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Sommer unter Apfelbäumen

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Günther Wendt
31.12.2021
31.12.2021
1
720
 
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31.12.2021 720
 
Ein kleiner, blonder Junge, der auf der Streuobstwiese hinter dem Haus seiner Eltern mit Stöcken focht. Der mit den Kindern des Dorfes bis Sonnenuntergang im Wald herumstreunte, dem kein Baum zu hoch und kein Dickicht zu finster war. Der Grashüpfer fing, Hütten baute und immer fröhlicher wurde, je schlammiger seine Sachen waren.

Sobald seine kleinen Hände groß genug waren, hatte er vom Vater ein Jagdmesser bekommen – das aber vorrangig zum Schnitzen herhalten musste. Wie stolz war er darauf gewesen – so stolz, dass er es fortan ständig mit sich herumtrug, dass  in seiner kindlichen Phantasie allein der Besitz des Messers ihn unbesiegbar werden ließ.
Natürlich schnitt er sich, aber das machte dem Jungen wenig aus. Es gehörte zu dem wilden Leben, das er führte, einfach dazu. Wenn er heute, vierzig Jahre später, seine Hände betrachtete, konnte er noch immer einige blasse Narben erkennen, die seine unbeholfenen frühen Waffenübungen ihm eingebracht hatten.

Die knorrigen Apfelbäume waren perfekt zum Klettern. Wie oft hatte er, versteckt im dichten Laubwerk, den Blick gedankenverloren über die weite Landschaft schweifen lassen? Und wie oft war seine Mutter rufend durch den weitläufigen Garten geeilt, weil er bis nach Anbruch der Dunkelheit in irgendeiner Baumkrone hockte, um die Sterne zu sehen?

Der gleiche Junge konnte stundenlang reglos  in einem Gebüsch liegen und den jungen Füchsen beim Spielen zusehen; er erkannte die Vögel der Gegend an ihrem Ruf, wusste, in welchen Bäumen die Eichhörnchen nisteten und wo die Rehe abends zum Äsen hingingen. Häufig war er auch am Fluss zu finden, wo er mit seiner selbstgebauten Angel auf Fische wartete. Wobei er so gut wie nie etwas fing – weil er zuvor mit den anderen Kindern so wild herumgetobt hatte, dass die Fische schon sehr dumm hätten sein müssen…
Sein Vater hatte ihn früh mit auf Jagd genommen, doch hatte er sich als Kind lieber auf die reine Beobachtung der Tiere konzentriert – es war ein Spiel für ihn gewesen, sich einem Tier so weit wie möglich zu nähern, ohne dass es ihn bemerkte. Obwohl die Jagd ihm inzwischen längst nichts mehr ausmachte, dachte er manchmal noch immer an sein so unschuldigeres, naiveres Selbst, dass sich gesträubt hatte, einem Tier wehzutun.

Sobald sein jüngerer Bruder alt genug war für derartige Ausflüge, brachte er ihm alles bei, was er wusste. Der anfängliche Spott, der dem Kleinen zuteilwurde – er war ein zarter, tollpatschiger Junge – verebbte schnell. Zum einen, weil sein Bruder unmissverständlich klar machte, dass er unter seinem Schutz stand, zum anderen, weil er rasch lernte, seine körperliche Unterlegenheit mit Worten mehr als wett zu machen – schon damals hatte er gekonnt, was später einen begnadeten Anwalt aus ihm machen sollte. Bald bildeten die beiden eine untrennbare Einheit – gemeinsam mit dem besten Freund des Größeren fühlten sie sich wie die drei Musketiere, wenn sie durch den Wald vagabundierten, ihre sorgfältig gesuchten Degen schwangen, überschwänglich ihre Siege feierten und jeder Kratzer sie zu Helden machte.
Eines Tages hatten sie eine ganz eigene Methode zum Äpfel pflücken entwickelt. Deren Kernstück war eine uralte, aber glücklicherweise noch funktionsfähige, Armbrust gewesen, die sie auf dem Dachboden des Herrenhauses entdeckt hatten. Mit ein paar Umbaumaßnahmen und einem langen Stück Seil hatten sie eine in ihren Augen geradezu geniale Erfindung gemacht.
Er konnte sich noch gut an den Gesichtsausdruck seines Vaters erinnern, als er sie erwischt hatte – eine Mischung aus Entsetzen und Bewunderung, wobei letztere immer mehr die Oberhand gewann. Dieser Mann, seinerseits gestandener Soldat, der seinen Söhnen Pistolenschießen beigebracht hatte, noch bevor sie lesen und schreiben konnten, war tatsächlich eher erfreut über die Begeisterung, mit der sie bei der Sache waren, als an das Risiko zu denken. Was deutlich dadurch bewiesen wurde, dass er kein Sterbenswörtchen über die Sache an ihre Mutter verlor.

Dem Jungen war immer klar gewesen, dass er in die Fußstapfen des Vaters treten würden – doch für das Kind war das schlicht eine fixe, aber ferne Zukunft gewesen, an die es kaum einen Gedanken verschwendete. Nicht, solang es dort draußen vor der Tür einen ganzen Wald zu entdecken und Abenteuer zu erleben gab, solange die größte Gefahr in den Schimpftiraden seiner Mutter bestand, wenn er seine guten Schuhe in einer Pfütze ruiniert hatte. Diese sorglose, wilde Freiheit endete jäh, als man den gerade zwölf gewordenen Günther Wendt auf ein Eliteinternat in einer weit entfernten Großstadt schickte, damit er seinem gesellschaftlichen Stand entsprechend ausgebildet wurde.
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