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Libri (Plural, maskulinum)

von Eponine
Kurzbeschreibung
OneshotMystery, Freundschaft / P12 / Gen
Irma Pince Minerva McGonagall
25.12.2021
25.12.2021
1
3.174
9
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6 Reviews
Dieses Kapitel
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25.12.2021 3.174
 
Nach einer längeren, kinderbedingten Pause kommt hier ein Oneshot von mir. Dieser ist ein Ausschnitt einer noch nicht veröffentlichten, noch lange nicht fertigen Fanfiction von mir, ausgebaut und leicht verändert, und außerdem das Weihnachtsgeschenk für meinen heurigen Wichtel.

Für Kaa aka LumosMist!




Bücher sind einzigartige, tragbare Magie.

(Stephen King)



Libri (Plural, maskulinum)


Ein Trippeln, ein Schluchzen, Stimmengewirr, immer leiser werdend. Das Trappeln von Füßen, die sich entfernen. Eine schwere Tür, die ins Schloss fällt. Ein fernes Rumpeln. Dann ist es ruhig. Das alte Schloss, dem so schwere Wunden zugefügt wurden, liegt verlassen am Ufer des Schwarzen Sees. Zumindest auf den ersten Blick. Hogwarts lauscht.

Regen trommelt gegen die Fensterscheiben, intakte wie zerbrochene. Die Sonne wärmt Hogwarts‘ Mauern. Das Schloss seufzt. Noch nie ist es so menschenleer gewesen! So vergehen die Wochen, während denen sich nur Hagrid, der Wildhüter, in seiner Hütte aufhält. Doch der meidet es tunlichst, auch nur in die Nähe des uralten Gemäuers zu kommen. Hogwarts seufzt erneut. Und horcht dann tief in sich hinein. Ja, es hat sich nicht getäuscht. Da kommt jemand, leise und vorsichtig, durch einen der Geheimgänge.

„Basis sicher!“, krächzt eine Stimme, die klingt wie raschelndes Papier.

Nun schwingt der äußerste Teil eines der leeren Bücherregale nach außen. Eine hochgewachsene, dürre Gestalt tritt aus der Finsternis des Geheimgangs ins Dämmerlicht der Bibliothek. Automatisch fassen die knochigen Hände nach oben, um einige entwischte Strähnen in den strengen Knoten zurückzustecken. Dann streckt Irma sich.

„Und?“, knistert die Stimme.

„Natürlich, was denkst denn du“, erwidert die Bibliothekarin und es klingt beinahe verächtlich. Dann sieht sie sich um und beginnt, ihr Herrschaftsgebiet abzuschreiten und zu inspizieren. Eigenartig fühlt es sich an, durch völlig leere Regalreihen zu streifen. Kein Knistern, kein Rascheln uralter, papierener Seiten. Der Geruch nach Büchern, neue wie alte, solche aus Papier, Papyrus, Leder oder Pergament, oder noch einem exotischeren Material hängt immer noch in der Luft, vermischt mit Staub und dem Gestank zu schnell und zu heftig abgefeuerter Flüche. Laut hallen ihre Schritte durch den großen Raum. Nun hat Irma das Ende der Bibliothek erreicht und wandert die Fensterreihe entlang. Doch auch hier ist alles intakt. Ein schmales Lächeln stiehlt sich auf ihre dünnen Lippen. Ihre Zauber haben gehalten, ihre Mühen haben sich gelohnt.

„Und?“, wiederholt die Stimme, als Irma wieder vor ihrem Sekretär steht, dem ebenfalls kein Kratzer zugefügt worden ist.

„Alles intakt.“ Irma spürt ein warmes Gefühl in ihrer Brust. Stolz.

„Sehr gut!“, ruft die Stimme überschwänglich. Ein seltsames Geräusch ist zu hören, so als würde jemand in die Hände klatschen.

Irma seufzt und wendet sich der Wand neben ihrem Sekretär zu. Dort hängt das Gemälde eines alten Mannes. Sein schlohweißes Haar wirkt wie der Flaum eines Vogeljungen und das Gesicht ist so runzelig wie eine Rosine, aber die strahlend grünen Augen sind hellwach und aufmerksam. Nun reibt sich das Männlein die Hände, dann schiebt es scheinbar geistesabwesend das kleine Buch zurück, das beinahe von seiner Schulter gefallen wäre. Bei dem Gemälde handelt es sich um Apollonias Berthier, der Irmas Vorgänger und Lehrherr gewesen ist.

„Also haben die Zauber gewirkt, ja?“ Der alte Mann klingt fast so wie ein begieriger Schuljunge – bis auf seine brüchige Stimme.

„Das haben sie.“ Plötzlich runzelt Irma die Stirn. „Bist du sicher, dass wir alleine sind?“

„Wieso?“ Apollonias legt den Kopf schief, dann holt er ein Hörrohr aus der Tasche. „Oh!“

Schritte, langsam und näher kommend.

„Ja, oh.“ Irma tritt zurück in den Schatten eines der Regale. Wie von selbst gleitet ihr Zauberstab in ihre linke Hand. Unwillkürlich hält sie die Luft an, als die Türklinke sich bewegt. Knarrend schwingt die schwere Holztür nach innen auf.

„Lumos!“, sagt jemand, dessen Stimme Irma sehr bekannt vorkommt.

„Minerva! Was machst du denn hier?“, will die Bibliothekarin wissen und tritt ins Licht des Zauberstabs.

„Bei Merlin, Irma! Hast du mich erschreckt!“ Minerva hat eine Hand auf ihre Brust gelegt und atmet heftiger als sonst. Ihre Augen mustern Irma von oben bis unten. Dann tritt sie vorsichtig näher. „Du giltst seit der Schlacht als verschollen.“

Irma legt den Kopf schief und betrachtet ihr Gegenüber lange. „Komm, ich denke, dass der Tee immer noch genießbar ist.“ Mit diesen Worten dreht sie sich um und marschiert an ihrem Sekretär vorbei zu jener schmalen Türe, die zu ihren Räumlichkeiten führt. Hinter sich hört sie, wie Minerva ihr folgt.

Sorgfältig inspiziert Irma zuerst ihr Wohnzimmer, dann ihr Schlafzimmer, doch auch diese Räume haben keinen Schaden davongetragen. Zufrieden kehrt Irma ins Wohnzimmer zurück und bedeutet Minerva, sich zu setzen. Dann stellt sie ihre verkleinerte Handtasche auf den Wohnzimmertisch und holt einen großen Teil der minimierten Bücher daraus hervor, die freudig in die Regale in Irmas Wohnzimmer fliegen. Sie wird die Bücher später in die Bibliothek zurückbringen. Nur eines der Bücher will nicht, das setzt sich lieber auf Irmas Schulter, wo es sich schwankend, aber wacker hält, als Irma mit großen Schritten zu ihrer Kochnische marschiert.

„Darjeeling?“, fragt sie Minerva, die sie mit großen Augen beobachtet hat und nun nickt.

Irma gibt mit einem Löffel etwas Tee in die Kanne, dann schwenkt sie ihren Zauberstab und sogleich steigt Dampf empor. Die Kanne fliegt mit zwei Tassen im Schlepptau zum Wohnzimmertisch, dicht gefolgt von einem Teller Kekse.

Dann setzt sie sich Minerva gegenüber in einen Polstersessel und gießt ihnen beiden Tee ein. Tief inhalierte sie mit geschlossenen Augen den wunderbaren Duft des heißen Darjeeling, bevor sie einen großen Schluck nimmt. Es fühlt sich seltsam an, nach so vielen Wochen in der Gesellschaft ihrer papierenen Freunde nun wieder im selben Raum mit Menschen zu sitzen, noch dazu mit jemandem, den sie mehr oder weniger gut kennt. Und die nun auf ihre Geschichte wartet. Irma liebt es zwar, Geschichten zu lesen, aber sie ist nicht sonderlich gut darin, welche zu erzählen, seien es nun wahre oder erfundene. Überhaupt sind soziale Kompetenzen nicht gerade ihre Stärke. Doch vielleicht ist das ja normal für jemanden wie sie, die dazu auserwählt worden ist, ihr Leben dem geschriebenen Wort zu widmen.

Irma öffnet die Augen und betrachtete ihren Gast. Minerva nippt an ihrem heißen Tee und staunt sie immer noch an. Aus den Augenwinkeln nimmt Irma wahr, wie Apollonias in seinen Bilderrahmen huscht, der neben der Garderobe hängt. Auch er möchte Irmas Geschichte hören, obgleich er einen Teil davon bereits kennt.

„Du giltst seit der Schlacht als verschollen!“, bricht Minerva schließlich die Stille.

Das ist klar gewesen, dass Minerva irgendwann ungeduldig werden und das Schweigen nicht mehr aushalten würde.

„Nun, wie du siehst, bin ich bei bester Gesundheit“, erwidert Irma trocken. „Du willst sicherlich wissen, wie es dazu kam, dass ich während der Schlacht verschwunden und nun wieder hier bin, mit diesen ganzen Schätzen …“ Sie deutet auf die Bücherregale hinter ihr und vernimmt das aufgeregte Wispern und Rascheln ihrer Schützlinge. Mit einem leisen Zischen beruhigt sie sie wieder. Bücher sind so leicht erregbar und sorgen sich viel zu schnell!

Minerva sieht sie schon wieder mit großen Augen an, die dann zu dem Buch auf ihrer Schulter huschen.

Irma trinkt noch etwas Tee und räuspert sich. Sie hasst es, vor großem Publikum zu sprechen! Und ja, sogar eine Person ist manchmal beinahe zu viel, vor allem nach so vielen Wochen ohne Menschen.

„Ich wusste seit Monaten, wenn nicht sogar Jahren, dass es zum Krieg kommen würde“, beginnt sie ihre Geschichte. „Und ich habe mir wieder und wieder den Kopf darüber zerbrochen, was mit all diesen Büchern geschehen würde, sollte das Schloss jemals angegriffen werden. Generationen von Bibliothekaren haben bereits viel in den Schutz dieser Kostbarkeiten investiert und ihre Notizen über ihre Bemühungen fein säuberlich im Sekretär hinterlassen, welcher in der Bibliothek steht.“ An dieser Stelle nickt Irma Apollonias zu, dessen Anwesenheit Minerva nun zum ersten Mal zu registrieren scheint. „Mir war klar, dass ich die Bücher im Ernstfall rausbringen musste, am besten alle auf einmal, oder zumindest jene, die als einzige ihrer Art in Hogwarts leben. Ich forschte, experimentierte und las. Viel. Noch viel mehr als sonst.“

Apollonias hebt eine Augenbraue und sein Mund verzieht sich zu einer Art Grinsen, was ihn irgendwie wie einen Kobold aussehen lässt. Ob er ahnt, dass Irma sich tief in die undurchdringlichen Sümpfe der schwarzen Magie begeben hat, um ihre papierenen Freunde retten zu können? Sie traut es ihm durchaus zu, fühlte er sich doch selbst jahrzehntelang von dieser Materie angezogen. Das hat er ihr zu Beginn ihrer Lehre verraten und sie vor den Tücken und der Faszination gewarnt. Auch wenn Irma dem steten Sog und den Schmeicheleien der dunklen Künste gekonnt widerstanden hat.

„Später holte ich mir die Erlaubnis des Direktors und übte meine Zauber, schliff sie, veränderte sie in diese und jene Richtung. Bis ich die perfekte Kombination gefunden hatte. Als es dann vor vier Wochen so weit war, sorgte ich dafür, dass das Stockwerk, welches die Bibliothek beherbergt, möglichst lange geschützt und nicht betretbar war. Dann sprach ich meine lange Abfolge von Zaubern, was bewirkte, dass alle diese Schätze hier in meine magisch adaptierte Tasche hüpften. Ich belegte die Tasche mit einer Vielzahl an Schutzzaubern und eilte durch einen Geheimgang, den nicht einmal die berüchtigten Rumtreiber oder die Weasley-Zwillinge je entdeckt hatten, in den Verbotenen Wald. Dort steht ein altes Herrenhaus, das ich bezogen habe, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten.“ Irma gießt sich frischen Tee ein und nimmt sich ein Schokoladenkeks.

„Den richtigen Zeitpunkt, um zurückzukehren?“, will Minerva wissen.

Irma nickt, während Apollonias sich so weit vorbeugt, wie das in einem Bilderrahmen halt möglich ist, und sein Hörrohr fest in seine Ohrmuschel presst, um nur ja nichts zu verpassen. Dabei hört er einen Teil davon wahrlich nicht zum ersten Mal!

Minerva indes runzelt die Stirn. „Wie kann es sein, dass ich deine Anwesenheit nie bemerkt habe? Ich habe den Verbotenen Wald rund um Hogwarts in den letzten Wochen mehrmals nach menschlichen Lebewesen abgesucht!“

Irma versteckt ihr Lächeln hinter ihrer Teetasse. „Ich habe ein wenig getrickst …“

„Eine Verschiebung der Realitäten“, meldete sich Apollonias unerwartet zu Wort. „Das ist doch sonnenklar.“

Minerva dreht sich so hastig um, dass sie ihren Tee verschüttet. Mit einem nachlässigen Schwenker ihres Zauberstabes lässt sie ihren Umhang wieder trocknen. „Apollonias Berthier, nicht wahr? Sie waren während meiner Schulzeit der Bibliothekar!“

„In der Tat!“, krächzt das Porträt erfreut. „Und zu diesem Zeitpunkt war die gute Irma hier bereits mein Lehrling!“

Irma wird ein wenig rot und versucht, ihre Überraschung zu verbergen. Es gibt nur eine Handvoll Magier, die sich mit der Realitäten-Theorie auseinandergesetzt haben. Von Apollonias hätte sie das niemals erwartet. Wobei er als Bibliothekar sicherlich das eine oder andere Mal über diese Materie gestolpert ist, denn der alte Mann hat vor Hogwarts in anderen großen, magischen Bibliotheken gearbeitet.

„In der Tat, mein lieber Apollonias. Ich habe mich und meine kostbaren Freunde sozusagen in einer anderen Realität verborgen. Das werde ich nicht näher ausführen. Erstens ist diese Thematik höchst komplex und zweitens sollte solcherlei Wissen nicht in falsche Hände geraten. Was nicht heißen soll, dass ich dir in irgendeiner Form misstraue“, fügt sie mit einem kleinen Lächeln hinzu, denn sie sieht Minervas empörte Miene.

Apollonias richtet sein Hörrohr aus und grinst Minerva an. „Schließlich sind wir Bibliothekare die Hüter des Wissens!“

Irma verschluckt sich an ihrem Tee und wirft ihrem alten Lehrherrn einen finsteren Blick zu. Eigentlich sind solcherlei Informationen nicht für Außenstehende bestimmt. Wobei, andererseits, gehört Minerva jetzt wohl dazu …

„Die Hüter des Wissens?“, reißt Minervas Stimme sie aus ihren Gedanken. „Was hat das zu bedeuten?“

Irma muss sich ein Lachen verbeißen. Immer diese Gryffindors! Neugierig wie eine Fee in der Abenddämmerung und begierig, alles zu wissen.

„Hogwarts ist einer der beiden Knotenpunkte der Magie Großbritanniens, neben Stonehenge“, mischt Apollonias sich wieder ein und fuchtelt aufgeregt mit seinem Hörrohr herum, während er Irma einen bedeutsamen Blick zuwirft. „Wenn sich in solchen magischen Ballungszentren viele Hexen und Zauberer aufhalten und dort auch zaubern, muss die Dreieinigkeit stets intakt sein. Das bedeutet, es muss immer einen Hüter des Ortes, einen Hüter der Schlüssel und einen Hüter des Wissens geben. Ansonsten würde die von außen zugeführte Magie die natürlich vorhandene Magie zu sehr ausdehnen und es könnte zu einem magischen Super GAU kommen.“

„Das heißt“, meldet Minerva sich nun wieder zu Wort und rückt energisch ihre Brille zurecht, „dass Hagrid nicht nur der Wildhüter ist? Und du, Irma, keine, nun, normale Bibliothekarin?“

„Sie haben es erfasst!“, jubelt Apollonias begeistert und fällt vor Freude fast aus seinem Bilderrahmen.

Irma lächelt still in sich hinein und fängt ein kleines Büchlein auf, welches sich zu weit auf seinem Regalbrett vorgebeugt hat, um nur ja alles mitzubekommen. In Sachen Neugierde stehen die Bücher den Gryffindors in nichts nach. Wenn ihre papierenen Freunde nur mehr Gespür für Gefahren besäßen! Sie setzt sich das Büchlein auf die Hand und streichelt seinen Buchrücken. Das mögen vor allem in Leinen gebundene Bücher besonders gerne, denn das Leinen kann mit der Zeit trocken werden und jucken.

„Es ist doch allgemein bekannt, dass Hagrid der Hüter der Schlüssel ist“, bemerkt sie dann.

„Schon, aber ich habe stets gedacht, das sei eine Metapher, oder …“ Minerva verstummt. „Ich habe immer gewusst, dass Albus viele Geheimnisse vor mir hatte“, murmelt sie dann in ihren nicht vorhandenen Bart.

„Jeder Wildhüter war auch immer Hüter der Schlüssel“, krächzt Apollonias und kratzt sich am Ohr. Dann positioniert er sein Hörrohr neu. „Schließlich kennen die sich bestens auf den Ländereien aus. Am besten, Sie unterhalten sich mal mit Hagrid über seine Position.“

„Das werde ich“, nickt Minerva. „Und du?“, wendet sie sich an Irma. „Du bist mehr als eine Bibliothekarin. Was darf ich darunter verstehen? Oder ist das geheim?“ Sie hebt beide Augenbrauen, als sie das zweite Büchlein auf Irmas Schulter entdeckt, wohin diese es gesetzt hat.

„Nein, nicht unbedingt, wenn dieses Wissen auch nicht für Jedermanns Ohren bestimmt ist“, sagt Irma. „Wirst du wohl still sein“, zischt sie dem Büchlein zu, das ihr Dummheiten ins Ohr geraschelt hat. „Entschuldige bitte“, sagt sie in Richtung Minervas, die sie mit hochgehobenen Augenbrauen beobachtet, während Apollonias still in sich hineinlacht. „Die Ausbildung als Bibliothekar beginnt mit einem Eignungstest und endet zehn Jahre später mit einer Meisterprüfung. Dazwischen liegen lange und harte Jahre des Lernens und Lesens. Denn ein Bibliothekar muss all seine Schützlinge kennen, das heißt, je größer eine Bibliothek, desto mehr muss man lesen. Ich musste bei der Meisterprüfung einen Eid ablegen, das Wissen der Bibliothekarenzunft zu ehren und zu schützen, aber ich kann dir versichern, dass es weit mehr beinhaltet als nur das Erlernen der besten Katalogisierungsmethoden und das Restaurieren kaputter Bücher!“
Irma steht auf, nimmt die beiden Bücher von ihrer Schulter und stellt sie resolut ins Regal zurück. „Nun geht ihr zurück zu den anderen!“, sagt sie streng. Ein empörtes Rascheln ist die Antwort. Irma seufzt lautlos. Als sie sich wieder setzt, starrt Minerva sie verwirrt an.

„Was ist mit deinen Büchern los?“, will die Schottin wissen.

„Es handelt sich hierbei um magische Bücher“, erwidert Irma in der Meinung, dies sei Erklärung genug. Ist es natürlich nicht, wie hätte sie auch anderes erwarten können. Die Büchermagie gehört zu den kaum bekannten Zweigen der Zauberei.
„Magische Bücher bestehen aus weitaus mehr als nur Papier und Tinte oder Druckerschwärze“, doziert sie. „Man könnte fast meinen, sie besäßen so etwas wie eine Seele. Warum sonst, glaubst du, habe ich stets mit Adleraugen darauf geachtet, dass meine Bücher gut behandelt werden? Wobei es durchaus auch welche gibt, die sehr wehrhaft sind … eines meiner Bücher hat sogar einmal Albus geohrfeigt.“ Sie grinst, als Minerva der Mund offen stehen bleibt. Apollonias scheint sich köstlich zu amüsieren.

Und Irma erinnert sich an den Beginn ihrer Lehrzeit, als sie wissbegierig und hungrig nach Büchern zum ersten Mal in die Geheimnisse der Bücherwelt eingeführt worden ist. Apollonias hat ihr ein dünnes in Leinen gebundenes Büchlein in die Hand gedrückt und sie aufgefordert zu spüren.
„Was denn?“, hat sie nach einiger Zeit ratlos gefragt und das Buch hin und her gedreht.
„Mach dich frei von den äußeren Eindrücken, du musst mit deiner Magie tasten. Nein, nicht mit dem Zauberstab. Du musst deine Magie rufen können.“ Er hat geseufzt. „Leider werden solcherlei Fertigkeiten heutzutage nicht mehr unterrichtet.“ Und er hat ihr das Büchlein weggenommen und sie in dem unterwiesen, was man in der Muggelwelt als Meditation kennt. Nur dass Irma lernte, ihren Magiequell anzusteuern und gezielt einzusetzen. Und mit einem Mal konnte sie die Stimmen der Literatur hören, das Raunen, Zischeln und Rascheln der tausend und abertausend Bücher, welche die Bibliothek von Hogwarts beherbergt.
Später, als sie andere Länder bereiste, um in den dortigen Bibliotheken zu lernen, fand sie heraus, dass sie zwar oftmals die Sprache der dort lebenden Menschen nicht verstand, die der Bücher aber überall dieselbe ist.

Irma schüttelt leicht den Kopf, um in die Gegenwart zurückzukehren. „Wieso bist du hier?“, will sie dann wissen.

Minerva dreht ihre Teetasse zwischen den Händen. „Ich konnte nicht anders“ meint sie dann. „Es war, als würde ich gerufen werden, als würde mich etwas unwiderstehlich nach Hogwarts ziehen. Also bin ich seit über zwei Wochen täglich hierher appariert, habe die Ländereien abgeschritten, mich mit Hagrid unterhalten, die Schäden inspiziert … es wird lange dauern, bis Hogwarts wieder aufgebaut werden kann!“
Irma fängt Apollonias Blick auf und nickt.
„Was ist?“, fragt Minerva, der dieser Blickkontakt nicht verborgen blieb.

„Wir haben doch vorhin über die Dreieinigkeit gesprochen, in Hinblick auf Hogwarts und die Magie. Und wir glauben, dass du die neue Hüterin des Schlosses, des Ortes bist.“

„Ich?“ Minerva schüttelt den Kopf. „Das kann nicht sein.“

„Doch“, widerspricht Irma. „Albus war jahrelang der Hüter des Schlosses. Danach trat für kurze Zeit Severus in seine Fußstapfen, als er den Posten des Schulleiters übernommen hat. Auf Albus‘ Wunsch hin. Und ich bin mir sicher, dass der Stab nun an dich weitergereicht wurde. Dafür spricht“, fährt sie mit erhobener Stimme fort, als Minerva den Mund öffnet, „dass du das Gefühl hast, gerufen worden zu sein.“

„In der Tat, gute Frau, in der Tat!“, ruft Apollonias dazwischen und rückt das Buch auf seiner Schulter erneut zurecht. „Und wer weiß, vielleicht finden sich genügend Menschen, die tatkräftig zusammenhelfen, sodass Hogwarts viel schneller als gedacht geheilt werden kann. Dass die Dreieinigkeit nun wieder intakt und vollständig ist, sollte dabei helfen.“

Irma stellt ihre leere Teetasse auf dem Wohnzimmertisch ab. „Sprechen wir morgen weiter, Minerva. Ich muss noch etwas erledigen.“

Die Schottin ist zwar ganz offensichtlich neugierig, fragt aber nicht nach, sondern nickt nur, verabschiedet sich und geht.

„Ist es schon sicher genug?“, fragt Apollonias.

„Absolut“, erwidert Irma. Dann schwingt sie ihren Zauberstab und öffnet die Verbindungstüre zur Bibliothek. Mit einem langen, komplizierten Zauber lässt sie alle geretteten Bücher im Gänsemarsch zurück an ihre angestammten Plätze fliegen. Es raschelt und knistert, es rauscht und schwirrt, es wispert und knarrt und die Luft ist erfüllt von Staubpartikeln und dem Geruch nach Wissen.

Als Irma später durch die nun wieder vollen Regalreihen wandert und ihre Wirkungsstätte inspiziert, fühlt sie, dass sie nun endlich wieder zuhause angekommen ist. Und während sie ihre Tasche an sich drückt, in welcher sie all diese papierenen Schätze vor der Auslöschung gerettet hat, kommt ihr ein arabisches Sprichwort in den Sinn: Ein Buch ist ein Garten, den man in der Tasche trägt.
Und ich hatte eine ganze Bibliothek in meiner Tasche, denkt Irma lächelnd.


ENDE
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