Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Wilden Hühner und der letzte Sommer

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Freundschaft / P12 / Mix
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Stevan Domaschke / Steve Wilma Irrling
08.01.2022
13.06.2022
2
3.440
2
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
08.01.2022 1.857
 
Also, es ist so: Diese Geschichte spielt nach dem Buch „Die Wilden Hühner und die Liebe“ – und zwar ein paar Jahre danach. Für mich ist „Die Wilden Hühner und das Leben“ eine Art mäßig gelungene Fanfiction. Und wie jede Fanfiction ist auch das Buch zu diesem ominösen dritten Film nicht von der tatsächlichen Autorin geschrieben. Dabei hat sich schon die Welt im Film ganz fremd angefühlt.

Es gibt thematisch ganz bestimmt Parallelen zwischen meiner Fanfiction und „Die Wilden Hühner und das Leben“. Und all das soll auch nicht heißen, dass meine Geschichte besser ist – nein! Denn ganz bestimmt mögen viele diesen „dritten Teil“/“sechstes Buch“. Ich gehöre nur einfach nicht dazu. Na dann, los!

_____________________________________

Eingerollt lag Sprotte in dem kleinen Bett in dem sie als Kind immer geschlafen hatte, wenn sie bei ihrer Oma übernachten musste. Ganz übel war ihr vor Traurigkeit, zwei Mal hatte sie sich heute schon übergeben. Vielleicht auch wegen der furchtbaren Hitze. Bella lag zu ihren Füßen – in einer ähnlichen Position, aber nicht ganz so verloren. Vielleicht verstand die Hündin nicht was vor sich ging, vielleicht war sie auch einfach gar nicht so unzufrieden mit der neuen Situation. Kein Gemecker mehr, keine barschen Worte und viel mehr Spaziergänge. Ja, Sprotte war in den letzten Tagen stundenlang mit Bella durch Feld- und Waldwege gestreift.

Bella hob den Kopf, gab aber keinen Laut von sich. Bella bellte nie. Auch Sprotte hörte, dass jemand die Treppe hochkam. Wenige Sekunden später öffnete sich die Tür und da stand Fred. Er legte den Kopf schräg und seufzte. „Da bist du ja, Oberhuhn.“
Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante und Sprotte richtete sich auf, zog die Knie an und umschlang sie.
„Sie konnte so gemein sein, weißt du? Ständig hat sie mir Vorwürfe gemacht oder an mir rumgemeckert. Und vor zwei Wochen hat sie sogar noch eine der neuen Hennen schlachten lassen.“ Sprotte nannte die Hennen ihrer Großmutter immer noch neu, obwohl diese schon seit über fünf Jahren in O.S. Stall lebten – nachdem Sprotte, Fred und die anderen ihr die alten Hühner gestohlen hatten. „Aber –“

„Aber sie war deine Großmutter.“ Fred merkte, dass Sprotte nicht weitersprechen konnte, ohne schon wieder zu weinen. „Und manchmal hat sie uns Kekse geschenkt oder dir Salat für eure Hühner mitgegeben. Und auf ihre Art und Weise wollte sie Zeit mit dir verbringen und hat dich sehr geliebt, Sprotte.“, sagte er und legte seinen Arm um sie. Ganz fest hielt er sie. Sprotte fühlte sich sicher.
„Nicht, dass sie das jemals gesagt hätte.“ sie lächelte. O.S. wäre niemals ein „Ich hab dich lieb“ über die Lippen gekommen.
„Weißt du noch, als du mich ihr vorgestellt hast?“, fragte er mit seinem schiefen Grinsen. Auch das kleine Lächeln auf Sprottes verheultem Gesicht wuchs noch ein Stück.
„Sie hat dich sofort zur Gartenarbeit eingeteilt und angefangen dich Fuchskopf zu nennen. Und später hat sie mich immer gefragt, ob du deine Haare färbst.“ Sprotte musste lachen.
„O.S war eine Nummer für sich.“, sagte Fred und seine Freundin nickte traurig. „Komm.“ Er half ihr hoch. „Lass uns gehen.“

Als Sprotte das Gartentor hinter sich schloss, fiel ihr Blick auf die Wiese gegenüber dem Haus ihrer Großmutter. Die Wiese wurde immer kleiner, denn das Neubaugebiet, in dem auch Wilmas Familie wohnte, breitete sich auch hier schon mehr und mehr aus. Wenige hundert Meter entfernt stand ein Kran auf einer großen Baustelle und selbst ein Café hatte vor kurzem nur fünf Minuten von hier eröffnet. O.S. hatte sich fürchterlich darüber aufgeregt. „Der Staub und der Dreck vergiften mir den Gemüsegarten“, hatte sie gesagt und dem Café hatte sie gewünscht, dass es so schnell wie möglich bankrottging. Als Lehre dafür, dass Menschen wie Sprottes Großmutter so einen unnötigen Schnickschnack nicht brauchen konnten.  

Fred fragte sie, ob sie nach Hause fahren wollte, aber Sprotte schüttelte nur den Kopf. Sie hatte Lust auf Gesellschaft, auf vertraute Stimmen um sich herum und Ablenkung. Und ihre Mutter war ohnehin kaum noch zu Hause, sondern schlief meistens in der großen Altbauwohnung von Sprottes Vater. Sie hatte sich schon längst daran gewöhnt, ja, Sprotte verstand sich mittlerweile sogar ganz gut mit ihrem Vater. Auch wenn sie ihn beim Vornamen nannte. Allerdings hatte Sprotte keine Lust mit Bella am Rad ans andere Ende der Stadt zu fahren. Und außerdem trieb ihre Mutter sie mit den Vorbereitungen für die Beerdigung in den Wahnsinn. „Schmeißt mich einfach in ein Loch und lasst mich zu Erde werden“, hätte O.S. gesagt. Doch als Sprotte das ihrer Mutter gegenüber erwähnte oder anmerkte, dass O.S. wohl lieber Rosenkohl als Blumen auf ihrem Grab gehabt hätte, hatte ihre Mutter angefangen zu schluchzen. Wahrscheinlich brauchte sie den Stress einfach, um nicht zu viel nachzudenken. Darüber wie oft sie O.S. verflucht hatte oder ob man als Erwachsene überhaupt sowas wie Waisin sein kann.

Sie fuhren Richtung Wohnwagen, mussten aber zwischendurch immer wieder absteigen, weil Bella in der Sommerhitze nicht so lange laufen konnte. Es war Ende August. Seit zweieinhalb Monaten hatten sie nun alle ihr Abitur in der Tasche und Trude sprach wohl zurecht vom „letzten Sommer“.  Wobei bisher nur feststand, dass sie und Melli in einem Monat nach Münster ziehen würden. Melli wollte Lehramt für Grundschule studieren. „Grundschüler wird es immer geben“, hatte sie gesagt – wohl auch weil ihr Vater so lange arbeitslos gewesen war. Außerdem konnte Melli wirklich gut mit Kindern. Trude hatte vor einer Woche den Zulassungsbescheid für Medizin bekommen. Die Wilden Hühner hatten überlegt Trude zur Feier des Tages eine Party zu schmeißen, waren aber zu dem Schluss gekommen, dass Trude eine traditionelle Wohnwagenübernachtung mit literweisem Tee und einem Waffelgelage viel mehr genießen würde. Die ganze Nacht hatten sie geredet oder Kinderhörspiele in Wilmas altem Kassettenradio gehört und die Welt war heil. Bis Fred um drei Uhr in der Früh am Wohnwagen klopfte.

Eine Stunde lang hatte Sprottes Mutter versucht ihre Tochter zu erreichen und dabei jedes wilde Huhn angerufen. Doch keine von ihnen hatte auf ihr Handy geschaut. Dann hatte sie es wohl bei Fred probiert, obwohl sie wusste, dass Sprotte mit den anderen im Wohnwagen schlief. Und Fred war aus dem Bett gesprungen und mit dem alten Wagen seines Großvaters, mit dem dieser aufgrund seines Alters nicht mehr fahren durfte, zum Bandenquartier der Wilden Hühner gesaust. Um Sprotte zu holen und ins Krankenhaus zu bringen. In dieser Nacht starb O.S.

An der Straße, die zum Grundstück der Wilden Hühner führte, verlief ein kleiner Bach und Bella stürzte sich Hals über Kopf hinein. Sprotte war froh, dass sie gerade nicht am Rad saß. Die Hündin hätte sie glatt umgeworfen.
„Torte bildet sich jetzt ein, dass er nach Berlin geht und DJ wird“, sagte Fred und grinste. Sprotte zuckte schmunzelnd mit den Achseln, während sie beide Bella zusahen, die im Wasser herumsprang.
„Wenigstens hat er einen Plan“, sagte sie und zeigte Fred die Zunge.
„Hey!“ Fred machte ein gespielt beleidigtes Gesicht. „Wir haben auch Pläne, Oberhuhn oder hast du das vergessen?“ Sie schüttelte den Kopf und Fred nahm ihr die Leine ab. „Komm Bella, genug jetzt!“
Schon im Juni hatten sie und Fred furchtbar günstige Flugtickets nach Thailand gekauft – für Anfang Oktober. Von dort aus würden sie weitere südostasiatische Länder bereisen und versuchen bis nach Australien zu kommen – vielleicht sogar Neuseeland. Die letzten Sommer hatten sie beide gearbeitet und Geld angespart und sowohl Sprotte als auch Fred hatten zum 18. Geburtstag bekommen. Fred von seinem Großvater, Sprotte von O.S.

An der Hecke des Grundstückes, auf dem der wunderbare Wohnwagen der Wilden Hühner stand, lehnten bereits Friedas, Wilmas und Mellis Fahrräder. Den Rasen hatte Willi letzte Woche gemäht – er meinte einfach nur so, aber Sprotte hatte das Gefühl, dass er sich Wilma gegenüber immer noch dankbar zeigen wollte. Vor zwei Jahren war Willis Mutter mit ihm ausgezogen und hatte seinen Vater verlassen. Kurz zuvor war es nach Jahren des hin und her auch zwischen Melli und Willi aus gewesen – wobei sie immer noch wirklich gut klarkamen, aber es knisterte nicht mehr. Wilma hatte ihre Mutter gefragt, ob sie vielleicht einen Job für Willis Mutter wüsste oder in ihrem Businessfrauen-Netzwerk mal nachfragen könne. Nachdem sich die beiden Frauen auf einen Kaffee zusammengesetzt hatten, besorgte Wilmas Mutter der von Willi einen wirklich gut bezahlten Job als Sekretärin in der Firma einer Bekannten. Ja, auch Wilmas Mutter hatte sich in den letzten Jahren verändert, aber Sprotte wollte im Moment nicht darüber nachdenken. Sie war schon traurig genug.

Vor dem Wohnwagen stand Melli in einer seltsamen Position und machte Pilates in einem sportlichen Bikini. Seit der endgültigen Trennung von Willi hatte Melli einen Wandel durchgemacht. Zum einen, regte sie sich nicht mehr über ihren Spitznamen auf, sondern fing auch selbst an sich Melli zu nennen. Außerdem hatte sich sich ihre Locken auf Schulterlänge schneiden lassen und Friedas Teebaumöl für ihre Pickel ausprobiert. Dann hatte sie mit Yoga begonnen, bevor sie auf Pilates und Meditation umstiegen war. Einerseits war Melli durch all das viel erträglicher und auf eine ganz neue Art und Weise unerträglich geworden.
„Na, ihr zwei Seelenverwandten?“, fragte sie und begab sich in eine neue Position. „Wilma und Frieda sind im Wagen und müssen irgendwas besprechen –“ Melli wurde von Freds Handyklingeln unterbrochen.

„Das ist Steve. Ich geh da mal eben ran.“ Er strich Sprotte noch zärtlich über den Arm und schlenderte dann ein paar Schritt weiter in die Richtung, in der das Grundstück an den Wald grenzte.
Sprotte setzte sich neben Melli ins Gras und ließ den Kopf nach hinten fallen. Es fühlte sich an, als würde die Sonne ihr Sommersprossen ins Gesicht malen.
„Bist du okay?“, fragte Melli und setzt sich ebenfalls im Schneidersitz auf ihre Matte.
„Nein“, antwortete Sprotte. Sie sah Melli an und zuckte mit den Achseln. „Aber das wird schon wieder. Ich bin einfach so müde und mir ist dauernd schlecht vor Traurigkeit. Außerdem habe ich vorhin einfach eine ganze Dose von O.S. Keksen gegessen – obwohl es jetzt nur noch 17 volle Dosen gibt. “ Nie wieder würde Sprotte frisch gebackene Kekse ihrer Großmutter essen.
Melli sah sie mitleidig an. „Wir können gemeinsam welche nach ihren Rezepten backen, wenn du magst. Ich helfe dir.“ Melli konnte gut backen. Sprotte nickte.
„Gerne. Wenn du dann in den Ferien nach Hause kommst.“
„Und du aus Australien zurück bist.“
„Abgemacht.“
Das war die echte Melli, die hilfsbereite empathische Melli. Zwar immer noch auf der Suche nach Identität – wenn auch erfolgreicher als früher. Diese Melli war ihr am liebsten. Und sie kam nun viel öfter zum Vorschein als beim alten Zickenhuhn. Vielleicht lag es am Pilates.

Sprotte hörte, dass Fred hinter ihr auf sie zu kam und drehte sich um. Sie sah in seinem Blick, dass etwas nicht stimmte. „Was ist los?“
Er stellte sich zu ihnen und verzog verwirrt das Gesicht. „Steve hat einen Drohbrief bekommen?“
_____________________________________

So meine Lieben – jetzt kennt ihr euch ein bisschen aus in meiner Geschichte. Mehr als vier Jahre sind seit „Die Wilden Hühner und die Liebe“ vergangen und hat sich viel getan und wird sich noch viel tun. Ich hoffe, dass ich einen Rhythmus von zwei Wochen einhalten kann – dafür peile ich auch Kapitel in dieser Länge an. Ich freue mich über Feedback und Anmerkungen. Bis bald!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast