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Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Suspense / P16 / Gen
Caesar Flickerman OC (Own Character)
14.01.2022
21.06.2022
14
45.060
17
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14.01.2022 3.139
 
Unglücksrabe

Es ist einer dieser Tage, an denen wirklich alles schiefläuft.
Da wäre einmal die Sache mit dem Alkohol. Das Feiern ihres letzten Erntejahres mit den Jungs hat Spud mit einem solchen Kater zurückgelassen, dass er es an diesem Morgen nicht zeitig aus dem Bett geschafft hat. Seine Schicht im Kraftwerk musste ausfallen und er weiß schon jetzt, dass sein Chef ihm diesen Fehltritt nicht so einfach verzeihen wird. Dass es am Erntetag, einem verdammten Feiertag, überhaupt noch eine Frühschicht gibt, findet er unfair, aber mit dem Argument braucht er gar nicht erst ankommen. Sie können einander nicht ausstehen und Spud darf ohnehin nur auf Probe arbeiten. Sie geben ungern Leuten ohne Schulabschluss einen Job, und Spud hat sich vor ein paar Wochen entschieden, das letzte Schuljahr nicht anzutreten. Er kann nicht gut mit Zahlen und in einem Distrikt wie 5, der auf Wissenschaft ausgelegt ist, ist das nicht förderlich. Scheiße, der einzige Grund, weshalb hier die Schule ein Jahr länger geht als überall sonst in Panem, ist die Förderung der Naturwissenschaften, und ausgerechnet das kriegt er nicht hin! Schlimmer stellt er es sich nur in 3 und 6 vor.
Und jetzt steht er vor dem Spiegel und ein Haar nach dem anderen gleitet ihm beim Kämmen vom Schädel. Das darf nicht wahr sein! Für einen Moment überlegt er, ob er einfach nur noch nicht ganz wach ist, ob ihm seine Kopfschmerzen Halluzinationen bescheren, doch das lässt sich durch die Büschel rasch widerlegen. Fassungslos fährt er mit der Bürste noch ein paarmal über sein Haar, doch er macht es nur noch schlimmer, eine blonde Strähne nach der anderen fällt zu Boden. „Dad!“
Die Tür fliegt auf und knallt gegen die Wand, sein Vater kommt ins Zimmer gerannt. Der Blick aus den kleinen Augen im rot angelaufenen Gesicht zuckt erschrocken durchs Zimmer. Als er darin jedoch lediglich seinen Sohn erblickt, wandelt sich der Ausdruck in Missmut und er runzelt die Stirn. „Was ist los? Wieso bist du nicht bei der Arbeit?“ Spud dreht sich um, die Bürste noch in der Hand. Sein Vater starrt ihn an, blickt in seine blutunterlaufenen Augen, dann fällt sein Blick auf das große Glas Wasser auf dem Nachttisch. Er seufzt, seine Schultern senken sich. „Habt ihr so viel getrunken?“
Spud nickt rasch, doch die Kopfschmerzen und die Übelkeit sind gerade nicht so wichtig. Energisch hält er seinem Vater die Bürste hin. „Hast du nicht gesagt, der Haarausfall zeigt sich in unserer Familie erst in den Dreißigern?“
Sein Vater nimmt die Bürste entgegen, dreht sie in der Hand und wirft sie dann achtlos auf das Bett von Spuds älterem Bruder Clerk. Clerk, der auch mit Anfang 20 noch volles Haar hat. Spud starrt wütend auf die Kissen und wiederholt seine Frage, während er sich das Haar aus der Stirn streicht, um seinem Vater die Geheimratsecken zu zeigen. Doch der seufzt nur erneut und trommelt mit den Fingern auf seiner Glatze herum. „Es gibt Schlimmeres, Spudnell. Außerdem sieht man doch gar nicht so viel davon …“
Spud schnaubt und dreht sich wieder zum Spiegel herum. Mit verbissenem Gesicht geht er so nah heran, dass seine Nase fast das Glas berührt. „Mehr als ich davon sehen will.“
Er sieht im Spiegel, wie sein Vater hinter ihm die Augen verdreht. „Du hast vielleicht Nerven. Ist es wirklich das, womit du diesen Morgen verbringen willst?“
Spud zuckt mürrisch mit den Schultern. „Wohl oder übel. Da ich nicht arbeiten bin, hab ich ja sonst nichts zu tun. Außerdem hängst du hier genauso rum, wieso bist du nicht unten im Laden?“
„Die Schmiede ist jeden Erntetag geschlossen, Junge, das weißt du.“ Spuds dröhnender Schädel verbirgt den genervten Unterton seines Vaters nicht vor ihm. Außerdem klingeln seine Ohren von der Lautstärke, die er auf einmal an den Tag gelegt hat. Kopfschüttelnd stapft sein Vater zu der ramponierten Kommode in der Ecke hinüber. Seit Clerk das Teil vor zwei Jahren vom Schrottplatz gerettet hat, will Spud es restaurieren. Bisher ist er allerdings lediglich dazu gekommen, die Henkel der Schubladen zu ersetzen. So blättert ein bisschen Farbe ab, als Spuds Vater die oberste ruckelnd aufzieht und ein Hemd herausnimmt. „Deine Mutter sagt, du sollst das hier anziehen.“
Spud grunzt, nimmt das Kleidungsstück jedoch entgegen.
„Mary ist heute Morgen vorbeigekommen“, sagt sein Vater beiläufig, während Spud das Hemd zuknöpft. Spud hebt nicht einmal den Kopf, erst als sein Vater weiterspricht, reagiert er: „Sie wollte dich sprechen, aber ich dachte, du bist arbeiten, also habe ich sie weggeschickt. Sie sah ein bisschen verheult aus. Ist was passiert?“
„Verheult?“ Spud stöhnt. Kurz wird ihm schwarz vor Augen und er wertet es als eindeutiges Zeichen, dass es Wichtigeres gibt, dass solche kindischen Kleinigkeiten auch später noch Zeit haben. „Was weiß ich, was sie hat. Vielleicht ist eine ihrer blöden Ziegen gestorben.“
Sein Vater nickt. „Na gut. Ich dachte nur, ich lasse dich wissen, dass sie dich gesucht hat.“
Spud nickt ebenfalls knapp und schlüpft in eine Hose in der Farbe der Wüste, die hinter dem Haus der Familie Wilson beginnt. Das Kleidungsstück ist staubig vom Sand draußen, doch durch den Ton fällt es nur auf, wenn man nah genug rangeht. Da hat seine Mutter beim Färben wirklich ganze Arbeit geleistet. Waschen ist eine heikle Angelegenheit, wenn das Haus so weit von dem großen Fluss, der die Hauptstadt von Distrikt 5 durchschneidet, entfernt ist und auch die Hähne im Haus meistens nur tröpfeln. Für Trinkwasser gibt es immerhin Sammelstellen, aber dort darf nicht gewaschen werden. Nur alle zwei Wochen macht sich seine Mutter dafür auf den Weg nach draußen in Richtung Damm. Letztes Wochenende hat sie es wegen einer Doppelschicht nicht geschafft und auch sonst hatte niemand aus der Familie Zeit. Deshalb muss Spud nun zur Ernte diese Hose tragen, die nicht ganz sauber ist. Aber wen wird das schon interessieren?
Spud nickt seinem Vater zu, dann geht er an ihm vorbei in die Küche. Der Maisbrei vom Frühstück hat oben schon eine harte Schicht gebildet und die Feigen auf dem Tisch haben auch bereits bessere Tage gesehen, aber so muss Spud sich wenigstens nicht selbst noch um etwas zu essen kümmern. Im Kühlschrank findet er sogar noch Reste von dem frittierten Brot, das Distrikt 5 eigen ist, und obwohl es schon etwas weich geworden ist, stopft er so viel wie möglich davon in sich hinein. Dann geht er nach draußen, bindet eins der Pferde los und reitet ins Stadtzentrum.

Am Erntetag sind mehr Menschen als normal auf den Straßen unterwegs, gleichzeitig jedoch ist es so still wie sonst nie. Das ängstliche Getuschel wird von dem Klappern der Hufe übertönt, und so nimmt Spud nur seine eigenen Geräusche wahr, die ihm zwischen den massiven Häusern mit den bröckelnden Fassaden entgegengeworfen werden. Je näher er dem Platz um das Justizgebäude kommt, desto enger stehen die Häuser und desto hohler wird der Klang des Hufgetrappels. Auch die Straßen werden voller und so muss Spud das Tempo drosseln. Nicht wenige Menschen sehen zu ihm hinauf, wie er da angeritten kommt, doch die meisten schauen direkt wieder weg, als sie bemerken, dass er nur der unflätigere der beiden Söhne des Schmiedes ist. Nicht der große, der freundlich lächelt, wenn er Hufe beschlägt, nicht der, der manchmal singt, wenn er Ware für seinen Vater ausliefert. Sondern nur der, der jetzt ausnutzt, dass er auf einem Pferd sitzt, und sich rücksichtslos durch die Menge drückt.
Zur Ernte dauert es noch eine Stunde, deshalb halten sich die meisten Menschen noch am Rande des großen Platzes auf. Sie warten dort, wo der Schatten am größten ist, denn wie für Distrikt 5 üblich knallt die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Spud spürt, wie ihm erste Schweißtropfen in den Hemdkragen laufen und er krempelt sich die Ärmel hoch. Es spannt ein bisschen, weil das Hemd eigentlich Clerk gehört und der nicht so muskulöse Arme hat, aber es ist ja nicht für lang. Spud führt sein Pferd über den Platz, an dem halb ausgetrockneten Brunnen in der Mitte vorbei und direkt an die Stufen des Justizgebäudes. Hier befindet sich die einzige Stange, an der man in dieser Gegend ein Pferd festbinden kann. Mehr braucht es auch nicht – Spud kennt kaum jemanden, der ein Pferd besitzt, was ihn nur noch mehr die Brust herausdrücken lässt. Als er schwungvoll absteigt, kommt ihm allerdings kurz sein Mageninhalt hoch. Er drückt ihn wieder nach unten und bereut, nicht mehr Wasser getrunken zu haben. Den Friedenswächter neben der Stange ignoriert er, dann leint er das Tier an und schlendert hinüber an den Tisch, an dem Gesandte aus dem Kapitol die Anwesenheit aller Kinder im Erntealter prüfen.
Spud hält ihnen wie jedes Jahr wortlos die Hand hin. Ein kleines Gerät piekst ihn in den Finger, das Blut wird direkt ausgelesen.
„Spudnell Wilson Junior, geboren am 5. November im Jahr des ersten Jubel-Jubiläums?“, liest der Mann mit dem Gerät gelangweilt vor. Er hat so lange künstliche Fingernägel, dass es ihm schwerfällt, das Teil zu bedienen. Außerdem versucht er sich gleichzeitig vor der Sonne zu schützen; immer wieder hebt er den Arm über den Kopf, bis ihm wieder einfällt, dass er die Hand an dem Lesegerät braucht. Er ist kaum bei der Sache und außerdem sichtlich verärgert darüber, dass er auf diesem staubigen Platz herumsitzen muss, der den Saum seiner weiten gelben Hose verdreckt. Spud nickt knapp und die Nebensitzerin des ersten Mannes hakt ihn auf einer digitalen Liste ab. „Möge das Glück stets mit dir sein!“
„Gleichfalls.“ Er tritt ab, wobei er mit Absicht mit den Füßen so über den Boden schabt, dass es besonders staubt, und gibt die Stelle, sich pieksen zu lassen, an den Jungen hinter ihm frei.
Auf dem Platz sind mit groben Seilen Raster gezogen worden, Rechtecke für die unterschiedlichen Altersklassen der Jugendlichen. Spud gehört mit seinen achtzehn Jahren zu den Ältesten, also geht er den Mittelgang bis ganz nach hinten hinunter, auf die rechte Seite, die den Jungen zugeordnet ist. Er nickt ein paar Leuten zu und klatscht seinen Kumpel Diocles ab, der mindestens so geschlaucht aussieht wie er selbst, da sieht er auch schon eine andere ihm bekannte Person auf sich zukommen. Es ist ein Mädchen mit langem dunklem Haar und schmalen Augen, ein Mädchen, das in diesem Distrikt optisch auffällt, jedoch überall in Panem hübsch wäre. Mary. Der Junge neben Spud stößt ein Grunzen aus und Spud wirft sich in die Brust, wie um noch einmal zu unterstreichen, dass sie seine Freundin ist, seine und sonst niemandes.
Mary tritt bis an das Seil heran und Spud setzt sein bestes Grinsen auf, als er ihr entgegengeht und wieder unter der Barriere hindurchschlüpft. Er will sie gerade zu sich heranziehen und küssen, doch kaum hat er seinen Arm um sie gelegt, weicht sie zurück. Ihre Hand fliegt durch die Luft, es klatscht und dann brennt Spuds Wange.
„Was zum Teufel?“ Er hält sich das Gesicht und starrt sie an. Die Ohrfeige hat so einige Köpfe herumfliegen lassen. Fast alle Jungen aus Spuds Altersgruppe haben jetzt die Blicke auf ihn gerichtet, einige belustigt, doch die meisten erstaunt. Nur Dio kann sich ein lautes Pfeifen nicht verkneifen, doch als Mary „Halt die Klappe, Marsh!“ in seine Richtung zischt, ist er still. Wieder an Spud gewandt fährt sie fort: „Sag mal, für wie blöd hältst du mich eigentlich?“
„Schalt mal einen Gang runter!“, murrt Spud und fängt Marys Hand in der Luft ab, als sie ihm erneut eine verpassen will. Sie zerrt ihr Handgelenk sofort aus seinem Griff und macht einen Schritt rückwärts.
„Du bist so ein Arschloch, Spud!“ Marys Stimme ist unangenehm laut und sie denkt gar nicht daran, leiser zu sprechen. In Spuds Brustkorb sorgt es für ein drückendes Gefühl, er ist genervt von ihr. Seufzend weist er mit dem Kopf auf eine Stelle ein paar Schritt entfernt. Was auch immer ihr Problem ist, soll sie es ihm dort an den Kopf schleudern. Doch sie bewegt sich nicht von der Stelle. Schnaubend vergräbt Spud die Hände in den Hosentaschen und wartet ab, bis sie fortfährt. „Dachtest du, ich finde es nicht raus?“ Automatisch zuckt Spuds Blick hinauf zu den Haarsträhnen, die ihm in die Stirn hängen. Mit seiner gebrochenen Nase und den buschigen Augenbrauen war er nie der hübscheste Kerl, bloß Durchschnitt, aber jeder, den er kennt, beneidet ihn um sein Haar und auch die Mädchen lieben es. Wenn Mary nur hier ist, um ihn an den bevorstehenden Verlust seiner Frisur zu erinnern, kann sie getrost wieder verschwinden, findet er. Als er ihr gerade etwas entgegenschleudern will, sagt sie: „Lucia Gilbert? Wirklich?“
„Ach, das“, entfährt es ihm beinahe schon erleichtert und ihr Kopf läuft rot an. Er winkt ab. „Das war nur ein Kuss, reg dich ab!“
Erneut hebt sie die Hand, doch das unverhohlene Gelächter der anderen Achtzehnjährigen hinter Spuds Rücken verunsichert sie so sehr, dass sie von einer weiteren Ohrfeige absieht. Stattdessen ballt sie die Hände zu Fäusten und stampft mit dem Fuß auf. „Nur ein Kuss?“, wiederholt sie ungläubig. „Ich hab gehört, sie hat … sie hat dir …“, während sie spricht, beginnt sie zu weinen, „vor drei Wochen bei der Schulfeier …“ Die Stimme versagt ihr, doch sie nickt unmissverständlich auf Spuds Körpermitte. Die Jungen hinter ihm beginnen wieder zu kichern und Spud muss sich auf die Lippe beißen, um nicht mit einzustimmen.
„Aber es war nur ein einziger Kuss“, beharrt er so sachlich wie möglich.
Mary bricht vollends in Tränen aus. „Und dieses Mädchen aus der zehnten Klasse?“ Sie fuchtelt mit den Händen herum, als wolle sie Fliegen verscheuchen. „Die mit den Zöpfen, die am Damm wohnt?“
„Maire Bardeen?“, hilft Spud ihr aus. Die hatte er fast schon wieder vergessen.
Mary stößt einen Schrei aus. „Du gibst es also zu! Was soll das denn, Spud?“
Er verdreht die Augen und zuckt mit den Schultern. „Müssen wir jetzt da drüber reden?“
„Wir müssen nie wieder darüber reden! Ich will überhaupt nicht mehr mit dir reden, du beschissenes Arschloch!“, schimpft sie, doch Tränen rinnen über ihr Gesicht. „Das hier ist aus!“
Spud runzelt die Stirn und sieht sich um. Es ist still geworden. Noch immer liegt alle Aufmerksamkeit auf ihrem Streit, doch inzwischen haben die meisten peinlich berührt die Köpfe weggedreht. Sollen sie nur gucken, er hat sie ohnehin gesehen. Mürrisch schneidet er eine Grimasse in Richtung eines Mädchens in der Gruppe der Achtzehnjährigen und sofort senkt sie beschämt den Blick und ihre Finger greifen nach der albernen Schürze ihres sandfarbenen Kleides. Spud will sich wieder Mary zuwenden, doch die ist bereits davongestürmt. Also dreht er sich wieder zu den anderen Jungen seiner Altersgruppe um.
„Nicht cool, Mann“, sagt Dio, doch das Grinsen kann er sich kaum verkneifen. Seine Gesichtszüge wirken grotesk, so geschwollen sind die Augen noch von der gestrigen Nacht. „Wenn ich die haben könnte, würde ich dabeibleiben.“
„Tu dir keinen Zwang an.“ Spud schiebt schlecht gelaunt ein paar Steine auf dem Boden hin und her.
„Aber hast du dir Lucia mal angeschaut?“, fragt ein anderer und wieder folgt Gekicher.
Spud hat für sie nur ein Schulterzucken übrig. Ihm ist völlig egal, was sie denken. Ihm ist auch völlig egal, was Mary denkt. Vielleicht wird sie wieder ankommen, vielleicht auch nicht. Dann war es ihr eben ernster als ihm, na und? Mit verdammten achtzehn Jahren ist doch noch lange nicht an Hochzeit oder so einen Blödsinn zu denken. Er ist jung, er will Spaß, und wenn sie etwas anderes will, soll sie sich eben jemand anderen suchen. Während die anderen Jungen sich noch über das Streitgespräch amüsieren, füllt sich der Platz und Spud wird ganz nach vorne an die Begrenzung seines Platzes im Raster gedrängt. Ihm ist es recht. Von hier aus kann er gut auf die Bühne sehen und sich später mit seinen Freunden über die armen Tropfe lustig machen, die hinauf gerufen werden. Tribut für Distrikt 5 zu sein, was für ein Armutszeugnis!
Gerade sind der Bürgermeister und eine kleine Gruppe anderer Personen auf das Holzgestell getreten. Vier Friedenswächter tragen die zwei großen Gläser mit den Namen für die Ernte und sie stellen sie ganz vorne ab. Der Bürgermeister tritt dazwischen und stellt ein Mikrofon auf, rechts und links von ihm nehmen eine bunt gekleidete Frau, die bis zu Spud hinüber nach Kapitol stinkt, und ein streng dreinblickendes Mädchen ihre Plätze ein. Ein Klopfen auf das Mikrofon lässt die Leute auf dem Platz verstummen.
„Guten Morgen“, sagt der Bürgermeister mit fester Stimme und Spud fragt sich, ob der Kerl die Uhr nicht lesen kann. Inzwischen dürfte es fast zwölf Uhr am Mittag sein, die Sonne brennt senkrecht auf den Platz, die Zeiger aller Uhren im Distrikt sollten oben stehen, unschwer zu verfehlen. Er will sich zu Dio umdrehen, da gibt der Bürgermeister seinen Platz am Mikrofon auch schon an die Frau aus dem Kapitol neben ihm weiter. Sofort schrillt eine hohe Stimme über den Platz, so nervig, dass Spud sich fast schon die wütende Mary zurückwünscht. Himmel, was ist denn mit dem Kerl passiert, der üblicherweise die Tribute aus 5 ins Kapitol eskortiert? Er ist froh, als der Propagandafilm über die Dunklen Tage einsetzt und er sich von der Frau erholen kann, doch kaum ist das Material gezeigt, fängt sie wieder an und hält in hochgestochenen Worten eine Rede, wie sie nur jemand aus dem Kapitol halten kann. Große Worte über die Spiele, Worte so kompliziert, dass Spud sie sicher nie schreiben könnte, vor allem aber Worte, die die Brutalität der Spiele verkennen. Stöhnend schaltet er auf Durchzug, bis der erste Name aufgerufen wird.
„Genera Compton.“
Spuds Blick fliegt unbeeindruckt hinüber zu den eingezäunten Bereichen der Mädchen. Er kennt Genny, sie war in seiner Klasse, als er noch zur Schule ging. Sie ist das Mädchen mit dem sandfarbenen Kleid, das so unverhohlen zugesehen hat, als Mary eben mit ihm Schluss machte. Erneut wirft sie ihm einen Blick zu, als sie sich unter dem Seil duckt, doch dieses Mal ist er unsicher, voller Angst. Er nickt ihr zu und beschließt, in diesem Jahr nicht ganz so harte Worte über die Tribute zu verlieren. Zuvor kannte er nie einen von ihnen persönlich und vielleicht ist es nur erwachsen, mit achtzehn damit aufzuhören, über diejenigen herzuziehen, die ihm mit ihrem Tod ein weiteres Jahr seines Lebens schenken. Doch das Problem mit diesem Vorhaben folgt mit dem nächsten Zettel, den die Betreuerin aus dem Glas mit den Namen zieht: „Spudnell Wilson.“
Das hat ihm gerade noch gefehlt.


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Anmerkung
Diese FF ist als Spin-Off zu meiner anderen Panem-FF Capitol-Born Tribute lesbar. Vorwissen ist allerdings kein Muss! Beide FFs sind eigenständig verständlich und liegen zeitlich sehr weit auseinander, aber sie deckeln sich eben in der Art, wie ich Orte beschreibe, und teilen sich die eine oder andere Figur. Wer die eine FF kennt, erhält durch die andere Hintergrundinfos und Easter Eggs, aber sonst sind das jeweils normale Geschichten, versprochen! Tatsächlich ist die hier sogar der bessere Anfang, obwohl ich sie später geschrieben habe. Wie auch immer, ich hoffe, es gefällt euch – auch denjenigen, die hier das erste Mal was von mir lesen! :)
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