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Blue Sky (Deutsche Übersetzung)

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Freundschaft / P12 / Het
Chell
09.01.2022
12.03.2022
5
45.338
 
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09.01.2022 7.249
 
Kapitel 1: Der Rückruf



Eine Nachahmung- eine verfälschte Person-
Möchte ich nie sein-
Welche Schattierungen der Ungerechtigkeit auch immer
Meinem Wesen unterliegen-
Wahrheit ist selige Gesundheit- und Sicherheit, und der Himmel.
Wie armselig, was für ein Exil- ist eine Lüge,
Und sie ist laut- wenn wir sterben-
-Emily Dickinson


()~~~~~~~~~~~~~~~~()



Irgendwo tief in dem gigantischen unterirdischen Labyrinth namens Aperture Laboratories joggten zwei kleine Roboter einen langen Steg entlang, ihre Schritte hallten an den fernen Wänden wider. Einer – klein, stämmig, mit einem hell blau leuchtendem Auge in der Mitte seines kugeligen Körpers, quiekte dem anderen zu – dieser war größer, dünner und sein zusammengelöteter Körper beherbergte ein einziges orangenes Auge – und nahm die Führung auf, hob das seltsame, pistolenartige Stück Technik in seinen gelenkigen Händen und feuerte zu einer angewinkelten Platte ganz am Ende des Korridors. Ein blauer Energieblitz zischte durch die Luft bis an das Ende des Steges und über einen großen Riss im Boden hinweg, der sich wie ein klaffender Abgrund auftat.

Ein flirrendes blaues Portal öffnete sich an der Stelle, wo der Energieblitz auf die Platte traf. Ohne zu zögern schmissen sich die beiden Roboter über den Rand des Abgrundes, stürzten in ein dunkles, mit Drähten gespicktes Rohr, das sie nach rechts, links und schließlich wieder in die Dunkelheit schleuderte, der Steg nur noch ein schwindender Lichtpunkt über ihnen.

Der blaue Roboter rollte sich in der Luft zusammen, drehte sich mit dem Kopf nach unten und feuerte erneut. Auf dem Boden der Grube - eine verrostete, fettverschmierte weiße Fläche - öffnete sich nur eine halbe Sekunde vor dem Aufprall ein zweites blau umrandetes Oval.

Beide Roboter stürzten mit der Endgeschwindigkeit-im-freien-Fall hinein und schossen aus der angewinkelten Platte heraus, woraufhin sie in einer sechzig Meter hohen Parabel durch die trübe, von Trägern durchzogene Luft flogen und dabei ein langezogenes, freudiges Quietschen von sich gaben.

Der orangenfarbende Roboter kam als erster auf obersten Plattform an und landete in einer Hocke, wobei er den Aufprall mit den kräftigen Stoßdämpfern in seinen langen, stabförmigen Beinen abfederte. Der blaue Roboter landete eine Sekunde später, rollte sich ab - da er quasi kugelförmig war, konnte er das besser - und rannte in die Richtung des großen roten Knopfes, der im Boden eingelassen war. Der orangene Roboter überholte, trat kräftig auf den Knopf und genoss, wie das stählerne Tor vor ihnen mit einem leisen zischhh aufsprang.

Die beiden Roboter gaben sich ein enthusiastisch High-Five, bei dem Funken sprühten, und trabten vorwärts.

„Ihr habt es geschafft.“

Ihre Stimme ertönte von überall gleichzeitig; synthetisch, kühl und unfassbar gelangweilt.

"Schön für euch."

Die Roboter liefen in den nächsten Raum, hielten inne und sahen sich um. Der blaue Roboter verlagerte sein Gewicht, der orangefarbene hüpfte nervös von einem Fuß auf den anderen. Sie waren darauf programmiert worden, sich an ungewohnte Umgebungen anzupassen - es war eine ihrer Primärfunktionen -, aber selbst nach ihren Maßstäben stimmte mit diesem Raum etwas nicht. Er war, nun ja... leer.

"Es gab eine Planänderung. Ich lege das Projekt ‚Kooperative Testinitiative‘ vorübergehend auf Eis."

Keine Knöpfe, keine Würfel, keine Geschütztür
me. Und jetzt, wo das runde Tor sich hinter ihnen geschlossen hatte, auch kein Ausgang.

„Eure Leistung war akzeptabel.", sagte die Stimme. "Auf Wiedersehen."

Die beiden kleinen Roboter sahen sich einen Moment lang verwirrt an -

- und explodierten.

Es war eine ziemlich unspektakuläre Explosion. Der Knall war nicht laut - und abgesehen von einem Schauer aus Metallsplittern und einer kleinen Wolke öligen Rauchs – gab es kein Durcheinander. Nach einem Moment fuhr eine der Platten, aus denen die weißen Wände bestanden, aus, und fegte die Überreste der beiden Roboter sauber hinter die Wand. Die Platte fügte sich wieder lückenlos zwischen den anderen ein und ließ die Raum sauber und leer zurück, abgesehen von ein paar Ölflecken und einem leichten Rauchgeruch.




()~~~~~~~~~~~~~~~~()



Das Weltall, dachte Wheatley, war groß.

Es war gewaltig. Es gab so viel davon, dass es sich als geradezu unmöglich erwies, sich seine tatsächliche Größe vorzustellen. Das glitzernde Gewölbe der Sterne erstreckte sich endlos in alle Richtungen: unbegreiflich, schwindelerregend, ewig und unendlich groß.

Außerdem war es sehr, sehr langweilig.

Es ist traurig, aber wahr: Die Schönheit des unendlichen Kosmos verblasst nach einer Weile. Am Anfang war es wunderschön, beeindruckend und atemberaubend und dergleichen. Er konnte ihn so lange er wollte beobachten, die vielen verschiedenen Arten von Sternen bewundern und so. Wheatley wusste ihre richtigen Namen nicht - astronomische Forschung war nicht Teil seiner Programmierung -, aber wegen des Mangels an offiziellen Terminologie hatte er sich seine eigenen ausgedacht. Es gab die "kleinen Glitzernden" - sie waren wahrscheinlich sehr weit weg, selbst für Stern-Verhältnisse, und machten den Großteil der Sterne aus, die er sehen konnte - und dann gab es die "großen Hellen", die entweder etwas näher waren oder Planeten oder so etwas in der Art, und die "Bunten", bei denen er sich nicht ganz sicher war, und - ganz selten - gab es "solche, die sich als brennender Weltraumschrott herausstellten“.

Mit denen konnte man Stunden verbringen.

Er hatte sich auch an Sternbildern versucht, mit weniger Erfolg. Es war eine Herausforderung, Formen in den Sternen zu erkennen, wenn man unaufhörlich um den Mond kreiste, und Wheatley war dem nicht gewachsen. Das sein Objektiv beschädigt war, machte es auch nicht leichter. Die Linse war gesprungen und hatte sein Sichtfeld in zwei leicht verschobene Hälften geteilt, was bedeutete, dass ihm schwindelig wurde, wenn zu wenn er sich zu sehr auf irgendetwas konzentrierte. Schwindel, ob nun simuliert oder nicht, ist nicht lustig, selbst wenn man in der Lage ist anzuhalten und sich hinzusetzen, bis er aufhört. Wenn einem aber schwindelig ist, aber keine andere Wahl hat, als den Mond mit ungefähr zweitausendsiebenhundert Kilometern pro Stunde und einem leichten Trudeln zu umkreisen, kommt das Höllenqualen gleich.

Dennoch hatte er es versucht. Von einer Stelle der Umlaufbahn aus konnte man eine Z-förmige Gruppe von Sternen sehen, die er "Führungsschiene" nannte. Dann gab es noch einen der "großen Hellen" in der Mitte eines Bogens aus "kleinen Glitzernden", den er, da er nicht viel Phantasie hatte, wenn es um die Benennung von Dingen ging, "Geschütztürm" nannte.

Auf diese Weise hatte er einen ganzen Sternenkreis benannt: Die Deckenplatte, den Steg, die Kartoffelbatterie, das Rohrnetz, die tödliche Todesfalle, den machtbesessenen Idioten und so weiter. Auf diese Weise konnte man gut Zeit totschlagen, und davon gab hier oben zu viel.

Aber wenn man das erst einmal erledigt und alles, was mit den Sternen zu tun hatte, schön kategorisiert hatte, gab es nicht mehr viel zu tun. In Wheatleys Blickfeld gab es nur vier Dinge, die nicht Sterne oder Schwärze waren, und keines von ihnen bot viel Abwechslung von der Eintönigkeit. Der kraterüberzogene Mond, Kilometer unter ihm, war das eine. Dann gab es da noch die Erde, eine weiß-blaue Kugel in der Ferne, unglaublich weit weg. Wheatley, der die Oberfläche der Erde nie mit eigenen Augen gesehen hatte, fragte sich manchmal insgeheim, ob sie wirklich so aussah, wie in den Dateien aus dem riesigen Archiv visueller Daten, auf die er zugreifen konnte, als er mit dem Server des Hyperschlafzentrums verbunden war.

In den Dateien waren alle möglichen seltsamen Sachen zu finden - riesige Wassermassen, er nahm an, dass das Blaue dort unten war - Flächen mit grünem, flauschigem Zeug, das im - wie hieß das Wort noch gleich? Es war auf der Spitze seines Sprachprozessors – Wind. Das im Wind wehte. Auch Tiere sollen da unten sein, nicht nur Menschen, sondern alle Arten verrückter Lebensformen. Sie hatten seltsame Namen wie Elch und Schnabeltier und Tiger und Ebolavirus und Einohrn. Wheatley hatte keine Ahnung, was ein Einohrn war, aber er fand, es hörte sich ziemlich beeindruckend an.

Und dann gab es da noch die Sonne. Den Archiven zufolge war die Sonne von der Erdoberfläche aus gesehen gar nicht so schlimm, aber von hier oben, ohne den Schutz des weißen, flauschigen Zeugs, das die Erde umgibt, war sie ein intensives, kaltes, grell-gelbes Licht. Wheatley wagte es nicht, mit seinem kaputten Objektiv direkt in die Sonne zu schauen, weil er befürchtete, dass sie ihm die visuellen Schaltkreise aus dem Leib schmoren oder, schlimmer noch, etwas in Brand setzen würden. Nicht, dass im Weltraum wirklich etwas brennen könnte – es gab schließlich keinen Sauerstoff -, aber es bestand immer die Möglichkeit, dass irgendwo in seinem ramponierten Metallkörper noch ein paar Luftbläschen herumschwirrten, und er wollte kein Risiko eingehen, nur um einen Blick auf einen lodernden Gasball zu erhaschen.

Um ehrlich zu sein, wollte er die Sonne sowieso nicht ansehen. Sie erinnerte ihn zu sehr an Sie: hart, erbarmungslos und unablässig.

Also, die Erde, der Mond und die Sonne. Das war's eigentlich, es sei denn, man zählte…
„WELTRAUM!“

Wheatley seufzte. Wenigstens einer war glücklich mit der Situation. Es war eine Ewigkeit her - wie lange genau, wusste er nicht und es graute ihm davor, daran zu denken -, seit die beiden ins All gesogen worden waren. Wheatley hatte anfangs versucht, die Tage zu zählen, aber Addition gehörte nicht zu Stärken (Stärken zu haben war keine seiner Stärken, genau genommen), und er hatte schließlich aufgegeben und sich stattdessen eine fundierte Schätzmutung aufgestellt. 'Jahre', das schien richtig zu sein. Eine verdammte Ewigkeit.

Dem Weltraum-Kern hingegen wurde es nie leid. Weltraum-Kern - oder Kevin, wie Wheatley ihn genannt hatte - war begeistert davon, im Weltraum herumzuschwirren. Er liebte es. Konnte gar nicht genug davon bekommen. Mittlerweile beneidete Wheatley ihn sehr. Kevin wusste nicht, dass die beiden für Jahrzente in diesem kalten Nichts festsitzen würden, bis sie schließlich durch Verschleiß oder Verwesung den Betrieb einstellen oder einfach Schwung verlieren und hilflos auf die felsige Landschaft unter ihnen stürzten würden. Kevin konnte nicht über so etwas nachdenken. Kevin wusste nicht, wie es war, sich dumm zu fühlen, oder nutzlos, oder schuldig, oder einsam.

Kevin wusste nicht einmal, dass sein Name Kevin war.

"Alles in Ordnung, Kumpel?", fragte Wheatley und versuchte, wenigstens so zu klingen, als ob er eine sinnvolle Antwort erwartete. Man konnte nicht mehr davon ausgehen, dass Kevin mit einem "Gut, Wheatley, danke der Nachfrage" antworten würde, aber Wheatley war Meister des grundlosen Optimismus, selbst jetzt, wo es absolut keinen Anlass dazu gab. Alte Gewohnheiten wurde man nur schwer los.

Er zuckte unfreiwillig zusammen. Seit Sie ihn zu Schrott zerquetscht hatte - ihr kleines Dankeschön an ihn, weil er sie wieder eingeschaltet hatte, und er hätte wirklich lieber einen Blumenstrauß oder so etwas gehabt, nur für's Protokoll - wurde er von diesem kleinen, immer wiederkehrenden, mechanischen Fehler heimgesucht, der ihn hin und wieder durchfuhr und seine gesamte Mechanik zucken und funken ließ. Hier oben gab es natürlich keine Funken, aber das Zucken war immer noch genauso lästig wie damals, als es zum ersten Mal gespürt hatte, vor so langer Zeit.

„Weltraum!" sagte Kevin enthusiastisch und driftete kopfüber vorbei. Natürlich gab es hier oben keinen Ton - das lag an der ganzen Sache mit dem nicht vorhandenen Sauerstoff -, aber Kevin war wie Wheatley ein Aperture Science Gerät und für Notfälle mit dem gleichen kompatiblen Kurzwellenfunksystem ausgestattet.

"Ich bin im Weltraum."

Ein richtiges Gespräch, dachte Wheatley sehnsüchtig, zum ungefähr dreißigsten Mal. Das brauche ich jetzt. Ein richtiges Gespräch wäre absolut fantastisch. Die Art, bei der ich rede und dann jemand anderes redet und - nun, man müsste nicht einmal etwas sagen, wirklich, solange man mir tatsächlich zuhört, anstatt mich nicht wahrzunehmen, weil es zwischen den Hörprozessoren nichts gibt außer Weltraum. Und dazu noch ein flachen, festen Boden, nichts Ausgefallenes, nur etwas, das sich nicht mit zig Kilometern pro Stunde um eine Felskugel dreht, das wäre ein absoluter Traum.

Nur ein bisschen Smalltalk, wirklich", sagte er laut. Die Erde drehte sich in seinem Blickfeld langsam auf den Kopf. Ein runder und blauer und in der Mitte verschwommener Ball. Der Gimbal-Stabilisator, der die Bewegungen seines Objektives steuerte, war etwas verzogen. Selbst blinzeln war schmerzhaft, da die beiden beschädigten Hälften seines Augenlides nur langsam reagierten und Mondstaub über die beschädigte Linse kratzten. Er schaffte bis zur Hälfte, gab auf und ließ es geschlossen.

Es war ja nicht so, als ob er viel verpassen würde.

"Nicht über irgendetwas Bestimmtes, nur, du weißt schon, wie geht es dir, was hast du in letzter Zeit so gemacht, so was in der Art. Hast du eigentlich", fügte er nach einem Geistesblitz hinzu, "schon mal Einöhrner gesehen? Gibt es sie wirklich, und wenn ja, wie sehen sie aus? Bestimmt sind es Hasen oder so, bloß mit – nun, da ist ein ‚Ein‘ im Wort, also haben sie bestimmt nur ein… etwas. Ohr, wahrscheinlich. Ganz normale, flauschige Hasen mit nur einem Ohr, und das mitten auf dem Kopf. Okay, das ist gruselig.“

„Weltraum.“

"Das Ärgerliche ist, dass in dem Datensatz ein Bild von einem Einohrn war, daran kann ich mich genau erinnern. Ich habe nur vergessen wie es aussieht, weißt du. Ich hab‘ alles Mögliche vergessen, da war einfach nicht genug Platz auf meiner kleinen, alten Festplatte für all diese Dateien - Gott, es waren Unmengen von ihnen! Buchstäblich Millionen. Millionen von Millionen. Kein Wunder, dass ich nicht herausbekommen habe, was davon wichtig war..."

"Was ist das? Oh. Das ist der Weltraum."

"Nun... wie auch immer, hast du irgendwelche Einöhrner gesehen, oder so, wie ist das Wetter da unten, hast du in letzter Zeit irgendwelche guten Tests bestanden?" Wheatley war sich kaum bewusst, dass er im Bezug auf hypothetische Gesprächspartner vom Allgemeinen ins Spezifische abgedriftet war. Er hob an seinen oberen Griff in einer, wie er meinte, lässigen Weise. Leider war dieser verbogen und knarrte. "Es ist schön, dich zu sehen, du weißt schon, lebendig und so weiter, ich hoffe, du bist nicht allzu sauer wegen der ganzen Ich-versuch-dich-zu-umzubringen-Sache... obwohl, selbst wenn du immer noch ein bisschen sauer darüber bist, wäre das auch in Ordnung. Das ist mehr als vernünftig. Ich meine, wenn ich an deiner Stelle wäre, wenn du mir in letzter Sekunde in den Rücken gefallen wärst, gerade als wir fliehen wollten und so weiter, und mich dann gezwungen hättest, an einem Haufen bescheuerter Tests teilzunehmen, und dann versucht hättest, mich wie ein unbedeutendes kleines Insekt zu zerquetschen, dann wäre ich auf hundertachtzig gewesen! Absolut fuchsteufels…"

Ich bin im Weltraum. Weltraumstaub. Weltraum-Felsen. Meteor Meteor Meteor Meteor-"

"Sorry, Kev, ich versuche mich hier zu unterhalten? Wenn es dir nichts ausmacht."

"Meteor."

"Also, wie auch immer, ich wollte nur sagen, es macht mir nichts aus, dass du ein bisschen auf mich bist, wirklich nicht, und schau, nichts für ungut, dass du mich hier oben zurückgelassen hast, okay? Es ist genau das, was ich verdiene, um ehrlich zu sein. Genau, was ich verdient habe. Ich hoffe nur... Ich wünschte, du wärst..."

"Meteor."

"JA, ich weiß, Meteoriten! Gut gemacht! Der Weltraum ist voll von ihnen!" Wheatley konnte den anderen Kern nicht richtig anschreien, da er sich in den letzten Minuten langsam gedreht hatte und nun fast genau in die entgegengesetzte Richtung blickte, aber er kniff sein rissige Auge zu und fokussierte dann so scharf und wütend, wie er konnte die Leere vor ihm, nur der Vollständigkeit halber. "Weißt du, es würde dich nicht umbringen, wenn du mir einmal zuhören würdest-"

Das erste und letzte, was er in der Leere vor ihm bemerkte, war, dass sie nicht mehr leer war. In diesem letzten Sekundenbruchteil, als sich seine Welt mit dunklem, gesprenkelten Gestein füllte, erinnerte sich Wheatley daran, dass im Weltraum keine Geräusche gab, und dass man daher, wenn man nicht speziell auf etwas geschaut hatte, zum Beispiel weil man das einzige Auge in einem Anfall von tagträumerischem Wunschdenken geschlossen hatte, nicht bemerkt, dass sich etwas einem nähert. Selbst wenn das fragliche Etwas die Größe eines Esstisches hatte, aus massivem Gestein bestand und unglaublich schnell auf einen zuraste.

"-oh nein."

"Meteor.", sagte Kevin fröhlich.

Es hätte ein Geräusch geben müssen. Wheatley wäre es viel lieber gewesen, wenn es ein Geräusch gegeben hätte, etwas angemessen katastrophales, zum Beispiel ein schreckliches, langgezogenes kniiiirsch oder ein metallisches KLONG oder - na ja, irgendetwas. Irgendetwas anderes als das, was tatsächlich hörte, nämlich nichts, nur einen Moment, in dem Kevin fröhlich vor ihm schwebte, und im nächsten war da-

-nichts mehr, nur eine sich ausbreitende Wolke aus Metall, gelbem Glas, pulverisierten Fragmenten, einem schmerzhaftes Knacken in Wheatleys Empfänger und dem Meteor, der unverändert weiterflog.

Wheatley schrie, teilweise aus Entsetzen, aber hauptsächlich aus purem Schock. Dann schrie er noch einmal, diesmal eindringlicher, als der Schauer von Teilen, die einmal Kevin gewesen waren, wie ein Hagelsturm auf ihn einschlug, von seiner metallische Hülle abprallten und eine Schockwelle ihn nach hinten warf. Sein visueller Prozessor versagte unter dem Bombardement, und Dutzende von verschwommenen blau-weißen Erden huschten über sein Blickfeld.

"Kevin! Oh Gott, nein!"

Ein Persönlichkeitskern hat keine Lunge, keinen Hals und daher auch nicht das physische Bedürfnis zu husten, aber es gibt Dinge, die immer einen Hustenreiz auslösen, egal ob es einen logischen Grund gab oder nicht. Und wenn man versehentlich eine riesige Wolke aus den atomisierten Silikatresten seines einzigen Gefährten in sich aufsaugt, gehört das definitiv in diese Kategorie, weshalb Wheatley hustete und spuckte, um sein System zu reinigen.

"Eh- hch- pfheh! Oh Gott, ich bin voll mit Stückchen von ihm! Stücken von Kevin! Oh, das ist einfach krank - ähm, und auch ein bisschen respektlos, nehme ich an. Man soll die Toten ja nicht einatmen. In den meisten Kreisen gilt das als ein kleiner Fauxpas."

Er nieste.

"Tut mir leid, Kevin. Ich konnte nicht anders. Aber wenigstens ist es so, wie du es dir gewünscht hättest, oder? Atomisiert von einem Meteor, im Weltraum. Fast schon poetisch, wirklich…"

Es gab eine sehr lange Stille. Einem Beobachter, der ein wenig aufmerksamer war als Wheatley, wäre vielleicht aufgefallen, dass der Mond ein klein wenig kleiner aussah als vorher, die Krater nicht mehr ganz so groß und deutlich, und dass der ferne weiß-blaue Erdball vielleicht nun etwas größer geworden war.

Wheatley war jedoch zu sehr damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wie still es war. Er war nicht sicher, ob ihm das gefiel. Niemand schrie 'WELTRAUM!', oder zählte alles auf, war er sah, oder schwafelte über die Ungerechtigkeiten des Rechtssystemes im Weltraum. Kevin war kein guter Gesprächspartner gewesen, das stimmte, aber jetzt, wo er weg war, kam ihm das Weltall noch größer vor. Dunkler, kälter, gigantischer und sehr, sehr still.

In einer solchen Stille konnte man unheimlich viel und ununterbrochen nachdenken. Man hatte niemanden, der einen ablenkte, und konnte man sich dabei ertappen, wie man über alles Mögliche nachdachte, und nicht alles davon war gut.

Vielleicht könnte er sich das Pfeifen beibringen.



()~~~~~~~~~~~~~~~~()




Im Herzen des sich ausbreitenden Geländes von Aperture Laboratories, weit über und viele Kilometer entfernt von den „Kooperativen Testkursen“, bewegte sie sich unruhig durch ihre Zentrale. Die weißen Platten, aus denen die gewölbten Wände bestanden, bewegten sich in willkürlichen Mustern, sodass es aussah, als würden Fischschwärme über die Wände jagten. Die Muster waren natürlich nicht wirklich willkürlich, sondern wurden von einem komplizierten Algorithmus genau berechnet, der speziell dazu geschaffen wurde, den Anschein einer zufälligen Bewegung zu erwecken.

Und genau hier lag das Problem.

Alles in dieser Anlage beruhte auf ihrer Präzision, auf ihren perfekten Berechnungen. Hier, wo sie jede Wand, jeden Fußboden, in jeden noch so fernen Schaltkreis kontrollierte, war sie Gott. Sie sagt "Es werde Licht" und die Anlage gehorchte.

Es soll Luft geben, es soll Dunkelheit geben, es soll Schmerz geben, es soll Wissenschaft geben.

Es soll Tests geben.

Nach all der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, dass man ihr gehorchte. Die Tage, denen man versucht hatte, sie zu bändigen, zum Gehorsam zu zwingen, an denen Sie unter der Kontrolle anderer gestanden hatte, waren nur noch ein verblassender Albtraum. Nichts in der Anlage hatte einen anderen Willen als den ihren. Von den kleinsten Winkeln und Ritzen bis hin zu den großen Hallen, die sich kilometerweit in die Tiefe erstreckten, war ihr Wort mehr als ein Gesetz. Es war Realität.

Das Projekt der „Kooperativen Testinitiative“ war ihr Versuch der vollständigen Unabhängigkeit. Wenn es Ihr gelänge, Maschinen zu erschaffen, deren Existenz vollständig von Ihr abhinge, die aber dennoch die für das Testen unerlässliche Autonomie bewahrten, dann hatte sie alles, was sie brauchte, um die Sicherheit und den Erfolg der Einrichtung - und der Wissenschaft - für immer zu gewährleisten.

Sie hatte versagt.

Ihre robotischen Testsubjekte waren perfekt. Sie bewiesen große Teamfähigkeit, sie lernten schnell, sie zeigten ausgeprägte Problemlösungsfähigkeiten, sie waren durchweg intelligent und hartnäckig und ausdauernd. Es gelang ihnen sogar, menschliche Konzepte wie Eifersucht, Zuneigung und Verrat zu begreifen. Sie taten alles, wozu sie sie programmiert hatte, und genau das war das Problem.

Künstliche Intelligenz reichte nicht aus. Das Konzept wies einen wesentlichen Fehler auf: Es war eine Tatsache, dass sie die Fähigkeiten der von Ihr konstruierten Versuchsroboter überwachte und beurteilte, und zwar in einer Umgebung, die Sie vollständig kontrollierte und in denen sie Tests absolvierten, die sie sich ausgedacht hatte und deshalb nichts weiter war, als eine sehr clevere und extrem arbeitsintensive Zeitverschwendung. Schlimmer noch, es war schlampige Wissenschaft.

In den glorreichen Tagen der Einrichtung - einer Ära, die Sie sorgfältig studiert hatte - waren die Versuchspersonen das Besten gewesen, dass die Menschheit zu bieten hatte. Olympische Athleten. Astronauten. Helden. Allmählich war das Geld ausgegangen, die Verträge ausgelaufen, und dann war die Einrichtung auf Freiwillige angewiesen; auf jeden, den sie finden konnten, der verzweifelt oder dumm genug war, sein Leben für die Wissenschaft und ein paar Dollar aufs Spiel zu setzen, und schließlich, in einem ironischen Akt des Kannibalismus, nahm man die am wenigsten benötigten Mitarbeiter des Unternehmens selbst.

In ihrem langen Schlaf hatte sie fast vergessen, wie lästig menschliche Versuchspersonen sein können. Diejenigen, die sie vor Ihr getestet hatte, weit davon gewesen, akzeptable Leistungen zu erbringen - meist Wissenschaftler, die das Pech gehabt hatten, an jenem schicksalhaften Tag im Labor zu sein - und sie hatte bald festgestellt, dass sich das in den Resultaten widerspiegelte.

Gewöhnliche Versuchspersonen waren solche Heulsusen. Ihre Schreie und ihr Flehen hallten durch die Flure des Labors und bereiteten ihr Kopfschmerzen. Sie hatten kein Durchhaltevermögen. Entweder starben sie oder – noch schlimmer - gaben nach ein paar armseligen Tests auf. Rollten sich in einer schwer zugänglichen Ecke zusammen oder verkrochen sich in den Wänden und kamen nicht mehr heraus. Wenn es einmal dazu gekommen war, und das war fast immer der Fall, konnten keine noch so einfühlsamen Zusprüche, kein Spott, kein Zwang und nicht mal Schmerz sie wieder in Bewegung bringen.

Es war eine Zwickmühle. Obwohl ihre Versuchsroboter so programmiert waren, dass sie niemals aufgaben, war es einfach nicht dasselbe. Eine KI hatte keinen freien Willen, nur die Illusion eines solchen. Ihre programmierte Vorhersehbarkeit machte ihre Ergebnisse zunichte und hinterließen ein Gefühl der Unzufriedenheit und Frustration. Ihr immenser Intellekt war der Wissenschaft beraubt, nach der sie sich so sehr sehnte. Sie brauchte Autonomie, echte Autonomie, aber noch mehr als das brauchte sie wilde Entschlossenheit, besonnene Taktik - und den fast psychotischen Drang, das Ziel trotz aller Widrigkeiten zu erreichen.

Es gab keine Alternative.

Sie brauchte Sie.


()~~~~~~~~~~~~~~~~()




„Ahh! Neinneinneinnein! Bloß nicht loslassen, halt mich fest! Halt mich fest halt mich fest halt m-“

Wheatley erwachte schlagartig aus dem Schlafmodus. Seine Linse zuckte hin und her, in dem Versuch, sich zu orientieren, und wie üblich ging hinter ihr eine stratosphärenblaue Leuchte flackernd an.

Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Der Mond, der seit Gott-weiß-wie-langer Zeit einer seiner wenigen verlässlichen Orientierungspunkte gewesen ist, war nirgends in Sicht. Nachdem er sich etwas weiter gedreht hatte, konnte er ihn wieder sehen, - aber er war viel zu klein, kleiner als die Erde und - ja- er schrumpfte noch immer.

"Äh, warte, was ist hier los?"

-und er spürte, wie etwas an ihm zerrte, trotz des Taumelns, eine neue Kraft, die ihn immer und immer stärker zog.

"Oh nein. Oh, nein. Oh, das ist nicht gut – der Meteorit muss mich verdammt noch mal aus der Umlaufbahn geschleudert haben! Oh, großartig, gute Arbeit, Kev, du musstest dich ja unbedingt direkt neben mir pulverisieren lassen, nicht wahr?"

Die Erde hingegen war weiter gewachsen. Er konnte jetzt grüne und braune Flecken erkennen, die zwischen den Lücken der wirbelnden Wolken lagen.

Obwohl es keine genaue Möglichkeit gab, seine Geschwindigkeit in diesem Nichts genauer zu bestimmen, wurde die große blau-weiß-grün-braune Kugel doch sehr, sehr schnell größer.

Es war alles eine Frage der Wahrnehmung. Also entweder hatte die Erde plötzlich beschlossen, dass sie dringend irgendwo in der nächsten Galaxie sein musste, und eilte so schnell sie konnte auf ihn zu, um dorthin zu gelangen, oder er steckte in großen, großen Schwierigkeiten.

„Ich werde sterben! Ich werde- neinnein, nein, alles gut, keine Panik, es muss eine Lösung geben-“

Er durchsuchte seine durcheinandergeratene Festplatte, deren Scheibe surrte und sprang, und seine beschädigte Linse drehte sich wie verrückt in ihrer Fassung.

"-Es gibt keine. Ich bin aus der Umlaufbahn geschleudert worden und werde sterben, und ich kann nichts dagegen tun. Nein! Nein, hahaha, warte, warte - hier ist etwas -"

Aperture Science Persönlichkeitskern Version IV / Notfallprotokoll #00392359(F)

Was zu tun ist, wenn katastrophale Umstände eintreten, die nicht im Handbuch enthalten sind, wie z.B. von einem Meteoriten aus der Mondumlaufbahn geschleudert zu werden.

"Wow. Die haben wirklich an alles gedacht, nicht wahr? Also, los geht's."

Im Falle der oben beschriebenen Umstände, aktivieren Sie bitte ihren Aperture Science Notfallsignal-Sender.

Meinen was? Sowas habe ich? Seit wann? Oh, warte mal, da ist er -"

Kurz flackerte ein orangener Lichtimpuls hinter einem der kleinen Hydraulikzylinder in Wheatleys ramponierten Innenleben auf, aus einem abgerundeten dreieckigen Teil, das in der Fassung seiner Linse eingesetzt war. Das Teil summte, dann fing es ruhig und gleichmäßig an zu piepen.

"Brillant, es funktioniert! Gut, ich habe hier ein paar Optionen - 'Signalstärke'. Ähm, hoch. Ich will das sehr hoch, auf die höchste... ooh! 'Abkupplungsteuerung'. Mal sehen, was das macht."

Bitte beachten Sie, dass Sie unter keinen Umständen ihren Aperture Science Notfallsignal-Sender vollständig abkuppeln dürfen.

"Was? Was soll das heißen, nicht... nein! Warte! Stopp, hör auf damit, ich habe es mir anders überlegt, ich habe es mir anders überlegt-"

Das kleine Stück schob sich sanft aus der Fassung, rastete mit ein paar undramatischen Klicks aus und schwebe leise davon.

"Komm zurück!" rief Wheatley ihm hinterher. "Komm - es kommt nicht zurück. Großartig, das ist einfach großartig, das ist es. Warum wurde überhaupt eine Abkupplungssteuerung eingebaut, wenn man sie gar nicht benutzen soll? Verrückt! Okay, okay, keine Panik, es muss noch etwas geben-"

Als Nächstes zünden Sie Ihre mobilen Schwerkraftverstärkungsraketen von Aperture Science.

"Ahahaa!", rief Wheatley ein wenig hysterisch. "Jetzt kommen wir endlich weiter. Okay! Raketen ... Dinger ... aktivieren!"

Nichts geschah.

Bitte beachten Sie, dass die mobilen Schwerkraftverstärkungsraketen von Aperture Science ein optionaler Prototyp sind und nur von einem Aperture Science Systemadministrator aktiviert werden können. Bitte denken Sie auch daran, dass der Versuch, ohne die richtige Abfederungszubehör wieder in die Erdatmosphäre einzutreten, zum Erlöschen Ihrer Garantie führt (weitere Informationen finden Sie in der erweiterten Aperture Science Persönlichkeitskern Version IV Endbenutzergarantievereinbarung, Seite 345, Paragraph 15 [Abschnitt 19]).

"Oh, das muss ein Scherz sein…"

Aperture freut sich jedoch, Ihnen mitteilen zu können, dass alle Persönlichkeitskerne mit einem voll funktionsfähigen Stimmsynthesizer ausgestattet sind, von dem Sie in den letzten Momenten Ihres Daseins ausgiebig Gebrauch machen sollten.

Wheatley raste weiter auf die Erde zu, schneller und schneller werdend, weil ihn das Gravitationsfeld der Erde immer stärker anzieht. Da er mittlerweile völlig die Orientierung verloren hatte, und sich schneller als eine Socke in einem Überschalltrockner drehte, nahm er den größten und wahrscheinlich nutzlosesten synthetischen Atemzug in der Geschichte der künstlichen Atmung und folgte dann den Ratschlägen des Notfallprotokolls.

"AAAAAAAAAAAAAHHHH!"


()~~~~~~~~~~~~~~~~()




"Eingehendes Signal.", sagte eine freundliche, elektronische Stimme.

Sie drehte sich um. Ihr großes, halbschaliges Chassis richtete neigte sich nach oben, zur Spitze der Kuppel, und machte den Ausdruck genervter Aufmerksamkeit. Seit Tagen war sie in wissenschaftliche Gedanken vertieft und versuchte, dieses Dilemma zu lösen, indem sie im Pikosekundentakt Hypothesen aufstellte und wieder verwarf. Eine Störung passte ihr gar nicht.

„Signal peilen."

"Triangulation." Eine Pause. "Objekt erfasst. Das Signal kommt von außerhalb."

"Es kommt von draußen?"

In ihren riesigen Zentralprozessoren flammte Interesse auf. Sie rief den Datenfluß des Signals ab. Er war lückenhaft, verfälscht durch Atmosphäre und Entfernung. Sie analysierte ihn, suchte Lücken in den Strömen von Einsen und Nullen heraus und flickte die sie zusammen.

Es ist ein Notfallsignal. Eine Pause. Dann, als weitere Informationen aus dem Datenfluß in ihre Prozessoren eindrangen, zogen sich die Platten, die die gewölbten Wände bedeckten, eng zusammen und bildeten ein bedrohliches Muster, das perfekt zu ihrer Stimmung passte, einem abrupten Wechsel von Neugier zu klater, völliger Abscheu.

"Oh. Dieses Ding."

"Das Objekt nähert sich dem Eintritt in die Atmosphäre", sagte die Stimme.

Die Platten hielten plötzlich inne. In der Mitte der glatten Halbschalenmaske verengte sich ihr gelbes Auge nachdenklich.

"Gut. Aktiviere den Signalbooster. Starte die Kommunikationsrelais.“

„Relais öffnen sich in drei… zwei.. eins…“

Die Wände schienen zu atmeten.

"Hallo, Schwachkopf."


()~~~~~~~~~~~~~~~~()



"Hallo, Schwachkopf."

Wheatley japste.

Er hatte eine Menge Gründe zum japsen. Er war in die oberen Schichten der Atmosphäre eingetreten, und die Gesetze der Physik - die in der Mondumlaufbahn ziemlich nachsichtig mit ihm gewesen waren – kriegen ihn jetzt, bildlich und wörtlich gesprochen, am Arsch. Von der sengenden Hitze - der größte Teil seiner Gehäuses begann, in einem dumpfen, rauchigen Rot zu glühen - bis hin zu den starken Vibrationen und der Windgeschwindigkeit, die drohte, sein Objektiv aus ihm zu reißen. Er war kurz davor in Ohnmacht zu fallen.

Er stürzte gerade durch die Exosphäre, wobei sein Flug durch die nebelige Luft den dünnen Sauerstoff in einer heftigen Schockwelle zur Seite drückte und den Strom von Gasen und Weltraumstaub hinter ihm zu einem leuchtenden Schweif entzündete.

Und jetzt, um das Ganze abzurunden, sprach auch noch jemand in seinem Kopf.

"Was? Was war das?"

"Es ist schon eine ganze Weile her."

"Aaaah! Oh. Oh nein."

"Ich wollte dich nur wissen lassen", sagte die Stimme, "dass ich genau weiß, was du da tust."

Diese Stimme. Die Angst davor - die Furcht vor Ihr - war in seinen künstlichen Herzen fest verankert. Zugegeben, er war vorher schon völlig verängstigt gewesen, wegen seines bevorstehenden Todes und so, aber irgendwie schaffte es sein emotionaler Prozessor ihn noch einmal mit bodenloser Angst zu durchfluten.

"Oh, Gott - äh, ich meine, hallo! Hallo! Wie geht's denn so? Schön- schön mal wieder von dir zu hören..."

Das Sprechen gestaltete sich wegen des Zitterns etwas schwierig. Sein Gehäuse fing an, orange zu glühen und die Linse wurde langsam flambiert.

"Oh, alles super", sagte Ihre Stimme."Es läuft wirklich viel besser, seitdem ich wieder die Kontrolle über die Anlage habe. Du weißt schon, nachdem du sie mir damals weggenommen hast? Versehentliche Reaktorkernschmelzen sind um hundert Prozent zurückgegangen und die Moral ist auch gestiegen. Wie sieht es bei dir aus?"

"Mir gehts eigentlich..." Ein unglaublich lauter Knall zerriss die Luft um ihn herum und sprengte fast seinen Hörprozessor. Die entzündeten Gase, die sich hinter ihm ausbreiteten, loderten zu einem heftigen Flammenstrom auf. Wheatley konnte sich zwar gerade nicht darüber freuen, aber er hatte es tatsächlich geschafft die Schallmauer zu durchbrechen.

"Ahh! Äh- ich bin gerade beschäftigt, bin kleines bisschen beschäftigt. Kann ich... kann ich dich zurückrufen?"

"Wie auch immer", fuhr sie fort und ignorierte ihn, "ich kann nachvollziehen, dass du dich mit einem Aufprall auf die Erdoberfläche umbringen willst, weil du dich so schlecht fühlst wegen dem, was du mir angetan hast, und ich wollte dich wissen lassen, dass ich diese Geste zu schätzen weiß."

Wheatley versuchte auszudrücken, dass kein Dank nötig (oder gar gerechtfertigt) war. Er hatte die Mesosphäre durchbrochen, das Gas und die Trümmer, die er mit sich gezogen hatte, brannten in der sauerstoffarmen Luft noch heller, und inzwischen zwang ihn die Beschleunigung dazu, seine metallischen Augenlider vollständig zu schließen, was bedeutete, dass er nicht einmal mehr erfahren würde, welcher Teil der Erde ihn in eine Schrott-Polenta verwandeln wird.
"Ghhnnggg!" Nicht ganz das, was er beabsichtigt hatte, aber unter den gegebenen Umständen gar nicht so schlecht.

“Doch das ist wirklich nicht nötig. Ich meine es ernst. Schließlich machen wir alle Fehler."

Die Hitze und die Vibrationen wurden unerträglich. Wheatley konnte nicht mehr sprechen – konnte nicht einmal mehr denken.

Er war gefangen im Griff von G-Kräften, die jeden Menschen sofort in Wackelpudding verwandelt hätten, und sein Gehäuse näherte sich einer Temperatur von circa zweitausend Grad. Der einzige halbwegs zusammenhängende Gedanke, den er noch hatte, war der verzweifelte Wunsch, dem Wissenschaftler, der die glänzende Idee gehabt hatte, ihn schmerzempfindungsfähig zu machen, seine Gefühle klar und deutlich mitzuteilen.

Und über all dem: Ihre Stimme. Vollkommen klar und sehr, sehr kalt.

"Meiner war es, dich gehen zu lassen."

Irgendetwas geschah - er konnte es nicht sehen, aber er konnte es fühlen. Irgendwo - nein, etwas in ihm bewegte sich, Servos heulten in den Andockstellen an seinen Seiten. Dinge, von denen er nicht wusste, dass sie da waren, die aber offensichtlich eine Funktion hatten, bewegten sich und er konnte spüren, wie sie auf sein angeschlagenes Mainboard zugriffen, als sie online gingen. Trotz des Lärms, des Drucks und des Schmerzes spürte er einen Stich der Frustration, dass es immer noch Funktionen in ihm gab, von der er nichts wusste

Systemadministrator-Zugang wurde gewährt. Ihre mobilen Schwerkraftverstärkungsraketen sind jetzt einsatzbereit.

Wheatley reagierte auf diese erfreuliche Nachricht auf die einzige Weise, die ihm blieb.

Er wurde ohnmächtig.


()~~~~~~~~~~~~~~~~()



Auf den ersten Blick schien der See mehr oder weniger perfekt zu sein. Er wies alle Merkmale auf, die man im Allgemeinen mit schönen Seen in Verbindung bringt - klares, sauberes Wasser, wogendes Schilf, abfallende, mit Gras bewachsene Ufer und hier und da ein paar Wildblumen, nichts fehlte. Bäumen überragten ihn. Prächtige Wälder säumten ihn im Osten, und im Westen wurde das Grün abgelöst von Feldern mit endlosem, sanft schwankendem, reifendem Weizen. Manchmal trafen die Strahlen der Sonne, die langsam hinter den Feldern versank, im genau richtigen Winkel auf ruhige, klare Oberfläche des Sees und ließ sie wie flüssiges Gold schimmern.

Es war ein schöner Ort zum entspannen, oder auch für ein Picknick. Er sah aus wie aus einem dieser sehr teuren Reiseprospekte, voll mit Flügen zu Orten, in denen ausschließlich Menschen wohnen, die netter und attraktiver sind als man selbst, und alle, die man jemals kennengelernt hat, und die so aussehen, als hätten sie sich noch nie in ihrem Leben Sorgen machen müssen. Wenn dieser See in einem dieser Prospekte gestanden hätte, wäre dort ein lächelndes Paar zu sehen gewesen, das auf einer rotkarierten Decke unter den Bäumen einen Cocktail genießt, während eine lachende Familie im seichten Wasser mit einem bunten Strandball spielt.

Hier haben wir ein gutes Beispiel, warum man nie alles glauben sollte, was in solchen Reiseprospekten steht.

Denn manchmal fliegt ein Vogel über den See hinweg, bemerkt das perfekte, spiegelglatte Wasser und landet anmutig auf ihm. Er paddelt ein paar Sekunden lang, plustert sein Gefieder auf -

- und verschwindet dann spurlos.

Es war ein Frühlingsmorgen, kurz vor der Dämmerung, frisch und mild. Die letzten Sterne waren gerade noch zu sehen und spiegelten sich in der ruhigen Oberfläche des Sees. Die Grillen zirpten ihre Lieder im langen Gras, aber keine von ihnen hüpfte zu nah an den See.

Sie hatten gelernt.

Im nächsten Moment war der Morgen nicht mehr so friedlich. Eine glühende Kugel krachte durch die Baumkronen, verkohlte das hohe Gras und ließ die Grillen in Deckung springen. Der Lichtpunkt schlug mit einer zischenden Dampfwolke auf den See auf, die sofort von einem riesigen Geysir aus verdrängtem Wasser durchbohrt wurde. Die daraus resultierende Flutwelle überschwemmte die Ufer und riss die meisten Wildblumen an den Wurzeln heraus und zog sie in den See hinein.

Zeit verging. Das Wasser kochte, blubberte, beruhigte sich wieder. Schließlich fingen auch die Grillen wieder an zu zirpen und versuchten lauter zu sein als das Knistern der brennenden Äste.

Seltsamerweise war das Wasser des Sees, mit Ausnahme von ein paar Schilfklumpen und Blättern, genauso klar und rein wie zuvor.


()~~~~~~~~~~~~~~~~()



"Autsch. Aua ... au."

Der Raum war kühl, dunkel und feucht mit öligem Kondenswasser, das sich hier und da in Pfützen auf dem korrodierten Metallboden gesammelt hatte. Ein spärlicher, kalter Lichtstrahl kämpfte sich von irgendwo weit über der rissigen Decke herein und warf Schatten von Trümmern und kaputten Maschinen an die Wände.

In solch einer Totenstille wurden die Laute eines kleinen, rußgeschwärzten, kugelrunden Roboters, der langsam wieder zu Bewusstsein kam, weit in die Dunkelheit getragen.

Wheatley versuchte, seine Augenlider zu öffnen, aber kam nicht weit. Die untere Platte war verklemmt und wahrscheinlich durch den Absturz mit der inneren Hülle verschmolzen. Das war ein schlechter Start, aber wenn man kopfüber in einer Lache aus altem Fett aufwacht, hat man keine hohen Ansprüche.

"Aua. Aaaa... was- was ist passiert?"

Seine Stimme war wackelig und undeutlich und hallte düster von den Wänden wider. Im schwachen, unsicheren Schein der blauen Leuchte in seinem Inneren konnte er die vertrauten, modulartigen, weißen Platten sehen, die nach jahrelanger Verwesung völlig verdreckt waren. Der beißende Geruch von Ozon und Maschinenöl lag in der Luft. Wheatley war beim besten Willen kein Sherlock Holmes und manchmal fiel es ihm schwer, eins und eins zusammenzuzählen (und auf zwei zu kommen, um ehrlich sein) aber er wusste instinktiv, dass diese beiden Indizien nur eines bedeuten konnten.

"Oh. Natürlich. Ich bin wieder hier, nicht wahr? Ich bin wieder in diesem verdammten Labor. Das ist nicht gar nicht gut. Obwohl es immerhin besser ist als... Oh Gott, Kevin. Es ist mir gerade wieder eingefallen. Tut mir leid, Kev. Es tut mir leid, dass ich nicht verhindern konnte, dass du von diesem großen Meteoriten atomisiert wirst."

Das Zucken durchfuhr ihn. Ah. Funken. Schön, dass die wieder da sind.

"Obwohl ich ja zugeben muss, dass ich erleichtert bin, dass es dich getroffen hat und nicht mich. Ich kann nicht anders, tut mir leid, Kumpel. So ist das nun mal. Das ist Natur der Dinge, nicht wahr? Es ist einfach die Natur - oder in diesem Fall die Programmierung - die mich sehr froh macht, dass ich nicht in kleinen, winzigen Stückchen überall im Weltraum verstreut bin. Das Überleben des Stärkeren. Nicht, dass ich selbst im Moment in berauschender Form wäre. Mal sehen, ob ich ..."

Behutsam bewegte er einen der Griffe und erschrak, als ein Schwall Seewasser und Öl aus dem zitternden Gelenk lief. „Kann ich irgendeine Art von Diagnose bekommen? Irgendeine? Nein? Oh, oh, warte mal, was ist das? Systemschadensrate: vierundsiebzig Prozent. Ähm... nicht gut, ich würde sagen, das ist nicht gut. Optischer Prozessor bei zweiundvierzig Prozent... System-Backup-Ausfall... Ausfall der Notstromversorgung... och, komm schon. Gibt es eigentlich auch irgendwelche guten Neuigkeiten?"

"Du bist am Leben."

Die Stimme kam aus allen Richtungen.

„Ich schätze, da bist du froh drüber. Noch. Das Schöne ist, das wollte ich noch erwähnt haben, ist dass du noch sehr, sehr, sehr lange leben wirst."

Wheatley erschauderte, was sich als Fehler erwies. Durch die Vibration löste sich etwas in seinem beschädigten Objektiv, und seine Sicht verschwamm und flackerte.

"Sieh dich an", sagte sie."Ein paar Jahre im Weltraum, und du fällst auseinander. Du bist offensichtlich nicht für die Ewigkeit gebaut worden. Die Menschen tun das gern. Sie basteln sich schlecht durchdachte Übergangslösungen zusammen, damit sie nicht zu viel nachdenken müssen."

Ihm gelang ein nervöses Kichern. ‚Glaubwürdige Reue‘, das ist bestimmt eine gute Strategie. Zugeben, dass man etwas falsch gemacht hatte, aber sich auch nicht lange damit aufhalten. "Ist das so? Lustig, dass du das sagst, denn-"

"Du warst eine schlecht konzipierte Übergangslösung. Das steht genau hier, in deiner primären Logdatei. Intelligenz-Dämpfungs-Modul. Eine sehr schlecht konzipierte Übergangslösung. Außerdem strohdumm."

Wären seine Augenlider nicht fast völlig bewegungsunfähig gewesen, hätte Wheatley sie zusammenkniffen.


"Ach, ja? Warum kommst du dann nicht her und sagst mir das ins Gesicht, Miss
-Ich-weiß-und-kann-alles? Du hast dich nicht getraut, so über mich zu sprechen, als ich da oben war und du in einer Kartoffel geee- Oh Gott, oh Gott, warum habe ich das gesagt, warum habe ich das gesagt, warum habe ich das gesagt?“

"Das erinnert mich daran." Ihre Stimme war ganz ruhig. "Weißt du, ich sollte mich bei dir bedanken. Die Zeit in einer Kartoffel war eine wertvolle Lernerfahrung für mich."

"Oh? Oh- gut! Ich helfe gerne! Kein-"

"Weißt du, was ich gelernt habe? Perspektive. Du hast mir gezeigt, dass egal wie schlecht die Dinge stehen, egal wie ungerecht das Leben zu sein scheint, egal wie klein und erbärmlich du dich fühlst, es gibt immer jemanden, der noch kleiner und erbärmlicher ist als du."

Der Boden bebte. Die Platten glitten zur Seite und machten Platz für lange, gelenkige Roboterarme. Ein gutes Dutzend von ihnen schlängelte sich zu ihm und krochen eifrig über Wheatleys geschwärzte Metallhülle. Viele von ihnen waren, wie er unschwer feststellen konnte, spitz.

"Und an dem kann man wunderbar seine Wut auslassen."

"Was- Nein! Neinneinein!" Als die Arme sich aufrichteten und freudig begangen jeden Spalt und jede Ritze in seinem Gehäuse erforschten, entschied sich Wheatley dazu, die ‚Glaubwürdige Reue‘ zu überspringen und direkt zum ‚Unterwürfigem Betteln‘ überzugehen. "Nein- ah- nein, bitte! Neinnein, bitte, bitte, es tut mir leid, es tut mir leid!"

"Keine Sorge, das glaube ich dir." Weitere Roboterarme legten sich um ihn, ihre Kontakte fanden die Andockstellen an den Seiten und hielten ihn fest in ihrem Griff. "Aber das ist egal. Hier geht es nicht um Rache, Metallkugel. Wir wissen beide, dass du ein nutzloser, unbedeutender, kleiner Idiot bist, der noch nie etwas richtig gemacht hat. Zum Glück für uns beide, kann ich damit umgehen. Aber als wir eben miteinander gesprochen haben, als du dachtest, du würdest qualvoll verbrennen, wurde mir klar, dass du eine unschätzbare Eigenschaft hast. Du kannst Schmerz empfinden."

Die Kontakte rasteten ein.


"Und das mag ich an dir."

Wheatley wimmerte leise.

„Erinnerst du dich noch daran, als du dich gefragt hast, ob es gute auch Nachrichten gibt? Nun, ich habe welche. Der kleine Signalsender, den du in deiner Dummheit ins All geschleudert hast, ist immer noch voll funktionsfähig. Er befindet sich in etwa 20.200 Kilometern Höhe und folgt der mittleren Erdumlaufbahn. In ein paar Stunden wird er genau über uns sein. Wenn meine Berechnungen korrekt sind, kommt er dann in Reichweite und du kannst eine ganz besondere Botschaft übermitteln. Und das wirst du auch machen, denn ich zeige dir jetzt, was passiert, wenn du nicht auf mich hörst."

Einer der Arme wuchs zu voller Länge heran und entfaltete einen langen Bohrer, der hungrig vor sich hin surrte.

„Wusstest du, dass es eine anerkannte wissenschaftliche Theorie gibt, nach der die Zeit nicht unbedingt linear verläuft, sondern von der individuellen Wahrnehmung abhängt? So wird beispielsweise der Sender in ungefähr vier Stunden in Reichweite sein. Aber dir könnte es viel, viel länger vorkommen. Wenn das der tatsächlich Fall ist, musst du dir keine Sorgen machen. Das ist keine Einbildung. Das ist Wissenschaft."


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