Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Vivisektion eines Albtraums

von Tschuh
Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteMystery, Horror / P18 / Mix
OC (Own Character)
06.01.2022
06.10.2022
14
86.104
6
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
06.01.2022 4.492
 
☽   P R O L O G   ☾



Ein Jahr zuvor



Sechs. Es war der sechste Morgen gewesen, an dem Desdemona umgeben von Bauschutt, tropfenden Rohren und grauen, lieblos gekachelten Wänden aufgewacht war. Und auch, wenn es wahrscheinlich sehr viel wichtigere Dinge gab, über die man sich hier Gedanken machen sollte, hatte sie sich fest vorgenommen, immer schön mitzuzählen.
»Jeder Tag hier könnte dein letzter sein, Dessie.«
Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie nicht die geringste Ahnung, ob es gerade Morgen, Abend oder mitten in der Nacht war. Der stark industriell anmutende Gebäudekomplex, in dem man sie und die anderen Tribute vor nicht einmal einer Woche ausgesetzt hatte, besaß weder Fenster, noch Türen, die nach draußen führten. Bisher hatte sie jedenfalls noch keine gesehen.
Der kleine, rostige Schlüssel, den sie noch immer in ihrer Hand umklammert hielt, würde das jedoch bald ändern. Hoffentlich. Dafür musste sie einfach bloß die richtige Tür finden. Das hatte man ihr zumindest versprochen. Und allzu schwer konnte das ja wohl nicht sein, oder? Schließlich war sie bereits so weit gekommen! Was sie für dieses blöde Ding nicht schon alles getan hatte …
Desdemona schluckte den bitteren Geschmack, der sich inzwischen wieder auf ihrer Zunge gebildet hatte, eisern herunter, versuchte, das Brennen in ihrer Kehle zu ignorieren, und krampfte ihre Faust so fest um den Schlüssel, dass ihre Knöchel weiß anliefen – das hieß, sie nahm an, dass sie weiß anliefen. Dank der Stofffetzen, die um ihre Hände gewickelt worden waren, und die zahlreichen dunklen Flecken darauf konnte man das mittlerweile nicht mehr so genau erkennen.
In Dessies anderer Hand lag ein altes, schmutziges Fleischerbeil, das sie ebenso dicht gegen ihre Brust presste wie den Schlüssel. Jetzt, wo sie allein weitermachen musste, war diese Klinge die einzige Verteidigung, die ihr noch geblieben war.
»Nimm es … das Beil … d-du musst …«
Das Mädchen konnte spüren, wie ihr Atem sich ein weiteres Mal beschleunigte, wie ihr Herz wieder zu rasen begann, und die Panik mit ihren kalten Fingern nach ihr griff. Nein … sie musste ruhig bleiben! Für so etwas hatte sie jetzt wirklich keine Zeit. In einem verzweifelten Versuch, sich noch ein wenig kleiner zu machen, zog Desdemona die Knie so eng an ihren Brustkorb, dass die Schneide ihres Beils nahezu fordernd gegen ihre Rippen drückte. Gut so. Je fester sie das Teil im Griff hatte, desto besser.
Die kleine, schattige Nische zwischen ein paar Holzpaletten, in der sie sich auf der Flucht durch die labyrinthartigen Gänge dieses Komplexes verkrochen hatte, dürfte ihr vorerst genügend Schutz bieten – zumindest so lange sie sich weiterhin bedeckt hielt und sich nicht durch irgendwelche unüberlegten Laute oder Gesten verriet. Alte, stillgelegte Fabrik- oder Lagerhallen gab es im Industriegebiet des Achten Distriktes zuhauf und es war bei weitem nicht das erste Mal, dass sie sich in einer solchen Umgebung verstecken musste. Nur hatte sich die Bedrohung zu dieser Zeit noch um einiges weniger real angefühlt.
»Wenn die Nachtwächter dich erwischen, zerbeißen dich die Hunde und anschließend werden deine Überreste in einem riesigen Topf voll Säure aufgelöst! Hab ich jedenfalls gehört.«
Vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, sich vorzustellen, dass all das hier nichts weiter als ein Versteckspiel mit Freunden war. Da musste man auch bloß stillhalten und darauf hoffen, dass der Suchende irgendwann das Handtuch warf. Und in so etwas war Dessie wirklich verdammt gut. Ausharren und warten. Raquel und Valentino, die neben ihr hockten, einen bösen Blick zuwerfen, weil die beiden einfach nicht aufhören wollten, zu kichern, bis die Taschenlampe des Nachtwächters auf einmal doch in ihre Richtung schwenkte und die Hunde draußen zu bellen begannen, der Rückweg war abgeschnitten, das Versteck umstellt, und sie hatten sie, verdammt, sie kamen hier nicht mehr raus, und die Schritte wurden immer lauter, oh Gott, die Schritte, sie würden-
Es dauerte einen Augenblick, bis Desdemona realisierte, dass besagte Schritte nicht bloß durch ihre Erinnerungen hallten, und sie sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. Jemand war hier. Jemand, der dieselben schweren Stiefel trug, die auch an ihren Füßen steckten, nur ein paar Nummern größer. Sie schlurften ein wenig über den staubigen Betonboden, klangen beinahe gemütlich … und sie kamen von rechts hinter ihr. Die Richtung, aus der sie selbst vorhin gekommen war. Das Rasseln seines Atems wurde immer lauter.
»Dessie-Mäuschen, wo steckst du denn nur?«
Calibans Stimme klang rau und heiser, fast so wie die ihrer Mutter, nachdem sie schon wieder eine ganze Schachtel Zigaretten geraucht hatte, wenn auch bei weitem nicht so müde. Die Art und Weise, wie er ihren Namen aussprach, ließ ihr buchstäblich die Nackenhaare zu Berge stehen und heiße Galle in ihrem Rachen aufbrodeln. Sie wollte nicht, dass er sie so nannte. Sie wollte, dass er endlich wegging!
»Möchtest du deinen Raban wirklich noch länger warten lassen? Das ist aber nicht sehr artig von dir. Ich glaube, er vermisst dich schon! Und ich sowieso.«
Der eigentümliche Singsang, in dem der Mann vor sich hin säuselte, wurde von einem metallischen Klirren unterbrochen, welches Desdemona unweigerlich zusammenzucken und kurz aufkeuchen ließ, doch sie wagte es nicht, sich nach der Quelle des Lärms umzusehen. Stattdessen presste sie erneut die Lippen aufeinander und konzentrierte sich darauf, keinen Mucks von sich zu geben. Der Schweiß lief ihr in die Augen und brannte wie Säure auf ihrer Netzhaut.
»Jetzt komm schon raus. Ich hab keine Lust mehr, Verstecken mit dir zu spielen! Raban langweilt sich auch schon, das hat er mir eben erst gesagt. Außerdem muss ich dir unbedingt noch was zeigen!«
Fünfzehn. Es mussten inzwischen um die fünfzehn Minuten vergangen sein, seit Dessie von ihrem Distrikt- und Bündnispartner Raban getrennt worden war. Sie hatten die Tür beinahe erreicht, waren sich sicher gewesen, dass sie die Arena jeden Moment verlassen können würden, doch der Zweier hatte dort auf sie gewartet. Sie hatte Raban noch ihren Namen schreien hören, aber zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits die Beine in die Hand genommen und war gelaufen, so weit ihre Füße sie getragen hatten, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach ihrem Verbündeten umzublicken. Sie hatte ihn einfach im Stich gelassen, um ihre eigene Haut zu retten.
»Ich musste das tun. Er … er hätte euch sonst …«
Gegen den muskelbepackten Karriero hätte sie doch sowieso nichts ausrichten können! Dessie hatte solche Angst gehabt, sie hatte nicht nachgedacht, und da war es dann auch schon zu spät gewesen, sie hatte doch einfach nur versucht, sich in Sicherheit zu bringen …
Das schwere, rostige Kratzen eines Torflügels, der über den Boden schabte, riss sie ein weiteres Mal aus ihren Gedanken. Dessie konnte hören, wie Calibans Schritte sich immer weiter von ihr entfernten, dann fiel die Tür schließlich mit einem lauten Scheppern ins Schloss und das Mädchen erlaubte sich endlich wieder zu atmen. Ihr war vom langen Luftanhalten schon ganz schwindelig geworden und sie brauchte einen Moment, um wieder einigermaßen klar sehen zu können, darauf wartend, dass das Rauschen in ihren Ohren etwas abflaute und ihr Herz nicht mehr so panisch gegen ihren Brustkorb hämmerte.
Caliban war sie wohl erst einmal los. Das Problem war nur, dass er genau in die Richtung verschwunden war, in der sich der Ausgang befand. Und sie durfte auch nicht vergessen, dass der blutrünstige Karriero bei weitem nicht die einzige Bedrohung war, vor der sie sich in dieser Arena in Acht nehmen musste.
»Die … die Wände …!«
Sie wusste ja nicht einmal, ob außer Caliban, Raban und ihr überhaupt noch jemand am Leben war.
Fünf. Fünf Stunden oder vielleicht auch nur eine halbe. Dessie hatte wirklich versucht, so lange wie möglich den Überblick zu behalten, doch mit jedem weiteren Tag, der verstrich, war es ihr schwerer gefallen. War es nur eine halbe oder schon fünf Stunden her, seit sie Elodie hatte sterben sehen? Das Mädchen aus dem Neunten Distrikt hatte von Anfang an zu den einzigen Tributen gehört, die Raban und sie hatten leiden können. Die meisten anderen hatten sie bereits vor der Arena behandelt, als wären sie bloß zwei rohe Stücke Fleisch, um die sie sich beim Füllhorn streiten und sie anschließend wie ein Rudel aufgestachelter Hunde in der Luft zerreißen würden. Dessie konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals so unwohl in ihrer Haut gefühlt zu haben. Als wäre sie überhaupt kein Mensch mehr.
Wenn ihr Vater es einmal geschafft hatte, sich von seinem mageren Gehalt eine Packung Dosenfleisch zu leisten, hatte sich beim Abendessen die gesamte Familie darauf gestürzt, auch wenn es im Endeffekt nie so gut geschmeckt hatte wie in ihrer Erinnerung. Mittlerweile wurde ihr nur noch schlecht, wenn sie daran zurückdachte.
Für die anderen Tribute hatte es keinen Unterschied gemacht, ob sie atmen oder lachen oder sprechen konnte, ob sie einen Namen oder Eltern oder Freunde besaß. In ihren Augen waren sie schon längst nichts wirklich Lebendiges mehr gewesen. Eine lauwarme Zwischenmahlzeit, nach der sie ja doch wieder hungern mussten.
Die Blicke, die die Karrieros Raban und ihr damals im Trainingscenter zugeworfen hatten … damals, als wäre es nicht erst zehn, zehn Tage her … die hatten sie nicht bloß töten wollen. Ihr Ziel war es gewesen, ihnen wehzutun.
Das Karrierebündnis hatte sich oft genug darüber unterhalten, was sie mit den anderen Tributen anzustellen gedachten, wenn sie in der Kantine mal an ihrem Tisch vorbeigeschlichen waren. Sie hatten auch überhaupt nicht versucht, ihre Stimmen zu senken oder sich beim Flüstern die Hand vor den Mund zu halten, nein, die hatten ihre Pläne ganz frei und offen in den Raum hinausposaunt, sodass es auch jeder von ihnen hatte hören können.
»Weißt du, was ich mit Acht weiblich am Füllhorn mache? Ich such mir den schönsten Dreizack, den sie haben, brech die mittlere Zinke raus, und ramm ihr das Teil so frontal in den Schädel, dass ich ihre Augen als Cocktailoliven servieren kann!«
Der große, bullige Fünfer, der sie fast die gesamte Trainingszeit über von der Hammerstation aus angestarrt hatte, war zumindest schweigsam geblieben. Und er hatte sich über die Lippen geleckt, als sie es doch einmal gewagt hatte, seine Blicke zu erwidern. Das Letzte, was sie von ihm gesehen hatte, war sein zerfetzter Oberkörper gewesen, aus dessen Wunden noch immer die zähe, bräunliche Suppe gesickert war, als Elodie den Hebel für die Müllpresse heruntergedrückt hatte. Nicht einmal für einen winzigen Funken Erleichterung hatte dieser Anblick ausgereicht.
Ob irgendeiner von denen jemals gedacht hätte, dass sie, Desdemona Levi, einmal zu den letzten Überlebenden dieser Spiele gehören würde?
Vier. Vier Tage war es nun her, seit Caliban die Einserin, die immer so versessen darauf gewesen war, Rabans abgetrennten Kopf auf ihrer Speerspitze durch die Arena spazierenzutragen, dazu gezwungen hatte, ein Säckchen Nähnadeln zu schlucken. Sanft, ja beinahe behutsam hatte er ihr über den Rücken gestreichelt, während sie in einem verzweifelten Versuch, nach Atem zu ringen, einen Schwall Blut vor sich auf die Fliesen gewürgt hatte. Es hatte eher danach geklungen, als wäre sie ertrunken, statt an den Nadeln zu ersticken.
»Sie kann dir jetzt nicht mehr wehtun, Dessie«, hatte er geflüstert, nachdem das andere Mädchen endgültig in sich zusammengebrochen und ihre Finger sich ein letztes Mal in ihre zerfetzte Kehle gegraben hatten. »Aber keine Sorge. Das, was ich mit dir vorhabe, wird noch um einiges schlimmer werden. Das verspreche ich dir.«
Desdemona hatte sich nie für all die Dinge bedankt, die Elodie für Raban und sie getan hatte. Und nun war es dafür zu spät. Ob sie geahnt hatte, dass sie sich ganz Panem zum Feind machen würde, als sie sich dazu entschieden hatte, ihnen zu helfen? Ob sie es bereut hatte? Ohne Elodie wären sie beide wahrscheinlich längst tot. Und alles, was sie für ihr Mitleid erhalten hatte, war ein noch grausameres Schicksal gewesen.
Dessie betrachtete ihre Hände, die noch immer um den blutigen Schlüssel und das Beil verkrallt waren. Die Stofffetzen, mit denen sie sie vor drei, drei Tagen verbunden hatten, stammten von Elodies Jacke. Sie hatte Raban und ihr auch gezeigt, wie man eine Wunde versorgte. Der Verband musste immer schön festgezurrt werden, damit die Blutung auch ordentlich gestillt werden konnte. Am besten wäre es, ihn alle paar Stunden zu wechseln, aber hier hatten sie leider etwas improvisieren müssen. Elodie hatte sich auch um Rabans Hand gekümmert, nachdem er …
Dessie kniff die Augen zusammen, so fest sie konnte, doch es war bereits zu spät. Das Bild war schon dabei, sich wieder hinter ihren Lidern zusammenzusetzen, die Erinnerung so klar und ungetrübt wie ein Filmstreifen, der sich auf ewig in Dauerschleife für sie abspielen würde.
Die kleine, dunkle Kammer. Das viel zu grelle Licht, das sanft über ihnen hin und herschwang. Der Tisch mit dem rostigen Fleischerbeil in der Mitte, an dem sie, Raban, Elodie und der hagere Junge aus dem Zehnten Distrikt gesessen hatten.
Raban hatte so sehr gezittert, dass er das Beil kaum hatte halten können. Und sein unaufhörliches Schluchzen hatte sich ebenso in ihr Gedächtnis eingebrannt wie seine Schreie. Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie sein Stumpf ausgesehen hatte. Die Tränen hatten auch ihre Sicht verschwimmen lassen.
»Du darfst einfach nicht darüber nachdenken, was es wirklich ist«, hatte Elodie mit erstickter Stimme versucht, ihm Mut zuzusprechen. »Stell … stell dir einfach vor, es wäre eine Karotte!« Sie hatte so furchtbar schwach dabei geklungen. Und sie hatte auch geweint.
Die Tür war aufgeschwungen und der Zehner hatte das Beil letztendlich an sich genommen. Nachdem er sich geweigert hatte, die Mutprobe selbst zu übernehmen, und Raban sie an seiner Stelle hatte bestehen müssen, hatte er kein einziges Wort mehr mit ihnen gesprochen. Aber er hatte auf sie gewartet. Nicht aus Mitleid oder gar Wohlwollen allerdings, wie Dessie wenig später ebenfalls bewusst geworden war. Sie hatten noch immer diese Flasche Wasser bei sich gehabt, an der seine Blicke ständig hängengeblieben waren. Und sie alle waren durstig gewesen.
Es war alles so furchtbar schnell gegangen! Das Beil hatte genau zwischen seinen Augen gesteckt und das widerliche Schmatzen, mit dem Elodie die Klinge wieder aus seinem Schädel gezogen hatte, hallte noch immer in Dessies Ohren wider, und sorgte dafür, dass ihr abwechselnd heiß und wieder kalt wurde.
Sie hatte so unendlich müde ausgesehen, ihr Gesicht rot und verquollen wie nach einer Laugenverätzung.
»Ich musste das tun. Er … er hätte euch sonst …«
Fünf. Fünf Stunden oder vielleicht auch nur eine halbe war es her, seit Elodie ihre letzten Worte ausgehaucht hatte.
»Nimm es … das Beil … d-du musst …«
Ihre flatternden Lider, ihr immer flacher werdender Atem, und das Blut, das wie frischer Teer über ihre Lippen gequollen war und in dem ihr ersticktes Röcheln noch Blasen geworfen hatte … ihre Finger, die sich ebenso kraftlos wie verzweifelt um den Griff ihrer Waffe gewunden hatten, als wäre sie alles, was ihr jetzt noch Halt geben konnte, doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät gewesen. Sie war noch ein paar letzte Meter auf Dessie zugekrochen, während Beine und Unterleib am anderen Ende des Raumes zurückgeblieben waren, reglos, bis auf das gelegentliche Zucken ihrer Zehen, krampfhaft ausgestreckt, als warteten auch sie nur darauf, sich jeden Moment von ihrem Körper lösen und endgültig die Flucht ergreifen zu können. Nichts als glibberige, verschwommene Masse, und das grell leuchtende Rot, das sich wie ein Blitzlichtgewitter von den aschgrauen Fliesen abgehoben hatte, und irgendwann war sie einfach dort liegengeblieben. Dessie wusste nicht, wie lange sie noch in diesem Raum gestanden und den träge vor sich hin pulsierenden Klumpen angestarrt hatte, bis sämtliche Konturen ihres einstigen Körpers sich vollständig aufgelöst hatten, und nur noch Rot und Grau übriggeblieben waren.
Elodie war tot. Sie war nicht mehr da, um Dessie zu beschützen. Und sie würde auch nicht mehr zurückkommen, um ein letztes Wunder zu vollbringen.
Im Prinzip musste sie einfach bloß warten, bis Caliban sich weit genug von ihr entfernt hatte. Wusste er überhaupt, wo der Ausgang war? Damit musste sie wahrscheinlich rechnen. Also würde er ihn vermutlich auch bewachen. Vielleicht wurde er ja irgendwann müde und legte sich schlafen … mit etwas Glück konnte Dessie sich dann einfach an ihm vorbeischleichen. Wieder strich sie mit ihrem Daumen über die warme, glitschige Oberfläche des Schlüssels. So lange er sich in ihrem Besitz befand, war auch Caliban hier gefangen. Aber wollte er diese Arena überhaupt verlassen? Bisher hatte er immer irgendwie den Eindruck gemacht, als würde er sich hier wohlfühlen … auf eine seltsame, unbegreifliche Art und Weise.
Und was war eigentlich mit Raban? Vielleicht hatte Caliban ihn ja am Leben gelassen und es gab doch noch eine Chance, ihn zu retten … sie sollte es zumindest versuchen! Das war sie ihm schuldig, nachdem sie ihn vorhin einfach bei diesem wahnsinnigen Karriero zurückgelassen hatte. Raban war ziemlich dünn und noch leichter als Dessie selbst, bestimmt könnte sie ihn stützen oder wenigstens ein Stück weit hinter sich herziehen … wenn sie draußen waren, würden die Kapitolsärzte sich bestimmt um seine Wunden kümmern und dann würde es ihm auch bald wieder besser gehen. Er würde ihr verzeihen und weiterhin ihr Freund bleiben wollen und alles war wieder in Ordnung!
Dessie schloss für einen Moment die Augen und versuchte, sich ihren Weg noch einmal in allen Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen. Wenn sie ihr Versteck verließ, würde sie auf der rechten Seite der Halle eine große Eisentür vorfinden. Durch diese war auch Caliban vorhin gegangen, als er nach ihr gesucht hatte. Mit etwas Glück war sie nicht abgeschlossen, auch wenn sie natürlich trotzdem vorsichtig sein musste, um nicht allzu viel Lärm zu veranstalten. Und dahinter lag auch schon der Ausgang. Zumindest hatten die Kassettentapes das behauptet. Eigentlich waren es ja nur ein paar Schritte … und wenn sie weiterhin nur tatenlos hier herumlungerte, würde Caliban sie sowieso irgendwann finden. Ihr blieb also gar nichts anderes übrig, als sich wieder auf den Weg zu machen. Die Frage war bloß, wann die Gelegenheit am günstigsten war. Schließlich wäre es ganz schön dumm von ihr, einfach so draufloszurennen, ohne sich vorher zu vergewissern, dass sie auch wirklich alleine-
»Kuckuck!«
Als Desdemonas Kopf wieder nach oben schnellte, starrten sie zwei weitaufgerissene, graue Augen an, die wie Nebelscheinwerfer zwischen den Brettern hindurchspähten, und sie reflexartig zurückweichen ließen. Sie hatte kaum Zeit, um sich einen möglichen Fluchtplan zu überlegen, da hatte Caliban die Holzplanken auch schon zur Seite gerissen, sprang nach vorne, und packte mit beiden Händen nach ihrer Kehle. Das Mädchen versuchte zu schreien, doch seine Finger hatten sich bereits in ihre Luftröhre gebohrt und schnitten ihr buchstäblich den Atem ab, sodass sie nicht viel mehr als ein ersticktes Japsen herauswürgen konnte. Sie schlug um sich, so wild sie konnte, krallte ihre Nägel in seine Arme und trat nach seinem Unterleib, doch ohne Erfolg. Die wenigen Treffer, die sie landete, schienen ihm nicht das Geringste auszumachen. Das Beil hatte Dessie in ihrer Panik fatalerweise fallen gelassen und auch der Schlüssel drohte, ihr aus den Fingern zu gleiten, weshalb sie ihre Faust nur noch fester darum schloss. Er war das Einzige, was sie aus diesem Albtraum befreien konnte, er war alles, was sie noch hatte, er war-
»Hast du ein Glück, dass ich dich doch noch gefunden hab!«, hechelte Caliban mit einem vorfreudigen Grinsen auf den Lippen, das Desdemonas Glieder regelrecht zu lähmen schien. Es sah aus, als würde er seine Zähne fletschen, nur um sie wenig später gierig in ihren Hals zu schlagen. »Ich war schon kurz davor, die Suche endgültig aufzugeben. Aber dann sind wir ja jetzt alle wieder zusammen!«
Dessie spürte bereits, wie ihr Sichtfeld erneut zu verschwimmen begann und ihr Kopf fühlte sich so eigenartig leicht an, als Caliban mit einem Mal von ihr abließ und die Luft endlich zurück in ihre Lungen strömte. Bevor sie sich allerdings aufrichten, geschweige denn Atem schöpfen konnte, griff der Karriero stattdessen nach ihrem Pferdeschwanz und zerrte sie unsanft wieder auf die Füße. Ein schmerzerfülltes Wimmern entkam ihrer Kehle und rieb gegen ihre wundgescheuerten Rachenwände, während sich die ersten Tränen ihren Weg über ihre Wangen bahnten. Ein letzter Blick auf Elodies Beil, das einsam, nutzlos und weit außerhalb ihrer Reichweite unter einer der Holzpaletten lag, entlockte ihr ein blechernes Schluchzen. Jetzt waren ihre Mühen völlig umsonst gewesen …
Caliban zog sie hinter sich her wie ein störrisches Nutztier und Dessie hatte weder die Zeit, noch die nötige Klarheit, um sich wirklich gegen ihn zu wehren, stolperte einfach bloß weiter, in der Hoffnung, dass er sie bald wieder loslassen würde, während der Schmerz ihr sämtliche Sinne vernebelte.
Als Dessie es endlich schaffte, ihren Kopf ein Stück weit zu heben, erblickte sie in der Mitte der Lagerhalle Raban, der eingesunken neben ein paar aufgestapelten Kisten auf dem Boden hockte. Im ersten Moment verspürte sie beinahe so etwas wie Erleichterung, ihren Freund halbwegs wohlbehalten oder zumindest lebendig vor sich zu sehen, wollte auf ihn zurennen und ihn in ihre Arme schließen, bevor ihr bewusst wurde, dass der Karriero sie immer noch fest im Griff hatte und Raban … er saß nicht einfach bloß da und wartete darauf, gerettet zu werden. Er wurde festgehalten – von einem Messer, das mitten durch seinen Handrücken in eine der Kisten gerammt worden war. Die Hand, an der ihm ein Finger fehlte … er zitterte am ganzen Körper und schien seine Augen kaum offenhalten zu können. Dessie war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt bemerkt, geschweige denn wiedererkannt hatte. Aus seinem halb geöffneten Mund tropfte Blut auf den staubigen Betonboden, es floss, nein, es strömte, so rasch und unaufhaltsam, dass er nicht einmal damit hinterherkam, es von selbst herauszuwürgen, sein Röcheln hallte nass und schleimig von den hohen Wänden wider und Dessie wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als einfach das Bewusstsein zu verlieren und nie wieder aufwachen zu müssen.
Er klang genauso wie Elodie.
»Wäre dein lieber Freund hier nicht gewesen, hätte ich dich sicherlich noch den ganzen Tag lang gesucht«, rissen Calibans Worte sie jäh wieder aus ihren Gedanken und sorgten dafür, dass sie für einen Augenblick regelrecht erstarrte. »Um mich auch angemessen für seine Hilfe zu bedanken, habe ich ihm einfach mal ganz spontan die Zunge rausgeschnitten, aber keine Sorge, so schnell werde ich euch nicht töten. Schließlich haben wir doch gerade erst wieder zusammengefunden! Und außerdem hab ich dir ja versprochen, dass ich dir vorher noch etwas zeigen wollte und wie du weißt, halte ich mein Wort.«
Er zerrte das Mädchen zu ihrem Bündnispartner herüber, zog diesem mit einem kräftigen Ruck das Messer aus der Hand, und warf sich anschließend beide Kinder über die Schultern. Dessie bekam kaum Luft, so fest, wie seine riesigen Arme sich um ihre Taille schlangen und ihr leerer Magen gegen sein Schlüsselbein gedrückt wurde. Und dass sie dabei zu allem Überfluss auch noch kopfüber hing, machte die Sache nicht besser.
Es dauerte viel zu lange, bis sie endlich auf die Idee kam, wieder mit dem Schlagen und Treten anzufangen, doch ohne Raban, der währenddessen nur leblos wie ein alter Wäschesack über Calibans anderer Schulter hing und anscheinend weder die Kraft, noch die Motivation hatte, um sich ebenfalls zu wehren, brachte ihr Gezappel herzlich wenig. Hatte er tatsächlich bereits aufgegeben? Oder schämte er sich dafür, dass er dem Karriero ihr Versteck verraten hatte? Dabei sollten sie doch eigentlich längst quitt sein …
Auf einmal blieb Caliban abrupt stehen, kaum dass er durch die alte, rostige Eisentür getreten war, stellte sich in die richtige Position, und räusperte sich feierlich. Was Dessie nun vor sich sah, zurrte den Knoten, aus dem ihre Eingeweide inzwischen bestehen mussten, so fest zusammen, dass sie endgültig das Gefühl bekam, sich übergeben zu müssen.
Es war eine Tür, über der in großen, grün leuchtenden Neonbuchstaben das Wort ›EXIT‹ prangte. Die Hand, in der sie nach wie vor ihren Schlüssel hielt, krampfte sich so fest zusammen, dass ihr gesamter Arm zu beben begann und sie deutlich spüren konnte, wie die frisch verschorften Wunden sich wieder öffneten und ihren Verband durchnässten. Wenn Caliban nicht hier wäre, dann … dann könnte sie einfach darauf zulaufen, den Schlüssel im Schloss herumdrehen, und diese Hölle ein für alle Mal hinter sich lassen! Sie hatten es doch fast geschafft … der Ausgang war so nah!
»Schön, oder?« Calibans Stimme klang ungewöhnlich bedeckt, ja beinahe ehrfürchtig. Als würde er gerade einen malerischen Sonnenuntergang betrachten und nicht mit ihr in diesem ekelhaften Drecksloch feststecken. Desdemona konnte die Magensäure bereits auf ihrer Zungenspitze schmecken, wie sie nach und nach ihr gesamtes Mundinneres zu verätzen drohte. »Ich wusste doch, dass die Aussicht dir gefallen würde. Und praktisch ist sie auch noch! Wenn wir es gleich hier erledigen, hab ich nachher keinen allzu weiten Weg. Und ihr könnt auch noch ein bisschen Freiheit schnuppern, bevor es mit euch zu Ende geht. Auf diese Weise gewinnen wir alle!«
Ein Ruck ging durch Dessies Körper, als Caliban sie und ihren Verbündeten mit einem Mal fallen ließ und sie unsanft mit dem Hinterkopf am Boden aufschlug. Ihr Schädel dröhnte wie verrückt, auf ihrer Netzhaut tanzten flackernde Punkte, und jeder einzelne Muskel in ihrem Körper schien mittlerweile in Flammen zu stehen. Sie konnte hören, wie Raban sich neben ihr langsam aufzurichten versuchte, doch Caliban war bereits zur Stelle, um dem Jungen seinen Fuß auf die Brust zu stellen, und ihm erbarmungslos die Luft aus den Lungen zu pressen. Die Geräusche, die er dabei von sich gab, wollte Dessie noch nicht einmal beschreiben. Das panische Zucken seiner Glieder konnte sie nur noch aus dem Augenwinkel erkennen, doch sich vollständig umzudrehen und ihn womöglich ansehen zu müssen, wagte sie nicht. Stattdessen blieb ihr Blick weiterhin starr auf den Ausgang gerichtet, Rabans Würgen und Calibans Kichern angestrengt auszublenden versuchend.
Sie hatte noch immer eine Chance. Und sie war so verdammt nah dran! Der Schlüssel lag nach wie vor in ihrer Hand, es waren nur ein paar Meter, das würde doch wohl irgendwie zu schaffen sein … sie konnte doch jetzt nicht einfach so aufgeben …
Dessie hörte, wie die Klinge in Calibans Hand an irgendetwas Metallischem entlangschabte. Auch Rabans Wimmern war inzwischen wieder ein wenig leiser geworden. Er konnte nicht mehr. Und über ihren eigenen, schweren Atem hinweg, der wie peitschende Stromschnellen in ihren Ohren rauschte, konnte sie ohnehin kaum etwas davon verstehen. Caliban würde ihnen nicht einfach die Kehle durchschneiden oder ihnen das Messer ins Herz rammen und dann gemütlich vor sich hin pfeifend die Arena verlassen. Das hatte er ihnen inzwischen deutlich genug zu verstehen gegeben. Doch vielleicht hatten sie ja Glück. Desdemona lag auf dem Rücken, genauso wie Raban, und zitterte am ganzen Körper. Womöglich könnte sie es noch irgendwie schaffen, sich selbst die Zunge abzubeißen und daran zu ersticken, bevor der Karriero damit beginnen konnte, ihr die Haut von den Sohlen zu schälen.
»Oh Kinder, ihr habt ja keine Ahnung, wie lange ich hierauf gewartet habe …«
Das stechende Grün des Neonschildes verschwamm allmählich vor Dessies Augen und mischte sich mit dem rostigen Grau der Umgebung, während sie das Metall ein weiteres Mal scheppern hörte, dann Calibans Schritte, das Schmatzen der Klinge, und Rabans ersticktes Gurgeln, in dem seine ebenso verzweifelten, wie vergeblichen Schreie ertranken. Irgendwie war es erleichternd, sein Martyrium durch das Salz, das nun langsam an ihren Wundrändern kristallisierte, nicht mehr mit ansehen zu müssen. So erleichternd, dass selbst ihre Faust sich wieder ein Stück weit zu öffnen begann. Die Hoffnung starb zuletzt, hatte ihre Mutter immer gesagt, aber sie starb. Und Desdemona konnte nur beten, dass sie ihr dieses eine Mal zuvorkommen würde.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast