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Vampire's Kiss

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Dominique de Sade Jeanne Louis de Sade Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
04.01.2022
29.09.2022
36
437.002
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24.07.2022 13.999
 
Ruckartig fuhr Noé hoch, die Augen geweitet, sein Herz rasend. Für einen Moment hatte er keine Ahnung wo er war, sein Blick panisch zu der schlichten Holztür zuckend, aus deren Richtung das klopfende Geräusch kam, das ihn eben aus dem Schlaf gerissen hatte. „Vincent, in einer Viertelstunde gibt es Frühstück.“ Alois dunkle Stimme drang dumpf ins Zimmer, und sofort erstarrte Noé zur Salzsäule, sein Kopf mit einem Mal glühend als die Erinnerungen der vergangenen Nacht plötzlich wieder überaus präsent zurückkehrten. Für einen winzigen Augenblick war da die Hoffnung, dass sie vielleicht doch niemand gehört hatte, die der pflichtbewusste Diener allerdings mit seinem nächsten Satz zerstörte. „Danach bereiten wir die Tafel für Dominique-sama, Louis-sama und…“ Ein kurzes Stocken, gefolgt von einem unbeholfenen Räuspern, ehe der ältere Mann fortfuhr. „…und Noé-sama vor.“ Noé zog seine Beine an, vergrub sein brennendes Gesicht in seinen Händen, während er lautlos verharrte. Ja, offenbar war man davon überzeugt, dass er sich in der Nacht noch zurück in sein eigenes Zimmer gestohlen hatte…

„Vincent? Bist du wach?“ Die ausbleibende Reaktion sorgte dafür, dass Alois sein Klopfen intensivierte, seine Stimme nun lauter und drängender, und entsetzt realisierte Noé, dass die Türe nicht abgesperrt war. Hastig versetzte er dem noch bewegungslos neben ihm verharrenden Bündel einen Stoß, wobei er realisierte, dass die schlanken Schultern bebten. Dieser Mistkerl war wach, und amüsierte sich köstlich!

~*~

Er war schon eine ganze Weile wach, doch eng an Noé heran geschmiegt, in wärmender Umarmung  war es einfach zu schade bereits aufzustehen. Darum hielt er die Augen geschlossen, lauschte den gleichmäßigen Atemzügen und dem regen Treiben draußen auf dem Flur. Er hatte den Wechsel der Nacht- und der Frühschicht mitbekommen, hörte nun wie man auf den Gängen hin und her wetzte um wahrscheinlich bereits alles für das Frühstück der de Sade Sprösslinge her zu zu richten.
Der de Sade Sprösslinge und dem Mündel des Meisters, das friedlich an ihn geklammert schlummerte. Vanitas Lippen hoben sich amüsiert an. Irgendwie… nach all dem Chaos hatte Noé es verdient… so ein winziges bisschen….
Und dann nahm das morgendliche Schicksal seinen Lauf.
Alois klopfte an die Tür, die Worte des Mannes deutlich widerspiegelnd, dass er genau wusste, wer die Nacht mit ihm verbracht hatte. Doch der aktuellen Formulierung zufolge ging man wohl davon aus, dass der junge Herr sich irgendwann doch zurückgeschlichen hatte.

Vanitas konnte die Bewegung hinter sich nur all zu gut deuten. Erst verschwanden die starken Arme von seinen Körper, dann wurde der Atem des Vampirs dumpfer. Wie so oft wenn ihm etwas peinlich war, vergrub er das Gesicht in den Händen und es war zu komisch.
Kaum im Stande das Lachen zurückzuhalten, begann sein Körper leicht zu beben, die Schadenfreude nun doch überhand nehmend.
Im Grunde konnte Noé sich vergnügen mit wem er wollte, dass es ihm selbst aber nicht egal war, war leider sein eigenes Problem.
Als der Ältere ihn dann schon panisch anstieß, drehte er sich sichtlich lachend zu ihm herum, die blassen Wangen rot vom Versuch dabei jeden Ton zu vermeiden.
Noés Blick sprach Bände und so erbarmte sich Vanitas dann doch um Alois zu antworten.
„Ja, ich bin wach.“ Vielleicht würde er jetzt einfach gehen, doch weit gefehlt.
„Ich komme rein. Ich hab hier Arbeitskleidung, die du am besten schon vor dem Frühstück anlegst.“
„Mom-!“, presste Vanitas nun doch etwas panisch hervor, noch im Versuch Alois davon abzuhalten, doch die Tür glitt bereits auf.

~*~

Offenbar hatte Vanitas dann doch Mitleid mit ihm, zumindest erbarmte der Jüngere sich endlich zu antworten. Für Erleichterung war es eindeutig noch zu früh, allerdings war damit wohl vorerst die Gefahr abgewehrt, dass jemand einfach ins Zimmer kommen würde. Sobald alle beim Frühstück waren, würde er sich schon irgendwie zurück in den Haupttrakt des Schlosses stehlen können. Dass ihm das Glück allerdings in keiner Weise Hold war, zeigte sich schon einen Sekundenbruchteil später, als Alois Stimme erneut dumpf durch die Türe drang und mit blankem Horror in den violetten Augen beobachtete er, wie die Klinke sich schon nach unten drückte. Er konnte noch hören wie Vanitas tatsächlich versuchte zu protestieren, doch es war bereits zu spät. Ruckartig riss er die Decke höher, in dem verzweifelten Versuch noch hinter dem Jüngeren in Deckung zu gehen, aber dafür war es bereits zu spät.

Für einen Moment herrschte Stille, und als er sein glühendes Gesicht zögernd anhob, konnte er offene Überforderung in der sonst immer so professionell emotionslosen Mimik sehen. „Noé-sama, guten Morgen.“, begrüßte Alois ihn dann, seine Stimme gewohnt neutral, doch sein Blick wirkte weiterhin überrumpelt. „Ich… wusste nicht, dass Ihr… hier übernachtet habt. Bitte entschuldigt die… Störung.“ Ging es eigentlich noch irgendwie schlimmer? Das alles war das blanke Grauen, an Peinlichkeit kaum zu überbieten… „Guten Morgen.“, presste er schließlich gestelzt hervor, während er sich ein deutlich erzwungenes Lächeln abrang, seine Wangen weiterhin brennend. „Soll ich veranlassen, dass Euch Ihre Sachen gebracht werden?“ Kurz schwenkte der Blick des älteren Herren auf den Boden, wo überaus präsent ihre Schlafkleidung lag, ziemlich eindeutig zeigend, dass sie beide nackt im Bett lagen. „Das… wäre sehr zuvorkommend.“, antwortete er schließlich hastig, inständig hoffend, dass Alois sie dann endlich alleine lassen würde.

~*~

Ja, der alte Knochen kannte keine Gnade und dank seiner tollen Diener-Position war er ihm auch tatsächlich unterstellt. Kein Grund für Privatsphäre also... wie es schien.
Gerade noch so riss Vanitas seinen rechten Arm unter die Decke, versteckte damit das Mal des Vampirs des blauen Mondes, dennoch war durch mehrere Faktoren deutlich sichtbar, dass sie weiterhin nackt das Bett teilten. Sogar ihm, mit der großen Klappe trieb es dabei die Röte ins Gesicht.
Voll bekleidet durch die Gänge zu marschieren, wissend, dass jeder wusste, dass Noé ihm eine unvergessliche Nacht (für jeden hier!) beschert hatte, war etwas völlig anders als noch immer nackt im Bett erwischt zu werden. Sie beide mit zerzausten Haaren, ihre.... fleckige Kleidung auf dem Boden.

Alois schien selbst komplett überfordert, doch er versuchte wenigstens das Gesicht zu wahren. Seines und Noés... Das Gestottere seines Liebsten ließ seine Lippen dann doch wieder höher zucken, doch er blieb vorerst still.
"Sehr... gerne, Noé-sama. Vincent... suche ruhig erst die Dusche auf... bevor du zum Essen kommst. Soll... das Zimmer verlegt werden?" Sofort färbte sich Vanitas Gesicht bis zu den Ohren rot, seine Augen zu Noé zuckend. Das Zimmer...? Fragte Alois gerade allen Ernstes ob er zur 'Erleichterung' ihrer... nächtlichen Aktivitäten nun das Zimmer wechseln sollte? Wie würde sein Liebster nun darauf reagieren? Noé wollte sicher auch in kommenden Nächten nicht alleine schlafen... aber ob er davon jetzt begeistert war?

~*~

Zumindest schien diese Situation selbst für Vanitas etwas zu viel zu sein, immerhin war der Jüngere mit einem Mal seltsam ruhig, das blasse Gesicht ebenfalls erstaunlich dunkel gefärbt. Es war schon irgendwie beruhigend zu wissen, dass dieser unberechenbare Mensch auch seine Grenzen hatte, und nackt im Bett mit ihm von einem Dienstboten erwischt zu werden war offenbar eine davon. Alois´ Frage schaffte es dann, dass seine Gesichtszüge erneut entgleisten, wobei es erstaunlicherweise tatsächlich möglich war, dass die Hitze in seinen Wangen noch zunahm. Der ältere Herr rechnete also schon damit, dass er auch in den nächsten Nächten vor hatte bei seinem Diener zu schlafen? Das war beruhigend und verstörend zugleich. Dass er nun vorschlug das Zimmer zu verlegen diente wahrscheinlich allem voran dem ungestörten Schlaf des restlichen Personals, was die Peinlichkeit sofort noch steigerte.

„Nein, das… ist wirklich nicht notwendig. Vincent kann auch… bei mir schlafen. Damit niemand gestört wird...“ Er wollte einfach nur im Boden versinken. Wieso hatte er sich zu diesem Wahnsinn hinreißen lassen? Was mochte Alois nun von ihm denken? In seinen Augen war er nun wohl einer der Adeligen, der sich einen hübschen jungen Dienstboten für seine körperlichen Gelüste an seiner Seite hielt. Alleine diese Vorstellung bereitete ihm Übelkeit. Der Butler hatte sich immer aufopfernd um ihn, Domi und Louis gekümmert, ihn mitunter sogar zu der Person erzogen, die er nun war. Trotz seines Status in keiner Weise überheblich und arrogant, zufrieden mit Kleinigkeiten obwohl er mit Prunk und Überfluss aufgewachsen war. Doch die Wahrheit konnte er unmöglich aussprechen, weshalb er einfach nur mit verkrampfter Mimik schwieg.

„Natürlich. Sollen wir ein weiteres Gedeck an Eurem Tisch vorbereiten, damit Vincent mit Euch speisen kann?“ Was? Ruckartig zuckten seine violetten Augen zu Vanitas, seine Mimik vollständig überfordert. Natürlich wollte er das, immerhin bedeutete es auch mehr Zeit zusammen verbringen zu können, doch einmal davon abgesehen, dass sie das gesamte Personal damit vor den Kopf stoßen würden, waren da auch noch Louis und Domi…

~*~

Verwirrt blickte er zwischen Noé und Alois hin und her, sein Herzschlag sich plötzlich beschleunigend als der Weißhaarige tatsächlich anbot, dass er zukünftig bei ihm schlafen konnte. Natürlich wusste er auch gleichzeitig was das bedeutete. Keinen Sex mehr, solange sie hier waren... Denn wenn es Noé schon vor dem Personal peinlich war, würde er sich diesen Fehltritt sicher nicht ein zweites Mal vor Dominique und Louis erlauben. Er erinnerte sich nur all zu gut an ihre Blicke vor der Abreise aber... Noé akzeptierte ohne Ausreden, dass er nun wenigstens die Nächte an seiner Seite verbrachte.
Mit seltsam wohligem Gefühl ihm Magen winkte Vanitas dann allerdings ab, als er den überforderten Blick seines Liebsten erhaschte.
"Das ist... zu viel der Ehre... ich möchte Dominique-sama und Louis-sama nicht mit meiner Anwesenheit belästigen." Es klang demütig und er konnte nun auch in Alois Gesicht eine gewisse Zufriedenheit sehen. Sie durften es sich nicht komplett verscherzen. Er war nun mal als Noés Diener hierher gekommen und das war der sicherste Weg.
"Wenn es euch Recht ist, Noé-sama...", sprach er dann weiter. "Werde ich mich nach dem Frühstück sofort wieder den Studien widmen..." Seine Stimme klang ruhig, seine Wangen aber dennoch leicht erhitzt. Je schneller er Ergebnisse vorweisen konnte um so schneller konnten sie zurück und wieder für sich sein.

~*~

Erleichterung flutete seinen Körper als Vanitas tatsächlich das Antworten übernahm, sein Diener das Angebot in höflicher Demut ablehnte, seine Darstellung eines verlegenen Dienstboten mit einem Mal wieder sehr überzeugend, seine Reaktion ganz offensichtlich nach Alois´ Geschmack. Als die dunklen Augen sich erneut auf ihn richteten war der Ausdruck darin dennoch schwer zu deuten. Verurteilte er ihn für sein Verhalten? Gutheißen tat er es mit Sicherheit nicht… „Wie ich bereits erwähnt habe gibt es in etwa einer Viertelstunde Frühstück für alle Dienstboten.“ Obwohl diese Information eigentlich nur für Vincent relevant sein sollte, haftete der Blick des älteren Mannes weiter auf ihm, die versteckte Nachricht dahinter unmissverständlich. Er sollte warten bis sich alle im Speisesaal versammelt hatten, und erst dann das Zimmer verlassen. So wie sein ursprünglicher Plan eigentlich auch ausgesehen hatte…

Mit glühenden Wangen senkte er den Blick auf die Decke, seine gesamte Sitzhaltung verkrampft, seine Mimik angespannt, ehe er ein kaum merkliches Nicken andeutete um zu zeigen, dass er verstanden hatte. „Vincent, möchtest du dein Frühstück lieber in deinem Zimmer einnehmen? Oder gedenkst du dich nach deiner Dusche in den Speisesaal zu gesellen?“ Es… war nicht nur reines Entgegenkommen, dass Alois seinem „Diener“ die Option gab dem gemeinsamen Essen mit den anderen Dienstboten fernzubleiben, oder? Auch so würde sich das Tischthema eindeutig um den Menschen drehen, den der junge Herr in der Nacht beglückt hatte. Wenn dieser auch noch erschien würde es wohl kaum möglich sein einen aufgeregten Tumult zu verhindern... Was hatte er sich nur dabei gedacht? Wie hatte Vanitas ihn nur soweit bekommen tatsächlich sämtliche Hemmungen fallen zu lassen? Sie waren wirklich beide verrückt…

~*~

Vanitas Lippen zuckten nach oben. Noé würde also warten bis man ihm seine Kleider brachte und dann heimlich verschwinden sobald alle den Speisesaal aufgesucht hatten.
Hieß das nun, dass man auch seine eigenen wenigen Habseligkeiten in das Zimmer seines "Herren" bringen würde? Der Gedanke gefiel ihm.
"Ich danke herzlich, aber mehr Sonderbehandlung als ich gerade schon genieße, benötige ich nicht." Sein Lächeln war leicht überheblich, deutlich zeigend wie stolz er auf besagte "Sonderbehandlung" war. Auch wenn Noé es nicht bewusst sein mochte. Er hatte die Blicke der Männer und Frauen gesehen. Wahrscheinlich beneidete ihn die Hälfte dieser Vampire hier.

Noch immer saßen sie im Bett ohne sich zu rühren, Alois in der Tür, bis dieser sich dann räusperte: "Gut... ich werde alles organisieren." Damit verbeugte sich der alte Knochen und schloss dann leise die Tür. Vanitas Grinsen wurde noch breiter als er sein Gesicht lässig auf der Handfläche abstützte, Noé frech fixierte. "Ich darf jetzt also bei Euch schlafen? Das freut mich, Noé-sama."

~*~

Kaum dass Alois die Türe, begleitet von einem leisen Klicken, hinter sich ins Schloss gezogen hatte, sackte Noé leise stöhnend in sich zusammen, sein Gesicht nun wieder in seinen Händen vergraben. Vanitas´ feixende Worte ignorierte er erst, ehe der weißhaarige Vampir seine Finger doch langsam etwas zurückzog, die violetten Augen dabei mit einer Mischung aus Vorwurf und Unglauben auf seinen Gegenüber richtete. Wie konnte ihn das alles nur so kalt lassen? Einmal davon abgesehen, dass sie beide Männer waren, war Vanitas hier in den Augen aller ein Dienstbote. Ein Diener, der sich von seinem Herren… Ein weiteres Stöhnen entkam seinen Lippen, während er den Gedanken grob abwürgte, sich dann rücklings wieder zurück auf das Bett fallen ließ.

Niemand würde es wagen ihm Fragen zu stellen. Doch wenn Vanitas nun mit den restlichen Angestellten frühstücken würde… Gab es diese Diskretion auch wenn die Dienstboten unter sich waren? Er wagte es zu bezweifeln… Man würde nicht zögern ihm Fragen zu stellen, oder? Das war alles eine riesige Katastrophe! Wieso hatte er sich nur einfach niemals unter Kontrolle wenn es um Vanitas ging? Er hatte doch genau gewusst was passieren würde und trotzdem hatte er sich dazu hinreißen lassen. Ihm war wirklich nicht mehr zu helfen.

„Du solltest duschen gehen. Wenn du tatsächlich noch frühstücken gehen willst.“ Seine Stimme klang hoffnungsvoll, seine Mimik deutlich offenbarend, dass er eigentlich nicht wollte, dass Vanitas den Frühstücksraum aufsuchte.

~*~

Es war wirklich niedlich wie sehr sich Noé nun dafür schämte. Aber grundsätzlich hatte der Ältere wirklich Glück, dass er das alles nicht schrecklich persönlich nahm. Außerdem, wenn Vanitas einmal ehrlich war, würde er wahrscheinlich vor Scham sterben wenn es sich um seine eigenen Bekanntschaften handeln würde.
Es war wahrscheinlich das erste und einzige Mal dass er sich in diesem Anwesen aufhielt, daher scherte es ihn kaum.
Noés Aufforderung, gepaart mit dem widersprüchlichen Blick ließ Vanitas dann aber doch eine seiner feingeschwungenen Brauen anheben.
"Wir können uns auch hier verstecken, wenn dir das lieber ist. Ich zweifle ja an, dass du möchtest, dass ich mich zu dir und deinen Freunden geselle und sie damit erfahren warum ich nun ein so hoch privilegierter Diener bin." Er grinste breit. "Keine Sorge, ich kann diskret sein. Du warst zum Ende hin sehr zuvorkommend ... ich habe keinen Grund dich zu ärgern. Im Moment." Er liebte es ihn aufzuziehen. Es war großartig!

Langsam stieg er dann aus dem Bett, steuerte die von Alois abgelegte Arbeitskleidung an, die für Personal immer noch deutlich überteuert wirkte. Der Verband an seiner Schulter war leicht verrutscht, aber er spürte kaum noch Schmerz. Man hatte ihn wirklich gut verarztet, sodass er nach der Dusche darauf verzichten würde.
"Ich zwinge dich für den Rest unseres Aufenthalts zu keinen sexuellen Handlungen mehr. Versprochen." Noch immer grinste er frech, Noés glühender Kopf einfach göttlich. Er hatte jetzt wohl klar genug gemacht wer hier wem gehörte. Damit konnte er sich zufrieden geben.

~*~

Sehr… zuvorkommend? Vanitas´ Wortwahl half nicht unbedingt dabei die Kontrolle über seine Gesichtsfarbe zurückzuerlangen, sein Kopf nach wie vor glühend. „Wie kann dir das so egal sein? Dir ist schon bewusst, dass alle über dich… über uns reden werden!“ Vielleicht hatte man sie in den etwas weiter entfernt liegenden Zimmern nicht direkt gehört, doch so naiv war selbst er nicht, dass er nun annahm, dass man dieses Thema einfach diskret auf sich beruhen lassen würde. Er konnte nur hoffen, dass Domi und Louis nichts davon mitbekommen würden… Matt schloss er die Augen, zog einen Arm über sein gerötetes Gesicht, und verharrte einen Moment einfach nur bewegungslos in dieser Position. Er konnte Vanitas nicht einmal Vorwürfe machen, immerhin trug er selbst Mitschuld an dieser gesamten Misere.

„Wie überaus aufopfernd von dir, dass du deinem Herrn eine Pause gönnst.“, kommentierte er dumpf unter seinem Arm hervor, ehe er seinen Kopf dann allerdings drehte, sodass er seine violetten Augen auf den Jüngeren richten konnte. „Danke.“ Er konnte sehen wie die Mimik des Dunkelhaarigen sich von amüsiert zu verständnislos wandelte, sein plötzlicher Themenwechsel tatsächlich etwas aus dem Konzept gerissen. Das Bett knarrte leise als er sich hochdrückte, die Decke dabei von seinen Schultern rutschend und seinen nackten Oberkörper entblößend. „Dafür, dass du mich nicht vor die Türe gesetzt hast. Ich… hätte es verdient gehabt.“ Ihm war bewusst, wie sehr er Vanitas mit seinem Handeln weh getan hatte, umso wichtiger war es nun noch einmal zu zeigen, wie dankbar er ihm für diese weitere Chance war. Auch wenn er den heutigen Tag über wahrscheinlich versuchen würde sämtlichem Dienstpersonal aus dem Weg zu gehen…

~*~

Ob ihm die Sache nicht peinlich war?
"Hör mal... Es ist ja nicht, so dass ich gar kein Schamgefühl hätte..." Verteidigte er sich dann etwas beleidigt. "Aber ich kann doch auch stolz darauf sein." Grinsend drehte er sich zu Noé zurück, die frischen Kleider bereits über seinem Arm hängend. "Du hast keine Ahnung wie unglaublich du bist, oder?" Sein Lächeln war sanft ehe er dann aber stockte.

Der Dank kam unerwartet und die Brauen kraus ziehen beobachtete er wie Noé sich wieder aufsetzte. Der Grund dafür war schlicht und dennoch war da wieder ein leichtes Ziehen in seiner Brust.
"Lass gut sein... solange es jetzt endgültig erledigt ist..." Es hatte unfassbar geschmerzt und auch jetzt tat es noch weh... aber Noé hatte ihm versichert dass es nun endgültig vorbei war, dass auch Louis verstanden hatte.
"Ich will dass du und sonst auch jeder versteht, dass wir zusammen gehören. Ob Diener oder Mensch... oder was auch immer. Ich erwarte nur dass du zu mir stehst. Wenn ich schon sonst nicht viel verdiene, dann aber sicher das." War das wirklich so schwer zu verstehen?

~*~

Er war also unglaublich? War das nun ein Kompliment oder eine Beleidigung? Das sanfte Lächeln ließ eher auf Ersteres schließen, doch Vanitas hatte diese Formulierung auch schon oft genug in einem negativen Zusammenhang verwendet… Aber da er offenbar stolz darauf war, dass ihre… „Beziehung“ zueinander nun höchstwahrscheinlich in aller Munde war, war es wohl tatsächlich nett gemeint. Schweigend musterte er den Jüngeren, wobei die schlichten Worten dafür sorgten, dass sein Magen sich enger zusammenzog. Es war vorbei. Ein für alle Mal. In all dem Chaos hatte er das alles vorübergehend ausblenden können, doch nun würde er sich gleich mit Louis zusammen am selben Frühstückstisch wiederfinden. Domi hatte bei ihrem Bruder geschlafen, also hatten die beiden mit Sicherheit auch geredet…

„Ich verstehe, dass wir zusammen gehören.“, murmelte er schließlich leise, wobei er den leicht verletzten Unterton in seiner Stimme nicht verbergen konnte. Er hatte um all das hier gekämpft, immer wieder, bis Vanitas ihn tatsächlich endlich an seiner Seite akzeptiert hatte. Er würde den Jüngeren nicht wieder gehen lassen, ihm nicht gestatten ihn noch einmal von sich zu stoßen. Und er stand auch offen zu ihm. Soweit es die Situation eben zuließ. Hier waren sie nun einmal in den Augen der Bediensteten Diener und Herr, in dieser Konstellation gab es keine Beziehung auf Augenhöhe. „Du musst dein Revier nicht verteidigen. Ich will nur dich.“ Er musste ihn dafür nicht markieren, ihn nicht dazu bringen hemmungslos und von alle hörbar seinen Namen zu stöhnen.
Er hatte sich doch schon längst entschieden...

~*~

Vanitas Gesicht spannte sich leicht an, Noés Unterton eindeutig verletzter als er sein sollte. Doch er wollte nicht mehr darüber diskutieren. Sie beide hatten ihre Standpunkte klar gemacht… das musste genügen.
„Ich werde mein Revier ebenso verteidigen wie du es auch wieder in der nächstbesten Situation tun wirst.“ Kurz zuckten seine Mundwinkel arrogant nach oben, ehe er dann allerdings auch sein Hemd und die Hose der Vortages vom Stuhl angelte.
Er würde so klebrig wie er sich fühlte nun sicher nicht in die frischen Kleider steigen. Bis er geduscht hatte würden es diese Sachen noch einmal tun.
Wortlos zog er die Hose über seinen nackten Hintern, spürte dabei bereits den Blick der violetten Augen auf sich und wandte sich dann breit grinsend um. Mit noch halb offenstehendem Bund stemmte er die Hände in die Seiten.
„Ich kann auch bleiben und stattdessen dich frühstücken.“
Diese Aussage genügte bereits damit sich das hübsche Gesicht abermals dunkler färbte und lachend trat Vanitas auf das Bett zu.
„Du lernst es einfach nicht, oder? Nimm mir bitte den Verband ab.“, lenkte er von seinem Späßchen ab und drehte dem Älteren den Rücken zu. Selbst würde er sich einfach nur verrenken wenn er die Bandage allein abnehmen würde und so nutzten sie die kurze Zeit wenigstens noch ein wenig intimer.
„Ich werde mich wieder den ganzen Tag im Privatarchiv deines Meisters aufhalten. Ich habe nicht einmal ansatzweise gefunden wonach ich suche…“ Er seufzte schwer. „Ich könnte Hilfe gebrauchen bei den Massen an Schriften…“ Louis hatte sich gestern noch mit alledem befasst… Wogegen Noé und Dominique mit Abwesenheit geglänzt hatten. Aber leider mussten sie nun wohl tatsächlich alle zusammen arbeiten um schnellstens eine Lösung zu finden.

~*~

Seine Augenbraue zuckte hoch, während er schweigend beobachtete wie Vanitas sich die Hose des Vortags überstreifte. Hatte er seit sie zusammen waren tatsächlich sein Revier verteidigt? Ja, es gefiel ihm nicht den Jüngeren zusammen mit Jeanne zu sehen, doch bei ihrem letzten Aufeinandertreffen hatte seine Priorität ganz anderen Dingen gegolten. Dennoch konnte er nicht bestreiten, dass dieser unberechenbare Mensch Recht hatte. Er würde nicht zulassen, dass ihm irgendjemand zu nahekam. Weder Jeanne, noch irgendeine andere Frau oder ein anderer Mann. Er vertraute Vanitas, trotz allem was sich zwischen ihnen in den vergangenen Tagen abgespielt hatte, doch das bedeutete nicht, dass er immun gegenüber Eifersucht war. Violette Augen weiteten sich als Vanitas sich plötzlich zu ihm herumdrehte, die Hose noch nicht geschlossen, sein Oberkörper von dem blütenweißen Verband abgesehen nackt. In Kombination mit dem aufreizenden Angebot schaffte der Jüngere es wieder einmal ihn kalt zu erwischen, sein Gesicht sich natürlich sofort wieder dunkler färbend. Ja, er lernte es wirklich nicht! Nach all der Zeit sollte er doch wohl zumindest in der Lage sein die Provokationen seines Partners ungerührt an sich abprallen zu lassen. Aber nein, es genügte ein süffisantes Angebot mit ein bisschen nackter Haut und schon ähnelte er wieder einer überreifen Tomate…

Raschelnd glitt die Decke vollends von seinem unbekleideten Körper als er sich vom Bett stemmte, dann auf nackten Sohlen das Zimmer durchquerte um Vanitas´ Aufforderung nachzukommen. Er konnte feine Gänsehaut unter seinen Fingerkuppen spüren, kaum, dass er sanft seine Schulter berührte, dann möglichst behutsam den Verband löste. Die Wunde darunter schien gut zu verheilen, dennoch war das aggressive rot nach wie vor gut sichtbar auf der sonst fast weißen Haut. Es war wieder einmal knapp gewesen. Zu knapp. Wäre er nur einen winzigen Moment später gekommen… Der schlanke Körper spannte sich überrascht an als Noé sich nach vorne beugte, die gerötete Stelle zärtliche mit seinen Lippen berührte. Wieso achtete er nur nie auf sich? Er war wertvoll. Für ihn und für so viele andere, die sie auf ihrer Reise kennengelernt hatten. Egal wie oft Dante und Vanitas sich stritten, auch zwischen den beiden hatte er von Anfang an tiefes Vertrauen gespürt.

„Es tut mir leid, dass ich dich gestern nicht dabei unterstützt habe. Ich werde heute mit dir kommen.“ Auch wenn der bloße Gedanke sich durch die geheimen Unterlagen seines Lehrmeisters zu wühlen ihm nicht sonderlich behagte… Er stockte kurz, richtete sich dann hölzern auf. „Worüber… hast du mit Louis gestern gesprochen?“ Wieviel Zeit hatten die beiden gestern zusammen verbracht? Was hatte Louis erzählt?

~*~

Worüber er mit Louis gesprochen hatte?
Über nichts Wesentliches. Über einige der Aufzeichnungen die sie entdeckt hatten, aber sonst war ihnen deutlich anzumerken, dass sie sich in einer Zweckgemeinschaft befanden.
Louis mochte ihn nicht und Vanitas konnte kaum das Gegenteil behaupten. Wobei das ‚nicht mögen‘ eher daher rührte, dass der Jüngere ihm offen den Krieg um Noé erklärt hatte. Wie sich dieser Punkt nun ändern würde war abzuwarten.
„Du musst dir keine Sorgen machen.“ Noch immer stand er regungslos vor Noé, drehte sich dann aber halb zu ihm um, seine blauen Augen um Morgenlicht schimmernd. Auch heute würden sie den ganzen Tag ohne die Sonne zubringen.
„Wir haben keine Pläuschchen gehalten. Das wäre auch wirklich seltsam. Wir sind hier um eine Lösung seines Problems zu finden.“ Es war nicht so, dass er nun glaubte das Noé irgendetwas befürchtete… oder doch?
„Ich habe ihm nichts über uns erzählt und habe es auch nicht vor.“, stellte er darum vorsichtshalber klar. Anders herum hatte Louis auch nicht geredet. Alles was Vanitas über Noés Kindheit erfahren hatte, hatte das Dienstpersonal erzählt.

~*~

Noé spürte wie ihm das Blut erneut ins Gesicht schoss, und hastig senkte er den Blick. Es war offensichtlich, dass Vanitas die wahre Intention hinter seiner Frage sofort verstanden hatte, seine schlichte Antwort diesen Umstand noch unterstreichend. Sie hatten nicht über ihn geredet, natürlich nicht. Die Welt drehte sich nicht nur um ihn, schon gar nicht im Anbetracht der Tatsache, dass es eindeutig wichtigere Gesprächsthemen gab… „Danke.“, murmelte er schließlich nur peinlich berührt von seiner eigenen Arroganz, fuhr sich dann unbeholfen durch die wirren Haare. Heute bugsierte er sich wirklich von einer unangenehmen Situation in die nächste.

„Ich komme nach dem Frühstück in die Bibliothek und helfe dir.“, wechselte er schließlich reichlich unelegant das Thema, auf seinen Lippen ein verlegenes Lächeln. Sanft entwendete er dem Jüngeren des gänzlich zerknitterte Hemd, ehe dieses dann vorsichtig über die schmalen Schultern streifte, erst die eine Hand und dann die andere in den Ärmel beförderte. „Was? Gefällt es dir nicht, dass ich mich für deine Dienste revanchiere? Ich wäre auch ein guter Diener.“, kommentierte er mit weiterhin angehobenen Mundwinkeln. „Außerdem wirst du entweder ohne Dusche oder Frühstück auskommen müssen, wenn du weiterhin trödelst…“

~*~

Als Louis die Augen aufschlug war es noch immer dunkel.
Natürlich…
Er blinzelte matt, ehe er sich einen Arm über das Gesicht zog. Um ihn herum war es nun immer dunkel. Zumindest solange nicht klar war, ob seine Fluch zu lösen war. Sie Sonne verbrannte seine Haut, sein Fleisch, zeigte ihm nur wie unnatürlich seine Existenz war… Totes sollte tot bleiben… So etwas hatte der Mensch doch Gesagt.
Vanitas. Der Erbe des Vampirs des blauen Mondes.
Noés auserwählter Partner…
Louis Lippen pressten sich fester zusammen, ehe er sich tief durchatmend auf die Seite drehte. Er schmeckte noch immer Noés Blut… dessen Lippen.
Und er fühlte noch immer die Trauer und Verzweiflung.
Es tat weh. Auch wenn er lange mit Domi darüber geredet hatte, der Schmerz der Erkenntnis klang nicht ab. Noé liebte Vanitas. So sehr, dass er ihn nun mehrmals abgewiesen hatte.
Und nun, die jüngste Ablehnung hatte Louis nun endgültig aufgeben lassen.

Er hörte Domi ruhig neben sich atmen, wusste dass sie noch immer schlief und irgendwie war er froh darum.
Natürlich war er dankbar, dass sie bei ihm schief, ihn nicht allein ließ, aber die mitleidigen Blick, auch wenn sie von ihrer Liebe zeugten, machten es nicht besser.
„Verzeihen Sie, Louis-sama… Das Frühstück ist bald angerichtet…“ Es war Alois Stimme die ihn aufhorchen ließ und sofort rührte sich auch seine Schwester neben ihm. Kurz sahen sich die Geschwister im Dunkeln entgegen und wieder war da nach den kurzen Momenten des Erwachens dieser Ausdruck in Domis Augen…
Louis wandet den Blick ab, atmete tief durch.
„Danke… Alois… Domi und ich… wir kommen gleich herunter.“
Da war kurzes zögern, wahrscheinlich Irritation darüber dass die junge Frau sich nicht in ihrem Zimmer aufhielt, ehe dann eine Antwort folgte.
„Gewiss. Ich habe Noé-sama ebenfalls bereits unterrichtet. Er wird dann zu Ihnen stoßen.“
Noé… es war ein seltsames Gefühl nun mit ihm frühstücken zu müssen…
Aber wenigstes würde Vanitas nicht dabei sein…
Immerhin hatten sie eine Farce aufrecht zu erhalten.

~*~

Alois´ Stimme riss Domi aus dem Schlaf, ihre ruhigen Atemzüge sich kurz nervös beschleunigend, ehe sie dann realisierte wo sie sich befand. Goldene Augen blickten ihr in der Dunkelheit entgegen, und für einen Moment war sie nicht in der Lage all die Emotionen in ihrem Inneren zu verbergen. Es war nicht fair. Das alles. So sehr sie Noé auch glücklich sehen wollte, dass dies auf Kosten ihres nun kleinen Bruders ging machte es noch schwerer als es ohnehin schon gewesen war. Er wollte ihr Mitleid nicht, keine sentimentalen Worte, doch es fiel ihr schwer dieses Thema einfach zu ignorieren. Sie konnte sehen wie er litt, wie die bloße Erwähnung von Noés Name schon dafür sorgte, dass sein blasses Gesicht sich anspannte.

Alois´ Schritte entfernten sich, und sie war einmal mehr froh darüber, dass die Diskretion der Hausangestellten so groß war, der ältere Herr keinerlei Fragen dazu stellte warum sie in ihrem Alter noch bei ihrem Bruder im Bett schlief. Andererseits wusste er aber auch so wohl besser als jeder andere wie sehr Noé und sie nach Louis´ Tod gelitten hatten… „Ich… kann alleine mit Noé frühstücken, wenn du dich noch ausruhen möchtest.“ Krampfhaft versuchte sie den mitfühlenden Unterton in ihrer Stimme zu unterdrücken, ihr Angebot so schlicht wie möglich klingen zu lassen. Es war einfach nicht notwendig, dass er sich zusätzlich quälte. Sie selbst war froh über den Abstand nach der endgültigen Zurückweisung gewesen. Auch wenn ihr dieser nicht sonderlich lange vergönnt gewesen war.

~*~

Allein...?
Louis Gesicht spannte sich bei dem Gedanken an Noé nun aus dem Weg zu gehen. Doch das Wissen ihn nun zu treffen war nicht besser....Dennoch. Sie waren nun gemeinsam hier, er selbst auf Vanitas angewiesen und alles was danach passierte stand in den Sternen...
Seine Finger gruben sich tiefer in die Decke, ehe er dann den Kopf schüttelte.
"Nein, schon gut... ich möchte nicht, dass es seltsam wird... Er ist... Noé ist..." //wundervoll, ehrlich, er hat nicht verdient, dass ich ihn meide...// Er sprach es nicht aus doch Domi wusste es selbst... Noé hatte ihn nicht absichtlich verletzt... Er hatte sich auch selbst damit weh getan. Noé hatte es ebenfalls das Herz zerrissen, doch er hatte sich entschieden. Endgültig. Leider nicht für ihn...

Louis atmete zitternd aus, sehe Lippen noch immer fest zusammengepresst, ehe er die Decke raschelnd zurück schlug.
"Domi... ich..." Er zögerte, doch die Nacht war lang gewesen und da war kein Hunger nach normalem Frühstück... Er hatte Durst... und dieser machte ihn unruhig... Angespannt blickte er zur Seite, sein Ausdruck zeigend wie sehr ihn gerade alles belastete. Er wollte so nicht leben... Nicht als Monster...

~*~

Sie konnte Louis’ Entscheidung verstehen, auch wenn es schmerzte ihren Bruder so zu sehen. Sie wussten nicht wie all das hier ausgehen würde, ein weiterer Grund weshalb er wahrscheinlich keine kostbare Zeit verschwenden wollte. Ja, sie versuchte nicht über die schlimmsten Szenarien nachzudenken, aber Fakt war nun einmal dass sie ihr gesamtes Vertrauen in den Menschen und sein Buch legen mussten. Wenn er scheiterte… konnten sie nichts tun… Wie um ihr zusätzlich in Erinnerung zu rufen wie ernst ihre Situation war, sprach Louis sie auch in diesem Moment wieder an, sein verkrampftes Gesicht deutlich widerspiegelnd worum er sie bitten musste obwohl er es nicht wollte. “Natürlich. Trink soviel du brauchst. Ich kann mich nach dem Frühstück weiter ausruhen und euch dann später bei den Nachforschungen helfen.”

Hier waren sie vorerst in Sicherheit, die Dienstboten würden schweigen und ihre Familie gar nicht mitbekommen, wo sie sich befand. Veronica-neesama fand diesen Ort ohnehin verstaubt und furchtbar, und sie konnte sich kaum mehr daran erinnern wann Antoine und ihre Eltern das Anwesen das letzte Mal aufgesucht hatten. Wozu auch? Schon davor war es nur dafür da gewesen ihren Zwilling wegzusperren. Und… Noé ein Zuhause zu geben. Ihr Großvater hatte sich dafür eingesetzt Louis zu retten… und auch Noé hierher gebracht. Derselbe Mann, der ihrem Bruder den Kopf abgeschlagen hatte. War danach auch nur ein einziges tröstendes Wort für sie und Noé gewesen? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern…

Der Stoff ihres Pyjamas raschelte leise als sie einen Ärmel hoch schob, Louis’ dann ihr entblößtes Handgelenk hinhielt, ihm dabei ein sanftes Lächeln schenkte. “Ich bin froh, dass du wieder von mir trinkst.” Vielleicht war der Grund der falsche, doch zumindest verschloss er sich nicht länger vor ihr, versuchte alles mit sich selbst auszumachen. “Ich bin hier bei dir, Louis. Und ich werde nicht zulassen, dass dir noch einmal Leid geschieht.”

~*~

War es naiv gewesen anzunehmen, dass Noé die Nacht in seinem eigenen Bett verbracht hatte? Offensichtlich... denn weder war der Ältere in seinem Zimmer gewesen, noch hatte die Tatsache dass man Vanitas Sachen vor ihren Augen hinein gebracht hatte über irgendetwas hinweg getäuscht...
Noé war bei Vanitas gewesen und nun würde der Mensch ab der kommenden Nacht in dessen Zimmer einziehen. Die beiden wollten so sehr zusammen sein, dass der Weißhaarige das Getuschel der Dienstboten, dass er eine Affäre mit seinem "Assistenten" hatte, in Kauf nahm...

Man hatte Domi und ihn zu spät gesehen, sich zu tiefst entschuldigt, doch der Schaden war bereits angerichtet... Zumindest für ihn.
Noé hatte ihn endgültig abgewiesen und war danach zu Vanitas gegangen...
Wenn er das Gerede richtig deutete wusste er, was sein Kindheitsfreund heute Nacht getan hatte...
und auch Domi schien es zu wissen. Zumindest saßen sie nun beide deutlich in sich gekehrt am Frühstückstisch.
Würde er Vanitas jetzt mitbringen? Sie so damit konfrontieren? Sie mussten damit leben oder?

Als sich die Türe schließlich kurz darauf öffnete, zuckten ihre Blicke zur Seite. Noé kam allein.

~*~

Kurz nachdem Vanitas tatsächlich zu den Duschräumlichkeiten verschwunden war, hatte Alois ihm tatsächlich selbst frische Kleidung aus seinem Zimmer gebracht. Wahrscheinlich um damit noch mehr Gerede zu verhindern, doch der Schaden war ohnehin schon angerichtet. Schon als er den Weg zum Salon einschlug, in dem man ihnen schon als Kinder das Frühstück serviert hatte, spürte er die Blicke der vorbei hastenden Dienstboten auf sich, sah wie manche von ihnen erröteten, hörte andere tuscheln kaum, dass man ihn außer Hörweite glaubte. Was hatte er da nur wieder angerichtet? Er konnte nur hoffen, dass all das Geschwätz nicht bis zu Domi und Louis vorgedrungen war, doch selbst wenn nicht… Sie hatten bestimmt versucht ihn in seinem Zimmer abzuholen, und niemanden vorgefunden. Was führte er hier eigentlich auf? Er hatte einfach nur nicht alleine schlafen wollen, die grausamen Bilder in seinem Kopf gerade in der Stille der Nacht unerträglich, doch das alles würde nun nur noch nach einer Ausrede klingen…

„Guten Morgen, Noé-sama.“ Er zuckte leicht zusammen als er realisierte, dass er sein Ziel tatsächlich bereits erreicht hatte, wobei die junge Frau vor der schweren Türe sich erst ehrfürchtig verneigte, ehe sie dann mit geröteten Wangen für ihn diese öffnete. Elise war kaum älter als er selbst, arbeitete allerdings dennoch schon seit Jahren für die De Sades. Mit ihrer Mutter zusammen war sie schon als kleines Mädchen im Dienste der Adelsfamilie gewesen, hatte sich dabei immer vorbildlich um ihre Aufgaben gekümmert. Während sie normalerweise immer ein Lächeln für ihn übrig gehabt hatte, schien die junge Frau ihm nun aber gerade nicht ins Gesicht sehen zu können, die Gerüchte ganz offensichtlich auch schon zu ihr durchgedrungen. Noé zwang seine Mundwinkel nach oben, wünschte sich im selben Moment ein Loch im Boden. Das war alles der blanke Horror.

Der sich gleich darauf noch fortsetzte als er schließlich eintrat, zwei paar goldene Augen sich auf ihn richteten. Es bedurfte keiner Worte um in den Gesichtern der Geschwister zu sehen, dass sie Bescheid wussten… „Guten… Morgen…“, begrüßte er Domi und Louis hölzern, das Lächeln auf seinen Lippen angespannt, seine Wangen erhitzt, während er zögernd auf den Frühstückstisch zutrat.

~*~

"Guten Morgen..."
Louis erwiderte die hölzerne Begrüßung, richtete seinen Blick dann aber sofort wieder vor sich auf seinen noch leeren Teller. Die Kerzen auf dem Tisch flackerten leicht in einem lauen Luftzug und irgendwie fühlte er sich ohne das Tageslicht gerade reichlich beengt in diesem eigentlich großen Raum.
Noé hatte Sex mit Vanitas gehabt... kurz nachdem er ihm endgültig das Herz gebrochen hatte. War es ihm doch egal? Irgendwie hatte Louis geglaubt dass es ihn mehr mitgenommen hatte...

"Ist... Vincent wieder im Archiv? Ich... werde auch gleich wieder dort hin gehen....", versuche Louis dann irgendwie die Spannung zu lösen. Es hatte keinen Sinn, oder? Er musste es akzeptieren... Er hatte nicht das Recht ihn zu verurteilen obwohl... Hatte es wirklich direkt heute Nacht sein müssen? Er konnte Domis Blick spüren, doch sie sagte nichts.
Die Stille war erdrückend und tief durchatmend hob Louis den Kopf wieder an, fixierte Noé.
"Du kannst tun was du willst... Du hast deinen Standpunkt klar gemacht... Also... lass uns einfach tun wofür wir hergekommen sind..." Er konnte auf peinliches Schweigen und unangenehme Rechtfertigungen verzichten...
Und wenn das alles vorbei war und er... tatsächlich weiterleben durfte...
dann würde er sich mit Domi die nötige Zeit nehmen das alles zu verdauen...

~*~

Seine Schritte hallten laut durch den Raum, das Schweigen abgesehen von einer schlichten Begrüßung erdrückend. Der Stuhl scharte begleitet von einem leisen Quietschen über den Boden als er ihn zurückzog, ehe er sich dann mit angespannter Sitzhaltung zögernd darauf sinken ließ. Die Angestellten hatten offenbar nur auf sein Auftauchen gewartet, hasteten nun aus dem Raum um heiße Getränke und frisches Essen zu servieren, während Louis nun doch die Stille brach. Dass er das Gespräch direkt auf seinen vermeintlichen Diener lenkte, machte den holprigen Start ihres gemeinsamen Frühstücks allerdings nicht wirklich einfacher, sorgte nur dafür, dass Noés Wangen sich sofort dunkler färbten, und er schuldbewusst seinen Blick senkte. Domi hatte seit seinem Auftauchen noch kein Wort gesagt, doch es war auch unnötig. Wenn er sich in die Lage der beiden Geschwister versetzte… hatte er sich einfach nur unmöglich verhalten. Rücksichtslos und absolut unsensibel.

Jetzt noch zu beteuern, dass er keinem von ihnen wehtun hatte wollen, würde absolut nichts ändern, ihn vielmehr als Heuchler dastehen lassen. Niemand hatte ihn zu etwas gezwungen… Er hatte schlichtweg seinen Kopf ausgeschaltet und nicht mehr nachgedacht. Und er hatte Vanitas zeigen wollen wie ernst er es meinte. Das war noch bei völlig klarem Verstand geschehen… Ruckartig zuckte sein Blick hoch als Louis erneut die Stille brach, die violetten Augen bei der direkten Ansage geweitet, seine Lippen leicht offenstehend. Die klaren Worte trafen ihn gänzlich unvorbereitet, und für einen Moment war er unfähig zu antworten.

„Ich wollte nicht… ich…“ Er schluckte schwer, setzte erneut zu einer Antwort an, zuckte dann leicht zusammen als Domis Stimme ihn unterbrach, ihr Tonfall sanft aber bestimmt. „Nicht, Noé.“ Überfordert zuckte sein Blick zu seiner Freundin, die nur schlicht mit dem Kopf schüttelte, sich dann ein schwaches Lächeln abrang. „Mach es nicht schlimmer, Chéri. Louis hat Recht. Wir sind hier um eine Lösung zu finden, darauf sollten wir uns konzentrieren.“ Ein kaum merkliches Nicken andeutend richtete er seine Augen wieder auf seinen Teller, seine Mimik angespannt, die Lippen aufeinander gepresst. Er hatte das nicht gewollt. Nichts davon. Da saß er tatsächlich mit Louis und Domi am Frühstückstisch, so wie früher, doch die beiden waren so unendlich weit weg, dass es ihm die Luft zum Atmen abschnürte. „Vincent wollte nach dem Frühstück weiterforschen. Ich werde euch beiden heute helfen.“, antwortete er schließlich leise, das Lächeln auf seinen Lippen verkrampft.

~*~

Vanitas Lippen zuckten nach oben als sich die Augen aller im Frühstücksraum auf ihn richteten. Er konnte sie Tuscheln hören und noch weiter angestachelt steuerte er einen der freien Stühle an.
Die Kleidung die Alois ihm herausgesucht hatte passte perfekt, ließ ihn mehr denn je wie einen Angestellten eines guten Hauses wirken. Seine Haare hatte er wieder halb aus dem Gesicht gestrichen, die langen Strähnen zu einem französischen Zopf geflochten. Noé hatte es gefallen, nicht wahr? Warum also nicht?

Seine Schritte halten über den teuren Marmor und mit einer Hand an der Stuhllehne wandte er sich langsam um. Mit klarer Stimme richtete er sich an die Vampire im Saal, die Mundwinkel überheblich angehoben. "Ja, das in der Nacht war ich. Ich entschuldige mich, dass es euch den wohlverdienten Schlaf geraubt hat, aber ich bin meinem Herrn stets zu diensten." Er konnte das empörte Raunen hören, doch er sprach um so lauter weiter: "Noé-samas 'Privatvergnügen' ist unantastbar und geht niemanden etwas an. Ich habe lediglich das Glück Teil davon zu sein. Also..." Sein Grinsen wurde breiter: "Belassen wir es dabei. Ich rate euch, euch um eure eigenen Angelegenheiten zu kümmern." Erneuter Tumult brach los, nun noch entrüsteter, doch nun war es Alois Stimme, die die Vampir Horde zum Schweigen brachte. "Genug! Seid ruhig!" Stille kehrte ein. "Vor allem du, Vincent! Du stehst in Noé-samas Gunst, benimm dich also auch so. Du ziehst heute noch in das Zimmer deines Herren um und IHR alle untersteht euch eine Meinung dazu zu haben!" Stille. Nur das Schaben des Stuhls den Vanitas nun zurückzog hallte durch den Raum. Er war hier also unantastbar, nicht wahr? Zudem erlaubte sich hier niemand nun auch nur ein Wort über Noés Liaison mit einem Menschen zu äußern.

~*~

Obwohl man eindeutig versucht hatte all die Speisen zu kredenzen, die sie alle als Kinder so gerne gegessen hatten, war es unmöglich das Frühstück zu genießen. Nach dem ersten gescheiterten Versuch eine möglichst normale Konversation zu starten, war Louis verstummt, vermied nun jeglichen Blick in seine Richtung. Ein einziges Mal berührten sich ihre Finger als sie beide unbeabsichtigt gleichzeitig nach der Milch griffen, wobei der Dunkelhaarige seine Hand sofort wieder zurückriss, fast so als hätte er sich verbrannt. Wenn dieser ganze Horror hier ein Ende hatte, würde es dennoch etliche Dinge geben, die sie alle verarbeiten mussten, das war gewiss. Einen Weg zurück in ihre unbeschwerte Vergangenheit gab es nicht mehr. Als er seinen Blick verstohlen über den Tisch hinweg auf Domi richtete, konnte er sehen wie blass sie war, wobei er kurz die Bissspuren unter ihrem Hemd sehen konnte als sie sich fahrig mit der Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht schob.

Ertappt zuckte er zusammen als goldene Augen sich auf ihn richteten, auf den Lippen seiner Freundin ein schwaches Lächeln. „Bitte entschuldigt, ich bin noch etwas müde und werde mich etwas ausruhen. Ich stoße dann später zu euch und helfe bei den Nachforschungen.“ Louis´ schuldbewusster Blick als seine Schwester aufstand versetzte ihm einen Stich, wobei er allerdings weiterhin schwieg, nur mit verkrampft angehobenen Mundwinkel ein Nicken andeutete. Er konnte sehen wie Domis Augen kurz zu Louis pendelten, wie um sich zu vergewissern, dass es in Ordnung war sie beide alleine zu lassen, und hastig richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf das angebissene Brötchen auf seinem Teller. Er konnte den beiden ihr Verhalten nicht verdenken, doch es war unmöglich zu verbergen wie weh diese Distanz zwischen ihnen tat. Domi und Louis waren seine Familie, doch gerade stand so unendlich viel zwischen ihnen, dass es unmöglich war sich so zu verhalten.

~*~

Das Frühstück war genau so unangenehm und seltsam wie befürchtet und da war keine Chance es irgendwie besser zu machen. Er konnte Noé einfach nicht ansehen. Versuche Gespräche aufzubauen scheiterten schon noch ehe Louis den Mund öffnete.
Domis Stimmte ließ seinen Blick nach oben zucken, seine Mimik schuldbewusst. Sie war seinetwegen so schwach und müde... weil sie ihm ihr ganzes Blut gab. Weil er so viel benötigte um bei sich zu bleiben und nicht wieder die Kontrolle zu verlieren wie im Hotel oder dem Luftschiff.
Beide Male war der Mensch Schuld gewesen... obwohl er ihn nur indirekt dafür verantwortlich machte... Sein Körper war eine tickende Zeitbombe.

"Ruh dich aus." Seine Stimme klang rau, fast so als ob er sich zu jedem Wort zwingen musste.
Das Lächeln auf ihren Lippen versetzte ihm einen Stich und dann war er plötzlich mit Noé allein.
Noch vor wenigen Stunden hatte er nichts anderes gewollt, seine Nähe gesucht... doch jetzt war mit einem Mal alles anders.
"Ich... gehe dann ins Archiv.", sagte er dann zögerlich die Augen nun wieder auf seinen Teller gerichtet. Es würde kein unbeschwertes Gespräch zu Stande kommen. Blieb nur zu hoffen, dass Noé und vor allem Vanitas sich vor ihm zurückhalten würden, wenn sie schon in der Nacht alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten.

~*~

Wenn es jetzt schon unangenehm war, würde es wohl zusammen mit Vanitas noch um einiges unerträglicher werden. Louis fühlte sich bereits in seiner Gegenwart befangen, dann mit ihm und seinem “Diener” zusammen konfrontiert zu werden… Allerdings benötigten sie dennoch jegliche Hilfe, die sie bekommen konnten. Sie mussten zusammen nach einer Lösung suchen, daran führte kein Weg vorbei. “Ich komme mit dir. Wenn… das in Ordnung ist.” Er musste zumindest fragen, oder? Nicht, dass er erwartete, dass Louis tatsächlich ehrlich antworten würde. Ein kurzes Nicken, dann weiteres Schweigen, während Louis das bisher unberührte Stück Brot auf seinem Teller von einer Seite auf die andere schob. Was sollte er tun? Was sagen? Sie wussten beide nicht was die Zukunft bringen würde und der Gedanke dass ihnen weniger Zeit als angenommen blieb machte ihm Angst. Ja, er würde nicht zulassen dass Louis noch einmal Leid geschah, mit allen erdenklichen Mitteln kämpfen, doch ob es ausreichen würde konnte zu diesem Moment niemand sagen.

“Wenn das alles vorbei ist zeige ich dir Paris. Es ist ganz anders als in Altus.”, brach er schließlich selbst erneut unbeholfen die Stille, das Lächeln auf seinen Lippen voller Reue, die Worte hinter seiner Aussage eine Bitte um Vergebung.

~*~

Noé würde mit ihm kommen und gemeinsam würden sie im Archiv auf Vanitas treffen... Er würde es ertragen, auch wenn Louis sich vorstellen konnte, dass dieser unangenehme Mensch ihn sicher damit provozierte, dass er nun endgültig eine Abfuhr bekommen hatte. Vanitas hatte es von Anfang an klar gemacht, offen kommuniziert, dass er es war der an Noés Seite stand und auch wenn sein Kindheitsfreund wohl aus Rücksicht immer verhalten mit dem Thema umgegangen war, hatte er nun endgültig die Bestätigung erhalten. Und auch jetzt war da kein Versuch mehr ihn milde zu stimmen, sondern einfach nur grenzenloses schlechtes Gewissen und Angst.
Noés Angebot versetzte Louis einen Stich und nicht fähig ihm von seinen und Domis Plänen zu erzählen schob er nervös die Scheibe Brot auf seinem Teller hin und her. Er wollte Noé nicht ebenfalls das Herz brechen... Es sollte keine Retourkutsche sein.

"Ja... irgendwann... können wir das machen..." Es klang genau so ausweichend wie es war. Der Stuhl scharte leise über den Boden als Louis ihn zurück schob um aufzustehen, sein tiefes Durchatmen laut durch den sonst ruhigen Raum hallend. "Gehen wir..."

~*~

Da war kein Versuch Begeisterung über seinen Vorschlag zu heucheln, Louis´ Reaktion ebenso verhalten wie seine Worte. Er glaubte nicht daran, oder? Wobei er mittlerweile nicht einmal mehr wusste ob er allgemein nicht mit einer Rettung rechnete, oder ob er einfach abgeschrieben hatte, dass ihre Zukunft allgemein in irgendeiner Art und Weise verbunden sein würde. Es tat weh, schmerzte unfassbar, doch er konnte nichts tun. Er hatte eine Entscheidung getroffen, und diese war nicht zu Louis´ Gunsten gefallen. Als der Jüngere sich erhob, zuckte Noés Blick kurz zu dem noch vollen Teller, doch er unterließ es ihn darauf hinzuweisen, dass er zumindest eine Kleinigkeit essen sollte. Es war offensichtlich, dass sein Körper Blut brauchte. Ein Stück Brot würde nichts daran ändern.

Um zumindest seinen Teil nicht stehen zu lassen, würgte er das restliche Frühstück noch hastig hinunter, ehe er sich ebenfalls aufrichtete. Sofort eilte einer der Dienstboten herbei um ihnen die Türe zu öffnen, wobei Noé trotz Diskretion deutlich spüren konnte, dass man ihn musterte. Es würde wohl nicht lange dauern bis das gesamte Anwesen wusste, dass die De Sade Zwillinge nicht sonderlich glücklich über seine Liaison mit seinem menschlichen Diener war… Noch mehr Gerede… Louis wandte sich nicht mehr zu ihm um als er die Bibliothek ansteuerte, versuchte auch nicht mehr mit ihm zu reden. Erst als sie das Arbeitszimmer seines Lehrmeisters erreichten stoppte Noé, während sein Blick unruhig über seine Schultern zuckte, beinahe so als ob er erwartete, dass Louis´ Großvater jederzeit um die Ecke biegen und sie erwischen würde.

„Wie seid ihr gestern überhaupt hier hinein gelangt? Die Türe war doch immer abgesperrt.“ Eigentlich konnte er sich die Antwort schon denken, immerhin kannte er Vanitas´ Fähigkeiten in verschlossene Räume zu gelangen. Fühlte Louis sich gar nicht unwohl dabei? Sein Großvater hatte sein Arbeitszimmer sicher nicht grundlos verschlossen…

~*~

Ihre Schritte hallten ohrenbetäubenden von den Wänden als sie völlig wortlos das private Archiv seines Großvaters ansteuerten. Er wusste einfach nicht was er zu  Noé  sagen, wie er mit ihm umgehen sollte... Noch dazu die ständige Angst vor der Unwissenheit wie es nun mit ihm weitergehen würde. Sein Kopf war eigentlich voll, auch vor Angst um Domi und trotzdem war das penetrante Stechen in seinem Herzen vorherrschend und schlimmer.
Erst als Noé hinter ihm die Bibliothek, hin zum Arbeitszimmer seines Großvaters durchquerte, drehte er sich zu seinem Kindheitsfreund zurück.
Sein Blick war kritisch, eine Braue skeptisch angehoben.
"Sag mir nicht, dass dir neu ist dass... Vanitas verbrecherische Tendenzen in sich hegt..."
"Ein Glück hege ich diese.", ertönte dann die Stimme des Menschen noch ein Stück hinter ihnen, dein Blick selbstgefällig ebenso wie sein Ton. Sofort gefror Louis Gesicht zu Eis. Er durfte sich keine Blöße geben! Vanitas keine Angriffsfläche zeigen! Doch offenbar hatte dieser daran aktuell auch kein Interesse. Er ging an ihm ebenso desinteressiert vorbei wie an Noé, zielstrebig auf die Tür des Archivs zu. "Schlösser knacken ist nicht meine einzige Tendenz wie du vielleicht weißt. Flüche lösen und Tode heraufbeschwören zählen ebenfalls zu meinen unergründlichen Hobbies." Damit trat er durch die Tür, in seiner Hand ein Kerzenleuchter. "Noé, such nach allem was auch nur entfernt mit Nekromantie zu tun hat. Und du, Zombiejunge... mach da weiter wo du gestern aufgehört hast." Er klang ebenso ungenießbar wie sonst, gar nicht so als ob er ihm seinen Sieg unter die Nase reiben wollte. Er war das übliche Arschloch und fertig.... Louis goldene Augen starrte Vanitas einen Moment einfach an, sein Gesicht angespannt, ehe er diesen Umstand allerdings vorerst dankend annahm. Alles war besser als auch nur ein Wort darüber zu hören...

~*~

Ruckartig zuckte sein Blick über seine Schultern, wobei Vanitas mit desinteressierter Mimik an ihnen vorbei trat und nonchalant die noch vom Vortag offene Türe aufdrückte, das flackernde Licht der Kerzen gespenstische Schatten an die Mauern werfend. “Nenn ihn nicht so.”, kommentierte er den fragwürdigen Spitznamen nur gestelzt, ehe er sich dann ebenfalls in Bewegung setzte. Wortlos wartete er ab als Vanitas den schweren Brokatvorhang am Ende des Raums beiseite schob, dann auch die Türe dahinter wie selbstverständlich öffnete. Als er das kleine Zimmer dahinter betrat schien die Temperatur um einige Grad abzusinken, und sofort pendelten seine violetten Augen zu Vanitas, ehe er das weiße Jackett von seinen Schultern streifte und es dem Jüngeren kommentarlos reichte noch ehe er sich setzen konnte. Es war eine intuitive Geste, die er erst realisierte als Vanitas ihn kurz schweigend fixierte, bevor er das Kleidungsstück dann allerdings überstreifte.

Noch immer ohne einen Ton zu sagen trat er an das sich unter dem Gewicht der zahlreichen Bücher biegenden Regal heran, sein Blick die Titel auf den Rücken der Wälzer scannend. Er konnte hören wie Vanitas und Louis hinter ihm an dem runden Tisch in der Mitte des Raumes Platz nahmen, ehe dann auch schon das leise Rascheln von Buchseiten zu hören war. Er fühlte sich unwohl hier. All dieses Wissen wurde eindeutig nicht grundlos in einem immer verschlossenen Raum gelagert. Doch genau das war was sie suchten, oder? Etwas verbotenes… Wahllos zog er schließlich eines der Bücher hervor, wobei er erst einmal laut nieste als er es aufschlug, damit Staub aufwirbelte.

~*~

Vanitas Augen schmälerten sich etwas als er die Tür zum Archiv aufdrückte, die Dunkelheit in diesem Raum noch erdrückender als in der restlichen Residenz. Die Luft dort drin war kalt und schwer, erinnerte an die Katakomben in Paris.
Der Kerzenleuchter gab ein metallisches Klappern von sich, als er diesen auf dem Tisch in der Mitte abstellte. Eine Bewegung neben ihm ließ ihn zur Seite blickte und stumm mustere er Noé, der ihm ebenso wortkarg sein Jackett reichte. Seine Kleidung war nicht unbedingt dünn, doch sein üblicher Mantel fehlte eben doch. Noé wusste, dass er fror und auch wenn es gerade sonst keine großartigen Anzeichen ihrer Zuneigung gab genügte diese kleine Geste bereits um ihn von innen heraus zu wärmen.
Stumm zog er die viel zu große Jacke über, schlug dann eines der dicken Bücher auf, das noch von gestern auf dem Tisch lag.
Es würde ein langer Tag werden, doch zumindest schien bisher niemand auf Streit aus zu sein.
Er hatte keine Ahnung wie Noés Morgen verlaufen war, doch die Stimmung schien gedrückt.
Und so amüsant er selbst den gesamten Morgen auch gefunden hatte, es gab nun Wichtigeres.
Zudem wollte einfach nur so schnell wie möglich nach Paris zurück. Gemeinsam mit Noé.

Es war mühsam sich durch all die Literatur zu lesen, das meiste der dunklen Schriften hatte nichts mit der Weltenformel zu tun und war offensichtlich auch nur hier gelandet weil der Gestaltlose selbst nach etwas zu forschen schien, dessen Ergebnisse stagnierten.
Vanitas atmete tief durch, seine Stirn bereits auf seinen gefalteten Hände gestützt, seine blauen Augen nun von der Schrift abschweifend. Louis saß ebenso müde über seinem Buch wie er selbst, während Noé einen weiteren Stapel zwischen ihnen platzierte.
Man sah ihnen wohl allen dreien an, dass sie nun schon seit Stunden in die Seiten starrten und dabei kaum ein Wort miteinander gewechselt hatten.
Ab und zu hatte man ihn gefragt, ob es sich hier und da um einen brauchbaren Hinweis handelte, doch bisher war weiterhin alles in Leere gelaufen.
„Machen wir eine Pause… mein Kopf explodiert. Außerdem… brauche ich frische Luft.“
Vanitas richtete sich auf, sah die irritierten Blicke auf sich, ehe er mit einem typischen Grinsen auf Louis herabblickte.
„Ich werde mir die Umgebung ansehen. Vielleicht gibt es noch andere Hinweise.“ In Louis Gruft zum Beispiel. Wer wusste schon wo der Gestaltlose seine Forschungen wirklich versteckte.

~*~

Die Stimmung in dem dunklen Gemäuer war ebenso erdrückt wie ihre Lektüre, ihre Worte nun bereits seit Stunden auf das Wesentliche beschränkt, sodass die meiste Zeit überhaupt nur schweres Schweigen herrschte. Sie kamen nicht wirklich voran, wobei die allgemeine Frustration sich mehr und mehr bemerkbar machte. All die Literatur, die sie bisher durchgewälzt hatten, enthielt bedenkliche Informationen über das Umschreiben der Weltenformel, über die Vorfälle in Babel, sowie zahlreiche andere Dinge, die eindeutig nicht für die Augen der Bevölkerung in Altus bestimmt war. Da waren reißerische Propagandawerke, die die Vampire als die einzig waren Geschöpfe definierten und die Menschen als das größte Übel darstellten. Ein Werk, das sich vollständig dem unheilverkündenden Symbol von vampirischen Zwillingen widmete, hatte er glücklicherweise vor Louis entdeckt, und sofort in den hintersten Teil des Regals verbannt. Die wenigen Seiten, die er überflogen hatte, hatten ihm schon gereicht, dafür gesorgt, dass ihm jetzt noch übel war.

Ruckartig fuhr er zusammen als Vanitas das Buch in seinen Händen plötzlich lautstark schloss, wobei sowohl er selbst als auch Louis den dunkelhaarigen Menschen erst einmal nur anstarrten. Er wollte also die Gegend erkunden um nach anderen Anhaltspunkten zu suchen? Überfordert zuckte sein Blick zu Louis, wobei seine Mimik überdeutlich widerspiegelte, dass er nicht wusste was er nun tun sollte. Er konnte Vanitas unmöglich einfach alleine auf dem Gelände herumlaufen lassen, doch Louis nun allein hier zurückzulassen war einfach nur grausam. Es war schlimm genug, dass „frische Luft“ für ihn tagsüber auf das Innere des Schlosses beschränkt war… „Hier seid ihr! Ich wusste nicht einmal, dass dieser Raum überhaupt existiert!“ Grenzenlose Erleichterung flutete seinen Körper als die Türe plötzlich aufgezogen wurde, Domis Stimme überrascht zu ihnen drang. Goldene Augen pendelten fasziniert durch das Gemäuer, ehe dann ihre Absätze auch schon über den Steinboden klackerten als sie den Raum durchquerte.

~*~

Zu sagen, er fühlte sich unwohl, war wahrscheinlich die Übertreibung des Jahrhunderts und diese fürchterliche Literatur machte es nicht besser. Seit Stunden saß er hier nun mit Noé und Vanitas, eingepfercht in der drückenden Finsternis verbotener Schriften.
Wenn die Inhalte dieser Werke an die Öffentlichkeit gelangten, würde es wohl zu mehreren Aufständen kommen. Kein Wunder, dass der Raum so fest verschlossen gewesen war…
Erst als das laute Knaller ein zufallendes Buches direkt neben ihm ertönte, zuckte Louis mit geweiteten Augen zur Seite, starrte Vanitas ebenso überrascht an wie Noé.
Frische Luft. Die Umgebung erkunden.
Wollte er wirklich etwas finden oder einfach nur faul spazieren gehen?  
Missgünstig blickte er den dunkelhaarigen Menschen an, seine Aufmerksamkeit dann zu Noé schweifend, der wie erwartet nun unschlüssig verharrte.
Er wollte mit ihm gehen, oder? Und zögerte nur aus schlechtem Gewissen heraus.
Gerade als Louis genervt Kund tun wollte, dass es keinen Grund gab ihn nun zu bemuttern, er sowieso lieber auf Noés Gesellschaft verzichtete, als sie zu genießen, hallte Domis Stimme in den Raum.

Sofort war da Erleichterung in seinem Gesicht, als die einzige Person die ihm gerade Sicherheit bot voller Faszination in das versteckte Archiv trat.
Natürlich kannte sie es nicht… und wahrscheinlich wäre es sicherer, wenn es so blieb… Doch sie brauchten jede Hilfe…
„Großvater hat all das hier gut verborgen.“, sagte er darum nur mit einem kleinen Lächeln, ehe er neben sich deutete. „Geht es dir besser? Es trifft sich gut, dass du kommst. Vanitas und Noé wollten gerade gehen.“ Sein Tonfall ähnelte dem des Menschen, provokant und herablassend, und die Reaktionen seiner Gefährten war ebenso überfordert.
Außer die des Menschen selbst. Erst herrschte Stille ehe Vanitas dann ein leises amüsiertes Lachen entkam. „Na, wie wundervoll. Dann lass und gehen, Noé. Zeig mir die Gruft und was es sonst noch zwielichtiges hier gibt.“ Er machte sich über ihn lustig, oder?

~*~

Die an Domi adressierten Worte klangen sanft, doch kaum sprach Louis über Vanitas und ihn änderte sich der Tonfall sofort, die dunkle Stimme nun kühl und herablassend. Da war der Drang sich zu verteidigen, klar zu stellen, dass er nicht vorgehabt hatte einfach zu gehen, doch im Grunde hatte er kein Recht dazu. Er war erleichtert gewesen als Domi zu ihnen gestoßen war, und das eben weil er so nicht entscheiden musste wen er von beiden nun sich selbst überließ. Dennoch krampfte sein Brustkorb sich schmerzhaft zusammen als er sich erhob, sein Blick sich noch einmal verunsichert auf Louis richtend. Wusste der Jüngere eigentlich wie unfassbar wichtig er ihm war? Irgendwie war er sich dessen nicht mehr sicher… Und er konnte es ihm nicht einmal verdenken. Egal was er tat, er verletzte seine Umgebung und es fühlte sich grauenvoll an. Ja, er wollte Zeit mit Vanitas verbringen, doch im selben Atemzug wollte er nicht von Louis‘ Seite weichen.

„Du solltest auch eine Pause machen. Lass uns zumindest kurz rausgehen, die Luft hier drinnen ist grauenhaft.“ Domi ignorierte Vanitas‘ und seine Anwesenheit bereits, konzentrierte sich nur noch auf ihren Bruder, sodass er sich selbst schließlich endlich zum Gehen wandte um dem dunkelhaarigen Menschen niedergeschlagen nachzufolgen. „Wie war dein Frühstück?“, brach er schließlich die Stille als er das sich ziehende Schweigen nicht mehr ertragen konnte, wobei er erst jetzt realisierte, dass er noch immer eines der verbotenen Bücher in den Händen hielt, dieses nun quer durch das Schloss ins Freie mitschleppte. Er stand heute wirklich ziemlich neben sich…

~*~

Es war nicht uneigennützig nun die Gegend zu erkunden. Das nicht vorhandene Licht im gesamten Anwesen, sowie die stickige Luft im Archiv machten ihn müde und verursachten Kopfschmerzen…
Erst als Noé ihn nach einer Weile auf dem Weg hinaus ansprach, wandte sich Vanitas leicht, aber ohne zu stoppen zu dem Älteren um, die Brauen dezent kraus gezogen.
„Ich habe brav jeden darauf hingewiesen, dass sich alle um ihren eigenen Mist kümmern sollen, falls du dir Sorgen machst.“ Es klang ein klein wenig patzig und war auch so gemeint. Oder warum fragte Noé danach? Doch sicher nur, weil er fürchtete, dass er irgendwelche pikanten Details ausgeplaudert hatte. Dem war aber nicht so. Denn ob der Ältere es glaubte oder nicht, auch ihm lag etwas an seiner Privatsphäre! Es störte ihn nicht, dass es jeder wusste, im Gegenteil! Aber alles was hinter der verschlossenen Tür passiert war, gehörte auch nirgends anders hin!

Skeptisch fixierte er dann das Buch in Noés Händen, seufzte dann tief. „Entweder bist du sehr vorbildlich oder unvorsichtig. Trag das nicht so offen herum.“ Blieb nur zu hoffen, dass wirklich niemand den Gestaltlosen informierte.
Damit wandte er sich wieder ab, die Eingangstüre schon in greifbarer Nähe.
Er brauchte Luft!
Geblendet kniff er die blauen Augen zusammen, die Sonne im ersten Moment so hell, dass es fast schmerzte. Doch als sich sein Blick schärfte war da das Idyll von Wald und Wiesen. Dieses Anwesen war so versteckt, das es einfach prädestiniert dazu war für zwielichtige Zwecke missbraucht zu werden.
„Was gibt es hier alles? Was kannst du mir zeigen?“ Seine Stimme klang nachdenklich, während sich Noés weißes Jacket um ihn herum leicht aufbauschte. Es war viel zu groß und in der Sonne nun eigentlich unnötig, doch noch machte er keine Anstellten es auszuziehen.           

~*~

Die patzige Antwort entlockte Noé nur ein schwaches Lächeln, das allerdings kaum mehr war als ein müdes Anheben seiner Mundwinkel und seine Augen nicht erreichte. Offenbar war er aktuell einfach nicht in der Lage einfach nur eine normale Konversation zu führen, sämtliche Gesprächsthemen mittlerweile ein einziges Minenfeld. Ja, vielleicht hatte er die Frage nicht komplett ohne Hintergedanken gestellt, doch sie war keineswegs als Vorwurf gedacht gewesen. Natürlich wusste er, dass Vanitas nicht auf den Mund gefallen war und sich problemlos behaupten konnte, dennoch war es doch wohl irgendwie nachvollziehbar, dass es ihn interessierte wie es seinem „Diener“ ergangen war.

Schweigend schob er das Buch unter seinem Arm, womit er zwar den Einband verdeckte, allerdings nicht wirklich verbarg, dass er etwas mit sich herumschleppte. Egal. Nach allem was seit ihrer Ankunft gestern Abend geschehen war, würde sich darüber wohl niemand mehr großartig wundern… Wortlos trat er schließlich hinter Vanitas hinaus ins Freie, wobei es die angenehm laue Luft sowie der strahlende Sonnenschein zumindest schafften einen schwachen Abklatsch seines üblichen Strahlens in sein Gesicht zu zaubern. Es fühlte sich seltsam an zusammen mit Vanitas hier zu sein. So als ob sie nun in der Zeit zurückreisten, er seine Kindheit vor dem Jüngeren ausbreitete. „Ich… bin mir nicht sicher was du hier draußen zu finden gedenkst…“ Nachdenklich pendelte sein Blick durch die Umgebung, wobei seine Mimik sich dann anspannte als die violetten Ovale am hinteren Teil der imposanten Gartenanlage hängen blieben. Sie hatten im angrenzenden Wald oft gespielt, mit Mina und den anderen Kindern aus dem Dorf. In ihrem Geheimversteck. Dem Ort, an dem er nach all den grausamen Geschehnissen nicht wieder zurückgekehrt war.

Auch jetzt spürte er trotz der warmen Temperaturen Gänsehaut auf seinen Armen und hastig wandte er den Kopf zur Seite. Es hatte gereicht mit all diesen Erinnerungen in Louis´ Kopf konfrontiert zu werden…

~*~

„Ich bin auch nicht sicher ob ich überhaupt etwas finde, aber mein Kopf explodiert… und wer weiß was man alles entdeckt.“ Vanitas drehte sich grinsend zu Noé zurück, stockte aber als er dem seltsamen Blick der violetten Augen folge. Einen Moment sah er Noé einfach nur abwägend an. Nun mit Louis wieder hier zu sein war natürlich eine extreme psychische Belastung und es gab sicher Unmengen an Erinnerungen die der Vampir weggesperrt hatte, die aber nun wieder ans Tageslicht gespült wurden.
„Du kannst mir natürlich auch gerne einen Ort zeigen, an dem du dich besonders wohl fühlst. Wir haben lange genug gearbeitet um uns eine kurze Pause zu gestatten.“ Mit langsamen Schritten kam er auf Noé zu, stoppte dann in kaum nennenswerten Entfernung. Selbst wenn wie irgendjemand sehen würde, mittlerweile wusste das gesamte Haus dass der schöne Schüler des Meisters eine Schwäche für seinen menschlichen Diener hatte.
Dennoch berührte Vanitas ihn nicht, wahrte nach wie vor eine respektvolle Distanz die nur der Herr selbst zu überbrücken vermochte. Zudem…
Tatsächlich litt Noé im Moment genug, da sollte er die wenigen Moment ihrer Zweisamkeit genießen und nicht auch da panisch auf jedes Geräusch reagieren.

~*~

Schweigend richtete er seinen Blick auf den Jüngeren, Vanitas nun direkt vor ihm, so nahe, dass er eigentlich nur seine Hand heben musste um ihn zu berühren. Dennoch verharrten sie beide bewegungslos ohne die geringe Distanz zu überbrücken und für einen Moment war nur das leise Rascheln der Blätter im Wind zu hören. So forsch sein „Diener“ in der vergangenen Nacht gewesen war, gerade hielt er sich an die auferlegten Professionalität, sah ihn nur an ohne sich ihm sonst in irgendeiner Art und Weise zu nähern. „Es gibt tatsächlich einen Ort den ich dir gerne zeigen möchte.“, brach Noé schließlich das Schweigen, das Lächeln auf seinen Lippen nun erstmalig an diesem Tag echt. „Komm.“ Er konnte Vanitas‘ Überraschung spüren als er nach seiner Hand griff, ihn dann mit sich zog ohne die umschlossenen Finger loszulassen. Wenn das gesamte Anwesen schon von ihrer Liaison wusste, dann wollte er zumindest, dass man ihre Beziehung zueinander nicht nur auf das fleischliche Wohl reduzierte. All das war unangenehm genug, doch diese Art von Person war er nicht und wollte er auch nicht sein. Das zwischen ihnen war nicht nur körperlich…

Der weiße Schutt knirschte unter den Sohlen ihrer Schuhe als er das weitläufige Gebäude von außen umrundete, bis er an der hinteren Seite einen kleinen Aufgang erreichte. Der helle Stein glänzte in der Sonne, und schon beim Aufstieg konnten sie einen imposanten Ausblick über die umliegende Landschaft erhaschen. Noé reduzierte sein Schritttempo als er hören konnte wie sich Vanitas‘ Atemzüge hinter ihm beschleunigten, er an dem leichten Ruck in seinem Arm fühlte, dass seine Begleitung etwas zurückfiel. Er mochte hohe Orte, oder? Wenn er den Jüngeren normalerweise nicht in ihrem gemeinsamen Zimmer vorgefunden hatte, hatte er eigentlich bis auf wenige Ausnahmen auf den Dächern gesessen. Und auch jetzt konnte er sehen wie die hellen Augen sich weiteren als sie die oberste Stufe erreichten, sich die Sonnen geflutete Landschaft vor ihnen erstreckte. „Von ganz anderer Schönheit als Paris, oder?“ Lächelnd wandte er seine Aufmerksamkeit Vanitas zu, wobei sich seine Augen leicht weiteten, eine Woge von Zuneigung seine Brust flutete. Es kam selten vor, dass er offensichtliche Bewunderung in dem blassen Gesicht sah, der Dunkelhaarige eindeutig geiziger mit offenen Emotionen als er selbst.

~*~

Ein überraschter Laut entkam Vanitas Kehle als sich warme Finger um seine schlossen und Noé ihn offen sichtbar für jedermann hinter sich her zog. Er versuchte nicht zu verbergen, dass sie in einer engen Beziehung zueinander standen, dass es sich nicht rein auf körperliche Lust reduzierte. Der Weg um das Anwesen herum zog sich, das Areal so groß, dass es einige Minuten dauerte, bis sie an Noés auserkorenem Ziel ankamen. Ein Turm und Treppen.
Zu Beginn war es nicht schwer mit dem Vampir mitzuhalten, doch irgendwann im oberen Drittel spürte Vanitas wie seine Oberschenkel zu brennen begannen, seine Atmung deutlich beschleunigt.
Allerdings wurde dieser Umstand wenig später entschädigt.
Oben angekommen blinzeln seine blauen Augen erst etwas benommen gegen die Sonne, ehe sich dann weite Wälder vor ihnen erstreckten.
Das Licht brach sich in Altus’ besonderem Himmel und mit einem Mal war da eine ganz spezielle Ruhe die sich in Vanitas ausbreitete.

Er ließ Noés Worte unkommentiert, doch auch so konnte man ihm sicher ansehen, dass er ihm zustimmte.
Hier oben war es wunderschön und aufmerksam schweiften seine Augen über die Landschaft.
In einiger Entfernung befand sich ein Dorf, das durch dichten Wald vom Anwesen getrennt wurde. Eine Ruine, noch tiefer im Dickicht, sodass man nur noch die verfallen Giebel in die Höhe ragen sah.
Es war völlig anders als Paris. Ruhig und behütet. Wenn Louis nicht hier gestorben wäre, wäre dies hier wohl für immer der Ort in Noés Herzen gewesen, an den er sich stets zurückgezogen hätte. Langsam schloss Vanitas die Lider, der laue Wind das Jackett aufbauschend, einige Strähnen seiner akkurat geflochtenen Frisur lose sein Gesicht umspielend.
Für einen Moment würde er sich gestatten all das hier in sich aufzunehmen und zu genießen.

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Ebenfalls wieder schweigend schwenkte Noés Blick zurück auf die imposante Landschaft, auf die grünen Wiesen, den dichten Wald, das Dorf dahinter und… die Ruinen der Kirche inmitten der Bäume. Ihr Geheimversteck, ihr Zufluchtsort, der letztendlich zu ihrer persönlichen Hölle avanciert war. Es war ruhig hier, so friedlich, dass all diese grausamen Erinnerungen fast wie ein böser Traum erschienen. Es benötigte nur zwei Schritte um direkt hinter Vanitas zu gelangen, wobei er spüren konnte wie der Jüngere überrascht zusammenzuckte als er seine Arme um ihn schloss, sein Kinn dabei auf dem dunklen Schopf abstützend. Kurz zuckte sein Blick nach unten als das bereits vergessene Buch dabei auf dem Boden landete, wobei er dieses allerdings vorerst ignorierte, die violetten Augen sich wieder auf die sich vor ihnen erstreckende Szenerie richtend.

„Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich dir jemals den Ort zeigen kann, an dem ich aufgewachsen bin.“, murmelte er leise, wobei Noé erstmalig in vollem Ausmaß bewusst wurde, dass er Vanitas mit dieser Reise einen weiteren Einblick in seine eigene Vergangenheit gestattete. Hier hatte er seine Kindheit verbracht, den Großteil seines Lebens. Alles was hier geschehen war hatte ihn geprägt…

~*~

Als ihn Noés starke Arme umfingen zuckte Vanitas leicht zusammen, die Nähe gerade unerwartet aber nicht unwillkommen. Kurz haften seine blauen Augen auf dem nun am Boden liegenden Buch, doch ebenso wie sein Begleiter entschied er es erst einmal zu ignorieren. Hier oben war es still, die Ruhe in seinem Inneren angenehm, während ein angenehmer Schauer durch seinen Körper ging, als Noé in sein Ohr flüsterte.
Ja, er hätte auch niemals gedacht, dass sie einander überhaupt einmal so gut kennenlernen würden und irgendwie war es fast unfair. Er selbst konnte und würde weiterhin nichts über seine Vergangenheit preisgeben.

Tief durchatmend ließ Vanitas sich mit dem Rücken weiter gegen Noé sinken, das milde Vogelgezwitscher schon fast skurril in Anbetracht der Tatsache warum sie hier waren.
"Das ist angenehm." Es war nur ein Flüstern und noch einmal tief einatmend drehte er den Kopf etwas zu Seite, eine seiner Hände nun zart durch das helle Haar streichelnd. Es waren diese Momente die es zu schätzen galt um alles um sie herum ertragen zu können.

~*~

Angenehm. Ja genau, das war es. Ein Moment besinnlicher Ruhe nach all den aufreibenden Ereignissen der letzten Tage. Leise seufzend lehnte er sich gegen die sanfte Berührung der schlanken Finger, während er sonst einfach nur stillschweigend verharrte. Schon früher war er öfter hierher gekommen um einfach nur die Sonne zu genießen. Vor allem in den Augenblicken, in denen Domi nicht hier gewesen war und Louis sich in einem seiner Bücher vergraben hatte. War das der Grund warum er die Dächer vor ihrem Hotel auch von Anfang an so sehr gemocht hatte? Weil die luftige Höhe etwas Vertrautes an sich hatte?

„Siehst du den Turm dort drüben zwischen den Baumwipfeln? Die Ruine im Wald?“, brach er schließlich die Stille, wobei seine Stimme seltsam gepresst klang. „Dort ist es passiert. Dort hat Louis Mina und die anderen… und mein Lehrmeister hat ihn…“ Er brach ab, zog seine Arme fester um Vanitas. „Er hat mich damals hierher gebracht, zu Domi und Louis. Er hat mich gerettet. Aber… wenn er seinen eigenen Enkel tatsächlich nur am Leben gelassen hat um ihn als Forschungsobjekt zu verwenden… weshalb hat er sich dann um mich gekümmert?“ Obwohl er die Frage das erste Mal offen aussprach, quälte diese ihn nun schon geraume Zeit lang. War sein Lehrmeister gut oder böse? Warum hatte er sich um ihn gesorgt, tat es auch jetzt noch immer, wenn der Tod eines Familienmitglieds ihn in keiner Weise traf?

Benutzte er ihn ebenfalls? Wenn ja, wozu? Es war ein beunruhigender Gedanke, den er nicht weiterführen wollte, doch nun da er zurück im Schloss war, war es unmöglich das alles auszublenden.

~*~

Sein Blick blieb erneut an der Ruine hängen, Noés Umarmung sich festigend. Er würde ihn nicht bitten diesen Ort mit ihm aufzusuchen. Wenn es allerdings Grund zur Annahme gab, dort etwas zu finden würde der Weißhaarige darauf bestehen ihn nicht allein zu lassen.
Die Fragen die sich Noé stellte waren berechtigt und im Grunde gab es auch nur eine Antwort. Noé Archiviste... der letzte seines Geschlechts. Er war ebenso ein Forschungsprojekt wie er selbst und Louis. Doch Vanitas sprach die grausame Wahrheit nicht aus. Nicht Nächstenliebe hatte seinen Gefährten gerettet... Nein.
Ganz sicher nicht.

Wieder schmiegte er sich enger in die starken Arme, seine Augen nun wieder geschlossen. "Es ist egal was er von dir will. Wichtig ist was du selbst aus deinem Leben machst." Sie mussten die Ketten sprengen. Sie beide und ihre Vergangenheit hinter sich lassen... Nach der Rache die sein Leben antrieb.

~*~

Vanitas´ Schweigen sagte mehr als tausend Worte, wobei Noé allerdings weiterhin noch nicht vollends gewillt war zu glauben, dass dies der einzige Grund war weshalb sein Lehrmeister sich um ihn kümmerte. Vielleicht war es naiv, blauäugig, doch Louis´ und Domis Großvater hatte ihm eine Familie geschenkt… Es war unmöglich ihn auf dieselbe Stufe zu setzen wie Doktor Moreau. War es wirklich egal was sein Lehrmeister von ihm wollte? Bisher hatte er ihn eigentlich um nichts Verwerfliches gebeten. Eigentlich nur darum mehr über das Buch und seinen Besitzer herauszufinden. Etwas… das zuerst ein normaler Auftrag gewesen war, nun allerdings in starkem Konflikt zu dem stand, was er Vanitas versprochen hatte. Wie würde sein Lehrmeister reagieren, wenn er herausfand, dass er gar nicht mehr versuchte mehr über Vanitas herauszufinden? Dass er dem Erben des Vampirs des blauen Mondes aufgrund ihrer Beziehung zueinander sogar versprochen hatte das Thema seiner Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen?

Langsam zog er seine Arme schließlich zurück, ging dann schweigend in die Knie um das hinuntergefallene Buch aufzuheben. Als er es sorgsam aufklappte um sich zu vergewissern, dass alles heil geblieben war, die Seiten keine verräterischen Knicke aufwiesen, blieben seine violetten Augen an einer Zeile hängen, ehe sich sein Blick dann kaum merklich weitete. Noch immer auf dem Boden kniend blickte er zu Vanitas hoch, seine Mimik mit einem Mal ernst. „Ich… habe vielleicht eine Lösung gefunden. Um Louis zu retten.“

~*~

Als Noés Griff sich löste war da erst das kurz auflockernde Bedürfnis ihn davon anzuhalten und die Nähe aufrecht zu erhalten, doch er ließ es dennoch zu. Einen Moment haftete Vanitas Blick noch auf der Landschaft, ehe er dann fragend auf den Älteren herabblickte.
"Was meinst du?"
Irritiert beobachtete er wie der Vampir wieder auf die Beine kam, sein Ausdruck deutlich zeigend dass er sich nicht erklären konnte woher dieser Optimismus plötzlich rührte. Er hatte doch nur das Buch aufgehoben. Es wäre schon ein erstaunlicher Zufall wenn-

Seine blauen Augen weiteten sich als er sich die Zeilen durchlas, sein Blick sich nun ungläubig auf Noé richtend.
"Das... Nein." Er zog ihm das Buch aus den Händen, las noch einmal und abermals. "Nein. Das kommt gar nicht in Frage. Das ist keine Lösung, das ist Irrsinn! Wir suchen weiter!" Es war viel zu riskant und allein bei der Vorstellung wurde Vanitas bereits übel. Es konnte so viel schief gehen...

~*~

Wortlos fixierte er Vanitas, die heftige Abwehrreaktion zwar verständlich, doch in ihrer Situation nicht wirklich hilfreich. „Es gibt keine Garantie, dass wir eine andere Lösung finden.“ Er hielt kurz inne, hob seine Mundwinkel dann zu einem schwachen Lächeln an. „Alles ist besser als einen Pakt mit Naenia abzuschließen.“ Auffordernd streckte er seine Hand aus, die Geste offensichtlich zeigend, dass er das Buch zurückwollte, er diese Option noch nicht fallen ließ. Sie hatten sich beide noch in keiner Weise im Detail mit dieser Möglichkeit beschäftigt, nur einige wenige Zeilen überflogen. „Louis läuft die Zeit davon, das weißt du ebenso gut wie ich. Aktuell haben wir gar nichts. Wenn wir gezwungen sind schnell zu handeln, müssen wir in der Lage sein irgendetwas zu tun.“ Er würde nicht noch einmal dabei zusehen wie Louis´ Leben vor seinen Augen ausgelöscht wurde. Erneut schwieg er einen Moment, seine Hand weiterhin ausgestreckt, darauf wartend, dass Vanitas seiner Aufforderung endlich nachkam.

„Ich sage nicht, dass es die ideale Lösung ist. Und ich will auch nicht, dass wir Domi und Louis darüber informieren. Wir suchen weiter, wenn wir allerdings nichts finden… möchte ich, dass du diese Möglichkeit nicht ausschließt. Es ist nicht nur deine Entscheidung. Und… wenn alles gut läuft, würde niemand zu Schaden kommen.“ Ja, es würde Dinge für ihn grundlegend verändern, doch gerade für Vanitas und ihn… würde es auch alles einfacher machen. Oder nicht?

~*~

"Richtig, WENN!" Vanitas' Griff um das Buch festigte sich und er machte keinerlei Anstalten es Noé zurück zu geben.
"Du willst es ihnen nicht sagen, weil du weißt dass sie dir den Kopf waschen würden! Zurecht! Das ist riskant und absolut keine Garantie auf Erfolg!" Ja, vielleicht würde es klappen und... am Ende ergab sich für sie beide vielleicht sogar ein Vorteil... aber...
"Ich stimme einem Packt mit Naenia nicht zu... Das ist das Letzte was ich zulasse... aber... DAS kann ich auch nicht! Was wenn ich es nicht schaffe?! Dann-" Vanitas presste die Lippen zusammen. Noé würde sterben... zusammen mit Louis.

Ohne Noé das Buch auszuhändigen ließ er es sinken, sein Blick stur zu Seite hin abgewandt, ehe er ruckartig die Treppe ansteuerte.
Noch bevor sein Begleiter jedoch das Wort ergreifen und ihn fragen konnte was nun in ihn gefahren war, drehte er sich fauchend um. "Keine Sorge, heute Nacht bist du sicher vor mir! Ich werde erst wieder zum Schlafen ins Bett kommen, wenn ich eine andere Lösung gefunden habe!" In seinem Gesicht waren die aufschäumenden Gefühle von Angst, Wut, Frust und Verzweiflung deutlich sichtbar. Er wusste genau, dass er keine Wahl hatte wenn es zum Äußersten kam. Würde er Louis sterben lassen, obwohl es eine Chance gab, nur um Noé zu schützen, würde dieser ihm das niemals verzeihen.

~*~

Violette Augen weiteten sich überrascht als Vanitas sich ruckartig umdrehte, dann auf direktem Weg die Treppe ansteuerte ohne ihm das Buch zurückzugeben. Die gefauchten Worte sorgten dafür, dass seine Augenbrauen höher zuckten, seine Lider sich verschmälerten, ehe es dann seine eigene Stimme war die die Luft zerriss. „Hör auf damit!“ Er konnte sehen wie der Jüngere erstarrte, unschwer zu erkennen, dass der Dunkelhaarige nicht mit einer so heftigen Reaktion gerechnet hatte. Ja, er konnte auch anders, mittlerweile sollte er das eigentlich auch wissen. „Du kommst nachts ins Bett und ruhst dich aus! Sonst werde ich ebenfalls nicht schlafen!“ Trotzig verharrte er an Ort und Stelle, im vollen Wissen, dass er mit dieser Drohung wahrscheinlich am ehesten sein Ziel erreichte. Während sein eigenes körperliches Wohlbefinden ihm völlig egal war, sorgte er sich sehr wohl nach wie vor um seine Umgebung, allen voran um ihn.

„Wir geben alle unser Bestes, niemand erwartet von dir, dass du dir alleine die Nacht um die Ohren schlägst. Auch wenn du es noch immer nicht verstanden hast, wir helfen alle zusammen. Als Team.“ Sein Blick sprühte Funken, zeigte deutlich, was er von den Versuchen des Jüngeren hielt wieder einmal seine gesamte Umwelt auszuschließen. Der Wind spielte mit seinen Haaren, die silbernen Strähnen in der Sonne glänzend, das helle Licht die ungewöhnliche Farbe seiner Augen noch weiter hervorhebend.

~*~

Noés Wutausbruch ließ ihn erst erstarren, ehe er sich langsam und mit geweiteten Augen umdrehte.
Alle zusammen?! Aber am Ende erwartete man von ihm dass er diese Dinge tat.
"Ich will nicht derjenige sein der dich vielleicht umbringt!" Viel mehr sollte es anders herum sein. Seine Lippen bildeten nur mehr eine blasse blutleere Linie, sein Ausdruck keinesfalls überzeugt.
"Ich kann nicht einfach schlafen wenn du mir nur Vorschläge unterbreitest von denen einer schlimmer ist als der Nächste..."
Damit drehte er sich zur Treppe zurück und begann den Abstieg. Es musste anders gehen! Es konnte doch nicht nur diese eine Möglichkeit geben einem Toten dauerhaftes Leben zurückzugeben...
"Ich verstehe deine Besessenheit, aber ich bin ebenso stur wie du..."

~*~

Derjenige der ihn umbrachte… Dieser Gedanke war ihm bisher nicht gekommen, eine weitere Tatsache die zeigte wie groß sein Vertrauen in Vanitas‘ Fähigkeiten war. Ja, es konnte vieles schief gehen, doch dass der Jüngere tatsächlich vollständig scheitern würde erschien nach allem was er bisher mitangesehen hatte gänzlich unwahrscheinlich. Er hatte Louis von den Toten zurückgeholt, dieser unberechenbare Mensch würde auch alles andere schaffen. „Ich habe dir bereits zuvor schon einmal gesagt, dass ich nicht vor habe zu sterben.“, kommentierte er die Worte des Dunkelhaarigen schlicht, während er mit wenigen Schritten zu Vanitas aufschloss, ihm dann die Treppe hinunter folgte. „Dieses Buch…“ Er berührte sanft den Einband, unterließ es aber ihm den Wälzer mit Gewalt zu entreißen, zog seine Finger dann auch schon wieder zurück.

„Es ist zumindest ein Hoffnungsschimmer. Ein Hinweis darauf, dass es Wege gibt.“ Das war doch eigentlich etwas Gutes, oder? Sie mussten sich nicht auf diese Option festlegen, hatten noch Zeit Alternativen zu suchen, doch zumindest gab es für den Notfall eine Möglichkeit Louis zu retten ohne seinen wahren Namen Naenia zu opfern. Von der er nicht einmal wusste ob sie bei einem solchen Tausch tatsächlich Louis‘ Namen freigeben würde… „Vanitas… Ich bin kein Märtyrer. Ich habe nicht vor mich zu opfern um dann all euer Leben zur Hölle zu machen. Ich weiß, wie es sich anfühlt jemanden zu verlieren…“

~*~

Richtig. Noé hatte nicht vor zu sterben... sondern mit ihm gemeinsam eine Wohnung in Paris zu beziehen.
Dieses Buch in seinen Händen war die erste Spur die sie in all dem Chaos gefunden hatten... Kein Wunder also, dass Noé sofort euphorisch reagierte...
Dennoch stoppte Vanitas ruckartig ab, die Aufmerksamkeit des Vampirs nun wieder vollständig und irritiert auf ihn gerichtet.
Er würde ihn also nicht zurücklassen?
Der Ausdruck im seinem blassen Gesicht war angespannt, ebenso wie sein Körper. Er würde das auch nicht erlauben. Niemals! Noé hatte sich für ihn entschieden, also würde er auch gefälligst an seiner Seite bleiben.

Langsam trat er auf die selbe Stufe wie Noé, schlang zögernd die Arme um den starken Körper, die Umarmung dabei so ungeübt, dass direkt klar wurde, dass er so etwas nicht wirklich oft praktizierte. Noé war derzeit die einzige Person von der er Körperkontakt überhaupt duldete... Seit die Sache mit Jeanne vorbei war, gab es da sonst niemanden mehr. Mit brennenden Wangen zog er ihn näher an sich, die blauen Ovale stur geschlossen.
"Ich erlaube dir auch nicht irgendjemanden zurück zu lassen..." Diese Möglichkeit war ein gefährlicher Hoffnungsschimmer... aber es machte eben auch Hoffnung, dass es noch andere Optionen geben konnte.

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Überrascht weiteten sich Noés Augen als schlanke Arme sich um ihn schlossen, die plötzliche körperliche Nähe gänzlich unerwartet. Obwohl sich zwischen ihnen so vieles verändert hatte war es noch immer weit entfernt von Routine wenn Vanitas ihm offen zeigte wie wichtig er ihm war. Doch gerade weil der Jüngere üblicherweise so sehr mit derartigen Gesten geizte, waren sie umso besonderer wenn sie dann passierten. Leicht lächelnd legte er eine Hand an den Hinterkopf seines Partners, während er den anderen Arm lose um seinen Rücken schlang. Sie würden solange weitersuchen wie es ihnen in ihrer derartigen Situation eben möglich war. Doch egal für welchen Weg sie sich letzten Endes entscheiden würde, es würde keine Suizidmission werden. Sie würden Louis retten, und niemand würde dafür sein Leben lassen müssen.

„Ich vertraue dir. Uns. Wir haben bisher noch immer eine Lösung gefunden.“ Egal wie ausweglos die Situation gewesen war… Bewegungslos verharrte er in der engen Umarmung, gab Vanitas die Zeit, die er brauchte um sich zu sammeln, während er selbst ebenfalls für einen Moment erschöpft die Augen schloss. Sie brauchten wirklich beide schnellstens Erholung…

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