Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ähnlich und doch verschieden

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
16.01.2022
20.01.2022
3
9.317
10
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
16.01.2022 2.245
 
Ein Dämon zu sein bedeutete nicht, von vornherein alles zu wissen. Es gab viele Dinge, die Crowley an der menschlichen Rasse nicht verstand. Viele davon hatten mit Gefühlen zu tun. Aber wenn er einen guten Job machen wollte, dann war es notwendig, die Menschen besser zu verstehen. Was sie inspirierte. Was ihnen Angst machte. Was sie hassten, was sie liebten, was sie begehrten. Es war gar nicht so schwierig, eines der wichtigsten Bedürfnisse der Menschen herauszufinden: Sex. Die Grundlagen zu verstehen, war einfach: Sex war angenehm. Das konnte man problemlos feststellen, indem man sie einfach dabei beobachtete. Aber war es wirklich so angenehm? Wenn Crowley also mehr darüber herausfand, wäre er in der Lage, es besser zu verstehen. Und somit wäre er auch in der Lage, den Menschen ein wenig mehr Schwierigkeiten zu bereiten.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte er eine gewisse Faszination für das Thema Sex, fast schon eine Besessenheit. Er beobachtete die Menschen beim Sex, um herauszufinden, was für sie daran so wahnsinnig wichtig war. Jedes andere Tier (außer vielleicht den Bonobos) hatte Sex, um sich fortzupflanzen. So einfach war das. Nur die Menschen taten es hauptsächlich, weil sie es genossen. Manche mehr als andere, einige wenige hielten sich komplett davon fern. Und während die Jahrhunderte vergingen, änderte sich auch die Haltung der Menschen zum Sex immer wieder. Aber ein natürliches Bedürfnis schien es stets zu bleiben.

Irgendwann wurde Crowley dann neugierig. Fühlte es sich tatsächlich so gut an? Und am Ende entschied er sich, der Sache eine Chance zu geben. Merkwürdigerweise war er doch ein wenig zögerlich, als es ums Ausprobieren ging. Er wusste nicht genau warum. Aber er würde es sicher noch herausfinden. Für eine gewisse Zeit war er noch unschlüssig und wusste nicht, wo er anfangen sollte. Bis er schließlich entschied, dass es wohl das beste war, wenn er erstmal seine eigenen Reaktionen erkundete, ehe er Experimente mit Menschen begann. Was ihn zu den Grundlage einer eigenen Natur brachte.

Er hatte menschliche Genitalien, aber nutzte sie nicht. Alles, was er aß und trank, wurde auf  magische Weise absorbiert, wenn er es wollte. Er benutzte sein Badezimmer nur für solche Dinge wie Waschen, Baden und sich selbst herzurichten. Das war ziemlich angenehm. Als er noch jung war, verschwendete er kaum einen Gedanken an seinen Penis und seine Hoden. Sie waren einfach ein Teil von ihm, genau wie seine Hände oder seine Ohren. Nach vielen Jahren, die er die menschliche Rasse beobachtete hatte, seit seinem eigenen Fall, kam er zu der Erkenntnis, dass die Erfindung von Genitalien vielleicht nicht gerade Gottes beste Idee gewesen war. Sex, egal ob es Bienen, Löwen oder Menschen waren, führte meistens zu Elend, manchmal sogar Tod.

Irgendwann schließlich begann Crowley, erstmal mit sich selbst zu experimentieren. Um zu sehen, ob jeder Teil seines Körpers auch so funktionierte, wie er es sollte, ehe er sich an Menschen ausprobierte. Es war im alten Ägypten. Crowley diente als Priester im Tempel des Apophis - ein extrem passender Ort für einen Dämon, der sich in eine Schlange verwandeln konnte. Denn Apophis verkörperte das Chaos und wurde stets als gigantische Schlange dargestellt. Es war eine tolle Zeit. Natürlich wusste es Crowley besser und dass die gesamte Ägyptische Götterwelt nicht real war. Aber ein Priester zu sein, tatsächlich sogar der Hohepriester, hatte große Vorteile. Seine Schlangenaugen bewiesen, dass er seiner Position würdig war. Und nebenbei war er so in der Lage, unter der Ägyptischen Bevölkerung für ausreichend Ärger zu sorgen.

Crowley hatte ein wunderbares Haus, komplett mit Garten und jeder Menge Sklaven. Wenn er irgendetwas wollte, beeilte sich jeder, seine Wünsche und Anordnungen zu erfüllen. Heute wollte er ein warmes Bad und dann ein wenig Zeit für sich allein. Seine Sklaven hatten bereits die Badewanne, die aus einem gigantischen Marmorblock geschlagen worden war, mit warmem Wasser gefüllt. Crowley betrat das Badezimmer, als einer seiner Sklaven den letzten Eimer warmes Wasser in die Wanne leerte. Er schickte ihn mit einer Bewegung seines Handgelenks hinaus.

„Lass mich allein. Keine Störungen“, ordnete er streng an und löste bereits die Befestigungen an seiner Kleidung. Der Sklave verbeugte sich und beeilte sich, seinen Herrn allein zu lassen. Crowley ließ seine Kleidung als Haufen zu Boden fallen. Er ging hinüber zur Wanne und prüfte das Wasser mit der Hand. Es war genauso, wie er es mochte. Langsam glitt er in die Wanne. Er seufzte, während er sich mit dem Rücken gegen den bereits angenehm warmen Marmor lehnte, und schloss die Augen. Er genoss sein Bad erstmal für einige Minuten. Endlich fühlte er sich entspannt genug, um sein kleines Experiment zu beginnen. Er hatte mehr als genug Menschen dabei beobachtet, wie sie sich selbst Genuss verschafften. Es konnte ja wohl nicht so schwierig sein.

Crowley ließ seine Hände über seinen Körper wandern: seine Brust, seinen Bauch, seine Flanken, seine Oberschenkel, dann wieder hinauf. Er versuchte zu imitieren, was er schon so oft beobachtet hatte. Er kreiste mit den Fingerspitzen um seine Nippel und fühlte, wie sie sich unter seinen Fingern verhärteten und zusammenzogen. Es fühlte sich gut an und schickte ein Kribbeln seinen ganzen Körper entlang. Er fuhr noch einen Moment fort, bis seine Hände sich wieder seiner Leistengegend näherten. Er schaute hinunter und streichelte sanft die ganze Länge seines Penis. Das hatte er noch niemals getan. Er hatte ihn stets nur gewaschen, keine Veranlassung für irgendwas anderes gesehen. Und er hatte nie zuvor eine Erektion gehabt.

Langsam bewegte Crowley die Vorhaut über seiner Eichel und beobachtete, ob sich etwas veränderte. Es fühlte sich gut an. Genau wie vorhin, als er seine Nippel berührt hatte. Und dann fühlte er eine Reaktion. Ein Zucken, ein Pulsieren, einen Funken von… etwas. Er war nicht sicher. Seine andere Hand wanderte weiter hinunter, berührte seine Hoden. Noch so ein in seinen Augen fehlerhaftes Design. Warum befand sie sich nicht sicher im Inneren seines Körpers? Ein Schlag oder gar Tritt in die Hoden schmerzte wie die Hölle, hatte er gehört. Warum waren diese empfindlichen Organe dann so ungeschützt? Einer von Gottes Witzen? Er konnte es nicht wissen, aber tatsächlich fühlte es sich gerade gut an, sie zu berühren, sie in seiner Handfläche zu rollen, die Bewegung unter der Haut seines Skrotums zu spüren.

Und in diesem Moment begann sein Penis wirklich, hart zu werden. Crowley keuchte auf und schaute zu, wie sein Glied anschwoll und die Vorhaut sich langsam von der Eichel zurückzog. Alles wurde immer empfindlicher, und Crowley zischte. Schweiß begann sich auf seiner Stirn zu bilden. Auch das war neu. Seine Hand auf seinem Penis bewegte sich jetzt etwas schneller. Er versuchte herauszufinden, was sich besonders gut anfühlte. Eine kleine Drehung seines Handgelenkes bei jeder Aufwärtsbewegung fühlte sich besonders angenehm an, wenn er seinen Daumen über den kleinen Schlitz in seiner Eichel gleiten ließ. Das fühlte sich allerdings wirklich gut an. Er spürte, wie sich die Haut seines Skrotums zusammenzog. Das kribbelnde Gefühl tief in seinem Inneren schien seine Wirbelsäule entlang zu tanzen. Crowley atmete überrascht ein. Oh - sein Herz begann zu rasen, während die Bewegungen seiner Hände immer rascher wurden.

Und dann war sein Kopf für einen Moment völlig leergefegt, als Spasmen seinen Körper erfassten. Er erschauerte, alles pulsierte und kribbelte. Seine Muskeln kontrahierten, und sein Penis schwoll noch ein bisschen mehr an, bevor er in seiner Hand zuckte und eine milchig-weiße Flüssigkeit ins Badewasser ausstieß. Es dauerte nur wenige Atemzüge, und dafür war Crowley dankbar. Denn es war überwältigend, verwirrend, beängstigend und gleichzeitig befriedigend. Er schnappte nach Luft, als er seine Genitalien losließ und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war. Er starrte an die Decke. Noch immer kribbelte sein ganzer Körper, und er hatte trotz des warmen Badewassers eine Gänsehaut. Für einige weitere Minuten war Crowley noch nicht in der Lage, klar zu denken, während sein Penis abschwoll und alles langsam wieder seinen Normalzustand erreichte.

Als er wieder einen klaren Kopf hatte, leckte er sich die Lippen und schaute sich um. Aber er war allein, kein neugieriger Sklave in der Nähe. Als er seinen Körper entlang schaute, entdeckte er einige letzte Spuren seines Samens im Wasser. Plötzlich leicht angewidert stand er hastig auf und stieg aus der Wanne. Mit einem Stück Leinentuch trocknete er sich ab. Nackt verließ er das Bad und eilte in sein Schlafzimmer.

Die sauberen Laken waren angenehm kühl, als Crowley sich auf sein Bett warf. Also das, dachte er bei sich, das war es, worum sich offenbar alles drehte? Das war es, was die Mehrheit der Menschen sich wünschte? Wofür sie sogar Verbrechen begingen? War es das überhaupt wert? Ja, es hatte sich gut angefühlt. Aber so gut? Vielleicht sollte er es nochmal probieren, diesmal mit einem Menschen. So wie er das ja von Anfang an vorgehabt hatte. Vielleicht war es anders, wenn man die Erfahrung mit jemandem teilte. Aber im Moment war er gerade zu müde, um weiter darüber nachzudenken. Es schien, als bräuchten sogar Dämonen nach einem Orgasmus etwas Ruhe. Er schloss die Augen und sank in den Schlaf.

Wie sich herausstellte, wurde die Erfahrung nicht besser für Crowley, nur weil er sie mit jemanden teilte. Eher im Gegenteil. Er wählte verschiedene Partner aus - männliche und weibliche. Er probierte verschiedene sexuelle Erfahrungen aus. Er befriedigte andere mit seinen Händen und seinem Mund, er fickte einige der Frauen und einige der Männer und erfuhr von ihnen die gleiche Behandlung. Von anderen befriedigt zu werden, fühlte sich angenehm an - bis auf das eine mal, als er sich von einem der Männer ficken ließ. Das war etwas, was er niemals wieder probieren wollte. Es fühlte sich sonderbar und unangenehm an. Und je mehr er ausprobierte, um so mehr stellte sich heraus: Er brauchte nichts von alledem für sich selbst. Er wollte nichts von alledem. Diese Art Intimität ängstigte ihn und fühlte sich falsch an. Er versuchte es nochmal mit Masturbation und fand, dass auch dies seine Zeit nicht wert war.

Während der folgenden Jahrhunderte gab Crowley der ganzen Sache immer wieder mal eine Chance. Aber jedes mal war es das gleiche. Es war einfach nicht sein Ding. Vielleicht, weil er ein Dämon war. Er wusste es nicht. Die einzige Person, mit der er vielleicht darüber hätte reden können, war Aziraphale, sein Engel, sein bester Freund, das einzige Wesen, für das er wirklich etwas empfand. Aber er brachte nie den Mut dazu auf. Und am Ende war es dann auch gar nicht so wichtig.

Im 21. Jahrhundert hatten sich sehr viele Dinge sehr verändert. Crowley hatte die letzten 2.000 Jahre zölibatär gelebt und hatte nichts vermisst. Aber der Beginn des 21. Jahrhunderts brachte ihm eine Erkenntnis, die er niemals für möglich gehalten hätte. Das Internet war - selbstverständlich - eine Erfindung der Hölle. Bei der Crowley selbst eine gar nicht so kleine Rolle gespielt hatte. Dämonen waren normalerweise nicht besonders gut, was Technologie und Fortschritt anging. Crowley war eine Ausnahme. Und in seiner Freizeit nutzte er das neue Medium gerne für seine eigenen Zwecke und Recherchen. Und fand am Ende einen Begriff, der ihm völlig neu war: Asexualität.

Er verbrachte viele Nächte damit, im Internet zu surfen und zu lesen, um die Puzzleteile zusammensetzen zu können. Eines morgens nahm er seine Kaffeetasse mit auf den Balkon, trat nahe an die Balkonbrüstung und genoss das Spektakel der über London langsam aufgehenden Sonne. Es war noch kühl hier draußen, der Frühling stand gerade erst vor der Tür. Dampf stieg von Crowleys Kaffeetasse auf, wenn er hineinblies und an dem heißen, starken Gebräu nippte. Er fühlte eine Erleichterung, die ihn selbst immer noch am meisten erstaunte. Er hatte endlich ein Label für sich selbst gefunden - wenn er denn so eines überhaupt für sich brauchte. Er war asexuell. Diese Bezeichnung passte zu ihm. Und er fühlte sich besser. Er war nicht fehlerhaft, nichts war falsch an ihm. Er mochte einfach keinen Sex. Er wollte keinen. Er brauchte keinen. Und das war in Ordnung. Er war nicht der einzige.

Unter ihm begann London langsam zu erwachen. Die Straßen füllten sich mit Menschen, der Verkehr begann zu fließen. Tauben flogen von ihren nächtlichen Schlafplätzen Richtung Innenstadt, um die Menschen nach Futter zu nerven. Und Crowley fühlte sich gut. Da war nur diese eine Sache, die noch immer an ihm nagte. Und das waren seine Gefühle für Aziraphale.

Der Engel Aziraphale war die mit Abstand wichtigste Konstante in Crowleys Leben. Sie waren  seit inzwischen 6.000 Jahren Feinde und Freunde. Und Crowley wusste jetzt, dass Liebe und Lust nicht notwendigerweise Hand in Hand gehen mussten. Er empfand eine tiefe Liebe für Aziraphale. Viel tiefer als er sollte. Und diese hatte er durch die Jahrtausende gut verborgen gehalten. Vielleicht zu gut. Aber seine Liebe war stets da gewesen. Manchmal hatte er das Gefühl, als ahne Aziraphale etwas. Oder wusste er es gar? Aber er gab niemals etwas in der Richtung zu verstehen. Er war sein Freund. Sein bester Freund. Crowley wusste, dass er niemals mehr von Aziraphale erwarten konnte. Er war ein Engel. Er war rein. Er war unschuldig. Er stand über einer selbstsüchtigen Liebe zu einer einzelnen speziellen Person.

Und selbst wenn Aziraphale sich in jemanden verlieben sollte, dann ganz sicher nicht in einen Dämon. Einen Dämon, der nichts gutes zu tun in der Lage war, der ihn nur verderben würde. Ein Dämon, der ihn nur noch weiter vom Himmel entfernen würde. Nein. Crowley würde ihm das niemals antun können. Er war die Liebe seines ewigen Lebens. Aber wenn Freundschaft das einzige war, was er von Aziraphale erwarten konnte, dann war das für Crowley in Ordnung. Aziraphale als seinen besten Freund zu behalten war mehr, was er sich vor einigen Jahrtausenden gewünscht hätte.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast