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Washed On Your Shore

Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Romance / P16 / MaleSlash
Haruka Nanase Rin Matsuoka
14.01.2022
27.01.2022
3
13.590
8
Alle Kapitel
17 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
14.01.2022 4.662
 
Ihr Lieben,

Wie in meiner Märchen-Sammlung „Es war einmal…“ angekündigt, kommt jetzt meine Version der kleinen Meerjungfrau. Es hat mit dem Original-Märchen jedoch nichts zu tun.
Und da es auch kein OS, sondern eine mehrere Kapitel umfassende, eigenständige Geschichte ist, bekommt sie die Ehre einer eigenen FF :)

Titel der Kapitel inspiriert von „Brand New – Play Crack The Sky”

Ich wünsche euch viel Spaß!

~

Washed On Your Shore


A mermaid found a swimming lad,
Picked him for her own,
Pressed her body to his body,
Laughed: and plunging down
Forgot in cruel happiness
That even lovers drown.

The Mermaid by W.B. Yeats (1865-1939)


Kapitel 1: It was a quarter past four in the morning, when the storm broke our second anchor line


Ein klingelndes Telefon. Ein so gewöhnliches Geräusch, doch Rin würde nie das ungute Gefühl vergessen, das er sofort verspürt hatte.

Der Regen hatte an den Fenstern gerüttelt und sein Blick war auf die Uhr gefallen, die erst an diesem Abend stehengeblieben war. Kurz nach dem Aufbruch seines Vaters zur Arbeit auf dem Fischereiboot. „Wir fahren nicht weit raus“, hatte er zu Rins Mutter gesagt und war gegangen.

Doch der Regen war immer schlimmer geworden und Rins Mutter war mit Gou zur Oma gefahren, um nachzusehen, ob es ihr gutging. Er war zurückgeblieben. Um die Stellung zu halten. Sozusagen als der Mann im Haus und Rin war sich kurz sehr erwachsen vorgekommen. Eigentlich hatte er dann aber bloß mit seinen Actionfiguren gespielt, sich einsam gefühlt und war irgendwann auf dem Boden eingeschlafen.

Und dann hatte das Telefon geklingelt.

„Hallo?“, hatte Rin sich zaghaft gemeldet und mit beiden Händen den Hörer umfasst. Seine Mama war noch nicht zurück und er war verantwortungsbewusst genug, um ans Telefon zu gehen. Doch dieses Bauchgefühl! Dieses furchtbare Bauchgefühl!

In dieser Nacht war seine Welt in tausend Scherben zerbrochen.

Seine Kindheit, die von Lachen, von Liebe und von großen Träumen erfüllt gewesen war, hatte ein jähes Ende gefunden. Denn sein Vater war verunglückt. Sein Held. Sein großes Idol. Für immer fort.

Manchmal fragte sich Rin, ob es normal war, dass er sich nur noch vage an die Tage nach dem Taifun erinnern konnte. Eine Art Schutzmechanismus des Geistes, um nicht zugrunde zu gehen an dem Schmerz. Vielleicht konnte ein Mensch auch nur eine bestimmte Menge an Schmerz spüren und mehr ging einfach nicht. Mehr war einfach nicht möglich.

Und Rin wusste nicht mehr, was schlimmer gewesen war. Sein eigener Schmerz oder der seiner Mama und seiner Schwester. Vermutlich Letzteres. Denn sie waren der Grund, warum er sich aufrappelte und verzweifelt versuchte, stark zu sein.

Für sie wollte er erwachsen werden.

Doch wenn Rin heute zurückblickte, wusste er, dass er das nicht aus eigener Kraft geschafft hatte. Er wusste, dass eine ganz bestimmte Begegnung ihm die nötige Stärke verliehen hatte, weiterzumachen. Wieder aufzustehen und nach vorne blicken zu wollen. Wieder Neugierde und sogar Lebensfreude zu entwickeln.

Eine einzige Begegnung.

~

„Frau Matsuoka!“ Der Mann lächelte und stützte sich dann auf die Oberschenkel, um zu Rin herabzusehen, der mit ernster Miene neben seiner Mutter stand. „Und der kleine Rin! Wie geht’s dir, mein Junge?“

Wie ging es einem wohl, wenn der eigene Vater vor zwei Wochen ums Leben gekommen war, dachte Rin grimmig und es gefiel ihm nicht, dass er als klein bezeichnet wurde. Doch er riss sich seiner Mutter zuliebe zusammen und grüßte leise und höflich.

„Na dann kommt mal mit!“ Der Mann ging voraus und Rin beobachtete argwöhnisch, wie der Kerl immer wieder besonders laut lachte, sobald seine Mutter etwas sagte.

„Normalerweise dürfen Besucher nicht in diesen Bereich des Zoos. Aber für euch mache ich gerne eine Ausnahme, ich weiß ja, wie sehr Rin das Meer und das Schwimmen mag. Ich habe Ihren Mann sehr geschätzt, Frau Matsuoka.“ Der Mann machte ein betroffenes Gesicht „Eine Tragödie, was ihm zugestoßen ist.“

„Ich danke Ihnen, Herr Tanaka“, reagierte sie mit höflicher Anmut und Rin griff instinktiv nach der Hand seiner Mutter. Sie drückte die seine kurz.

Das Meer und das Schwimmen. Rin hatte beides geliebt, ja. Doch derzeit konnte ihm das alles gestohlen bleiben – vor allem das Meer, das seinen Vater so grausam verschluckt hatte.

„Früher, als ich noch ein kleiner Junge war, gab es öfter mal Sirenen in dieser Bucht“, erzählte der Tierpfleger gerade. „Aber diese Geschöpfe sind inzwischen vorm Aussterben bedroht und durch die Überfischung der Ozeane bleibt ihnen kaum noch Beute übrig. Sirenen sind nämlich sehr wählerisch und ernähren sich beinahe ausschließlich von Makrele.“

„Was sind Sirenen, Mama?“, fragte Rin leise.

„Kennst du Meerjungfrauen, mein Junge?“, hatte der Mann seine Frage jedoch auch gehört und sah ihn lächelnd an.

„Meerjungfrauen gibt es doch gar keine mehr“, antwortete Rin neunmalklug.

„Nun, das dachten wir auch. Bis dieser Bursche hier angeschwemmt wurde.“ Der Tierpfleger zwinkerte Rin zu und blieb vor einer Glasscheibe stehen. Misstrauisch runzelte Rin die Stirn, reckte sich und spähte durch die Scheibe.

„Oh“, entwich es dem Rothaarigen leise, denn da lag ein Junge. Er war dünn, fast mager und seine Haut war sehr hell. Rabenschwarzes Haar, verstrubbelt über einem herzförmigen Gesicht und große, fest geschlossene Augen. Er wirkte zart, zerbrechlich und schwach. Aber das Beeindruckendste, was Rin schlussendlich diesen Laut des Erstaunens entlockt hatte, war eine hellblaue, schimmernde Fischflosse. Der Körper des Jungen endete kurz unterhalb des Bauchnabels im Körper eines Fisches. Eine Meerjungfrau! Genau wie aus den Märchen!

Rin hatte nie so recht an ihre Existenz geglaubt. Er kannte die „fachmännischen“ Meinungen in der Zeitung, aber er hatte es immer für eine ausgeschmückte Geschichte gehalten. Möglich, dass es einmal Sirenen gegeben hatte, aber sicher waren sie längst ausgestorben.

„Beeindruckend, nicht wahr?“ Herr Tanaka lächelte versonnen, während Rins Mutter sanft einen Arm um die Schultern ihres Sohnes legte.

„Das ist aber keine Meerjungfrau. Das ist ein Junge“, bemerkte Rin leise.

„Stimmt, es gibt weibliche und männliche Sirenen“, lachte der Tierpfleger. „Aber die männlichen Exemplare sind viel scheuer. Die Weibchen singen gerne und bezaubern damit seit Jahrhunderten einsame Fischer. Die Männchen sind stumm, wie die Fische eben“, erklärte er.

„Ist…er tot?“, fragte Rin, ohne die Augen auch nur eine Sekunde von der regungslosen Sirene zu lösen.

„Nein, aber nicht bei Bewusstsein.“ Herr Tanaka wurde nun ernst und wirkte besorgt. „Er wurde in der Nacht angespült, als der Taifun so schlimm gewütet hat. Er war durch Trümmerteile verletzt und hat bestimmt im Sturm die Orientierung verloren. Eine Frau hat ihn gefunden und sofort die Polizei benachrichtigt. Als wir mit einem Tierarzt eintrafen, dachten wir, er wäre tot. Aber er hat noch geatmet und wir haben ihn hierhergebracht.“

„Kann er an Land atmen?“, fragte Rin neugierig.

„Ja, er hat Lungen, so ähnlich wie wir. An Land atmet er durch Mund oder Nase und im Wasser nutzt er seine Kiemen. Erstaunlich, was?“ Herr Tanaka lächelte.

„Wo sind seine Kiemen?“, fragte Rin und stellte sich auf die Zehenspitzen, als ob er so besser sehen könnte.

„Ganz flach am Hals. Etwa hier.“ Herr Tanaka griff sich demonstrativ seitlich an den eigenen Hals. „Willst du näher ran?“

„Geht das denn?“, fragte Rins Mutter nun erstaunt.

„Ich bin sein Pfleger. Ich erlaube es.“ Herr Tanaka zwinkerte ihnen freundlich zu.

„Okay!“, sagte Rin sofort und versuchte zu zügeln, wie aufgeregt er plötzlich war. Gespannt folgte er dem Tierpfleger und sie betraten den kleinen Raum. Es war angenehm warm temperiert und künstliche Felsen mit ein paar Pflanzen suggerierten einen winzigen Küstenabschnitt. Die Hälfte des Geheges war mit Wasser gefüllt und der Fischkörper der Sirene war zur Hälfte damit bedeckt.

Beim Näherkommen sahen sie, dass der Körper des Jungen an mehreren Stellen mit Bandagen bedeckt war und auf Rin wirkte er noch schmächtiger als aus der Ferne.

Ausgehungert, war sein erster Gedanke.

„Hier, seine Kiemen, siehst du?“ Herr Tanaka berührte ganz vorsichtig die Stelle am Hals der Sirene und neugierig gingen Rin und seine Mutter in die Hocke.

„Warum wacht er nicht auf?“, fragte Rin besorgt und er wusste nicht warum, doch es machte ihn irgendwie traurig, dieses Geschöpf so verletzt zu sehen. Es war einfach nicht richtig, schoss es ihm durch den Kopf.

„Das wissen wir auch nicht so recht. Vermutlich, weil er so schwach ist. Wir haben ihn die letzten zwei Wochen mit Kochsalzlösung stabilisiert, aber das komplizierte Verdauungssystem von Sirenen macht es schwer, ihn künstlich zu ernähren. Wenn er nicht bald aufwacht und frisst, wird er es vermutlich nicht schaffen“, erklärte Herr Tanaka trübe.

Frisst, dachte Rin etwas verstört. Würde die Bezeichnung „isst“ nicht besser passen? Doch er sagte nichts.

„Der Arme“, seufzte in diesem Moment Rins Mutter.

„Ja. Sirenen sind sehr schwer zu halten. Es gibt nur wenige Zoos auf der Welt, die das auf sich nehmen. Leider…ehm…gehen sie meistens ein“, gestand Herr Tanaka und blickte kurz besorgt zu Rin, ehe er Rins Mutter einen entschuldigenden Blick zuwarf. Ziel war es gewesen, Rin hiermit aufzumuntern und nicht, ihn noch trauriger zu machen.

„Vielleicht hat er Angst und wacht deswegen nicht auf“, überlegte Rin.

„Um Angst zu haben, müsste er aber doch überhaupt erstmal aufwachen“, korrigierte der Pfleger gutmütig diese Überlegung.

„Hm“, machte Rin nur, war jedoch nicht überzeugt.

Eine Weile noch betrachteten sie das reglose Geschöpf und der Tierpfleger erzählte ihnen einige wissenswerte Dinge über die Sirene, bis Rins Mutter entschied, dass es Zeit wurde, zu gehen.

„Kann ich-kann ich morgen wiederkommen?“, wollte Rin mutig wissen, als sie den Ausgang des Aquariums erreicht hatten.

„Rin, das geht doch nicht. Herr Tanaka hat viel zu tun und…“, begann Rins Mutter, doch der Pfleger lachte nur.

„Schon gut, er kann gerne kommen. Ich habe eine Menge zu tun und es schadet nicht, wenn Rin solange ein Auge auf unseren Neuzuwachs hat.“ Herr Tanaka zwinkerte ihm zu. „Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, Rin.“

Unfreiwillig musste Rin an seinen Vater denken. Er wollte Herrn Tanaka nicht mit seinem Papa vergleichen, doch es passierte ganz automatisch. Denn Rins Vater hatte auch ihm immer viel zugetraut. Verantwortung zu übernehmen war etwas, das Rin sich seit seinem Tod regelrecht auf die eigene Fahne geschrieben hatte.

Und so kam er jeden Tag nach der Schule wieder. Das Schwimmtraining ließ er sausen, weil es ihn zu sehr an seinen Vater erinnerte. Stattdessen war er bei der Sirene. Der Fischjunge war nach wie vor bewusstlos und Rin wusste nicht warum, doch er musste ständig an ihn denken. Auch wenn er nicht im Zoo war, ging ihm dieses Bild der kleinen, ausgemergelten Gestalt nicht aus dem Kopf.

Und es dauerte nur wenige Tage, ehe sich ein klarer und brennender Wunsch in ihm festigte: der Junge durfte nicht sterben!

Wie ein Besessener durchforstete er Fachbücher und das Internet auf der Suche nach Anhaltspunkten, doch die meiste Zeit hing er einfach nur im Zoo herum und saß bei der verletzten Sirene im Terrarium.

Vielleicht lag es daran, dass er so kurz nach dem Tod seines Vaters nicht schon wieder dem Tod begegnen wollte, doch es wurde für Rin zunehmend wichtiger, dass dieses Geschöpf überlebte. Rin bemerkte, dass seine Mutter sich Sorgen machte. Sie hatte Angst, dass er bald wieder mit einem Verlust konfrontiert werden würde, obwohl sie ihm nur eine Freude hatte machen wollen.

Doch Rin sah es anders. Dieser Meerjunge war das Erste in seinem Leben, das ihn nicht ständig an den Schmerz über Vaters Tod erinnerte. Es war wie eine neue Aufgabe, der Rin sich mit voller Hingabe widmete. Doch die Sirene wurde Tag für Tag schwächer.

„Heute habe ich mich total mit Sousuke gestritten“, klagte Rin gerade und streckte die Beine neben der Sirene auf dem Boden aus, während er eine Schnute zog. „Er kapiert einfach nicht, warum ich keine Lust mehr habe zu schwimmen!“

Rin lunzte zu dem Meerjungen, der natürlich nie antwortete. Inzwischen hatte er seinen mageren Körper zu einer Kugel zusammengerollt. Da hierdurch der Fischschwanz jedoch nicht mehr im Wasser war, lag eine nasse Decke über seinem Körper.

„Es ist einfach nicht mehr dasselbe ohne Papa“, erklärte Rin leise, während er mit einer Schöpfkelle Wasser aus einem bereitgestellten Eimer holte. Herr Tanaka hatte ihm gezeigt, wie er alle halbe Stunde dafür sorgen musste, dass die Sirene genug Wasserkontakt hatte. Rin ließ das Wasser über die Decke laufen, damit sie sich wieder vollsaugen und Feuchtigkeit spenden konnte.

„Mein Papa hat früher viele Medaillen im Schwimmsport gewonnen. Ich wollte immer in seine Fußstapfen treten“, hörte Rin sich stolz erzählen, ehe er traurig und leise wurde. „Er war Fischer, aber sein Boot ist untergegangen. In derselben Nacht, als du angespült wurdest. So einen schlimmen Taifun hatten wir hier noch nie.“

Es war das erste Mal, dass er seit dem Unglück mit jemandem über seinen Vater sprach. Richtig bewusst über ihn sprach. Ohne zu weinen oder wütend zu werden oder sonst irgendetwas. Er erzählte es leise, wissend, dass der Meerjunge ihm ohnehin nicht antworten würde.

„Glaubst du, er ist enttäuscht von mir? Mein Papa?“, fragte Rin nun traurig und nagte an der eigenen Unterlippe. „Weil ich nicht mehr schwimme?“

Rin seufzte leise und erhielt natürlich keine Antwort.

„Ob deine Familie nach dir sucht? Du hast doch bestimmt auch eine Mama und einen Papa, oder?“, plapperte Rin weiter. Es war komisch, bei einem Tier im Zoo von Eltern zu sprechen, doch in Rins Augen war die Sirene kein Tier. Sie war irgendetwas dazwischen. Nein. Eigentlich war sie mehr ein Mensch, so fühlte Rin zumindest.

„Ob du einen Namen hast?“, überlegte Rin und legte ein wenig den Kopf schief. Männliche Sirenen waren stumm, erinnerte er sich an das, was Herr Tanaka erzählt hatte. Ob sie verstehen konnten, was Menschen den ganzen Tag so redeten? Vermutlich nicht.

„Es ist komisch. Du bist hier und atmest, aber nie bist du wach. Als ob du ganz weit weg bist“,
fuhr Rin nachdenklich fort. Plötzlich hellte sich sein Gesicht ein wenig auf. „So nenne ich dich! Haruka! Das bedeutet weit entfernt!“

Dann nagte Rin jedoch wieder etwas schuldbewusst an seiner Unterlippe. „Eigentlich ist das ein Mädchenname, tut mir leid. Aber Rin heißen auch viele Mädchen, also haben wir jetzt etwas gemeinsam!“, fügte er schnell hinzu. „Ich kann dich auch bloß Haru nennen, das ist kürzer und…“

Rin stockte. Die Worte, die gerade noch aus seinem Mund gestolpert waren, kamen zum Stillstand, denn etwas verlangte ihm seine volle Aufmerksamkeit ab.

Große, blaue Augen starrten ihn an.

Sie waren von einer so leuchtenden und strahlenden Farbe, dass es sich anfühlte, als ob man geradewegs auf ein sonnendurchflutetes Meer blickte. Man tauchte hinein, ließ sich rückwärts hinabsinken und sah durch glitzernde Wellen hinauf zur Oberfläche.

„D-du…bist wach!“, keuchte Rin ungläubig.

Die Sirene rührte sich nicht. Sie blinzelte nur einmal und sah ansonsten unverwandt zu Rin auf.

„Du lebst, du bist wach!“, wiederholte Rin und sah sich suchend um. Sollte er Herrn Tanaka rufen? Doch Rin hatte keine Ahnung, wo der Pfleger gerade war und vielleicht schlief der Meerjunge bereits wieder, wenn sie gemeinsam zurückkehrten. Nein, er konnte das Gehege jetzt nicht verlassen! Das hier war schließlich seine Aufgabe!

„Hey, ich hab‘ Essen für dich!“, rief Rin freudig und wühlte in seinem Rucksack. Seit Anfang der Woche war Rin dazu übergegangen, jeden Tag auf seinem Weg hierher Makrelen zu kaufen. Für den Fall der Fälle. Er wusste, dass der Zoo auch welche für die Sirene gebunkert hatte, doch bisher hatte der Meerjunge nichts davon angerührt.

Rin wickelte das Wachspapier aus, in dem die Marktfrau den Fisch eingepackt hatte, und kniete neben dem liegenden Geschöpf. Blaue Augen verfolgten jede seiner Bewegungen und Rin meinte eine Mischung aus Argwohn und Neugierde darin zu lesen.

„Hier, koste das“, bat Rin und hielt ihm den Fisch an den Mund. Daraufhin zuckte der Kopf der Sirene erschrocken zurück und Rin bereute die eigene ungestüme Art. Aber er war einfach so aufgeregt!

„Das ist Makrele, das esst ihr Sirenen doch dort draußen im Meer“, erklärte Rin.

Der Junge, den er Haruka getauft hatte, blinzelte wieder und sah stumm zu Rin, doch wenigstens wich er nicht weiter zurück.

„Siehst du, ganz einfach!“ Rin grub die Zähne in die rohe Makrele und obwohl ihm ein bisschen schlecht dabei wurde, würgte er den Fisch einfach herunter. „Nur abbeißen!“

Rin hielt dem Jungen den Fisch nun etwas zaghafter wieder vors Gesicht und diesmal erschrak die Sirene nicht. Doch sie aß auch nicht und Rin bekam es mit der Angst zu tun, als er sah, wie die Augenlider wieder müde und schwer über die blauen Augen sanken. Der Junge war sichtlich entkräftet.

„Haru, bitte, du musst essen, sonst stirbst du!“, flehte Rin leise und schob dann seine Hand unter den Kopf der Sirene. Das schwarze Haar war ganz weich, stellte Rin beiläufig fest, als er behutsam Harukas Kopf anhob.

Das Gesicht des Jungen verzog sich bei dem Körperkontakt und es sah aus, als hätte er eine saure Zitrone im Mund. Irgendwie sah es süß aus, fand Rin, hatte aber sofort ein schlechtes Gewissen, weil es bestimmt bedeutete, dass Haru etwas wehtat.

„Du hast Schmerzen, oder?“, fragte Rin besorgt und rückte näher, um Harus Kopf ganz vorsichtig auf seinem Schoß abzulegen. Das hatte er auch schon bei seinem Hauskater gemacht, als das Tier einmal krank gewesen war, um ihn zu füttern. Noch nie hatte der Kater so lange stillgehalten wie damals, denn normalerweise ließ er sich ungern von Rin anfassen.

„T-tut mir leid, ich weiß, du willst bestimmt lieber schlafen und dich ausruhen! Aber dann wachst du vielleicht nicht mehr auf“, redete Rin verzweifelt weiter, weil er das Gefühl hatte, seine Stimme hielt den Jungen bei Bewusstsein. Rin spürte dennoch, wie ihm die Tränen kamen. Sie tropften auf die Wange der verletzten Sirene und träge sah Haru zu ihm auf.

„Hier, bitte versuch es wenigstens. Mir zuliebe“, schluchzte Rin leise und biss erneut ein Stück von der Makrele ab. Er kaute es kurz, bis es möglichst weich war, und nahm es dann wieder aus dem Mund, um es Haru hinzuhalten.

Und endlich! Ganz langsam öffnete sich der kleine Mund. Rin weitete hoffnungsvoll die Augen und schob den vorgekauten Fisch durch den schmalen Spalt.

„Und jetzt kauen, Haru. Du kannst das!“, flüsterte Rin und sah angespannt zu, wie sich die Kiefer des Meerjungen begannen zu bewegen. Haru schluckte den Bissen herunter, wobei er die Augen zusammenkniff und dann einen winzig kleinen, erschöpften Atemzug tat.

„Super! Und jetzt nochmal!“, jubelte Rin über diesen Erfolg, riss mit seinen Zähnen regelrecht eilig ein weiteres Stück Fisch heraus, kaute hastig und fuhr fort, Haru damit zu füttern.

Endlose Minuten verstrichen, doch Rin nahm die Zeit gar nicht richtig wahr. Er war vollkommen darauf fokussiert, die Sirene mit kleinen Bissen Makrele zu versorgen. Rin konnte sehen, wie es Haru gegen Ende ein wenig leichter fiel, die Nahrung herunterzubekommen. Dennoch schloss die Sirene ab einem bestimmten Punkt wieder ihre Lippen und weigerte sich, noch mehr zu essen. Die Augenlider sanken müde herab und Harus Kopf wurde eine Spur schwerer auf Rins Schoß.

„Das reicht erstmal, hm?“, fragte Rin vorsichtig und ließ den Rest der Makrele vorerst sinken. Etwas ratlos sah er auf den Jungen herab, der nun aussah, als wolle er wieder schlafen. Ganz behutsam strich Rin über den schwarzen Haarschopf. Es war ein bisschen komisch, denn zum einen war Harus Haar ganz weich und es fühlte sich schön an, es zu berühren. Doch Haru war kein Haustier. Er sah schlussendlich aus wie ein Mensch und Rin dachte sofort, wie absolut schräg es gewesen wäre, wenn er einen Jungen aus seiner Klasse so gestreichelt hätte. Sousuke zum Beispiel! Absolut komisch! Sowas machten Jungs einfach nicht.

Doch Haru war kein normaler Junge. Im Grunde war er eine angeschwemmte, verletzte Meerjungfrau. Ein seltenes Wesen, das aus seiner Heimat herausgerissen worden und bestimmt sehr einsam war. Es hatte doch niemanden sonst! Keine Mama und kein Papa, die jetzt da waren, um sich zu kümmern, wo ihr Kind doch krank und verwundet war.

Er würde einfach Harus Eltern ersetzen, dachte Rin entschlossen. Dann war es auch nicht mehr komisch, wenn er einem gleichaltrigen Jungen über den Kopf strich! Eltern machten das auch so! Oder Geschwister. Rin hatte schließlich Erfahrung als großer Bruder und war es gewohnt sich um Gou zu kümmern.

„Das hast du gut gemacht, Haru“, lobte Rin ihn nun leise und lächelte instinktiv, als Haru seinen Kopf etwas enger an seine Oberschenkel schmiegte und dabei Ähnlichkeit mit dem Hauskater bekam. Fehlte nur noch ein Schnurren.

Obwohl Rin wusste, dass seine Mutter und Gou mit dem Abendessen warten würden, überzog er seinen Besuch bei Haruka an diesem Tag um eine gute Stunde. Erst als Herr Tanaka kam, um nach ihm zu sehen, ließ er den Kopf der nun wieder reglosen Sirene vorsichtig zu Boden sinken.

Die Art, wie der Fischjunge sich daraufhin wieder zu einem Embryo zusammenrollte, die nasse Decke fest um seinen mageren Körper geschlungen, ließ Rins Herz schwer werden. Haru sah so klein und einsam aus. Rin mochte die Momente des Abschieds nie, denn immer hatte er Angst, dass die Sirene in seiner Abwesenheit sterben würde. Aber heute war es ganz besonders schlimm. Rin hatte das Gefühl, er müsse jetzt rund um die Uhr hierbleiben, um sich um Haruka zu kümmern.

Aber schlussendlich war er ein Junge, der gerade mal zur Grundschule ging. Die Pflege der Sirene war Herrn Tanaka zugedacht – immerhin war er der Tierpfleger. Daher erzählte Rin dem Erwachsenen begeistert von den heutigen Fortschritten, kaum hatten sie das Gehege verlassen und er war erleichtert, dass Herr Tanaka ihm genauso aufgeregt zuhörte und dann freudig lachte.

„Wahnsinn! Das ist ein riesiger Erfolg, Rin! Wenn wir dich nicht hätten.“ Seufzend rieb sich der Mann über den Nacken. „Es tut mir leid, dass ich so beschäftigt war die letzten Tage, aber wir sind gerade stark unterbesetzt. Morgen kommt ein neuer Pfleger und ich habe dann endlich mehr Zeit, die Sirene wieder aufzupäppeln.“

„Kann ich…“ Rin machte ein trauriges Gesicht. „Kann ich dann trotzdem noch…“

„Aber natürlich!“, bestätigte Herr Tanaka sofort. „Du bist jederzeit willkommen. Vor allem jetzt, wo der Kleine langsam aufzuwachen scheint. Weißt du, Sirenen sind unglaublich scheue Geschöpfe. Vielleicht hilft es, dass du auch noch ein Kind bist, sicher hat er da weniger Angst.“

Rin spürte, wie ihn ein gewisses Glücksgefühl durchströmte. Herr Tanaka schien sich gemerkt zu haben, dass Rin das Problem mit der Ängstlichkeit bereits angesprochen hatte. In dem Moment hatte der Rothaarige das Gefühl, von dem Erwachsenen ernstgenommen zu werden und das tat gut. Es war fast so, als wären sie beide Harukas Tierpfleger und als wäre Rin nicht nur ein Gast.

„Hauptsache er frisst endlich! In seinem kritischen Zustand ist es unglaublich wichtig, dass er selbstständig Nahrung aufnimmt. Makrele ist außerdem ein sehr fett- und proteinreicher Fisch. Wenn wir ihn regelmäßig dazu bekommen, Makrele zu fressen, dann wird das seiner Heilung sicher einen Schub verleihen.“, fuhr Herr Tanaka fort.

„Essen“, murmelte Rin.

„Hm?“ Der Mann legte fragend den Kopf schief.

„Makrele zu essen. Haru, er…er isst. So wie wir eben.“ Rin wurde etwas verlegen, während er das sagte, weil er Angst hatte, jetzt ausgelacht zu werden. Doch Herr Tanaka lächelte nur gutmütig.

„Ja“, meinte der Tierpfleger nur freundlich. „Sie sind uns sehr ähnlich, was?“

Rin nickte langsam und sah zu Boden.

„Haru also?“

„Was?“ Rin schaute auf.

„Hast du ihn so getauft?“

„Ehm, ja, ich…eigentlich habe ich ihn Haruka genannt.“

„Huch, das ist doch ein Mädchenname“, stellte Herr Tanaka verblüfft fest.

„Nein! Also, ich meine, ja, doch, irgendwie schon, aber…Haruka bedeutet weit entfernt. Und ich fand, dass es zu ihm passt“, antwortete Rin peinlich berührt und wusste nicht, warum er so rot wurde.

„Schon gut, es ist ein schöner Name“, lachte Herr Tanaka herzlich. „Und die Kurzform Haru passt schließlich für Männchen und Weibchen. Was hältst du davon, wenn wir den Namen Haru auf sein Schild drucken lassen, hm?“

„Sein Schild?“, fragte Rin verwirrt.

„Na für das Außengehege, damit die Besucher wissen, wie er heißt. Das Gehege wird derzeit noch renoviert. Dort waren früher unsere Delfine untergebracht, doch seit Sony, unser letztes Weibchen, vor einem Jahr gestorben ist, steht das Becken leer. Aber es ist groß und hat genug Rückzugsmöglichkeiten für eine Sirene“, erklärte Herr Tanaka.

„Er wird nicht wieder freigelassen, wenn er gesund ist?“, fragte Rin leise und erstaunt. Das gefiel ihm nicht.

„Sieh mich bitte nicht so vorwurfsvoll an, Rin“, seufzte Herr Tanaka betroffen. „Ich würde ihn auch gerne wieder freilassen, aber das ist nicht so einfach.“

„Warum nicht?“, wollte Rin sofort wissen.

„Naja, Sirenen sind vorm Aussterben bedroht. Ihn in derart überfischte Gewässer zu entlassen, bedeutet vermutlich seinen Tod. Du siehst doch, wie schwach er ist, Rin.“

„A-aber er wird wieder stark! Er muss nur gesund werden!“, rief Rin. „Das lag nur am Taifun, dass er…“

„Mag sein, dass er sich im Sturm verletzt hat. Aber er war schon unterernährt, bevor der Taifun sein Übriges getan hat. Eine Sirene verliert normalerweise nicht so leicht die Orientierung. Sobald sie einmal angeschwemmt werden, ist meistens etwas grundlegend nicht in Ordnung. Ähnlich wie bei Walen, verstehst du? Wenn wir ihn freilassen, spült das Meer ihn womöglich immer wieder dort an“, erklärte Herr Tanaka und seufzte dann schwer.

„Ich finde das auch nicht schön, glaub mir. Aber hier hat er wenigstens eine Chance zu überleben.“ Herr Tanaka erwähnte in Gegenwart des kleinen Rin lieber nicht, dass auch die Zooverwaltung gegen eine Freilassung war. Eine Sirene war eine sehr besondere Attraktion, um die jeder Tierpark sie jetzt schon beneidete, und würde den Verkauf von Eintrittskarten hochtreiben. Auf diese Weise hatte der Zoo mehr Geld für Futter und Pflege anderer Tiere. Doch es war nicht leicht Kindern dieses wirtschaftliche Denken so zu erklären, dass es nicht wie moralisches Fehlverhalten wirkte. Herr Tanaka war auch nicht immer begeistert davon, doch er arbeitete im Zoo und war ebenfalls darauf angewiesen.

„Aber…was ist mit seiner Familie?“, fragte Rin nun.

„Seiner Familie?“ Der Tierpfleger runzelte verwundert die Stirn.

„Sie sucht doch bestimmt nach ihm, oder? Dort im Meer!“, erklärte Rin inbrünstig.

„Sirenen leben nicht in Familienbanden, so wie wir“, erklärte Herr Tanaka nachsichtig. „Die Eltern verlassen die Jungen kurz nach der Geburt.“

„Dann…ist er ganz alleine?“

„Nun ja.“ Herr Tanaka versuchte die Schwere dieser Worte wegzulächeln. „Ja. Er schwimmt seitdem vermutlich alleine durch den Ozean. Männliche Sirenen sind von Natur aus Einzelgänger, nur die Weibchen bilden Gruppen.“

„Achso?“ Rin blinzelte nun überrascht.

„Ich weiß, weil er zur Hälfte aussieht wie ein normaler Junge, neigt man dazu, ihm menschliche Eigenschaften zuzusprechen. Aber vergiss nicht, dass er trotz allem ein…naja, ein Tier ist.“ Herr Tanaka lächelte. „Findest du das komisch?“, fragte er dann sanft.

„Ja, irgendwie…irgendwie schon“, gab Rin zu.

„Das ist in Ordnung. Du bist nicht der Einzige, dem es so geht. Aber das geht vorüber – wenn du sein Verhalten besser studierst, wird es dir leichter fallen, ihn nicht als Menschen zu sehen. Glaub mir, Rin, er ist hier in den besten Händen. Wir tun alles, damit ihn die Gefangenschaft so wenig wie möglich belastet. Und ich verspreche dir, dass wir unser Bestes geben, dass er wieder ganz gesund wird!“, versicherte ihm der Tierpfleger.

Rin wusste, dass der Mann es nur gut meinte und aus Höflichkeit nickte Rin und ließ es vorerst gut sein. Denn was sollte er auch sonst sagen? Dass er Haru unmöglich als Tier betrachten konnte? Dass er davon überzeugt war, dass der Meerjunge sich früher oder später wieder nach der Freiheit sehnen würde? Dass es falsch war, ihn für immer einzusperren, wo er keinen Artgenossen begegnen konnte?

Auf dem Nachhauseweg war Rin so nachdenklich wie schon lange nicht mehr. Und als er in jener Nacht im Bett lag und träumte, da erschien ihm ausnahmsweise einmal nicht sein Vater so wie in jeder vergangenen Nacht seit dem Taifun.

In dieser Nacht träumte er von Haruka.

Davon, wie der Junge aus irgendeinem seltsamen Ei schlüpfte, noch ganz klein mit einer hellblauen Schwanzflosse. Nirgends war eine Spur seiner Eltern zu sehen und die übrigen Eier, in denen seine Geschwister heranwuchsen, waren noch fest geschlossen.

Rin träumte davon, wie sich große blaue Augen das erste Mal mit einem grenzenlos weiten Ozean konfrontiert sahen. Er träumte davon, wie Haruka losschwamm. Wie sich sein graziler Körper wellenartig durch das lichtdurchflutete Wasser bewegte und das schwarze Haar seinen Kopf wie Seetang umtanzte.

Haruka schwamm allein.


To be continued…
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