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Vampire's Kiss

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Dominique de Sade Jeanne Louis de Sade Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
04.01.2022
08.08.2022
33
399.501
12
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04.01.2022 13.934
 
Vampire's Kiss


Nur unter Anstrengung gelang es Noé seine schweren Lider aufzuzwingen, kraftlos seinen Kopf etwas anzuheben. Seine Kehle fühlte sich wie ausgedorrt an, seine Stirn schien zu glühen. Seine Arme hatte man über seinen Kopf in eisernen Fesseln an der Steinwand befestigt, die nun leise klirrten als er seine Hände matt bewegte. Noé schluckte trocken, wobei sich seine spitzen Eckzähne schmerzhaft in seine trockenen Lippen gruben. Wann hatte er das letzte Mal gegessen? Wann “getrunken”? Was war überhaupt passiert? Er erinnerte sich nur daran, dass er die kleine Pension verlassen hatte um nach Vanitas zu suchen. Dann war da ein dumpfer Schmerz an seinem Hinterkopf gewesen, gefolgt von tiefer Schwärze.

Ein heiseres Stöhnen entfloh seinen spröden Lippen, ging fast nahtlos in raues Husten über, seine gereizte Kehle jeglichen Dienst verweigernd. Sein Gesicht fühlte sich fiebrig an, sein gesamter Körper schwach und ausgezehrt. War das der Blutentzug? Oder hatte man ihn zusätzlich vergiftet? Erneut klirrten die Ketten, doch in seinem Zustand war er unmöglich in der Lage sich ohne fremde Hilfe zu befreien. Blut. Er brauchte Blut. Seine Nasenlöcher zitterten leicht als er ein atmete, und schlagartig färbten sich seine Pupillen blutrot. Er konnte es riechen. Etwas Lebendiges in direkter Nähe…

~*~

Dieser unsagbare Vollidiot!
Er hatte sich nur für wenige Stunden aus der Pension verabschiedet, hatte seinen nichtsnutzigen Begleiter zurückgelassen, weil dieser sich wieder einmal wie ein Baby an seinem Kissen festgeklammert und ihn kaum verstanden hatte.
Und nun? Als er zurückgekommen war, war das Zimmer verwaist, von Noé jegliche Spur fehlend. Er hatte den Nachmittag und den Abend abgewartet, doch bei Anbruch der Dunkelheit war er nicht mehr in der Lage gewesen zu verweilen.
Ebenso wenig wie der immer schlecht gelaunte Gefährte des weißhaarigen Vampirs. Nun hetzte er durch Paris' dunkle Gassen, hinter einer Katze her, die ihren dummen Besitzer offenbar tatsächlich gewittert hatte.

Angespannt presste sich Vanitas mit seinem dunklen Mantel an das kalte Gemäuer, eine steile Treppe vor ihm in die Tiefe führend… Murr war dort hinunter gelaufen. Dämliches Vieh! Doch im Gegensatz zu ihm würde eine Katze wohl kaum großes Aufsehen erregen. War Noé tatsächlich dort unten? Warum? Das ganze stank nach einer Falle, doch von wem? Genügend Feinde hatten sie zweifellos.
Warum konnte man diesen Dummkopf auch nicht alleine lassen? Hatte nicht er selbst ihn als Beschützer ausgewählt? Leise seufzend presste er die blassen Lippen aufeinander, sein goldener Sanduhr Ohrring im hellen Licht des Vollmonds schillernd, als er die dunklen und schmalen Stufen hinab schlicht.
Der Ort war verlassen. Zumindest augenscheinlich, doch in dem düsteren Korridor vor ihm flackerten einzelne Fackeln. Es war eine Falle… peinlich offensichtlich.
Nervös krampfte er die rechte Hand um einen seiner beiden Dolche, bereit im Falle des Falles zuzustoßen. Doch noch schien Murrs Instinkt nicht anzuschlagen, zumindest wirkte das weiße Fellknäul unbeeindruckt als es vor einer der massiven Holztüren sitzen blieb und mit seliger Ruhe daran zu kratzen begann.
„Shht! Du dummes Ding!“, fauchte der Dunkelhaarige hektisch während er das Tier beiseite scheuchte um noch mehr Lärm zu verhindern.

Doch bereits in dem Moment in dem sein Blick durch das mit Gittern verkleidete kleine Fenster im oberen Teil der Türe fiel, riss er die blauen Augen panisch auf.
„Noé!“, entkam es ihm, während er bereits die Tür aufstieß, seine Vorsicht sofort vergessen.

Der dunkelhäutige Vampir hing auf die Knie gesackt an die Wand gekettet, neben seinem linken Arm ein Gitterschacht im Boden.
Blut tropfte gemächlich hinab… Von seiner Vene in die Dunkelheit. Ein Aderlass! Irgendjemand ließ Noé ausbluten. Wozu? Wohin verschwand das lebensnotwendige Elixier?
„Hey! Noé! Noé, hörst du mich?!“ Seine Stimme hallte gedämpft durch das Gemäuer, sein Kopf über seine Schulter zur Tür zuckend. Niemand zu sehen. Ruckartig wandte er sich zurück und augenblicklich gefror das Blut in seinen Adern. Rote Augen blickten ihn erst gefährlich an, ehe sein Freund dann doch wieder in sich zusammensackte.
„Idiot!“, fauchte Vanitas erneut, ehe er sich an den Ketten zu schaffen machte.
Leise fluchend ließ er seine Hand in seine Tasche gleiten, zog ein kleines Ledertäschchen heraus aus dem er eine von mehreren Nadeln entwendete. Wie gut, dass er immer vorbereitet war. Mithilfe des Hilfsmittels gelang es ihm die Schlösser zu entsichern, sein Puls sich dabei allerdings in keiner Weise beruhigend.
Warum war hier niemand? Wenn sich schon jemand die Mühe gemacht hatte Noé hierher zu bringen… ihn auszubluten… Warum war dann niemand hier?
Egal. Sie mussten weg!

Der weißhaarige Vampir rutsche wie ein nasser Sack aus seinen Schellen, sank dann auf dem steinernen Boden zusammen. Verflucht! „Reiß dich zusammen!“, herrschte er ihn abermals an während er sich einen der schlaffen Arme über die Schulter wuchtete. Weg! Sie mussten weg!

~*~

Geschwächt hob Noé seinen Kopf, versuchte zu fokussieren, doch er war kaum in der Lage klar zu sehen, die Sicht sofort vor seinen Augen verschwimmend. Da war etwas, jemand, eine dunkle Stimme, die irgendwie vertraut klang, aber sein Verstand verweigerte ihm den Dienst, schaltete augenblicklich auf seine primitiven Triebe um als ihm der Geruch des lebendigen Körpers in die Nase stieg. Durst. Er war so unfassbar durstig… Sein Adamsapfel tanzte unter seiner Haut als der verführerische Duft sich intensivierte, die dunkle Farbe seines Teints fahl und ungewöhnlich blass. Ein leichter Ruck ging durch seinen Körper als sich plötzlich der Halt an seinen Armen löste und kraftlos sank er in sich zusammen, seine Gliedmaßen nicht im Stande sein Gewicht zu tragen. Erneut drang wie durch dichten Nebel die irgendwie bekannte Stimme zu ihm durch, und für einen winzigen Moment gelang es ihm den einzigen Gedanken. der durch seinen Kopf zuckte zu fassen. “Va…ni…tas…” Seine Stimme war kraftlos, heiser, sein Hals bei den wenigen Silben so sehr schmerzend, dass er sofort wieder verstummte.

Erst als er hochgezogen wurde entkam ihm ein weiteres gequältes Stöhnen, wobei allerdings auch dieses sofort abebbte als seine Nase den rauen Stoff des Hemdkragens streifte und schlagartig intensivierte sich das Rot seiner Augen noch, während er wie ein Tier, das seine Beute roch scharf die Luft einzog. Seine Zähne berührten das raue Material, die Gier nach Blut mit einem Mal unbändig, der süßliche Geruch so unfassbar verführerisch…

//Du darfst nicht von jemandem trinken ohne vorher um Erlaubnis zu bitten!//

//Archivist! Wenn du es wagst von meinem Blut zu trinken, werde ich dich mit meinen eigenen Händen töten…//

Ruckartig fuhr er zurück, stieß seine Rettung dabei von sich und sackte erneut auf die Knie zusammen. Kalt. Ihm war so entsetzlich kalt. Heiß. Blut war heiß, und so gut…
“Weg… von mir… Vanitas… du musst verschwinden… keine… Kontrolle…”, stiess er krächzend hervor, sein Tonfall verzweifelt, deutlich zeigend wie kurz davor er war sich vollständig in seinem Blutrausch zu verlieren. Heiß. Blut war heiß… er wollte es. BRAUCHTE es…

~*~

Vanitas eisblaue Augen weiteten entsetzte als er plötzlich zur Seite taumelte, Noés Stoß ihn so unvorbereitet traf, dass er fast auf dem Boden landete.
Einen Moment blickte er ihn entsetzt an, ehe sich seine Mundwinkel dann verkrampften, seine dunklen Brauen tiefer zuckten.
„Reiß dich zusammen, du Trottel! Wir haben keine Zeit!“
Natürlich, der Vampir war nun ausgehungert und auch wenn er das Blut normalerweise nicht zum Überleben brauchte, gerade hatte er so viel davon verloren, dass es fraglich war, ob Noé es schaffen würde. Sein Körper forderte es ein und außer ihm selbst war niemand hier.
„Wenn du es versuchst, töte ich dich!“ Fauchend zerrte er den schlaffen Arm erneut um sich. „Oder ich lasse dich zum Sterben hier! Such dir aus was du willst!“
Er würde ihn hier herausbringen und dann Dominique oder eine andere willige Person zu ihm bringen damit er sich stärken konnte! Es kam nicht in Frage, dass er sich selbst anbot. Nicht dem Archivisten. Nicht wenn er verhindern wollte, dass man etwas über seine Vergangenheit erfuhr.
Er konnte den heißen Atem an den wenigen Zentimetern seiner freien Haut spüren, spürte wie sich die Sehnen des Vampirs immer wieder anspannten, doch offensichtlich hatte er verstanden. Er konnte sterben… oder sich zusammenreißen.

Die steilen Stufen stellten die größte Herausforderung dar und immer wieder strauchelnd blickte er über seine Schulter. Niemand… Hier war niemand. Warum nicht?
Keuchend schleifte er Noé auf die nächtlichen Straßen Paris', weiter… weiter… Doch sein Freund war zu schwach um sich selbstständig fortzubewegen. Scheiße.
Murr war über die Dächer hinweg verschwunden, vertraute ihm sein Herrchen offenbar nun blind an, doch wohin sollten sie gehen? Zur Pension war es zu weit und die Gefahr doch noch geschnappt zu werden zu groß. Sie mussten von der Straße runter und genau in diesem Moment fiel sein Blick auf die schlecht gesichtete Tür einer Schneiderei. //Wir machen Urlaub.// stand dort in filigraner Handschrift auf dem Schild und angespannt schleifte Vanitas sie dort hin.
Wieder sackte Noé wie im Fiebertraum in sich zusammen, als er ihn an der Steinwand anlehnte um das billige Schloss zu knacken. „Ich hole dir gleich Hilfe.“, murmelte er rau, als das Metall auch schon klickte und er sich verstohlen umsah. „Rein da!“ Grob zerrte er den Weißhaarigen ins Innere, verschloss die Tür so leise er konnte und stieß den Größeren dann weiter durch den Laden in das durch einen samtenen Vorhang abgetrennte Hinterzimmer.

Ein purpurfarbenes Chaislongue stand edel in den Raum drapiert, ebenso wie einige Schneiderpuppen mit teuer wirkenden Gewändern. Mit Glück würde man sie hier drin tatsächlich nicht vermuten. Es war ein einziger Stoß mit dem er Noé auf das edle Polstermöbelstück beförderte, ehe er ihn dann noch einmal, genauer in Augenschein nahm. Was fehlte ihm? Was es 'nur' das Blut, oder hatte man ihm noch etwas anderen angetan? Drogen? Gift? Verletzungen?
„Was ist passiert?“, fragte er in der naiven Hoffnung, dass er eine Antwort erhielt, doch auch jetzt konnte er nur den Durst nach Blut in dem verkrampften Gesicht erkennen, die Anstrengung sich nicht sofort auf ihn zu stürzen. „Wage es bloß nicht, Archivist.“ Eine weitere Drohung, seine Stimme dabei leicht verzerrt. Wenn sein Gegenüber im Blutrausch ernst machen würde war er gänzlich chancenlos... Die gebräunte Haut war fahl und blass, die verkrampften Lippen spröde. Es ging ihm nicht gut und er litt… Hilfe zu holen würde ewig dauern… Also was sollte er tun?

~*~

Kalt. So kalt. Doch er konnte Hitze neben sich spüren. Er roch Blut. Blut, Blut, BLUT! Verzweifelt kämpfte er den unbändigen Durst hinunter, während er schwer atmend neben dem heißen Körper neben sich her stolperte. Seine Kehle brannte bei jedem Atemzug, das Verlangen nach dem wertvollen Lebenselixier so intensiv, dass ihm sein Verstand vollständig zu entgleiten drohte. Er schmeckte sein eigenes Blut als er seine Zähne fester in seine Lippen grub, das Unterdrücken seiner primitiven Triebe schon körperlich schmerzhaft. „Lass… mich los, Vanitas… lass mich…“ Er würde den Drang sich zu nehmen wonach ihm verlangte nicht mehr lange unterdrücken können. Unter seinen geschlossenen Lidern brannten heißen Träne, sein Körper zitterte vor Kälte. Fühlte sich ein Fluchträger so? Verloren sie vor Durst den Verstand und damit sich selbst? Kraftlos sank er in sich zusammen als der stützende Arm plötzlich verschwand und den Kopf in den Nacken gelehnt verharrte er keuchend an die Steinmauer gelehnt, auf seiner Stirn kalter Schweiß glänzend. Als Noé das nächste Mal zu sich kam landete er unsanft auf weichem Polster, der süße Geruch für einen Moment so nahe, dass seine Augen tiefrot im Halbdunkel aufleuchteten. Ein leises Knurren entkam seiner Kehle, ein Laut der jegliche Menschlichkeit eingebüßt hatte, viel mehr an ein völlig ausgehungertes Tier erinnerte. //Wage es nicht.// Nur unter Aufbringung all seiner verbliebenen Selbstbeherrschung gelang es ihm seine Lippen wieder fester aufeinander zu pressen, sich ruckartig zur Seite zu drehen. Stöhnend krümmte er sich auf der weichen Unterlage zusammen, seine schweren Atemzüge laut durch den Raum hallend. Er konnte aus weiter Ferne Vanitas Stimme vernehmen, doch es war gänzlich unmöglich den Inhalt der Worte zu erfassen.

~*~

Scheiße.
Er war gänzlich hilflos. Noé in dieser Verfassung zurückzulassen kam einer Hinrichtung gleich. Dann hätte er ihn auch in diesem Verlies hängen lassen können, oder nicht? Er wusste nicht wo sich Dominique befand, hatte keine Ahnung wo Roland und Olivier waren… Zumal es wohl keine gute Idee war die Chasseure um ihr Blut zu bitten… Roland vielleicht noch eher als Olivier… Doch im Grunde konnten sie ihnen nicht helfen. Amelia? Nein. Die Unterkunft war zu weit entfernt.
Erst als Noé sich schon fast Schmerz gepeinigt auf die Seite rollte, das Knurren seiner Kehle nun mehr ein Wimmern, zuckte sein eisblauer Blick wieder zurück.
Er würde sterben.
Die Erkenntnis traf ihn mit einem Mal wie eine Faust ins Gesicht und taumelnd machte er einen Schritt zurück.

Dann sollte er eben sterben.
Vanitas schluckte. Es war wohl Schicksal, dass er ihn nicht mehr rechtzeitig gefunden hatte.
Es war bedauerlich, aber nun mal unausweichlich.
„Stirbst du, Noé?“ Seine Stimme klang erstaunlich kalt und seine Augen waren von oben herab auf das Häufchen Elend auf dem Sofa gerichtet.
Er fühlte wie sich sein Kiefer anspannte, wie seine Zähne kaum merklich aufeinander klapperten. Zitterte er? Noé zitterte…
Und er starb…
Mit der eisernen Sturheit ihn nicht gegen seinen Willen zu beißen.
Nicht seine Kehle aufzureißen und sein Blut zu trinken um sich zu heilen.
Verdammter Idiot!
Einen Moment starrte Vanitas einfach nur nach unten, sein Herz hart in seiner Brust schlagend.
//Willst du, dass wieder jemand wegen dir stirbt, Bruder?//
Die Spitzen seiner Handschuhe bohrten sich in seine Handflächen, während sich sein Gesicht zu einer missbilligenden Grimasse verzog.
NEIN! Nein! Er war Arzt! Wollte nicht das jemand starb!! Schon gar kein Freund.
Nicht er! Nicht Noé!
„Wach auf du elender Versager!“, hallte seine Stimme durch den kleinen Raum während er sich den linken Handschuh vom Arm zerrte. Das blaue Mal an seiner rechten hielt er verborgen.

Der Dolch, den er aus seinem Gürtel zog blitze bedrohlich, ehe er sich die Klinge ruckartig über die Haut zog, so dass binnen Sekunden die ersten Tropfen seines Blutes auf den hölzernen Boden tropften. „Trink.“
Noé würde seine Vergangenheit sehen, aber er würde leben. Sein Magen zog sich zusammen. Er wollte es nicht… Doch viel weniger wollte er, dass sein Freund von dieser Welt verschwand.

~*~

Benommen zwang Noé seine Augen auf, die Farbe seiner Iris tiefrot, seine Pupillen geweitet, apathisch und kurz vor dem absoluten Delirium. Speichel sammelte sich in seinem Mund als er langsam seinen Kopf drehte, sein Blick sich dabei auf die rote Flüssigkeit auf der fast weißen Haut richtete. Blut. Er brauchte Blut. Er wollte es. Jetzt sofort. //Wage es bloß nicht, Archivist.// Vanitas gab sich kalt und unnahbar, doch schon zuvor hatte er ihm mehrfach gezeigt, dass er ein viel größeres Herz besaß als er selbst wahrhaben wollte. Er rettete Leben, war dabei nun sogar gewillt seine Vergangenheit zu enthüllen, nur um ihm zu helfen. Weil er selbst nutzlos war, sich von einer Katastrophe in die nächste beförderte. Weil er ohne seine Hilfe sterben würde… Noé schluckte schwer, sein Hals rau und schmerzend, sein Blick wie festgefroren auf dem roten Rinnsal an dem blassen Handgelenk gerichtet. Er war außer Stande abzulehnen. Er konnte es nicht…

Mit zitternden Finger griff er nach dem schlanken Arm, zog diesen so ruckartig näher, dass Vanitas zu ihm taumelte. Weiterer Speichel sammelte sich in seinem Mund, und dann berührte er mit seiner Zunge auch schon das lebensnotwendige Elixier, spürte mit einem Mal das Dröhnen seines Herzschlages in seinen Ohren als er seine Zähne in die sensible Haut grub. Heiß. So unfassbar heiß. Hitze flutete seinen Körper, der Nebel in seinem Kopf mit einem Mal ersetzt von einer ganz anderen Art von Delirium. Er konnte spüren wie warme Flüssigkeit über sein Kinn lief als er seine Zähne gierig tiefer grub, sein Puls rasend, sämtliche seiner Sinne überstimuliert. Da waren fremde Emotionen, so intensiv und überwältigend, dass er nicht mehr wusste wo ihm der Kopf stand, doch keine klaren Erinnerungen. Schmerz. Triumph. Erregung. Hitze. So unfassbar heiß. Vanitas Blut war gänzlich anders als Domis. Von Domi zu trinken war warm, beruhigend, vertraut. Das hier… setzte seinen gesamten Körper in Brand. Er wollte mehr. Nicht nur trinken. Ihn spüren…

Schwer atmend löste Noè seine Lippen für einen Moment, seine dunkelroten Augen voller Hunger auf Vanitas gerichtet. Seine Kräfte waren zurück, sein Körper erholte sich sofort, sodass es nur einen leichten Ruck benötigte um den Menschen zu sich zu reißen. Und dann war er auch schon über Vanitas, löste ungeduldig die Schleife am Hals, ehe er das Hemd so unsanft zur Seite riss, dass die obersten Knöpfe wie kleine Wurfgeschosse durch die Luft sprangen. Mehr. Er wollte mehr. Brauchte mehr. Keuchend beugte er sich über Vanitas, roch sein Blut, fühlte den raschen Puls unter der dünnen Haut, obwohl er den entblößten Hals noch gar nicht berührte. Aufhören. Er musste aufhören. Durfte nicht noch weiter gehen… Er stieß die Luft durch die Nase aus, berührte mit seinen Lippen den elfenbeinfarbenen Teint, sein Herzschlag rasend. Was war mit ihm los? Was passierte mit ihm? Gerade hatte er noch vor Kälte gezittert, jetzt bebte er vor Hitze. Da war ein Pochen zwischen seinen Beinen, und heiser stöhnend presste er seinen Unterkörper gegen das aufgestellte Knie, mit dem Vanitas wohl noch versuchte ihn abzuwehren. Und dann biss er zu, grub seine Zähne hart in den schlanken Hals ohne noch weiter darüber nachzudenken was er gerade alles zerstörte.

~*~

Die tiefroten Ovale starrten auf sein Handgelenk, auf das Blut das daran zu Boden tropfte, ehe dann ein Ruck durch Vanitas hindurch zuckte. Taumelnd keuchte er auf, als sich scharfe Zähln in sein Fleisch gruben, einen weiteren Weg für sein Blut öffneten, obwohl der Schnitt doch hätte ausreichen müssen. Vampire… Sie waren alle gleich, nicht wahr?
Wieder zuckte seine Gesichtsmuskulatur, das leichte Kribbeln das seinen Arm flutete plötzlich und völlig unerwartet. Er hatte nicht mit irgendeiner Regung gerechnet, abgesehen von Unbehagen, doch es war gänzlich anders. Noés Biss schmerzte nicht, betäubte ihn auch nicht… Es fühlte sich einfach angenehm an. Waren das die Kräfte der Archivisten, mit denen sie ihren Opfern die Erinnerungen entlockten? Seine blauen Augen weiteten sich, als die nun mit Blut benetzten Lippen sich lösten und die purpurnen Ovale ihn lauernd fixierten. Was… wusste er?! Was hatte er gesehen?!
Zumindest schein sich sein Körper bereits zu erholen…

Schon im Begriff seinen Arm zurückzuziehen, die Mimik stur und kalt, keuchte Vanitas abermals auf, die Lider weit aufgerissen, als die Welt sich plötzlich drehte.
„STOPP!“
Mit einem leisen Rascheln landete seine blaue Schleife auf dem Boden und die obersten Knöpfe seines Hemdes klackernd daneben.
Noé kniete über ihm, pinnte ihn auf das rote Polster, während sein heißer Atem die nun entblößte Haut seines Halses streifte.
„Ich hab gesagt, du sollst aufhören!“
Sein Puls raste und zappelnd versuchte er sich zu befreien, irgendwie an einen seiner Dolche heran zu kommen. Der Vampir war außer Kontrolle und er selbst unvorsichtig gewesen!

„Ich töte dich, wenn du das tust!“ Wütend hallte seine Stimme durch den sonst gänzlich ruhigen Raum, ehe Vanitas Gesicht entgleiste, als Noés raues Stöhnen an sein Ohr drang, in dem Moment in dem er den Unterkörper gegen sein aufgestelltes Bein presste.
Dieser Vollidiot war hart?! Von seinem Blut?!
Doch viel mehr Zeit zum Denken blieb ihm nicht und nun selbst heiser aufstöhnend flutete eine Welle von Hitze seinen Körper. Noés Biss ließ ihn erstarren, während sein Herz sich zu überschlagen drohte. Tausende kleine Stromschläge zuckten durch seine Glieder, ähnlich wie bei Jeanne…
Es… erregte ihn.
Noés Biss erregte ihn bis in die Haarspitzen.
Stöhnend legte er den Kopf zurück, seine Wangen glühend, während er eine Hand in den dunklen Kragen des Weißhaarigen krallte.
„Stopp…“, hauchte er erstickt, gefolgt von einem Stöhnen. Das… konnte doch nicht sein?!
Jeanne war es, die mit ihm kompatibel war! Sie hatte ihm zu einem angenehmen Rausch verholfen. Was zur Hölle war hier los?!

„No...é… nicht… nngh-“ Er fühlte Lippen, eine raue Zunge… Zähne… und er spürte wie sich Noé an seinem Schenkel rieb, sein Atem heiß und erregt. „Noé...“
Sein eigener Schritt poche, beulte seine Hose aus. Sein Körper verriet ihn! Niemals… Niemals zuvor war das passiert. Er hatte Jeannes Biss genossen, das warme Gefühl, das sanfte Schaudern und Prickeln… Aber jetzt? Seine Unterkörper zuckte vom Polster. Hatte sein Körper überhaupt noch genug Blut für all diese unterschiedlichen Reaktionen? Es rauschte in seinen Ohren, sammelte sich in deinem Schritt und Noé trank davon. Gierig und zügellos. So hatte er den jungen Vampir noch nie erlebt.
Und er war gerade nicht in er Lage ihn von sich zu stoßen. Nicht, dass er glaubte dazu im Stande zu sein, solange sich der Größere im Blutrausch befand… er wollte es auch nicht.

~*~

Dumpf hörte er Vanitas‘ Protest, seine Drohungen, doch er war längst über den Punkt des rationalen Denkens hinaus, nicht mehr in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Mehr. Er wollte mehr. Ihn noch intensiver spüren, noch mehr dieses köstlichen Blutes schmecken. Kurz ließ er von dem schlanken Hals ab, warme Flüssigkeit dabei von seinen Mundwinkeln über sein Kinn perlend, seine Augen dunkelrot vor hungriger Erregung. Da war nicht mehr nur der Durst nach Blut, sondern noch etwas völlig anderes. Etwas, dass das Trinken grundlegend von all den Erfahrungen zuvor unterschied. Da waren keine klaren Erinnerungen, nur wirre Emotionen und unbändige Hitze. War das weil er von einem Mensch trank? Oder was war Vanitas? Was geschah gerade mit ihm?

Egal. Der Grund war gänzlich irrelevant. Er wollte mehr davon. Rhythmisch stieß er seinen Unterkörper nach vorne, stöhnte rau auf als Vanitas sein Knie erst stärker gegen seinen Schritt presste, allerdings offenbar nur um sein Bein auszustrecken. Schwer atmend sank er auf den schlanken Körper unter sich, presste sich nun stattdessen direkt an diesen, während er mit seiner Zunge über den nach wie vor entblößten Hals glitt. Kein Protest. Er spürte rasenden Puls unter der weichen Haut, doch da war keine Ablehnung, kein Versuch mehr ihn wegzustoßen. „So heiß… Dein Blut ist so heiß… Vanitas…“ Heiser stöhnend bewegte er sein Becken erneut nach vorne, fühlte Hitze in seinem gesamten Körper, während er seine Zähne nun erneut in den weichen Hals grub. Es war nicht genug. Mehr. Intensiver. Heiß. So unendlich heiß. Und dann riss Noé seinen Kopf ruckartig zurück, die roten Augen weit aufgerissen während er seinen Unterkörper hart gegen Vanitas‘ drückte, Hitze dabei zwischen seinen Beinen explodierend.

~*~

Das verbliebene Blut in seinen Venen pulsierte, die Hitze vernebelte seinen Verstand und immer wieder keuchte er mit rauer Stimme auf. Hart… sie waren beide hart! Und er konnte nichts weiter tun als es zuzulassen. Rationales Denken war vollständig unmöglich. Bei Jeanne war er in der Lage gewesen sie zu stoppen, sobald sie zu viel seines Blutes forderte, doch Noé konnte er keinen Einhalt gebieten.
Er fühlte wie er die heiße Flüssigkeit von seiner Haut leckte, wie er an der Wunde saugte, wie er seine Körpermitte immer härter und hungriger gegen seine drückte.
Die vor Erregung zitternde Stimme jagte einen Schauer über seinen Rücken während sich seine Finger krampfhaft in die helle Weste und das dunkle Hemd gruben.
„No...é...“
Ein weiterer Biss...

Und dann war es plötzlich vorbei.
Überrascht riss er die vor Lust glasigen Augen auf als der Vampir plötzlich den Kopf zurück warf und ein ekstatisches Schaudern seinen gesamten Körper erfasste. Ruckartig stieß er noch mehrere Male das Becken vor, entlockte damit auch Vanitas ein kehliges Stöhnen, ehe dann verräterische Stille einkehrte.
Mit einem Mal wurde der schlanke Körper auf ihm ganz ruhig und noch immer etwas weggetreten drehte er den Kopf zur Seite.
Noé lag auf ihm, mit den Armen so neben ihm abgestürzt, dass er das völlig überforderte und dunkelrote Gesicht sehen konnte.
Langsam färbten sich die roten Augen zurück in warmes violett, während sich noch immer überdeutliche Spuren von den blutbeschmierten Lippen zu dem verkrampften Kinn zogen.
„Bist du gekommen?“ Vanitas Lippen zuckten zynisch nach oben, seine leise Stimme, nun da sein Verstand zurückkehrte, bereits jetzt ein bedrohliches Grollen.

~*~

Sein Herz hämmerte hart gegen seine Rippen, seine Atemzüge schwer und keuchend, der schlanke Körper immer wieder erzitternd. Sein eigenes Blut rauschte laut in seinen Ohren, sein Puls rasend, sein Gesicht erhitzt, die sich nun langsam wieder in ihre übliche violette Farbe zurück wandelnden Augen nach wie vor gänzlich überfordert geweitet. Die Wärme in seinen Wangen nahm noch zu als sich tiefblaue Ovale auf ihn richteten, doch zumindest klang die sengende Hitze von zuvor langsam ab. Stattdessen fühlte er wie sich Feuchtigkeit zwischen seinen Beinen ausbreitete…

“Ge…kommen?” Seine Stimme klang rau und heiser, wobei seine Kehle sich allerdings längst nicht mehr trocken und wie ausgedorrt anfühlte. Er hatte Vanitas’ Blut getrunken. Und noch jetzt fühlte er wie sein Körper von der Intensität dieser Erfahrung bebte, sein Verstand noch unfähig zu verarbeiten was gerade geschehen war. War er… gekommen? Nannte man das so? “Ich… weiß nicht… Es war… so heiß…”, stammelte er leise, kaum im Stande den Blickkontakt aufrecht zu erhalten. Wenn er Vanitas nur ansah begann sein Herz erneut zu rasen. “Es… tut mir leid. Ich… habe die Kontrolle verloren. Ich… hätte nicht… ich wollte nicht…” Er presste seine Lippen auseinander, schmeckte noch immer das heiße Blut, fühlte wie er erneut erschauderte, und hastig drehte er seinen Kopf zur Seite, während er sich unbeholfen hochstemmte.

~*~

Noés Stimme klang ungläubig und dünn. War das wirklich zu glauben? Hatte dieser naive Dummkopf tatsächlich keine Ahnung was da eben zwischen ihnen passiert war?
Vanitas Hose spannte noch immer deutlich sichtbar über seinem Schritt, doch allmählich verließ das heiße Prickeln seinen Körper nun ebenfalls. Sein Kopf begann sich wieder einzuschalten, zu verarbeiten.
Ihre Körper waren einander in völliger Ekstase erlegen, so intensiv, dass es Vanitas eine eisige Gänsehaut über den Rücken jagte.
Er wollte das nicht! Nicht von ihm! Nicht von einem Archivisten! Was hatte dieser Vampir gesehen? Hatte er sich so sehr an seinem Leid und seiner Schmach ergötzt, dass es ihn über den Abgrund befördert hatte?!
„Das sollte dir auch Leid tun, verdammte Fledermaus! Ich rette dir das Leben und so dankst du es mir?! Hätte ich dich doch nur in diesem Kerker ausbluten lassen!“, fauchte er völlig außer sich, stieß den Weißhaarigen noch zusätzlich von sich um sich schneller zu befreien.

Er fühlte noch immer warmes Blut an seinem Hals und seinem Handgelenk und irgendwie panisch, angelte er nach dem hellblauen Stoff seiner Schleife, presste diesen dann erst auf seinen Arm, ehe er den wütenden Blick erneut auf das Häufchen Elend auf dem Sofa richtete.
Die violetten Augen waren zur Seite auf den Boden gerichtet, die Wangen nun von Scham gerötet.
„Bist du jetzt zufrieden, Archivist?! Hast du endlich alles über mich erfahren? Ist deine perverse Neugier jetzt endlich befriedigt?!“ Er schob es weg. Das Gefühl der Erregung, Noés Duft der ihn noch immer einzuhüllen schien. Es war schön gewesen. Heiß.
Nein, unmöglich!
Was war eben mit ihm passiert?

//Es heißt, dass man Lust verspürt, weil die Vampire einem mit ihren Fangzähnen eine aphrodisierende Substanz injizieren. Angeblich wirkt die Substanz aber unterschiedlich stark, abhängig von den Kräften das Vampirs selbst und davon, wie viel Zuneigung er gegenüber seinem Zielobjekt verspürt. Je nach Vampir kann es sein, dass das Opfer keine Lust verspürt, sondern stattdessen müde und benommen wird.//
Panisch weiteten sich seine blauen Augen noch weiter und sofort tastete auf der noch immer blutigen Stelle über die Bisswunde. Jeannes Markierung?! Nein… sie befand sich auf der anderen Seite…
Aber… bei ihr war es das erste Mal gewesen, dass es sich schön angefühlt hatte. Dass es ihn erregt hatte... Das eben… war allerdings eine völlig andere Ebene von Lust gewesen. Wenn Noé nur einen Moment länger durchgehalten hätte, wäre er ebenfalls…
„Ich bin fertig mit dir! Sei lieber froh, dass ich dir nicht auf der Stelle die Kehle aufschlitze und einen Pflock durchs Herz jage!“ Hilfelose Wut, die er aber nicht greifen konnte. Panik vor etwas, was er nicht verstand.

~*~

“Ich wollte das nicht… Dass du dich gezwungen fühlst mich zu retten… Dass du deshalb zulässt, dass ich…” Er brach ab, sein Kopf niedergeschlagen hängend, sein Blick reumütig gesenkt, doch die Hitze wollte noch nicht aus seinen Wangen verschwinden, während sein Puls noch immer deutlich schneller als sonst in seinen Ohren pochte. Er hatte so etwas noch nie zuvor gespürt, diese heftige Reaktion seines Körpers gänzlich unbekannt. Natürlich wusste er, dass der Akt des Blut Trinkens unterschiedliche Wirkungen entfalten konnte. Bei Domi hatte es sich immer warm, angenehm und beruhigend angefühlt. Hatte er so sehr die Kontrolle verloren weil man ihn so sehr ausgehungert hatte? Erneut begann sein Gesicht zu glühen, seine Ohren dunkelrot unter den hellen Haaren hervorblitzend. Er war noch nie jemandem auf derartige Art und Weise nahe gekommen…

“Ich… habe nichts gesehen… Nicht in deine Vergangenheit geblickt…”, murmelte er schließlich leise, den Blick nach wie vor gesenkt, die violetten Augen hinter seinen hellen Haaren verborgen. “Ich… kann das normalerweise nicht steuern, aber… da war nichts.” Zögernd hob er seinen Kopf schließlich an, gestattete Vanitas so tatsächlich wieder ihn direkt anzusehen.

//Deine Augen sind der Spiegel deiner Seele. Wenn du lügst, liest man darin sofort die Wahrheit. Du bist mit so naiver Ehrlichkeit gesegnet, dass ich mich um dich sorge, Mon chaton.// Die Worte seines Lehrmeisters hallten durch seinen Kopf, und instinktiv hoffte er, dass er wie sooft recht behielt, Vanitas seinen Worten glauben schenken würde.

~*~

Aber er hatte sich gezwungen gefühlt!
Weil er…
Weil er seinen Freund nicht sterben lassen wollte. Weil er nicht Schuld daran haben wollte. Weil er zu stur gewesen war… Scheiße!
Seine blauen Augen schäumten vor Wut, doch Noé würdigte ihn keines Blickes, verbarg das Gesicht lieber hinter seinen langen weißen Stirnfransen. Dennoch konnte er sehen, dass die dunkle Haut an den Ohren rot glühte. Dieser Trottel.
Vanitas' schönes Gesicht entgleiste als die matten Worte an sein Gehör drangen und bissig öffnete er schon den Mund um seinen Gegenüber zu fragen, ob er ihn für völlig dumm hielt. Ein Archivist der nicht in die Vergangenheit blicken konnte?
Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken, als die violetten Augen ihn endlich anblickten.
Sofort wich er einen Schritt zurück, seine Mimik seltsam verkrampft.
Noé sah aus wie ein getretener Hund, nicht wie ein Lügner.

Abwertend schnalzte er mit der Zunge, wandte den Blick dann zügig ab, zog stattdessen den nun mit Blut getränkten Stoff von seinem Arm. Es war geronnen. Gut.
„Berühr mich nie wieder. Hast du verstanden?“ Da war ein Knurren in seiner Stimme, ähnlich einer Katze, die man in eine Ecke gedrängt hatte.
„Ich will, dass du mir aus den Augen gehst!“ Plötzlich war da Hitze in seinen Wangen, die Erinnerung an Noés heißen Atmen an seinem Ohr… seinem Hals.
Sein Puls beschleunigte sich.
//Auf jeden Fall bedeutet das, dass unsere Körper perfekt zusammenpassen.//
Das hatte er zu Jeanne gesagt…
Er schluckte. Wenn der Archivist nichts gesehen hatte, waren seine Kräfte dann vielleicht gar nicht so stark wie er angenommen hatte? Oder lag es am Blut des Vampirs des blauen Mondes? Auf jeden Fall hatte seine heftige Reaktion wohl nichts mit irgendeiner Archivistenfähigkeit zu tun.
//... und davon, wie viel Zuneigung er gegenüber seinem Zielobjekt verspürt...//
Naiver Dummkopf.
Beteuerte er nicht immer, dass er ihn nicht ausstehen konnte? Und sich nur für ihn als Person und seine Vergangenheit interessierte?
Er schnaubte verächtlich.
„Du ziehst heute noch aus dem Zimmer aus. Mir ist egal wohin du gehst. Nur verschwinde aus meinen Augen.“ Damit hob er seinen noch am Boden liegenden Handschuh auf und kehrte Noé den Rücken zu. Mittlerweile war er sicher wieder stark genug um den Weg allein zu finden… Wenn er sich nicht wieder, von wem auch immer, entführen ließ.

~*~

Er konnte die Wut in der dunklen Stimme hören, sehen, wie sehr Vanitas ihn für sein Vergehen verabscheute, und das völlig berechtigt. Er hatte ihn mehrfach vorgewarnt, ihm mehr als deutlich gesagt, dass er jeglichen Versuch von ihm zu trinken mit seinem Leben bezahlen würde, doch nun hatte er Vanitas aufgrund seines Pflichtbewusstseins als Arzt dazu gebracht ihn zu retten. Es war mit Sicherheit der allerletzte Ausweg gewesen… Seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen, der hasserfüllte Ausdruck in dem blassen Gesicht kaum zu ertragen. Wieso hatte er nicht besser aufgepasst? Weshalb hatte er so naiv und dumm zugelassen, dass man ihn verschleppt hatte?

Für einen Moment herrschte eisige Stille, ehe Noé dann langsam nickte, schließlich hastig die Lippen öffnete als er realisierte, dass Vanitas, ihm den Rücken zugewandt, seine Reaktion gar nicht sehen konnte. “Ich habe verstanden. Ich… werde meine Sachen sofort packen.” In sich zusammen gesunken verharrte er auf dem dunkelroten Polster, seine gesamte Körperhaltung die eines getretenen Hündchens, sein Blick nun wieder auf seinen Schoß gesenkt. Ja, er hatte Vanitas’ Vergangenheit nicht gesehen, doch er hatte die Intensität seiner Emotionen gespürt. Er hatte vollständig die Kontrolle verloren und er war… gekommen… Erneut begann sein Gesicht zu glühen, die klamme Feuchte zwischen seinen Beinen unmöglich zu ignorieren. “Ich… kann Jeanne erklären was geschehen ist. Sie wird es bestimmt verstehen…” Die bloße Erwähnung von Lucas Leibwächterin sorgte dafür, dass er sich sofort noch elendiger fühlte, das schmerzhaften Ziehen in seiner Brust unmöglich einfach zu ignorieren.

~*~

Vanitas schnaubte verächtlich durch die Nase, als Noé ihm kleinlaut zustimmte. Immerhin schien er zu verstehen und versucht gar nicht erst sich herauszureden.
Gerade als er den ersten Schritt auf den Vorhang zumachen wollte, erstarrte er in der Bewegung, ehe er dann ruckartig herumwirbelte.
„Du wirst gar nichts!“ fauchte er empörte, seine Wangen wieder glühend. Wer wusste schon, was diesem Idioten herausrutsche! Es war völlig unmöglich, dass dem Weißhaarigen entgangen war, dass er ebenfalls auf ihn reagiert hatte. Er hatte seinen Namen gestöhnt… war hart geworden.
Scheiße!
„Ich kläre das selbst! Es ist ja nicht so, dass ICH hier einen Fehler gemacht habe!“ Seine Stimme hallte durch den düsteren Raum und sein Atmen drohte sich zu überschlagen. Jeanne musste nur das Nötigste wissen. Er hatte Noé sein Blut gegeben um sein Leben zu retten. Mehr war nicht relevant. Jeanne war eine verständnisvolle Person. Sie würde ihm verzeihen.

„Ich werde die Nacht bei ihr verbringen. Dann kannst du bis zum Morgen verschwinden.“ , äußerte er dann kalt und in dem Wissen, dass diese Information sicher das Letzte war, was Noé nun hatte hören wollen.
//... und davon, wie viel Zuneigung er gegenüber seinem Zielobjekt verspürt...//
Nein! Nein! Nein!
Er hatte kein Interesse daran! Er hatte sich vor der Liebe gesträubt und jetzt war da Jeanne! Er brauchte kein männliches (!) Schoßhündchen! Oder welchen Grund hatte diese überzogene Reaktion bitte sonst?!
Hitze flutete seine Adern.
Noé war gekommen… Während er sein Blut getrunken hatte. Und er war ebenfalls kurz davor gewesen… Er hörte noch immer die schweren Atemzüge, fühlte das erregende Prickeln. Den Wunsch, dass Noé nicht aufhörte…

Als er nun ein letztes Mal herumwirbelte, zerrte er den Vorhang zum Vorraum grob beiseite, seine Schritte knarrend auf den Holzdielen. Das kleine Glöckchen an der Eingangstüre schellte rostig, während er diese aufzog und lautlos in die Nacht verschwand.  

~*~

Die heftige Reaktion auf seinen gut gemeinten Vorschlag ließen den niedergeschlagenen Vampiren leicht zusammenzucken, das gebräunte Gesicht mit den nun wieder etwas rosigeren Wangen verkrampft, seine Schultern hängend. War es eine so fürchterliche Erfahrung für Vanitas gewesen, dass er seine Nähe nun gar nicht mehr ertrug? Dumpf glaubte er sich zu erinnern, dass er seinen gestöhnten Namen vernommen hatte, dass Vanitas eigentlich ähnlich reagiert hatte wie er selbst, doch wahrscheinlich hatte er sich all das in seinem Delirium nur eingebildet… Er mochte den großkotzigen Menschen doch auch nicht wirklich, interessierte sich nur für seine Vergangenheit und seine Mission. Seine eigene heftige Reaktion war bestimmt nur bedingt durch seinen unbändigen Durst gewesen. Ganz sicher…

Das leise Schellen einer Glocke, dicht gefolgt von dem Poltern der ins Schloss fallenden Wohnungstüre verstärkten das Ziehen in seinem Magen noch und erschöpft ließ er sich zurück in die Kissen sinken. Nach dem ausgiebigen Mahl fühlte sein Körper sich zwar wieder wie neu geboren an, doch das Chaos in seinem Kopf lähmte seinen Verstand. Wer hatte ihn entführt? Wer hatte all die Mühen auf sich genommen ihn anzuketten, nur um ihn dann doch unbewacht zurückzulassen? Soweit er sich erinnern konnte, war da niemand gewesen, der versucht hatte seine Flucht zu vereiteln… Ein leises Stöhnen entkam seinen Lippen, während Noé einen Arm über sein Gesicht zog. Sein Blut war so heiß gewesen, der schlanke Körper unter ihm so warm, die Haut so weich… Egal wie verzweifelt er versuchte die Erinnerungen aus den Kopf zu bekommen, es war unmöglich zu verdrängen wie unfassbar gut es sich angefühlt hatte als die Hitze zwischen seinen Beinen explodiert war. Er hatte sich nie wirklich mit körperlichen Trieben beschäftigt, wusste nur, was Domi ihm einmal hochrot und unbeholfen stammelnd erklärt hatte, aber auch so war es selbst in seiner kindlichen Naivität unmöglich nicht zu realisieren wonach sein Körper verlangt hatte.

Aufgeheizt von dem heißen Lebenssaft… Es war nicht wirklich verwunderlich, dass Vanitas nicht länger das Zimmer mit ihm teilen wollte… Er war eine Bestie, völlig außer Kontrolle. Eigentlich kaum besser als die Fluchträger, die sich ebenfalls nahmen wonach ihnen verlangte um zu überleben. Nachdem er für eine Weile einfach nur matt dagelegen hatte, zwang er sich schließlich endlich auf um den Heimweg anzutreten und seine Sachen zu packen. Da er keine Ahnung hatte wo genau er sich befand dauerte die Strecke durch Paris eine schiere Ewigkeit, wobei die sonst übliche Begeisterung über seine Umgebung heute den dumpfen Ausdruck in den violetten Augen nicht zu vertreiben vermochte. Selbst die schimmernden Lichter die sich im Wasser der Seine widerspiegelten entlockten ihm nicht mehr als einen müden Blick. Als er endlich die gewohnte Umgebung der Herberge erreichte waren dort bereits alle Lichter gelöscht, sämtliche Fenster waren dunkel. Die Stufen knarrten leise unter seinen Füßen als er hinauf in das obere Stockwerk stieg, wobei sich seine Beine bei jedem Schritt noch schwere anfühlten. Vanitas war nun bei Jeanne. Bei dem Vampir, in den er sich verliebt hatte, dem er von sich aus gestattet hatte sein Mal zu hinterlassen und ihn zu markieren. Noé presste seine Lippen fester aufeinander, das Stechen in seiner Brust noch quälender als zuvor. Er hatte nie darum gebeten als Archivist geboren zu werden. Er wollte die Vergangenheiten von niemandem sehen… Erinnerungen an Lois fluteten seinen Kopf und verbissen kämpfte er sie hinunter während er aufschloss.

Er zuckte leicht zusammen als er plötzlich eine Bewegung wahrnahm, und für einen winzigen Moment war da die utopische Hoffnung, dass Vanitas tatsächlich in ihrem gemeinsamen Zimmer auf ihn wartete, ehe er realisierte, dass es Murr war, der sich auf dem Bett steckte, ihn nun vorwurfsvoll anblickte. Er rang sich ein entschuldigendes Lächeln ab während er langsam eintrat, die Türe dann hinter sich zuzog. “Bitte entschuldige, ich wollte dich nicht so lange alleine lassen.”
Kurz pendelte sein Blick automatisch zu Vanitas’ Bett, Kissen und Decke unbenutzt.

~*~

Vanitas seufzte auf, sein Rücken schmerzend von der Couch auf die Luca ihn verfrachtet hatte, seine Augen müde von der viel zu kurzen Nacht. Natürlich war sein Auftauchen nicht erwünscht gewesen, auch wenn Jeanne sich wohl darüber gefreut hatte, Luca hatte es nicht. Und zu allem Überfluss hatte sich auch Dominique in einem Abendplausch mit seiner Angebeteten befunden.
Beide waren schnell einer Meinung gewesen, dass es das Beste gewesen war, dass Vanitas Noés Leben gerettet hatte, auch wenn da bei beiden Frauen ein kurzer Moment des Schocks und der Melancholie gewesen war. Bei Jeanne konnte er das ja irgendwie sogar noch verstehen… Sie hatten einander versprochen sich nur gegenseitig zu dienen. Jeanne trank nur von ihm und er gestattet es im Gegenzug niemandem sonst von ihm zu trinken. Doch warum Noés Freundin so deprimiert gewirkt hatte, ergab nicht so wirklich Sinn. Besorgt, okay, allerdings war da noch etwas gänzlich anderes in ihren Augen gewesen, ein Ausdruck den er nicht so Recht zu deuten vermocht hatte. Vampire waren keine 'treuen' Wesen. Sie bedienten sich an jedem, der es ihnen erlaubte. Wer wusste schon von wie vielen Menschen Noé mit seinem unverschämt schönen Gesicht bereits gesaugt hatte? Und vor allem wen interessierte das? Ihn nicht!!

Missmutig stapfte er den Weg zurück zur Pension, in der Hoffnung, dass sein Mitbewohner bereits in den frühen Morgenstunden verschwunden war.
Eine Aussprache kam nicht in Frage! Er wollte ihn nicht einmal mehr ansehen. Seine Stimme, die so erotisch in sein Ohr geraunt hatte nicht mehr hören!
Vanitas fühlte wie Hitze in seine Wangen kroch, versuchte sich an Jeannes Biss zur erinnern, an das Kribbeln, an die Flamme die es entfacht hatte. Doch es wurde von den Erinnerungen des gestrigen Abends weggespült. Heißes Pochen, ein Flächenbrand…
Noé starke Hände die ihn rau nach unten ins Kissen gedrückt hatten… seine weichen Lippen… die Bisse… Er zählte drei. Einen am Handgelenk, zwei auf der linken Seite seines Halses…
Noés Erektion an seinem Schenkel…
Scheiße!

Sich die Haare raufend blieb er stehen, seine Wangen glühend, während er sich selbst verfluchte.
//Auf jeden Fall bedeutet das, dass unsere Körper perfekt zusammenpassen.//
Jeanne! Jeanne! Jeanne!!
Nicht Noé!
//So heiß… Dein Blut ist so heiß… Vanitas… //
Verdammter Mist.
Kraftlos ließ er die Arme sinken, seine blauen Augen nun auf den Pflasterstein zu seinen Füßen gerichtet. Hoffentlich war er weg… Und hoffentlich musste er ihn nie wieder sehen.
Es würde keine Aussprache geben.

Als er die Pension erreichte empfing Amelia ihn freundlich an der Tür, reagierte dann sichtlich verwirrt auf seine Frage ob Noé bereits gegangen war. Offenbar hatte sie nicht mitbekommen, dass er zurückgekommen war.
Einige Minuten stand er einfach regungslos vor der Zimmertür, unschlüssig ob er nicht vielleicht einfach bis am Abend warten sollte. Bis dahin war der Jüngere gewiss auch mit völliger Sicherheit verschwunden. Andererseits… Das war auch sein Zimmer, und das Verhalten dieses unersättlichen Vampirs nicht sein Problem. Ruckartig drückt er die Türe auf… und bereute es.
Noés Mantel, Zylinder und Koffer lagen auf dem Bett, das Fenster stand offen. Er war also noch da. Auf dem Dach vielleicht? Ein Rückzugsort, den sie beide im Wechsel nutzten… oder auch einfach gemeinsam…

Er blinzelte verwirrt, als just in diesem Moment eine Frauenstimme durch das Fenster zu ihm getragen wurde und neugierig trat er näher. Dominique de Sade?
Leise ließ er sich auf dem Fenstersims nieder, hörte nun undeutlich, dass sie sich mit 'ihm' unterhielt. Es ging um ihn, oder? Würde es dieser Holzkopf wagen, ihn zu verraten?
Fast völlig lautlos linste er nach oben, doch von hier aus konnte er die beiden nicht sehen. Er zögerte für einen winzigen Moment, schwang sich dann mit angespannter Mimik nach oben und zuckte sofort hinter einem der breiten Kamine zurück. Seine blauen Augen weiteten sich bei der Szene, die sich ihm von seinem Versteck aus bot und unbemerkt krampften sich seine Kiefermuskeln zusammen. Sie lang in seinen Armen…

~*~

Schweigend haftete Noés Blick an dem sich unter ihm erstreckenden Dächermeer der morgendlichen Stadt. Noch zogen feine Nebelschwaden durch die Gassen, doch die Sonne kämpfte sich bereits ihren Weg über das Firmament, tauchte die Gemäuer um ihn herum bereits in goldenes Licht. Nachdem er zurückgekommen war, hatte er unter Murrs kritischem Blick begonnen seine wenigen Habseligkeiten in seinen Koffer zu verstauen, wie versprochen alles zu packen um zu verschwinden. Das Zimmer hatte ihm nun doch bereits eine ganze Weile als Unterkunft gedient, hatte sich ein klein wenig nach zuhause angefühlt. Hier tagtäglich aufzuwachen war zu einer willkommenen Routine geworden, die er selbst nun zerstört hatte. Ebenso wie seine Verbindung zu Vanitas… Er fröstelte in seinem Nachtgewand etwas, aber er würde noch etwas darin ausharren müssen. Seine weiße Stoffhose, die er gestern noch mit glühenden Wangen gewaschen hatte, lag wenige Meter neben ihm, wobei es noch eine Weile dauern würde bis die kühlen Temperaturen weit genug angestiegen waren um das Kleidungsstück zu trocknen. Zur Not würde er es eben feucht in den Koffer packen müssen.

Wo sollte er überhaupt hin? Amelia-san um ein eigenes Zimmer bitten? Ergab es überhaupt noch Sinn in Paris zu bleiben, wenn Vanitas nun nicht mehr mit ihm sprechen wollte? Er war hier um mehr über das ominöse Buch in seinem Besitz zu erfahren, doch so war das kaum möglich… Sein gebräuntes Gesicht verkrampfte sich, die violetten Ovale deprimiert auf die nun langsam erwachende Stadt gerichtet, die dunklen Ringe unter seinen Augen ein deutliches Zeichen dafür, dass er die gesamte Nacht nicht geschlafen hatte.

„Ich wusste, dass ich dich hier finden werde, Mon chéri.“ Langsam drehte er seinen Kopf zur Seite, zwang dann seine Mundwinkel etwas nach oben um das Lächeln seiner Kindheitsfreundin zu erwidern. Er konnte die Sorge in ihren Augen sehen, und das Ziehen in seinem Magen wurde intensiver. Die leichte Brise spielte mit dem Saum seines weißen Hemdes, ließ auch Domis langes Haar tanzen. „Du hast mit dem Menschen gestritten, und er hat dich gebeten zu verschwinden.“ Die leisen Worte ließen ihn leicht zusammenzucken und sofort spannte sein Körper sich an. „Woher…?“
„Ich war bei Jeanne als er gekommen ist.“ Natürlich. Er hatte ihm gesagt, dass er die Nacht bei ihr verbringen würde. Wieso schmerzte sein Herz dennoch? Warum fühlte er sich so seltsam? Wie damals als er erfahren hatte, dass Vanitas Jeanne gestattet hatte von ihm zu trinken. Als Vanitas langsam und völlig konfus realisiert hatte, dass er in sie verliebt war. Nur noch viel intensiver und schlimmer.

„Er hat mir gestattet sein Blut zu trinken um mich zu retten.“ Seine Stimme war leise, voller Reue. „Ich weiß, Mon chéri.“ Matt lehnte er sich gegen die schlanken Fingern, die sanft eine Strähne seines hellen Haares aus seiner Stirn schoben, das edle Leder der Handschuhe kühl auf seiner Haut. „Es… war so heiß, Domi… Ganz anders als bei dir…“ Erschöpft schloss er seine Arme um seine Freundin, lehnte seinen Kopf an ihre Schultern. Für einen winzigen Moment verharrten sie einfach nur, ehe Noé dann spürte wie Domis Hand beruhigend über seinen Kopf strich. „Ich… habe noch nie so sehr die Kontrolle verloren. Ich… wollte ihn. Nicht nur sein Blut, ich wollte Vanitas noch intensiver spüren…“ Erneut schoss Hitze in sein Gesicht, und leise stöhnend vergrub er es in Domis Halsbeuge. Er konnte ihr Blut schmecken, so süß und vertraut. So völlig anders als bei Vanitas. „Ach, Noé…“ Da war ein Stocken in der hellen Stimme, ein Zögern, das ihn veranlasste seinen Kopf wieder zu heben. Die vollen Lippen waren bereits geöffnet, ganz offensichtlich um ihm noch etwas zu sagen, doch stattdessen schüttelte Domi schließlich nur leicht den Kopf, wandte diesen dann zur Seite hin ab, den Blick melancholisch auf die Dächer von Paris gerichtet, allerdings weiterhin in seinen Armen verharrend. „Möchtest du von mir trinken, Noé?“ Die Frage kam aus dem Nichts, ließ ihn erst perplex blinzeln, ehe seine violetten Augen dann die blasse Haut an Domis halb entblößten Hals fixierten. Er verspürte keinen Durst, hatte in der gestrigen Nacht genug getrunken, doch Domis Blut gab ihm Sicherheit, Wärme. Sanft löste er einen Arm, um den Hemdkragen etwas zur Seite zu ziehen, berührte mit seinen Lippen dann auch schon die weiche Haut, fühlte das leichte Schaudern, ehe er seine Zähne langsam in den blassen Teint grub.

~*~

Wie ein Spion presste er sich an das Gemäuer des Kamins, erhaschte gerade Dominiques Gesichtsausdruck, als hätte Noé ihr eine Ohrfeige verpasst.
So war das also… Idiot.
Und eigentlich hätte er es selbst auch schon denken können.
Wahrscheinlich wusste dieser Trottel überhaupt nichts mit Gefühlen anzufangen. Warum auch, immer schien er ihn zu begehren obwohl Dominique offensichtliches Interesse an ihm hatte. Warum? Weil sein Blut besonders schmackhaft, seine Vergangenheit interessant und sein Charakter widersprüchlich war? Was hatte er tun wollen? Mit ihm schlafen? Weil der Geschmack seines Bluts sich zwischen seinen Beinen gesammelt hatte? Und dann?
Doch er konnte nach wie vor nicht abstreiten, dass es sich für ihn ebenso berauschend angefühlt hatte. Anders als bei Jeanne. Intensiver. Explosiver. Wäre Noé nicht so früh gekommen, hätte er ihn wahrscheinlich tun lassen, was auch immer er gewollt hätte.
Ein Grund warum er sich von ihm trennen musste.

Seine blauen Augen weiteten sich und ein unerwartetes Stechen durchfuhr seine Brust, als er sehen konnte, wie Noé den hellen Kragen von Dominiques weißer Haut schob. Er hörte ihr leises Stöhnen als er seine Zähne in ihrem Hals vergrub und sofort wandte er den Blick mit pochendem Herzen ab.
Vampire….
Sie waren alle gleich! Sie saugten bei jedem, völlig egal wer sich anbot! Und es gefiel ihm nicht!
Er wollte nicht das Noé von ihm trank aber er wollte auch nicht, dass er von ihr trank! Oder von sonst jemandem! Er wollte es nicht sehen, nicht wissen!
Vampire brauchten das Blut der Menschen nicht mehr zwingend zum Überleben. Es war ein Rauschmittel wie Alkohol… Sie konnten abhängig davon werden, wie die Fluchträger den Verstand verlieren. Er hasste es!

Jeanne!
Er würde zu ihr zurück gehen und sich ihr in einer ruhigen Minute anbieten. Dann würde er schon spüren wie es richtig war. Ihr Biss war kein Flächenbrand, der alles zu zerstören drohte, er war warm und angenehm… Prickelte. Noch einmal schickte er den Blick zur Noé und Domi zurück, sah gerade noch wie die junge Frau Noés Handgelenk an ihre Lippen führte.
Das war genug!

Seine Schritte hallten über den Asphalt, die Straßen nun schon deutlich belebter als vor einer halben Stunde, als er genau diesen Weg in die andere Richtung verfolgt hatte.
Die Cafés waren alle voll besetzt, der Duft, der aus den Bäckereien strömte betörend. Die Sonne war warm auf seiner dunklen Kleidung und dennoch war ihm von innen heraus kalt. Er konnte nicht aufhören daran zu denken. Noés Biss, seine Lippen, seine Zunge… seine Stimme. Und dann sah er ihn mit Dominique und ihm wurde übel. Was war passiert? Warum interessierte es ihn plötzlich?
Sie waren kompatibel… oder nicht? Der erste Biss hatte es ausgelöst, dass er sich nun zu ihm hingezogen fühlte. Aber musste dafür nicht ein Grundsympathie vorhanden sein? Verdammt!
Und gerade als er um die nächste Ecke biegen wollte, schallte ihm eine bekannte Stimme entgegen die ihn sofort stoppen ließ.
„Vincent!!!“

~*~

Ohne den Blick von dem aufgeschlagenen Buch vor sich auf dem Tisch zu wenden führte Roland die Tasse aus filigranem Porzellan an seine Lippen, verzog beim Nippen keine Miene obwohl der Inhalt nur mehr lauwarm war. Das Geschirr klirrte leise als er es zurück auf den Teller beförderte, die Seite leise raschelnd als er konzentriert auf die nächste Seite umblätterte. Abwesend wippte er mit seinem Fuß auf und ab, sein Ellbogen auf der Tischplatte abgestützt, sein Kopf etwas zur Seite geneigt. Vampire waren schon faszinierende Geschöpfe und auch wenn es Olivier nicht gefiel, er wollte mehr über den Feind der Kirche erfahren.

Er hatte selbst beobachtet wie gut die Zusammenarbeit zwischen einem Menschen und einem Vampir funktionieren konnte, war von dem hochgewachsenen jungen Mann mit den hellen Haaren und dem dunklen Teint von Anfang an fasziniert gewesen. Er hatte zusammen mit dem Besitzer des Buches von Vanitas gekämpft, mit ihm gelacht und dabei eine Vertrautheit ausgestrahlt, die ihn begeistert hatte. Der Stuhl knarrte leise als er sich weiter darauf zurücklehnte, wobei seine grünen Augen sich kurz von der vergilbten Buchseite lösten, abwesend kurz die Umgebung musterten, ehe sich seine abwesende Mimik schlagartig aufklärte. Er richtete sich so ruckartig auf dass er mit dem Bein gegen die Tischkante stieß, der Tee dabei über den Tassenrand schwappend, während er euphorisch zu winken begann. Was für ein Wink des Schicksals! Ein Zeichen des Himmels!

“Vincent! Hier!”, brüllte er ohne die pikierten Blicke der Menschen um sich herum zu beachten quer über den belebten Platz, seine Augen dabei voller Begeisterung glänzend. “Setz dich zu mir! Ist Gilbert heute gar nicht bei dir?” Kurz war da Enttäuschung in seinem Gesicht zu sehen, nachdem sein Blick erfolglos nach dem Vampir gesucht hatte. Wahrscheinlich war es besser vorerst die falschen Namen seiner neuen Freunde zu verwenden, immerhin war gerade Vanitas zu vielen Menschen (und auch Vampiren) ein Begriff. “Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen? Läuft es nicht gut mit der jungen Dame, in die du dich verliebt hast? Oh, pardon, natürlich dein Freund!” Breit grinsend klopfte er auf den freien Platz neben sich, seine missmutige Bekanntschaft dazu einladend sich zu ihm zu setzen. Olivier würde ohnehin noch eine Weile benötigen bis er hier aufschlug.

~*~

Seine blauen Augen weiteten sich entsetzt als es nicht bei einem einzelnen Ausruf seines Decknamens blieb. Nein. Ein ganzer Schwall an Geschrei durchschnitt die Idylle des Morgens und mehrere empörte Blicke richtete sich erst auf den blonden Querulanten und dann auf ihn.
„Brüll hier nicht so rum!“, fauchte er ihm entgegen, als er sich dem kleinen Tisch näherte. Es war sinnlos Roland zu ignorieren. Zumal sein Ratschlag ja schon einmal nützlich gewesen war… Nun… 'nützlich'. Er hatte ihm gesagt, dass die Gefühle, die er für Jeanne hegte Liebe waren. Vielleicht konnte er auch in den wirren Kopf des Vampirs blicken, der ihn nun offensichtlich mit seinen Pheromonen gefügig gemacht hatte. Verdammt!!
Auf die Frage nach 'Gilbert' ging er darum lieber einfach nicht ein…

Er räusperte sich kurz, ehe er den freien Stuhl nach hinten zog um darauf Platz zu nehmen.
„Doch… das… Das läuft gut...“, begann er kleinlaut, ehe er sich auf die Unterlippe biss.
„Ein Bekannter verhält sich seltsam.“ Wie sollte er nur anfangen? „Er hat seinem Freund etwas versprochen, aber auf Grund gewisser Umstände waren die beiden gezwungen die Abmachung zu brechen. Dann ist etwas passiert und jetzt fragt sich sein Freund ob… Er kann nicht aufhören über das Geschehene nachzudenken. Es war eine erschreckend wunderbare Erfahrung und stellt alles davor in den Schatten.“ Angespannt grub er die Finger in seine Hose. „Er kann nicht aufhören daran zu denken obwohl es falsch und er in festen Händen ist.“ Er konnte es nicht nur nicht stoppen, er wollte es auch nicht.
Vanitas schluckte schwer, seine Wangen dunkler gefärbt ohne dass er es bemerkte. Wahrscheinlich verstand Roland kein Wort.
„Mein Bekannter hat vielleicht tiefere Gefühle für seinen Freund, auch wenn er immer sagt, dass er ihn eigentlich nicht ausstehen kann. Sollten die beiden lieber getrennte Wege gehen?“

~*~

Für einen Moment schien es als ob Vanitas seine Einladung einfach ignorieren würde, ehe der Blauhaarige sein Schritttempo allerdings doch drosselte und zögernd an seinen Tisch trat, sich dann mit deutlichem Widerwillen auf den freien Stuhl sinken ließ. Für einen kurzen Augenblick schwieg er verbissen, die tiefblauen Augen stur auf einen unbestimmten Fleck auf dem Tisch gerichtet, das blasse Gesicht angespannt, die Lippen aufeinander gepresst. Als Vanitas dann doch den Mund öffnete, lehnte Roland sich interessiert zurück, die Lektüre auf dem Tisch mit einem Mal vergessen. Er wollte das „ein Freund“ Spielchen also weiterführen? Und das obwohl es mehr als nur offensichtlich war, dass er über sich selbst sprach?

Die gepressten Worte ließen Rolands Augenbrauen höher wandern, ihr Inhalt erst zu kryptisch um auch nur irgendetwas zu verstehen. Zumindest bis zum letzten Satz, der nun doch unmissverständlich zeigte mit welchem Problem der Blauhaarige kämpfte. Tiefe Gefühle für seinen Freund also? Deshalb also war der Vampir gerade nicht an seiner Seite… Langsam drehte Roland die filigrane Tasse auf dem Untersetzer, seine Mimik mit einem Mal ungewöhnlich ernst. „Dein… Bekannter begehrt also einen Mann? Solch primitive Bedürfnisse sind eine Sünde in den Augen des Herren.“ Andererseits galt dies auch für jegliche Verbindungen zwischen Menschen und Vampiren, und dennoch hatte ihn diese von Anfang an fasziniert. Noé hatte sein Weltbild grundlegend erschüttert, ihn in Frage stellen lassen, ob die Arbeit der Chasseur tatsächlich gerechtfertigt war. Die Kirche maßte sich Urteile an, die auf keinen gerechtfertigten Grundlagen fußten… Sein Stuhl knarrte leise als er sich nachdenklich etwas zurücklehnte, seine Finger dabei von dem glatten Porzellan abgleitend.

Er hatte ab dem ersten Moment die enge Verbindung und das Vertrauen zwischen dem Vampir und dem Menschen gespürt, sich seltsam ergriffen gefühlt als die beiden nach dem Kampf so ausgelassen miteinander gelacht hatten. Noé schien Vanitas auf Schritt und Tritt zu folgen, hatte auch bei ihrer letzten amüsanten Unterhaltung über Vanitas‘ Gefühle schweigend und wie ein kleines Häufchen Elend darauf gewartet, dass seine menschliche Begleitung den emotionalen Ausbruch beendete. „Fühlt sein Freund sich denn von diesen Gefühlen belästigt? Findet er sie abstoßend?“ Seine grünen Augen hafteten sich erneut an das blasse Gesicht, wobei er die Antwort eigentlich schon zu kennen glaubte. Eine erschreckend wunderbare Erfahrung… Ein so forsches Benehmen hatte er dem naiven Vampir gar nicht zugetraut. Bei ihrer letzten Konversation hatte Noé vielmehr noch beinahe planloser und unerfahrener gewirkt als Vanitas.

~*~

Roland saß schweigend vor ihm, nippte dabei immer wieder an seiner Tasse, hörte ihm aber sonst aufmerksam zu. Was dachte er? Verstand er seine konfusen Gedankengänge? Und dann zuckte Vanitas leicht zusammen.
Eine Sünde.
Es war nicht so, dass er diesem Kirchengeschwätz auch nur ein bisschen Beachtung schenkte, dennoch war da ein leichtes Stechen in seiner Magengrube, das er nicht zuordnen konnte. Natürlich war es falsch. Zwei Männer… Was hatte Noé da nur in seinem Kopf zurechtgezimmert, damit er wirklich glaubte, dass er-

Irritiert zuckte der Blick seiner blauen Augen dann nach oben, sein Ausdruck für einen Moment so verloren, als wüsste er keine Antwort auf die Frage. Fand er… es abstoßend? Er schluckte, denn sofort war da wieder die Erinnerung an den heißen Atem, die weichen Lippen… Noés Stimme… Eine Gänsehaut rauschte über seinen Rücken und sofort fühlten sich seine Wangen noch wärmer an.
Es hatte sich gut angefühlt. Aber das war nur, weil Noé 'ihn' offenbar mochte und sich die Wirkung des Bisses damit verstärkt auf ihn übertragen hatte, oder?
Sein Magen zog sich zusammen.
„Ich will nicht, dass… er es wieder tut. Ich will ihn nicht mehr ansehen müssen, weil-“ Er stoppte, allerdings ohne zu merken, dass er über sich selbst sprach. Sein Herz pochte hart. Er hatte Jeanne. Eine wunderschöne Frau mit üppigem Busen, Temperament und Liebreiz. Warum also war da immer wieder die Erinnerung an Noés Körpergewicht, das ihn in die Kissen presste? Und warum wurde ihm bei dem Gedanken ihn wegzuschicken, obwohl es das einzig logische war, so übel?

~*~

Amüsiert zuckten Rolands Mundwinkel höher als Vanitas wie auch schon bei ihrem ersten Gespräch darauf vergaß weiterhin zu verschleiern, dass es sich bei dem ominösen Bekannten um ihn selbst handelte. „Weil?“ Fragend lehnte er sich nach vorne, stützte sein Kinn dabei auf seiner Hand auf, sein Blick interessiert auf seinen etwas konfus wirkenden Gesprächspartner gerichtet. „War es nicht eine „erschreckend wunderbare Erfahrung“? Wünscht man sich da nicht viel mehr eine Wiederholung?“ Diese beiden Chaoten faszinierten ihn, weckten das Bedürfnis mehr über ihre verquere Beziehung zu erfahren, darüber mehr über eine Seite von Vampiren herauszufinden, die ihm bisher gänzlich unbekannt gewesen war. In seiner Ausbildung waren die Vampire immer nur als Feindbild thematisiert worden, eine andere Blickrichtung war schlichtweg nicht zugelassen gwesen, Und er selbst hatte blind Befehle befolgt ohne sie zu hinterfragen.

„Wie ist es dazu gekommen? Welches Versprechen hat er gebrochen, dass er dich damit zu diesem sündigen Verhalten verführt hat?“ Eigentlich sollte er schockiert sein, angewidert, doch irgendwie… war da nur Faszination, seine grünen Augen funkelnd, und damit unwissentlich ähnlich der kindlichen Begeisterung die der Vampir oft zeigte. „Er ist ein Archivist, nicht wahr? Ist das das Problem, Vanitas?“

~*~

Amüsiert zuckten Rolands Mundwinkel höher als Vanitas wie auch schon bei ihrem ersten Gespräch darauf vergaß weiterhin zu verschleiern, dass es sich bei dem ominösen Bekannten um ihn selbst handelte. „Weil?“ Fragend lehnte er sich nach vorne, stützte sein Kinn dabei auf seiner Hand auf, sein Blick interessiert auf seinen etwas konfus wirkenden Gesprächspartner gerichtet. „War es nickt eine „erschreckend wunderbare Erfahrung“? Wünscht man sich da nicht viel mehr eine Wiederholung?“ Diese beiden Chaoten faszinierten ihn, weckten das Bedürfnis mehr über ihre verquere Beziehung zu erfahren, darüber mehr über eine Seite von Vampiren herauszufinden, die ihm bisher gänzlich unbekannt gewesen war. In seiner Ausbildung waren die Vampire immer nur als Feindbild thematisiert worden, man hatte nie auch nur ansatzweise versucht eine andere Blickrichtung zuzulassen. Er selbst war die gesamte Zeit über einfach nur blind gewesen, hatte Befehle befolgt ohne sie zu hinterfragen.

„Wie ist es dazu gekommen? Welches Versprechen hat er gebrochen, dass er dich damit zu diesem sündigen Verhalten verführt hat?“ Eigentlich sollte er schockiert sein, angewidert, doch irgendwie… war da nur Faszination, seine grünen Augen funkelnd, und damit unwissentlich ähnlich der kindlichen Begeisterung die der Vampir oft zeigte. „Er ist ein Archivist, nicht wahr? Ist das das Problem, Vanitas?“

~*~

Eine erschreckend wunderbare Erfahrung… Ja, das waren seine Worte gewesen… Und auch wenn sie sich nun deutlich verruchter anhörten, als er es eigentlich hatte ausdrücken wollen, war es wahr.
Es hatte sich gut angefühlt, ihn erfüllt. Erregt. Mehr noch als bei Jeanne. Bei ihr hatte er stets noch einen halbwegs klaren Kopf behalten, doch bei Noé…
„Mein Blut...“, begann er stockend, riss aber dann sofort den gesenkten Kopf nach oben.
Moment!!
Wer war ein Archivist?! Warum wusste Roland, dass er von Noé und sich selbst redete?!
„Was?! Wer?!“, fauchte er über den kleinen Tisch, sodass sie erneut brüskierte Blicke trafen, doch diesmal interessierte es Vanitas nicht.
„Ich weiß nicht wovon du redest!!“ Panischer Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, der Stuhl beim ruckartigen Aufstehen polternd nach hinten umgekippt.
„Ich bitte Sie, meine Herren! Sie stören die anderen Gäste.“ Einer der Keller kam mit beschwichtigender Geste auf sie zu, doch auch das drang gerade kaum zu dem Dunkelhaarigen durch.

Seine spitzen Handschuhe krallten sich auf der glatten Tischoberfläche zusammen und widerwillig knirschte er mit den Zähnen.
Er konnte Roland deutlich ansehen, dass er ihn durchschaut hatte. Der Zug war abgefahren… Also blieb nur die Flucht zu ergreifen oder…
„Sein Biss. Ein Archivist kann mit seinem Biss in die Vergangenheit seines Opfers blicken. Er hat geschworen es nie zu tun. Aber ich habe es ihm von mir aus angeboten. Er wäre sonst gestorben.“ Plötzlich klang seine Stimme dumpf und matt und ganz langsam, fast apathisch drehte er sich um, um den Stuhl aufzustellen und sich wieder zu setzten.
„Er hat nichts gesehen. Sagt er. Und ich glaube ihm… Aber da war mehr. Eine Verbindung, wie ich sie noch niemals zuvor gespürt habe. Und ich...“ Wieder ballte er die Hände zu Fäusten. „Ich will das nicht.“

~*~

Mit schon fast amüsierter Miene beobachtete Roland den panischen emotionalen Ausbruch des Dunkelhaarigen, ignorierte den heraneilenden Kellner dabei geflissentlich. Für einen Moment konnte er den Kampf in dem geröteten Gesicht beobachten, ehe die Mimik des Dunkelhaarigen dann ernüchternde Resignation widerspiegelte. „Oh.“ Erneut zuckten seine Augenbrauen höher, sein Blick überrascht, die Information eine andere als er erwartet hatte. „Er hat von dir getrunken? Nichts anderes? Ich dachte, ihr habt eine ganz andere Sünde begangen.“ Seine Stimme klang beinahe enttäuscht, die Sensation plötzlich nicht mehr so groß wie erhofft. Obwohl es trotz allem so klang als ob es um weitaus mehr ging als nur um den Akt des Bluttrinkens.

„Er hat deine Vergangenheit nicht gesehen? Kann er das steuern? Ich dachte, das geht nicht.“ Nun doch wieder interessiert aufhorchend legte er den Kopf schief, diese Information eindeutig etwas das er noch in keinem Buch gelesen hatte. „Wie hat es sich angefühlt? Von einem Archivisten gebissen zu werden?“ War es wirklich so unfassbar erregend gewesen, dass Vanitas nun all seine Gefühle für die Dame, die er so sehr begehrt hatte in Frage stellte? „Wieso willst du diese Verbindung nicht? Wenn es doch gut war?“

~*~

Nun war es an Vanitas die Brauen zu heben, ehe dann abermals Hitze in seine Wange kroch.
„Nein! Wir haben nicht-“
Zumindest nicht richtig… Aber das musste Roland nicht wissen, oder? Er musste nicht erwähnen, dass sie beide erregt gewesen waren… Dass Noé tatsächlich gekommen war. Oh Gott…
Angespannt richtete er den Blick zur Seite, sein Kopf hochrot leuchtend. Und warum klang dieser Trottel vor ihm auch noch enttäuscht darüber? Was hatte er bitte erwartet, oder erhofft?!
Doch immerhin erbarmte sich der Blondschopf und ging vorerst nicht weiter auf das Thema ein.
„Er kann es nicht steuern. Er wusste nicht warum es nicht funktioniert hat. Aber ich bin froh!“ Er schnaubte mit einem verächtlichen Lächeln durch die Nase. „Ich wollte nicht, dass er stirbt, aber ihm auch nicht meine Vergangenheit unterbreiten.“

Eine kurze Pause kehrte zwischen ihnen ein, bevor Vanitas nun auch die letzte Frage wahrheitsgemäß beantwortete.
„Es war als würde flüssige Lava meine Adern durchströmen. Es war so… gewaltig, dass ich mich nicht wehren konnte. Wer will sowas?! So sehr die Kontrolle verlieren, dass-“ Er würgte sich selbst ab, seine Finger nun in seine Hosenbeine verkrampft. Sie hatten beide keine Kontrolle gehabt. Er kannte es von Jeanne, doch er selbst hatte sie immer stoppen können. Noé war außer Kontrolle gewesen und er ebenso. Er hatte Noés Namen gestöhnt, seine Becken nach oben gestoßen um seinem Drang nach Befriedigung nachkommen zu können. WER wollte so etwas?!
„Ich weiß nicht was im Kopf dieses Blutsaugers vor sich geht und will es auch nicht wissen. Er soll mir nur aus den Augen gehen.“ Stur fixierte er einen unbestimmten Punkt, seine komplette Haltung verkrampft. Nein… Es war so gut gewesen, dass es ihn völlig verängstige.

~*~

Die beiden hatten also keine Ahnung warum die Vergangenheit verborgen geblieben war? Hatte Noé seine Fähigkeiten aus Angst vor den Konsequenzen intuitiv unterdrücken können? Oder lag es an Vanitas? An einem Menschen, dessen Hintergrund mysteriöser nicht sein konnte? „Du willst niemandem mehr als notwendig über dich selbst preisgeben, doch du warst bereit ihm dieses Privileg zu erteilen um ihn zu retten. Mir stellt sich nun nur die Frage ob du tatsächlich ein unverbesserlicher Gutmensch bist…“ Er stockte kurz, sein Blick nun erneut direkt auf Vanitas gerichtet, der Ausdruck in seinen grünen Augen schwer zu deuten. „… oder ob nicht vielleicht doch etwas anderes hinter dieser aufopfernden Geste steckt…“ Ein weiteres Mal schwieg er für einen Augenblick, ehe Roland dann ein leichtes Schulterzucken andeutete, stattdessen wieder nach dem Henkel der filigranen Tasse griff.

„So wie ich deinen Freund kenne, wird er sich brav daran halten dir nicht mehr zu nahe zu kommen. Noé-kun ist doch so folgsam wie ein kleines Hündchen, nicht wahr? Nur schade…“ Sein Blick wurde härter, während seine behandschuhten Finger sich fester um die Tasse schlossen. „Ich war davon überzeugt, dass Nóe-kun anders ist als die anderen Vampire. Aber letztendlich ist er auch seinen primitiven Trieben erlegen. Man muss sie nur weit genug treiben, dann verlieren sie allesamt die Kontrolle. Ausnahmslos.“

~*~

Er und ein Gutmensch?
Sicher nicht. Außerdem was sollte das überhaupt bedeuten? Hätte er Noé einfach sterben lassen sollen? Was hatte das mit „Gutmensch“ zu tun? Er hatte geschworen alle Vampire zu retten! Seine Rache gegenüber dem Vampir des blauen Mondes! Das war alles! Das steckte sicher nichts anderes dahinter!
Doch noch bevor er etwas erwidern konnte, sprach Roland auch schon weiter, das feine Porzellan klappernd auf dem Untersetzer, als er es wieder abstellte.
Ja, Noé würde seinem Wunsch zweifelsohne nachkommen, aber...

"Was hatte er für eine Wahl?!", entkam es Vanitas bissig. "Er hätte es nicht getan wenn ich es nicht gestattet hätte. Wahrscheinlich wäre dieser Idiot eher gestorben, als mit Gewalt mein Blut zu trinken!" Noé war ehrlich und loyal... Soviel konnte er über den Weißhaarigen sagen und Rolands Unterstellung machte ihn wütend.

~*~

Kurz fixierte er seinen Gegenüber mit kühlen grünen Augen, ehe Rolands Mundwinkel dann ruckartig nach oben zuckten, seine Mimik nun wieder voller begeisterter Euphorie. „So großes Vertrauen in einen Vampir, der dein Blut getrunken hat, obwohl er dir doch geschworen hat dies nicht zu tun. Diese enge Verbindung zwischen euch existiert doch auch so, wieso sich also dagegen auflehnen?“ Breit grinsend wuchtete er nun auch seinen zweiten Ellbogen auf die Tischplatte, sein Kinn auf seine verschränkten Hände abgestützt. „Vanitas-kun, willst du tatsächlich, dass Noé-kun für immer aus deinem Leben verschwindet? Obwohl er dich so sehr respektiert, dass er selbst im Angesicht des Todes nicht gegen deinen Willen gewagt hätte dich zu beißen? Er ist etwas ganz Besonderes, nicht wahr? Ihr seid es beide! Das hab ich schon in den Katakomben gefühlt! Deshalb wollte ich unbedingt euer Freund sein!“

Mit einer fließenden Bewegung stemmte er sich hoch, schlang dann euphorisch seinen Arm um die verkrampfen Schultern um Vanitas so ruckartig an seine Brust zu ziehen. „Ihr müsst euch doch verstehen, immerhin habt ihr mir gezeigt, dass Vampire und Menschen sich so nahe stehen können, dass sie Seite und Seite nebeneinander kämpfen. Ich hab mich euretwegen sogar mit Olivier angelegt, und er kann wirklich ungenießbar sein.“ Er verzog sein Gesicht bei der Erinnerung an die Auseinandersetzung, wobei ihm allerdings von Anfang an klar gewesen war, dass er wie immer seinen Willen durchsetzen können würde. Olivier vertraute ihm…

~*~

Okay! Das war zu viel!
Zum einen das ganze rührselige Gewäsch und jetzt auch noch das! Dieser Typ kannte keine Individualitätsdistanz!! Widerwillig lehnte sich Vanitas gegen die überschwängliche Umarmung, sein Gesicht deutlich angewidert.
"Ist nicht mein Problem wenn du dich mit irgendjemandem anlegst!!"
Genervt wandte er sich aus dem Klammergriff, wobei sich bereits wieder Dutzende genervte Blicke auf sie richteten.
Was machte sich dieser Kirchenfutzi überhaupt für Gedanken? Erst sprach er von einer Sünde und jetzt versuchte er ihn zu überzeugen Noé nicht wegzuschicken?! Was jetzt?

"Auf das Gesülze hab ich echt keinen Bock!", blaffte er mit bereits einem Meter Sicherheitsabstand, ehe er sich auch schon zum Gehen wandte.
Er hörte Roland noch anfeuernd hinter sich her rufen, aufgekratzt und gut gelaunt, doch er drehte sich nicht um. Dieser Irre!
Erst als er bereits wieder der dem Hoteleingang stand, fiel ihm auf, dass er ohne nachzudenken wieder zurückgekehrt war... Er hatte zu Jeanne gehen wollen, was machte er dann hier?
//Willst du wirklich, dass Noé-kun für immer aus deinem Leben verschwindet?//
Waren sie wirklich so besonders? Warum war er hier? Angespannt legte er den Kopf in den Nacken, blickte an der Gebäudefassade nach oben.
War er noch da? Oder war er mit Dominique gegangen? Dominique de Sade... seine beste Freundin, die einzige Person bei der Vanitas den Weißhaarigen bisher zum Vergnügen hatte trinken sehen... //Seine Auswahl als Archivist ist beschränkt.// Domis Worte halten durch seinen Kopf. Und trotzdem hatte er ihn damals danach gefragt... //Ich habe Interesse an dir als Person.//
//Bist du jetzt zufrieden, Archivist?// Tief seufzend trat er ein und steuerte die Treppe an. Vielleicht sollte er wirklich noch einmal ruhig mit ihm reden. Vielleicht war das alles nur ein Missverständnis.

~*~

Der Verschluss seines Koffers klickte leise als die metallene Schnalle einrastete, seine wenigen Habseligkeiten allesamt verstaut in seinem einzigen Gepäckstück. Domi hatte ihm sofort angeboten bei ihr zu übernachten, doch er hatte schwach lächelnd abgelehnt, nicht gewillt seiner Umgebung noch mehr zur Last zu fallen. Amelia-san hatte ihm ein kleines Zimmer im Erdgeschoss des Gebäudes angeboten, ihn dabei mit sorgenvoller Miene gemustert, doch auch dieses Angebot hatte er nicht angenommen. Vanitas wollte, dass er aus seinen Augen verschwand. Das war unmöglich, wenn sie weiterhin in derselben Herberge nächtigen würden… Schweigend ließ Noé seinen Blick ein letztes Mal durch den Raum gleiten, der sich über die letzten Wochen ein klein wenig wie zuhause angefühlt hatte, seine violetten Augen sich dabei an das säuberlich gemachte Bett seines ehemaligen Zimmernachbarn haftend. Er hatte alles kaputt gemacht. Vielleicht war es besser diese Reise nun einfach für beendet zu erklären… Seine Mission mehr über das geheimnisvolle Buch und den blauen Vampir herauszufinden war gescheitert.

Murr lag unbeeindruckt zusammen gerollt auf seinem Bett, machte keinerlei Anstalt sich zu bewegen. Erst als er den weißen Mantel unter der Katze hervorzog warf diese ihm einen giftigen Blick zu, streckte sich dann widerwillig, ehe sie genervt vom Bett auf den Boden sprang. „Es tut mir leid, dass wir meinetwegen von hier weg müssen.“, murmelte er leise, seine Stimme matt, sein Blick müde und erschöpft. Er hatte Vanitas‘ Vergangenheit nicht gesehen, doch es war dennoch kein Wunder, dass er ihn nicht mehr in seiner Nähe haben wollte.

//Bist du gekommen?// Leise stöhnend fuhr er sich über das Gesicht, versuchte dabei krampfhaft zu ignorieren, dass sich die frisch gereinigte weiße Hose noch immer leicht feucht in seinem Koffer befand.

~*~

Mit verkrampfter Kiefermuskulatur starrte Vanitas die Türe an. Amelia hatte ihm bestätigt, dass Noé das Gebäude noch nicht verlassen hatte. Der Ausdruck in ihren Augen war vielsagend gewesen. Warum mischten sich alle derart ein? Was sahen sie so Besonderes in ihnen, dass es so bedauerlich war, wenn sich ihre Wege trennten? Doch im Grunde wusste er es ganz genau...
Noé war immer an seiner Seite gewesen. Ob er gewollt hatte oder nicht. Der Vampir hatte stets nur das getan wonach ihm der Sinn stand.
//Ich laufe dir nicht nach. Ich komme mit dir.//
Er hatte sich dazu entschieden an seiner Seite zu bleiben, obwohl er ihn nicht leiden konnte, er seinen Charakter unglaublich nervtötend fand.
Ach ja?!
Wenn das der Wahrheit entsprach, wieso hatte dieser Idiot dann einen Ständer bekommen? Bei ihm war es durch das vampirische Aphrodisiakum ja kaum zu vermeiden gewesen, doch bei Noé hatte es sicher nicht nur daran gelegen, dass sein Blut so köstlich war!
Er bekam ja auch keine Erektion, nun weil sein Steak gut schmeckte!!

Völlig genervt umklammerte er den Griff der Türe und drückte diesen dann schwungvoller herunter als notwendig. Mit zwei hektischen Schritten stürmte er nahezu ins Zimmer, wobei ein plötzlicher Widerstand ihn stoppte.
Da war ein Schmerzenslaut und ein Poltern und mit perplexer Mimik starrte er auf den Boden vor sich, wo Noé gerade mit seinen wenigen Habseligkeiten auf den Hinten knallte. Sein Zylinder rollte an das andere Ende des Raumes und unter seinen weißen Strähnen bahnte sich eine feine Spur Blut über seinen perfekt geformten Nasenrücken.
Ha! Karma!
„Warum drehst du so durch, wenn du mich nicht mal ausstehen kannst?!“, platzte es aus dem Dunkelhaarigen heraus, ehe er die Tür krachend hinter sich zuschmiss. Er war wütend. Nur warum konnte er gerade gar nicht so genau benennen.

~*~

Seine von den üblichen weißen Handschuhen verhüllten Finger verkrampften sich fester um den Griff des braunen Koffers, sein einziges Gepäckstück nur aufgrund der vielen Kleidungsstücke, die er sich in den vergangenen Wochen angeeignet hatte, so schwer. Und das obwohl er trotzdem am liebsten einfach nur seine normale Alltagskluft trug. In der Hinsicht verhielt er sich ebenso wie Vanitas, der seine Lieblingsbekleidung auch nur zu besonderen Anlässen ablegte. Ruckartig wandte er seinen Blick von dem verwaisten Bett ab, während er sich nun endlich Richtung Türe in Bewegung setzte. Er hatte Vanitas versprochen weg zu sein wenn er zurückkam. Wenn er nun so weitertrödelte lief er Gefahr, dass-

Ein überraschter Laut entkam seinen Lippen als plötzlich die Türe aufgerissen würde und schon einen Sekundenbruchteil später landete er hart auf dem Boden, ein dumpfes Pochen durch seinen Kopf jagend. Benommen blinzelnd öffnete er die reflexartig geschlossenen Augen wieder, wobei sich der Ausdruck in den violetten Ovalen sofort von perplex zu entsetzt und anschließend zu panisch änderte. Die aufgebrachten Worte ließen ihn zusammenzucken, das darauf folgende Krachen der Türe laut durch den Raum hallend. Wieso schloss Vanitas sie zusammen hier ein wenn er doch eigentlich nur wollte, dass er verschwand? Überhaupt… ergab die beinahe geschriene Frage keinerlei Sinn. Weshalb er durchdrehte obwohl er ihn nicht mochte.

„Ich… verstehe nicht… ich… wollte gerade gehen. Es tut mir leid, dass ich noch hier bin. Ich wollte kein weiteres Versprechen brechen…“ Hastig senkte er seinen Blick, stemmte sich dann unbeholfen vom Boden, das feine Rinnsal aus Blut gar nicht wirklich registrierend. „Ich werde sofort gehen.“ Hastig zuckten seine Augen zur Seite, auf der Suche nach seinem Zylinder, Murr dabei gänzlich unbeeindruckt durch den Raum stolzierend.

~*~

Er sah zu wie der Vampir sich auf die Beine rappelte und schon fast panisch der Blickkontakt brach. Die violetten Augen suchten nach dem Zylinder, doch in all der Hektik schien sein Gegenüber schon in diesem kleinen Zimmer gänzlich die Orientierung zu verlieren.
„Du bist aber noch hier! Und jetzt antwortest du mir!“ Schneidend schnellte seine Hand nach vorn und packte nach der ordentlich gebundenen Schleife an Noès Kragen, zerrte das elegante Hemd damit unter der Weste und dem Mantel hervor.
„Was war das gestern?! Ich hab dich hundert Mal Essen sehen. Nicht mal bei deiner heißgeliebten Tarte Tatin hast du so reagiert, also was zur Hölle war das?“
Er verhielt sich wie ein Irrer, allerdings kannte Noé ihn wahrscheinlich überhaupt nicht anders...
Er wollte ihn hören. Den Grund, warum der Weißhaarige sich auf ihn gestürzt, warum dessen Körper so reagiert hatte. Und er wollte eine Erklärung für seine eigene heftige Reaktion.
Machte er das auch mit Dominique? Nein… Er hatte sich damals vehement dagegen gewehrt, dass zwischen ihnen jemals mehr passiert als der reine Akt des Trinkens.

~*~

Ein überraschtes Keuchen entkam seinen Lippen als er grob nach vorne gerissen wurde, Vanitas Stimme sich aufgebracht beinahe überschlug, die blauen Augen voller Wut. So nahe. Er war so verdammt nahe, dass er den warmen Atem in seinem Gesicht spüren konnte, und schlagartig flutete Hitze seine Wangen. Ja, was war da mit ihm los gewesen? Wieso hatte er derartig die Kontrolle verloren? „Ich weiß es nicht!“ Seine Stimme klang ebenso schrill, panisch und beinahe verzweifelt. „Ich… habe keine Ahnung was passiert ist! Ich konnte kaum mehr klar denken vor Durst, ich war nicht bei mir… Dein… Blut war so heiß. Und mir war heiß. So unfassbar heiß…“ Er schluckte schwer, die violetten Augen gesenkt, nicht in der Lage den anklagenden, hasserfüllten Ausdruck in dem blassen Gesicht zu ertragen.

Sie hatten gemeinsam gekämpft. Und gelacht. Und nun war all das vorbei, lag in Scherben, weil er nun einmal trotz allem ein Vampir war, der seinen Trieben erlag wenn man ihn weit genug reizte. Nur, dass das Problem offenbar gerade gar nicht war dass er von Vanitas‘ Blut getrunken hatte, sondern was er in ihm ausgelöst hatte. Ruckartig stieß er den aufgebrachten Menschen von sich, stolperte dann einige Schritte zurück. „Ich wollte das nicht… ich habe… so etwas noch nie gefühlt…“ Was war nur falsch mit ihm?

~*~

Keuchend stolpere Vanitas zurück und kollidierte mit der Tür, seine Augen düster funkelnd.
„Gefühlt?“ Er spuckte das Wort aus wie einen wurmigen Apfel, blieb aber sonst an der Tür stehen.
Ihm war ebenfalls heiß gewesen, heißer als jemals zuvor.
Sein Herz hatte gerast aber nicht aus Panik, nein aus purem Verlangen.
Seine blassen Lippen pressten sich aufeinander, ehe er dann ruckartig den Kopf wieder hob und Noé fixierte.
„Du weißt es nicht. Finden wir es doch heraus! Ich bin ein sehr interessierter Arzt!“
Leise raschelnd landete sein Handschuh auf dem Boden, auf seiner Haut noch immer der Schnitt des Vortages und die Abdrücke der Vampirzähne.
Die Klinge seines Dolches blitze bedrohlich als er diesen zückte und er konnte den Wandel in Noés Gesicht sehen. Überraschung, kurze Panik, dann die Erkenntnis als sich Vanitas die Schneide über den entblößten Arm zog. So hatte es auch gestern begonnen, doch heute war Noé nicht hungrig. Er hatte sich an ihm und sogar an Domi gelabt. Wie sah es nun aus?
„Trink.“ Mit einem Mal war der boshafte Ton aus seiner Stimme verschwunden, klang beinahe beängstigend neutral.
Wenn es nur an seinem geschwächten Zustand gelegen hatte, dann würde die Reaktion jetzt eine völlig andere sein. Er würde sich davon überzeugen. Sie waren sicher nicht kompatibel.

~*~

Mit geweiteten Augen riss er seinen Kopf hoch, seine Mimik eine Mischung aus Panik und Unglauben, während Noé noch weiter zurückwich, seine violetten Ovale fassungslos geweitet. „Nein… hör auf damit…“ Seine Stimme war nicht mehr als ein tonloses Flüstern, sein Bein bei einem weiteren Schritt zurück bereits gegen den Rahmen seines ehemaligen Betts stoßend. Er konnte nicht weiter weg. Wie festgefroren verharrte er, seine Muskeln vor Anspannung zitternd, sein Blick grenzenloses Entsetzen widerspiegelnd. Und dann wandelte sich die Farbe seiner Iris auch schon in tiefrot, seine Pupillen geweitet, die Lippen fest aufeinander gepresst um die spitzen Eckzähne zu verbergen.

„Ich habe nur von dir getrunken, weil es nicht anders ging. Ich breche mein Versprechen nicht noch ein weiteres Mal.“ Obwohl er sich darum bemühte seine Stimme fest und bestimmt klingen zu lassen, war das Zittern darin unüberhörbar. Er schluckte schwer als der süßliche Geruch seine Nase erreichte, und schlagartig stellten sich die feinen Härchen in seinem Nacken auf, während sein Herzschlag sich beschleunigte. Hastig zerrte er seinen Arm über sein Gesicht, im verzweifelten Versuch den verführerischen Duft so von sich abzuhalten, seine Wangen heiß und gerötet. „Bitte hör auf damit, Vanitas. Ich… will nicht, dass… ich kann nicht…“ Er schluckte schwer als Erinnerungen an die heftige Reaktion seines Körpers durch seinen Kopf zuckte, sein Puls laut in seinen Ohren dröhnend.

~*~

Noé wich entsetzt vor ihm zurück und für lange Sekunden tat Vanitas nichts anders als zu beobachten. Als sich die Augenfarbe seines Gegenübers änderte verzogen sich seine Lippen zu einem wissenden Lächeln.
Er hatte bereits öfter vor Noé geblutet, doch bis gestern war die vampirische Reaktion seines Körpers ausgeblieben. Selbst als er ihn danach gefragt, der Duft seines Bluts ihn völlig durcheinandergebracht hatte, waren seine Augen stets Violett geblieben.
„Liegt es daran, dass du nun einmal gekostet hast? Oder warum kannst du dich nicht mehr dagegen wehren?“ Noch immer war seine Stimme ruhig, doch der sarkastische Unterton war nicht zu überhören.
„Ich gestatte es dir. Also bedien dich.“ Er ging auf ihn zu, drängte ihn in die Ecke wie ein wildes Tier. „Es hat auch etwas mit mir gemacht als du zugebissen hast, und ich will wissen was es ist.“ Sein Ton war nun gesenkt, doch er stand jetzt so dicht vor ihm, dass es nicht nötig war lauter zu sprechen.

„Ich gestatte Jeanne von mir zu trinken, wann immer sie es will. Ich liebe sie. Dir habe ich es nicht gestattet weil du Erinnerungen lesen kannst. Warum es dir offenbar bei mir doch nicht gelingt ist es anderes Thema. Vielleicht liegt es am Vampir des blauen Mondes, an seiner Markierung. Aber sei es drum.“ Er starrte ihm stur ins Gesicht, sein Arm dabei angehoben, sodass das Blut seinen weißen Ärmel dunkel färbte. „Jetzt will ich wissen warum dein Aphrodisiakum so stark bei mir wirkt. Ob es durch deinen Zustand gestern passiert ist, oder...“ Er begann zu lachen, sein Blick nun fast spöttisch. „Ich bin nie und nimmer kompatibel mit dir!“ Er wollte es nicht! Noé… sein tollpatschiger, naiver und schöner Weggefährte. Was sollte er tun? Denn auch wenn er sicher nicht so wirkte schlug ihm sein Herz aufgeregt bis zum Hals und ihm wurde von dem angenehmen Duft seines Gegenübers ganz schummrig.
//Ich habe für mich beschlossen, dass dieses Gefühl Liebe ist.//
//Klingt eher nach einer Erkältung.//
Er wollte seinen Biss noch einmal spüren. Sein Körper schien schon bei dem bloßen Gedanken Feuer zu fangen. Aber… im Grunde war da auch die Hoffnung, dass es jetzt anders sein würde. Dass es ihn ebenso kalt ließ wie bei allen Vampiren zuvor.
„Trink, oder ich schneide dir die Kehle durch.“

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„Ich… will nicht… bitte hör auf…“ Jeder Schritt auf ihn zu ließ seine Panik mehr und mehr wachsen, sein Arm weiterhin schützend vor sein Gesicht gepresst, die roten Augen verbissen zur Seite hin abgewandt. Erst als Vanitas von sich selbst sprach, ließ er seinen Arm langsam etwas sinken, sodass er seine Lippen nun mit dem Handrücken bedeckte. Es hatte auch in ihm etwas ausgelöst? Und er wollte überprüfen was es war? Noès Mimik verkrampfte sich als Vanitas‘ Worte ohne Umschweifen zu Jeanne übergingen, auf seiner Brust mit einem Mal ein tonnenschweres Gewicht, jeder Atemzug schmerzend. „Was, wenn ich deine Erinnerungen nun plötzlich lesen kann? Wieso bist du bereit so weit zu gehen, wenn du doch weißt, dass du nicht kompatibel mit mir bist?!“ Seine eigene Stimme überschlug sich, während er krampfhaft versuchte das rote Rinnsal auf der blassen Haut zu ignorieren. Warum war der Geruch von Vanitas‘ Blut so betörend, dass er selbst jetzt, nachdem er gerade von Domi getrunken hatte, kaum einen klaren Gedanken mehr fassen konnte? Mühsam beherrscht atmete er ein, stieß den Sauerstoff dann stockend wieder aus.

„Ich kann nicht steuern was passiert wenn ich von dir trinke. Ich weiß nicht was… mein Körper dann tut…“

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