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Heiligabend - Veränderungen

von Isaria
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / MaleSlash
Agron Nasir OC (Own Character) Spartacus
10.01.2022
10.01.2022
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Nasir warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach 17 Uhr an diesem Tag. Heiligabend zeigte der Kalender aber draußen war von Schnee nicht die geringste Spur zu sehen. Das Jahr war so schnell vergangen und hatte viele Veränderungen in seinem und dem Leben seiner Mutter und seines Bruders gebracht.

Der Staat hatte sie als Flüchtlinge anerkannt und da Nasir dank seines Stipendiums von der Stadt jetzt schon ein gutes halbes Jahr die hiesige Universität besuchte, hatte die Stadtverwaltung ihnen eine Zweizimmerwohnung in einer Neubausiedlung vermittelt.

Während die Mutter im Wohnzimmer auf der Schlafcouch schlief, teilte er sich das andere Zimmer mit seinem Bruder. Der Umstand die Sicherheit einer eigenen Wohnung zu haben, war eine enorme Errungenschaft für die kleine Familie gewesen. Ohne Angst vor irgendwelchen Übergriffen durch fremde Personen konnten Nasirs Bruder Narid und seine Mutter seit langer Zeit wieder angstfrei die Nacht verbringen und schreckten nicht mehr bei jedem Geräusch aus dem Schlaf auf.

Seit Wochen freute sich Narid auf Weihnachten und vor allem auf den Weihnachtsmann und hatte in seiner besten Handschrift einen Wunschzettel geschrieben und ihn im Flüchtlingsheim Naevia mit strahlenden Augen gegeben.

Doch seit zwei Tagen war Narid gar nicht mehr fröhlich, sondern versteckte sich meist in ihrem Zimmer und rückte kaum mit der Sprache heraus. Leise seufzend sah sich Nasir im Zimmer um. Für das Abendessen war bereits der Esstisch festlich gedeckt und in der Ecke stand auf dem kleinen Tisch ein geschmückter Weihnachtsbaum.

Den hatte er zusammen mit Agron vor zwei Tagen gekauft und dazu hatte er von seinem Zuhause eine kleine Minilichterkette und zwei kleine Kartons mit Baumschmuck geholt und sich dann mit Nasir daran gemacht den Baum zu schmücken.

Aus der Küche drangen leise klappernde Geräusche und die verschiedensten Gerüche. Dazwischen konnte Nasir auch ein melodisches Summen vernehmen und neugierig ging er nachsehen. Die Mutter füllte gerade den zweiten Salat in eine große Schüssel und stellte gleich darauf eine weitere daneben und schüttete vorsichtig den gekochten Couscous hinein.

„Das sieht gut aus. Darf ich mal probieren?“, fragte er halblaut und wies auf das köchelnde Curry im großen Topf. „Nein, mein Junge, du wirst warten bis alles fertig ist. Wann kommen deine Freunde?“ „In anderthalb Stunden hat Agron versprochen. Nach der Bescherung im Heim kommen sie zu uns.“

„Gut, bis dahin wird wohl das Essen fertig sein und wir können vor dem Essen noch die Geschenke verteilen. Sicher freut sich Narid schon auf den Weihnachtsmann. Hast du seinen Wunschzettel gesehen?“

Er lächelte. „Ja habe ich. Er hat sich einen Globus oder ein Teleskop gewünscht.“ „Also kein neues Spielzeug? Aber der Junge ist noch ein Kind und einen solchen Wunsch hätte ich wohl eher von dir erwartet als von ihm.“

„Schon möglich aber Narid fängt jetzt an sich für andere Dinge als Spielzeug zu interessieren aber keine Sorge, er freut sich bestimmt auch über ein neues Stofftier.“ Die Mutter sah ihn eindringlich an. „Hast du etwa im Schrank gestöbert und eure Geschenke gefunden?“

„Was wenn ich ja sage? Bist du dann sehr enttäuscht?“ „Nur wenn du deinem Bruder davon erzählt hast.“ „Habe ich nicht. Ehrenwort.“ und dann fügte er leise hinzu. „Der Tiger ist wirklich schön.“

„Den habe ich für Narid gekauft.“ „Was? Der Tiger ist gar nicht für mich?“ Es bereitete ihm Mühe seine Enttäuschung zu verbergen aber seine Mutter konnte darüber nur lächeln, weil sie schon wusste, was Agron für ihren Sohn als Geschenk besorgt hatte.

Er wies auf die beiden Schüsseln. „Soll ich die schon auf den Tisch stellen?“ „Nur die beiden Salate kannst du schon mit rüber nehmen. Was denkst du, mein Junge? Soll ich vielleicht den Couscous als süße Beilage zubereiten oder so wie immer mit Kräutern und Tomaten?“ „Süß klingt gut. Agron und Spartacus bringen bestimmt auch noch etwas mit.“

Nachdem Nasir die beiden Schüsseln abgestellt hatte, ging er in sein Zimmer, wo Narid auf seinem Bett saß und vorgab ein Buch zu lesen. „Narid, du solltest dich allmählich umziehen. Bald kommt der Weihnachtsmann zu uns und da solltest du vernünftig aussehen.“

„Es gibt keinen Weihnachtsmann und darum kann er mir auch kein Geschenk bringen.“, kam es traurig aus Narids Mund und Nasir runzelte die Stirn und setzte sich neben seinen Bruder auf das Bett. „Wer hat dir denn so was gesagt?“ „Ein paar Kinder in meiner Klasse haben mich ausgelacht, weil ich noch an den Weihnachtsmann glaube.

Die haben gesagt, dass sie ihre Geschenke alle von ihren Eltern und ihren Omas und Opas erhalten würden. Sie schreiben ihre Wunschzettel und geben sie ihren Eltern oder lassen sie auf ihrem Bett liegen, bevor sie am Morgen in die Schule gehen und wenn sie wieder nach Hause kommen, ist der Wunschzettel nicht mehr da.“

Nasir fiel keine bessere Erwiderung ein als diese. „Nun ja, die Eltern haben ja auch mehr Erfahrung und wissen wohin sie die Wunschzettel schicken müssen, damit sie der Weihnachtsmann erhält.“ Narid sah seinen Bruder skeptisch an und verschränkte gleich darauf seine Arme vor der Brust.

„Wirklich Nasir? Du bist ein schlechter Lügner, dass kann ich dir nämlich ansehen. Stimmt das also, was die anderen Kinder in meiner Klasse behauptet haben?“ „Und wer hat dann die beiden letzten Jahre die Geschenke im Heim verteilt?“

Nachdenklich zog sich der Bruder bis an die Wand auf seinem Bett zurück und überlegte. „Er war mit Agron und Donar da und seine Stimme und seine Augen, die könnten zu Spartacus passen.“ Zunächst rückte Nasir ein Stück nach hinten, damit er wieder neben seinem Bruder sitzen konnte bevor er dessen Vermutung bestätigte.

„Richtig, kleiner Bruder. Aber was ist falsch daran an einen Weihnachtsmann zu glauben, der einem zumindest einmal im Jahr die meisten Wünsche erfüllt?“ „Eigentlich nichts und die Mama würde mir auch bestimmt keinen Globus kaufen, weil er nicht wichtig ist,wie etwas zu essen oder Sachen zum anziehen.“

„Na also. Na schön, soll ich dann vielleicht Agron anrufen, damit der Weihnachtsmann nicht zu kommen braucht?“, fragte Nasir lächelnd. „Nein aber vielleicht lässt ja Spartacus den Bart und die Rute weg, wenn er uns die Geschenke bringt.

Du hast dir auch was gewünscht, stimmt´s?“ „Agron hat mich dazu überredet und darum habe ich mir einen neuen Rucksack gewünscht.“ Narids Augen wanderten zum Schreibtisch unter dem der alte Rucksack des Bruders stand.

Die Nähte waren an etlichen Stellen gerissen und der Stoff wies mehrere Flecken auf. Leider hatte ihre Mutter bislang weder die Zeit noch das Geld gehabt um ihm einen neuen zu kaufen.
„Und jetzt zieh dich um, kleiner Bruder und ich werde Agron kurz anrufen.“ „Mach ich gleich. Nasir hast du gesehen, was für Geschenke Mama uns gekauft hat?“ „Nein, habe ich nicht. Aber sie hat ganz bestimmt etwas gekauft, worüber du dich freust.“ Mit diesen Worten war er auch schon durch die Tür und ließ den Bruder allein zurück.

Agron meldete sich schon nach dem zweiten Klingelton und seine Stimme klang fröhlich. „Hey Nasir, keine Angst. Wir sind schon auf dem Weg nach Hause und kommen in einer guten Stunde zu euch.“ „Ist Spartacus bei dir? Dann sag´ ihm doch bitte, dass Narid nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt. Ein paar Kinder in seiner Klasse haben ihn wohl ausgelacht und ihm erklärt, wie das mit den Geschenken läuft.

Spartacus kann gern in dem Mantel kommen aber ohne den Bart und die Rute. Tut mir leid, Agron.“ „Nein nein, ist schon okay. Ich sag´s ihm, wenn ich ihn nachher sehe. Mutter gibt mir die Geschenke für euch alle drei mit.“ Ungläubig fragte Nasir nach. „Deine Mutter hat ein Geschenk für meine? Aber, aber meine hat bestimmt nicht daran gedacht.“

Er hörte Agron lachen. „Nasir, das macht doch nichts. Ist halb so wild. Bis dann ja? Ich freue mich schon auf dich und Nasir?“ „Ja?“ „Ich liebe dich.“ Nach einer kurzen Pause erwiderte er. „Und ich liebe dich. Bis dann.“

Nach dem Anruf rief er in Richtung Küche. „Mutter! Die kommen in einer Stunde!“ „Danke, mein Junge!“ kam es in der gleichen Lautstärke zurück. Etwas leiser fügte er noch hinzu. „Agrons Mutter schickt dir auch ein Geschenk mit.“ „Oh, das ist nett. Gut, dass ich daran gedacht habe.“

Lächelnd nickte Nasir und freute sich darüber, dass seine Mutter so umsichtig gewesen war. Er ging zu ihr und fragte sie ob er noch etwas helfen könnte aber sie schob ihn lächelnd aus der Küche und da eilte er ins Bad. Noch schnell Hände und Gesicht waschen bevor auch er sich in ihrem Zimmer umzog.

Narid war schon fertig und stand am Fenster und sah hinaus. Nasir stellte sich neben ihn und da lehnte er sich an seinen großen Bruder. „Bringt mir Spartacus trotzdem mein Wunschgeschenk mit?“ „Aber ja und Agrons Mutter hat ihnen bestimmt auch noch eins mitgegeben.“

Die Augen des Bruders begannen zu glänzen. „Im letzten Jahr gab es diesen tollen Freßbeutel, wie ihn Agron genannt hat. Ob wir heute auch so einen bekommen?“ Nasir dachte kurz nach und seufzte ein wenig sehnsüchtig. „Ich hoffe es. Der war schon toll.“

Beide fingen an zu kichern und Narid wurde von Minute zu Minute aufgeregter. Um ihn ein wenig abzulenken, bot Nasir an doch bis dahin noch etwas zusammen zu spielen. „Und was genau willst du spielen?“ „Wie wäre es mit Halma oder Mikado?“

„Ich bin für Halma, für Mikado bin ich einfach zu aufgeregt.“, klang es fast wie eine Entschuldigung aber Nasir lächelte nur und holte das Spiel aus dem Schrank. Sie spielten ein paar Runden bis auf einmal ihre Mutter hereinkam, einen Stuhl nahm, ihn vor den großen Schrank stellte und dann von ganz oben einen großen Karton herunterzog und aus dem obersten Fach einen großen Plastikbeutel.

„Mama, was ist das?“, fragte sie Narid vom Spiel aufsehend. „Weihnachtsgeschenke. Ich packe sie schon mal unter den Baum.“ „Oh, sind die alle für uns?“ „Nein, mein Schatz. Da sind auch Geschenke für unsere Gäste dabei.“ „Auch für Spartacus?“ „Ja, auch für ihn.“

Narid kicherte. „Du gibst dem Weihnachtsmann ein Geschenk? Ist das eigentlich nicht umgekehrt?“ Die Mutter sah ihre beiden Söhne an und stimmte schließlich in deren Gelächter mit ein. „Ich werde das jetzt richten und mache euch beiden einen bunten Teller.“

Bei diesen Worten dachte Nasir an all´ die Weihnachtsfeste zurück als er noch klein war und sie alle noch zusammen in Syrien lebten und gemeinsam mit dem Vater und den vielen Tanten und Onkeln in der großen Stube feierten.

„So einen wie früher?“ Sie nickte. Über sein Gesicht zog ein strahlendes Lächeln und dann stand er auf und gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange. Überrascht sah sie ihn an und dann ging sie eilig aus dem Zimmer.

Die beiden Brüder grinsten sich an und wandten dann ihre Aufmerksamkeit wieder dem Spiel zu bis es auf einmal an der Wohnungstür klingelte. Sofort war Narid auf den Beinen und riss gleich darauf die Tür auf. Doch anstatt der vertrauten Gesichter erblickte er einen Mann, den er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte.

Er sah arabisch aus und in seinen Händen hielt er zwei volle Plastikbeutel. Der Junge wirkte recht enttäuscht. „Du bist aber nicht der Weihnachtsmann.“ Der Mann runzelte die Stirn und erwiderte mit aufgesetztem Lächeln. „Nein, der bin ich nicht. Mein Name ist Ashur und ich bringe deiner Mutter die Näharbeiten für die nächsten Tage.“

Wie aus dem Nichts erschien Nasir an der Seite seines kleinen Bruders. „Ashur, mit dir haben wir heute gar nicht gerechnet.“ Die beiden musterten sich kühl und Narid riss die Augen auf und dann wurde er auch schon von Nasir nach hinten geschoben.

„Es ist Montag und da holt deine Mutter immer ihre Näharbeiten bei mir ab. Nur heute scheint sie es wohl vergessen zu haben, so dass ich ihr den Kram selbst bringen muss.“ „Wirf mal einen Blick auf deinen Kalender. Heute ist Heiligabend und die kommenden Tage sind Weihnachtsfeiertage und nicht dafür gedacht, dass unsere Mutter Stunden an der Nähmaschine verbringt.“

„Moslems feiern kein Weihnachten, mein Junge und nur weil wir hier in Deutschland sind, heißt das nicht, dass sie nicht nach den Regeln spielen kann.“

Nasir spürte eine Hitze in seinem Gesicht und wie der Zorn langsam von ihm Besitz ergriff. Seine Augen funkelten und seine Stimme klang ungewohnt hart. „Wir sind Christen und hier können wir endlich frei leben und die Feste feiern ohne Angst zu haben vor Leuten wie dir.“ „Ihr seid Kopten?“

Noch bevor er antworten konnte, legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. „Ja, das sind wir. Was willst du heute Abend hier? Ich hatte dir doch gesagt, dass ich nach den Feiertagen wieder zu dir komme und Aufträge entgegennehme.“

„Wann sollst du mir das denn gesagt haben? Ich habe dergleichen nicht in meinem Notizbuch eingetragen.“ „Ich habe es dir letzten Mittwoch gesagt, wahrscheinlich warst du mit deinen Gedanken sonst wo. Wie dem auch sei, jetzt lass´ die Beutel hier und ich kümmere mich nach den Feiertagen darum.“

Ashur wollte schon etwas sagen,als hinter ihm zwei junge Männer auftauchten, bei deren Stimmen er förmlich zusammenzuckte. Der eine von ihnen hatte kurzes dunkelblondes Haar und trug einen roten Weihnachtsmannmantel aber ohne Kapuze auf dem Kopf und einen weißen Bart im Gesicht.

In seiner rechten Hand hielt er einen großen Jutesack der bis zur Hälfte gefüllt zu sein schien. Und neben ihn der junge Mann hatte kurze dunkelbraune Haare und mit beiden Händen hielt er eine Obststeige fest, deren Inhalt von einer dünnen Decke gegen die Kälte geschützt wurde.

„Guten Abend alle miteinander.“, kam es fröhlich aus Spartacus Mund. Schon drängte sich Narid an seiner Mutter vorbei. „Der Weihnachtsmann ist da! Hallo Spartacus, hallo Agron!“, rief er freudig. Doch die gute Stimmung wurde durch einen Blick auf den ungebetenen Besucher ein wenig getrübt.

„Ashur? Was machst du denn hier?“ „Spartacus? Lange nicht gesehen.“ „Nicht lange genug, fürchte ich.“ Der Angesprochene musterte die beiden Männer eindringlich. „Der Beschreibung nach scheinst du Agron zu sein oder liege ich damit falsch?“

„Ganz und gar nicht. Und wenn ich an Naevias Worte denke, dann siehst du genauso aus,wie ich mich dir vorgestellt habe. Ein schmieriger und ziemlich dummer Kerl. Es geht ihr übrigens sehr gut, seit sie keinen Kontakt mehr mit dir zu pflegen hat.“

„Na schön. Ich werde dann wohl gehen. Wir sehen uns dann nach den Feiertagen.“, wandte er sich recht ungehalten zu Nasirs Mutter und war gleich darauf die Treppe hinunter verschwunden. Agron warf ihm einen Blick hinterher und schüttelte den Kopf.

„Was wollte der denn hier?“ „Ich arbeite seit einem halben Jahr für ihn. Das Flüchtlingsheim hat mir seine Daten gegeben und er hat mir in seiner Schneiderei Arbeit gegeben. Ich führe Näharbeiten aus und Naevia hat mir eine alte Nähmaschine überlassen.

Ashur zahlt ganz gut und mit den Bezügen von Narid und von Nasir kommen wir ganz gut zurecht und dazu noch die Hilfe von der Tafel.“ Spartacus nickte verstehend. „Ist schon gut, Ayse, ich war nur verwundert. Dürfen wir jetzt reinkommen?“

„Ohh,aber ja. Willkommen in unserem Zuhause.“ Sie ließ die beiden eintreten und schloss hinter ihnen die Tür und dann folgte sie ihnen langsam ins Wohnzimmer, wo Agron seine Steige bereits auf einen der Stühle abgestellt hatte und Spartacus mitten im Raum stand und Narid neugierig und mit großen Augen den Jutesack ansah.

„Wir machen zuerst die Bescherung und danach können wir essen. Ist euch das recht?“, fragte sie in die Runde. „Aber sicher doch. Dann wollen wir mal anfangen.“,entgegnete Spartacus und öffnete den Sack.

Als erstes kam ein schmales Päckchen in Sicht, welches er der Frau reichte. Sie dankte ihm lächelnd und sah sich den kleinen Anhänger an. „Von Agrons Mutter, danke sehr.“ „Mama, was ist da drin?“ „Mal sehen, mein Schatz.“ Bedächtig knüpfte sie das Geschenkband auf und schlug endlich das Papier auseinander.

Es war ein großes Wolltuch und ein Einkaufsgutschein von 30 Euro für den Supermarkt. „Das ist viel Geld. Agron, bitte richte deiner Mutter meinen Dank aus.“ „Mach ich gern.“ Das nächste kleine Geschenk hatte eine seltsame Form und es war für Nasir bestimmt.

Der nahm es und wog es spielerisch in seinen Händen, nachdem er den Anhänger gesehen hatte. Seine Augen wanderten zu Agron, der ihn schelmisch ansah. Nur wenig später hielt Nasir einen Schlüsselanhänger in Form einer kleinen Stoffeule und einen Plüschluchs in seiner Hand.

„Ich mag Luchse. Danke Agron.“ und trat zu ihm und gab ihm einen Kuss auf den Mund. „Du solltest noch die Karte lesen.“, flüsterte der in Nasirs Ohr. Der Weisung folgend, wurde Nasirs Freude von Sekunde zu Sekunde größer.

Es war eine Eintrittskarte für den Wildpark, keine halbe Stunde von ihrer Stadt entfernt und dem Datum nach bereits schon nach Weihnachten. „Kommst du mit?“ Agron zog seine eigene Karte aus der Hosentasche. „Natürlich. Hast du gedacht, ich lasse dich allein fahren und vielleicht irgendwo verloren gehen?“

Inzwischen hatte Spartacus schon das nächste Geschenk in der Hand. Auch dieses war schmal und schien leicht zu sein. Er gab es Narid, der gleich darauf einen neuen Schlafanzug aus ihm zog. „Mama, das ist von Agrons Mutter.“ Auch das nächste war von ihr und enthielt eine Sweatjacke für Nasir.

Dann holte er einen kleinen Karton heraus und gab ihn Narid. Es war ein Ergänzungsset für seine Eisenbahn und der Karte nach war dies das Geschenk von Agron. „Nasir, baust du mit mir morgen das Set auf?“ „Aber klar doch, kleiner Bruder.“

Jetzt blieben nur noch zwei Geschenke übrig. Zuerst zog Spartacus einen Rucksack hervor und reichte ihn Nasir. Dessen Augen glänzten vor Freude und als er ihn öffnete, fand er eine kleine Lunchbox, eine Trinkflasche und ein gefülltes Federmäppchen.

„Wow, ihr habt sogar an Kleinigkeiten gedacht. Danke Spartacus.“ „Ist schon gut. Einen leeren Rucksack zu verschenken, sieht irgendwie nicht so gut aus.“ Nasir nickte und drückte fest die Hand seines Gegenübers.

Für das letzte Geschenk bückte sich Spartacus und stülpte den Sack so weit es ging um und dann zog er langsam einen großen Karton heraus und hielt ihn Narid hin. Freudestrahlend sah er das Bild auf der Verpackung an.

„Mama, ein Globus! Danke Weihnachtsmann.“ Der lächelte. „Gern geschehen, mein Junge. Das war übrigens der ungewöhnlichste Wunsch, den ich seit Jahren erfüllen durfte. Es hat ein paar Tage gedauert bis wir ein Geschäft gefunden haben, wo es so etwas zu kaufen gibt.

Der ist sogar mit Beleuchtung, ich hoffe, dass gefällt dir.“ Seine nächsten Worte richtete er an Agron. „Ich bin fertig,wie sieht´s jetzt bei dir aus?“ „Wer hat Lust auf Süßigkeiten?“, fragte Agron und schon reckten sich zwei Hände in die Höhe.

„Okay, was haben wir hier alles?“, dabei nahm er die Decke von der Steige und hob die ersten beiden Tragetaschen hoch, die auch die anderen Kinder im Heim bekommen hatten. Die folgenden Taschen waren unverkennbar von Agrons Mutter und schon stieß Narid seinen Bruder leicht in die Seite.

„Der gleiche wie schon letztes Jahr.“ Sie grinsten sich an und dann wühlte Narid schon mal in seinem Beutel bis er einen großen Weihnachtsmann aus Schokolade gefunden hatte und ihn seiner Mutter zeigte.

Auch an sie hatte Agrons Mutter gedacht und ihr eine Schachtel Pralinen und ein Päckchen Lebkuchen mitgegeben.

Der Rest in der Steige waren ein Stollen und zwei Salate für das Abendessen. Die Salate kamen sofort auf den gedeckten Tisch und den Stollen legte sie erst einmal in den Küchenschrank und kehrte dann zu den anderen zurück.

Sie wies zum Baum und alle blickten gespannt auf die großen und kleinen Päckchen. „Und jetzt bin ich an der Reihe,um Geschenke zu verteilen.“ Wenige Minuten später packte Narid sein letztes Geschenk aus. „Nasir schau, ein Plüschtiger.“

Zunächst stellte er den Tiger neben den Luchs und dann begutachteten die beiden Brüder ihre Ausbeute. Die Mutter hatten ihnen Unterwäsche, einen Winterpullover und einen Anorak geschenkt. Zudem erhielt Nasir noch einen Taschenrechner. Beide umarmten sie und gaben ihr einen Kuss auf die Wange.

Sowohl Spartacus als auch Agron bekamen einen Schal und eine kleine Tü te mit Süßgebäck. Für Agrons Mutter gab es zwei selbstgenähte Kopfkissenbezüge, versehen mit Stickereien und Fransenkordeln an den Ecken.

Die versprochenen bunten Teller waren randvoll gefüllt mit Datteln, Feigen, Nüssen, ein paar Clementinen und Süßgebäck und dazu eine kleine Schachtel Lokum. Narid sah sich ein wenig verwundert seinen Teller an aber Nasir freute sich sehr über ihn.

Der Bruder war noch zu klein gewesen, um sich an das letzte Weihnachten in ihrer Heimat zu erinnern und wusste nicht, dass die Mutter ihnen immer einen solchen Teller hergerichtet hatte.

Nachdem alle Geschenke wieder einen Platz unter dem Baum gefunden hatten, bat die Mutter zu Tisch und Nasir half ihr die Schüsseln aus der Küche zu tragen und auf ihn zu stellen. Agron und Spartacus machten große Augen bei all´ dem Essen, was es hier zu entdecken gab.

Es gab eine cremige Linsensuppe, gefüllte Teigtaschen mit Kartoffeln und Lauch, gekochte Lammstücke in einer milden Spinatsauce und ein Hähnchencurry. Dazu gab es Reis und gemischte Salate. Zudem gab es süßen Couscous mit Vanille und Rosinen.

Die beiden Salate, die Agron von seiner Mutter mitgebracht hatte, waren ein Kartoffel- und ein Nudelsalat.

Auch an Getränke war gedacht und es fanden sich drei Karaffen auf dem Tisch. Eine mit Eistee und die beiden anderen mit Orangen- und Traubensaft.

Gemeinsam saßen sie über eine Stunde, aßen von sämtlichen Gerichten und unterhielten sich dabei über alles und jeden.

Kurz nach 21 Uhr war die kleine Feier beendet und als Spartacus die Wohnungstür öffnete, nahm Agron entschlossen Nasir mit nach draußen in den Treppenaufgang, um sich noch ein wenig ungestört mit ihm unterhalten zu können.

„Nasir, ich werde im Januar bei meinen Eltern ausziehen. Ich habe ein Apartment gefunden und ich möchte dich gern fragen ob du mit mir zusammenziehen möchtest.“ Sofort trat der zwei Schritte von Agron zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Agron, ich kann nicht. Meine Mutter und mein Bruder, die brauchen mich doch. Außerdem studiere ich doch noch und kann dir keinen Teil der Miete dazugeben.“

Den Einwand verstand Agron nur allzu gut aber hier ging es in erster Linie um eine gemeinsame Zukunft für sie beide. Sie liebten doch einander aber die wenigen Stunden, die sie für sich allein hatten, die genügten Agron nun schon lange nicht mehr.

Er wollte Nasir für immer in seinem Leben haben, alles mit ihm teilen und ihm zur Seite stehen in allen Belangen.

„Nasir, ich liebe dich und wir haben doch diese Chance für uns verdient. Wir bleiben doch hier in der Stadt und du kannst deine Mutter und deinen Bruder doch jeden Tag sehen, wenn du das möchtest.

Aber ich möchte mit dir zusammenleben, ich will mit dir alles teilen. Nicht nur die schönen Momente sondern dir auch beistehen, wenn es dir nicht so gut geht. Und die Miete kann ich allein zahlen. Ich verdiene recht gut und irgendwann nach deinem Studium, wenn du eine gute Arbeit gefunden hast, dann können wir noch mal über einen Teil der Miete sprechen.“

Nasir nickte zustimmend. Die Wohnung hier war doch für sie alle drei doch recht eng und Nasir fand kaum die nötige Ruhe und den Platz, um für die kommenden Prüfungen zu lernen. Dann würde auch Narid das Zimmer für sich allein haben und seine Mutter konnte das Geld für seine Versorgung ebenfalls sparen.

„Wann soll ich denn meine Sachen packen und zu dir ziehen?“ Ein breites Lächeln zog in Agrons Gesicht und er befand die Mitte des Januars für am besten geeignet. Dann hatte er selbst seine ganzen Sachen in der kleinen Wohnung verstaut und sicher auch schon sämtliche bestellten Möbel aufgebaut. Dann konnte Nasir in ein gemachtes Nest einziehen und sich gleich von Anfang an rundherum wohlfühlen.

„Ich sage es morgen meiner Mutter und danach rufe ich dich an. Einverstanden?“ „Sogar sehr. Dann freue ich mich schon auf deinen Anruf oder du kommst morgen zum Essen bei uns vorbei. Mutter hat eine große Gans gekauft, da wirst du bestimmt auch davon satt.“

„In Ordnung, also bis morgen. Ich liebe dich.“ Agron gab ihm einen Kuss. „Und ich liebe dich. Mutter wird sich über deinen Besuch freuen und mein Bruder natürlich auch.“

Sie lachten sich an und dann winkte Nasir noch den beiden Männern hinterher, während sie die Stufen nach unten gingen.

Das alte Jahr ging gut zu Ende und das kommende Jahr konnte Nasir kaum erwarten.
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