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Mein Engel

Kurzbeschreibung
OneshotAngst / P12 / Gen
Lawless / Hyde
25.12.2021
25.12.2021
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Wenn die Entwicklung schrittweise gekommen war, hatte er es nicht gemerkt. Wenn es klein begonnen hatte, so, dass man es ohne weiteres übersehen hätte können, wenn man nicht wusste, dass es da war, und langsam zu etwas immer präsenterem angewachsen war, hatte er es irgendwie geschafft, diesen gesamten Vorgang zu ignorieren. Wenn es so war, wenigstens.

Das war leicht dahergesagt, wenn er jetzt darüber nachdachte. Es hätte schon früher etwas passieren müssen, er hätte schon früher etwas spüren müssen, und hätte vielleicht sogar noch etwas tun können. Oder nicht. Wahrscheinlich eher nicht. Aber schlussendlich war auch das nicht von Bedeutung, weil es nicht passiert war, oder er es nicht bemerkt hatte.

Ob Hyde selbst dabei wirklich Schuld traf, wusste er nicht. Er wollte es überhaupt nicht wissen, eigentlich. Aber alles, was er über diesen Verlauf kannte, kam von All of Love, und damit war es aufgelegt gewesen, dass er nichts von dem bemerkte, was mit ihm passierte. Wenn man nach etwas suchte, war es leicht, das zu übersehen, was sich direkt vor seiner Nase befand. Und das galt offensichtlich auch, wenn man es nicht suchte.

Wenn die Entwicklung schrittweise gekommen war, hatte er es nicht gemerkt, aber es hätte auch nicht viel an seiner Situation geändert. Vielleicht hätte er sich besser vorbereiten können, irgendetwas, aber es half nichts dabei, dass er über die Umstände selbst keine Macht hatte. Und es änderte nichts an dem Gedanken, der ihm schon vor einer ganzen Weile gekommen wäre, wenn er die Entwicklung, die es vielleicht oder vielleicht nicht gegeben hatte, bemerkt hätte: Das war wirklich der schlechtmöglichste Zeitpunkt dafür.

Je mehr Hyde versuchte, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren, desto mehr begann die Welt, sich vor seinen Augen zu drehen. Er hörte, was Niccolo sagte, verstand die Worte, aber in diesem Moment war er aus mehr als einem Grund froh, dass er nicht mehr selbst sprechen musste. Und er war froh, dass er etwas hatte, auf das er sich konzentrieren konnte, etwas anderes als den Lärm in seinem Kopf, trotz all der größeren Probleme, welche die Situation, in der sie sich befanden, mit sich brachte. Ohne die sie überhaupt nicht in dieser Situation wären.

Vielleicht galt das auch für ihn. Vielleicht hatte World Ends Anblick in ihm etwas anderes ausgelöst, das nicht passieren hätte sollen. Er hatte mit keinem seiner jüngeren Brüder darüber gesprochen, was passiert war oder wie sie sich fühlten- entweder wäre es fehl am Platz gewesen, oder es hätte sich falsch angefühlt, und Hyde konnte nur davon ausgehen, dass er nicht als einziger so gedacht hatte.

Für World End war es wahrscheinlich genau so unerwartet gekommen, wenn er überhaupt aufwacht war und irgendetwas davon bemerkt hatte. Vielleicht könnte Hyde das besser beurteilen, wenn sie je darüber gesprochen hätten. Aber so blieben ihm nur Spekulationen, die er eigentlich nicht anstellen wollte, für die er gerade auch nicht die geistigen Kapazitäten hatte, und die er dennoch nicht aus seinem Kopf verbannen konnte.

Denn zu diesen Gedanken gab es eine andere Seite, eine Implikation, die er nicht einfach ignorieren konnte, egal, wie sehr er es versuchte.

Nein, das war falsch, und Hyde würde diesem Gefühl nicht nachgeben. Niccolo hatte Unrecht gehabt, oder wenigstens nicht die ganze Wahrheit gekannt; er hatte Licht, und damit befand er sich nicht in der selben Situation wie sein Bruder. Mit einem anderen Eve wäre er längst verloren gewesen, aber Licht war nicht irgendjemand. Licht war ein Engel, sein Engel, und damit stärker als normale Menschen, das hatte er selbst gesagt. Und schließlich war es die Aufgabe von Engeln, andere zu beschützen, hatte Hyde wenigstens gehört. Da war es doch ein naheliegender Gedanke, dass er sich auch keine Sorgen machen musste. Dass alles gut gehen würde, solange Licht an seiner Seite war.

Die Halskette fühlte sich an, als würde sein Genick unter ihrem Gewicht brechen, das Metall seines zerbrochenen Namensschilds schien sich in seine Haut einzubrennen, aber gleichzeitig bestätigte dieser Schmerz nur diese Gewissheit. Sein Engel war bei ihm. Es würde alles gut werden, und er konnte sich darauf konzentrieren, weiterzumachen. Den Segen, der auf ihm lag, zu nützen und weiterzutragen.

Hyde schluckte schwer, versuchte, das bittere Gefühl auf seiner Zunge zu ignorieren, und weiter zuzuhören, jedem von Niccolos Worten zu folgen. Es ging ihm gut; es musste ihm gut gehen. Sie brauchten ihn.

Licht brauchte ihn.

Hyde schloss für einen Moment die Augen, doch die erhoffte Pause von den ineinander verschwimmenden Farben und Formen seiner Umgebung führte nur dazu, dass der Lärm in seinem Kopf noch lauter wurde. Der Klang einer vertrauten, und doch verzerrt fremden Stimme. Seine Finger spürte er längst nicht mehr, aber das musste er nicht, um zu wissen, dass sie langsam und doch viel zu schnell ihre Form verloren.

Hyde fragte sich, wen er zuvor wirklich versucht hatte anzulügen; die anderen, oder sich selbst.
 
 
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