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Dezembernacht

von Akhem
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteÜbernatürlich / P12 / Gen
Versengold
04.01.2022
04.01.2022
1
1.936
 
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Delacroix gefiel ihr nicht.
Er hatte sie schon den ganzen Tag über mit seiner Zappelei verrücktgemacht. Wie konnte dieser Mann so viel Energie haben, wenn er immer noch mit seinen Wunden rang? Sie sah seine zitternden Hände und seufzte in sich hinein.
Am Anfang hatte wohl nur die schwere Verwundung verhindert, dass er sie angriff oder fortrannte, um an Branntwein zu kommen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie er zitternd, schwitzend und stöhnend auf der einzigen Bettstatt in der Hütte gelegen hatte und sie sich keinen Reim darauf machen konnte, weil er keinen Wundbrand hatte. Wie er in die Hörselberge geraten war, schwer verwundert blindlings vorantaumelnd wie ein Tier, das einen ruhigen Platz zum Sterben suchte, das würde ihr für immer ein Rätsel oder ein Wunder höherer Mächte bleiben.
Viele Soldaten brauchten ihr tägliches Quantum Branntwein, um zu vergessen, was sie erlebt hatten. Dessen war sie sich bewusst. Aber sie hatte ihm nichts zu geben. Die Beeren, die sie hier oben fand, aß sie gleich auf, selten genug blieb etwas zum Trocknen übrig. Sie hatte nichts, was sie zum Vergären erübrigen konnte und ein Destilliergerät besaß sie erst recht nicht. So musste er sich wie sie mit bloßem Wasser begnügen, aus der einzigen Quelle in den Hörselbergen, deren Geheimnis sie so eifrig bewachte, weil ihr Überleben davon abhing. Niemand im Tal wusste, dass es hier oben Wasser gab - aber sie wussten auch nicht, dass sie noch lebte. In die Täler hinabzusteigen, um Alkohol zu erhandeln - was hätte sie schon im Gegenzug anzubieten gehabt? - hätte für sie beide das Todesurteil bedeutet, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Für ihn wegen Desertation. Er hatte, als er halbwach mit seinen Wunden kämpfte, etwas von Napoleon gemurmelt und dieser Name war selbst in ihre Waldeinsamkeit gedrungen. Und sie - es war gerade dreißig Jahre her, dass die letzte Hexe im Bayerischen zum Tode verurteilt worden war. Die Dörfler hatten vor ihrer Flucht sehr deutlich gemacht, dass sie kurzen Prozess mit ihr machen würden. Neue Gesetze hin oder her, wenn das ganze Dorf schwieg - und das würden sie - würde kein Gericht von ihrem Tod erfahren.
Mit erstaunlich wenig Murren hatte er sich in ihre karge Existenz gefügt. Wenn er fortging, würde er das nicht überleben, jagte sie ihn fort, so würde er sie sicherlich verraten - so hatten sie sich beide mal mehr, mal weniger willig dieser Schicksalsgemeinschaft ergeben. Waldbeeren, Pilze, Wildpflanzen, ab und an mal ein Hase. Viel war es nicht, was sie mit ihm teilen konnte. Schon für eine Person hatte es kaum gereicht und der Winter war lang... schon Niederwild zu jagen wagte sie nur selten. Wenn jemand die Fallen fand und zur Jagd auf Wilderer blies, wäre ihr Schicksal besiegelt.
Sie hatte geglaubt, dass er allmählich vom Teufelswasser loskam, jetzt aber saß er wieder am Fenster. Nun ja, am Loch in der Wand. Wo hätte sie Glas herbekommen sollen oder auch nur Schweineblase zum Aufspannen. Unruhig starrte er in die Nacht hinaus.
Energisch drückte sie sich an ihm vorbei, fasste nach den selbst gebastelten Läden und schloss sie zu.
"Schluss! Bett!"
"Bett?" er meckerte wie eine Ziege. Natürlich, das verstand er. Tisch, Bett, Stuhl, Licht, Essen, solche Wörter verstand er mittlerweile, aber warum er bei Nacht nicht die Fensterläden auflassen sollte, das konnte sie ihm nicht erklären. Es gab Abmachungen in diesem Wald, wie es sie in allen Wäldern gab. Stillschweigende, doch dadurch nicht weniger bindende Abmachungen. Bei Tag konnte sie sich unbehelligt bewegen und an Essbarem einsammeln, was sie fand, auch wenn sie selbstverständlich Respekt zu zeigen hatte, wenn sie die Höhle betrat, in deren Tiefen die Quelle verborgen war. Die Venushöhle. Die Höhle der Teufelin. Sie hatte so ihre Ansichten darüber, wie teuflisch die Dame war, die über diese Quelle wachte. Hätte sie ihr nicht ihre Gunst geschenkt, würde sie nicht mehr leben, so viel war sicher. Ging die Sonne unter, dann endete die Zeit der Menschen im Wald. Wer die Jenseitigen bei ihren Geschäften störte, den straften sie so, dass er es kein zweites Mal versuchte.
Bett. Sie schnaubte. Als ob ihr danach der Sinn gestanden hätte. Sie hätte ihn wohl haben können, wenn sie die ganze Arbeit gemacht hätte - gewiss, er war noch immer nicht gesund, aber Männerkörper hatten in dieser Hinsicht häufiger etwas seltsame Prioritäten - aber was Mannsbilder anging, war ihr der Appetit gründlich, ja auf ewig vergangen. Auch sie war einmal ein hübsches junges Mädchen mit dem Kopf in den Wolken gewesen, das gern die Geschenke des Gutsherrn annahm, hier ein buntes Band für die Schürze, da einen Kamm. Ein Mädchen mit einem hohlen Kopf voll wilder Träume, die glaubte, sie sei die Eine, die der Herr ehrlich liebte. Ohne einen Moment des Zögerns hatte er sie fortgeschickt, als sie ihm ihren wachsenden Bauch vorzeigte - und ohne einen Moment des Zögerns hätte er sie zum Richtschwert geschickt, als ihre gemeinsame Tochter sechs Wochen zu früh und tot geboren worden war. Sie lebte nur noch, weil sie geflohen war, bevor die Büttel sie ergreifen konnten. Ihr drehte niemand mehr ein Balg an!
Delacroix schaute schon wieder zum Fenster hin, obwohl er jetzt nicht mehr nach draußen schauen konnte. Seine Hände schienen ein Eigenleben zu entwickeln, rangen und kneteten einander, während sein starrer Blick sich nicht von der Stelle rührte.
"Les chevaliers gris...", murmelte er. Was das heißen sollte, wusste sie nicht. Er hatte sich schon wochenlang schiefgelacht angesichts der Mühe, die sie mit seinem Namen hatte - Delakwaa! Delakwaa! rief er dann, schlug sich auf den Schenkel und klang wie ein Rabe mit schiefem Schnabel dabei. Immerhin amüsierte er sich.
Kopfschüttelnd räumte sie den Tisch ab. Was immer er jetzt schon wieder hatte. Die zweite Holzschale, die sie für ihn geschnitzt hatte, als klar war, dass ein Geschirr auf absehbare Zeit nicht mehr ausreichen würde, hatte schon wieder einen Riss - also war ihr Versuch, sie mit einer Mischung aus Baumharz und feinen Hobelspänen zu kitten, nicht von Erfolg gewesen. Sie würde eine neue schnitzen müssen. Dazu musste sie erst einmal ein ausreichende großes Stück totes Holz finden. Eine Säge hatte sie nicht und ihr einziges Messer war schon so stumpf. Sie war nur mit dem, was sie am Körper trug geflohen. Also hatte sie auch keinen Schleifstein.
Ob die Weihnacht schon vorüber war? Von hier aus konnte man nicht sehen, ob drunten im Tal etwa Nachts die Lichter zur Mitternachtsmesse brannten und noch wurden die Tagen nicht spürbar länger...
Sie erstarrte. Les chevaliers gris. Chevalier, hieß das nicht Ritter oder Reiter? Nur wenige der hohen Herrschaften, die sich auf die Reise etwa nach Weimar zum Hofe Herzog Carl Augusts machten, machten in diesen abgelegenen Tälern Halt. Aber sie meinte sich vage zu erinnern, dass vor einigen Jahren ein Franzose dabeigewesen sei, der ebenjenen Titel führte.
Rasch schob sie die Schalen zur Seite und ging zu Delacroix. "Wovon redest du da?"
Er sah sie überrascht an, öffnete wohl auch den Mund, aber seinem Gesichtsausdruck war zu entnehmen, dass ihm die Worte fehlten - wenigstens jene, die sie verstehen würde.
"Pferde?" fragte sie flüsternd. "Reiter?" Sie musste vorsichtig sein. Zu genau über sie zu reden, rief sie herbei, gerade in diesen Nächten. Sie wusste nicht, wo Delacroix stationiert gewesen war, bevor er auf diesen Feldzug geschickt worden und letztendlich desertiert war. Wenn er am Rhein eingesetzt worden war, hatte er vielleicht ein paar Worte aufgeschnappt...
Langsam nickte er. "Les morts..." er schluckte schwer. "Les morts furieux."
Jetzt hörte sie es auch.
Hufgetrappel. Schnell klappernde Hufe wie von Pferden im gestreckten Galopp.
Delacroix fingerte wieder einmal an seinem Kreuz herum. Es war ein eigenartiges Ding und musste einst ein Beutestück gewesen sein - der obere Teil mit der Aufhängeöse war abgebrochen, vielleicht, als er es jemandem entrissen hatte.
Nur die Querbalken und der untere Teil des Längsbalkens hingen noch zusammen. Er hatte ein Lederband um das untere Ende geknotet und trug, was von dem Kreuz übrig war, kopfüber, wie ein umgedrehtes T. Es war aus schwerem ziselierten Silber und hätte sicherlich noch gutes Geld eingebracht, selbst in dem erbärmlichen jetzigen Zustand. Sie hatte nie verstanden, warum er es nicht versetzt hatte.
Jene rennenden Hufe wurden lauter.
Also waren sie das Ziel.
Die Hütte würde ihnen nicht standhalten. Eine Brettertür hielt die Wilde Jagd nicht auf. Fließendes Wasser vielleicht. Tote konnten es nicht überqueren.
Sie mussten zur Tür hinaus, bevor ihr einziger Fluchtweg versperrt war. Sie mussten zur Quelle.
Sie war flink. Sie konnte es vielleicht schaffen. Aber Jean ging immer noch am Stock mit seiner Beinwunde, die einfach nicht heilen wollte...
"Jean!" zischte sie. Die Hufschläge wurden lauter. Sie glaubte schon das Hecheln der Hunde, das Krächzen der Krähen hören zu können - oder konnte sie das tatsächlich? Waren sie so schnell, schon so nah?
"Nimm deine Krücke mit!"
Sie konnte nicht sehen, wie mühsam er sich hochkämpfte, dazu war es zu dunkel, aber sie hörte wohl das schlecht unterdrückte Zischen, als er das verletzte Bein belastete.
Sie waren zu langsam. Sie waren zu schnell.
Aber sie musste es doch wenigstens versuchen.
Sie fiel vor ihm auf die Knie. "Halt dich fest! Ich nehm' dich huckepack."
Jetzt brauchte sie den Stock als Stütze. Auch wenn ein Ast keine Hunde in die Flucht schlagen würde - wenigstens diese Art Hunde nicht.
Schwer auf den Gehstock gestützt taumelte sie zur Tür hinaus. Jean auf ihrem Rücken biss mit einem hörbaren Knirschen die Zähne zusammen, als sie nach seinem verletzten Bein griff. Aber sie musste ihn festhalten, damit er ihr nicht vom Rücken rutschte.
Die Bäume ragten um sie herum nur als verschwommene schwarze Schemen auf, aber sie wusste, zur Quelle musste sie hangabwärts. Hier oben gab es ohnehin keine Wege.
Fuß. Fuß. Stock. Fuß. Fuß. Stock. Immer nur an den nächsten Schritt denken. Nicht ans Ziel, das unerreichbar schien. Nur so kam man voran.
Nur so hatten sie eine Chance.
Jeans Atem neben ihrem Ohr ging schwer.
Dann tobten sie um sie herum, Schatten und Knochen gewordener Sturm. Die Krähen schrien nun über ihr. Ein Hund schnappte nach ihren Beinen. Ein Reiter rief ihn mit einem scharfen Pfiff zurück. Pferdeleiber, Menschenbeine jagten an ihr vorbei.
So schnell, wie die wilde Jagd sie verschlungen hatte, spie sie sie auch wieder aus.
Wo Jeans verletztes Bein an ihrer Seite anlag, war ihr Kleid voll nasser Wärme. Sein Körper hing schwer und schlaff auf ihrem Rücken.
Die wilde Jagd tobte ins Tal hinunter. Doch einer, der vorderste Reiter, blieb stehen und wendete sein Pferd: die Meute umspülte ihn wie Wellen um einen Stein, bevor sie ihn zurückließ.
Er musste vor langer Zeit gefallen sein. Er ritt auf dem bloßen Pferderücken und führte keine Waffen außer einem blitzenden Speer. Die reichen Goldbeschläge am Zaumzeug seines Pferdes aber zeigten ihr, dass er einmal ein Krieger von hohem Rang gewesen sein musste.
Sie wagte nicht, zu ihm aufzusehen. Der Blick eines Uniridischen konnte einen Menschen zu Staub werden lassen und etwas ganz Anderes an seine Stelle setzen.
Er ließ ihr keine Wahl.
Sein Befehl war stumm, doch duldete er keine Widerwehr. Langsam, widerstrebend, hob sie den Blick, der aus einem einzelnen, tief in den Schatten liegenden Auge erwidert wurde.
Dann drehte auch er ab.
Sie bebte am ganzen Leib. Das Klappern ihrer Zähne war jetzt das einzige Geräusch inmitten der Stille. Jetzt war auch ihr Rock nass.
Sie sank zu Boden. Ließ Jeans schlaffe Glieder endlich los. Stieß seine Krücke in die Erde, lockerte sie, kratzte die losen Brocken fort. Sie würde ihm ein Grab graben. Eines, auf dem nie ein Kreuz stehen würde.
Die Dörfler hatten sie eine Hexe genannt.
So sollten sie eine haben.
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