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Vivisektion eines Albtraums

von Tschuh
Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteMystery, Horror / P18 / Mix
OC (Own Character)
06.01.2022
06.08.2022
12
70.121
6
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18 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
06.08.2022 9.305
 
☽   K A P I T E L   9   ☾

MOSHPIT



In den ersten paar Sekunden war es schwierig, auf dem grau-schwarz flackernden Bildschirm überhaupt etwas zu erkennen. Millet kniff die Augen zusammen und beugte sich ein Stück nach vorn, um zumindest die Geräuschkulisse in irgendeinen Kontext einordnen zu können. Hektisches Stoffrascheln, Schritte und schwere, rasselnde Atemzüge wiesen darauf hin, dass die Kameraperson nicht nur in Bewegung war, sondern es auch verdammt eilig hatte. In der oberen Ecke des Videos flimmerten ein paar Daten auf, die Millet sich für alle Fälle zu merken versuchte.


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AM 04:33
JUL 08


Das kalkweiße und vollkommen überbelichtete Gesicht eines Mädchens brach mit einem Mal aus der Dunkelheit hervor, die Augen weit aufgerissen und die Nasenlöcher bebend vor Panik. Ihre Wangen glänzten nass im grellen Licht der Kamera und Millet konnte spüren, wie auch im Saal die Anspannung stieg, bevor das Mädchen letztendlich zu sprechen begann.
»M… Name ist … Lorraine L… bin …ehn Jahre alt … und … in der …«
»Was? Hab kein Wort verstanden«, erklang ein ungehaltenes Murren aus Bees Richtung.
»Psst!«, zischte irgendjemand zurück, während Millet weiter angestrengt ihre Ohren spitzte. Der Ton hatte stellenweise Aussetzer und wurde immer wieder von dröhnendem Hintergrundrauschen unterbrochen, doch nach ein paar weiteren Sätzen schien er sich glücklicherweise zu fangen und man konnte Lorraine wieder einigermaßen folgen.
»Falls das hier irgendjemand finden sollte, bin ich entweder tot oder hocke in der Psychiatrie. Hoffentlich letzteres. Ich-« Sie wurde von ihrem eigenen Schniefen unterbrochen, schluckte schwer, und begann dann noch einmal von vorn. »Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die letzte Überlebende im Camp bin, alle anderen sind … sie …« Wieder ein Schluchzen. »Misses Taylor weiß, wo ich bin. Sie hat gesehen, wie ich mich im Bootshaus versteckt hab, aber … i-ich krieg das schon irgendwie hin! Ich hab ’nen Plan. Ich hab ’nen Plan … also, hier gibt es ein Motorboot. Ich hab es sogar irgendwie hingekriegt, das Ding startklar zu machen! Glaub ich. Sobald ich auf der anderen Seite des Sees bin, sollte ich erstmal in Sicherheit sein, zumindest dürfte mir das genügend Zeit verschaffen, um Hilfe zu holen, und dann … dann klappt das schon irgendwie! Keine Ahnung, was ich gemacht hätte, wenn ich den Schlüssel dafür nicht vor ein paar Tagen im Betreuerschlafzimmer hätte mitgehen lassen. Benzin ist-«
Sie keuchte entsetzt auf, dann ein hektischer Blick nach links. Irgendetwas musste sie dort zwischen den Schatten gesehen haben, ihre Lippen begannen erneut zu zittern und ihre Stimme schrumpfte zu einem kläglichen Flüstern zusammen.
»D-das Benzin hab ich aus der Garage! Und den Bootshausschlüssel … der war … ähm …«
Ein ohrenbetäubendes Knacken ließ das Mädchen zusammenzucken und auch unter den Tributen hatte der Schreckmoment seine Wirkung nicht verfehlt. Reems Kopf war beinahe im Kragen ihrer Jacke verschwunden, während der Rest von ihr in Trenchs Armen Schutz suchte, und Ellis gab ein Geräusch von sich, das dem Warnschrei eines wilden Präriehundes erschreckend ähnlich klang. Stirnrunzelnd schüttelte Millet seine Hände ab, die sich unterdessen wie auf Kommando in ihrem Ärmel verkrallt hatten.
»Sorry, war ’n Reflex«, murmelte er mit piepsiger Stimme, doch Millet hatte ihre Aufmerksamkeit längst wieder dem Fernseher zugewandt.
»Sie kommt!«, ächzte Lorie atemlos, während ihre Gesichtskonturen in der Aufregung erneut zu verschwimmen schienen. »Scheiße, ich … ich weiß nicht, ob ich das hier … ich wollte doch nie …« Die Worte glichen nun mehr einem ängstlichen Winseln, panisch, zusammenhanglos, und teilweise unterbrochen von hastigen Schrittgeräuschen. Irgendetwas passierte hier, doch die spärlichen Lichtverhältnisse machten es unmöglich, dem Geschehen angemessen zu folgen. Nun wurde Lories Gesicht endgültig von der Finsternis verschluckt, ein markerschütterndes Knirschen wie von zerberstendem Holz mischte sich in ihren Schrei, dicht gefolgt vom Aufheulen eines Motors, und dann war es wieder still. Bildschirmflimmern. Das sanfte Rauschen, das dieses mit sich brachte, erfüllte den Raum und pochte schmerzhaft in Millets Ohren, während sie nach und nach realisierte, dass ihre Kiefer noch immer wie Mühlsteine aufeinandergepresst waren.
Okay. Das war … viel gewesen. Eine ganze Wagenladung an Informationen, von denen sie höchstens die Hälfte mitbekommen und keine Ahnung hatte, welche sie sich hätte merken sollen und welche nicht. Streng genommen wusste Millet, dass es sich bei diesem Mädchen lediglich um eine Schauspielerin gehandelt hatte. Irgendein Nachwuchstalent aus dem Kapitol, das für seine Mühen wahrscheinlich eine beachtliche Gage ausgezahlt bekam – eine Gage, mit der Millet ihre Familie ein gutes halbes Jahr, wenn nicht länger hätte versorgen können. Ihr verzweifeltes Gestammel war von einem Skript abgelesen worden, die dunkle Umgebung ein Studio, und die bedrohlichen Geräusche nichts als Soundeffekte gewesen. Im Gegensatz zu ihnen hatte Lorraine nie wirklich in Gefahr geschwebt. Wie albern, dass Millets Puls trotz alldem noch immer in ihren Ohren dröhnte und der Schweiß auf ihren Handflächen nicht trocknen wollte!
Es war Trench, die den Fernseher letztendlich ausschaltete, nachdem sie lange genug vergeblich auf eine Fortsetzung gewartet hatten. Sie sah mindestens ebenso ratlos aus, wie Millet sich fühlte, und warf einen auffordernden Blick in die Runde.
»Also …«, erbarmte Ellis sich schließlich dazu, das Wort an sich zu nehmen, auch wenn er dabei alles andere als motiviert klang. »Ein Motorboot, hm?«
»Ein Motorboot«, bestätigte die Fünferin mit bitterer Miene. »Und ein wahnsinniger Axtmörder, der uns anscheinend ans Leder will. Oder irgend so was in der Art.« Sie seufzte und fuhr sich durch die Haare. »Alles andere wäre ja auch zu schön gewesen …«
»Hey, eigentlich klingt das gar nicht so kompliziert!« Dem aufmunternden Strahlen auf seinem Gesicht nach zu urteilen schien Ellis seine Zuversicht bereits wiedergefunden zu haben, und auch, wenn Millet von dieser Behauptung noch nicht hundertprozentig überzeugt war, hoffte sie zumindest, dass sein Enthusiasmus auch in irgendetwas verwurzelt war. »So wie ich das verstanden habe, müssen wir einfach nur diese drei Gegenstände beschaffen: den Schlüssel fürs Motorboot aus dem Betreuerschlafzimmer, Benzin aus der Garage, und irgendeinen Bootshausschlüssel, der … bisher noch verschollen ist. Das ist reine Abholarbeit! Ich bin mir sicher, das kriegen wir hin.«
Embrose zog argwöhnisch die Augenbrauen zusammen. »Und dann, meinst du, kommen wir hier raus?«
»Ich schätze, dafür müssen wir erst mal diesen See überqueren. Aber das sollte ja wohl nicht allzu schwierig werden, oder?«
»Am See sind wir auf dem Weg hierher schon vorbeigekommen«, erinnerte sich Bee in diesem Moment. »Und das Teil ist echt verdammt riesig, man konnte kaum das andere Ufer erkennen. Mit Schwimmen ist da wahrscheinlich nicht viel.«
Theben gab ein abfälliges Schnauben von sich. »Wenn wir da einfach so locker durchwaten könnten, hätten die uns auch garantiert keinen Lehrfilm hinterhergeschmissen, der ausdrücklich klarmacht, dass wir ein Motorboot brauchen«, knurrte sie mit einem Seitenblick in Richtung Bee, die währenddessen in ihrem Rucksack herumzuwühlen begonnen hatte und aus irgendwelchen Gründen gerade einen Haufen Abfall vor sich auf dem Tisch ausbreitete.
»Wir hatten da sogar ’ne Aufgabe«, erklärte sie weiter, die ratlosen Blicke ihrer Mittribute überhaupt nicht beachtend, und fischte einen zusammengefalteten Zettel aus dem Müllberg hervor. »Wir sollten ein Lagerfeuer machen und haben dafür ’ne Packung Kekse und zwei so bescheuerte Anstecker gekriegt. Das war’s. Totale Zeitverschwendung, wenn ihr mich fragt. Die haben uns nicht mal ’ne Mutation hinterhergejagt oder so was.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wie’s aussieht, sind denen in diesem Jahr wohl die Ideen ausgegangen. Oder sie setzen darauf, dass wir bald anfangen, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen …«
»Bereit, wenn ihr es seid«, grinste Theben und sah sich demonstrativ im Raum um, doch niemand erwiderte ihre Kampfeslust. Die meisten schienen ihren Blick sogar bewusst zu meiden und studierten stattdessen angestrengt die Holzmaserung der Wände.
»Einen Moment mal. Ihr musstet eine Aufgabe machen?«, hakte Holly nach, die Worte der Karriera geflissentlich ignorierend, und beugte sich interessiert zu Bee und ihrem schweigsamen Bündnispartner herüber. »Und ihr habt sogar etwas dafür bekommen? Das klingt nicht nach einer zufälligen Laune der Spielmacher. Wo habt ihr diese Lagerfeuerstelle denn gefunden? Vielleicht gibt es hier ja noch mehr davon.«
»Na ja, da waren diese orangefarbenen Schleifen in den Bäumen, denen wir gefolgt sind …«, begann Kostah sich zu erinnern, während Bee Holly ihren Zettel in die Hand drückte.
»Lies es dir doch selber durch! Mehr wissen wir auch nicht.«
Mit gerunzelter Stirn faltete Holly die Notiz auseinander und las ihnen den Inhalt vor. Schon wieder eine von Lories Tagebuchseiten. So langsam begann Millet immer weniger daran zu glauben, dass es sich bei diesem Mädchen tatsächlich um die Bekannte oder Verwandte eines Tributs handelte. Vermutlich sollte sie eher so etwas wie einen Orientierungspunkt darstellen, sowohl für sie, als auch für die Zuschauer. Die wollte man schließlich so lange wie möglich bei der Stange halten.
Dafür warf Bees und Kostahs Fund nun wieder neue Fragen auf. Nicht zu wissen, was das Bestehen dieser Herausforderungen ihnen bringen würde, machte sie zu einer verdammt riskanten, wenn nicht sogar lebensgefährlichen Angelegenheit. Ellis’ Hoffnung, dass sie lediglich ein paar Standorte abklappern und Schlüssel einsammeln mussten, unterstützten diese neuen Informationen jedenfalls nicht unbedingt.
»Vielleicht sind die anderen Gebäude ja auch mit solchen Bändern gekennzeichnet«, schloss Trench, nachdem Holly ihre Lesung beendet hatte. »Auf diese Weise finden wir dann hoffentlich auch den letzten Schlüssel. Und was die Aufgaben betrifft … da führt wahrscheinlich kein Weg dran vorbei.«
»Also, ein Feuer anzuzünden würde ich bestimmt auch noch hinbekommen!«, behauptete Ellis, auch wenn Millet sich da nicht so sicher war, und rückte ebenfalls an den Tisch heran, um die zusammengeknüllten Verpackungsreste darauf zu inspizieren. »Sagt mal, von diesen Keksen, die ihr vorhin erwähnt habt … ist da zufällig noch was übrig?«
Bee schwang den Rucksack wieder über ihre Schulter und grinste hämisch. »Schon lange weggeputzt, Kleiner. Such dir deine eigenen Fressalien.«
»Ach, komm schon. Nicht mal ein paar Krümel?«
»Kannst ja die Tüte auslutschen, wenn du willst.«
»Möchte vielleicht noch jemand von seinem Tag erzählen?«, fragte Holly mit einem auffordernden Blick in die Runde und faltete die Hände in ihrem Schoß. »Also, Embrose und mir ist bisher nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Und orange Schleifen haben wir auch keine gesehen. Der Wald ist wirklich ein herrlich idyllisches Plätzchen, oder findet ihr nicht?«
Theben stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. »Klar, sicher doch! Wenn man ein hirnamputierter Vollpfosten ohne nennenswerten Selbsterhaltungstrieb ist und die Mutationen ignorieren kann.«
»Sag bloß, ihr seid auch schon einer Mutation begegnet?«
Die Karriera zog eine Grimasse und warf einen kurzen, aber intensiven Blick in Richtung des Mädchens, das mit ihr angekommen war, und dessen Name Millet auf der Zunge lag.
»Könnte man so sagen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wir mussten zwar keine Aufgabe erledigen, uns dafür aber mit so ’nem dämlichen Vieh rumschlagen. Haltet euch am besten von den Waschräumen fern, wenn ihr keinen Bock darauf habt, euch einkesseln und, keine Ahnung, lebendig zerquetschen zu lassen oder so was in der Art.«
»Und damit rückst du erst jetzt raus?!«, ächzte Trench und rieb sich energisch mit den Fingerknöcheln über die Stirn. Die meisten davon waren aufgesprungen und sichtbar gerötet, fiel Millet auf, was mit Sicherheit nicht von harter Arbeit allein herrührte. »Was denn bitte für eine Mutation? Wäre wahrscheinlich ganz gut, zu wissen, was hier abgesehen von Axtmördern und karrierofressenden Wölfen sonst noch so rumstreunt.«
»Sie sah aus wie …« Theben runzelte die Stirn und schürzte die Lippen, dabei vage vor sich hin gestikulierend, was jedoch auch nicht gerade zur Verständlichkeit ihrer Worte beitrug. »Na ja, wie ein Mensch? Eine Frau mit Schürze und so ’ner Art Sack überm Kopf. Und verdammt riesigen Füßen. Sie hat uns auch nicht direkt angegriffen, sondern ist irgendwann einfach von selbst wieder abgehauen.«
»Wieso sollte eine Mutation so was machen?«
»Als ob ich mich das nicht auch schon gefragt hätte! Vielleicht aus genau diesem Grund, nämlich damit wir euch davon erzählen können. Aber jetzt, wo ich so drüber nachdenke … hat diese Lorie nicht was von einer Verfolgerin erwähnt? Misses Taylor oder so ähnlich?«
»Die wahnsinnige Axtmörderin hat sogar ’nen Namen! Ist ja niedlich«, spottete Bee und verdrehte die Augen. »Und was soll das überhaupt heißen, ›sie ist von selbst wieder abgehauen‹? Sag bloß, du hast die Alte mit deiner strahlenden Siegeraura in die Flucht geschlagen.«
Theben zog unbeeindruckt einen Mundwinkel nach oben. »Dich hätte ich gerne mal in der Situation erlebt, Hummelchen.«
»Wie hast du mich gerade genannt?!«
»Stimmt das, Juliana?«, war Holly nun sicherlich zum fünften Mal an diesem Abend diejenige, die zum eigentlichen Thema zurückzukehren versuchte, und wandte sich mit einem einladenden Lächeln an die Zehnerin. Viel wusste Millet nicht über die Hungerspiele, doch selbst sie war sich darüber im Klaren, dass man mit Karrieros vorsichtig umzugehen hatte. Bisher mochte Theben ja lediglich eine große Klappe haben, aber wer sich freiwillig meldete, um andere Menschen abzuschlachten, dem traute sie auch zu, ihnen bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken zu fallen.
Wie automatisch straffte Juliana die Schultern, als sie ihren Namen hörte, und nickte eifrig. »Ja, das stimmt! Die Situation war ganz schön unheimlich, aber Theben hat gut auf mich aufgepasst. Wir haben uns versteckt und nach einer Weile ist die Mutation einfach wieder gegangen. Wahrscheinlich hatte sie keine Lust mehr, uns zu suchen …«
»Ihr habt euch versteckt?!« Ein wissendes, ja nahezu unheilvolles Grinsen breitete sich mit einem Mal auf Bees Zügen aus, als sie den Kopf in die Hände stützte und mit den Wimpern klimperte. »Aua! Ich dachte immer, ihr Karrieros hättet da so ’ne Art Krieger-Ehrenkodex am Laufen. Wer nicht kämpft, wird öffentlich hingerichtet, oder was auch immer. Was deine Mörderkumpel zuhause wohl dazu sagen, Benny?«
»Wie hast du mich gerade genannt?«
Dieses Mal sorgte ein lautes, unmissverständliches Räuspern aus Trenchs Richtung dafür, dass die beiden Streithennen sich zurückhielten – jedoch nicht, bevor Bee der Karriera noch ein letztes Mal die Zunge herausstrecken konnte, was diese geflissentlich ignorierte.
»Ich weiß selber, wie dämlich das jetzt gleich klingen wird, aber lasst mich kurz ausreden«, begann Trench mit schleppender Stimme, Bee und Theben dabei keine Sekunde aus den Augen lassend. »Ich denke, wir sollten uns aufteilen.«
Millet konnte hören, wie Ellis neben ihr scharf die Luft zwischen den Zähnen einsog, doch Trench brachte ihn mit einem warnenden Blick zum Schweigen, bevor er überhaupt den Mund öffnen konnte.
»Wir sollen hier offensichtlich Aufgaben erledigen und das an unterschiedlichen Standorten«, führte sie ihren Plan weiter aus. »Und als wäre das noch nicht zeitaufwändig genug, schleicht uns anscheinend auch noch irgendeine maskierte Gestörte hinterher. Meint ihr nicht, dass es in diesem Fall klüger wäre, nicht auf einem Haufen zu hocken, wo man uns alle auf einmal ausschalten kann? Außerdem, je früher wir hiermit fertig werden und uns wieder aus dieser Arena verpissen können, desto besser. Im Idealfall sammelt jede Gruppe einen Schlüssel ein und am Ende treffen wir uns beim Bootshaus wieder und machen die Biege. Dass das Ganze höchstwahrscheinlich nicht so reibungslos ablaufen wird, ist mir auch klar, aber wir können doch zumindest darauf hinarbeiten, oder?«
»Also, für mich klingt das nach einer sehr vernünftigen Idee!«, stimmte Holly ihr zu, offensichtlich auf weiteren Zuspruch hoffend, doch bis auf das eine oder andere halbherzige Schulterzucken bekam sie von den anderen nicht wirklich eine Reaktion. Dafür, dass sie hier alle gemeinsam festsaßen und ihr Überleben eindeutig von ihrer Kooperationsbereitschaft abhing, hielt sich der Tatendrang ihrer Mittribute ganz schön in Grenzen …
»Dann machen wir das so«, hörte Millet sich letztendlich selbst beschließen. Ihre Stimme klang genauso mürbe und reibeisenartig, wie sie sich in ihrer Kehle anfühlte, und die Blicke, die sie mit diesen Worten auf sich gezogen hatte, prickelten unangenehm auf ihrer Haut. Zumindest Holly hatte noch ein kleines, kameradschaftliches Lächeln für sie übrig. Das hier funktionierte nur, wenn sie alle ein wenig Initiative ergriffen, selbst wenn es verlockend war, sich so lange wie möglich im Hintergrund zu halten. Das würde in einer gerade einmal elfköpfigen Gruppe ohnehin nicht lange gut gehen.
»Und wehe, es beschwert sich nachher einer«, brummte Trench und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich schwöre, derjenige kann was erleben …«
»Darf ich vielleicht etwas sagen?«, meldete sich in diesem Moment die Zwölferin zu Wort, die sich den Großteil der Zeit über ebenfalls zurückgehalten und eher den Eindruck gemacht hatte, als versuchte sie mit aller Kraft, nicht an Trenchs außerordentlich breiter Schulter einzuschlafen. Die Limonade schien sie inzwischen jedoch wieder ein wenig aufgepäppelt zu haben.
»Aber natürlich, was liegt dir denn auf dem Herzen?«, ermutigte Holly sie überschwänglich.
»Na ja … da wir ja nun schon den ganzen Tag über auf den Beinen sind und sicherlich langsam eine Stärkung vertragen könnten, dachte ich …« Reem senkte den Blick und fingerte unsicher am Saum ihrer Jacke herum. »Ich dachte, wir könnten vielleicht alle gemeinsam essen? Ein paar von uns haben vorhin bereits in die Küche geschaut und wenn wir schon die Gelegenheit bekommen, eine richtige Mahlzeit zuzubereiten, dann sollten wir sie auch nutzen, oder? Und ich … ich würde wirklich gerne für euch kochen!«
Nun traute sie sich doch, die anderen anzusehen und Millet erkannte ein hoffnungsvolles, ja nahezu euphorisches Funkeln in ihren Augen, als ihre schmalen, knochigen Schultern sich hoben und sie die Hände vor Aufregung ineinanderwrang.
»Das macht mir überhaupt nichts aus, glaubt mir, und ich bin mir sicher, dass ihr es nicht bereuen werdet! Ich bekomme immer wieder gesagt, dass ich eine ausgesprochen begabte Köchin bin und außerdem habe ich auch eine ganze Menge Erfahrung mit größeren Gesellschaften. Immerhin arbeite ich daheim fast die ganze Woche über in der Armenküche!«
Dieses Mal konnte Millet ihre Überraschung nicht vollständig verbergen, und es ärgerte sie, auch wenn sie sich fast sicher war, dass niemand sie beachtete. Es war alles andere als selbstverständlich, die eigene, kostbare Zeit zu opfern, um hilfebedürftige Menschen zu versorgen, und sie konnte sich vorstellen, dass dies im Zwölften Distrikt noch einmal um einiges schwieriger war als in ihrem eigenen. Die meisten Leute hatten genug mit sich selbst zu tun und auch, wenn Millet sich in letzter Zeit immer öfter dazu hatte hinreißen lassen, genau diese Menschen zu verurteilen, so wusste sie doch, dass damit niemandem geholfen war. Jeder wollte überleben. Doch die Welt scherte sich nicht um diejenigen, die versuchten, ihr noch etwas abzugewinnen. Ihr unabwendbares Scheitern sollte als Warnung fungieren, sie alle immer tiefer und tiefer in den Abgrund hineintreiben. Und die wenigen, die sich dennoch dazu entschieden, die Hände nacheinander auszustrecken, ernteten höchstens noch mitleidige Blicke, wenn nicht sogar Verachtung. Gutmenschen und hoffnungslose Romantiker, die sich weigerten, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Nun schämte Millet sich beinahe dafür, Reem zu Beginn mit den anderen Resignierten über einen Kamm geschert zu haben. Die meisten hier schienen ja zumindest ansatzweise daran interessiert, sich gegenseitig zu helfen. Es erforderte Mut und einiges an Disziplin, das Leben eines anderen in die eigene Hand zu nehmen, das wusste niemand so gut wie Millet selbst; anderen zu erlauben, sich bedingungslos auf einen zu verlassen, wenn die eigenen Kräfte einen verließen …
»Bist du sicher, dass du dafür schon wieder fit genug bist?«, fragte Trench, während sie Reem mit argwöhnischen Blicken musterte, doch diese lächelte ihr bloß zuversichtlich entgegen.
»Es ist sehr lieb von dir, dass du dich so um mich sorgst, aber ich habe mich jetzt wirklich lange genug ausruhen können. Und wie gesagt, das macht mir überhaupt nichts aus! Ihr habt euch so nett um mich gekümmert, da wäre es doch nur fair, wenn ich euch auch etwas zurückgebe, oder?«
»Oh, Reem, das klingt nach einer ganz wunderbaren Idee!«, freute sich Holly. »Was gibt es Schöneres, als gemeinsam mit ein paar Freunden an einer großen Tafel zu Abend zu essen? So etwas stärkt schließlich nicht nur die Lebensgeister, sondern auch den Zusammenhalt!«
»Wir sind aber keine Freunde«, murrte Bee und zog eine Grimasse, als wäre sie gerade barfuss auf eine Nacktschnecke getreten. »Und überhaupt, wieso sollten wir dir die Masche mit der Nächstenliebe einfach so abkaufen? Vielleicht willst du uns ja auch vergiften.«
»Ich möchte wirklich nur helfen!«, verteidigte Reem sich hörbar gekränkt und begann wieder damit, ihren Ärmel glattzustreichen. »Ich bin einfach bloß der Meinung, dass wir alle unseren Teil beitragen sollten, und da ich weder eine Kämpferin, noch eine große Überlebenskünstlerin bin, versuche ich eben so, mich nützlich zu machen. Nur herumzusitzen und sich zu beschweren bringt doch auch niemandem etwas …«
»Wir haben doch gerade beschlossen, dass es komplett hirnrissig wäre, in dieser Arena nicht zusammenzuarbeiten!«, klinkte sich Trench wieder in das Gespräch mit ein. »Außerdem, was hätte Reem denn davon, uns jetzt alle umzubringen? Dann müsste sie das ganze Zeug ja alleine zusammensuchen.«
»Also, ich finde das total nett von dir, Reem!«, gab jetzt auch Ellis mit einem strahlenden Lächeln seinen Senf dazu. »Keine Ahnung, wie es euch geht, aber ich hab einen tierischen Kohldampf. Und im Gegensatz zu gewissen anderen Leuten hatte ich vor dem Abendessen auch noch keine Süßigkeiten …«
»Das ist ja alles schön und gut.« Theben musterte die schmächtige Zwölferin mit skeptischen Blicken, als bezweifelte sie ernsthaft, dass diese überhaupt einen Kochlöffel halten konnte. »Aber wenn ich ehrlich bin, dann gefällt mir die Vorstellung, dich ganz allein in der Küche rumhantieren zu lassen, auch nicht so richtig. Ist nichts Persönliches, nur ’ne Vorsichtsmaßnahme.« Sie runzelte nachdenklich die Stirn. »Hey, sag mal … Juliana?«
Wie auf Kommando hob die Angesprochene den Kopf und blinzelte die Karriera aus großen, ehrfürchtigen Augen an.
»Ja, Theben?«
»Du meintest doch vorhin, dass du daheim für den Haushalt zuständig bist. Dann kannst du doch garantiert auch kochen, oder? Wieso schwingst du nicht zur Abwechslung mal selber die Hufe und greifst der kleinen Reem hier ein bisschen unter die Ärmchen?«
»Natürlich! Das kann ich machen!« Sofort sprang Juliana auf und huschte zu Reem herüber, die einen derartigen Enthusiasmus anscheinend nicht erwartet hatte und irritiert die Augenbrauen hochzog, dann aber ebenfalls ein Lächeln aufsetzte.
»Warum eigentlich nicht? Ein wenig Hilfe könnte ich mit Sicherheit ganz gut gebrauchen.« Sie legte den Kopf auf die Seite. »Hast du denn schon mal gekocht?«
»Ja, hab ich! Ziemlich oft sogar, seit Laura vom Küchendienst verwiesen wurde. Was das Würzen angeht, muss ich zwar noch ein bisschen üben, aber ich kann dir versprechen, dass niemand so schnell Kartoffeln schält wie ich!«
»Das klingt doch schon mal vielversprechend.« Reem nickte Juliana aufmunternd zu und nahm sie bei der Hand. »Dann wollen wir die anderen am besten nicht länger warten lassen.«
Millet dachte einen Moment lang darüber nach, ebenfalls ihre Hilfe anzubieten, kam dann aber zu dem Entschluss, dass zu viele Köche vermutlich den Brei verderben würden. Sie selbst konnte es überhaupt nicht leiden, wenn irgendwelche Leute um sie herum wuselten, während sie das Abendessen zubereitete, auch wenn es inzwischen eine ganze Weile her war, seit sie sich mit so etwas hatte herumplagen müssen. Es war still in ihrer Küche geworden. So still, dass sie das unaufgeräumte Geschirr und die schmutzigen Oberflächen, über die sie sich früher immer so geärgert hatte, beinahe vermisste.
»Wir werden euch etwas ganz Köstliches zaubern! Ruht euch am besten so lange aus oder unterhaltet euch noch ein wenig, ganz wie ihr möchtet. Ach ja, und kein Streit, während wir weg sind, ja?«
Ein letztes Zwinkern begleitete Reems Worte, bevor sie und Juliana letztendlich hinter der Essensausgabe verschwanden und den Rest von ihnen im Speisesaal zurückließen.
Eine gemeinsame Mahlzeit in einem großen, warmen, geschlossenen Raum, bei der sie weder von Mutationen, noch von bewaffneten Karrieros bedroht wurden, war definitiv nicht das, was Millet sich unter ihrem ersten Abend in den Hungerspielen vorgestellt hatte. Tatsächlich war es schon ungewöhnlich genug, dass überhaupt noch so viele von ihnen am Leben waren. Wie lange war es jetzt her, seit irgendjemand für sie gekocht hatte und nicht andersherum? Etwas mehr als ein Jahr vielleicht. Millet kam es vor wie zehn. Sollte sie diesen Umstand nicht eigentlich genießen? Dankbar sein für diese Gelegenheit, zur Abwechslung einmal durchatmen zu können, statt ein schlechtes Gewissen haben zu müssen?
Nein. Das hier waren die Hungerspiele. Niemand hatte vor, ihr irgendetwas zu schenken, und niemand wollte ihr einen Gefallen tun. Sie war noch immer ganz allein für sich selbst verantwortlich. Das durfte sie nicht vergessen, ganz egal, wie sehr das Kapitol auch versuchte, sie mit dieser gemütlichen Atmosphäre einzulullen. Millet durfte nicht nachgeben. Nicht heute, nicht morgen, und auch dann nicht, wenn sie am Ende selbst das Schwert erheben musste.


Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten kleinen Grüppchen bildeten und die Tribute miteinander ins Gespräch kamen, während andere lieber ihre Ruhe haben oder den Speisesaal noch einmal näher unter die Lupe nehmen wollten. Die neuen Informationen mussten sie alle erst einmal verdauen und wenn sie sich nachher einen halbwegs vernünftigen Plan überlegen wollten, dann brauchten sie dafür einen möglichst klaren Kopf. Ohne eine Karte würde es jedenfalls schwierig werden, sich hier zurechtzufinden und alle drei Gegenstände einzusammeln. Im besten Fall würden sie tagelang durch den Wald irren, ohne irgendeinen Fortschritt zu erzielen, im schlimmsten liefen sie den Spielmachern genau in die Falle oder brachten sich einfach gegenseitig um, sobald die Vorräte knapp wurden.
Millet stand noch immer an ihrem angestammten Platz, mit verschränkten Armen an einen der Tische gelehnt, und ließ ihren Blick aufmerksam durch den Raum schweifen. Holly hatte sich mittlerweile zu Trench und dem Vierer gesellt und war mit Ersterer ins Gespräch gekommen. Auch Millet hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, sich an die beiden zu halten. Zumindest hatten sie bisher einen recht kompetenten und vor allen Dingen auch zielorientierten Eindruck auf sie gemacht. Wenn sie sich ein Bündnis suchen wollte, durfte sie wahrscheinlich nicht allzu lange zögern, doch gleichzeitig fühlte es sich auch nicht richtig an, Ellis einfach aus dieser Gleichung herauszunehmen. Der Kerl hatte Millet bereits auf dem Weg hierher beide Ohren abgekaut und sie war heilfroh, wenn er hin und wieder mal für ein paar Minuten den Schnabel hielt, aber das änderte nichts daran, dass sie einem Bündnis mit ihm zugestimmt hatte. Bevor sie sich einer neuen Gruppe anschloss, sollte sie das wenigstens vorher mit ihm absprechen. Oder sie nahm ihn einfach mit. Was ihre Nerven höchstwahrscheinlich auf eine harte Probe stellen würde, aber Millet hatte schon deutlich Schlimmeres überstanden. Und bevor er ganz allein zurückblieb … wenn Ellis tatsächlich so naiv war, wie er sich präsentierte, dann rechnete sie ihm ehrlich gesagt keine großen Chancen aus, sobald ihr Welpenschutz erst einmal abgelaufen war.
Ein klares, melodisches Klimpern drang mit einem Mal an Millets Ohren und sorgte dafür, dass sie den Kopf hob und sich wieder von den anderen abwandte. Kaum hatte sie jedoch erkannt, woher das Geräusch gekommen war, zog sie ungläubig die Augenbrauen zusammen und verengte ihre Lider zu Schlitzen. Das konnte doch wohl nicht deren Ernst sein …
Keine paar Meter von ihr entfernt stand Embrose am Fenster und zupfte mit nachdenklich gerunzelter Stirn an den Saiten einer Gitarre herum, die er weiß Gott wo gefunden haben musste. Neben ihm hockte Kostah wie ein Schluck Wasser in der Kurve, einen Arm auf die Tischkante und den Kopf in die entsprechende Hand gestützt, als versuchte er, im Sitzen ein Nickerchen zu halten. Würde er das Spiel des Siebeners nicht selbst mit halbgeschlossenen Augen verfolgen, hätte Millet glatt angenommen, er wäre bereits eingeschlafen.
Was sollte das? Die angeblich sicheren Cabins, der Verbandskasten, und die allem Anschein nach reichlich mit Vorräten gefüllte Küche waren schon verdächtig genug gewesen, aber das hier entzog sich wirklich jeglichem Nutzen. Wieso taten die Spielmacher so etwas? Vermutlich um ihnen ein falsches Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, sodass sie gar nicht mitbekamen, wenn sie am Ende in ihr eigenes Verderben stolperten. Das Schlimmste daran war jedoch, dass dieser Trick offensichtlich zu funktionieren schien. Waren die anderen wirklich so blauäugig? Oder war es lediglich die Verzweiflung im Angesicht des Todes, die sie dazu trieb, sich an jedes Stück Heimat zu klammern, das man ihnen vorwarf?
»Wo hast du die denn aufgegabelt?«, holte Ellis’ Stimme sie wieder in die Realität zurück, während er näher an seinen Mittribut herantrat und die Gitarre mit leuchtenden Augen bewunderte, als wäre das jetzt gerade wirklich etwas, womit man sich beschäftigen sollte. »Das ist aber nicht dein Andenken, oder? Ganz schön sperrig, das Teil …«
Embrose quittierte seine Neugier mit einem verschwörerischen Schmunzeln. »Nee, die hing hier drüben an der Wand. Ich bin bloß neugierig gewesen und dachte mir, ich könnte ja zumindest mal schauen, ob sie auch halbwegs ordentlich gestimmt ist …« Seine Finger wanderten von den kleinen Schrauben am oberen Teil des Halses wieder in Richtung Körper und glitten ein paarmal über die Saiten, wie um den Klang auszutesten. Noch ergab das Gezupfe keine wirkliche Melodie, doch es war nicht zu überhören, dass er Ahnung davon hatte, und Ellis schien auch so bereits vollkommen hingerissen zu sein. Millet unterdrückte das Bedürfnis, die Augen zu verdrehen, und zog die Ärmel über ihre Fäuste.
»Wie cool ist das denn?! Oh man, ich wünschte, ich hätte selber die Geduld dazu, ein Instrument zu lernen, aber ich bin schon immer eher der Zahlentyp gewesen – ich weiß, das sieht man mir nicht an – und so überragend ist mein Rhythmusgefühl jetzt auch wieder nicht, aber man kann eben nicht in allem gut sein, das sagt man doch so, oder? Spielst du denn schon lange?«
Millet fragte sich gerade ernsthaft, ob sie erleichtert darüber sein sollte, dass Ellis jemand Neuen gefunden hatte, den er zuquatschen konnte, oder ob Embrose ihr eher leid tun musste, doch eigentlich sah es überhaupt nicht danach aus, als würden ihn die wasserfallartigen Redeergüsse ihres Bündnispartners stören. Ganz im Gegenteil, ihm schien die Aufmerksamkeit sogar zu gefallen.
»Ach, so fünf, sechs Jahre mache ich das bestimmt schon. Die Grundlagen hat mir meine Mutter beigebracht, der Rest hat sich mit der Zeit dann einfach so ergeben … meistens klimpere ich nur ein bisschen vor mich hin, ohne wirklich darüber nachzudenken.« Ein Schatten huschte für den Bruchteil einer Sekunde über sein Gesicht, doch das Lächeln blieb. »Und meine Pa… ähm, meine Freunde hören da auch ganz gerne zu, wenn wir nach der Schule zusammensitzen.«
Millet presste die Lippen aufeinander  und konnte spüren, wie sich langsam, aber sicher ein Kloß in ihrer Kehle zu bilden begann. Es kam ihr noch immer so unwirklich vor, dass es in Panem tatsächlich Menschen gab, die nachmittags aus der Schule oder von der Arbeit nachhause kamen und einfach … gar nichts taten. Kein Haushalt, keine Krankenpflege, kein Zweit- oder Drittjob. Selbst ihr Leben war nicht immer so strikt getaktet gewesen, und doch kam ihr die Erinnerung mittlerweile wie ein Traum vor, ein vages Konzept, über das man hin und wieder mal fantasierte, aber mehr auch nicht. Zeit, um sich zu entspannen, auf der Terrasse zu sitzen, den Sonnenuntergang zu beobachten … Zeit, um mit seinen Freunden zu faulenzen und Musik zu machen. Oder Computerspiele zu spielen, von deren tausendfacher Vielfalt Ellis ihr auf dem Weg hierher so überschwänglich berichtet hatte. Der einzige Computer, den Millet je zu Gesicht bekommen hatte, stand im ehemaligen Büro ihres Vaters. Und der war zum Arbeiten gedacht gewesen, nicht zum Vergnügen.
Millet musste an ihre eigene Mutter denken und wie sie früher oft mit ihr zusammen gebacken hatte. Mit ruhigen Händen und einem geduldigen Lächeln auf den Lippen hatte sie ihr Wissen mit ihr geteilt, so wie Embrose’ Mutter ihres mit ihm geteilt hatte. Die Rezepte konnte Millet mittlerweile im Schlaf zubereiten. Es war ihr Brot, mit dem sie sie jeden Abend fütterte, das sie so lange in Suppe einweichte, bis sie es mit ihrem zahnlosen Kiefer nur noch zermalmen musste, damit er zumindest irgendeine Art von Stimulation erfuhr, bevor er eines Tages den Geist aufgeben und sich überhaupt nicht mehr öffnen lassen würde … und Millet war dankbar für dieses Wissen! Sie war so unendlich dankbar für die Zeit, die ihr vergönnt gewesen war, bevor diese verfluchte Seuche ihr alles genommen hatte, selbst wenn die Erinnerung in ihr brannte und sich durch ihre Gedärme schmorte wie ein glühendes Messer, es nützte ja nichts! Diesen Tagen hinterherzutrauern war nichts als Zeitverschwendung. Neidisch auf diejenigen zu sein, die ein anderes Leben führten, würde sie nur noch weiter verbittern, bis die Verlockung, einfach aufzugeben und alle Hoffnung fahren zu lassen, eines Tages zu mächtig wurde, um ihr zu widerstehen. Und das durfte Millet auf gar keinen Fall zulassen. Sie hatte noch nicht alles verloren. Da waren Menschen, die auf ihre Rückkehr warteten und die mit jedem Tag, den sie ohne sie überstehen mussten, schwächer wurden! Ohne Millet würde ihre Familie sterben. Und ohne ihre Familie … was blieb dann überhaupt noch von ihr übrig?
»Hab ich doch richtig gehört!« Es war Bees Stimme, die Millet unsanft wieder aus ihren Gedanken riss und dafür sorgte, dass auch die anderen sich zu der Sechserin umwandten. Breitbeinig und mit resolut in die Hüften gestemmten Händen stand sie vor ihnen und fixierte Embrose’ Gitarre wie eine hungrige Natter, die eine Feldmaus erspäht hatte. »Probt ihr hier gerade ernsthaft ohne mich? Ich glaub, es hackt! Gib das Ding mal her, du Milchbubi.« Bee drängelte sich an Ellis vorbei und riss besagtem Milchbubi das Instrument aus der Hand, bevor dieser überhaupt die Gelegenheit hatte, zu protestieren. »Tante Bee zeigt dir jetzt mal, wie das richtig geht.«
»Was, du spielst auch?«
»Spielen?« Sie warf den Kopf in den Nacken und gab ein kurzes, abgehacktes Lachen von sich. »Kumpel, ich lebe für die Musik! Und zwar nicht so ein weichgespültes Schnulzengeschrammel aus dem Radio, sondern waschechten, ordentlichen Punkrock. Wenn wir hier einen Verstärker hätten, ich schwöre, da würde euch das Dach überm Kopf wegfliegen!«
»Na, da bin ich aber mal gespannt.« Wieder hatte sich ein verstohlenes Lächeln auf Embrose’ Lippen geschlichen, während er die Arme vor der Brust verschränkte und eine auffordernde Kopfbewegung in Richtung der Gitarre machte. »Tante Bee hat doch bestimmt auch ein paar Songs auf Lager, oder? Mich würde nämlich echt interessieren, was die Leute im Sechsten Distrikt so draufhaben.«
Bee grinste herausfordernd. »Darauf kannst du aber wetten! Meine Mädels und ich werden eines Tages richtig groß rauskommen, das kann ich dir versprechen, und wenn es so weit ist, wirst du dir so was von in den Arsch beißen, dass du keinen Stift fürs Autogramm mitgebracht hast!« Sie fischte einen leuchtend pinkfarbenen Plastikknopf aus ihrer Tasche und fuhr damit über die Saiten. »Eine kleine Kostprobe unseres neuesten Geniestreichs kann ich euch sicherlich geben. Auch wenn das mit ’ner Akustik nicht ganz einfach wird, aber was wäre ich denn für ’ne Musikerin, wenn ich nicht auch ein bisschen improvisieren könnte?«
»Sag bloß, du bist auch in einer Band!« Ellis schien aus der Begeisterung gar nicht mehr herauszukommen. Er hatte sich inzwischen neben Kostah gesetzt, der ihre Unterhaltung ebenfalls mit einem Ohr zu verfolgen, sich aber nicht wirklich daran beteiligen zu wollen schien. »Genau wie mein Bruder! Der spielt übrigens auch Gitarre, witziger Zufall, oder? Früher hat er mich immer aus dem Haus gescheucht, wenn er in Ruhe üben wollte, aber um ehrlich zu sein bin ich da meistens sowieso freiwillig gegangen, bei dem schiefen Geklampfe konnte man ja die eigenen Gedanken nicht hören. Mittlerweile ist er aber sehr viel besser geworden und sie haben jetzt auch ihren eigenen Proberaum und das ist schon ziemlich cool. Habt ihr auch richtige Auftritte und verkauft Merch und so? Punkrock ist ja eigentlich nicht so meine Richtung, aber ich bin immer offen für Neues und man soll ja auch gerade kleinere und nicht so bekannte Künstler unterstützen, die machen meistens sowieso die bessere Musik, weil sie ohne Label mehr Freiheiten haben …«
»Genau so ist es!« Bee schlug Ellis so kräftig auf die Schulter, dass dieser ein leises Ächzen von sich gab. »Na ja, an T-Shirt-Designs arbeiten wir noch … aber das kommt bald. Erst mal konzentrieren wir uns aufs Wesendliche, nämlich die Musik.« Dass sie diese Arena womöglich nicht lebend wieder verlassen würde und ihre Karriere daran scheitern könnte, schien ihr überhaupt nicht in den Sinn zu kommen. »Ich glaube, der Song klingt auch als Akustikversion ganz passabel, aber hey, bei dem Text hab ich Suzuki diesmal sogar ein bisschen geholfen! Und bevor ich’s vergesse …«
Bee, die sich ihre Gitarre inzwischen mithilfe des daran befestigten Gurtes um die Schulter gehängt hatte, streckte ihnen die Zunge heraus und vollführte eine eigenartige Handgeste, die Millet nicht so recht einzuordnen wusste.
»Vor euch steht die Gitarristin – und manchmal auch Bassistin – von Bleeding Megatron Heart, der realsten Punkband Panems! Merkt euch den Namen, klar?«
Ellis klatschte begeistert Beifall und auch Embrose folgte seinem Beispiel. Über diese ganze, für Millet nahezu unverständliche Unterhaltung hinweg schien Bee vollkommen vergessen zu haben, gehässig zu sein oder irgendwelche zynischen Kommentare von sich zu geben. Das Grinsen auf ihrem Gesicht sprach von ungezügelter Leidenschaft für das, was sie tat, und irgendwie hatte dieser Ausdruck tatsächlich etwas Ansteckendes an sich, auch wenn Millet nicht genau wusste, was sie damit anfangen sollte.
Als Ellis und sie vorhin im Speisesaal angekommen waren, hatte Millet im ersten Moment geglaubt, ihre Augen würden ihr einen Streich spielen. Sicher wusste sie, dass sich die Leute in anderen Distrikten auch manchmal die Haare färbten, gerade in den etwas wohlhabenderen, aber so eine Frisur tatsächlich in natura zu sehen und nicht bloß in irgendeiner Seifenoper aus dem Kapitol, war dann doch etwas anderes. Insgesamt war Bee … sehr anders als die Menschen in ihrem Distrikt. Und das betraf nicht nur ihr Aussehen. Millet kam nicht umhin, sich vorzustellen, wie ihre Klassenkameraden oder Feldaufseher wohl auf die bunten Haare, das zerrissene Shirt oder die scharfen Widerworte reagieren würden, die sie andauernd von sich gab. Wahrscheinlich würde man sie eher wie eine Kuriosität behandeln, statt wie eine Nachbarin.
Bee mochte vielleicht verdammt ungehobelt sein und die Tatsache, dass sie sich gerade in den Hungerspielen befand, schien sie beinahe noch weniger zu interessieren als Ellis, aber Millet kam überhaupt nicht dazu, ihr deswegen böse zu sein. Ständig erwischte sie sich dabei, wie ihr Blick an der zerzausten Mähne hängenblieb, den bis auf den letzten Millimeter abrasierten Seiten, dem Übergang zwischen dem dunklen Ansatz in die gebleichten Partien und schließlich das strähnige, ausgewaschene Rosa, das sie unweigerlich an die Morgendämmerung über den Feldern erinnerte.
Ohne wirklich darüber nachzudenken fuhr Millet sich durch das eigene Haar, strich ein paar schwarze Locken hinter ihr Ohr, und spürte gleich darauf, wie sie zurück in ihr Gesicht fielen. Wie sie selbst wohl mit einer solchen Frisur aussehen würde? Vollkommen lächerlich. Millet hatte weder die Zeit, noch das Geld, um ihre Haarpflege sonderlich zu priorisieren, weshalb sie ihren Schopf lieber möglichst kurz hielt. Die zahlreichen Ecken und Kanten in Bees Pony ließen vermuten, dass sie ebenfalls selbst Hand angelegt hatte. Was ihre Eltern wohl dazu gesagt hatten? Millets Familie würde sich mit Sicherheit nicht darum kümmern, wenn sie auf einmal mit einer neuen Frisur ankäme. Und sie würde es ihnen auch nicht übelnehmen. Wie mochte Bee wohl ausgerechnet auf Pink gekommen sein? Wollte sie damit nur auffallen? Oder hatte die Farbe noch eine andere Bedeutung für sie? Millet musste mit einem Mal an das Innere einer Erdbeere denken, kurz bevor sie richtig reif wurde. Der subtile, aber gleichmäßige Übergang von Weiß in ein saftiges Rot, von säuerlich zu süß. Der perfekte Zeitpunkt, um sie zu pflücken …
»Hey, du. Stoische Beobachterin.«
Millet brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass Bee mit ihr sprach, und blinzelte ihr stirnrunzelnd entgegen. Ihr wurde seltsam flau im Magen, nun, da mit einem Mal wieder alle Augen auf sie gerichtet waren, doch sie hielt den Blicken eisern stand.
»Ich?«
»Ja, du. Wie heißt du noch mal?«
»Millet.«
»Alles klar, Mills.« Bee stützte sich mit beiden Händen neben ihr auf dem Tisch ab und grinste sie auffordernd an. »Du siehst mir aus wie ’ne richtige Schlagzeugerin. Willst du mir ein bisschen Hintergrund-Percussion geben?«
»Was?«
»Na ja, der Song verlässt sich normalerweise auf einen ziemlich starken Beat, und ohne Carnage bekommen wir den sowieso nicht hin, aber ganz auf die Drums verzichten will ich dann doch nicht. Du musst auch nicht viel machen, ehrlich. Nur ein bisschen den Takt vorgeben, damit ich besser reinkomme und es zumindest die Illusion eines Schlagzeugs gibt. Ungefähr so.« Sie klopfte mit der flachen Hand einen einfachen, ziemlich monotonen Takt auf der Tischkante nach. »Das sind vier Viertel. Eins, zwei, drei, vier. Kannst ruhig im Kopf mitzählen, wenn du musst. Versuch’s mal selber!«
Millet tat, was Bee von ihr verlangte, auch wenn sie selbst nicht so genau wusste warum, und die Sechserin nickte ihr anerkennend zu, als hätte sie gerade tatsächlich ein Musikinstrument gemeistert, statt bloß auf einer Holzplatte herumzuhämmern.
»Na also, geht doch! Ich wusste, du hast was drauf. Manchen Leuten sieht man ihr ungeschliffenes Talent einfach an.« Sie zwinkerte verschwörerisch. »Und jetzt mach aus der Vier zwei Schläge. Schnell genug hintereinander, sodass sie trotzdem noch in den Vierteltakt passen. Das kriegst du hin, oder?«
»Ich … denke schon.« Erneut imitierte Millet den Rhythmus, den Bee ihr zeigte, und nach ein paar Anläufen klang er sogar einigermaßen gleichmäßig. Eins, zwei, drei, vier-fünf. Jedes Mal, wenn Millet zu schnell wurde, half Bee ihr dabei, das Tempo zu regulieren, und nach einer Weile fühlte sie sich sicher genug, um es selbst zu halten.
»Du machst das echt klasse. Vielleicht sollten wir auch eine Band gründen!«, scherzte Ellis irgendwann. Zumindest hoffte Millet, dass er es mit dieser Idee nicht allzu ernst meinte. »Einen Gitarristen haben wir ja schon. Und ich … na ja, vielleicht kann ich mich ja um das Soundmixing kümmern? Oder ich versuch’s mal mit den Zimbeln-«
»Halt die Fresse, ich fang jetzt an zu spielen«, unterbrach Bee ihn barsch und ließ ihr kleines Plastikplättchen vorfreudig gegen die Saiten klicken. »Der Song ist übrigens bisher noch nie vor Publikum gespielt worden, also fühlt euch geehrt! Er heißt ›Change the world or die trying‹. Auf die dritte Strophe bin ich besonders stolz, die stammt nämlich ganz allein aus meiner Feder, und falls da draußen irgendwelche Agenten zugucken sollten: fickt euch, wir verkaufen unsere Seelen nicht, also spart euch den Atem! Mills, nicht aus dem Takt kommen, klar? Embrose, pass genau auf, da kannst du noch was lernen, und Ellis, erst zuhören, dann quasseln. Also, eins, zwei, drei, und!«
Millet hatte kaum Gelegenheit, sich auf den Text des Liedes zu konzentrieren. Bees Stimme klang schroff, aggressiv und teilweise nicht einmal wirklich melodisch, sodass ihr ›Gesang‹ mehr Ähnlichkeit mit dem Krächzen einer einsamen Krähe aufwies. Trotzdem gab sie sich alle Mühe, den Fokus nicht zu verlieren. Eins, zwei, drei, vier-fünf, eins, zwei, drei, vier-fünf …
Millet konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal … Musik gemacht hatte. War das in der Grundschule gewesen? Ihr Vater hatte früher manchmal unter der Dusche gesungen. Sie hatte das schon immer ein wenig albern gefunden. Inzwischen fiel ihm selbst das Sprechen von Tag zu Tag schwerer. Millet schloss die Augen und mit einem Mal saß sie wieder in der Küche auf dem Fußboden, Milo und Ceri neben ihr, die Beine zum Schneidersitz verknotet, und zwischen ihnen sämtliche Töpfe, Pfannen und Schüsseln, die sie im Haus hatten auftreiben können. So inbrünstig, wie sie gemeinsam darauf herumgetrommelt hatten, war es ein Wunder gewesen, dass ihre Mutter ihnen das überhaupt so lange hatte durchgehen lassen. Millet klingelten schon seit zehn Minuten die Ohren und ihre Kehle war wund vom Singen – vom Krächzen –, doch selbst das hatte sie nicht davon abgehalten, wie eine Besessene auf den großen Suppenkessel einzudreschen. Noch enthusiastischer hatte nur ihre kleine Schwester den Kochlöffel geschwungen, dabei hatte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal alleine laufen können. Die Delle konnte man noch heute erkennen, wenn man genau hinsah. Vielleicht wäre Bees Musik eher etwas für sie gewesen. Vielleicht war sie das noch immer …
Als Millet es wagte, den Blick kurz von ihren Händen abzuwenden, bemerkte sie, dass Ellis mittlerweile ebenfalls in ihre Perkussion mit eingestiegen war, genauso wie Embrose, und selbst Kostah hatte irgendwann begonnen, träge mit der Fußspitze auf und abzuwippen.


»Ihr feuert Schrapnelle, wir spucken zurück
Blut unter den Nägeln, um den Hals einen Strick
Und wenn der Galgen am Ende über uns bricht,
Heißt es: Wer zuletzt lacht, den vergisst man nicht!«



Und mit einem Mal war es Millet egal, wie befremdlich Bees Texte klangen und wie unbeholfen sie selbst gegen die Tischkante trommelte, denn die anderen hatten offensichtlich genauso wenig Ahnung vom Schlagzeugspielen wie sie, und im Prinzip war diese ganze Situation ja bereits absurd genug! Da konnte man gar nicht anders, als im Takt mitzunicken und dabei wie blöd zu grinsen, während Ceris übermütiges Salatschüsselsolo noch immer in ihrer Erinnerung widerhallte und gerade die erste Zugabe anstimmte.
Just in dem Moment, als Millet das Gefühl hatte, ihre Hand würde sich endgültig selbstständig machen, brach die Melodie abrupt ab und Bee stieß einen schrillen, ja beinahe ekstatischen Schrei aus, als sie die Gitarre mit voller Wucht gegen die Tischkante schmetterte und in tausend Stücke zerbersten ließ. Millet zuckte heftig zusammen, während Kostah ein Geräusch von sich gab, als würde er an seinem eigenen Atem ersticken, und so hastig von seinem Stuhl aufsprang, dass er prompt mit dem Rücken gegen die Fensterbank stolperte. Ellis und Embrose starrten beide vollkommen entgeistert auf das zerstörte Musikinstrument, einzig Bee schien sich überhaupt keiner Schuld bewusst zu sein und sah im Gegenteil sogar richtig zufrieden mit ihrem Werk aus.
»Sagt mal, geht’s noch?!«, erklang Trenchs Stimme wie Donnergrollen von der anderen Seite des Speisesaals. »Was soll denn die Scheiße? Kann man euch Knallköpfe nicht mal zwanzig Minuten aus den Augen lassen?!«
»Es ist kein richtiges Punkkonzert, wenn man am Ende nicht die komplette Bühne zu Kleinholz verarbeitet!«, verkündete Bee mit einem selbstsicheren Grinsen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Oder mit den anderen Bandmitgliedern rummacht, aber für so was seid ihr Jungfrauen ja offensichtlich nicht zu haben.«
»Wer sagt das?« Embrose’ Stimme klang erstaunlich gekränkt, doch Millet war bereits zu Kostah herübergeschlichen, der noch immer schwer atmend und mit wackligen Knien im Raum stand, alle zehn Finger in das Fensterbrett gekrallt, und die weit aufgerissenen Augen zitternd auf die gegenüberliegende Wand gerichtet.
»Ist alles in Ordnung bei dir?« Es sah nicht danach aus, als hätte ihn eines der umherfliegenden Bruchstücke getroffen oder gar verletzt, doch der Schreck saß ihm anscheinend noch immer tief in den Knochen. Es dauerte einige Sekunden, bis Kostah ihre Frage überhaupt zu registrieren schien, und selbst dann mied er ihre Blicke so gut er konnte, schluckte ein paarmal, und nickte kaum merklich.
»Klar. Mir geht’s gut.«
Das war offensichtlich gelogen, aber zumindest schaffte er es irgendwie, sich wieder vom Fenster zu lösen und die paar Schritte zu seinem Stuhl zurückzutaumeln, auf dem er sich schließlich mit einem langen, gequälten Stöhnen niederließ. Millet wollte irgendetwas sagen, doch sie hatte nicht das Gefühl, dass ihm ein paar aufmunternde Worte im Augenblick weiterhelfen würden, deshalb legte sie ihm bloß eine Hand auf die Schulter und drückte sie ein wenig. Selbst durch die Jacke strahlte seine Haut eine unangenehme Hitze aus und seine Muskeln waren so verkrampft, dass es sie nicht gewundert hätte, wenn er jeden Moment wieder aufspringen würde. Das flüchtige Lächeln, das er ihr daraufhin zuwarf, hätte man auch problemlos als stressvolles Mundwinkelzucken interpretieren können, aber sie wollte sich zumindest einbilden, dass es ihm nun etwas besser ging.
»Donnerlittchen«, murmelte Ellis mit heiserer Stimme und fächelte sich mit der Hand etwas Luft zu, während Embrose dazu übergegangen war, die Reste der Gitarre mit hängenden Schultern zu betrauern.
»Ihr wollt mich doch alle verarschen …«, war es letztendlich Theben, die als Erste ihre Fassung zurückgewann und sich mit gequälter Miene den Nasenrücken rieb. »Wo bin ich hier eigentlich gelandet?! Das ist ja schlimmer als in der Krabbelgruppe.« Suchend, beinahe hektisch huschte ihr Blick durch den Raum, bis er schließlich an Capheira hängenblieb. Dey lehnte noch immer neben Trench und Holly gegen den Tisch, und hatte Millets Beobachtungen zufolge bisher noch keinen wirklichen Versuch gestartet, mit irgendjemandem ins Gespräch zu kommen.
»Hey, du, Bohnestange! Du kommst doch aus Vier, oder?« Besagte Bohnenstange hob warnend eine Augenbraue, was Theben jedoch als Antwort zu reichen schien. »Bitte sag mir, dass du wenigstens Speere werfen kannst oder irgend so was in der Art. Ihr Grätenlutscher bildet euch doch was auf eure Dreizacke ein, oder etwa nicht?«
»Ich bin kein Karriero«, erwiderte Capheira kühl, wenn auch mit hörbar zusammengebissenen Zähnen. »Und ich hab auch nicht trainiert.«
»Oh mein Gott, ernsthaft?!« Das Geräusch, das Theben nun von sich gab, klang nach einer Mischung aus tiefer Verzweiflung und hysterischem Gelächter. »Es kann doch nicht sein, dass ich die Einzige hier bin, die irgendwas auf dem Kasten hat! Scheiße noch mal, der Einser verendet als Kauspielzeug, der Vierer kann höchstens ’nen Fischkutter steuern, und euch Ausnahmetalenten dahinten fällt nichts Besseres ein, als euch gegenseitig mit der Einrichtung zu vermöbeln … hier gibt es ja nicht mal Waffen! Was sollen das eigentlich für Hungerspiele sein?!« Sie stöhnte genervt auf und schüttelte den Kopf. »Letztes Jahr haben die noch Kinder filetiert und jetzt wollen sie uns plötzlich zu Tode langweilen oder was?«
Aus Bees Richtung ertönte ein Prusten und als Millet sich zu ihr umwandte, hatte die Sechserin schon wieder ihr altbekanntes spöttisches Grinsen aufgesetzt, beide Arme vor der Brust verschränkt, und versuchte nicht einmal, ihre Belustigung zu verbergen.
»Schon irgendwie witzig, wie ihr Karrieros zu quengeln anfangt, wenn ihr plötzlich allein dasteht und nicht mehr alles in den Arsch geschoben bekommt. Schmeißt du dich gleich auf den Boden und fängst auch noch an zu heulen?«
Millet gefiel es ganz und gar nicht, in welche Richtung die Situation sich gerade zu entwickeln schien, doch selbst wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, etwas zu unternehmen, ohne dabei ins Kreuzfeuer zu geraten, war der Schaden bereits angerichtet. Theben verengte die Augen zu Schlitzen und schürzte die Lippen.
»Das heißt für dich immer noch ›Karrieretribute‹, Hummelchen.«
»Da, wo ich herkomme, heißt das ›Großkotzige, schleimscheißende Psychoarschlöcher‹, also schätz dich glücklich, dass ich mir den Atem bisher gespart hab, Benny!«
Millet spannte ihre Muskeln an, bereit dazu, jeden Moment das Weite zu suchen, sollte Theben tatsächlich die Nerven verlieren und Bee angreifen, doch zu ihrer Überraschung begann die Karriera lediglich laut zu lachen. Und wie um ihre Gelassenheit noch zusätzlich zu unterstreichen, verschränkte sie die Arme hinterm Kopf und zog unbeeindruckt die Nase hoch.
»Hab ruhig weiter eine große Fresse. Wirst schon sehen, was du davon hast.«
»Soll das etwa ’ne Drohung sein?«
»Dreimal darfst du raten, Einstein.«
»Hier wird niemandem gedroht, klar?«, mischte sich jetzt auch Trench wieder in das Gespräch mit ein und trat einen großen Schritt nach vorn, vermutlich um die beiden auch körperlich auseinanderhalten zu können, sollten sie doch versuchen, aufeinander loszugehen. »Und um ganz ehrlich zu sein geht mir dein ständiges Karrierogehabe langsam auch auf den Sack.« Theben blinzelte irritiert, als die Fünferin sich direkt an sie wandte, verlor augenscheinlich aber nicht ihre Contenance. »Entweder du reißt dich jetzt endlich mal zusammen und wir packen das alle gemeinsam an, oder du verpisst dich, ist mir ganz egal. Niemand hier hat Bock darauf, andauernd von dir wie Frischfleisch behandelt zu werden! Vergiss nicht, wir sind in der Überzahl. Ist das bei dir angekommen?«
Ein schiefes, aber eindeutig amüsiertes Grinsen hatte sich auf Thebens Lippen geschlichen. Mit hocherhobenem Haupt stolzierte sie auf Trench zu, bis sie so nah vor ihr stand, dass ihre Nasenspitzen sich beinahe berührten, und selbst dann wich ihr Gegenüber keinen Millimeter zurück. Auch Thebens Körper war sichtbar trainiert und ziemlich beeindruckend gebaut, doch was die Größe betraf, konnte sie der breitschultrigen Fünferin nicht das Wasser reichen. Die zehn Zentimeter Unterschied schienen sie allerdings nicht im Geringsten zu verunsichern.
»Weißt du, ich mag Herausforderungen.« Thebens Stimme klang ruhig, beinahe unbekümmert, als wäre das hier nichts weiter als ein gemütlicher Plausch unter Freundinnen. »Keine Ahnung, wie das bei euch so abläuft, aber in meinem Distrikt nimmt man keine Anführerposition ein, weil man besonders gut den Dicken markieren kann, sondern weil man die erforderlichen Vorraussetzungen erfüllt.« Wie beiläufig fuhr sie mit dem Zeigefinger über Trenchs fest angespannten Oberarm, ohne dabei den Augenkontakt abzubrechen. »Und entgegen der allgemeinen Auffassung reichen ein paar aufgepumpte Muskeln dafür noch lange nicht aus.«
Trenchs Gesichtszüge zuckten warnend auf. »Mich interessiert es einen Scheißdreck, wer hier Anführer ist und wer nicht. Was ich nicht abkann, ist deine aufgeblasene Art, Mädchen! Lass mich raten. Du bist ein Bulle, stimmt’s?«
Eine schmale, nahezu unsichtbare Falte bildete sich zwischen Thebens Augenbrauen und ihre Stimme sank um eine halbe Oktave. »Und wenn es so wäre?«
»Dachte ich’s mir doch.« Trench gab ein bitteres Schnauben von sich. »Nicht mal in den verfickten Hungerspielen ist man vor euch weißgekleideten Bazillen sicher.«
»Hast du jetzt etwa Schiss? Ist ja süß. Aber keine Sorge, so geht’s den meisten, die sich mit mir anlegen. Und wenn du es unbedingt auf die harte Tour haben willst, dann-«
Theben kam nicht mehr dazu, ihren spöttischen Kommentar zu beenden, da war Trenchs Faust auch schon mit ihrem Gesicht kollidiert und ließ sie benommen ein paar Schritte zur Seite taumeln. Von irgendwoher erklang ein Schrei, und aus dem Augenwinkel konnte Millet erkennen, wie Ellis wimmernd die Arme vors Gesicht warf, während ihr eigener Puls immer höher schlug und ihre Füße sie rückwärts aus der Gefahrenzone trugen. Doch die Zweierin schien sich das nicht einfach gefallen lassen zu wollen. Ganz langsam, fast wie in Zeitlupe drehte sie ihren Kopf wieder in Richtung Trench, kein einziger Funken Wut oder gar Schmerz auf ihren Zügen, bevor sie sich schließlich mit einem kleinen, triumphierenden Schmunzeln das Blut von der Unterlippe wischte.
»Oh, Trenchilein. Das wirst du so was von bereuen.«
Trench öffnete den Mund, um irgendetwas zu erwidern, doch diesmal war sie es, die nicht rechtzeitig reagieren konnte, bevor Theben ihre Faust in ihrer Magengrube versenkte und dafür sorgte, dass sich ihr Oberkörper mit einem Keuchen nach vorn krümmte. Lange behielt die Karriera jedoch nicht die Oberhand. Innerhalb weniger Sekundenbruchteile war eine erbitterte Schlägerei in der Mitte des Saals ausgebrochen und ließ die restlichen Tribute mehr oder weniger zu Salzsäulen erstarren.
»Hört auf damit, ihr verletzt euch noch!«, flehte Holly die beiden Kämpfenden von weitem an, doch diese schienen sie überhaupt nicht zu beachten. Millet machte ihr keinen Vorwurf, dass sie nicht weiter einzugreifen versuchte. So dürr, wie Holly war, wäre das höchstwahrscheinlich ihr Todesurteil gewesen, und auch, wenn Millet selbst durchaus stärker war, als sie aussah, würde sie für diese beiden mit Sicherheit keine gebrochenen Knochen riskieren.
»Das bringt doch alles nichts!«, versuchte die Elferin es noch einmal, und diesmal brachte ein Schluchzen ihre Stimme zum Beben. »Wir können das doch auch mit Worten regeln! Hört auf zu streiten, bitte!«
»Genug jetzt!«
Irritiert blickte Millet sich um, als sie auf einmal eine zweite Stimme vernahm, und feststellen musste, dass sie zu Capheira gehörte. Tatsächlich hatte dey nun ebenfalls einen Schritt nach vorn gewagt, und als die beiden zankenden Frauen nicht reagierten, packte dey Trench bei der Schulter und bekam prompt einen Ellenbogen gegen die Stirn gedonnert. Sehr zu Millets Überraschung gab Capheira jedoch nicht nach; und mit etwas Beharrlichkeit und Körpereinsatz hatte dey es bald geschafft, zumindest Theben ein wenig zurückzudrängen, während Trench von selbst wieder auf Abstand ging und die Unterbrechung nutzte, um eine Mischung aus Blut und Speichel neben sich auf die Dielenbretter zu spucken.
»Misch dich da nicht ein, Fischkopf!«, knurrte Theben gereizt und war gerade im Begriff, sich auch noch mit dem Vierer anzulegen, als ein weiterer Ruf wie die langersehnte Erlösung durch den Speisesaal hallte und dafür sorgte, dass sämtliche Anwesende die Köpfe wandten.
»Essen ist fertig!«



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AN: Hallo, liebe Freunde und Feinde. Ich spreche zu euch – aus dem Urlaub! Denn auch wenn ich den letzten Monat über eine kleine kreative Flaute hatte, bin ich jetzt wieder ziemlich motiviert, konnte diesen Moloch von einem Kapitel endlich beenden, und wollte ihn euch dann auch nicht länger vorenthalten.

Herzlich Willkommen bei Leute machen Sachen und Millet guckt zu! :-D Und ein paar neue Infos zur Arena gibt’s auch. Yippie.
Ich hatte kurz darüber nachgedacht, das Kapitel hier auch noch mal zu teilen, aber ich wollte nicht schon wieder so eine Doppel-POV-Situation haben wie beim letzten Mal und hab es dann ja glücklicherweise doch noch hingekriegt, unter 10k zu bleiben. Ich hoffe, es ist trotzdem okay zu lesen.

Obwohl wir mit dem ersten Tag noch nicht ganz durch sind (keine Sorge, ihr habt es bald geschafft), werde ich ab jetzt wohl doch wieder auf ein Update pro Monat umsteigen. Es hat ja doch besser geklappt als ursprünglich angenommen, aber auf Dauer kann ich das bisherige Tempo einfach nicht halten und lasse mir dann lieber etwas mehr Zeit für Puffer.
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