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Gruselgeschichten

von Tatu
Kurzbeschreibung
SammlungMystery, Horror / P16 / Gen
02.01.2022
14.01.2022
3
2.482
7
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
14.01.2022 1.275
 
Liebe Leser,
Ich freue mich, dass die Oneshots so guten Anklang finden. Vielen Dank für die vergebenen Sterne.
Hier möchte ich nochmal meiner Betaleserin Wildcat  danken, die ganz spontan diese Geschichte noch vor dem Hochladen unter die Lupe genommen hat. Du bist ein Schatz. Vielen Dank.
Liebe Grüße
Tatu

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Schrecken ohne Ende

Greta verbrachte das Wochenende an der See. Nach der Trennung von ihrem Freund brauchte sie dringend eine Auszeit.
Nachdem sie am Morgen in dem beschaulichen Küstenstädtchen angekommen war, genoss sie ein leckeres Frühstück mit Lachs und Heringssalat. Gedankenverloren beobachtete sie die am Fenster vorbeigehenden Passanten und die Möwen, die in den Abfällen nach Essbarem suchten. Es machte ihr nichts aus, das Wochenende allein zu verbringen. Sie wollte einfach die Seele baumeln lassen.
Als die Sonne hinter den Wolken hervorguckte, hielt sie nichts mehr auf ihrem Stuhl. Sie bezahlte und eilte aus dem Frühstückscafé.
Obwohl es bereits November war, herrschte in der Fußgängerzone reger Betrieb. Greta hatte erwartet, dass die Besucher des Kurortes im späten Herbst ausblieben. Da hatte sie sich getäuscht. Vorwiegend Senioren bummelten von Geschäft zu Geschäft. Aber auch jüngere Menschen mischten sich in das Bild. Eine Frau schob mit der einen Hand einen Kinderwagen vor sich her, mit der anderen hielt sie die Hand eines plärrenden Kleinkindes. Ein Mann brüllte in sein Telefon. Was er genau sagte, konnte Greta nicht verstehen, da er an ihr vorüberlief. Anhand der Worte, die sie aufschnappte, ging es wohl um ein Auto und seine Frau.
Die kleinen Läden lockten Kunden mit Waren, die auf den Ständern vor den Türen hingen oder lagen. Kleidung, Spielwaren, Firlefanz und Kosmetik konnte Greta auf den ersten Blick erkennen. Cafés, Restaurants und Snackbars lockerten das Bild ein wenig auf.
Greta folgte dem Wegweiser, der sie zum Strand führte. Sie stieg die Treppe zum Deich hinauf. Fast hätte sie die Kraft des Windes umgehauen, als sie oben ankam. Der Wind zerrte an ihrer Kleidung und donnerte in ihren Ohren. Sie zog den Kragen ihrer Jacke hoch und setzte ihre Strickmütze auf.
Auf der Strandpromenade wanderten nur wenige Spaziergänger. Ein paar Hartgesottene marschierten sogar barfuß am Strand entlang und ließen ihre Füße vom Wasser umspülen. Verrückt.
Greta lief ein Stück, konnte aber nach wenigen Minuten nicht mehr gucken, weil ihre Augen tränten. Sie seufzte. Zwar hatte sie sich darauf gefreut, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, aber das war doch mehr, als sie verkraften konnte. Sie kehrte zurück in die windgeschützte Fußgängerzone.
Den restlichen Tag verbrachte sie mit Einkaufsbummel, Kaffeetrinken und Fischbrötchen essen.
Am Abend bezog sie ihre Ferienwohnung. Erschöpft von dem ereignisreichen Tag, ließ sie sich aufs Sofa fallen und legte die Füße hoch. Bei einem Glas Rotwein zappte sie sich durch die Fernsehkanäle. Bei einem Liebesfilm blieb sie hängen.
Als der Film zu Ende war, schleppte sich Greta müde zuerst ins Badezimmer und dann ins Bett. Sie wollte gerade das Nachttischlicht ausschalten, als sie ihn sah – den Lüftungsschacht.
Mit einem Schlag war sie hellwach. Sie hasste solche Schächte. Sie starrte auf die Lamellen der Lüftung an der Wand gegenüber. Schon immer verfolgte sie diese Urangst vor Ventilationsschächten. Stets vermutete sie dahinter entweder ein Monster oder jemanden, der sie beobachtete. Sie wusste, dass ihre Fantasie mit ihr durchging, aber sie konnte sich ihr nicht erwehren. Hektisch löschte Greta das Licht. Sie zog die Decke bis zur Nase hoch. Nicht vor Kälte, sondern weil sie hoffte, dadurch nicht gesehen zu werden. Doch der Vollmond erhellte das Zimmer, was ihr Gefühl, belauert zu werden, verschlimmerte.
Was sollte sie nur tun?
Sie griff nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch lag. Leise stieg sie aus dem Bett. Sie straffte ihren Rücken. Es war an der Zeit, sich ihrer Angst zu stellen. Wie ein Mantra sagte sie sich im Kopf immer wieder vor: Es ist nur Einbildung. Nur Einbildung.
Schritt für Schritt bewegte sie sich auf die Lüftung zu. In ihrem Nacken kribbelte es. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi, aber sie nahm allen Mut zusammen.
Endlich an ihrem Ziel angekommen, atmete sie tief durch und näherte sich mit ihrem Gesicht den Lamellen. Sie schluckte. Schweiß brach aus ihr heraus. Ihre Nase berührte fast das Metall. Sie sah nichts als Dunkelheit hinter der Abdeckung. Sie leuchtete mit ihrer Handytaschenlampe in den Schacht. Er war leer. Natürlich.
Doch plötzlich starrten ihr zwei rotunterlaufene Augen entgegen. Sie ließ das Handy fallen und in der nächsten Sekunde spürte sie einen stechenden Schmerz in ihren Augen. Sie schrie. Lichtblitze und Sternschnuppen durchzuckten ihr Gesichtsfeld. Dann sah sie nichts mehr. Zurück blieb ein unerträglicher Schmerz in den Augen. Sie wimmerte und brach zusammen.

Greta wusste nicht, wie lange sie am Boden lag, als sie das Chaos in ihrem Kopf ordnen konnte. Was war geschehen? Die Schmerzen bohrten sich von den Augen bis tief in den Schädel. Sie waren kaum zu ertragen. Greta riss die Augen auf, doch es herrschte Schwärze um sie herum. Sie lauschte. Ein schleifendes Geräusch begleitet von einem dumpfen Donner. Schob sich das Monster etwa durch den Lüftungsschacht? Oder hatte es einen Weg heraus gefunden? Gretas Herz klopfte ihr bis zum Hals. Ihr Brustkorb schien wie eingeschnürt. Sie musste hier raus. Weg von dem Monster. Sie brauchte Hilfe.
Auf allen vieren suchte sie mit den Händen nach ihrem Handy. Sie stieß mit dem Kopf an die Wand, tastete nach rechts und links, fand das Telefon aber nicht. Dann fiel ihr ein, dass sie die Sprachsteuerung benutzen konnte. „Hey Siri rufe 112 an.“ Ihre Stimme zitterte.
Nachdem sie der Notrufzentrale ihre Adresse und die Verletzung mitgeteilt hatte, horchte sie erneut, ob sie das Ungetüm, das sie angegriffen hatte, hören konnte. Doch da war nichts mehr. Was sollte sie bloß den Sanitätern erzählen, was ihr passiert war?

Nach einer Weile hörte sie Sirenen. Dann drang ein lautstarkes Poltern an ihre Ohren. Die Sanitäter hatten wohl die Tür aufgebrochen. Schritte näherten sich.
„Oh Gott! Was ist Ihnen den passiert?“ Der Mann zu ihrer Linken klang entsetzt. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Wir bringen Sie ins Krankenhaus.“
Behutsam halfen die Sanitäter Greta auf und geleiteten sie aus ihrer Wohnung. Sie konnte die kühle Nachtluft auf ihrer Haut spüren, als sie zum Rettungswagen geführt wurde.
„Hier ist eine Liege. Legen Sie sich bitte hin.“
Greta nickte. „Es ... es hat mir die Augen ausgestochen!“, stammelte sie.
„Es? Was meinen Sie?“
„Das Monster!“
Kurzes Schweigen.
„Wir geben Ihnen jetzt etwas gegen die Schmerzen und ein Beruhigungsmittel.“
Greta spürte den Einstich. Kurz darauf fühlte sie sich benommen. Dann schlief sie ein.

Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, aber als sie wieder aufwachte, lag etwas auf ihren Augen. Behutsam tastete sie mit ihren Händen an ihrem Gesicht entlang. Ein Verband war um ihren Kopf gewickelt und verdeckte ihre Augen.
„Hallo Greta. Ich bin Dr. Bosch. Wir haben versucht, Ihr Augenlicht zu retten, aber leider sind die Verletzungen zu schwerwiegend. Es tut mir leid.“
„Heißt das etwa, ich bin blind?“
„Ja, leider. Wir haben vorerst die Augenlider mit Pflastern zugeklebt und einen Verband angelegt. Es wir eine Weile dauern, bis die Verletzungen verheilt sind.“
Gretas Kopf war wie leergefegt. Tränen drückten sich aus den Tränenkanälen und tränkten den Verband.
„Was soll ich denn jetzt bloß tun?“
Er tätschelte ihre Hand. „Das wird schon werden. Wir haben hier in der Klinik eine Beratungsstelle für Blinde. Jetzt werden Sie erstmal gesund.“
Greta schniefte. Sie fühlte sich allein.
„Kann ich noch etwas für Sie tun, bevor ich gehe?“
Ein Windzug streife sie. „Ja, schließen Sie doch bitte das Fenster.“
„Das ist zu.“
„Ich kann aber einen Luftzug spüren.“
„Der kommt bestimmt vom Lüftungsschacht.“

ENDE

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Anmerkung:
Unter Schauergeschichten veröffentliche ich übrigens auch wöchentlich. Vielleicht habt ihr ja Lust mal reinzuschauen.
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