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Das Gift unserer Träume

Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Sci-Fi / P16 / Gen
14.01.2022
14.01.2022
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1.061
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Das Gift unserer Träume

Der Regen prasselt nieder auf die Welt, hüllt sie in einen Vorhang aus Grau. Die gedrungenen Häuschen, die sich unter dem farblosen Himmel aneinander ducken, spiegeln unsere Realität eins zu eins wider: Verloren. Vergessen. Verzweifelt.
Meine Stiefel ziehen schmatzende Spuren durch die Pfützen, wandern über das buckelige Kopfsteinpflaster, ehe sie vor einer windschiefen Tür haltmachen.
Das langgezogene Seufzen der Angeln verkündet meinen Eintritt, während ich mir die Kapuze abstreife und versuche, die Nässe aus meinem Mantel zu schütteln.
Die Bar ist in trostloses Dämmerlicht getaucht, ihre Kundschaft eine düstere Ansammlung von Schatten. Viele von ihnen sind genau das – Schatten, nur noch ein Fragment ihres eigenen Selbst.
Wie von allein wandern meine Augen zu dir, erkennen dich sofort unter den ausgemergelten Gestalten, die mehr in ihren Sitzen hängen als sich aufrecht zu halten. Unter dem Tisch wippt dein Fuß auf und ab und du studierst die Karte, als würde irgendwann einmal etwas Neues darauf auftauchen.
Ich überbrücke die wenigen Meter und lasse mich dir gegenüber auf den Stuhl fallen, dessen Holz daraufhin ächzend protestiert.
„Bist ja doch aufgetaucht.“
Deine Zähne kauen auf einer deiner Haarsträhnen herum, eine Ablenkung, ein Versuch, den Hunger auszutricksen. Wahrscheinlich merkst du es nicht einmal.
„Hm“, brumme ich als Antwort.
Ich sollte nicht hier sein. Wir beide nicht. Und doch finden wir uns immer wieder hier, ein ewiger Kreislauf, so vorhersehbar wie der endlose Regen dort draußen. Wir brauchen uns nicht einmal abzusprechen, wir wissen einfach, dass der jeweils andere auftauchen wird.
Der Wirt kommt herangeschlurft, zwei Becher vor uns abstellend. Ich werfe ihm zwei kleine Münzen zu, die sofort in seiner riesigen Faust verschwinden.
Die dunkelrote Flüssigkeit schaut zu mir hoch. Feuerwasser. Spottbillig, sodass es sich die ganze Stadt leisten kann. Das Brennen in der Kehle nur eine Illusion, ein höhnisches Abbild einer Flamme, seine Hitze nur ein schlechter Witz. Der Geschmack ist auch widerlich.
Du hebst deinen Becher und schlägst ihn gegen meinen, wartest erst gar nicht ab, ob ich ihn nehme.
„Prost.“
Wir nehmen beide einen Schluck, ich spüre das Sengen in meiner Kehle, das sich wie hundert glühende Nadelstiche seinen Weg nach unten bahnt. Eine Grimasse ziehend unterdrücke ich den Hustenreiz.
„Das Zeug ist ekelhaft“, murre ich.
„Kannst uns ja was Besseres ausgeben“, grinst du.
Ich verdrehe nur die Augen. Zwei rostige Stücke Metall befinden sich noch in meiner Tasche. Das macht zwei Gläser Feuerwasser, die abgenagte Kruste eines Brotes oder eine Viertel Kartoffel. Ich weiß, worauf die Wahl fallen wird. Wir beide.
Du lehnst dich zurück, dein Blick auf die sterbende Glühbirne an der Decke gerichtet. Das träumerische Funkeln in deinen Augen ist noch so stark wie an dem Tag, als ich dich kennengelernt habe. Schon damals stachst du aus der Masse heraus, wie ein Juwel unter einfachen Steinen, ein Stern vor der Dunkelheit.
„Wo würdest du hingehen, wenn du hier weg könntest?“
Ich schnaube. „Ist nicht dein Ernst.“
Um die Stadt zu verlassen, braucht man einen Passierschein. Und dieses dreckige Stück Papier kostet mehr als sämtliche Fässer Feuerbrühe der Stadt zusammen.
„Komm schon, nur theoretisch.“
Ich seufze. Dieses Spiel spielen wir häufiger. Bin ich halbwegs gut gelaunt, mache ich mit. Dann erzähle ich dir von weißen Straßen unter einem Himmel, den man tatsächlich sehen kann, der sich nicht hinter kohlefarbenen Wolken versteckt. Ich beschreibe dir Sonnenschein und Parkbänke und süße Köstlichkeiten in exotischen Läden. Cafés, deren Tische keine Wasserränder zieren und glänzende Fensterscheiben, durch die die Nachtluft nicht pfeift. Du sprichst von teuren Kleidern und Blumen am Wegesrand. Von Meeren und Seen und dem glückseligen Lachen von Kindern, die im taufeuchten Gras spielen. Es ist unsere eigene kleine Flucht.
„In den Wald“, antworte ich schließlich. „Wo die Bäume so hoch ragen, dass du ihre Spitzen nicht sehen und nur den Wind darin rauschen hören kannst.“
Ein Lächeln stielt sich auf dein Gesicht. „Welche Art von Bäumen?“
Ich überlege kurz. „Tannenbäume. Du weißt schon, wie der, den Jim einmal zu Weihnachten ergattert hat.“
Eigentlich war es nur ein trockenes Gerippe mit einer Handvoll Nadeln und wir haben es ziemlich schnell zu Feuerholz verarbeitet. Dennoch, das war ein glücklicher Tag für uns. Wo Wärme von außerhalb kam und nicht beißend durch unsere Kehlen floss.
Erneut hebst du den Becher an die Lippen und ich tue es dir gleich. Das bittere Gebräu betäubt den hohlen Schmerz in meinem Magen, lässt mich für einen Augenblick lang die Leere darin vergessen. In meine tauben Glieder kehrt kribbelnd das Gefühl zurück.
„Ich wette, die Luft ist da richtig klar“, meinst du, den Kopf schief gelegt, meine Fantasie vor dich hin träumend. „So klar, dass du kilometerweit sehen kannst.“
Ich leere den Rest meines Getränks in einem Zug. Ich weiß, dass das Zeug mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit giftig ist. Die Dauergäste in dieser Bar sind Beweis genug, ihre Haut so grau wie die Hausfassaden, die Augen eingesunken und trüb.
Dennoch, für uns spielt es keine Rolle. Wir leben als unterster Abschaum der Gesellschaft, in einer Stadt, in der selbst die Luft verpestet ist. Tagtäglich inhalieren wir Rauch und Abgase, putzen uns abends den Ruß von den Zähnen und bürsten den Staub aus unseren Haaren.
Deswegen habe ich einen pfeifenden Atem und ein bellendes Lachen, deshalb ziehst du dein rechtes Bein etwas nach, seitdem du als Kind plötzlich so hohes Fieber hattest.
Es ist egal, was wir auch tun, ob wir uns selbst vergiften oder Abstand halten. Wir atmen den Dreck dieser Stadt, unser ganzes Leben getränkt in einer Hoffnungslosigkeit, die uns von Geburt an vorbestimmt ist.
Wenn es ohnehin nicht zu ändern ist, tausche ich gerne ein paar Minuten meines Lebens gegen die kurzfristige Illusion von Wärme. Gegen den Schwindel, der meinen düsteren Gedanken die Schärfe nimmt. Der dein Lächeln noch strahlender und deine Augen noch funkelnder werden lässt.
Vielleicht gibt er mir heute endlich den Mut, dich zu küssen.







────────「Nachwort」

Hallo zusammen und schön, dass ihr Das Gift unserer Träume gelesen habt! :-)

Wie schon in der Kurzbeschreibung erwähnt handelt es sich um einen Beitrag zum Projekt Oxymoron von Nevermind. An dieser Stelle einmal vielen Dank für die tolle Idee!
Mein Oxymoron war die Nr. 7 und lautete 'Feuerwasser'.
Das Schreiben hat unglaublich viel Spaß gemacht (auch wenn man das bei dem düsteren Setting vielleicht nicht unbedingt vermuten würde :-D), und ich glaube, es sind auch noch Zahlen frei. Falls ihr euch also angesprochen fühlt, macht gerne mit! :-)

Liebe Grüße,
LeberUndGallenTee
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