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Salzwelt

Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Sci-Fi / P16 / Gen
11.01.2022
23.01.2022
5
8.156
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14.01.2022 1.669
 
Nach einigem Suchen fanden sie sogar eine richtige Einstiegsluke auf der anderen Seite des Wracks. Sie war etwa zwei Meter Hoch und etwas mehr als einen Meter breit. Jemand hatte unter dieser eine Leiter befestigt, sodass auf diese Weise ein Einstieg möglich war. An dieser Seite des Schiffes ließ sich auch erkennen, dass es hier wohl nicht immer so windstill war, denn lockeres Salz hatte sich wie Pulverschnee oder Flugsand an dessen metallener Außenhaut aufgetürmt. Dahl erklomm die Leiter vorsichtig und stellte zu seiner Überraschung fest, dass die Tür zwar zugefallen, jedoch nicht verschlossen war. Mit einiger Anstrengung schaffte er es, sie aufzustemmen.
Rasch hielt er einen kleinen Scanner in die Öffnung. Diesen kleinen Apparat hatte er vor einiger Zeit selber gebaut. Damit ließen sich die meisten regulären Sprengstoffe erkennen.
Gelegentlich kam es nämlich vor, dass Raumpiraten sich in solchen Wracks einnisteten oder diese plünderten und die Eingänge als kleinen Gruß mit Fallen versahen.
Es rührte sich jedoch nichts.
Vorsichtig blickte er hinein und verschaffte sich mithilfe seiner Lampe etwas Licht.
„Haaallloooo?“, rief er.
Keine Antwort.
„Ist hier noch irgendwer am Leben? Wir sind das Bergungsteam!“
Noch immer keine Anwort.
„Und? Können sie was erkennen?“, fragte der Captain.
„Wir werden unsere Lampen brauchen, Sir!“, rief Dahl von oben herab.

Scorso nickte.
„Wir gehen da jetzt rein. Gewehre sind gesichert, aber griffbereit. Scheint hier zwar keine Piraten zu geben, aber wir wollen dennoch kein Risiko eingehen“, sagte er und machte eine auffordernde Geste.
Drei der Roboter übernahmen die Aufgabe, hier draußen nach möglichen Gefahren Ausschau zu halten, worin auch immer diese bestehen mochten.
Hinter der Einstiegsluke sahen sie eine weitere Leiter, die nach oben führte. An deren oberem Ende wiederum befand sich ein quadratischer Raum, von welchem nach links und rechts zwei Korridore abgingen. Zu ihrer Linken befanden sich zwanzig Spinde mit drahtgitterdurchzogenen Panzerglastüren. In jedem von ihnen hing ein Mehrzweck-Arbeitsanzug, in den Funktionsweisen ähnlich denen, die sie selber trugen, sowie ein Paar schwerer Stiefel. Allerdings stand einer der Spinde offen. Das Schloss war zertrümmert worden und der Anzug fehlte.
„Sieht nicht so aus, als hätten sie noch Zeit gehabt, rechtzeitig eine vollständige Evakuierung einzuleiten…“, murmelte Lerman.
„Sieht so aus“, bestätigte Scorso düster.
Er konnte sich noch gut daran erinnern, dass es, zur Zeit seiner ersten Raumfahrten vorgeschrieben war, dass in Schiffen einer gewissen Größe, alle Besatzungsmitglieder in solchen Dingern rumlaufen mussten, zumindest während der Arbeitszeit, für den Fall eines Lecks in der Außenhülle.
Hätte es diese Vorschrift noch gegeben, dann hätte die Besatzung, je nachdem, was vorgefallen war, eventuell eine deutlich höhere Überlebenschance gehabt, da war er sich sicher. Nun, immerhin fehlte einer der Anzüge. Das bedeutete, dass es vielleicht Überlebende gab. Einen zumindest.
„Dahl und Lerman, sie beide suchen nach der Fracht und möglichen Überlebenden. Oxtar, sie kommen mit mir und nehmen die Technik unter die Lupe“, ordnete der Captain an.
Oxtar, die die Einzige von ihnen war, die ein solches Schiff noch nicht von innen gesehen hatte, folgte Scorso, während die anderen beiden in die entgegengesetzte Richtung gingen.

Dahl pfiff unbekümmert, als er und Lerman den Gang entlangschritten.
Letzterer störte sich zwar durchaus daran, er hatte jedoch beschlossen, es sich nicht lohnte, deshalb zu streiten. Also ignorierte er es so gut er konnte und betrachtete stattdessen die Wände des Ganges, durch welchen sie schritten. Beim Aufprall hatten sich große Teile der Verkleidung gelöst, die nun auf dem Boden lagen. Ihr Fehlen offenbarte die Verkabelung der Bordelektronik, die sich ebenfalls teilweise gelöst hatte und nun wie Lianen von der Decke baumelte. Zum Glück floss da kein Strom durch, sonst hätten sie womöglich ein Risiko für die beiden Raumfahrer dargestellt.
Nach einer Weile standen sie vor einem verschlossenen Schott. Es war groß, grau und auf ihm prangte in gelber Farbe die Nummer eins.
„Dahinter müsste sich der Frachtraum befinden. Zumindest, wenn das hier so aufgebaut ist, wie sonst auch immer“, sagte Lerman fachkundig.
„Gibt keinen Grund daran zu zweifeln. Also, an die Arbeit“, sagte Dahl fröhlich. Sie setzten den Ultrapneumatik – Spreizer an und pumpten. Die schwere Mechanik, deren Aufgabe es war, das Schott geschlossen zu halten, protestierte knirschend und ein Funkenregen stob über die beiden hinweg, aber langsam glitten die beiden Hälften des Schotts unter der Macht der Ultrapneumatik auseinander. Sie stellten ihre Lampen auf Maximum und betrachteten den Raum vor sich.
Dieser war riesig und hätte genug Platz geboten, um eine kleine Kirche darin unterzubringen. Jedes Schiff dieser Bauart besaß zwei davon. Kisten und Fässer, die eigentlich sorgsam gestapelt und befestigt gewesen waren, lagen unordentlich verstreut überall herum. Offenbar war die Außenhülle an dieser Stelle bei dem Aufprall sehr stark beschädigt worden, denn eine ungeheure Menge an Salz war hereingekommen und hatte sich, wie eine Lawine ins Innere ergossen.
Als Dahl seinen Fuß darauf setzte, bemerkte er, dass das Salz hier drin sehr viel weicher war, als draußen. Das seltsame Bild einer Düne an einem Sandstrand kam ihm in den Sinn. Fehlte nur noch etwas Graß und eine Möwe, dann wäre die Erscheinung perfekt gewesen.
Die nächste Viertelstunde verbrachten sie damit, zwischen den Trümmern umherzuwandern und diese zu untersuchen.
„Was meinst du, was hatten die geladen? Was mag wohl in diesen Kisten drin sein?“, fragte Dahl nachdenklich. Sein Kollege zuckte mit den Achseln.
„Ist mir im Grunde egal. Mir ist nur wichtig, dass wir gut von jemandem dafür bezahlt werden, dass wir sie ihm bringen“
„Ja, klar, natürlich ist das das Wichtigste, aber ich bin trotzdem neugierig. Du etwa nicht?“, entgegnete Dahl. In diesem Moment entdeckte er eine Kiste, die beschädigt genug war um sie zu öffnen. Was ihn erwartete, war jedoch Enttäuschung.
Lerman kam herbei.
„Niemand hat gesagt, dass du das öffnen sollst!“, seufzte er. Dahl drehte sich nicht zu ihm um, sondern blickte weiter in die Kiste.
„Sorry, war schon auf. Außerdem ist sie eh leer“, sagte er und bemerkte im selben Moment, dass das nicht ganz stimmte. Graue Krümel befanden sich darin. Es waren nicht viel, vielleicht eine halbe Handvoll. Er hatte bereits erlebt, dass empfindliche Biomasse sehr schnell zerfiel, wenn sie nicht ordnungsgemäß gelagert wurde. Dass dies hier keine ordnungsgemäße Lagerung darstellte, erschloss sich ihm auch ohne Hochschulabschluss, dennoch war er etwas enttäuscht.
„Ja, du hast recht. Lass uns zurück an die Arbeit gehen“, sagte er und drehte sich nach seinem Kollegen um, doch dieser war verschwunden. Nur seine Lampe lag noch dort im Salz.
„Was zum…“, murmelte Dahl verblüfft und sah sich forschend um, wobei er den Lichtkegel seiner Taschenlampe über die Umgebung wandern ließ.
„Ja, sehr lustig, Mann! Jetzt komm raus!“, rief er, doch niemand antwortete ihm.
„Das ist nicht witzig! Du solltest das Witzigsein den Profis überlassen! Damit meine ich mich!“
Noch immer antwortete ihm keiner. Er wurde ärgerlich.
„Was soll die Scheiße? Soll ich die ganze Arbeit alleine machen? Soll ich dem Captain vielleicht sagen, dass du dich lieber versteckst, als das zu tun, wofür du bezahlt wirst?“
Er hörte etwas hinter sich. Es war ihm, als flüstere jemand etwas. Blitzschnell fuhr er herum. Da war niemand. Ein vages, aber nagendes Gefühl der Unruhe überkam ihn.
„Hallo? Ist da jemand?“ Nur ein leises Echo war die Antwort.

Der Captain wusste zwar, wohin sie gehen mussten, dennoch ging er recht vorsichtig. Immerhin war das Schiff schwer beschädigt und das letzte, was sie in solch einer Situation gebrauchen konnten, war, dass ihnen ein Stahlträger entgegenkam.
Zum Glück waren ihre Lampen stark und reichten weit.
„Waren sie schon mal in so einem Schiff?“, fragte er. Oxtar schüttelte den Kopf.
„Äh, das nicht Sir, aber mein Vater fuhr auf einem BioTecCon – Schiff ähnlicher Größe. Er hat mir einiges erzählt.“
„Welches Schiff?“
TSS Odin, Sir.“
„Letztes Jahr außer Dienst gestellt?“
„Genau, Sir.“
„Dann wissen sie auch, was die Crew eines BioTecCon – Schiffes von der anderer Schiffe unterscheidet?“
Oxtar dachte angestrengt nach. Doch, sie war sich sicher, dass ihr Vater etwas darüber gesagt hatte. In diesem Augenblick passierten sie ein Leck in der Außenhülle, das mit einem Stück Fußboden notdürftig gegen hereinwehendes Salz abgedichtet worden war. Oxtars Vermutung, diesen Punkt betreffend, war also richtig gewesen.
Etwas klirrte, als ihr Fuß dagegen stieß. Ein kleiner, tragbarer Scheinwerfer. Sie blickte sich um und sah, dass es hier mehrere gab, die auf dem Boden lagen. Jemand musste sie in Reihe geschaltet und so eine Art provisorischer Beleuchtung geschaffen haben.
Ihre Hoffnung auf Überlebende stieg.
Da fiel ihr wieder ein, was ihr Vater ihr erzählt hatte.
„Sie haben immer einen Biologen an Bord“, antwortete sie.
„Richtig. Sind sie mal einem begegnet?“
„Ich bin mir nicht sicher, Sir.“
Scorso lachte kurz.
„Oh, glauben sie mir, daran würden sie sich erinnern. Eine Begegnung mit einem Biologen vergisst man nicht so schnell. Ich bin erst zweimal einem begegnet und fühlte mich hinterher wie neugeboren.“
In diesem Punkt war Oxtar sich sicher, dass der Captain ein wenig übertrieb. Das tat er gelegentlich, um ihr einen Schauer über den Rücken zu jagen. Das hatte natürlich besser funktioniert, als sie noch deutlich unerfahrener gewesen war, aber auch jetzt noch gelang es ihm gelegentlich, sie zu gruseln.
„Was genau sind Biologen eigentlich?“, fragte sie, um etwas Professionalität an den Tag zu legen und gleichzeitig möglichst unbeeindruckt zu wirken.
Der Captain zuckte mit den Achseln.
„Schwer zu sagen. Der Legende nach, war in den alten Tagen, vor Beginn des Raumzeitalters, als alle Menschen noch auf der Erde lebten, die Biologie eine Wissenschaft, was die Biologen jener Zeit praktisch zu Wissenschaftlern machte. Heutzutage scheinen sie jedoch darüber hinausgewachsen zu sein. Was genau sie heute sind, nun, das weiß ich auch nicht genau. Tatsächlich bin ich mir nicht mal wirklich sicher, ob es angemessen wäre, sie noch als Menschen zu bezeichnen. Sie sind sehr anders. Ich weiß nur eines mit Gewissheit: Theoretisch steht der Captain eines Schiffes zwar über dem Biologen, aber praktisch verhält es sich andersherum. Der Biologe repräsentiert immerhin das Konsortium“, erklärte er.
„Klingt, als könnten wir froh sein, keinen bei uns zu haben“, murmelte Oxtar.
„Genau darauf wollte ich hinaus“, antwortete Scorso.
Sie gelangten an eine Stelle, an welcher Teile der Decke und einige Kisten eine Art Barriere bildeten, die sich jedoch leicht überwinden ließ.
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