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16 Briefe

von Fialina
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
Manuel Fettner OC (Own Character)
13.01.2022
20.01.2022
3
3.443
1
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
14.01.2022 1.469
 
Vielen Dank für die Rückmeldungen zum ersten Kapitel! Jetzt will ich euch nicht länger auf die Folter spannen. Viel Spaß!
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Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, saß Daniel bereits fertig angezogen mir gegenüber auf seinem Bett und musterte mich nachdenklich.
„Ist was?“, blaffte ich nicht gerade besonders höflich.
„Nee nee.“, murmelte er, schob noch etwas Undeutliches mit Frühstück hinterher und machte sich dann aus dem Zimmer.
„Scheiße.“, brummte ich vor mich hin. Jetzt hatte ich wegen diesem beschissenen Brief schlecht geschlafen und auch noch meinen Zimmerkollegen vergrault.
Ich machte mich fertig und ging dann ebenfalls runter zum Frühstück. Am Buffet erwischte ich Daniel kurz allein.
„Hey, tut mir Leid wegen vorhin.“, entschuldigte ich mich für meine miese Laune, die ich an ihm ausgelassen hatte.
„Schon gut, ich weiß ja, dass es nicht um mich geht.“
„Hast du’s wem erzählt?“, fragte ich vorsichtig nach.
„Scheiße Mann, Manu, nein. Ich geh doch nicht hin und tratsche dein Privatleben ins gesamte Team. So gut solltest du mich mittlerweile kennen.“, raunzte mein Zimmerkollege mich an und marschierte dann leicht beleidigt zurück zum Tisch unseres Teams.
Beim Frühstück fragte zum Glück niemand nach dem Grund für meine schlechte Laune, vermutlich hatte Daniel alle vorgewarnt, dass sie mich besser nicht ansprechen sollten, wenn sie am Leben bleiben wollten.
Nach dem Frühstück hatten wir noch ein wenig Zeit bevor es zur Schanze ging. Ich sammelte meine Sportklamotten zusammen, denn ich wollte mir die Zeit im Kraftraum vertreiben um nicht zu sehr ins Nachdenken zu kommen. Doch der werte Herr Huber dachte nicht einmal daran mich aus dem Zimmer zu lassen und lehnte an der Tür.
„Was ist? Willst du mich hier festhalten?“
„Auf die Gefahr hin, dass ich gleich einen Kopf kürzer bin aber hast du den Brief mittlerweile gelesen?“, wollte er von mir wissen.
„Nein und das werde ich auch erstmal nicht.“, in der Schublade lag der Brief gut. Vielleicht würde ich ihn auch einfach dort lassen, wenn wir abreisen.
„Du hast ihn gestern von einem jungen Mädel bekommen hast du gesagt.“, bohrte Daniel weiter.
„Ja und?“, ich verstand absolut nicht worauf er hinaus wollte.
„Ich nehme mal an, dass sie heute wieder da ist und sich eine Antwort erhofft.“
„Dann hat sie Pech gehabt.“, murrte ich und versuchte mich an meinem Zimmerkollegen vorbei zu quetschen.
„Manu, was wenn sie wirklich deine Tochter ist und sich da nicht bloß jemand einen Spaß erlaubt?“
„Glaubst du, das hier ist das erste Mal, dass jemand das behauptet? Gut, sonst waren es eher die Frauen, die sich dann nochmal gemeldet haben aber ich war halt früher kein Kind von Traurigkeit. Damit muss ich eben leben. Und bisher hat das auch ziemlich gut funktioniert.“
„Genau. Bisher. Lies dir den Brief doch wenigstens durch. Danach kannst du immer noch sagen das ist Mist, das kann nicht sein. Aber dann bereust du es wenigstens nicht irgendwann ihn nicht oder nicht eher gelesen zu haben.“, redete Daniel weiter auf mich ein.
Irgendwo hatte er ja Recht. Aber ich war momentan glücklich und zufrieden mit meinem Leben und da passte ein Kind nun mal nicht rein. Erst recht keins, das schon schreiben konnte.
„Ich kann das nicht.“, murmelte ich und fand mich kurz darauf in Daniels Armen wieder.
„Doch kannst du. Was soll ich machen, damit du den Brief liest? Dir Händchen halten, vorlesen?“, versuchte er sich an einem kleinen Scherz.
„Vorlesen wär wohl tatsächlich nicht schlecht. Wie ich dich kenne muss ich dir ja sonst eh alles nochmal erzählen.“
Daniel schluckte. Damit hatte er wohl doch nicht gerechnet.
„Musst du nicht, wenn du nicht willst. Aber dann nerv nachher nicht.“, bot ich ihm einen Ausweg an.
„Ne passt schon. Die Neugierde siegt.“, er grinste schief.
Wir lümmelten uns auf die Betten, ich zog den Brief aus meiner Nachttischschublade und reichte ihn meinem Teamkollegen.
„Bereit?“, er sah mich über den Zettel hinweg an, nachdem er ihn auseinandergefaltet hatte.
„Nein.“
„Gut. Los geht’s.“
Daniel begann laut vorzulesen.

Hallo Papa,
jetzt bist du sicher geschockt und liest erstmal nicht weiter. Zumindest hat Mama gesagt, dass du wohl am ehesten so reagierst, wenn ich diese Anrede verwende. Hatte sie Recht?


Definitiv.

Sie hat mir auch nicht viel Hoffnung darauf machen können jemals eine Antwort von dir zu bekommen. Als sie schwanger mit mir war hat sie mehrfach versucht dich zu erreichen, offensichtlich ohne Erfolg. Wenn du nichts mit mir zu tun haben möchtest ist das für mich okay, aber ich möchte, dass du weißt, dass es mich gibt und was du verpasst hast.
Mein Name ist Lina und ich bin 16 Jahre alt. Die Silvesterparty 2004/2005 falls dir das auf die Sprünge hilft. Mama hat dort gekellnert um sich was für ihr Studium zu verdienen, das sie dann nie angetreten hat. Ärztin wollte sie werden.


Leise Erinnerungen schlichen sich in meinen Kopf.

Mittlerweile habe ich verstanden warum sie nicht begeistert war als ich Skispringen lernen wollte. Für sie waren es schmerzhafte Erinnerungen. Es macht ihr heute noch zu schaffen, dass sie mir nicht die Chance auf eine Kindheit in einer „normalen“ Familie bieten konnte. Ich sage ihr dann immer, dass ich mir keine andere Kindheit gewünscht hätte. Lieber so  als ein erzwungenes Familiendrama.
Die Sprungschuhe musste ich mittlerweile an den Nagel hängen nach einer Knieverletzung im letzten Jahr. Jetzt möchte ich nach der Matura auch Ärztin werden. Oder Physiotherapeutin, da bin ich mir noch nicht ganz sicher.

Wenn du es bis hierhin geschafft hast zu lesen, dann schaffst du bestimmt auch die anderen 16 Briefe, die ich dabei habe. Die 16 Briefe, die meine Mama geschrieben hat. Jedes Jahr an meinem Geburtstag einen. Sie wusste nur nie wohin sie sie senden sollte und hat sie aufbewahrt. Sie weiß nicht, dass ich von ihnen weiß, genauso wenig weiß sie, dass ich sie mitgenommen habe. Sie hat sich nach 16 Jahren damit abgefunden, dass du nichts von uns wissen wolltest. Ich aber nicht. Und ich wüsste gerne warum.
Wenn du die Briefe lesen und mich kennenlernen möchtest, ich bin an Neujahr wieder an der Schanze. Wenn nicht, tu so als hättest du diesen Brief nie bekommen und ich werde dich für genauso einen Idioten halten wie Mama es tut und du wirst nie wieder etwas von mir hören.

Deine Tochter Lina


„Hier kleben noch zwei Fotos drauf.“, Daniel reichte mir den Zettel. Auf der Rückseite war ein Foto von dem Mädchen, das mir den Brief gestern in die Hand gedrückt hatte und offenbar meine Tochter war. Das andere Foto zeigte sie als kleines Baby in den Armen ihrer Mutter. Und die Erinnerungen an Silvester von 17 Jahren wurden immer lauter. Bis heute hätte ich behauptet es wäre einer der besten Jahreswechsel meines Lebens gewesen. Ein Silvester bei dem ich vom Feuerwerk nichts mehr mitbekommen hatte, weil ich die ganze Nacht beschäftigt war.
Ich hatte gar nicht gemerkt, dass Daniel sich neben mich plumpsen lassen hatte. Er deutete auf das aktuelle Foto.
„Sie sieht dir schon recht ähnlich.“
„Sie hat die Augen ihrer Mutter.“, war das Einzige, was mir dazu einfiel. Dieses leuchtende Eisblau würde ich nie vergessen können.
„Erinnerst du dich an sie?“, hakte Daniel nach.
Ich nickte.
„Svea. War eine grandiose Nacht.“
„So genau wollte ich das jetzt nicht wissen.“, lachte mein Zimmerkollege und fragte dann weiter. „Willst du sie treffen?“
„Keine Ahnung. Wenn ja stellt es ziemlich sicher mein Leben komplett auf den Kopf, obwohl ich gerade ziemlich gut zufrieden bin wie es ist, wenn nicht…“, ich atmete tief durch.
„Bereust du es sicher irgendwann.“, vollendete Daniel meinen Satz.
„Zumindest vielleicht.“, murmelte ich.
„Glaubst du wirklich du kannst das dein Leben lang mit dir rumschleppen ohne dich jemals zu fragen was gewesen wäre, wenn du sie doch getroffen hättest?“
„Vermutlich nicht.“
„Dann wüsste ich was ich an deiner Stelle machen würde.“, Daniel klopfte mir aufbauend auf die Schulter und begann sein Sprungzeug zusammen zu suchen. Immerhin mussten wir gleich los.
„Daniel ich hab Schiss.“
„Alter, das hätte jeder. Aber so wie du dich damals durch die Welt gevögelt hast, ist das doch schon viel zu lange gut gegangen.“, lachte er und rang mir damit auch ein müdes Schmunzeln ab.
„Wo du Recht hast. Mal wieder.“
„Hey, wenn du Hilfe brauchst, kannst du auf mich zählen.“, meinte mein Zimmerkollege wieder todernst.
„Danke.“
Auch ich machte mich nun ans Packen. Allerdings wesentlich schweigsamer als sonst. Mir graute es davor, dass dieses Mädchen, das offenbar meine Tochter war, mir die Dinge, die sie geschrieben hatte, ins Gesicht sagen würde. Ganz zu schweigen davon was ihre Mutter über 16 Jahre verteilt in die Briefe geschrieben hatte. Da käme ich bestimmt nicht gut bei weg. Zu recht. Ich hatte jahrelang meine One-Night-Stands genau so aufgefasst wie sie hießen, nach der Nacht ist es vorbei. Keine Nummern tauschen, keine der Frauen je wieder sehen. Entsprechend schwer wird es gewesen sein mich zu kontaktieren.
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