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Ich hab noch nie [Silvester Edition]

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Jan Böhmermann Olli Schulz
04.01.2022
04.01.2022
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Hallo ihr Zuckermäuse, hier ist also mein Beitrag zur hoffentlich irgendwann mal entstehenden "Fest & Flauschig" Kategorie. Normalerweise bin ich nicht in diesem Fandom unterwegs, aber es hat mir in den Fingern gejuckt, hier etwas zu schreiben und dieser kleine One-Shot ist dabei rausgekommen. Bitte entschuldigt etwaige Unstimmigkeiten, ich glaube mir sind nicht alle Tatsachen aus der Jan und Olli Welt so bekannt wie euch vielleicht. Trotzdem viel Spaß dabei! <3

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01.01.2022, 01:54 Uhr

„Böhmermann, ich sag’s ja nicht gerne, aber deine Party läuft nicht so, oder?“

Jan Böhmermann war sicherlich keine Person, die anderen Leute leichtfertig recht gab. Im Gegenteil, auch wenn er es nicht gerne zeigte, hatte er tatsächlich eine leicht hochmütige Ader, die er gerne in der Öffentlichkeit zu Show stellte, aber in seinem Privatleben lieber kaschierte, indem er oft einfach gar nichts sagte und sich seinen Teil dachte. Recht geben wollte er in solch einer Situation vor allem einem nicht: Olli, wie er gerade dasaß, auf seinem Sofa, mit einem Whisky-Glas in der einen Hand, die andere um sein Bein geschlungen, welches er über das andere geschlagen hatte. Eine unerträgliche Präsenz, welche mit jeder Pore die Arroganz ausstrahlte, die Jan so krampfhaft zu verstecken versuchte. Ja, in diesem Moment hätte er gerne alles getan, alles, außer: Olli zustimmen. Doch scheiße, was blieb ihm für eine Wahl? Die Party war tot, ja noch töter, mausetot. Das musste auch Jan zugeben. Aber es laut aussprechen? Bitte.

„Wo sind eigentlich Joko und Klaas hin verschwunden?“ fragte er stattdessen, während er neben Olli saß und an seinem Radler nippte. Sein Wohnzimmer sah aus, wie wahrscheinlich zu tausendfachen im ganzen Land in dieser Nacht: ein buntes Chaos, ausschraffiert mit Konfetti und Partygirlanden. Er seufzte unmerklich.

„Die haben sich schon vor einer Stunde verdrückt, jeweils mit ihren Ladys. Spielen wahrscheinlich jetzt Bettquartett oder so.“ meinte Olli nur lässig, verfrachtete das Whisky-Glas, in dem nur noch ein letzter Rest der braunen Flüssigkeit verblieben war, in die andere Hand. Jan beobachtete ihn aus den Augenwinkeln dabei, eher er sich räusperte und nickte.

„Wieso weißt du eigentlich mehr über den Verbleib meiner Gäste als ich?“ hakte er nach. Der Blick, den Olli ihm nach der Frage bedachte, war schwer zu deuten; eine Mischung aus Mitleid und Amüsement.

„Socialising war noch nie so deins, oder?“

Nein, war es nicht. Jan ist nicht die Person, die bei Partys laut im Mittelpunkt stand, grölend Bier aus einem Trichter trank (machten das nicht sowieso nur vorpubertäre Teenies?) und nebenbei die lustigsten Anekdoten zum Besten gab. Dass war tatsächlich eher Ollis Ding. Wobei, nein, er würde währenddessen wahrscheinlich noch eine Kippe rauchen.

„Ne, aber deins habe ich mir sagen lassen. Also komm, wo ist der Rest abgeblieben?“

Der Musiker grinste verschmitzt.

„Also Jenny“ - (klar sprach er zuerst von Jenny) „die ist vor einer halben Stunde gegangen, mit ihrer Freundin, zu einer Party ins Birkenhain, dann Tobi, der war schon vor zwei Stunden am Kotzen, der wurde von Thorsten Heim gebracht, Karla und Siggi haben offenbar ihren Herd angelassen und mussten deshalb früher weg und -“ „Olli!“ – „Hm?“ – „Die Kurzversion bitte!“ - „Oh. Okay. Also die sind alle abgehauen.“

Jan schnaubte leise, was dem Älteren ein Grinsen entlockte.

„Was würde ich nur ohne dich und deine Socialising-Skills tun.“ meinte er, mit vor Sarkasmus triefender Stimme, während er auf das leere Wohnzimmer deutete. Dass seine Gäste ABGEHAUEN waren, hätte er vielleicht auch selbst gerade so gemerkt. Danke Olli.

Unvermittelt stand dieser auf, streckte sich, sodass ein Wirbel in seinem Rücken gefährlich laut knackte und blickte Jan schließlich in die blauen Augen.

„Wird Zeit, dass etwas Schwung in die Party kommt, oder?“ fragte er gut gelaunt, während bei dem Braunhaarigen alle Alarmglocken schrillten. Er kannte seinen Kollegen und Freund nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit und wusste, dass jetzt wahrscheinlich ein Exzess folgen würde. Wie auch immer der aussehen mochte. Doch da sie die letzten Verbliebenen auf der Silvester-Party von Jan waren, gab es für ihn keine Ausflüchte. Denn eins war er sicher nicht: Ein Spielverderber.

Während er diese Gedanken wälzte, war Olli in der Küche verschwunden. Er öffnete den Geräuschen nach zu urteilen gerade den Kühlschrank, Jan hörte einige Flaschen verhängnisvoll aneinander klirren und schließlich kam der Grauhaarige, bewaffnet mit vier Bier, zwei Shot-Gläsern und einer Schnapsflasche, zurück ins Wohnzimmer. Berliner Luft. Ausgerechnet.

„Willst du das alles ernsthaft trinken?“ Er konnte das Entsetzen nicht ganz aus seiner Stimme verbannen.

„Nein.“ meinte der Angesprochene gelassen. „Wir werden das alles ernsthaft trinken.“

„Alter, Olli, du weißt doch, dass ich kein großer Freund von Bier bin und mit dem Zeug…“ Er hielt demonstrativ die Flasche mit dem grünen Etikett in die Luft. „…kannst du mich einmal ums Haus jagen.“

Olli blickte ihn nur stumm vergnügt an. Der wissende Gesichtsausdruck dieses kleinen Bastards ging Jan durch Mark und Bein, er erschauderte und dann, wie aus Trotz, schnappte er sich eine Bierflasche, nahm ein Feuerzeug, dass daneben lag und öffnete diese (nach mehreren Anläufen) ungeschickt. Nun blitze Triumph in den Augen des Älteren auf, während er dem Beispiel seines Freundes folgte. Mit Getränken ausgestattet saßen sie da, stießen nicht mal an, sondern tranken stillschweigend und sagten einige Augenblicke gar nichts.

„So.“ Olli klatschte in die Hände und Jan zuckte zusammen. „Wir spielen jetzt ein Spiel.“

„Ein Spiel? Zu zweit?“ Die einzigen Spiele, die Jan kannte, welche man zu zweit spielen konnte, waren Schach und Dame. Und aus irgendeinem Grund hatte er die Vermutung, dass Olli nicht diese Spiele gemeint hatte. Bingo.

„Wir spielen "Ich hab noch nie".“

„Was?“

„"Ich hab noch nie".“

„Junge, ich hab verstanden, wie das Spiel heißt. Aber kannst du es einem Party-Noob bitte auch erklären, damit er weiß, wie das funktioniert?“ Gegenseitiges Angrinsen. Scheiße, dass konnte nur in die Hose gehen, soviel war Jan klar.

„Denkbar einfach, Janilein. Jeder von uns sagt abwechselnd eine Situation oder Gegebenheit, beginnend mit den Worten ‚Ich hab noch nie‘. Wer es schon getan hat, muss einen Schluck von seinem Bier oder einen Shot trinken.“

„Aha.“ Jan war einen Moment lang überfordert, doch allmählich dämmerte ihm, dass er dieses Spiel vielleicht sogar gewinnen konnte (obwohl, gab es da überhaupt Gewinner?), denn Olli hatte vermutlich einiges mehr auf dem Kerbholz. Hoffte er zumindest inständig.

„Sieh mal, ich fang an. Lass mich überlegen…“ Während Olli konzentriert Richtung Bücherregal starrte, tippte er sich mit dem Hals der Bierflasche ein paar Mal gegen die Wange. Wie eine hypnotisiertes Kaninchen vor der Schlange folgte Jan den Bewegungen und sein Herz schlug in einem unregelmäßigen Takt gegen seine Brust.

„Ich habe noch nie von Berliner Luft gekotzt.“ meinte der Grauhaarige schließlich grinsend. Jan sah ihn einen Moment lang empört an und hätte nun wirklich große Lust, seinem Gegenüber die Bierflasche aus der Hand zu nehmen und sie ihm über den Kopf zu schlagen.

„Dein Ernst?“ zischte er leise und wurde sogar etwas rot. Irgendwann hatten sie letztes Jahr Party gemacht, bei Olli. Und diese endete nicht, wie in der Gegenwart bereits gegen zwei Uhr nachts, sondern war lang, laut und wild. Ein bisschen wie Olli eben. Und da Jan damals schon diese Ahnung, dieses Gefühl hatte, machte er sich bei dieser Party auf die Suche nach Alkohol, der ihm schmeckte. Um all das für einen Moment zu vergessen, sich einfach mal leicht fühlen, ja, der Gedanke erschien ihn an diesem Abend verführerisch. Irgendwann fand er im Wandschrank, ganz hinten, eine angestaubte Flasche Berliner Luft. Er hatte danach gegriffen, sie geschüttelt, letztendlich geöffnet und daran geschnuppert. Roch widerlich süß. Aber immer noch besser als Bier, dachte sich der Braunhaarige, hatte angesetzt und einen Schluck getrunken. Es folgten viele weiter Schlucke, die zu Shots wurden, die zu Gläsern wurden. Und auf der Toilette seines Freundes endeten.

Jan wurde aus dieser zugegebenermaßen ziemlich peinlichen Erinnerung gerissen, als Olli ihm ein Shot-Glas mit klarer Flüssigkeit unter die Nase hielt. Spielverderber hin oder her, es gab Grenzen.

„Nein.“ sagte er mit fester Stimme, vielleicht ein wenig lauter, vielleicht ein wenig schriller als beabsichtigt. Aber war ihm auch egal.

„Wenn du das heute durchziehst, dann verliere ich nie wieder ein Wort über den Vorfall bei meiner Party.“ schlug Olli mit unschuldiger Miene vor. „Oder über den heutigen Abend.“ fügte er noch hinzu. Jan überlegte. Wägte ab. Seufzte und griff nach dem Glas. Das würde Rache geben, soviel stand fest! Er kniff die Augen zusammen, schüttelte sich innerlich kurz und schluckte das Gesöff hinunter. Sofort stieg ein Brechreiz in dem Jüngeren auf, er verzog das Gesicht und war sich in diesem Moment sicher, nie wieder etwas Pfefferminz-haltiges zu sich nehmen zu können, ohne sich zu übergeben. Er schluckte soviel Spucke wie möglich hinunter, spülte mit Bier nach. Der bittere Geschmack des Gerstensaftes war ihm in diesem Moment so willkommen wie es die Aspirin-Tablette am Tag nach der Party von Olli gewesen war.

„Ich bin dran.“ überspielte er die Situation mit lässiger Stimme. „Ich bin noch nie verhaftet worden.“ Mit hochgezogener Augenbraue trank Olli einen großen Schluck Bier.

So ging es zwischen den beiden hin und her. Über Stunden, zumindest kam es Jan so vor. Die Flaschen wurden immer leerer und er parallel dazu immer voller. Und auch wenn er es ungern zugab, aber er hatte tatsächlich Spaß. Aber das lag vermutlich weniger am Alkohol oder dem Trinkspiel, sondern an Olli, der erfreulich nahe auf dem Sofa neben ihm saß.

„Okay, nächste Runde.“ meinte dieser just in diesem Moment, schenkte ihnen zwei Shots ein und reichte Jan einen davon, als würde er davon ausgehen, dass er gleich trinken musste.

„Also…“ Der Musiker holte tief Luft. „Ich hatte noch nie Analsex.“

Jan zog nur die Augenbrauen hoch. Er hatte ehrlich gesagt etwas Spektakuläreres erwartet. Also setzte er den Shot bereits an seine Lippen an, während Olli grinsend hinzufügte: „… und war der passive Part.“

Der Jüngere prustete bei diesen Worten in seinen Shot und bespritzte sein Gegenüber mit einem Sprühregen aus Berliner Luft. Dieser sah ihn betonten gelassen an, wischte sich kurzerhand mit dem Ärmel seines Pullis übers Gesicht, setzte den Shot an und trank. Jan starrte ihn an, mit großen Augen, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen.

„D-du… Also, was?“ fragte er, völlig von der Rolle. Er registrierte Ollis Grinsen und bekam plötzlich den Verdacht, dass dieser sich ganz köstlich über die Situation und den sprachlosen Jan amüsierte. Was für ein mieses Spiel war das denn bitte? Also nicht "Ich hab noch nie", sondern der Auftritt des Älteren. Dieser zuckte gerade mit der Schulter.

„Janilein, du weißt doch, dass ich in so ziemlich jeder Hinsicht offen gegenüber allem bin. Und ich habe halt wirklich alles ausgetestet, nur um zu sehen, ob es mir gefällt.“

„Äh, okay…“ meinte Jan nur, immer noch etwas verwirrt und mit klopfendem Herzen. Der Alkohol lockerte ihm die Zunge, denn schon setzte er nach: „Und hat es dir gefallen?“

Olli grinste noch immer. „Ist das deine nächste Frage? Du weißt, wie du sie stellen musst?“

Der Moderator starrte seinen Freund noch immer an und wurde das Gefühl nicht los, dass er irgendwie gerade verarscht wurde. Olli und Analsex also? Er kannte seinen Freund schon sehr lange und der war durch und durch ein überzeugter Hetero, da war Jan sich nach endlosen Stunden der Grübelei einfach sicher. Klar, es gab den Kuss in der Show, der von ihm aus ging. Aber es war genau das gewesen: Eine Show. Jan konnte sich nur zu gut vorstellen, wie viele Fangirls diesen Moment gefeiert hatten und Olli nun noch ein wenig attraktiver fanden. Dass das auch auf ihn selbst zutraf, würde er niemals zugeben. Niemals.

„Ich hab noch nie Sex mit einem Mann gehabt und es hat mir gefallen.“ Hoppla, was war das denn? Ging diese Frage nicht doch in eine andere Richtung als der Analsex zuvor? Den konnte man schließlich auch mit Frauen haben. Auch passiv. Was genau bezweckst du jetzt bitte damit, Böhmermann? Dies fragte sich der Braunhaarige im Stillen und auch Olli schien ein wenig aus der Bahn geworfen, denn sie starrten sich gegenseitig an, als würden sie sich das erste Mal sehen. Und dann, nach nur einigen Sekunden, musste Olli plötzlich losprusten, lachte laut und ehrlich, ließ sich nach hinten auf die Sofalehne fallen, während sein Lachen den leeren Raum füllte. Jan saß stocksteif da, wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits war Ollis Lachen irgendwie befreiend und lockerte die Stimmung. Aber andererseits: Woher kam der Lachanfall? Noch immer prustend und immer wieder von kleinen Lachhicksern unterbrochen griff Olli schließlich nach seiner Bierflasche und prostete seinem Gegenüber zu. Jan zögerte, nur einen Moment, dann nahm auch er entschlossen sein (nur noch zur Hälfte gefülltes) Shot-Glas und trank es aus.

Die Blicke, welche Olli ihm zuwarf, waren noch immer vergnügt, doch gleichzeitig blitzen seine Augen auch irgendwie… gefährlich.

„Ich kann’s immer noch nicht glauben.“ prustete der Ältere nun erneut los und musste wieder lachen. Am liebsten hätte Jan sich auf ihn gestürzt und ihn geschüttelt, um zu erfahren, was denn nun verdammt nochmal so lustig war.

„Was?“ hakte er stattdessen leise nach.

„Ich kann nicht glauben, dass wir uns gerade mehr oder weniger gesagt haben, dass wir Bi sind und dabei diese dämlichen Partyhüte aufhaben.“ Und er deutete auf seinen Kopf. Tatsache, er hatte einen glitzernden Partyhut auf und auch Jan wurde bewusst, dass er einen trug. Gut, dass fand er nun nicht ganz so lustig wie Olli, aber wenigstens war das eine simple Erklärung für seinen Lachanfall. Als er den Hut absetzte, musste er doch etwas grinsen. Die liebreizende Jenny (gut, er selbst fand sie zum Kotzen, aber war halt Ollis aktuelle Flamme, also musste er irgendwie mit ihr klarkommen) hatte die Dinger angeschleppt, jeder hatte sie murrend aufgesetzt und irgendwann hatte Jan vergessen, dass er das Teil auf dem Kopf trug. Er stellte den Hut also auf den Tisch und sein Blick fiel auf die Flasche Bier, aus der er getrunken hatte. Er besah den Inhalt und merkte, dass nur noch ein letzter Schluck darin war. Also was soll’s, runter damit. Er griff nach dem Bier und widmete seine Aufmerksamkeit dann wieder Olli, der gerade etwas gesagt hatte, doch Jan hatte ihm nicht zugehört. Er trank also schnell den Schluck und blickte dann zu seinem Gast.

Olli wirkte auf einmal völlig ausgewechselt. Er stierte ihn geradezu an, mit leicht offenem Mund, einen Shot in seiner Hand. Dann sah er etwas nachdenklich aus, zuckte mit den Schultern und trank das Gesöff. Sobald er das Glas weggestellt hatte, drehte er sich zu Jan und sah ihn noch immer mit… diesem Blick an. Es hatte etwas hungriges, verlangendes und gleichzeitig höchst beunruhigendes. Doch Jan konnte einfach nicht anders als den Blick zu erwidern, gespannt, was als nächstes passieren würde.

Und das nächste, was passierte, raubte ihm den Atem. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Olli hatte sich plötzlich ruckartig aufgesetzt, Jan eines letzten, merkwürdigen Blickes bedacht, sich vorgebeugt und seine Lippen auf die des Jüngeren gelegt.

Für ihn schien die Zeit still zu stehen. Er konnte es nicht glauben, was hier passierte, es schien, als würden auf einmal tausende von Sinneseindrücken auf ihn niederprasseln: Ollis Lippen, die auf seinen lagen, die sich rau anfühlten, aber irgendwie trotzdem unheimlich gut. Die Bartstoppeln des Älteren, die in seinem Gesicht kitzelten, sein Duft, der ihm in die Nase stieg und sein gesamtes rationales Denken, nun ja, wegrationalisierte. Und dann, als der Kuss drängender wurde, von beiden Seiten, schmeckte er Olli, die ganze Zeit nur ihn. Sogar der Geschmack von Bier, Berliner Luft und Zigaretten störten ihn nicht weiter, er konnte einfach nicht genug von dem anderen bekommen. Seine Hand wanderte in den Nacken des Musikers, zog ihn noch etwas näher zu sich, damit er noch mehr kosten konnte, mehr abbekam von all diesen Sinneseindrücken, die ihm den Verstand raubten…

Schwer atmend lösten sie sich. Jan meinte noch immer Olli zu schmecken, Olli zu riechen, Olli zu fühlen und es war so viel besser gewesen, als er es sich je hätte träumen lassen, besser als all die Fantasien, die er irgendwann einfach zugelassen hatte, meistens irgendwo in einem Dämmerzustand, zwischen Traum und Realität, Schlaf und Wach, Delirium und Nüchternheit. Als er Ollis Blick traf, schien sein Herz still zu stehen; der Blick des Älteren war verhangen, es zeichneten sich die verschiedensten Emotionen darin wieder. Leidenschaft, Verlangen, Aufregung und vor allem: Lust. Der Kleinere atmete tief ein, versuchte seine Gedanken zu sammeln, doch als er Ollis Hand auf seinem Knie spürte, war ihm das unmöglich. Ohne groß darüber nachzudenken setzte er sich auf ihn und machte es sich auf dem Schoß des Älteren bequem. Bevor einer der beiden etwas sagen konnte, waren seine Lippen wieder auf Ollis, verschmolzen sie wieder zu einer Einheit, sodass es nur noch ihn gab, Jan und Olli, Olli und Jan, Jan und Olli. Der Ältere hatte ein Feuer in ihm entfacht und es wurde genährt von den hungrigen Lippen, den kratzenden Fingernägeln auf seinem Rücken und dem leisen Stöhnen, dass der Grauhaarige zwischen ihren Küssen von sich gab. Irgendwann hob dieser Jan hoch, mit einer federnden Leichtigkeit. Er trug ihn aus dem Wohnzimmer heraus und zurück blieb nur Jans T-Shirt, welches Olli ihm gerade eben noch ausgezogen hatte.

***

Der nächste Morgen brach an und ging für Jan mit einem Nebel aus dröhnenden Kopfschmerzen und einem schallen Geschmack im Mund einher. Der Moderator richtete sich leicht stöhnend auf und hielt sich den Kopf. Es war unschwer zu erraten, warum es ihm so schlecht ging. Er blickte auf die Gestalt neben sich, dem Übeltäter, dem er dieses Alkoholverbrechen an seinem Körper zu verdanken hatte: Olli. Doch anstatt sauer zu sein, legte sich ein Lächeln auf das Gesicht des Jüngeren, denn auch, wenn er aufgrund des Alkohols keine klaren Details mehr vor sich hatte, so konnte er sich doch gut erinnern. Er hatte die Nacht mit Olli verbracht. ER HATTE DIE NACHT MIT OLLI VERBRACHT! Immer wieder summte dieser Satz durch sein verkatertes Hirn und unweigerlich starrte er den Musiker neben sich an: der Grauhaarige lag auf dem Bauch, mit dem Kissen unter dem Kopf, welches er zu einer Kugel geknautscht hatte. Die Decke war halb um seinen Körper geschlungen und er schnarchte leise vor sich hin, was Jan ziemlich niedlich fand. Er hätte ihn einfach immer so anschauen können und sobald sich dieser Gedanke in seinem Kopf manifestierte, kam Jan sich albern, pubertär und kitschig vor. Er war sowas von hoffnungslos verschossen, spätestens nach dieser Nacht konnte er das nicht mehr leugnen. Hoffnungslos verschossen, hoffnungslos verloren. Er seufzte leise und musste sich davon abhalten, seinem Gegenüber eine der grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen.

Trotz all dieser kitschigen Gedanken und den rosa Seifenblasen in seinem Kopf meldete sich irgendwann der Körper des Braunhaarigen: er musste dringend auf die Toilette. So leise wie möglich stand er auf, schlich zur Tür, öffnete sie vorsichtig und versuchte sie ebenso leise wieder zu schließen. Danach atmete er befreit auf, riskierte sogar einen Blick in sein Wohnzimmer und stellte überrascht fest, dass es nur halb so schlimm aussah, wie er befürchtet hatte; selbst die umgekippte Flasche Berliner Luft machte ihm nichts aus, denn alles war besser, als wenn er noch mehr von diesem Zeug hätte zu sich nehmen müssen. Schnell verschwand er im Bad und stand einige Minuten später etwas unschlüssig im Flur. Eigentlich wollte er zurückgehen ins Schlafzimmer und zusammen mit Olli den ganzen Tag das Bett nicht mehr verlassen. Doch langsam sickerte die Frage durch seinen Kopf, wie der Ältere überhaupt auf ihr nächtliches Schäferstündchen reagieren würde. Jan biss sich auf der Lippe herum, überlegte, wälzte verschiedene Szenarien, doch wie er es auch dreht und wendet: Eine Antwort würde er nur bekommen, wenn zurück ins Schlafzimmer gehen würde.

Also schlich er auf Zehenspitzen zurück ins Schlafzimmer, öffnete leise die Tür, schloss sie ebenso umständlich wieder und stellte erleichtert fest, dass Olli noch genauso dalag, wie er ihn zurückgelassen hatte. Er kletterte vorsichtig zurück ins Bett, kuschelte seine kalten Füße unter die Decke und wollte sich schon in die Position begeben, Olli wieder verträumt zu beobachten, als dieser unvermittelt brummte:

„Hast du n Frachtschiff aufm Klo versenkt oder wo warst du so ewig?“ Die Augen hatte der Musiker immer noch geschlossen und Jan wurde plötzlich ganz heiß bei dem Gedanken, dass Olli mitbekommen haben könnte, dass er ihn eine geraume Zeit beobachtet hatte.

„Ne. Ich wollte eigentlich nur rücksichtsvoll sein und hab mir Mühe gegeben, leise zu sein.“ nuschelte er vor sich hin. Nun schlug der Ältere doch die verhangenen blauen Augen auf und schauten Jan direkt an. Sein Herz machte einen kleinen Hüpfer.

„Ist ja niedlich Böhmermann. Wenn du jetzt noch Frühstück ans Bett bringen würdest, dann würde ich dich glatt adoptieren.“

„Haha, sehr witzig.“ meinte der Moderator mit süßlicher Stimme, bevor er seine Hand ausstreckte und dem Älteren über die Wange streichelte. Dieser brummte anerkennend, legte sich in die Berührung und zog ihn schließlich zu sich.

„Ist hier schon ganz kalt gewesen ohne dich.“ schnurrte er leise gegen Jans Lippen und dieser überwand die letzten Zentimeter und drückte Olli seine Lippen auf. Der Kuss war anders als jene, die sie letzte Nacht ausgetauscht hatten. Zärtlicher, sanfter, verschmuster. Ohne Druck öffnete Jan die Lippen des Musikers und ihre Zungen umspielten sich, ebenso sanft. Erst als beide unter akuter Atemnot litten, löste er den Kuss und musste sich zwingen, sein Gegenüber nicht allzu verliebt anzustarren.

„Aber jetzt mal ernsthaft…“ begann Olli wieder zu sprechen, setzte sich halb auf und zog den Braunhaarigen an seine Brust. „… dass es eine Menge Alk und ein Trinkspiel braucht, damit das passiert, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.“

„Die Hoffnung?“

„Na dass das hier“, er fuchtelte mit dem Zeigefinger zwischen ihnen beiden hin und her, „passiert.“

„Oh.“ Schlagfertig wie immer, Herr Böhmermann. Doch dann musste er grinsen.

„Ich kann ja nichts dafür, dass du unser ‚Outing‘ als Anlass nimmst, mich gleich flachzulegen. Nicht, dass ich das bereuen würde.“ fügte er hinzu, als er Ollis konfusen Blick sah.

„Outing? Was meinst ‘n du‘?“ fragte dieser stirnrunzelnd. Jan fragte sich leicht schmunzelnd, wie besoffen Olli eigentlich gewesen war, dass er vergessen zu haben schien, welche Aussage ihres Trinkspiels die ganze Sache erst ins Rollen gebracht hatte.

„Na du weißt schon. Meine Aussage, ob man schon mal Sex mit einem Mann hatte.“ half er dem Älteren auf die Sprünge. Olli starrte ihn immer noch an, sein Hirn schien zu rattern und schließlich drückte er Jan etwas von sich weg.

„Häh?“ fragte er nicht besonders intelligent klingend nach.

„Häh was?“ fragte Jan zurück, nun doch etwas irritiert von der langen Leitung, auf der der Musiker grade stand.

„Du meinst echt, dass ich dich deswegen geküsst habe?“

„Hast du nicht?“

Die beiden starrten sich an, als würden sie sich das erste Mal sehen. Jan stieg ein flaues Gefühl in den Magen; das hier fühlte sich irgendwie nicht mehr so richtig an. Es klang so, als wäre gestern Abend noch etwas geschehen, von dem er nichts mitbekommen hatte, aber ganz entscheidend zur Situation beigetragen zu haben schien. Anders konnte er sich Ollis Reaktion nicht erklären und dieser musste plötzlich schmunzeln, als er Jans Gesicht sah, das eindeutig auf Sturm stand.

„Alles gut Böhmi. Komm mal her.“ Er schlang seine kräftigen Arme um seinen Freund und hier, in Ollis Armen, ging es ihm schon wesentlich besser. Der streichelte sachte über seinen Rücken und seinen Arm und verursachte so eine Gänsehaut, die Jan wohlig aufseufzen ließ.

„Falls du dich daran erinnerst, hab ich nach deiner „Ich hab noch nie“-Aussage über Sex mit Männern selbst noch was gesagt gehabt.“ meinte der Grauhaarige leise schmunzelnd. Jan setzte sich abrupt auf, ging im Schnelldurchlauf seine zugegebenermaßen etwas getrübten Erinnerungen des Abends durch und wusste aber nicht, worauf sein Gegenüber hinauswollte.

„W-wie?“ fragte deshalb, sein Herz bis zum Hals schlagend.

„Na ja, als du grade dein Partyhütchen entfernt und dein Bier genommen hast, hab ich doch gesagt: „Ich stand noch nie auf eine Person, die sich in diesem Raum befindet.“.“

„Ich stand noch nie…“ wiederholte Jan etwas benommen, musste erstmal kurz überlegen, was damit eigentlich gemeint war und erinnerte sich plötzlich: Das musste der Moment gewesen sein, wo Olli etwas gesagt, er aber nicht zugehört und stattdessen sein Bier ausgetrunken hatte. Was bitte? War Olli davon ausgegangen, dass er getrunken hatte, als Antwort auf die Aussage? WAS BITTE?

Jan starrte immer noch leicht verwirrt vor sich hin, während er die Situation erst begriff und Olli beobachtete ihn dabei, eine Mischung aus Amüsement und Neugierde im Gesicht.

„Hallo, Jan, noch da?“ Er fuchtelte mit seiner Hand vor dem Gesicht des Braunhaarigen herum, damit er aus seiner Trance erwachte. Dieser schnappte sich die Hand des Musikers und verschränkte ihr Finger miteinander.

„Du stehst also auf mich, ja?“ hakte er nach, konnte sich ein dickes Grinsen nicht verkneifen und spürte eine Welle von Glückshormonen, die sein Hirn bei dieser Aussage fluteten. Olli stand auf ihn. Auf ihn! Den kleinen, schmächtigen Böhmermann.

„Das weißt du doch schon seit gestern Abend.“ meinte Olli nur schulterzuckend.

„Eben nicht.“

„Was?“ Jan musste ob den verwirrten Gesichtsausdruck des Älteren lachen und streichelte wieder seine Wange.

„Was glaubst du, wieso ich grade so verwirrt war? Ich hatte in dem Moment, wo du das gesagt hattest, nichts mitbekommen. Ich hatte mein Bier nur zufällig ausgetrunken, weil nur noch ein kleiner Schluck drin war. Bis grade eben hatte ich keine Ahnung, dass du auch noch eine „Ich hab noch nie“-Aussage gemacht hast.“

„Oh.“ Olli wirkte einen Moment ziemlich ernüchtert und wurde sogar etwas rot. Dann schob er trotzig die Unterlippe über die Oberlippe.

„Aber du hast den Kuss erwidert?“

„Jepp.“

„Ohne meine Aussage zu kennen?“

„Jepp.“

„Und du bist mit mir ins Bett gegangen und hast es dort krachen lassen. Freiwillig?“

„Sowas von freiwillig.“

„Das bedeutet also… Du stehst auf mich?“

Jan musste lachen, beugte sich zu dem Musiker hoch und gab ihm einen Kuss.

„Jepp. Ich steh auf dich. Frohes neues Jahr Olli.“
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