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Zwei Gesichter

von Merle M
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Remus "Moony" Lupin Severus Snape
28.12.2021
22.01.2022
5
31.168
26
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
14.01.2022 6.001
 
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Weiter geht's mit einem Kapitel, das eine Überraschung für Euch bereithält ... viel Spaß!


Artemiy

Severus blinzelte. War das da der Wolf in einem Sessel neben ihm?

„Severus!“, Remus sprang aus der Sitzgelegenheit und kniete sich vor das Bett, „Du bist wach.“

Offensichtlich der Wolf. „Was …“, er schluckte; leckte mit der Zunge über die spröden Lippen, „Was machst du hier?“

Lupin senkte den Blick. „Ich … wollte nicht trinken, falls du in der Nacht meine Hilfe brauchst. Und es hilft mir, zu widerstehen, wenn ich hier bin“, er hörte schon das ich will dich nicht hier haben, Lupin – und so redete er schnell weiter, „Der Geruch nach Blut in dem Raum wird immer schwerer. Du solltest wirklich diese Wunden versorgen. Und vielleicht noch etwas mehr blutbildenden Trank nehmen. Wie kann ich dir helfen?“

„Gar nicht“, zischte Snape und rollte sich auf die Seite, um sich von dort in eine sitzende Position zu drücken. Er hatte den harschen Kommentar Lupins über seinen Körper nicht vergessen. „Ich komme allein zurecht. Ich habe alles bei mir“, die Onyxe duldeten keine Widerworte.

„Wie du meinst“, Remus verstand den Hinweis und stand auf, „Ruf mich, wenn du Hilfe brauchst. Ich komme später wieder.“

Irgendwie hatte Remus es in dieser Nacht geschafft, die Gedanken an Sirius zur Seite zu schieben. Damit wurde auch das Bedürfnis nach Alkohol geringer. Obwohl es nicht gänzlich verschwand. Sein Körper hätte gern welchen, doch Remus konnte sich kontrollieren. Irgendwann war er sogar eingeschlafen. Am nächsten Morgen bereitete er ein ausladendes Frühstück für den Tränkemeister zu, ließ alles auf dem Tisch stehen und ging in den ersten Stock; klopfte an die Türe. „Severus?“, als er keine Antwort bekam, schob er sich in das Zimmer. Auf dem Nachttisch standen leere Phiolen; auf dem Boden knüllten sich mit Blut durchgeweichte Verbände. Auf dem Bett ein Zett. Wurde gerufen.

*

„Severus“, der Dunkle Lord drehte den Kopf in Richtung des eintretenden Dieners.

„Mein Lord“, der Spion blieb mit einigen Metern Abstand stehen und senkte den Kopf; wartete, bis er aus dem Augenwinkel die winzige Handbewegung wahrnahm, die ihm signalisierte, dass es sicher war, hochzuschauen. Die Onyxe trafen auf die Schlangenaugen, verweilten nicht. Severus fixierte den Mann neben Voldemort. „Graf.“

„Severus.“

Den Zauberstab zwischen den Fingern drehend, machte Riddle einen Schritt auf Snape zu, „Artemiy hat diese Nacht unserem Bündnis zugestimmt“, die roten Augen ruhten auf dem Todesser, „Es war voreilig von mir, dich gestern zu bestrafen. Offensichtlich hast du mich nicht enttäuscht.“

Beinahe hätte Severus aufgelacht. Es sollte wirklich ein Ende haben? Seine Mission war abgeschlossen? Erfolgreich abgeschlossen? Nun, für Voldemort erfolgreich, natürlich nicht für den Orden … seine Erleichterung währte nicht an, als er realisierte, was dies für den Widerstand hieß. Es waren verheerende Entwicklungen.

„Ich lebe, um Euch zu dienen, Herr“, brachte Severus hervor, und seine Stimme verriet nicht den inneren Tumult, „Es erfreut mich, dass dieses Bündnis zustande gekommen ist.“

Riddle verzog den lippenlosen Mund zu einer Art Grinsen. „Natürlich bist du erfreut, nachdem du die letzten Wochen beinahe jede Stunde in diese Aufgabe investiert hast. Ich bin zufrieden, Severus. Sehr zufrieden. Ich begann, Zweifel zu hegen … doch am Ende hat sich erwiesen, dass Lord Voldemort richtig lag – wenn einer Artemiy überzeugen konnte, dann du.“

„Ihr seid großzügig, Herr“, Severus‘ löste seinen Blick von dem Schlangengesicht hin zu dem blassen, hohlwangigen Gesicht daneben. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Der Graf würde in dieses Bündnis seine gesamte mächtige Familie und alle Anhänger seiner Grafschaft einbringen. Oh, und er konnte sich schon vorstellen, welchem Misstrauen er sich stellen musste, wenn der Orden davon erfuhr, dass er dieses Bündnis ausgehandelt hatte. Als hätte er mit dem Mal auf seinem linken Unterarm eine Wahl, wenn der Orden einen lebenden Spion wünschte.

„Allerdings“, Voldemorts Zunge schnalzte, „Hat Artemiy eine Bedingung gestellt, welche bisher nicht Teil der Verhandlungen war“, er machte eine Pause, in der er den Blick der schwarzen Augen auf sich zog, „Und ich habe dieser zugestimmt“, Severus wartete. Es war nicht an ihm, augenblicklich nachzufragen oder Vermutungen zu äußern. Der Dunkle Lord würde diese Bedingung mit ihm teilen, wenn er es für angebracht hielt. „Nach dem Scheiden seiner Gattin vor dreißig Jahren, möchte Artemiy ein neues Band der Verbundenheit eingehen“, wieder eine Pause, „Er hat um dich als seinen Verbündeten gebeten.“

Severus war ein zu geübter Okklumens, um seine Gesichtszüge entgleiten zu lassen. „Mein Lord?“

„Du hast mich sehr wohl verstanden“, zischte Voldemort, „Dein Leben gehört mir, Severus. Artemiy wird das Ritual vollziehen.“

„Welchen … welchen Einfluss wird diese Verbindung auf meine Aufgaben und meine Stellung bei Euch haben, Herr?“

„Keinen, bis du diesen Narren Dumbledore aus dem Weg geschaffen hast“, Riddle drehte seinen Zauberstab schneller zwischen den langen Fingern, „Sobald ich die Herrschaft über Großbritannien erlangt habe, werden sich die Gesetze für Zauberwesen ändern, sodass Artemiy und sein Clan ein privilegiertes Leben führen können, mit einem großzügigen Grafschaftsgebiet und Muggeln zur freien Verfügung, ohne Jäger und Verurteilung fürchten zu müssen. Du wirst weiterhin an meiner Seite stehen können und Hogwarts‘ Schulleiter sein. Artemiy wird sicherlich eine behagliche Grafschaft in der Nähe finden.“

„Ich verstehe, Herr.“

„Natürlich verstehst du, Severus“, Voldemort lachte hoch auf, „Deshalb wollte Artemiy dich. Dein Verstand und dein Geist sind zu … süß. Und dein Blut.“

„Können wir das Ritual nun vollziehen?“, der ungarische Akzent des Grafen schlug hart gegen die Worte; er machte eine winzige Kopfbewegung, um die für seine Familie typischen schwarzen Locken aus seinen Augen zu halten.

„Ich selbst werde der Zeuge sein“, Riddle drehte sich zu dem Teilmenschen, „Ich befinde, dass wir uns an einen passenderen Ort begeben sollten …“

*

„Severus?“, Lupin eilte aus der Küche in den Flur; erstarrte, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

„Re-Re-mus?“, der Tränkemeister machte einen wackeligen Schritt.

„Merlin, Severus“, an Snapes Seite eilend, umfasste Remus diesen mit beiden Händen an den Schultern. Er konnte sich nicht entsinnen, dass Snape jemals seinen Vornamen verwendet hatte.

„Richtiges … Geheimquartier?“

„Du bist im Geheimquartier des Ordens“, braune Augen scannten die bebende Gestalt dicht vor sich, „Komm, ich bringe dich ins Wohnzimmer“, Snapes Knie gaben nach, und Remus schlang schnell einen seiner Arme feste um die zusammensackende Form, „Dann so“, sagte er leise und hob den viel zu leichten Mann hoch, „Ich hab‘ dich, keine Sorge“, die Onyxe waren ein kritischer Spalt; als Lupin das Wohnzimmer erreichte, waren Snapes Augen geschlossen. Er legte den Spion auf dem Sofa ab und betrachtete das Gesicht mit der grauweißen Hautfarbe. Die schwarzen Augen flogen noch einmal auf. „Blutbildender … Trank … jede … Stunde …“

„Was ist mit dir?“

„Zu … schwer … dagegen … anzukämpfen …“, nuschelte Severus, einen völlig planlosen Wolf zurücklassend, bevor er in eine Mischung aus Schlaf und Halluzinationen driftete. Remus acciote die Trankvorräte des Ordens und machte sich daran, Snape den Blutbildungstrank einzuflößen. Wieso brauchte Severus diesen? Remus roch kein Blut. Der Spion konnte keine offenen Verletzungen haben. Und eine bereits geheilte würde nicht diese Mengen des Trankes verlangen.

Severus verfiel in einen ähnlichen Zustand wie in der Nacht, die sie im Keller verbracht hatten. Nur war er zu schwach, um umherzuirren und wandte sich stattdessen zeitweilen auf dem Sofa. Er nahm Remus mit zu Todessertreffen; in sein Kinderzimmer; in den Keller seines Elternhauses; in seinen Schlafsaal in Hogwarts … es waren immer nur Wortfetzen, die Remus nicht immer verstand, doch der Tränkemeister durchlebte offensichtlich keine freudigen Momente. Sein Zustand wechselte von schlafen mit Alpträumen zu weit aufgerissenen, nicht sehenden Augen. Dann hielt er Remus für seinen Vater oder den Dunklen Lord, ja ein Mal sogar für Albus Dumbledore; oder für Slytherins zu seiner Zeit als Schüler.

„Bitte … bitte … schick mich nicht zurück … ich … ich kann nicht … bitte … du … du verlangst zu viel …“

„Sch, alles ist gut“, murmelte Remus, als sich das ständige Zittern verstärkte. Severus riss die Augen auf, schnellte in eine sitzende Position, rang um Luft. Zunächst war Remus in Sorge, dass es doch eine schwerwiegende Verletzung gab; dann erkannte er die Panikattacke. Eine solche Attacke war ihm nicht fremd, und so blieb er selbst ruhig. „Langsam atmen, Severus“, sagte er leise, „Einatmen. Halten. Ausatmen. Kannst du mich ansehen?“, doch der Tränkemeister war nicht bei ihm, „Wir machen das ein bisschen lockerer, damit du besser Luft bekommst“, Remus öffnete die obersten Knöpfe des so hoch geschlossenen Kragens und klappte die doppelte Stoffschicht aus Hemd und Gehrock nach unten. Er konnte nicht zu Severus durchdringen, dieser war zu verwirrt, zu sehr gefangen in einer anderen Welt. Die Panikattacke endete erst, als der Körper diesen Ausnahmezustand nicht mehr aufrechthalten konnte. Und erst danach, als Snape wieder lag, fielen Remus die Spuren am Hals auf, die zuvor verdeckt gewesen waren. Da waren zwei Punkte an der Seite. Und zwei über dem Schlüsselbein. Noch weitere auf der anderen Halsseite. „Was …?“, nur zwei der Punkte waren rot mit einer kleinen Kruste. Die anderen waren verblassende Punkte. Mit der Spitze eines Fingers berührte Remus den Tropfen getrockneten Blutes.

„Nicht … mehr … bitte … Gra- … Artemiy, bitte …“

Remus legte die Stirn in Falten. Die Uhr im Wohnzimmer schlug zur vollen Stunde, und so setzte er die geöffnete Phiole an Snapes leicht geöffnete Lippen. Blut … Severus war so blass. Die in den letzten Wochen immer stärker eingefallenen Wangen. Die Halluzinationen und Verwirrtheit. Und er war auch immer so müde gewesen. Hatte seine Pflichten beim Tränkebrauen für den Orden vernachlässigt, weil er nur geschlafen hatte …

Als Severus endlich in einen ruhigeren Schlaf driftete, als er seit über einer Stunde nicht mehr halluziniert hatte, wagte Remus es, aufzustehen und in der angrenzenden Bibliothek des Hauses zu verschwinden. Überfordert mit der Sammlung alter Bücher, versuchte er es, indem er einen Accio-Zauber wirkte. Er kehrte mit einem schwebenden Stapel ins Wohnzimmer zurück und schob sich neben die im Schlaf leicht zitternde Gestalt des Tränkemeister. „Ich bin wieder zurück“, Remus fuhr über den Einband des ersten Buches. Von der Magie der Vampire. Er blätterte durch die alten Seiten, las quer, versank in einem Kapitel. „Die magischen Fähigkeiten der Vampire sind erstaunlich unterschiedlich. Meistens werden Fähigkeiten innerhalb der Familien vererbt. Vampirfürsten weisen für gewöhnlich stärkere Kräfte auf als der Vampir, dem man in einer Einkaufsstraße begegnet …“, hastig blätterte Remus weiter, „So ist zum Beispiel das ungarische Sanguina-Geschlecht für ihre den Geist kontrollierende Magie bekannt und gefürchtet … ihre Fähigkeiten sind dabei von feinster schwarzer Magie. Viele Rituale dieser Familie beruhen auf Praktiken, die den Geist erschöpfen und verwirren … das Drakul-Geschlecht andererseits …“  

Remus ergriff das nächste Buch: Die ganz und gar düstere Natur der Vampire. „Entgegen des in der Muggel-Mythologie weit verbreiteten Glaubens führt ein Vampirbiss zu keiner Verwandlung. So wie auch ein Biss durch einen Hauselfen, Zwerg, Riese oder Kobold keine Verwandlung zu ihresgleichen mit sich zieht. Man wird als Vampir geboren. Der Biss dient einzig der Befriedigung des Blut-Durstes … dabei muss ein Biss nicht tödlich enden, wenn der Vampir rechtzeitig aufhört, zu trinken, was er normalerweise nur bei Geliebten macht …“

Er schob das aufgeschlagene Buch zur Seite, durchwühlte die noch übrigen und zog Der Stammbaum der düstersten und edelsten Vampirgeschlechter auf seinen Schoß. Remus hatte drei weitere Male den blutbildenden Trank verabreicht und mehrfach seine Suche unterbrochen, wenn Severus im Schlaf zu unruhig wurde. Dann fand er endlich den Namen Artemiy. Natürlich hieß dies nicht, dass dieser Artemiy der war, dessen Namen Severus geäußert hatte … aber der Name schien unter Vampiren nicht weit verbreitet zu sein. Zumindest in diesem Buch war es die einzige Erwähnung, wenn Remus nichts übersehen hatte. Artemiy Sanguina, geboren 1899, war als zukünftiger Graf des ungarischen Sanguina-Geschlechts gelistet. „Eines der ältesten, mächtigsten und düstersten Vampirgeschlechter Europas. Unter den drei Brüdern und zwei Schwerstern erweist sich Artemiy als der zukünftige Blutgraf. Wir dürfen Großes von ihm erwarten … die Bezeichnung Blutgraf oder Blutgräfin für das Oberhaupt des Sanguina-Geschlechts stammt aus den Zeiten der ersten Blutgräfin, Lady Carmilla Sanguina (1561-1757). Sie geht als eine der größten Vampirinnen in die Geschichte ein, berüchtigt für ihre blutrünstigen Mordstreifzüge. Lady Carmilla lehrte die Welt ihre bestialische Folter und Verstümmelung. Sie war dafür bekannt, nur das Blut von jungen Mädchen zu trinken und in diesem zu baden. So erhielt sie sich bis zu ihrem Tod ihren jugendlichen Liebreiz …“

Remus klappte das Buch zu. Ihm war schlecht. Mittlerweile war es draußen dunkel geworden und Kerzen erhellten den Raum. Neben ihm schlief Severus, immer unruhig, immer mit einem Schweißfilm auf der Stirn. „Was träumst du nur …“, flüsterte Lupin, den Blick auf die winzigen Punkte am Hals gerichtet.

*

„Remus? Hilf mir Mal mit diesem Biest …“

„Molly?“, der Wolf steckte den Kopf aus der Küchentüre und eilte dann der Hexe zur Hilfe, die mit den Vorhängen des Portraits von Mrs. Black kämpfte, „Was machst du denn hier?“

„Du folgst meiner Einladung zum Abendessen nicht“, sie hielt einen Korb in der Hand, den sie nun vergrößerte, „Also kommt nun ein Mittagessen zu dir“, sie marschierte in die Küche und packte die Zutaten aus, „Du setzt dich hier hin mit einer Tasse Tee und erzählst mir, wie es dir geht, während ich koche.“

„Das ist lieb von dir, Molly“, Remus lächelte, „Allerdings bin ich nicht allein hier. Severus ist-“

„Severus ist hier?“, Mrs. Weasley sah von den grünen Bohnen vor sich auf, „Wunderbar, dann kann er gleich mitessen. Fürchterlich eingefallene Wangen hat er bekommen …“, sie schüttelte den Kopf; ihr Zauberstab zuckte und die Kartoffeln wurden in der Spüle geschrubbt, „Deine Worte beim letzten Treffen … ich schäme mich so, dass ich nicht richtig hingesehen und nichts gesagt habe. Arbeitet er an den Tränken?“

„Er schläft“, Lupin erhitzte das Teewasser, „Er hat einen harten Tag und eine unruhige Nacht hinter sich. Ist erst zur Ruhe gekommen, als er vor ein paar Stunden einen Schlaftrank genommen hat“, Remus‘ Blick ging kurz durch die Hexe hindurch. Immerhin schien Snapes Körper wieder mit ausreichend Blut versorgt.

„Der Ärmste“, Molly veranlasste ein Küchenmesser, die Zwiebeln zu schälen, „Dann lassen wir ihn schlafen. Und nun zu dir, Remus. Wie geht es dir? Bist du die ganze Zeit über hier gewesen?“

Molly kratzte an der Oberfläche. Remus eröffnete ihr nicht seine Probleme mit dem Alkohol, den nicht enden wollenden Schmerz, die zerreißenden Trauer … aber er erzählte von Sirius zu ihrer Schulzeit. Von seiner Animagusform und legendären Quidditch-Spielen, von seinem Talent für Verwandlung und Verteidigung und seinem kläglichen Versagen in Wahrsagen und Zaubertränken … es war schön, sich zu erinnern, während sie beisammensaßen und Frittata mit Sommergemüse, Ziegenkäse und Spinatsalat verspeisten.

Remus hatte zwei weitere Tassen Tee und ein gigantisches Stück Toffee Apple Upside-Down Cake intus, als er seinen Stuhl zurückschob und aufstand. „Ich sehe kurz nach Severus.“

„He, Severus“, der Wolf kniete sich neben die Couch und berührte den anderen Zauberer probeweise am Arm. Vor einigen Stunden hatte der Tränkemeister davon nicht einmal gezuckt, nun öffnete er die Augen. „Du bist im Geheimquartier des Ordens“, informierte Lupin sicherheitshalber, „Molly ist hier und hat gekocht und gebacken. Möchtest du etwas essen?“

„Ich …“, Snape setzte sich auf, schloss kurz die Augen gegen den Schwindel, „Ich würde gern zunächst baden, wenn du mir dies … erlaubst?“

„Du hast das Gastrecht“, Remus schämte sich dafür, dieses Wort erst heute hinzuzufügen: „Dauerhaft.“

„Danke“, Severus stand auf. Es stach in Remus‘ Magen, dass der Spion sich für etwas bedankte, das eigentlich hätte selbstverständlich sein müssen.

„Brauchst du Hilfe mit den Treppen?“

Snape schüttelte den Kopf und ging die ersten vorsichtigen Schritte, bevor er zügig den Raum verließ. Eine Stunde später – Remus war bei seinem zweiten Stück Kuchen und Molly richtete bereits eine Portion Abendessen her, die für die gesamte Weasley-Familie gereicht hätte – betrat Severus gewaschen und in eine glatte Robe gekleidet die Küche.

„Severus“, rief Mrs. Weasley aus, „Setz dich zu uns. Du hast sicherlich Hunger?“, ihr genügte das überrumpelte Nicken, um die restliche Frittata mit einem Zauberspruch zu erhitzen und gemeinsam mit einem großen Glas Kürbissaft vor Severus abzustellen. Severus fiel über das Essen her. Damit hatte Molly nicht gerechnet angesichts seiner hageren Statur und den Fingern mit den viel zu sichtbaren Knöcheln. Und es entzückte sie. „Hier, mein Cheesy Potato Pie mit Bohnen in Tomatensauce. Ein absolutes Wohlfühlessen aller meiner Kinder“, sie lächelte ihn an, „Bringt auch Tränkemeister und Spione wieder auf die Beine“, sie lud ihm eine besonders große Portion auf den Teller, „Und du kannst auch etwas mehr auf den Rippen gebrauchen, Remus Lupin“, Mrs. Weasley überging Remus‘ Einwand, dass er soeben erst das Stück Kuchen gegessen hatte und stellte auch vor ihn einen Teller.

Severus verputzte auch dieses Essen und schielte dann zu dem Kuchen. Mrs. Weasley lachte und reichte ihm von dem Kuchen an. Innerlich weinte sie angesichts des Hungers des jungen Lehrers. All die Abendessen nach den Ordenstreffen, an denen sie keinen Gedanken daran verschwendet hatte, dass Severus vielleicht zum Essen geblieben wäre, wenn er das Gastrecht gehabt hätte … aber sie hatte immer wie alle anderen angenommen, dass er ihre Gesellschaft lediglich aushielt und sowieso verschwinden würde. Nach dem reichlichen Essen fielen Severus beinahe die Augen zu. „Ich lasse euch alles hier“, Molly war zu lange Mutter, um nicht zu sehen, dass Snape kurz davor war, mit dem Oberkörper auf den Tisch zu sacken. Jetzt sah sie es. Wie oft hatte sie es übersehen? „Pass auf dich auf, Remus. Und du auch, Severus.“

„Ich würde gern mit dir-“, wandte sich Lupin an den Spion, nachdem Molly das Haus verlassen hatte. Doch er brach ab, als er die verhangenen Onyxe sah. „Das kann bis morgen warten. Gute Nacht, Severus.“

Snape verharrte kurz im Türrahmen, mit dem Rücken zu Lupin. „Gute Nacht, Wolf.“

*

„Du siehst besser aus“, Remus lächelte den eintretenden Spion an, „Nicht mehr so, als sei da kein Tropfen Blut mehr in deinem Körper.

Snape zog eine Augenbraue hoch und setzte sich an den Küchentisch, nahm eine Tasse Tee von Lupin entgegen. „Du hast die Bissspuren gesehen.“

Remus nickte. „Du hattest eine Panikattacke und ich konnte nicht zu dir durchdringen. Ich dachte, du bekommst vielleicht besser Luft“, er machte eine kurze Pause, „Ich habe gelesen, dass Vampire normalerweise trinken, bis ihr Opfer stirbt. Und nur wenige sich kontrollieren können, rechtzeitig aufzuhören.“

Sie konnten mich nicht töten, solange sie mit dem Dunklen Lord verhandeln wollten. Es war ihr Mittel, mir Angst zu machen, mich zu testen …

„Da stand auch, wenn Vampire sich kontrollieren, ist das Opfer in den meisten Fällen dann kein wirkliches Opfer, sondern ihr Partner“, redete Lupin weiter; er hatte die gesamte Nacht damit verbracht, die Bücher über Vampire zu lesen, „Ich dachte erst, dass du vielleicht in einen Streit mit einem Vampir verwickelt warst und es einen Kampf gab … aber Artemiy hört sich nach einer sehr vertrauten Ansprache für einen Grafen an, nicht wahr?“, er fixierte den Tränkemeister in der Hoffnung auf eine Reaktion, die ihm verriet, ob seine Worte wahr waren, doch Snapes Gesicht verriet keine Regung, „Du hast seinen Namen gesagt, als ich den frischen Biss berührte. Ich kümmere mich um dich … dabei kamst du nur von deinem Vampir-Lover zurück und ihr habt es im Eifer ein bisschen zu weit getrieben?“, er ließ einen Teller mit Toast auf den Tisch fliegen, doch das Porzellan zersprang unter dem Aufschlag auf der Holzplatte. Wieso machte es ihn so wütend? Gut, dass Severus einen Vampir bevorzugte, war eine Überraschung, aber es hätte ihn nicht so aus der Bahn werfen sollen, dass der Tränkemeister sich mit jemanden traf. Sicherlich war es nur eine Liebelei, keine feste Partnerschaft – er hatte auch intensiv über Bindungsrituale zwischen Vampiren und ihren Partner gelesen, und das hätte Albus sicherlich nicht erlaubt und wäre wahrscheinlich auch nichts, auf das Severus sich einlassen würde … immerhin kämpfte er doch für ihre Seite und dieses Sanguina-Geschlecht war seit jeher bösartig und grausam.

Hätte Voldemort ihn nicht erst vor wenigen Tagen an einen blutrünstigen Vampirgrafen gebunden, hätte Severus sich bei dieser Anklage sicherlich an seinem Tee verschluckt. Doch ihn überraschte nun nichts mehr. „Und ich habe mich um dich gekümmert, nachdem du dir wegen deines Hunde-Lovers das Gehirn versoffen hast“, Severus‘ Stimme war leise, scharf; er bemühte seinen Zauberstab, und der zerbrochene Teller setzte sich wieder zusammen. Er nahm sich einen Buttertoast.

Remus starrte den anderen an. Severus hatte seine Haare in einem Zopf gebändigt, sodass die markanten Gesichtszüge stärker hervorkamen. „Es war jedenfalls das letzte Mal, dass ich dir geholfen habe“, Lupin stellte auch seine Teetasse sehr hart ab.

„Weshalb bist du so wütend?“, die Onyxe lagen auf dem Wolf.

Für einen Moment hatte Remus keine Antwort. Dann: „Mh, vielleicht, weil du was mit einem Vampir hast, der einer der blutrünstigsten und grausamsten Linien entspringt, die für ihre unzähligen, bestialischen Morde und ihre Foltermethoden bekannt ist?“

Aber das war es nicht. Remus war wütend, weil er nie einen Gedanken daran verschwendet hatte, dass Severus jemanden haben könnte. Wer würde schon mit diesem sozial aneckenden, düsteren Menschen eine Beziehung eingehen? Offensichtlich Gestalten, die auf düster standen … Was hatte er sich auch gedacht? Severus war vielleicht nicht hübsch, aber war er es nicht selbst, der in den dunklen Augen versinken wollte und der das schwarze Haar schön fand, wenn es gewaschen war? Hatte er selbst nicht schon im Jugendalter Severus‘ Intelligenz und Fähigkeiten bewundert? Und ja, hatte er nicht selbst innerlich manchmal geschmunzelt über Severus‘ Humor im Lehrerzimmer, wenn er gegen die anderen Professoren gerichtet war? Ja hatte er nicht selbst auf diese filigranen Finger gestarrt, wie sie jede Zutat beinahe liebkosten? Und dann war er davon ausgegangen, dass niemand anders dies sah. Sehen konnte. Dass ihm niemals jemand Severus wegnehmen würde … dass er Zeit hatte …

Snape hatte nicht geantwortet. Er aß einen weiteren Toast, trank seinen Tee, bediente sich an dem Obstkorb und begann dann, den Küchentisch zur Hälfte in ein Tränkelabor zu verwandeln. Remus blieb an der Küchentheke gelehnt stehen. Bot nicht seine Hilfe an, doch beobachtete den Meister bei dessen Arbeit. Bewunderte ihn. Die Küche war wahrlich nicht das, was man den perfekten Ort zum Brauen nennen konnte, doch am Mittag reihten sich neun Kessel auf der Holzplatte. In allen simmerten unterschiedliche Tränke; bei allen waren die Flammen unter dem Kessel ein bisschen anders. So sorgfältig wie Severus arbeitete, durften einige Zutaten auf keinen Fall auch nur in Berührung mit anderen Zutaten kommen, wenn nicht die ganze Küche in die Luft fliegen sollte. Remus wusste nicht, ob alle Tränke für den Orden waren, oder ob Severus parallel auch an welchen für Voldemort arbeitete. Er fragte auch nicht. Er war damit beschäftigt, zu starren. Severus schien niemals den Überblick zu verlieren, während er zwischen den Kesseln wechselte; hier musste im zickzack gerührt werden, dort in langsamen Kreisen; dann ein Tropfen hiervon und die Hitze erhöhen, daneben die Hitze weg und ein Korn von einer anderen Zutat hinzufügen …

„Isst du mit?“, es war mittlerweile Nachmittag und Remus hatte das Essen von Molly warm gemacht.

„Keine Zeit“, Severus nahm den Blick nicht von den Kesseln vor sich, „Kritischer Moment.“

Dieser kritische Moment schien sich bis in den Abend zu ziehen, denn erst dann räumte Severus die Zutaten weg und reinigte die Utensilien, während die Tränke vor sich hin blubberten oder ruhten. Eine Strähne hatte sich aus seinem Zopf gelöst, und der Professor schob diese hinter sein Ohr, bevor er sich auf einen Stuhl setzte und sich dem Essen widmete. Remus konnte nicht anders als schmunzeln, als er sah, wie der Slytherin Mollys Pie aufaß. „Es gibt auch noch Kuchen“, ein leises Lachen lag in Lupins Stimme, und er stellte den Teller mit einem großen Toffee-Kuchenstück vor Severus; seine freie Hand ruhte dabei auf Snapes Schulter. Beide zuckten vor dieser unbedachten Geste zurück. Remus räusperte sich und trat schnell mehrere Schritte zurück, bis er an die Küchentheke stieß.

Als Severus aufgegessen hatte und sich erhob, stand der Wolf ihm gegenüber. „Willst du die Nacht auch noch damit verbringen, mich anzustarren?“, wie so häufig hatte Snape eine Augenbraue hochgezogen. Es war für Remus beinahe eine vertraute Geste.

„Es tut mir leid, dass ich vorhin so ungehalten war“, sagte Remus, was die Augenbraue noch höher wandern ließ, „Ich … es geht mich nichts an, was du … solange es keine Bedrohung für den Orden ist und eine Verbindung zu diesem Vampirgeschlecht halte ich für fragwürdig …“, driftete er ab, fing sich, „Ich war eifersüchtig und deshalb so wütend. Das war nicht fair.“

„Eifersüchtig?“, die Augenbraue wäre noch höher gewandert, hätte sie es gekonnt, „Wenn du … einen Vampir willst, im Tropfenden Kessel die sind meistens verträglich …“

Remus blinzelte. Dann verstand er. „Ich war nicht darauf eifersüchtig, dass du einen Vampir triffst.“

Severus war ein wirklich kluger Mann, doch in dieser Hinsicht fehlte ihm einiges an Kompetenz. „Sondern …?“

Der Wolf lachte. Kein böses Lachen. „Sondern dass er dich trifft“, das Lachen verschwand, der Gesichtsausdruck wurde ernst.

Severus senkte den Blick. Was Remus sagte, klang so … falsch. Als würde er sich freiwillig mit Artemiy treffen. Als habe er Interesse an dieser Verbindung mit dem Vampir. Diese ganze Verbindung war nichts, auf das man auf irgendeine Weise eifersüchtig sein konnte. Verdammt, er war nun an eines der blutrünstigsten, grausamsten Wesen gebunden, das er kannte. Severus war jetzt nicht nur mehr durch das Dunkle Mal an Voldemort und durch seine Schuld an Dumbledore gebunden. Nein, er gehörte nun auch noch einem mächtigen Vampirfürsten … und es musste sich erst zeigen, inwieweit Artemiy ihn als ebenbürtig oder als Besitz erachtete. Ob er das Spielzeug des Blutgrafen war. Oder der Partner. Er wusste nicht, was schlimmer wäre.

Die schwarze Haarsträhne hatte sich aus ihrer Position hinter dem Ohr gelöst. Remus strich sie zurück, verharrte mit den Fingerspitzen an Snapes Ohr. Er wollte den Tränkemeister küssen, ihn dabei herumwirbeln und gegen die Küchentheke pressen … doch er hatte Snapes Reaktion auf den ersten Kuss nicht vergessen. „Ich bin im Wohnzimmer“, sagte Remus und entließ die Strähne aus seinen Fingern.

Im Wohnzimmer stand der Alkohol. Remus hatte es nicht über sich gebracht, diesen zu entsorgen, und so hatte er die Flaschen lediglich vom Tisch und Kaminsims in die Vitrine gestellt. In seinem Kopf wirbelten Gedanken an Sirius … und an Severus.

Schuld. Wie konnte er etwas für Severus empfinden? Sirius war erst seit wenigen Wochen weg und schon hatte er Gefühle für einen anderen … Gefühle, die schon immer in ihm geschlummert hatten? Er hatte sich damals für Sirius, James und Peter entschieden – und gegen Severus. Gegen den seltsamen Slytherin, mit dem er eigentlich gern befreundet gewesen wäre … aber es war nicht nur eine verlorene Freundschaft. Remus hatte dabei zugesehen, wie Severus immer schlimmer von seinen Freunden gepiesackt wurde.

Wut. Wut auf sich selbst. Dass er nie mutig gewesen war. Dass er sich blind und unfair verhalten hatte, um Sirius zu gefallen. Wut auf Severus. Dass er jemand anderen hatte.

Verzweiflung. Er hatte gerade erst Sirius verloren. Und obwohl erst kürzlich, war Severus … eine Stütze geworden. Eine Konstante, die im Geheimquartier auftauchte und für ihn da war … und nun hatte Severus wen anderen. Was nicht bedeutete, dass Severus von nun an nicht mehr hier auftauchen würde … aber … aber … Severus empfand offensichtlich nichts für ihn …

Remus‘ erster Reflex war der zur Flasche. Doch, bevor er diese an seinen Lippen ansetzte, stellte er sie etwas zu fest auf dem Wohnzimmertisch ab. Er hatte Severus verletzt, während er betrunken war. Körperlich. Und seelisch. Severus hatte mit einem alkoholabhängigen Vater zusammen gelebt … und das Geheimquartier war momentan eine Zuflucht für den Spion. Er hatte Albus beinahe angefleht, hier bleiben zu dürfen … es war nicht fair, den Tränkemeister nun mit einem betrunkenen Wolf zu konfrontieren. Remus erinnerte sich zu lebhaft an die Angst in den Onyxen.

Mit einem tiefen Seufzer sank Remus auf die Couch. Starrte die Flasche an. Stand wieder auf. Lief durch den Raum. Schaute aus dem Fenster in die Dunkelheit. „Fuck!“, fluchte Remus und lehnte die Stirn gegen die Scheibe. Er hatte früher nie viel Alkohol getrunken und nun … nun schien die Flasche auf dem Wohnzimmertisch der einzige Ausweg aus dem Tumult in ihm, aus dem inneren Schmerz …

Remus stieß die Türe zur Küche auf. Atmete schwer. An einem Ende des Tisches, vor ihm die Reihe mit Kesseln, saß Severus; eine Kerze auf dem Tisch neben sich, die Beine überschlagen, ein Buch in der Hand. Er musste in die Lektüre vertieft gewesen sein, denn als die Türe aufsprang, riss er den Kopf hoch und blickte Lupin an. Da war sie wieder. Angst huschte durch die Onyxe; einen Wimpernschlag später war das Schwarz bar jeglicher Emotionen.

„Ich hab‘ nicht getrunken“, Lupin warf sich auf den Stuhl neben Snape, „Aber …“, er seufzte, „Ich bin sehr kurz davor.“

„Du versuchst, dem Drang nicht nachzugeben?“, Severus legte das Buch auf den Tisch.

„Ich möchte nicht, dass du dich unwohl fühlst“, in den braunen Augen schwammen die Emotionen, „Das hier soll eine Zuflucht für dich sein …“, Remus blinzelte sehr schnell. Weil ich mehr Angst vor dem hatte, von dem ich kam, als vor dem, was mich hier erwartete. Die Szene, als Severus dies zu ihm sagte, spielte sich vor seinem inneren Auge ab. Und wäre er nicht zu geblendet von seinen eigenen Gefühlen, hätte er vielleicht verstanden, dass Severus damals Artemiy gemeint hatte. Aber er zog diesen Schluss nicht.

Severus sagte nichts. „Musst du bei den Tränken bleiben?“, fragte Remus.

Nicken. „Einige benötigen in den nächsten Stunden meine Aufmerksamkeit“, Snapes Blick schnappte kurz zu den Kesseln, „In der Zwischenzeit lese ich.“

„Stört es dich, wenn ich auch hier bin?“, auf Snapes Kopfschütteln hin sprang Remus auf, „Ich mache uns Tee. Und hole mir ein Buch.“

Sie saßen beinahe eine Stunde schweigend nebeneinander; Severus‘ Augen huschten über die Seiten, und Remus wunderte sich über den schnellen Intervall, in welchem der Professor umblätterte. Remus selbst schielte mehr zu Severus hinüber als dass er las. Dann legte Snape das Buch ab, stand auf und blickte in einen der Kessel, rührte ein Mal gegen den Uhrzeigersinn und betrachtete die Farbveränderung. Offenbar zufrieden, setzte er sich wieder hin und nahm das Buch in die Hand.

„Wie ist das so?“, Remus legte seine Scheinlektüre ab, „Für Du-weißt-schon-wen zu spionieren, meine ich.“

Severus, überrascht von der Frage, schaute einen Moment auf die geöffnete Seite und legte dann das Buch wieder zur Seite. Sein Blick fixierte einen Punkt neben Remus. „Ich betrüge einen sadistischen Wahnsinnigen, der paranoid nach Fehlern und Betrug sucht, nachdem ich so viele Jahre als Dumbledores Schlosshund gelebt habe und der Dunkle Lord ist dabei der größte Legilimens seiner Zeit ...“, er machte eine Pause, in welcher sich die Onyxe auf Lupin fixierten, „Ich bin an diesen Wahnsinnigen mit meinem Leben, meinem Körper, meiner Seele gebunden und muss nach seinen Vorstellungen agieren, obwohl ich diese Vorstellungen nicht teile und lieber tot wäre, als ein Todesser … ich muss immer der Todesser sein, der Dumbledore täuscht und niemals anders herum, sonst gäbe es keinen Spion mehr. Und“, er lachte bitter auf, „Leider gibt es niemand anderen für diesen Job. Also muss ich zusehen, dass ich lebendig bleibe.“

Remus dachte über Snapes Worte nach. „Kommt es oft vor, dass du bestraft wirst?“, noch immer beschäftigte es ihn, dass Severus verletzt von Voldemort zurückgekommen war; mit Schnitten, die lang und viel geblutet hatten.

„Was denkst du, Wolf?“, zischte Severus, „In meiner Position als Spion kann ich nicht immer so sehr der Todesser sein, wie der Dunkle Lord es wünscht. Zudem kann ich ihm natürlich nicht immer die Informationen liefern, die er gern hätte, wenn ich nicht den Orden verraten möchte. Das macht ihn unzufrieden und im schlechtesten Falle misstrauisch. Es gibt also viel Potential für den Cruciatus“, er schauderte, senkte den Blick.

„Ich war noch nie unter dem Cruciatus“, murmelte Remus, den Tränkemeister ansehend, der ein wenig in sich zusammengesackt war, „Tut es … sehr weh?“

„Die Longbottoms sind davon wahnsinnig geworden“, Severus sah auf seine Hände, die er in seinem Schoß abgelegt hatte, „Und ich kann verstehen, weshalb.“

„Das … tut mir leid“, Remus fuhr sich durch die Haare, „Ich … habe es noch nie aus deiner Perspektive betrachtet. Dass du Albus treu bist, damit kommt, dass du eigentlich gar kein Todesser sein willst. Aber um für den Orden zu spionieren, musst du es“, er drehte sich auf seinem Stuhl, sodass seine Knie nun in Richtung des Tränkemeisters zeigten, „Musst du … also du bringst ihm Informationen aus dem Schloss und braust Tränke, aber … musst du auch so andere Todesser-Sachen machen?“, er kam sich dämlich vor und erwartete, dass Snape dieser Formulierung mit einem schneidenden Kommentar begegnete. Doch die schmalen Schultern sackten nur weiter nach vorn, „Blöde Frage“, sagte Remus schnell, „Ich weiß ja, dass du zum Beispiel diese Ferien auf einer Mission warst“, nun zitterten auch die filigranen Hände, „Hey“, Remus beugte sich vor und legte seine Hand auf Snapes, was diesen den Kopf hochreißen und seine Hand an den Bauch ziehen ließ. Verbrannt nahm Lupin seine Hand weg. „Sorry“, Lupins Wangen glühten.

Severus legte seine Hand zurück in seinen Schoß. „Ich habe nur nicht mit dieser Geste gerechnet“, der Schwarzhaarige schaute nun den Wolf an.

„Du bist es nicht so gewöhnt, dass dir jemand helfen oder Trost spenden möchte, oder?“, Remus hatte Dumbledore immer für den einzigen Menschen gehalten, mit dem Severus enger Kontakt hatte. Und so wie der Schulleiter den Spion behandelte … kam da wahrscheinlich nicht sehr oft eine helfende Hand. Aber er hatte ja Artemiy … hatte er? Remus erinnerte sich an Snapes Reaktion auf den Kuss – er hatte erwartet, Remus wolle ihn benutzen, um sich beim Sex besser zu fühlen, um Wut rauszulassen … was sagte diese erste Assoziation über Severus aus? In seinem halluzinierenden Zustand hatte Severus Artemiy angefleht. Remus hatte angenommen, Severus habe den Grafen um Hilfe gebeten. Hilfe vor was? Was, wenn er den Vampir angefleht hatte, aufzuhören? Aber weshalb sollte Severus einen Vampir ihn beißen lassen, mehrfach, wenn er es nicht genoss? Einmalig, vielleicht, aber da waren mehrere Bissspuren. Vielleicht hatte er auch um etwas ganz anderes gefleht? War es ein sexuelles Flehen um Erlösung gewesen …? Aber Severus hatte nicht so gewirkt, als genieße er diesen Moment …

Remus tauchte aus seinem Gedankengang auf. Snape hatte nicht auf seine Frage geantwortet, starrte nun wieder auf seine Hände, die noch immer zitterten. Remus streckte beide Hände aus und legte diese auf die zitternden. Dieses Mal zuckte Severus nicht zurück. Für einen Moment saßen sie so dort, bis Severus aufsprang, eine Hand auf seinen linken Unterarm gepresst. Remus brauchte keine Erklärung für diese Geste. Severus stand dicht vor ihm, und für einen Wimpernschlag lagen Emotionen in den Onyxen. Furcht. Müdigkeit. Dann okkludierte Severus seinen Geist und zog seinen Zauberstab, um die Tränke in eine Starre zu versetzen. „Nichts anfassen“, wies er an.

Remus konnte nur bewundern, wie sehr sich der Spion unter Kontrolle hatte. Er legte eine Hand an Snapes Oberarm, hielt den Blick mit den schwarzen Augen. „Ich … werde da sein, wenn du zurückkehrst“, sagte er leise. Remus beugte sich vor, in den Onyxen versinkend, und hauchte einen Kuss auf Severus‘ Stirn, „Pass auf dich auf.“  



AN: Na, das sind Entwicklungen ... ich bin gespannt, was ihr zu dieser "Vampir-Wendung" sagt. Lady Carmilla Sanguina und ihr Titel als "Blutgräfin" aufgrund ihrer Bäder in dem Blut junger Mädchen entstammen übrigens nicht meinem Ideenreichtum, sondern gehören zur HP-Welt. J.K. Rowling hat diesen Charakter für ein HP-Computerspiel eingeführt. Der ganze Handlungsstrang und Artemiy sind natürlich total AU/OC, weil es nicht sehr viele Infos zu den Merkmalen von Vampiren in der HP-Welt gibt; aber so ist er immerhin vom Familienstammbaum her in diesem Universum nicht so weit hergeholt, wie ich dachte, als mir die Idee kam. Die Idee dazu hatte ich, während ich das 4. Buch erneut las & dort Percy Vampire erwähnte und nun habe ich sie endlich aufgeschrieben. Das hier wird keine Vampir-Geschichte - es ist vielmehr ein Nebenhandlungsstrang, der ein paar mehr Möglichkeiten in der Entwicklung der Geschichte bietet :)
Bei Molly und Remus ist auch einiges passiert, was ihre Sichtweisen auf Severus angeht. Natürlich vor allem bei Remus, der noch nicht so ganz weiß, wie er die neuen Infos einordnen soll und mit seinen Gefühlen hadert. Ich bin gespannt, was ihr über dieses Kapitel denkt!

Meine Inspirationen zu Mollys Essen kommen von Jamie Oliver: https://www.jamieoliver.com/recipes/fruit-recipes/vegan-toffee-apple-upside-down-cake/, https://www.jamieoliver.com/recipes/vegetables-recipes/kerryann-s-cheesy-potato-pie/x, https://www.jamieoliver.com/recipes/cheese-recipes/summer-vegetable-goat-s-cheese-frittata/
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