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Fallstudie einer Kamelie

Kurzbeschreibung
OneshotÜbernatürlich / P12 / Gen
Tsubaki / Who is Coming?
02.01.2022
02.01.2022
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[A/N: Ich habe es leider Gottes verpasst, diesen Oneshot an Tsubakis Geburtstag hochzuladen, aber immerhin wird mein Fanfiktion.de Profil heute fünf Jahre alt, also gibt es wenigstens irgendeinen Anlass.
Diese Fanfiktion hält sich nicht wirklich an canon, hauptsächlich deshalb, weil ich die neueren Kapitel selbst nicht allzu genau bzw. überhaupt gelesen habe und verhältnismäßig wenig über Tsubaki als Charakter weiß. (Es ist nicht direkt ein AU, eher eine Idee, die ich ganz interessant finde, auch, wenn sie in canon nicht zwangsläufig Sinn ergibt.) Es finden sich allerdings trotzdem Referenzen und Spoiler zu... nun ja, seiner Vergangenheit, das heißt, sowohl die Flashbacks aus Greed Arc, als auch Band 14/15 und alles, was danach erwähnt wird.
Diese Fanfiktion ist allerdings aus einer Idee heraus entstanden, die von etwas kommt, das Hyu in Band 3 oder 4 (ich gebe zu, ich erinnere mich nicht mehr) gesagt hat (und von dem ich nicht weiß, ob es bisher in canon aufgelöst wurde, unter anderem deshalb die Anmerkung, dass sich dieser Oneshot nicht an canon hält). Was genau das ist? ...lest selbst. ^^
Entschuldigt dieses recht lange Vorwort, ich bin jetzt still. Viel Spaß beim Lesen.]

_____________________________


An jenem Tag hatte es geschneit.

Das war das erste, woran er sich hatte erinnern können. Um ihn herum war nur eine kalte, schwere Dunkelheit, die ihn vollkommen einnahm, und jeden anderen Gedanken sofort verschluckte. Das einzige, was zu ihm durchdrang, war der klare, scharfe Geruch, und die Erwartung, die kalten Flocken auf seiner Haut zu spüren. Nein… die Hoffnung, eine Hoffnung, dass er noch fühlen konnte, denn sein gesamter Körper fühlte sich taub an, als wäre er gerade aus einem langen Schlaf aufgewacht, und als würde sein Körper nicht mehr zu ihm gehören. Und seine Erwartung, seine Hoffnung auf den Schnee blieb aus.

Jetzt, Jahrhunderte später, fand er sich zum ersten Mal wieder in dieser Dunkelheit wieder. Eine allumfassende Dunkelheit, die ihn kaum einen Gedanken fassen ließ, abweisend, kalt und einsam, und doch auf eine schmerzhafte Weise tröstlich. Und er fragte sich, ob er den kühlen, nassen Schneeregen auf seinem schwarzen Fell tatsächlich spürte, oder ob er es sich nur einbildete, weil er mit jeder Faser seines Körpers daran glaubte. Vermutlich war es letzteres.

Er versuchte, die Augen zu öffnen, um zu sehen, ob er recht hatte, wohl wissend, dass es ihm nicht gelingen würde. Und doch sah er. Bilder, Szenen, die sich langsam aus der Dunkelheit herauslösten wie ein Polaroidfoto, Geräusche, die zunächst seine Ohren kaum erreichten, und mit jedem zitternden Atemzug ein wenig lauter und klarer wurden, bis er ausmachen konnte, was sie bedeuteten. Es waren keine zusammenhanglosen Klänge, es waren Worte. Worte, gesprochen von einer vertrauten Stimme, die er schon so lange nicht mehr gehört hatte.

Das erste, was er sah, als er die Augen öffnete, waren die schweren, weißen Flocken gewesen. Die Flocken, die ihm bestätigten, dass seine anderen Sinne ihn nicht getäuscht hatten. Und für einen Sekundenbruchteil war das alles, was er wissen wollte, alles, was er wissen musste. Für diese kurze Zeit war alles gut.

Es dauerte einige Herzschläge, bis er den Rest seiner Umgebung registrierte. Bis er bemerkte, dass er den Schnee nur durch ein Fenster hindurch sah. Bis er bemerkte, warum er ihn nicht gespürt hatte, dass er in einem Haus war. Bis er bemerkte, dass er sich nicht erinnern konnte, wie er hierher gekommen war.

In einer anderen Situation hätte er vielleicht anders reagiert, aber hier war dieser Gedanke nur ein sinnloses Gedankenspiel, nicht mehr als die verblassende Erinnerung an einen Traum. Er konnte kaum seine Umgebung erfassen, geschweige denn, seine Situation, und schon gar nicht seine Umstände. Vor seinen Augen tanzten weiterhin weiße Flecken, als er sich langsam aufrichtete, selbst, als er sich längst vom Fenster abgewandt hatte.

„Guten Morgen.“

Hätte er schneller reagieren können, hätte er es mit Sicherheit getan, doch in seinem aktuellen Zustand wurde sein Zusammenzucken nur zu einem langsamen Sich-umdrehen, als die Stimme sein Bewusstsein erreichte. Unter normalen Umständen hätte es ihn verunsichert, herauszufinden, dass er in dieser Situation nicht allein war, aber so fühlte es sich aus irgendeinem Grund beruhigend an. Als hätte ein Teil von ihm, den er selbst nicht kannte oder benennen konnte, es längst gewusst, und nun bestätigt gefunden.

In einer anderen Ecke des Raumes, nur wenige Schritte von ihm entfernt, stand eine Person, die er nicht kannte. Er trug eine Kapuze, die von seiner aktuellen Position aus sein Gesicht verdeckte, seine Arme waren unter seiner Robe hinter seinem Rücken verschränkt. Als er sich von seinem Platz in der Dunkelheit des Hauses löste und sich langsam ihm näherte, bemerkte er, dass dem Fremden ein Schatten, aus dem er gekommen war, folgte, und wie der Schwanz eines Tieres bei jedem Schritt in einer langsamen, gleichmäßigen Bewegung durch die Luft glitt.

„Alles Gute zum Geburtstag.“ Nein, er verstand immer noch nicht, aber aus irgendeinem Grund hatte er nicht mehr das Gefühl, dass er das musste. Aus irgendeinem Grund gab ihm etwas an der Ausstrahlung dieses Fremden den Eindruck, dass alles gut war, dass er sich keine Sorgen machen müsste. „Who is coming.“

„Nein…“ Auf seinen Lippen lag ein sanftes, kaum wahrnehmbares Lächeln, das er vermutlich nicht einmal bemerkt hätte, hätte er seine Stimme in diesem Moment nicht gehört, der ruhige, melodische Ton, der so gut zu seinem Ausdruck passte und ihm doch eine fremdartige Mystik verlieh. „Das ist nicht richtig, nicht ganz, nicht so.“ Er schloss kurz die Augen, und als er sie wieder öffnete, lag ein warmes Funkeln darin, das zuvor nicht da gewesen war.

Er wusste nicht, woran genau es lag. Wahrscheinlich hätte es viel an dem Zauber der Situation, an den er sich immer zurückerinnerte, zerstört, hätte er es getan; und vielleicht hatte es von Anfang an auch keinen Grund gehabt, aber in diesem Moment war es ihm unmöglich gewesen, den Blick von den hypnotischen Augen seines Gegenübers abzuwenden. In einer anderen Situation hätte er sich damit vielleicht schutzlos gefühlt, blind einem Jäger ausgeliefert, doch irgendein namenloser Instinkt sagte ihm, dass von diesem Mann keine Gefahr ausging. Dass er ihm vertrauen konnte.

Sein Gegenüber streckte langsam die Hand aus, und erst, als ihm auffiel, dass er etwas darin hielt, gelang es ihm, seine Augen von ihm abzuwenden und auf die kleine Pflanze zwischen seinen Fingern zu senken. Ganz automatisch, als wüsste er von irgendwo her, was er tun musste, hob auch er seine linke Hand, die dem Mann am nächsten war, und ließ ihn die Blume hineinlegen.

Er spürte seinen Blick auf sich, und war doch unfähig, von den tiefroten Blüten der Kamelie aufzusehen, ähnlich, wie er sich zuvor nicht von seinen Augen hatte abwenden können. Vorsichtig fuhr er mit den Fingern die Konturen der Blätter nach, die auf seiner blassen Haut beinahe unnatürlich zu strahlen schienen. Der Mann schien zu warten, bis er die Hand wieder entspannte, und die Blume offen darauf ruhen ließ, denn dann erst fuhr er fort.

Ein einzelnes Wort. Ein Wort, von dem er nicht wusste, ob er es nur verstand, weil er diese Szene schon einmal erlebt hatte, und weil er sie jetzt mit all seinem Wissen, das er erst danach erworben hatte, wiederholte. Und doch verbot er sich, darüber nachzudenken, weil er daran glauben wollte. Glauben, dass er dieses Wort, das ihn so lange begleiten würde, von dem ersten Mal an, das er es gehört hatte, verstanden hatte.

„Tsubaki.“


Er hatte nur geblinzelt, die Augen für einen Herzschlag geschlossen, als er den Blick von der Blume in seiner Hand zurück zu dem Mann heben hatte wollen, doch im gleichen Moment, als er sie geschlossen hatte, war er zurück in die gleiche Dunkelheit wie zuvor gezogen worden, ohne, dass er sich hätte wehren können. Er musste nicht versuchen, die Augen wieder zu öffnen, um zu wissen, dass er nicht mehr an der gleichen Stelle seiner Erinnerung ansetzen könnte. Woher dieses Bewusstsein kam, wusste er selbst nicht; oder vielleicht wusste er es und konnte in seinem Zustand, was auch immer es war, nicht darauf zugreifen. Er wollte- nein, er musste nicht wissen, was davon zutraf. Es spielte auch keine Rolle.

Mit diesem Bewusstsein öffnete er die Augen wieder.

„Werde ich meine Geschwister auch einmal treffen, Sensei?“

Er stellte diese Frage auf die gleiche Weise, wie es ein Kind getan hätte, das in einem Buch ein neues Wort gefunden hatte. Er musste die Antwort nicht hören, um glücklich leben zu können; es machte kaum einen Unterschied für ihn, und wahrscheinlich hätte er es sowieso vergessen, sobald er auf die nächste Seite blätterte. Es war reine Neugier, ein Test, vielleicht; aber schlussendlich spielte es keine Rolle.

Sensei sah nicht von seinem Buch auf, drehte sich nicht zu ihm um, einzig seine Worte bestätigten ihm, dass er ihn überhaupt gehört hatte, und warfen gleichzeitig noch mehr Fragen auf. „Das wirst du.“ Keine Ausführungen, keine Erklärungen. Keine Antworten auf Fragen, auf die er gehofft hatte, und die er doch nicht gestellt hatte.

Vielleicht hätte er unter anderen Umständen nicht weiter gefragt, das Thema auf sich beruhen lassen. Wenn es nur einen Tag- nein, eine Stunde, eine Minute früher oder später passiert wäre, wäre alles vielleicht anders verlaufen. „Wann?“ Nun war das Buch aufgeschlagen liegen geblieben. Das kleine, unwichtige Detail, dem er unter normalen Umständen, mit einer anderen Reaktion, überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte, war zu einer Frage geworden, deren Antwort er kennen wollte.

„Noch nicht.“ Mehr sagte sein Sensei nicht darauf.

Und das war der Moment, in dem das Buch liegen blieb. An dem die Frage, der einzelne Funken Neugier, der, wenn die Umgebung auch nur ein winziges Stück anders gewesen wäre, sofort erloschen wäre. Und der sich jetzt, mit dieser Situation, immer weiter ausbreitete, bis aus einer kleinen Flamme ein Feuer geworden war. „Warum?“

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass er sich diese Frage gestellt hatte. Es war jedoch sehr wohl das erste Mal gewesen, dass er sie ausgesprochen hatte. Die eigentliche Frage, auf die er hinauswollte, das, was ihn mehr interessierte, was er nicht verstehen konnte, egal, wie sehr er es versuchte. Er musste den Grund zwar nicht wissen, um seinem Sensei zu vertrauen, um zu wissen, dass es einen tieferen Sinn dahinter gab. Das bedeutete umgekehrt jedoch nicht, dass er nicht umhin konnte, darüber nachzudenken. Selbst mehr davon zu erfahren.

Bis heute hatte er keine Antwort darauf erhalten.


Als er die Augen diesmal schloss, um von der inzwischen vertrauten, stillen Dunkelheit begrüßt zu werden, in der es keine Sinneseindrücke und keine Außenwelt gab, hatte er gewusst, worauf er sich einließ. Ihm fehlte zwar immer noch jeder Sinn für seine Umgebung, genau genommen wusste er überhaupt nicht, ob es überhaupt noch so etwas gab, oder ob er noch Teil davon war. Er war von der Welt um ihn herum abgeschnitten, er wusste nicht einmal, ob es noch etwas anderes gab, außer diese Szenen, die er beobachtete, die er wiedererlebte, ohne, dass er noch daran teilnahm. Nicht mehr.

„Es dürfte bald so weit sein.“

Es war nicht so, als hätte er auf diese Worte gewartet, oder wenigstens war das der Schluss, zu dem er kam, wann immer er bewusst darüber nachdachte. Er hatte sie nicht vorhersehen können, oder zu diesem Zeitpunkt auch nur verstehen, was damit gemeint war.

Und doch hatte er gewusst, dass sie kommen würden. Er hatte gespürt, dass sich etwas an Sensei verändert hatte, als wüsste er, dass etwas passieren würde; nein, was passieren würde. Dass irgendetwas passieren würde, hatte er selbst ebenfalls bemerkt, sei es auch nur durch das Verhalten seines Senseis. Und er war sich sicher, dass es so sein hatte sollen. Hätte Sensei gewollt, dass er es wusste, hätte er es ihm gesagt, und an diesem Gedanken- nein, dieser Gewissheit hielt er fest.

Die Kleidung seines Senseis raschelte, als er sich vom Fenster ab und zu ihm wandte. Er hob den Kopf, erwiderte seinen Blick, und überlegte einen Herzschlag lang, ob er nachfragen sollte. Rückblickend betrachtet hätte er das vielleicht tun sollen, oder wenigstens hatte er sich sehr oft und sehr, sehr lange gefragt, was sein Sensei geantwortet hätte, hätte er es getan. Doch das hatte er nicht, und er konnte es jetzt, wo er diese Erinnerung als Sklave des Schicksals wiedererlebte, auch nicht mehr anders machen. Und so blieb ihm nichts anderes, als still auf weitere Anweisungen zu warten und Senseis Schritte zu zählen, als er langsam zu ihm hinüberging. Eins. Zwei. Drei. Sein Schwanz strich über den Boden. Vier.

Er sprach ihn nicht an, rief ihn nicht bei seinem Namen, und doch blieb mit seinen Worten eine dunkle, warme Schwere in der Luft und in seinem Kopf hängen, als hätte er es getan.

„Du weißt, was du zu tun hast?“ In seiner Stimme lag wieder dieser friedliche Unterton, der ihm inzwischen allein so vertraut war, und für den allein er alles getan hätte. Wahrscheinlich war es nur ein ganz normaler Instinkt seines Seins, und doch hätte er sich gerne eingeredet, dass es einen tieferen Hintergrund hatte. Dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab, die tiefer ging als die Kette, auf mehr als einer Ebene.

Vielleicht war das der Grund, warum er nicht zu widersprechen wagte, selbst, wenn er in dieser Sekunde nicht gewusst hatte, wovon sein Sensei sprach. Vielleicht gab es aber auch einen Teil von ihm, der dieses Wissen besaß, ohne, das sein bewusster Verstand darauf zugreifen hatte können. Auch, wenn er sich nicht hätte erklären können; es war immerhin nicht das erste Mal, das er für seinen Sensei etwas tat, das er nicht vollkommen verstand, und es sollte bei weitem nicht das letzte Mal sein. Und damit wusste er auch selbst, dass es keinen Sinn, dass er keinen Grund hatte, darüber nachzudenken.

Nein, er hätte nicht widersprochen oder nachgefragt, selbst, wenn er in diesem Moment das Gefühl gehabt hätte, dass es nötig gewesen wäre. Er war ein Diener, und über kurz oder lang war es seine essentielle Aufgabe, Anweisungen zu folgen. Ganz egal, ob sie ausgesprochen worden waren oder nicht.

„Geh jetzt. Egal, wohin.“ Er schloss für einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete, war ein kleines Lächeln auf seinen Lippen erschienen. Er wusste nicht, woher dieses Lächeln kam, oder warum sein Sensei noch weitergesprochen hatte; Worte, die er nicht gebraucht hatte, und von denen er, auch, wenn er ihren Inhalt verstand, bis heute nicht wusste, warum er es für nötig befunden hatte, sie auszusprechen. „Gäste soll man nicht warten lassen.“

Es stand außer Frage, dass er auf diesen Befehl reagierte, auch, wenn er den Hintergrund nicht verstand. Und dass er es immer noch getan hätte, wenn er gewusst hätte, dass es sein letzter Befehl in einer sehr langen Zeit sein würde.

Er hörte nicht, wie sich die Tür hinter ihm schloss, oder sich eine andere öffnete. Er hörte keine Schritte. Er hörte keine Geräusche von draußen, als er das Haus verließ.

Das letzte, und das einzige, was er hörte, war die Stimme seines Senseis, seine Worte, die nicht mehr an ihn gerichtet waren.

„Schön, es scheint dir gut zu gehen… Sleepy Ash.“


Die Dunkelheit, die ihn im gleichen Moment empfing, als er seine Augen wieder schloss, ohne sie je wirklich geöffnet zu haben, empfing ihn mit einer warmen, tröstlichen Wärme. In diesem Moment stand sie nicht mehr für das, was sie war, sondern eine schützende Ungewissheit, ein Zustand des Nicht-Seins, in dem ihn nichts erreichen konnte, kam es von außen oder von innen.

Er wusste, was er sehen würde, sobald er die Augen öffnete, und er fürchtete es.

Es war das erste und letzte Mal, dass er einem seiner Geschwister begegnet war.

Damals hatte er nicht gewusst, ob er sich jemals wirklich vorgestellt hatte, wie es sein würde. Sein Sensei hatte ihm immerhin von ihnen erzählt, und er hatte das Gefühl gehabt, sie mit seinen Geschichten besser kennen gelernt zu haben, als er es getan hätte, wenn er ihnen tatsächlich begegnet wäre. Damals hatte er nicht gewusst, ob er sich jemals wirklich vorgestellt hatte, wie es sein würde, einem von ihnen zu
begegnen- und danach hatte er sich nie wieder Gedanken darüber gemacht, nicht so, nicht auf diese Weise, wenigstens. Denn an diesem Tag hatte er gegen seinen Willen herausfinden müssen, dass er so oder so mit jedem seiner Vorschläge zwangsläufig falsch hatte liegen müssen.

Er hatte nicht mit seinem Bruder gesprochen, und selbst, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte, hätte er es vermutlich nicht getan. Und für das Bild, zu dem er seine Augen geöffnet hatte, brauchte es auch keine Worte, keine Erklärungen, Entschuldigungen, Rechtfertigungen, oder was auch immer er in diesem Moment zu erwarten gehabt hatte. Er wollte es nicht wissen.

Er hatte nicht gewusst, dass Löwen so groß waren. Er hatte kaum genug Platz, um sich zwischen den Häusern zu bewegen, und doch schien ihn selbst das nicht zu kümmern, oder überhaupt aufzufallen. Sein Fell war schwarz, ähnlich dem seiner eigenen Tiergestalt, und doch so viel tiefer und dunkler; wie eine sternlose Nacht, ein endloser, leerer Abgrund. Und dennoch konnte er das Rot sehen, das Blut, das seine Krallen und sein Maul bedeckte und über seinen Körper lief, einen Kontrast auf seinem Fell bildete wie ein Fluss in einer Wüste.

In diesem Moment kam die Situation nicht so weit, sein Bewusstsein zu erreichen. Er wusste, was passiert war, was er hier vor sich sah, doch er verstand es nicht. Rückblickend hatte er sich gefragt, ob das ein anderer Instinkt war, eine andere Handlung, die er nicht verstehen konnte, und ob er vielleicht etwas getan hätte, wenn er verstanden hätte. Ob es vielleicht die gesamte Geschichte verändert hätte, im Guten oder im Schlechten Sinne, vielleicht in beidem, vielleicht in keinem.

Er hatte nie eine Antwort gefunden.

Der Löwe lief nicht auf ihn zu, im Gegenteil, er schien ihn nicht einmal bemerkt zu haben. Vielleicht hatte es auch gar nichts damit zu tun, vielleicht folgte der Film vor seinen Augen nur seinen akkuraten Erinnerungen, doch diese Farbe brannte sich in seine Augen ein. Dieses Schwarz, das immer dunkler wurde, sich immer weiter ausbreitete, bis es sein gesamtes Blickfeld ausfüllte und ihn zurück in die Dunkelheit riss, aus der er gekommen war.


Als er die Augen dieses Mal öffnete, sah er nichts.

Einen Herzschlag lang verblieb die Dunkelheit, als hätte sie sich auf seiner Netzhaut eingebrannt; einen Herzschlag, in dem er vielleicht in Panik geraten wäre, wenn er in diesem Moment die Kraft dafür gehabt hätte. Und dann, ganz langsam, kehrte seine Sicht zurück.

Das erste, was er sah, war nicht das nasse Gras unter ihm. Nicht die entfernten Bäume, die fast von der Dunkelheit der Nacht verschluckt wurden, nicht die entfernten Lichter der Stadt, nicht die dunkle Silhouette des Schreins, nicht seine eigenen Pfoten, die im schwachen Licht um ihn herum fast zu leuchten schienen, nicht die dunklen Wolken, die den Himmel und die Sterne über ihm verdeckten.

Das erste, was er sah, waren die zerfetzten, verbrannten Blüten der Kamelie vor ihm.

An dieser Stelle hätten seine Erinnerungen einsetzen müssen, vielleicht sein Bewusstsein für seine Umgebung und die Situation zurückkehren sollen, irgendetwas. In diesem Moment hatte er nicht die Kapazitäten, um darüber nachzudenken, und wenn er später daran zurückdachte, konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Diese Szene hätte genauso gut niemals stattgefunden haben können.

Langsam richtete er sich auf, und erst, als er die Hand nach der Blume vor ihm ausstreckte, bemerkte er, dass er in menschliche Gestalt zurückgekehrt war. Es war ihm nicht aufgefallen, und wenn er darüber nachgedacht hätte, hätte er vermutlich nicht einmal damit gerechnet, dass er überhaupt die Kraft dafür hatte. Doch auch diese Gedanken erreichten seinen Verstand kaum; es war, als wäre die Szene, die sich gerade vor seinen Augen abspielte, nicht mehr als seine Erinnerungen, ein Ereignis, in dem er nur zusehen konnte, wie sein Körper sich von allein bewegte und einem Schicksal folgte, das längst vorherbestimmt war.

Vorsichtig hob er die Blätter auf. Seine Bewegungen waren langsam, überlegt, als gäbe er noch etwas, das er den gebrochenen Blüten nehmen konnte. Es war kein direktes Pflichtbewusstsein, das ihn dazu brachte; er hatte keine Anweisungen dafür erhalten, und damit verließ er sich auf nicht mehr als das, was sich für ihn richtig anfühlte. Vielleicht war das ein anderer Instinkt, der von seinem Sein als Servamp gekommen war, für den er keinen Namen hatte. Für den Sensei möglicherweise einen Namen hätte. Vielleicht könnte er ihn fragen.

Die rauen, verbrannten Blüten fühlten sich eiskalt auf seiner Haut an, und er konnte nur darüber spekulieren, dass er unter normalen Umständen vermutlich mehr als einmal den Impuls unterdrücken hätte müssen, sie einfach fallen zu lassen. Aber so erreichte das Gefühl auf seinen Fingern, das ihn an die Endgültigkeit seines Wegs erinnerte, gerade so sein Bewusstsein, und sollte es schmerzen, drang nichts davon zu ihm durch. Er sammelte einfach sorgfältig jedes der zerbrochenen Blätter auf, und schloss jedes Mal seine Hand sofort wieder eng darum, als würde er fürchten, sie zu verlieren, sollten sie auch nur einen Atemzug lang frei daliegen. Er sagte nichts dabei, dachte nichts, sein Kopf war vollkommen leer, als folgte er tatsächlich nicht mehr als einem blinden Instinkt. Der Anweisung, von der er sich nicht erinnern konnte, sie je erhalten zu haben.

Erst, als er sich sicher war, dass er jedes Fragment der einst tiefroten Blätter gesammelt hatte, richtete er sich langsam wieder auf und drehte sich zu dem Schrein um. Das Muster seiner Umgebung erreichte seinen Verstand, ohne, dass er es registrierte; er wusste nicht, was er hier ansah, oder ob er überhaupt irgendetwas ansah. Und irgendetwas sagte ihm, dass es auch nicht wichtig war. Wenn es wichtig gewesen wäre, hätte er es bemerkt.

Als er die Hand öffnete, zusah, wie der Wind die Blüten, die er mit einer solchen Vorsicht aufgesammelt hatte, von ihm wegtrug, begann er zum ersten Mal wieder zu sprechen. Ein einziger Satz, fünf Worte, die in diesem Moment für die ganze Welt standen. Für sein eigenes Ich und Wirken, ebenso wie das seines Senseis, seines Eves.

Er war der uneingeladene Achte, Who is coming, die Schwermut. Der achte… der vorletzte Servamp.

Nein. Das war nicht richtig, nicht ganz, nicht so.

„Mein Name ist… Tsubaki.“ Er beobachtete, wie die Blüten immer weiter von ihm wegflogen, bis sie irgendwann mit der Dunkelheit und den ersten Schneeflocken um ihn herum verschmolzen. „Sensei.“

Und jetzt blieben nur noch sieben.
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