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Phönixtochter

von Akhem
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
Subway to Sally
04.01.2022
04.01.2022
1
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Triggerwarnung für Transphobie und Suizidgedanken.

Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als sie hier ankam. Lilablaues, zunehmend gedämpftes Licht hatte die Straßen und Gassen ihrer Kindheit mit trügerischer Schönheit übertüncht. Sie hatte keinen Blick dafür gehabt, war nur dankbar gewesen für die heraufziehende Dunkelheit, für alles, was sie gnädig verbarg.
Jetzt stieg die Morgenröte den Horizont empor. Wäre es nicht so neblig gewesen, vielleicht hätte sie nicht nur die Sonne, sondern den Morgenstern, die Venus, aufgehen sehen können.
Die Windschutzscheibe war beschlagen. Ihr taten die Füße weh und erst jetzt, wo sie daran dachte, fiel ihr auf, dass sie fror.
Wen wunderte es. Sie war ja nicht mehr die Jüngste.
Sollte sie sich das wirklich antun? Hineinzugehen?
Sie dachte an den vollen Kanister im Kofferraum, den sie sechshundert Kilometer zuvor an einer Tankstelle befüllt und bar bezahlt hatte. Würde diese Vorsichtsmaßnahme ausreichen, um die Spur von ihr abzuwenden, wenn sie ihren Entschluss umsetzte?`An den Tankstellen gab es doch mittlerweile überall Videoüberwachung, der vielen Überfälle wegen. Darauf war sie garantiert zu sehen.
Wieviele Jahre würde sie bekommen, rein theoretisch? Sie war nicht vorbestraft. Ein paar Knöllchen für zu schnelles Fahren, ja, aber das war Jahre her, und Ordnungswidrigkeiten wurden ja relativ schnell wieder aus dem Register gelöscht. Ob Bewährung noch möglich sein würde? Immerhin würde sie ausschließlich Sachschäden anrichten. Das Haus stand noch nicht lange leer und so gottverlassen wie diese Gegend war, konnte sie sich nicht vorstellen, dass jemand eingestiegen war. Jedenfalls nicht um zu bleiben.
Sie hätte das Strafmaß vielleicht nachschlagen können.  Nicht im Smartphone - sie wusste, wie leicht das nachverfolgbar war - aber sie hätte in einer Bibliothek in die Gesetzbücher schauen können. Heutzutage waren die Bibliothekare nicht mehr so streng und ließen einen oft auch herein, wenn man keine Mitgliedskarte vorzuweisen hatte. Aber dafür war es jetzt zu spät.
Jetzt konnte sie die Frage nur noch mit sich selbst ausmachen.
Wie viele Jahre war sie gewillt dem Arschloch zu opfern?
Sie hatte ja wahrscheinlich selbst nicht mehr viele.

Sie war zurückgeschreckt vor sich selbst, vor der kalten Genugtuung, mit der sie den Körper im offenen Sarg betrachtet hatte.
Still. Endlich still.
Die eisblauen Augen mit diesem unendlich kalten starren Blick, der alles in ihr erschaudern, alles um sie herum gefrieren ließ, würden sich nie wieder öffnen. Der schmale Mund würde sich nie wieder zu einem höhnischen, verächtlichen Lächeln verziehen, wenn er auf sie herabblickte. Er würde nie wieder auf sie herabblicken. Jetzt war sie es, die auf die stille, ausgemergelte Gestalt im Sarg hinabschaute.
Sie gehörte noch zu einer Generation, die ihre schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit wusch.
Sie hatte darauf hingewiesen, dass ein Urnengrab kleiner sein würde, preiswerter, pflegeleichter. Ihr Cousin und seine Kinder hatten sich leicht überreden lassen. Da stand bald schon das nächste Enkelkind ins Haus, das Geld konnten sie auch anderswo gut gebrauchen. Und wer würde denn schon ständig nach dem Friedhof rennen für den.
Die Kosten für die zweite "Feier" im Krematorium hatte sie dem Bestatter bar in die Hand bezahlt. Ihre Rente war gut und sie brauchte nicht viel, sie konnte sich so etwas leisten und wollte es in diesem Falle auch. Sie hatte sehen wollen, wie der Sarg ihres Stiefvaters in die Flammen gefahren wurde. Weg, endlich, endgültig weg. Nur eine Blechdose voll Asche war übriggeblieben.
Er war fast hundert geworden. Manche Menschen waren so giftig, die wollte der Tod nicht haben. Sie hatte sechsundsiebzig werden müssen, um ihn zu überleben, um frei von ihm zu sein. Aber sie hatte es geschafft. Selbst mit ihrem "Problem", das alle Prügel dieser Welt nicht hatten auslöschen können.
Sie hatte erwartet, sich frei zu fühlen, friedlich, als sich die Ofentür hinter ihm schloss.
Aber die innere Unruhe war nicht verschwunden.
Würde sie verschwinden, wenn sie das Haus niederbrannte? Würden mit dem Ort ihrer Kindheit auch ihre Erinnerungen in Flammen aufgehen?
Sie bezweifelte es. Aber was sollte sie sonst noch versuchen?

Sie öffnete die Autotür. Erbrach sich in den Rinnstein. Angelte nach der Taschentuchpackung im Türfach und der Wasserflasche auf dem Beifahrersitz und spülte sich den Mund aus.
Wieso fuhr sie nicht einfach? Ein paar Stunden und sie könnte an diesem tollen Parkplatz direkt hinter dem Deich stehen, den sie kurz vor der dänischen Grenze entdeckt hatte. Sie könnte den Schafen beim Blöken zuhören und den salzigen Seewind schnuppern. Was kümmerte sie es, was mit dem Haus passierte? Sollte es eben verfallen.
Sie stieg trotzdem aus. Ging auf weichen Knien den Gartenweg entlang, aus dessen akkurat geharkten Kies sich schon die ersten Unkräuter nach dem Sonnenlicht streckten. Der Anblick vermochte es tatsächlich, ihr ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Die Natur zögerte nicht, sich zurückzuerobern, was ihr gehörte.
Vor der Haustür hielt sie inne. Drehte sich noch einmal. Sie hatte ja den Benzinkanister vergessen, sie Dummerchen.
Mit dem Kanister in der Hand fühlte sie sich stark genug, um aufzuschließen.
Knackend drehte sich der Schlüssel im Schloss. Prompt schlug ihr Muff entgegen - es war erst ein paar Tage her, dass ihr Stiefvater ins Krankenhaus gekommen war, aber so alte Häuser verziehen einem schon wenige Tage ohne Lüften nicht. Sie riss das Flurfenster auf.
Die Türmatte war neu. Die Tapete im Flur war dieselbe, die im Rahmen der Wiederaufbauarbeiten in den Fünfzigern angebracht worden war. Im schräg einfallenden Licht sag man gut die Stellen, an denen die Bahnen überlappten. Heute tapezierte man auf Stoß.
An der Garderobe hing ein brauner Mantel, der nach altem Mann roch. Auf der Matte am Boden standen zwei Paar Herrenschuhe, beides Budapester, einmal schwarz, einmal cognacfarben, mit Schuhspannern darin. Auf der Hutablage lag ein olivgrüner Filzhut mit sich deutlich abzeichnenden Schweißrändern.
War er auf seine alten Tage doch noch nachlässig geworden.
Sie verrückte die schmale Telefonkommode. Ihr Umriss zeichnete sich blendend hell auf der vergilbten Tapete ab. Mit ihren Fingernägeln zog sie die Tapetenkanten nach.
Da waren sie, die kleinen, blutigen Fingerabdrücke. Sie hatte mit dem Stahllineal auf die Finger bekommen, weil sie den Leimtopf umgestoßen hatte. Sie hatte kein Pflaster holen dürfen, bevor sie weiter mithalf.
Er hatte sie eine Memme genannt.
Es hätte eine schlechte Erinnerung sein sollen. Im richtigen Licht sah man die feinen silbernen Linien auf ihren Händen immer noch, aber sie hatte Glück gehabt, sie waren viel weniger sichtbar als die vernarbten Striemen auf ihrem Po.
Stattdessen fühlte sie grimmige Genugtuung. Sie hatte nicht gelogen. Egal, wie oft ihr das eingedrillt worden war. Sie hatte nicht gelogen. Sie hatten gelogen. Das hier war wirklich passiert. Die Spuren waren da. Sie konnte es beweisen.
Auch wenn sie es niemandem mehr beweisen konnte. Musste?
Sie ging durch die Küche, strich über die braunen Furnierfronten, die abgewetzte Resopalplatte an der Anrichte. Nichts hier war ersetzt worden, nachdem es zum ersten Mal angeschafft worden war, egal, wie sehr es verschliss.
Sie stellte sich das Wohnzimmer vor, wie es in den Sechzigern gewesen war - damals wurde man ja erst mit einundzwanzig volljährig. Die massige Wohnwand mit den gelbgerauchten Spanplatten. Den dottergelben Teppichboden, den faltenfrei zu spannen so unendlich viel Mühe gekostet hatte. Die braunen Samtsessel, die Esstischstühle mit den Sitzschalen aus transparentem Plastik. Die massige Musiktruhe, ganzer Stolz ihres Stiefvaters, auf die er so lange gespart hatte, mit Tonbandgerät und Plattenspieler. Die Aschenbecher. Aschenbecher überall, aus schwerem Glas, avocadogrüner und tabakbrauner Keramik, vergilbtem Plastik.
Sie zog sich einen Stuhl von der "Frühstücksbar" heran. Atmete tief ein und aus. Schaute ihren Händen zu, die über der Resopalplatte zitterten.
Was nützte es noch. Tat sie sich hiermit nicht nur selber weh?
Sie konnte ihre Gedanken nicht aufhalten, die ganz automatisch die Treppe hinaufstiegen, in die obere Etage, in die Schlafzimmer, in der Arbeitszimmer ihres Stiefvaters. Wie hatten sich diese Räume verändert? Hatten sie sich überhaupt verändert? Oder würde sie auch dort von dem Gedanken überwältigt werden, dass dieses Haus festgefroren war in der Zeit, gefangen gehalten in einem Augenblick, in dem er jeden Moment zur Tür hereinkommen konnte, in dem sie vielleicht plötzlich an sich herunterblicken und Lederhosen und gestrickte Kniestrümpfe sehen würde?
Ob es dort oben noch lag?
Sie konnten den Platz genau vor sich sehen, auch nach all den Jahren noch: Ganz oben auf dem Mahagonischrank, in dem er seinen Brockhaus aufbewahrte. Das geflochtene braune Leder mit all den extra Knoten, die er hineingeknüpft hatte, damit jeder Schlag besonders weh tat.
Sie erbrach sich neben ihrem Stuhl auf den Küchenboden.
Ob es brüchig geworden war, jenes braune Leder? Glanzlos? Ob es dort oben Käfer gab oder Maden, die es zerfressen hatten? Würde es zu Staub zerfallen, wenn sie es in die Hand nahm, wie ein böser Traum, der beim Aufwachen verblasste?
Sie dachte an den Krematoriumsofen. Wie sie zugesehen hatte, wie der Sarg darin verschwand. Sie hatte ganz sicher sein wollen, dass er endgültig weg war. Nie mehr wiederkommen würde.
Sie wollte auch ganz sicher sein, dass es weg war.
Systematisch begann sie die Küchenschränke zu durchsuchen, bis sie in der Besteckschublade auf eine angebrochene Schachtel Streichhölzer stieß.
Sie riss ein Streichholz an und ließ es, sobald es brannte, in den Küchenausguss fallen. Also funktionierten sie noch.

Sie sah die Räume und sah sie doch nicht. Sie starrte, bis sich ihre Augen unscharf stellten, hielt ihren Geist am Plätschern des Benzinkanisters fest. Es bestand kein Grund, in die oberen Räume zu gehen; wenn das Erdgeschoss erst einmal kräftig brannte, würden die Flammen schnell auch auf den zweiten Stock übergreifen.
Als der Kanister immer leichter wurde, kehrte sie in den Flur zurück und goss eine letzte, lange Spur zur Haustür hinaus. Ob die Polizei einen Sachverständigen hinzuziehen würde? Der dann Brandbeschleuniger finden würde? Das Haus stand in der Mitte des Nirgendwo, beruhigte sie sich. Sie hatte gute Chancen, dass das Feuer nicht bemerkt wurde, bis es bis zu den Grundmauern abgebrannt war und dann würden wohl die meisten Spuren vernichtet sein. Außerdem, es gehörte ihr. Was einem gehörte, das durfte man auch zerstören- oder?

Es war so einfach. So ein leises Ratschen, so eine kleine Flamme.
Sie ließ das Streichholz fallen, in den akkurat geharkten Kies hinein, in die kleine Benzinpfütze. Dann trat sie einen Schritt zurück.
Um den jungen Löwenzahn tat es ihr Leid. Aber auch nur um den.
Sie blieb, bis die Flammen aus den Fenstern schlugen. Bis von der weißen Synthetikspitze der Gardinen nur noch Stäubchen über waren.
Dann fuhr sie davon und sah nicht zurück.

Fünf Stunden und ein paar hundert Kilometer später steht sie auf jenem Parkplatz am Deich. Vielleicht wird sie heute Abend noch einen Spaziergang machen, sich die Schafe ansehen, die Wellen, aber jetzt tun ihr die Beine weh. So lange sie hier nur eine Nacht lang steht, macht ihr die Polizei keinen Ärger, das weiß sie mittlerweile.
Sie kurbelt das Fenster hinunter, lässt die Salzwasserluft und die Möwenschreie hinein. Andere hätten jetzt vielleicht mit einem Piccolo angestoßen. Aber sie verweigert selbst Rotweinsauce. Sie weiß, würde sie sich irgendetwas erlauben, das den Schmerz ein paar Momente lang dämpft, würde sie danach süchtig werden. Sofort.
Ihr steht der Sinn nach einem unschuldigeren Zeitvertreib.
Sie greift ins Handschuhfach hinüber und holt das Tablet und das kleine Solarladegerät heraus. Sie heftet das Ladegerät mit routinierten Bewegungen mithilfe der eingearbeiteten Magnete ans Autodach und setzt das verkabelte Tablet in die Halterung auf dem Armaturenbrett. Sie versucht, dabei nicht auf ihre Hände zu schauen. Sie sind so grob, so klobig, so durch und durch undamenhaft.
Sie ist zur Nomadin geworden, seit sie in Rente ging. Sie hat noch eine winzige Wohnung im Rheinischen, mit ein paar Erinnerungsstücken und selten genutzten Möbeln als Notanker, falls, wenn sie nicht mehr kann - so realistisch ist sie und muss sie sein - aber ansonsten hat sie sich in ihrem Autochen ganz wohnlich eingerichtet. Der Fahrersitz ist leidlich bequem, auch wenn sie seit ein paar Monaten zusätzlich eine Luftmatratze für die Rückbank hat. Sie wird ja auch nicht jünger. Ein Benzinkocher dazu und eben das Tablet und das Ladegerät. So lässt es sich leben. Es gefällt ihr, jeden Tag woanders zu sein.

Sie hat Videos über die Behandlungen gesehen, die ihr Leiden lindern könnten. Oft. Sie kennt jedes Detail, was weggeschnitten, was zurechtgenäht, was von außen nach innen gedreht werden müsste. Was bei der Nachsorge zu beachten ist. Ab wann sie wieder Auto fahren dürfte.
Vielleicht ist auch das ein Grund, warum sie im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Generation die moderne Technik so bereitwillig, ja begierig angenommen hat, auch wenn sie merkt, wie ihr das Lernen mit jedem Jahr schwerer fällt: weil sie sich so eine Welt von Informationen erschließen konnte, nach der einen Bibliothekar oder einen Buchhändler zu fragen sie sich niemals getraut hätte. Nicht dass die Bibliotheken überhaupt Bücher zu derlei Themen gehabt hätten, als sie jünger war.
Aber jetzt will sie Ablenkung anstatt darauf gestoßen zu werden, was für sie unerreichbar ist.

Leise ächzend greift sie unter den Fahrersitz und zieht die Kosmetiktasche hervor, in der keine Schminke steckt, sondern ein Paar Stricknadeln, Nadelstärke drei, zweieinhalb Knäuel Wolle - weiß, mit in den Faden eingearbeiteten kleinen Bommeln - und ein halb gestrickter Schal.
Sie hat das Stricken erst vor ein paar Monaten gelernt. Sie hat es sich ganz allein beigebracht, nur mit Videoanleitungen aus dem Internet. Wenn sie strickt, muss sie sich konzentrieren, dann kann sie an nichts anderes denken. Das tut ihr gut.
Sie hat schon eine ganze Plastiktüte voller Strickschals im Kofferraum. Im Internet hat sie ein Projekt gefunden, das arme Kinder mit gestrickten warmen Sachen versorgt, zu Weihnachten wird sie die Werke dorthin senden. Sie fühlt sich besser, wenn die Wolle nicht verschwendet wird.
Vielleicht, überlegt sie, wird sie sich demnächst einmal an einer Mütze versuchen. Sie weiß schon jetzt, dass das Rippenbündchen sie zur Verzweiflung treiben wird, sie wird sich immerzu verzählen und wieder auftrennen müssen, aber die Herausforderung wird gut für sie sein. Die Schals werden zu leicht für sie.
Sie ruft das Videoportal auf dem Tablet auf, wischt durch ihre Favoritenliste, bis ihre bevorzugte Handarbeitslehrerin auf dem Bildschirm erscheint. Das junge Fräulein sieht ein bisschen wild aus, mit Tätowierungen bis auf die Finger hinunter und in jedem neuen Video hat sie eine neue Haarfarbe. Aber sie klingt nett. Manchmal stellt sie sich vor, sie könnte eine gute Freundin sein - oder vielleicht eher eine Nachbarin, angesichts des Altersunterschieds. Jemand, den man  zu einer Tasse Kaffee einladen und dann ein Weilchen miteinander schwätzen kann.
Sie hat überlebt. Sie hat ihn überlebt, denkt sie und schaut auf ihre Hände hinunter, die so zittern, dass ihr fast die Maschen von der Nadel rutschen - und wie ärgerlich wäre das! Sie hat sechsundsiebzig Jahre alt werden müssen, sie, das Russenkind, vor dessen Gesicht die eigene Mutter floh, weil sie dem Vater so ähnlich sah, sie, die der Stiefvater ein Hurenkind nannte, ausgerechnet, immer wieder, als ob ihre Mutter etwas dafür gekonnt hätte, es war doch damals allen passiert, sie hat die heiße Seifenlauge überlebt und die Bocksprünge, mit denen ihre Mutter sie nicht loswurde, sie zur Welt bringen musste - aber hat sie gelebt?
Sie hat sich informiert, ins Detail, etliche Male, seit das anonym möglich ist. Sie kennt die Stationen des Weges, den sie gehen müsste. Die Begutachtungen vor den Ärzten, der Termin vor dem Richter.
Die beiden verpflichtenden psychiatrischen Gutachten wären unter den ersten Stationen.
Sie hat Erfahrungsberichte gelesen, weil natürlich kein Gutachter seine Fragenlisten veröffentlicht. Sie weiß, welche Fragen mit hoher Wahrscheinlichkeit gestellt werden würden.
Ob sie schon einmal Verkehr hatte. Nein - heute würden sie Sex sagen. Sie selbst hat das Wort noch nie in den Mund genommen.
Wie es geschehen sei. Wie sie sich dabei gefühlt habe. Ob sie sich selbst berühre. Ob sie Fantasien habe, würde der Arzt wissen wollen und sie könnte ihm von dem leuchtend gelben Sommerkleid mit den großen Blumen erzählen, das sie in einem Katalog gesehen hat, von den Riemchensandaletten aus geflochtenem weißen Leder, einer großen Sonnenbrille, der Strandpromenade in Rimini, dem Wind in ihrem Haar. Ihr Haar war noch nie lang genug, um im Wind zu wehen und doch glaubt sie ganz genau zu wissen, wie sich das anfühlen würde. Aber er würde ja meinen: im Bett.
Sie kommt noch aus einer Zeit, in der eine wohlerzogene junge Dame über solche Dinge nicht sprach.

Sie schaut hinunter auf ihre Hände, die die Stricknadeln halten. So grob. So klobig. So männlich.
Sie will weinen. Aber Männer weinen nicht, wurde ihr beigebracht.
Sie will würgen vor Ekel über diesen fremden Körper. Aber sie hat heute Morgen schon alles ausgebrochen.
Sie denkt an ihr Gesicht, das sie bis heute nicht im Spiegel erkennt. Falsch, falsch, alles falsch, das ist nicht sie. In jedem Moment, ob sie sitzt, ob sie geht, ob sie liegt, ist da immer etwas falsch, ist da etwas, das da nicht hingehört. Sie denkt an den kleinen Silberring, der im Reserveradfach ihres Autos liegt - Kleider zu kaufen hat sie sich nie getraut, aber bei einem Ring könnte sie behaupten, dass jemand anderes ihn dort zufällig verloren hat - den sie manchmal ansteckt und bewundert, wie er im Sonnenlicht schimmert. An das Mikrofaser-Reisekissen, das sie sich manchmal unter das Hemd schiebt, wenn sie in der Mitte des Nirgendwo campiert und das sich richtiger anfühlt, aber nicht richtig.
Sie wird nie Riemchensandaletten tragen. Nie in jenem leuchtend gelben Sommerkleid über die Strandpromenade laufen.
Sie hat überlebt. Sie hat ihn überlebt. Aber frei ist sie dennoch nicht und wird es nie sein.
Sie hat zu lange gewartet.

Und der Drang, es zu beenden, alles zu beenden, damit nur das Leiden aufhöre, wird übermächtig. Sie ist mit dieser Art Gedanken intim vertraut, kennt sie seit der Jugend, noch bevor sie erkannte, was sie so leiden ließ und was sie war und was nicht: und so entwirft ihr gequält aufschreiendes Hirn auch jetzt eine ganze Palette an Szenarien. Wie sie sich die Stricknadeln in die Augenhöhlen rammt. Wie sie ihren Kulturbeutel öffnet und die Klinge aus dem Rasierhobel nimmt. Wie sie das Auto startet und Gas gibt, immer schneller, bis sie eine Wand findet oder einen Baum. Wie sie die Autotür hinter sich zuwirft, die Schlüssel im Wagen lässt und ins Watt hineinwandert, immer weiter dem Wasser entgegen, bis es kein Zurück mehr gibt.
Wäre das denn so eine schlechte Art zu sterben? An einem Ort, den sie mag, mit den Schreien der Möwen, dem Rauschen der Wellen, dem Blöken der Schafe in den Ohren? Wäre es nicht ihr gutes Recht, wenn sie keine Aussicht auf Linderung hat, die es gäbe, die möglich wäre, die ihr aber bewusst verwehrt wird von einer Phalanx gesichtsloser Bürokraten, die sich an ihrem Leiden ergötzen oder denen es schlicht egal ist?
Sie berührt den Schlüssel, den sie versteckt unter ihrem Pullover an der Kette um ihren Hals trägt. Er passt zu der feuerfesten Dokumentenkassette im Handschuhfach.
Sie hat auch ein Testament machen wollen, aber der Bestatter hat ihr gesagt, das reiche nicht. "Die Testamentseröffnung ist erst Wochen nach dem Tod, da sind Sie schon längst unter der Erde, für Anweisungen zur Bestattung ist das der falsche Platz, machen Sie eine Bestattungsverfügung und lagern Sie sie so, dass sie nicht wegkommen kann und auf jeden Fall gefunden wird.". Also so, denn auch in ihrem Wohnklo wird sicher niemand rechtzeitig schauen, und was, wenn sie einen Unfall hat und das Auto ausbrennt?

In Berlin sind sie alle ein bisschen verrückt, hat sie sich gedacht und in Berlin hat es tatsächlich geklappt.
Sie hatte erst angerufen. Vierhundert Kilometer weit war sie gefahren bis zu einem Ort, von dem sie sicher wusste, dass es dort noch Telefonzellen gab, und hatte von der Telefonzelle aus angerufen, damit man den Anruf nicht mit ihrem Handy in Verbindung bringen konnte. Sie frage für eine Freundin, hatte sie behauptet, obwohl sie sicher war, dass das Zittern in der Stimme sie verriet. Sie nannte ihren Namen nicht. Ob man unter einem anderen Namen begraben werden könne als dem, der im Pass stand, hatte sie gefragt.
Der Bestatter hatte Ja gesagt.
Die Erinnerung hat sich eingebrannt, wie sie auf diesem Bürostuhl saß, zitternd wie Espenlaub und mit schwitzenden Händen, bereit, aufzuspringen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, wenn er sie verachten würde, wie Verachtung in den Augen aller Anderen stand, wenn sie über eine redeten, die so war wie sie. Vor sich den Bestatter, den sie ausgewählt hatte, weil sie im Internet etwas von einem Inhaberehepaar Herr und Herr gelesen hatte. Ihm und nur ihm gegenüber hatte sie bekannt, wer sie wirklich war.
Frau Holtkamp. Sie erinnerte sich genau daran, wie flüssig er die Anrede gewechselt hatte, ohne Zucken, ohne Zögern. Sie hatte dieses Frau Holtkamp in ihrem Herzen eingeschlossen wie ein verborgenes Juwel und lange, lange davon gezehrt.
Sie würde als Renate Viktoria begraben werden, nicht als Hans-Peter. In einem anderen Leben hätten ihre Schulfreundinnen sie vielleicht Vicky genannt.

Ihr Leben konnte nicht richtig sein. Ihr Tod – vielleicht. Musste ihr das Hoffnung genug sein?
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