Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wenn die Zeit stehen bleibt

von Felix3008
Kurzbeschreibung
GeschichteAction / P18 / Mix
Chin Ho Kelly Danny "Danno" Williams Kona "Kono" Kalakaua Steve McGarrett
04.01.2022
15.01.2022
9
22.945
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
15.01.2022 3.806
 
Den leergegessenen Teller wohlig von sich schiebend, blickte Steve zu seinem Vater herüber, der im selben Schweigen seine Portion gegessen hatte. Sie saßen zusammen im Esszimmer neben der Küche, das gleichzeitig auch das Arbeitszimmer beherbergte. Zwischen ihnen stand die erkaltete Aluschale mit der Fertiglasagne, die sein Vater gerne in der Tiefkühltruhe aufbewahrte. Da er alleine wohnte und nur selten seine Kinder oder gar die eigene Ehefrau zu besuch hatte, sah er das Kochen nicht als sonderlich wichtig an und zog es vor auf Fertigessen aus dem Supermarkt zurückzugreifen. Meistens waren sie für die Mikrowelle ausgelegt und enthielten alles, was man für eine Mahlzeit brauchte.
Jetzt, da Steve bei ihm wohnte, würde sich ihr Leben wohl etwas umstellen, auch wenn sein Sohn, seit er zum Militär gegangen war, die Vorzüge einer Kantine mochte, die rund um die Uhr ein warmes Essen für ihn bereithielt. Sämtliche Spezialeinheiten, unabhängig ihrer Zugehörigkeit, hatten durch ihre bunten Einsätze ein Recht darauf jederzeit eine warme Mahlzeit oder Frühstück rund um die Uhr zu bekommen. Wohingegen das gemeine Fußvolk nur zur Mittags- und Abends-Zeit, wenn Ausgabe war, auf etwas Warmes hoffen durfte.
Mit einem wohlig gefüllten Magen fühlte sich Steve geborgen und eine Spur zuhause. Um sich nicht gleich mit schlechten Angewohnheiten einzufinden, raffte er sich jedoch in die Höhe und griff nach den Tellern, Besteck und der leeren Schale. Das dreckige Geschirr trug er in die Küche und warf den Müll in die kleine Tonne unter der Spüle.
Als er aus der Küche getreten war, hatte sich sein Vater zurück ins Wohnzimmer gesetzt und hielt die Fernbedienung in den Händen, um den Fernseher anzuschalten. »Macht es dir was aus, wenn ich noch zu Billy fahre?«, fragte er seinen Vater höflich und blieb auf halber Strecke zur Haustür stehend.
John wandte den Kopf zu ihm herum. »Nein. Du bist alt genug um nicht mehr um Erlaubnis fragen zu müssen.«
Zufrieden holte Steve seinen Bericht für Warner aus seinem Zimmer, steckten sich diesen in die hintere Hosentasche und fischte seine Schlüssel aus der Schale und verschwand kurz darauf aus der Haustür. Mit dem Anspringen des Motors schaltete John nachdenklich den Fernseher an und machte sich Gedanken um seinen Sohn. Irgendetwas war in Übersee geschehen, was er nicht an sich heranlassen wollte. Etwas beschäftigte Steve. Vielleicht würde Billy ihm dabei helfen einen klaren Kopf zu bekommen. Seit sich die beiden im Kindergarten kennengelernt hatten war der Wirbelwind sehr oft bei den McGarretts ein und ausgegangen. Selbst heute noch kam es oft vor, dass Billy hier ein und ausging, als gehörte er zur Familie. Unverhofft musste John schmunzeln, da Billy tatsächlich ein Mitglied der Familie war. Die beiden Jungen waren lange genug umeinander herumgeschlichen, dass sie seit drei Jahren ein inoffizielles Paar waren. Dank den unmöglichen Vorschriften des Militärs konnten die beiden ihre Beziehung nicht öffentlich machen und so war das Haus der McGarretts zu einem geheimen Liebesnest der beiden Männer geworden.

In Waipahu, unweit von Pearl City entfernt, lag inmitten einer größeren Wohnsiedlung das Haus der Familie Harrington. Von außen machte es einen unscheinbaren Eindruck, was mit der Dunkelheit noch verstärkt wurde. Obwohl die Stoßzeit längst vorüber war, hatte Steve auf dem Highway eine Stunde gebraucht, um beim Haus von Billy anzukommen.
Früher hatten die Harringtons in derselben Nachbarschaft wie die McGarretts gewohnt, aber da Vater und Sohn beim Militär gewesen waren, hatte sich ein Umzug in die Nähe der Kaserne angeboten. Leider war Billys Vater vor einigen Jahren bei einem Hubschrauberabsturz im Irak ums Leben gekommen, sodass Billy und seine Mom Roxana alleine waren.
Zu seiner Überraschung brannte noch Licht im Erdgeschoss, sodass Steve darauf verzichtete als Indianer Schleichfuß einzutreten, sondern betätigte offiziell die Klingel, die laut im Innern des Hauses widerhallte. Es dauerte einen kleinen Moment, bis ihm von einer zierlich, schlanken Frau in einem altrosa-gefärbten Bademantel die Tür geöffnet wurde. Roxana hatte sich die nassen Haare mit Lockenwicklern ausstaffiert und blickte den nächtlichen Gast überrascht an.
»Guten Abend, Steven. Komm doch herein.«
Dankbar nicht auf der Türschwelle übernachten zu müssen, folgte er ihr ins Haus. Kaum war er eingetreten fiel die Tür ins Schloss und wirkte irgendwie endgültig. »Wenn du William suchst, findest du ihn in seinem Zimmer. Aber falls ihr streiten wollt, geht bitte auf die Trainingsbahn.«
Was zur Hölle hatte Billy seiner Mom erzählt, dass sie Steve so schroff und kühl anfuhr? Sonst war Roxana eine ausgesprochen lebensfrohe und fröhliche Frau, die durch den öfteren Alkoholgenuss eine ganz raue Stimme besaß. Sie bemerkte mit Adleraugen den Schrecken in Steves Augen, den ihre Worte ausgelöst hatten. Daraufhin ließ sie ein gut gelauntes, kehliges Lachen vernehmen. »Kein Grund zur Sorge, Steven. Mein Junge ist etwas deprimiert. Deine Anwesenheit wird ihn hoffentlich aus seinem Mauseloch rausholen. Gute Nacht.« Mit letzteren Worten klimperte sie mit ihren ringbesetzten Fingern und entschwebte der Diele um sich dem Badezimmer zuzuwenden.
Da Billys Zimmer, wie sein eigenes zuhause im Obergeschoss lag, wandte sich Steve der knarzenden Holztreppe zu und folgte den einprogrammierten, oft gegangenen Wegen zum besagten Raum. Er brauchte nur kurz anzuklopfen, ehe er eintrat, damit sein Freund wusste, dass er es war. Nur das sanfte Licht am Nachttisch erhellte den gemütlichen Raum mit den hölzernen Möbeln. Billy lag mit dem Rücken auf seiner karierten Schlafcouch und hob überrascht den Kopf. Als ihm einsickerte, dass sein Freund wahrhaftig in der Tür stand, setzte er sich zügig auf. Verräterisch stand eine halbleere Flasche Scotsch auf dem Nachtkasten und sagte deutlich, dass Billy seine Drohung wahr gemacht hatte.
»Mit dir habe ich absolut nicht gerechnet«, meinte Billy eine spur verstimmt.
Steve zog die Tür hinter sich leise ins Schloss und ließ die Schultern etwas traurig hängen und blickte einen Moment zu Boden. »Ich denke, ich bin dir eine Erklärung schuldig.«
»Das hast du richtig erkannt. Setz dich.« Als erstes Friedensangebot klopfte Billy neben sich auf den Stoff und versuchte sich in einem höflichen Lächeln. Dankbar kam Steve der Aufforderung nach und spürte, wie erledigt er war. Vorsichtig lehnte er seinen Kopf an Billys kräftige Schulter. Nur wiederwillig widerstand Steve dem Drang die Augen zu schließen. »Eigentlich habe ich Pat gesagt, dass ich ihr Angebot, die Task Force zu leiten, nicht annehme. Aber dann, als ich mir den Tatort angeschaut habe und dieser nervige Detective auftauchte, der mich richtig reizte, sind die Pferde mit mir durchgegangen. Hätte ich das Angebot nicht angenommen, wären uns die wichtigen Beweise durch die Lappen gegangen und in den Tiefen der Asservatenkammer des HPDs verschwunden. Ich musste es tun. Aus Pflichtgefühl der Navy gegenüber.«
»Weswegen du nun zur Reserve gewechselt bist?«, fasste Billy die daraus folgende Konsequenz zusammen.
Steve brummte eine Zustimmung und spürte, wie ihn in der Gegenwart seines Freundes die Müdigkeit und Anstrengung trafen. Das Schmerzmittel, das er am Nachmittag genommen hatte, verlor seine Wirkung und somit kehrten seine Kopfschmerzen zurück und auch seine Brust und das Bein quengelten. Er registrierte, wie angeschlagen er eigentlich war.
Sanfte Fingerspitzen berührte zuerst Steves stoppelige Wange, ehe sie über seinen Nasenrücken zur Schläfe wanderten und sich dort massierend im Haar vergruben. Aus Wohligkeit brummte Steve zufrieden und seufzte befreiend. Billy gab ihm zeitgleich einen Kuss aufs Haar. »Ich liebe dich, du treulose Tomate. Aber überrumple mich nie wieder mit so etwas, hast du verstanden?«
»Versprochen, Honey!«, gab Steve ihm ehrlich zur Antwort. Kurz öffnete er ein Auge und musterte das ebenfalls sehr müde wirkende Gesicht seines Freundes. »Wie geht es dir, nach dem Einsatz?«
Billy hielt inne und musterte nun auch den Commander. Er konnte Stunden in den faszinierenden Augen versinken. Jedes Detail aufsaugen und wusste, dass er sich immer noch nicht sattgesehen hatte. Das kurze, braune Haar war verwegen verstrubbelt und machte ihn noch attraktiver. Doch inmitten dieser männlichen Attraktivität lag auch eine Ruhe und gewisse Müdigkeit in Steves Gesicht, was seine sonst so wohl abgestimmten Züge kantiger machte. Dennoch liebte er diesen charismatischen, ruhigen Soldaten durch und durch.
Er besann sich darauf Steve eine Antwort zu geben, die sich jedoch mehr auf den Einsatz selbst bezog, als auf die Stunden danach. »Nun ja, mir ist ganz schön das Herz stehen geblieben, als ich einen Anton Hesse quer über die Ebene flitzen sah und vor uns reiß aus nahm. Du hattest Order auf seinen Hintern aufzupassen und wenn Anton abhaut, musste dir etwas passiert sein. Bis zu dem Moment, wo Wyatt verkündet hat, dass du nur bewusstlos bist, dachte ich du …«, er brachte es nicht fertig die nächsten Worte auszusprechen und schluckte hart. Leicht wandte er den Kopf ab, damit Steve nicht die Angst in seinen Augen sehen musste, die in eben diesem Moment wieder an die Oberfläche stieg. Diese vermaledeiten Gefühle!
Steve richtete sich auf, sodass sein Rücken die Lehne der Schlafcouch berührte und wusste nicht so recht, wie er Billy sagen sollte, dass es beinahe auch so gekommen wäre. Seine Lippen pressten sich zu einem harten, schmalen Strich und unwillkürlich versteifte sich sein gesamter Körper. Doch die Angst, die Billy bei seinen Worten wiedergab, verpasste Steve einen Kloß, sodass er seine Erinnerungen für sich behielt. Es brachte nichts den Lieutenant unnötig zu verschrecken. Das Magazin war leer gewesen und deswegen hatte Steve Glück gehabt. Punkt.
Um auf andere Gedanken zu kommen stand er auf und holte aus einem der Regalfächer und Stoffkisten seinen Pyjama und tauschte seine Klamotten. Dabei bemerkte Billy den Verband um das verletzte Bein, ebenso wie die violett-schwarzen Blutergüsse auf der Brust. »Autsch«, kommentierte Billy die Verletzungen und blickte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
Doch Steve winkte ab, zog sich schnell Hose und Oberteil an und kehrte auf die Couch zurück. Elegant zauberte Billy sein Schlafzeug aus der Ritze und drapierte Kopfkissen und Decke ordentlich. Dankbar schlüpfte Steve darunter, automatisch legte Billy seinen Arm um den athletischen Körper des Commanders. Er gab ihm einen intimen Kuss in den Nacken und hauchte: »Ich liebe dich, schlaf gut.«
»Ich dich auch, Billy«, gab Steve zur Antwort und schloss zufrieden die Augen. Binnen kürzester Zeit war er eingeschlafen und atmete ruhig und entspannt in Billys schützender Umarmung. Auch dieser war wie auf Knopfdruck ins Land der Träume eingetaucht. Soldaten konnten jederzeit und überall schlafen, aber wehe jemand unbefugtes näherte sich ihrem Bett …

Mit einem zischenden Pfeifen schoss die Rakete vom Tragflügel des Hubschraubers in Richtung des zweiten Humvees. Die Soldaten sahen die Gefahr kommen und brüllten laute Befehle, ehe sie sich in Deckung warfen und Schutz vor der Explosion suchten. Mit einem gezielten Rums traf die Rakete zwischen Fahrzeugunterboden und Wiese ein. Die Explosion brachte auch diesen militärischen Hummer dazu, sich aufs Dach zu legen.
Instinktiv warf sich Steve über ihren Gefangenen, um ihn vor Verletzungen zu schützen, schließlich hatten sie Order bekommen Anton lebend zu fangen und sicher auf amerikanischen Boden zu bringen, wo die CIA ihn mit Kusshand übernahm. Splitter des zerstörten Fahrzeugs flogen in alle Himmelsrichtungen wie Schrapnellgeschosse davon und ein paar trafen auf Steves Oberschenkel. Ein heißes Brennen und der Stich des Schmerzes traf ihn im Hirn, sodass er nur knapp mit dem Wangenmuskel zuckte, ehe das Adrenalin freigegeben und seinen Körper flutete. Ohne den Schmerz weiter zu spüren oder gar die Verletzung zu beachten stemmte er sich schwungvoll in die Höhe und riss Anton am rückwärtigen Kragen seiner Schutzweste hinauf. Keine Sekunde wollte er den Mann aus den Augen lassen.
Da um sie herum das heillose Chaos, aus durch die Luft fliegenden Bleigeschossen und explodierenden Handgranaten bestehend, ausgebrochen war und selbst der Helikopter fleißig dabei war die Amerikaner in Schach zu halten, wusste Steve sofort, dass er auf dem Dach des vollgepanzerten Trucks für den Hubschrauber und die Koreaner am Boden wie auf dem Präsentierteller stand. Deswegen dirigierte er Anton knurrend zuerst auf die breite Motorhaube und von dort aus zum schlammig gewordenen Untergrund. Ehe Steve ebenfalls aufsetzte, wollte Anton flüchten, in der Hoffnung einen Vorsprung zu haben, aber gegen den weitaus besser trainierten und auch größeren Navy-SEAL konnte Anton nicht gewinnen, sodass er keine Sekunde später wieder im festen Griff des Mannes war. »Wohin des Weges, Anton?«, fragte Steve mit gereizter Stimme. Daraufhin schwieg der Gefangene.
Etwas unschlüssig, was er nun mit diesem tun sollte, drehte sich Steve auf der Wiese. Direkt neben dem ausgewichenen Truck lag das brennende Wrack des ersten Fahrzeugs in dem leider zwei der Deltas überrascht worden waren und im Feuer umgekommen. Der Truck selbst war bis auf seine Kameraden die Blake versorgten und schützten geräumt, da alle anderen im Schatten der großen Militärfahrzeuge versuchten den Hinterhalt niederzuschlagen, in den sie so unverhofft geraten waren. Wo konnte Steve Anton also unterbringen? Die dringende Frage sorgte dafür, dass eine steile Falte über seiner Nase auftauchte. Flucht war keine Option, da das umliegende Feld bis auf kleinere verteilte Steine, absolut null Deckung bot. In einer weitaus besseren Umgebung hätte Steve durchaus seine Kameraden allein gelassen, weil die Sicherung des Gefangenen oberste Priorität war. Er musste lebend zum Militärflughafen kommen und wenn er sich mit diesem alleine durch die wilden Landstriche Südkoreas kämpfen musste, mit einer Horde wildgewordener Anhänger des Mannes auf den Fersen.
Da aber diese Option komplett ins Wasser fiel, hatte Steve einen Geistesblitz und wollte Anton deswegen im dritten Humvee unterbringen. Würde der Helikopter diesen ebenfalls zu Schrott sprengen, hätten sie ihren Anführer umgebracht. Zwar hätte Amerika dann ihren Gefangenen verloren, aber die Koreaner ihren Boss ebenfalls.
Steve hatte sich eben in Bewegung gesetzt und Anton vor sich hergetrieben, wie ein dummes Vieh, als er hinter sich das Nachladen einer AK47 hörte. Das war keine der Präzisionswaffen der Amerikaner, sodass in seinen einfrierenden Adern weiteres Adrenalin rauschte. Reflexartig wandte sich Steve um und riss Antons wehrlosen, aber mit Schutzweste ausgestattetem Körper, vor seinen eigenen und sah wie erwartet ins dunkel maskierte Gesicht eines der Koreaner.
»Gib mir den Gefangenen und du bleibst am Leben!«, schrie der Typ in seiner Landessprache in Steves Richtung.
»Knall ihn einfach ab!«, brüllte stattdessen Anton zur Antwort und versuchte sich wütend aus dem Griff des Soldaten zu winden, doch Steve riss ihn mit einem einzigen, harten Ruck zurück. »Schnauze!«
In Richtung des Angreifers gab er ihm eine harte, aber ehrliche Antwort auf dessen Muttersprache. »Senk deine Waffe und ich lasse Anton am Leben.«
Der Typ schnaubte verächtlich, weil er ganz genau wusste, dass Steve nichts weiter tat, als zu bluffen. Wenn die USA so bereitwillig den Tod des Mannes in Kauf nehmen würde, hätten sich die Navy-SEALs nicht die Mühe gemacht Anton mit einer ausgeklügelten Aktion gefangen zu nehmen, sondern ihm vor Ort eine Kugel in den Kopf gejagt. Es ärgerte den Commander, dass die Typen genau das wussten. Deswegen zielte er auch nicht mit seinem Sturmgewehr auf Anton, sondern auf den Koreaner. Würde er einen Moment falsch zucken, würde Steve ihm den gar aus machen.
In dieser Gefahrensituation hätte er durchaus sofort schießen können, aber er hoffte darauf, dass der Kerl klug genug war und sich ergab. Es wäre eine Kugel weniger, die Steve an diesem Tag verschwendet hatte. Auch der Typ schien darauf zu warten, dass er sich regte, weil auch er nicht auf den Commander schoss, zumal dieser auch noch Anton vor sich gezogen hatte, um ihn als menschliches Schutzschild zu missbrauchen. Das war zwar nicht gerade nett, aber was die Terroristen machten, konnte Steve ebenfalls tun.
Diese abwartende Situation, wer zuerst nachgab oder den Abzug drückte, inmitten des heißen und lauten Feuergefechts, schien der Mittelpunkt einer ruhigen, schweigsamen Zone zu sein. Das Blut rauschte dem Commander eng durch den Körper und das Klopfen seines Herzens war mehr als deutlich zu vernehmen. Seine Atmung ging stoßweise und teilweise auch angestrengt. Irgendwo explodierte eine Handgranate und inmitten dieser Anspannung stolperte mit einem Mal Freddy in die Szene. Ob er nach weiteren Gegnern Ausschau hielt oder Steve suchte, um ihm Feuerschutz zu geben, konnte Steve absolut nicht nachvollziehen. Das einzige, was der Commander in diesem Moment wahrnahm, war die Kleidung eines amerikanischen Soldaten und brüllte ihn unvermittelt in Grund und Boden. »Nein! Nein! Nein! Zurück!« Er hoffte so sehr, dass er sich schleunigst aus der Schussbahn bewegte.
Mitten in seinem Vorwärtstrieb blieb Freddy tatsächlich stehen und für einen Bruchteil der Sekunde schien die Welt stillzustehen, dann eröffnete der Koreaner, seine Chance nutzend, das Feuer und traf Freddy mit einer ordentlichen Salve in die Seite seiner Schutzweste. Stöhnend wurde er einen Moment zur Seite geworfen, ehe ihm die Beine nachgaben und er im Schock gefangen zu Boden fiel. Der dumpfe Aufprall hallte merkwürdig hohl in Steves Kopf wieder. Geschockt, dass es ausgerechnet seinen besten Freund erwischt hatte, riss sich Steves Blick von ihm los, fixierte den Koreaner und ohne nachzudenken oder dem Kerl die Chance zu lassen, ein weiteres Mal auf Freddy zu schießen, krümmte er den Finger am Abzug und schickte den Kerl in die ewigen Jagdgründe. Hinter ihm sah er das Wegspritzen von Blut und Gehirnmasse, als es mitsamt des zertrümmerten Schädels davonflog.
Den Griff um Antons Schutzweste hatte er längst gelockert, aber nachdem die Gefahr das Angreifers gebannt war, warf er den Gefangenen achtlos von sich ins Gras und eilte wir traumatisiert auf Freddy zu. »Komm schon, Freddy, bleib bei mir!«, versuchte er den Soldaten bei sich zu behalten, der angestrengt japsend atmete. Blut quoll ihm aus der Eintrittswunde unter der Achsel hervor, dort wo keine Schutzweste lag. Zwei andere Kugeln hatten sich jedoch in die Weste gebohrt und hatten schlimmeres offenbar verhindert. Automatisch, als hätte jemand einen Schalter bei Steve umgelegt, agierte er routiniert und tat alles in seiner Machtstehende, um Freddy zu verarzten. Nebenbei rief er über Funk ihren Feldsanitäter herbei, der ihm vorerst ein paar zusätzliche Anweisungen gab.
Erst als es aussah, als wäre sein Kamerad stabil und es fehlte nur noch an T-Bones magischen Händen, hob Steve seinen Kopf, um zu überprüfen wo Anton sich herumtrieb, den er absolut vergessen hatte.
Ein alarmierter Stich ging ihm durch die Brust, als er ihn in diesem Moment am Bein eines erschossenen Deltas nesteln sah, der dort eine Pistole im Halfter trug.
»Anton!!«, brüllte Steve instinktiv quer über die Wiese zum Truck herüber und stand auf. In der Hoffnung schneller bei Anton zu sein, als dieser die Waffe gezogen hatte rannte er zu ihm herüber.
Mit einem Mal, verstärkt dank der knienden Bewegung bei Freddy, schoss ihm ein brennend heißer Schmerz vom rechten Bein ins Gehirn und nahm ihm kurzzeitig den Atem. Der Länge nach glitt er auf der schmierigen Grasnarbe aus, die sich dank der Schießerei und dem zuvor gefallenen Regen in ein Schlammfeld verwandelt hatte. Steve brauchte zu lange, um den Schmerz niederzukämpfen und klar bei Sinnen zu sein. Als er es schaffte sich endlich aufzuraffen, um sich hochzurappeln, sah er Antons triumphierendes, schmieriges Grinsen und eine entsicherte Waffe in den gefesselten Händen haltend. Etliche Schüsse, mehr als Steve je genutzt hätte, lösten sich aus dem kurzen Lauf und trafen allesamt in Steves Weste ein. Von der Wucht nach hinten gerissen, fiel er haltlos, rückwärts zu Boden. Ein stechender harter Schmerz machte sich von seinem Hinterkopf aus bemerkbar und deutlich verringerte sich seine Sicht. Der Kopfschmerz war so überdeutlich, dass er nur stumm den Mund öffnete. Seinem Körper willenlos ausgeliefert und den multiplen Schmerz kaum noch verarbeitend lag er da und konnte sich nicht rühren.
Sein Verstand versuchte noch immer zu begreifen, was so eben passiert war. Was war hier abgelaufen?
Sein Körper war kurz davor in die bodenlose Schwärze zu sinken, als er Antons süffisant grinsendes Antlitz entdeckte, dass über ihm stand. Während er sich langsam zum Commander herunterbeugte, fielen ihm Strähnen seiner wirren, ansatzweise fettigen Frisur ins Gesicht und die grünbraunen Augen blitzten von Triumph. Die warme Mündung, der frisch abgefeuerten Pistole drückte sich ihm unangenehm an die Schläfe und Antons Zähne blitzten Raubtierhaft entgegen. »So ein Pech, Steve, dabei hätte ich dich gerne näher kennengelernt.«
Dann betätigte Anton den Abzug, doch bis auf ein helles, leeres Klicken kam nicht von der Pistole. Auch ein zweiter versuchter Schuss blieb erfolglos. »Ups«, entfuhr es dem Waffenschieber mit enttäuschter Stimme. Er betrachtete die Pistole mit dem leergewchossenen Magazin.
Steve der bis eben Todesängste ausgestanden hatte und sein Herz vor rasen schier aus der Brust springen wollte, konnte das nicht begreifen. War er etwa schon tot ohne es mitbekommen zu haben? Tat der endgültige Schuss nicht weh? Aber warum fühlte er sich dann so erschlagen? Müsste es einem nicht besser gehen, wenn man gestorben war?
Die bizarren Gedanken im Kopf steigerten das Schwindelgefühl und die Kopfschmerzen, sodass Steve endgültig verwirrt war. »Glück gehabt!«, knurrte Anton mitleidlos und pfefferte die Waffe beiseite. Nur langsam sickerte ihm ein, was da passiert war. Was Anton vorgehabt hatte und was so eben gescheitert war. Wie knapp er dem wirklichen Ende entkommen war. Glück. Er hatte Glück gehabt. Dieses verdammte bisschen Glück, dass kein Soldat fassen konnte und doch jeden Mal traf und Haarnadel-Entscheidungen traf, ob der Tod oder das Leben regierte. Es war wieder einer dieser Momente in dem die frisch ausgebildeten Soldaten mit dem Gott-Komplex daran erinnert wurden, dass nicht sie unsterblich waren, sondern das Glück darüber entschied. Steve hatte diesen Ah-ha Moment schon vor längerem gehabt, doch so unverhofft erneut mit dem Glück zu konfrontieren war …
Etwas rüttelte den Steves Schulter und er brummte etwas unverständliches. Es klang ein wenig wie ›Das gehört nicht zur Erinnerung‹ und versuchte denjenigen loszuwerden.
»Steve!«, rief eine wohlbekannte Stimme voller Panik und Schrecken, sodass Steve den Überblick endgültig verlor. Billy …?
»Komm schon, Steve, wach auf verdammt!«
Japsend und weiterhin total verwirrt schreckte Steve endlich in die Höhe und wäre beinahe mit dem Kinn seines Freundes kollidiert. Ihre Umgebung war stockdunkel, nur ein fernes, trübes Licht schimmerte vor dem Fenster. Orientierungslos blickte sich Steve um. Wo zur Hölle war er? Wo waren die Fahrzeuge? Was war mit Korea geschehen?
Langsam zeichneten sich die Inneneinrichtungen von Billys Zimmer bei seiner Mutter auf Hawaii ab und allmählich beruhigte sich der harte Pulsschlag in seiner Brust. Erschöpft und bis auf sie nackte Haut nassgeschwitzt krallte er sich an Billy und weinte. Er konnte nicht mehr an sich halten und ließ seiner Tränen freien Lauf.
Auch wenn es dem Lieutenant mehr als deutlich unter den Nägeln brannte, was für einen Altraum, Schrägstrich Flashback, Steve so eben heimgesucht hatte, ließ er ihm die Zeit, die er brauchte und strich ihm immer wieder trösten durch Haar – ohne die Platzwunde zu berühren – und über den Rücken.
Allmählich kehrte Ruhe in Steve ein und die Tränen ließen nach.
»Was hast du erlebt?«, wollte Billy mit seiner sanften Stimme wissen.
Steve wusste, er konnte ehrlich sein. Billy war bei ihm und würde ihn beschützen. Mit stockender, von Schniefern unterbrochene Stimme brachte er es über die Lippen, dass Anton im Begriff gestanden hatte, Steve in die ewigen Jagdgründe zu befördern, wäre das Magazin des Soldaten nicht leer gewesen.
Stumm lauschte Billy den Worten und musste hart schlucken. Die Emotionen nicht zu hart an sich herablassend, drückte er Steve noch enger an sich. »Jetzt bist du in Sicherheit, Steve. Dir wird nie wieder jemand so weh tun.«
Dankbar diese Worte zu hören, nickte er lautlos und ließ Billy keine Sekunde los.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast