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Am Grab ihrer Schwester

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / Het
OC (Own Character) Tom Hiddleston
26.12.2021
30.12.2021
5
6.284
3
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26.12.2021 1.213
 
Elodie ging mit langsamen Schritten über das knirschende Gras. Das Gewicht des Blumenstraußes in ihren Händen wog schwer, obwohl der Strauß nicht allzu groß war, aber er war immer schwer, wenn sie diesen Gang ging.
Sie bog um die Ecke und die Wiese, auf der Yoana begraben lag, kam in Sicht. Es war zwar schon neun Uhr morgens, aber an diesem eiskalten Januarmorgen waren nicht viele Menschen unterwegs, sodass sie erwartete, allein zu sein. Die Sonne kam zwischen den Wolken hervor, schaffte es aber nicht, den Raureif zu schmelzen. Alles glitzerte.
Als sie die Grabreihe sehen konnte, traute sie ihren Augen nicht. Dort stand jemand. Nun, es war nicht ungewöhnlich, dass jemand den Friedhof besuchte, sie tat es ja auch, aber dieser jemand stand an Yoanas Grab. Bis heute war sie immer allein gewesen, wenn sie herkam. Nicht mal ihre Eltern kamen mit.
Sollte sie hier stehen bleiben und warten, bis der hochgewachsene Mann gegangen war? Oder sollte sie sich dazu gesellen?
Sie war stehen geblieben und langsam kroch die Kälte durch ihre Stiefel an ihre Füße, weswegen sie von einem Fuß auf den anderen trat, um die Kälte nicht gewinnen zu lassen. Wer weiß, wie lange er beim Grab stehen bleiben würde. Sie ging weiter.
Nach wenigen Metern war sie angekommen und näherte sich dem Grab von der Seite. Der Mann, etwa in ihrem Alter, wie sie jetzt erkennen konnte, sah nicht auf, sondern blickte auf den Grabstein, der vor ihm aus dem Boden ragte.
Sie stellte sich neben ihn, bevor sie sich hinunterbeugte und den kleinen Blumenstrauß vor den Stein legte. Sie bemerkte den kurzen Blick des Mannes neben ihr, doch sie standen in Stille nebeneinander und betrachteten das Grab.
Yoana McNamara.
Geliebte Freundin, Schwester, Tochter.

Wie jedes Mal fiel es ihr schwer, die Buchstaben zu lesen, aber mittlerweile schaffte sie es, ohne in Tränen auszubrechen.
„Entschuldigen Sie“, sagte der Mann neben ihr mit samtweicher, aber traurigen Stimme, und kleine Wölkchen bildeten sich in der Luft, wenn er sprach. „Soll ich gehen? Bestimmt möchten Sie allein sein.“
„Nein, bleiben Sie ruhig.“ Gesellschaft tat ihr hierbei mit Sicherheit gut.
Er nickte und wieder schwiegen sie. Eine kleine Weile regte sich niemand, bis er erneut das Schweigen brach. „Woher kannten Sie Yoana?“
„Mein Name ist Elodie McNamara“, seufzte sie und wandte ihren Kopf nach links, wo er stand. Ihre Blicke kreuzten sich und in seinen blauen Augen kam Erkenntnis zum Vorschein.
„Yoana war Ihre...“
„Schwester, richtig.“
Sie war nicht nur ihre Schwester, sondern auch ihre beste Freundin. Seelenverwandte. Das Gegenstück zu sich selbst. Ihr Tod hatte sie von den Füßen gerissen, sie in tiefe Trauer gestürzt, und es war, als wäre etwas in ihr mit Yoana gestorben.
Aber nach zwei Jahren und einer wirkenden Therapie konnte sie damit leben, dass sie nun mehr allein war. Ihr Therapeut empfahl ihr, sich mit dem Tod ihrer Schwester auseinanderzusetzen, und sie tat es auf ihre Art: an wichtigen Tagen im Jahr besuchte sie ihr Grab.
„Das tut mir leid“, flüsterte er.
„Das muss es nicht. Es ist die Schuld des anderen Autofahrers und nicht Ihre.“ Wenn dieser unsägliche Mann nicht betrunken in sein Auto gestiegen wäre, wäre Yoana noch hier. Elodie müsste nicht in Eiseskälte auf dem Friedhof stehen und frieren, auch wenn ihre heutige Begleitung nett zu sein schien.
Aber das Schicksal gab seine Pläne nicht preis.
„Woher kannten Sie sie?“, fragte sie schließlich.
„Wir haben zusammen studiert. Sie war oft meine Szenenpartnerin.“
Ihre Schwester hatte das Schauspiel studiert, sie war richtig darin aufgegangen. Nach dem Studium hatte sie oft in kleinen Theatern gespielt, aber auch die ein oder andere Fernsehrolle hatte sie bekommen. Sie war so glücklich gewesen und hatte Elodie viel und begeistert von ihren Jobs berichtet.
„Film oder Theater?“
„Was?“ Er kam nicht mit ihren Gedankengängen mit.
Sie schmunzelte. „Sind Sie Theater- oder Filmschauspieler?“
„Theater“, kam es wie aus der Pistole geschossen von ihm. „Hauptsächlich Theater. Ich habe auch ein paar kleine Rollen beim Film gehabt, aber das Theater hat bis jetzt überwogen. Meine erste große Filmrolle steht jetzt aber an und das wollte ich Yoana erzählen. Sie hätte es wissen wollen.“
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie und es kam zwar aus ihrem Mund, doch es war, als spräche Yoana mit ihm.
„Danke“, sagte er verlegen und lachte etwas.
„Yoana hat viel von ihrem Studium erzählt und später auch von ihren Rollen.“ Sie warf ihm einen schielenden Seitenblick zu.
„Ach ja? Dann hat sie bestimmt auch von einem Thomas erzählt, der zu Anfang in Nervosität zergangen ist und später das Schauspiel geliebt hat.“
„Das hat sie.“ Der Mann neben ihr hieß also Thomas. Sie vermutete, dass es derjenige war, den Yoana Tom genannt hatte – sie hatte eine innige Freundschaft zu ihm aufgebaut, die auch über das Studium hinaus gehalten hatte. Irgendwann, einige Monate vor ihrem Tod, hatte sie dann von ihnen beiden als Paar berichtet. Elodie hatte sich sehr für sie gefreut. Tom kennengelernt hatte sie aber nie. „Sie sagte, seine Küsse würden ihr die Luft zum Atmen geben.“
Er schluchzte. Entweder seine Knie gaben nach oder er wollte es so, aber er sank gen Boden und hockte da, mit den Händen vor dem Gesicht und vornübergebeugt.
Wortlos trat sie noch näher an ihn heran, kniete sich zu ihm streichelte ihm den Rücken. Es bedurfte keiner Worte, um den Mann zu trösten, der ihre Schwester glücklich gemacht hatte.
Eine Weile schluchzte er und vergoss Tränen, dann beruhigte er sich zusehends. „Ich habe sie geliebt“, wisperte er mit rauer Stimme.
„Genau wie ich.“
Thomas legte seinen Kopf in den Nacken, blickte in den Himmel und seufzte tief. Seine Augen glänzten noch von den Tränen, aber er sah schon nicht mehr so traurig aus wie eben. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht weinen.“
„Ich verstehe das. Der Tod eines geliebten Menschen reißt ein gewaltiges Loch in unsere Herzen.“ Ihr Blick glitt auf den Grabstein, auf dem die Lebensdaten ihrer Schwester standen. 28 Jahre alt war sie geworden, genauso alt wie Elodie heute war.
Langsam standen sie beide wieder auf, standen aber noch immer nah beieinander, sodass sich ihre Schultern berührten, und sahen auf das Grab.
Es vergingen ein paar Minuten, in denen sie nur schwiegen, ehe es Elodie zu kalt wurde. Sie hatte das Grab ihrer Schwester besucht, sich mit ihr ausgetauscht – zumindest in Gedanken – und nun war es an der Zeit, zu gehen.
„Nun, Thomas“, sagte sie. „Ich werde jetzt gehen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrem Film.“
„Danke“, erwiderte er lächelnd.
Sie drehte sich um und machte sich auf den Heimweg. In Gedanken war sie noch bei Yoana, der Schauspielerei und Thomas, sodass sie gar nicht mitbekam, wie er ihr hinterherrief.
Erst als er ihren Arm fasste und sie zurückhielt, bemerkte sie, dass er etwas gesagt haben musste.
„Elodie, ich…“, begann er stockend. „Ich würde gern einen Kaffee mit Ihnen trinken gehen. Wegen Yoana und…“ Er suchte nach den passenden Worten.
Sie lächelte ihn herzlich an. „Gerne. Bei der Kälte kann ich etwas Warmes vertragen.“
Seine Hände hatte er bereits in seinen Manteltaschen vergraben, aber er bot ihr dennoch seinen Arm an. Sie ging auf das Angebot ein und hakte sich bei ihm unter, ehe sie gemeinsam den Friedhof verließen.
Als sie die Wiese mit dem Grab ihrer Schwester hinter sich ließen, drehte sich Elodie noch einmal um. „Happy Birthday, große Schwester.“
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