie Zuhause angekommen waren, machte Marilyn sich auf die Suche nach ihrem Bruder. Ihre Mutter war zu beschäftigt, um ihr Auskunft zu geben. Dies erkannte Marilyn daran, dass James sich schnurstracks ins Büro von Olivia begab. Auch Richard schien noch im Krankenhaus zu sein. In der Küche erkundigte sie sich bei Dorota, welche ihr erklärte, dass Melissa noch Unterricht hatte und Markus gerade fertig geworden war. Also versuchte sie es zuerst im Fitnessraum im unteren Stock neben den Garagen. Dabei verirrte sie sich einige Male, bevor sie den großen Raum schließlich erreichte. Markus war gerade dabei, Gewichte mit den Beinen zu stemmen. Marilyn warf das Laufband an und gesellte sich neben ihren Bruder.

„Und wie war es?“

„Es war cool, wirklich. Ich hatte Spaß. Aber ich bin auch froh, wieder hier bei dir zu sein.“

„Hast du denn schon irgendwelche potenziellen Freunde erblickt?“

„Um ehrlich zu sein, weiß ich das noch nicht. Ich habe so viele Leute kennengelernt. Keinen davon kenne ich aber genug, um das einschätzen zu können.“ Marilyn stellte die Geschwindigkeit auf eine Stufe höher.

„Ich verstehe. Und was hatte es mit den Ohrringen auf sich?“ Markus lachte.

„Ein Junge, der in Geschichte neben mir sitzt, hatte Ohrringe an, die ihm übrigens ausgezeichnet standen.“  

„Und da hattest du an mich gedacht?“ Markus lachte noch schallender.

„Was denn? Ich hätte dich eben gern mal mit Ohrringen gesehen. Aber du bist viel zu maskulin dafür.“ Marilyn kniff in den Oberschenkel ihres Bruders, welcher sich sofort verkrampfte. Er war immer schon sehr kitzelig gewesen an dieser Stelle. Marilyn stimmt in sein Lachen mit ein, woraufhin sie vom Laufband gehoben wurde und nach einem begnadeten Ringkampf im Pool landete. Markus ließ ihre Hand jedoch nicht los und somit fiel auch er kopfüber hinein. Die Beiden lachten und kitzelten sich im Wasser gegenseitig.

„Ich hab es echt vermisst, einen Pool zu haben.“

„Ich stimme einhundert Prozent zu.“

Sobald beide wieder trocken waren und ihr Workout beendet hatten, begaben sich die Geschwister in ihre Zimmer, um weiter Kartons auszupacken. Markus berichtete von seiner ersten Unterrichtsstunde allein und erzählte von Mr. Jenkins. Denn Signor Rossardi, der Lehrer, der sie die letzten 7 Jahren unterrichtet hatte, hatte es nicht übers Herz bringen können Mailand zu verlassen. Deshalb hatten ihre Eltern akribisch nach einem geeigneten Ersatz gesucht und schließlich Mr. Jenkins angeheuert.

„Du hättest ihn sehen sollen. Ich glaube, er schmeißt in weniger als 3 Wochen hin.“

„Was ist passiert?“ Marilyn hatte ein wenig Mitleid, obwohl sie ihn noch gar nicht kennen gelernt hatte.

„Als ich ihm erklärt hab, dass wir die gesamten Themen, welche er mir genannt hatte, schon durchgenommen haben und ich alle Fragen dazu einwandfrei beantworten konnte, wurde er ganz blass. Der arme Kerl wusste nichts mehr, was er mir hätte beibringen können“ Markus grinste, woraufhin Marilyn ihm spielerisch streng in die Augen blickte.

„Schlag du ihm doch ein Thema vor, worüber du gern mehr erfahren würdest. Der arme Mann.“

„Ich frag ihn, ob er mir etwas über Atomkraft und Quantenphysik erklären kann.“

Daraufhin konnte Marilyn nicht anders als zu lachen. Markus stimmte mit ein. Marilyn hatte mit 9 Jahren ihren damaligen Lehrer gefragt, ob es möglich wäre, als Experiment ein kleines Atomkraftwerk zu kreieren. Markus hatte den Blick des Lehrers auf die Frage noch genau in Erinnerung, was ihn nun nur noch mehr zum Lachen brachte.

„Gib zu, es wäre interessant gewesen damals.“

„Ja, schade dass er nicht ja gesagt hat.“
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