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Das magische Band

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Romance / P16 / Het
28.12.2021
23.06.2022
6
7.204
9
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Dieses Kapitel
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Kapitel 5: Ein Schritt, der getan werden muss


Als sie die Haupthöhle betreten, haben sich bereits alle Bewohner des Berges versammelt. Ein Raunen geht durch die Gruppe, als sie die Neuankömmlinge sehen.
Einen Augenblick später läuft der Rest der Familie Vidal auf ihre Verwandten zu. Man bemerkt sofort, dass sich sich die Bewohner entspannen, als sie sehen, dass die Familie mit den Gaben nicht reagiert.
„Estais bien?”, will sofort die Mutter von Lukas und Lucía wissen. Fernanda nimmt das Gesicht ihrer Tochter zwischen ihren Händen und sofort spürt diese die tiefe Liebe und Verbundenheit, die ihre Mutter für sie spürt. Sie wirft ihrem Sohn einen besorgten Blick zu. „Uns gehts gut, Mum. Tranquila!”, murmelt ihr Bruder und winkt ab, als sein Vater ihn anschaut. Er nickt kaum merklich und wendet sich den Neuankömmlingen zu.
„Dies ist ein Teil der Familie Madrigal.”, erklärt die Großmutter und alle im Raum fangen an zu tuscheln.
Natürlich kennen sie alle diesen Namen, denkt Lucía, während sie spürt, wie sich die Liebe ihrer Mutter verdunkelt und sich Wut in ihre Gefühle mischt.
„Die, die uns zurückgelassen haben?”, will die einzige Tochter von Carmen Vidal, Marta wissen. Sie steht bei ihrem kleinen Sohn José, der sich ängstlich an den Rock seiner Mutter klammert.
„Meine Großmutter hat erzählt, dass sie euch nachholen wollten. Doch die Männer, die sie schickten, kehrten nie zurück.”, wehrt sich Isabella und wirft der Frau einen kalten Blick zu, ehe sie ihre Haare zurückwirft und Blumen auf dem Höhlenboden verstreut.
Erneut durchflutet ein Raunen die Höhle, als alle die Blüten auf dem kahlen Stein betrachten. „Ihr habt Gaben…”, stellt das Oberhaupt der Familie Vidal erstaunt fest. „Und trotzdessen habt ihr es nicht weiter versucht?”, will Lukas wissen und schaut sie fest an. Er will ihre Gedanken lesen!, denk Lucía und beobachtet wie sich das Gesicht ihres Bruders verändert unter den Gedanken, die er hört.
„Ihr habt uns hier zurückgelassen! Wegen euch mussten wir immer weiter in die Berge ziehen! Wenn die Amphore uns nicht die Gaben geschenkt hätte, wären wir jetzt nicht mehr am Leben!”, fügt er hinzu und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Lukas. Lass das!”, sagt seine Schwester, doch ihre gesamte Familie nickt.
„Ihr seid nicht hier, um uns zu retten! Ihr wollt meine Schwester! Was wisst ihr über ihre Gabe?!”, macht er weiter, doch Lucía hat genug. Sie stellt sich zwischen die beiden Familien und blickt ihm in die Augen. „Es reicht! Schau sie dir an! Du kannst ihre Gedanken lesen! Siehst du darin irgendwelche negativen Gedanken, irgendetwas Böses?”, fragt sie. Er hält ihrem Blick nicht stand und schaut zum Boden.
„Es stimmt… Wir suchen Lucía. I-ich sah sie in der Zukunft von Camilo. Sie… Sie ist die Einzige, die verhindern kann, was ich voraussah. Sie und diese Amphore von der ihr sprecht!”, erklärt der Seher. „Meine Mutter bereut es euch hier zurückgelassen zu haben. Hätte sie gewusst, dass ihr noch immer hier seid… Sie hätte nichts unversucht gelassen, ihre beste Freundin zu retten.”, fügt er hinzu und schaut Carmen Vidal an. Die ältere Dame erwidert seinen Blick, ehe sie langsam nickt.
„Camilo stirbt. Wir brauchen deine Hilfe.”, sagt plötzlich der kleine Junge und schaut Lucía an. In seinen Augen sammeln sich Tränen und sie braucht ihn nicht zu berühren, um zu wissen, wie seine Flamme trauert.
„Ich weiß… Ich habe ihn gesehen. Sein Feuer wird erlöschen. Ich muss zu ihm!”, sagt sie leise und starrt auf ihre Hände.
„Estas loca? Auf gar keinen Fall wirst du…!”, ruft ihr Bruder, doch seine Schwester unterbricht ihn. „Du hast mir gar nichts zu sagen! Ich bin alt genug, um zu gehen wohin ich auch immer will. Schau uns an! Wir verstecken uns wie Tiere! Wir müssen hinaus in die Welt und wenn es nötig ist unser eigenes Encanto finden! Lang genug haben wir uns vor allem abgeschottet! Sieh dich um! Ist dass das Leben, dass du uns allen hier wünscht?”, schleudert sie ihm entgegen. Die Geschwister blicken sich in die Augen, keiner fähig die Gedanken oder Gefühle des anderen zu hören oder zu fühlen. Doch keiner blickt weg.
„Und wenn ihr mit zu unserem kommt?”, fragt Mirabel plötzlich.
„Wie meinst du das?”, will Blanca wissen und reißt überrascht die Augen auf. „Mirabel… Wovon sprichst du bitte?”, will ihr Onkel wissen, während er sich unruhig umsieht und sich seiner Nichte nährt, doch sie schaut die andere Familie an und lässt den Blick zu den anderen in der Höhle schweifen. 30 Personen stehen dort versammelt. „Wir bringen euch zu dem Ort, zu dem unser Großvater euch schon immer führen wollte.”, sagt sie und hält Lucía die Hand hin.
Camilo wird in dieser Zeit sterben. Er hat nicht mehr viel Zeit, denkt diese und starrt auf die offene Hand. Sie hebt den Blick, schaut in die Augen, der jungen Frau.
„Ihr wollt, dass wir mit euch gehen?”, will der Älteste der Geschwister Vidal wissen. „Angst hält euch hier fest. Wir helfen euch und führen euch zu unserem gemeinsamen Encanto!”, sagt Mirabel erneut.
„Ehe wir alles zusammengepackt haben und loskommen, wird Camilo sterben.”, erwidert Lucía unruhig.
„Wir nehmen die Leoparden! Mit denen sind wir auch hierher gekommen! Und es hat überhaupt nicht lange gedauert. Ich bin übrigens Antonio.”, stellt sich der Junge vor und seine Augen leuchten.
„Leoparden?”, fragt Diego aufgeregt und kommt näher. „Antonio kann mit den Tieren sprechen. Nur durch seine Bitte an die Leoparden war es uns möglich so schnell hierher zu finden. Wenn er zusammen mit Lucía vorläuft, können sie rechtzeitig Camilo helfen. Und wir… wir helfen euch alles für die Abreise und einen Neubeginn im Encanto vorzubereiten.”, erklärt Bruno und tippt sich ans Kinn.
Alle schauen sich besorgt um und ihre Blicke bleiben an ihrer Anführerin stehen. Diese schaut jedoch ihr Enkelin an, die sie flehend ansieht.
„Abuela…  du siehst, dass dies hier so nicht weitergehen kann. Wir müssen hier raus. Raus aus diesem Käfig.”, sagt sie. Ihre Großmutter scheint kurz mit sich zu ringen und schaut ihre Familie an.
„Wir werden gehen.”, sagt sie schließlich und geht auf ihre Enkelin zu. „Geh mit ihm, Amor. Rette diesen Jungen. Er scheint mit dir verbunden zu sein.”, meint sie lächelnd und nimmt die Hand von Lucía in ihre. Sofort spürt sie Liebe, Hoffnung und Mut.
„Was ist mit den Räubern?”, will ihr Bruder wissen. „Räuber?”, fragt Luisa. „Männer… Sie sind damals seit der Verfolgung hiergeblieben. Sie suchen… Etwas. Sie rauben Kaufleute aus, die durch das Tal kommen. Wir halten uns meist von ihnen fern.”, antwortet Blanca und schaut sich besorgt um.
„Wir haben niemanden gesehen, als wir herkamen. Vielleicht sind sie weitergezogen…”, überlegt Luisa. „Ich konnte nichts hören… aber dieser Wasserfall ist so verdammt laut, dass ich auch nichts von euch gehört habe.”, meint Dolores.
„Hören? Du hörst?”, will Diego wissen und schaut sich Dolores genauer an.
„Wir erzählen euch später von unseren fantastischen Gaben, aber Lucía und Antonio müssen los!”, mischt sich Mirabel ein und schaut sich hektisch um. Sie scheint etwas zu suchen, während sie weiter spricht.
„In der Prophezeiung hast du Camilo Wasser gegeben. Du scheinst es aus einer Art Amphore genommen zu haben, dass an einer Wand hängt.”, fügt sie hinzu.
Die Amphore!, schießt es Lucía sofort durch den Sinn. Ihr Wasser wird ihn sicher heilen!, denkt sie weiter.
„Kommt.”, sagt sie zu Antonio und Mirabel. Der Junge greift nach ihrer Hand, was sie überrascht zusammen zucken lässt. Angst, Hoffnung und Zuversicht überschütten sie wie eine heiße Dusche. Mirabel folgt ihnen mit einigen Schritten Abstand.
„Ihr anderen! Packt zusammen! Wir reisen ab!”, ruft Carmen und man hört Murmeln und aufgeregtes Geflüster.
Schnell führt Luíca die beiden in die inneren Gänge und bleibt vor einem Loch stehen, ehe sie durchatmet. Sie lässt die Hand los und schreitet langsam herein, während die beiden ihr folgen.
Wie immer wenn sie in die Nähe der Quelle kommt, spürt sie, wie sie Willkommen geheißen wird. Wie sie angenommen und geliebt wird, für das was sie ist.
Am Ende des Raumes, der mit Kerzen erhellt wird, steht eine Amphore aus der unendlich viel Wasser rinnt, das in einer Schale aufgefangen wird. Wasser, dass aus der Schale fließt, rinnt durch kleine Bäche zwischen ihren Füßen hindurch.
Als Lucía näher kommt leuchtet das Wasser kurz auf, als würde sie es begrüßen. Die junge Frau neigt ihren Kopf und nimmt sich eine kleine Flasche von einem der Tische, die an der Seite stehen.
Vorsichtig hält sie sie unter das Rinnsal. Lass mich ihn finden und heilen!, bittet sich und das Wasser leuchtet auf. „Wie wunderschön…”, flüstert Mirabel.
„Die Amphore schenke uns unsere Gaben…”, erklärt die Frau mit den grünen Augen. Sie atmet tief durch und verschließt die kleine Flasche mit einem Korken.
Sie schaut in die Schale. Das Wasser gerät in Bewegung und plötzlich sieht man Camilo in seinem Bett liegen. Er atmet schwer und seine Haut ist blass und feucht.
„Camilo…”, flüstert sein Bruder und schluchzt. Ein seltsamen Gefühl von Eile erfasst sie und sie spürt, dass sie sich beeilen muss. „Wir retten ihn. Komm. Wir müssen sofort aufbrechen!”, sagt Lucía und greift erneut nach seiner Hand.
Sie führt beide zurück in die Haupthöhle, in der die Familie Madrigal am Feuer sitzt und etwas zu sich nimmt.
„Hast du noch Hunger, Antonio? Du musst den ganzen Tag nichts gegessen haben.”, fragt Isabella ihren Cousin, doch dieser schüttelt energisch den Kopf.
Fernanda und Álvaro Vidal gehen auf ihre Tochter zu, als sie sie sehen. Ihre Mutter hängt ihr eine Tasche um den Hals und küsst ihr die Stirn. „Passt auf euch auf! Und wenn wir uns wiedersehen, musst du mir dringend mehr über diesen Jungen erzählen, von dem du träumst.”, flüstert sie und lächelt sie an.
Lucía spürt wie ihre Wangen warm werden und will was erwidern, als sie den Blick ihres Bruders spürt. Sie kann seine Gefühle nicht spüren, doch sie weiß, dass er sich Sorgen macht.
Sie lächelt ihn an, was er mit einem kleinen Grinsen erwidert.
„Ihr solltet gehen, Amor!”, sagt ihr Vater und lächelt den Jungen neben ihr an, ehe er ihm etwas zu Essen zusteckt.

„Ich wusste schon immer, dass du den ersten Schritt machen wirst, Lucía!”, sagt ihre Großmutter, als sie erneut beim Wasserfall stehen. Ihre Enkelin umarmt sie und das Gefühl von Stolz, Glück und Hoffnung durchjagt sie.
Ein Jaguar steht bereits neben Antonio und leckt ihm übers Gesicht. „Sicher, dass er mich tragen kann?”, fragt die junge Frau unsicher, doch der Junge lacht.
„Natürlich! Komm!”, meint er, hüpft auf und klopft auf den Platz hinter sich. Vorsichtig setzt sich Lucía hinter ihn, das weiche Fell streichelt über ihre Haut an den Beinen. „Wir kommen bald nach, Amor.”, sagt ihre Mutter und schaut ihre Tochter aufmunternd an.
„Los gehts!”, ruft Antonio und gibt seinem Tier ein Zeichen.
Schnell hält sich Lucía fest, als sie ihr jahrelanges Zuhause verlassen.
 
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