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Nebelfee

von Akhem
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteLiebesgeschichte / P12 / Het
Versengold
04.01.2022
04.01.2022
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Malte blinzelte gähnend in das schwache Sonnenlicht. Automatisch tastete er auf die andere Bettseite hinüber. Sie war leer.
Elif war wohl schon Vögel gucken gegangen. Aber es war doch noch so früh. Naja, dafür musste man Frühaufsteher sein.
Diese Tourabschlussparty musste eine verdammt gute gewesen sein. In seinem Kopf herrschte völlige, restlose, gähnende Leere.
...Kaffee. Er brauchte einen Kaffee. Der würde sein Hirn schon wieder auf Touren bringen.
Schwerfällig tappte Malte in die Küche und zog einen Becher aus dem Schrank.
Elif hatte eine neue Kaffeemaschine gekauft, während er weg war. War die alte kaputtgegangen? Und natürlich hatte er keinen blassen Schimmer, wie er diesem Ding das ersehnte braune Manna entlocken sollte. Es. War. Verdammt. Noch. Mal. Zu. Früh. Zum. Denken. Besonders ohne Kaffee!
Sie wusste doch, dass er diese „kann alles von Latte Macchiato bis Weltherrschaft“-Mistdinger mit drei Millionen kryptischen Knöpfen hasste! Ein Ein/Aus-Knopf, eine Filtertüte oben rein, das war sein Ding und seine vertraute Welt. Aber die war verschwunden.
Malte schaute auf seine Füße hinab. Es war auffällig still an seinen Füßen. Normalerweise terrorschreimaunzte Pancake nach ihrem Frühstück, sobald einer ihrer Menschen auch nur einen Finger rührte.
Hatte ihre verfressene flauschige Hoheit heute tatsächlich mal ihr eigenes Frühstück verpennt? Das passierte ihr doch sonst nie.
Er tappte ins Wohnzimmer hinüber, erwartete, dass er die dicke Katze an ihrem Lieblingsschlafplatz, dem schwarzen Plüschbett direkt unter der Heizung, finden würde.
Aber Pancake war nicht da.
Sie hatten doch noch eine Katze. Leo. Er war sich ganz sicher, dass sie zwei Katzen hatten... aber wieso spuckte sein Hirn dann nur Bilder von Leo oder Pancake aus, nie von beiden zusammen? Malte schüttelte den Kopf. Er wurde heute Morgen einfach nicht richtig wach.
Er schaute auf den leeren Becher in seiner Hand. Kaffee. Er brauchte Kaffee. Und Frühstück.
Malte riss die Kühlschranktür auf und fand... eine Tube Senf und eine braune Brille.
Probehalber setzte er sich die Brille auf.
Jetzt sah er viel besser.
War das seine Brille? Seit wann hatte er eine Brille?
Und was machte die Brille bloß im Kühlschrank?
Malte schaute in den leeren Kühlschrank. Hoffentlich ging es Elif gut. Sie vergaß doch sonst nie einzukaufen. Oder war sie gar im Krankenhaus? Er versuchte sich zu erinnern, ob Elif gestern Abend im Bett gelegen hatte, als er heimkam. Aber egal, wie sehr er sich anstrengte, sein Hirn spuckte keine Antwort aus. Aber wenn Elif etwas passiert wäre, dann hätte sie ihm doch Bescheid gesagt. Per Handy.
Kaffee. Er brauchte Kaffee, verdammt. Und diese verfluchte Kaffeemaschine war ihm ein Rätsel.
Seufzend hielt er seine Kaffeetasse unter den Hahn und trank das Leitungswasser, um den unangenehmen Geschmack in seinem Mund zu vertreiben.
Elif war bestimmt nur Vögel gucken. Sie war doch ständig am Strand. Immer noch. Obwohl sie ihren Platz an der Uni längst in den Ruhestand verlassen hatte – in ihrem Fall wohl eher in den Unruhestand. Elif. Seine Elfe. Seine Nebelfee. Immer mit Hummeln im Hintern.
Am Besten ging er zum Strand hinunter. Da würde er Elif schon finden. Und der Seewind würde ihm diesen verdammten Nebel aus dem Hirn pusten. Mann, mussten sie gestern Abend gebechert habe. Wie war er überhaupt wieder nach Hause gekommen?
Er würde sie bestimmt auf dem halben Weg nach Hause treffen, so lang, wie er geschlafen hatte. Dann konnten sie zusammen einkaufen gehen, Kaffee, Katzenfutter und was zu futtern für sie beide. Vielleicht konnten sie sogar noch einen Zwischenstopp in dem kleinen Strandcafé machen, das so tollen Kuchen hatte, und dort einkehren.
Er riss die Haustür auf. Scheiße, war das kalt. Und stürmisch. Steife Brise. Prompt drehte er sich wieder um. Er musste sich einen Mantel anziehen. Und am besten auch direkt eine Jacke für Elif mitnehmen. Wie er sie kannte, hatte sie ihre mal wieder vergessen und fror sich lieber ihren hübschen Hintern ab, als zurückzugehen und ein paar Viecher bei Sonnenaufgang zu verpassen.
Neben der Garderobe stand ein silberfarbener Rollator.
An den Haken hing eine braune Jacke, die nur ihm gehören konnte – seine Elfe wäre darin versunken – und sonst: nichts.
Wo waren Elifs Sachen? Und von wem war der Rollator? Von seiner Oma? Aber die konnte ihren kaum hier vergessen haben. Ohne kam sie doch nicht mehr zum Auto.
Malte hob die Hand. Stellte seine Kaffeetasse auf dem Tischchen im Flur ab.
Seine Hand war verschrammt. An den Fingerknöcheln klebte verschmiertes getrocknetes Blut. Er musste gestürzt sein. Auch wenn er sich nicht mehr erinnern konnte, wann und wo.
Egal. Er musste zum Strand. Das war irgendwie ganz wichtig.
Vielleicht sollte er den Rollator mitnehmen. Und dann mal bei seiner Nachbarin vorbeischauen. Vielleicht war das ja ihrer. Auch wenn er sich zum Affen machen würde, so ein junger Kerl mit einem Rollator.
Mann, taten ihm die Knochen weh. Hatte er sich auf der Bühne langgelegt?
Malte sah auf den Rollator hinunter, den er da vor sich herschob und lachte überrascht in sich hinein. War wohl ein Spaßgeschenk von seinen Kollegen gewesen. Denen konnte so was einfallen, zum Geburtstag, um ihn als alten Sack dastehen zu lassen. Zum... Vierzigsten? Aber ein bisschen – aber auch nur ein ganz klein bisschen! - hatten sie Recht. Sein Rücken zwiebelte ordentlich vor sich hin.
Elif. Er musste Elif abholen. Seine Frau war bestimmt schon am Strand. Vögel gucken. Er hätte fast Grund gehabt, auf die Flatterviecher eifersüchtig zu sein... aber nur fast.
Langsam lief er an den großen Schaufenstern vorbei, deren Anblick in seinem Hirn vage Bilder von Tischen und Stühlen auf dem Bürgersteig, von Kaffee und echt gutem Kuchen hinaufdämmern ließ. Jetzt aber waren die Fenster mit Packpapier und alten Zeitungen verklebt. Hatte das Strandcafé zugemacht? Schade. Elif hatte den Karamellkekscappucino doch so gemocht, den sie hier machten. Und er den gedeckten Apfelkuchen.
Wieso mussten Deiche auch so hoch sein. Und so hässlich. Dieser hier war sogar asphaltiert. Malte hätte geschnaubt, hätte er die Luft dazu gehabt, aber er brauchte sie, um sich im Schneckentempo den Deichweg hinaufzukämpfen. Wann war er so alt geworden?
Es war ja schon ganz hell... oder wurde es schon wieder dunkel? Alles war so verschwommen. Malte fasste sich ins Gesicht. Nein, seine Brille trug er. Hatte er die falsche auf?
Hatte er Elifs Lesebrille aufgesetzt? Wurde er schon tüdelig? Aber das konnte nicht sein. Elif war doch... Elif war...
Er musste in Hamburg anrufen. In der Friedhofsgärtnerei. Ob da alles ok war. Ob sie das Grab auch in Ordnung hielten. Und Fahrkarten kaufen. Für ihren Hochzeitstag. Wenn er mit dem Rollator bloß in den Zug kam. Aber Autofahren ging definitiv nicht mehr.
Er schüttelte den Kopf und blinzelte in die Sonne.
Hatte er mit versoffenem Kopf mal wieder verschlafen.
Er musste sich beim Strandcafé Kuchen einpacken lassen, bevor er nach Hause ging. Als Entschuldigung für seine Elfe.
Elif war bestimmt schon längst wieder auf dem Weg nach Hause. Wahrscheinlich hatten sie sich bloß verpasst. Vorsichtshalber würde er trotzdem nachschauen.
Er wusste ja, wo sich Elif am liebsten mit ihrem Fernglas und ihrem Klemmbrett hinstellte. Er kannte den leicht versteckt gelegenen Platz in den Dünen. Er wusste, dass ihre Studenten sie wegen des Klemmbretts aufzogen. Warum sie denn nicht einfach ein Tablet mitnähme. Elektrizität störe die Vögel, behauptete Elif steif und fest. Und überhaupt. „Ich bin in Rente. Ich muss gar nichts. Den Hightechkram können Andere machen.“
Ihr dunkelgrüner Faltstuhl stand nicht mehr neben der Düne. Schade. Dann war sie schon weg.

Hier hatte sie immer gesessen... hier war sie ihm so nah. So schön, so schmerzhaft nah. Mühsam schob der alte Mann seinen Rollator durch die Dünen. Mit jedem Schritt drohten die Räder im Sand einzusinken. Er war müde. So müde. Er musste sich ausruhen. Nur einen Moment hinsetzen und die Augen zumachen... er hatte ja Zeit. Zuhause wartete niemand mehr auf ihn.
Der Seewind strich ihm durch die weißen Haare. Er blieb stehen, löste eine Hand vom Rollator, um sich die Strähnen wieder aus dem Gesicht zu streichen. Genau hier hatten sie sich kennengelernt... Gerade von der Tour zurück, platt, aber zu aufgedreht um gleich schlafen zu gehen, war er in den Dünen spazieren gegangen und hatte sie, völlig in seinen Gedanken verloren, fast über den Haufen gerannt.
Später – sehr viel später, wenn er die Geschichte ihres Kennenlernens schon fast ritualisiert erzählte – hatte er es gern auf den Restalkohol geschoben, dass jene so plötzlich den Morgennebeln entstiegene Fee ihm nicht die Sprache verschlagen hatte, sondern ihn stattdessen anstatt eines simplen „Entschuldigen Sie bitte“ dazu gebracht hatte, Elif vollzutexten und ihr seine halbe Lebensgeschichte zu erzählen, bevor er das erste Mal wieder Luft holte. Elif hatte bewundernswerte Geduld mit diesem wirres Zeug quasselnden Alman vor ihrer Nase bewiesen, statt die Flucht zu ergreifen – was er vollkommen verstanden hätte – und er dankte bis heute den Göttern dafür. Sie hatte ihm erzählt, dass sie an der Uni Hamburg Ornithologie studierte – die Universität schickte jedes Jahr einen ihrer Studenten hoch an die Küste, um dort die Vögel im Wattenmeer zu zählen. Üblicherweise bewohnten sie in dieser Zeit eine Wohnung im Dorf, Elif aber fuhr jede Nacht von Hamburg aus hoch, um bei Sonnenaufgang an der Küste zu sein, und mittags wieder zurück. Ihr Dienstjahr hatte gerade erst begonnen.
Von da an entwickelte er eine plötzliche und ihm völlig unerklärliche Neigung zu frühmorgendlichen Spaziergängen.
Er hielt brav den Mund, wenn sie sich zum Vögelzählen konzentrieren musste, hörte sich endlose Vorträge über Schnabelformen an, weil er sie einfach gern anschaute, wenn sie von etwas sprach, für das sie brannte. Er erzählte ihr die alten friesischen Sagen, die ihm einst seine Oma erzählt hatte, wenn er noch nicht schlafen gehen wollte. Sie zankten sich die Köpfe darüber heiß, ob Meerjungfrauen aus einer Kombination von Seekühen und kurzsichtigen Matrosen entstanden waren oder nicht – er sprach über die Arbeit, die Lieder, die Touren, sein Leben, über nichts besonderes und doch alles, was ihn bewegte. Ihm fiel auf, dass sie wenig über ihre Familie redete, obwohl sie noch zuhause wohnte, trotz der langen Fahrten, die sie sich damit auferlegte – und dass sie sich nicht überreden ließ, ihn einmal zuhause zu besuchen, auch dann nicht, als sie sich schon viele Wochen kannten und die Morgen am Meer immer dunkler und kälter wurden.
„Der Anstand“, sagte sie entschuldigend, nach einer längeren Pause, so als hätte sie nach diesem Wort erst suchen müssen, und sah ihn dabei nicht an. Er fragte nicht wieder. Als die Sonnenaufgänge spät genug wurden, dass das Strandcafé dann schon offen hatte, brachte er ihr Kaffee mit, so wie sie ihn mochte – Cappuccino mit Haselnusssirup und extra Koffeinshots.

Dann verschwand sie. Ohne Abschied, ohne Vorwarnung. „Ich weiß, du kannst es nicht verstehen, aber ich hoffe, dass du mir irgendwann verzeihen kannst.“ Malte hatte die Messengernachricht erst nicht zuordnen können, es war Wochen her, dass er ihr seine Handynummer gegeben hatte und sie hatte sie nie benutzt.
Sein plötzlicher Hang zu frühmorgendlichen Spaziergängen verschwand so plötzlich, wie er gekommen war.
Zehn Wochen dauerte es, bis sie ihn wieder anschrieb. Bloß ein: „Wie geht es dir?“, doch die förmlichen, vorsichtigen Nachrichten wichen schnell der alten Vertrautheit.
Als er sie fragte, weshalb sie so plötzlich verschwunden war, kam nur: „Mein Vater hat etwas geahnt“ - Was geahnt? - und Stunden später: „Es tut mir Leid. Du bist nun einmal kein Muslim. Am Ende musste ich gehorchen.“
Vier Jahre lang hatte er um seine Frau geworben. Ohne einen einzigen Kuss, ohne Händchenhalten, später, als die Familie Bescheid wusste, ganz selten Treffen an einem öffentlichen Ort, immer mit Mutter oder Tante als Anstandswauwau. Als nicht nur Nicht-Muslim, sondern dazu noch Musiker, der auf Mittelaltermärkten die Vorzüge oder zumindest die Folgen ausgiebigen Alkoholkonsums ebenso besang wie demonstrierte, war er nicht gerade der Lieblingskandidat seines Schwiegervaters gewesen.
Nun gut, das war eine Untertreibung. Eine heftige.
Elif hatte auf ihre Weise klargemacht, dass für sie feststand: Malte oder keiner. Seinen Kollegen hatte sie später lachend erzählt, wie sie beim traditionellen Kennenlern-Kaffeetrinken den Bewerbern stets kräftig versalzenen Mokka serviert hatte – sogar dem Sohn des Imams, mit dem der Vater sie so gern gesehen hätte. Malte hatte geahnt, dass es auch eine andere Seite gegeben hatte, mit mehr Druck, mit Vorwürfen – aber sie hatte nie darüber gesprochen.
Am Ende hatte Elif den dickeren Schädel bewiesen. Einen Imam zu finden, der sie traute, ohne dass er konvertieren musste, erwies sich als auswegloses Unterfangen, und so hatte er nach vier langen Jahren seine Braut zum ersten Mal vor einer Schlaftablette von einem Standesbeamten, der es nicht einmal hinbekommen hatte sein Hemd zu bügeln, geküsst – und es nie bereut.

Er streichelte über den Sand, kämmte das raue Dünengras mit seinen Fingern. Hier war seine Heimat, hier gehörte er hin. Hier hatte sein Leben begonnen. Hier sollte es auch enden. Nein, das Krankenhaus mit dem Geruch nach Plastik und Desinfektionsmittel war nichts für ihn. Am Ende zählte die Qualität der Tage mehr als deren Zahl, zumindest für ihn.
Er wollte wieder zurück zu ihr, zu seiner Elfe, seiner Nebelfee. Das Warten wurde ihm so lang.

Genau hier hatte er sie gefunden. Zusammengesackt wie eine Marionette, deren Fäden man durchgeschnitten hatte. Das Fernglas noch in der Hand. „Es ging sehr schnell“, hatten die Ärzte gesagt. „Der Riss in der Ader war groß. Das Blut hat sehr schnell ihr Gehirn geflutet. Sie muss sehr schnell bewusstlos geworden sein. Sie hatte keine Schmerzen. Es ist gut möglich, dass sie gar nicht mehr gemerkt hat, dass sie gerade stirbt.“ Sie hatten versucht, ihn zu beruhigen und das Gegenteil erreicht. Er kannte die alten Geschichten von den Wiedergängern, von den verlorenen Seelen. Wenn sie nicht mehr hatte begreifen können, dass sie starb, was, wenn sie deshalb hier feststeckte? Wenn sie nicht verstand, dass sie tot war? Schrie ihr Geist ihm vielleicht gerade ins Gesicht und verzweifelte daran, dass er ihr nicht antworten konnte?
Er hatte sie in Hamburg begraben lassen. Hier war das Grundwasser zu hoch. Seine Elfe sollte nicht im Nassen liegen.

Er sank zurück in den Sand. Ihm fielen die Augen zu. Es war kalt. Ob sie gefroren hatte, damals? Das war alles so lange her...
Wie durch dicken Nebel hörte er Kinderlachen, Hundegebell. Diese Touristen immer.
Es wurde hell und warm und sein Körper war plötzlich ganz leicht.
Da war seine Elfe ja endlich.
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