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Heiligabend bei Engel und Dämon

von Migisi
Kurzbeschreibung
OneshotHumor / P6 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
24.12.2021
24.12.2021
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„Engel!“ Crowley stellte die Einkäufe gleich nach dem Eingang des Bücherladens auf den Boden und schloss hinter sich die Tür ab. Seine Finger fühlten sich eisig an und es brauchte einige Versuche bis sich der Schlüssel richtig drehen ließ. Er war durchgefroren bis in den letzten Zentimeter seines Körpers, fühlte sich steif und schläfrig. Seine dämonische Hälfte war ein Reptil, warum er sich draußen im Schnee aufhielt anstatt sich an die Heizung zu schmiegen oder gleich den Winter durch zu schlafen, war allein das Werk seines Engels. Sein Engel. Wo war der eigentlich? „Engel! Ich hab deine Einkäufe, die ÜBERHAUPT NICHT bis nach Weihnachten warten konnten!“, rief er in den absolut stillen Buchladen hinein. „Oder die man sich hätte einfach wundern können.“, nuschelte er in den Kragen seiner dicken Winterjacke. Er hatte inzwischen so viel Zeit mit Erziraphael verbracht, dass er hin und wieder sogar vergaß wundern zu können. Sein Freund war immer schon bemüht sich den Menschen anzupassen, ganz im Gegenteil zu ihm. Seit er nun aber seinen Alltag mit ihm teilte, blieb ihm nichts anderes übrig, was bedeutete, dass er wann immer möglich auf das Wundern verzichtete. – Selbst wenn das hieß, am 24.12 nochmal das Haus zu verlassen um einkaufen zu gehen.
Langsam schälte er sich aus den vielen Schichten, die er sich zum Schutz vor der Kälte zugelegt hatte. Zuerst der Schal, den Erziraphael ihm letztes Jahr geschenkt hatte. Er war schwarz und hatte an jedem Ende eine gestickte rote Schlange, die seine Initialen umschlang. Unwillkürlich huschte ihm ein Lächeln übers Gesicht. Dieses Jahr hatte er sich besonders viel Zeit für das Geschenk genommen, das er morgen Erziraphael überreichen würde. Als nächstes die dicke Daunenjacke, die selbst seiner schlanken Gestalt ein Marshmallow ähnliches aussehen verpasste. Drei Jacken später und endlich wieder mit voll beweglichen Gliedmaßen, ging er auf die Suche nach seinem Engel, der immer noch nicht geantwortet hatte. Da im Verkaufsraum keine Spur des Ladenbesitzers war, machte sich Crowley auf in die privaten Räumlichkeiten.
Die Wendeltreppe empor und über eine Art Brücke, trat man in eine kleine aber feine Wohnung. Vom Stil dem Laden nicht unähnlich, wirkte sie bei weitem nicht so belebt, was wohl daran lag, dass Erziraphael hier nicht halb so viel Zeit verbrachte. Crowley hingegen hielt hier inzwischen die meisten seiner ausgedehnten Nickerchen und drückte mit Pflanzen und ein paar definitiv misszuverstehenden Skulpturen dem Gemäuer seinen Stempel auf.
Kaum hatte er die Wohnungstür geöffnet, wehte ihm der leichte Duft von frisch gebackenen Plätzchen um die Nase und aus dem Wohnzimmer waren leise, weihnachtliche Klänge zu hören. „Engel?“
Erziraphael Streckte den Kopf aus einem der Zimmer, zwischen seinen blonden Locken saß ein Haarreif auf dem sich zwei Schneemänner lächelnd im falschen Takt wogen. „Oh, du bist schon zurück?“
„Ja, das meiste der Einkaufsliste hab ich bekommen, auch wenn ich dafür durch halb London fahren musste.“
„Tut mir leid, mein Lieber. Ich weiß, die meisten Läden haben heute schon geschlossen.“ Erziraphael drückte Crowley einen leichten Kuss auf die Wange.
„Ach egal, ich bin ja nur halb erfroren.“ Sofort wünschte Crowley sich die Worte nie ausgesprochen. Über das Gesicht des Engels huschte zuerst Mitleid, dann ein schlechtes Gewissen und schlussendlich der Ausdruck einer Idee. So schnell wie er gekommen war verschwand er wieder im Wohnzimmer, aus dem er sogleich zurückgeeilt kam. In seinen Händen hielt er einen roten Strickpullover, von dem aus ein Rentier mit seinen Wackelaugen alles beobachtete.
„Nein. Ich werde den nicht anziehen. Kommt gar nicht infrage. Ausgeschlossen.“
„Aber dieser hochwertige Pullover hält tipptopp warm! Tu es mir zu liebe, Crowley. Bitte.“ Erziraphael wusste genau, dass Crowley eine Bitte seinerseits nicht ausschlagen konnte, somit hielt er ihm lächelnd den Pullover entgegen. Mit einem Seufzer ergab sich der Dämon seinem Schicksal. Das Rentier rollte abschätzig mit den Augen.
„Du siehst zum Abbeißen aus, Schatz.“ Die Schneemänner auf Erziraphaels Kopf wippten zustimmend.
„Anbeißen, Engel. Aber danke. Du auch.“
Erziraphael hatte selbst einen Pullover an. Ein Gewirr aus Blauen Schneeflocken und gelben Sternen ergoss sich über einen weißen Grund – Fern jeglicher Geschmacksverirrung, denn selbst diese wäre sich für einen solchen Pullover zu schade.
„Hattest du für heute schon was geplant?“, fragte Crowley.
„Ja, tatsächlich hatte ich das und es ist auch alles schon fertig. Gerade rechtzeitig!“
„Rechtzeitig? Wofür?“
Der Engel antwortete nicht. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, griff er nach Crowleys Hand und führte ihn ins Wohnzimmer. Wo zuvor alles zwar gemütlich aber unbelebt wirkte war nun eine Dekosintflut ausgebrochen. Über den Fenstern hingen Girlanden und gegenüber dem Sofa stand ein Weihnachtsbaum, der von oben bis unten mit allen möglichen Farben und Formen behangen war. Es blinkte und glitzerte nahezu überall.
„Und was sagst du?“ Erziraphael stand stolz neben Crowley und wartete sehnsüchtig auf eine Antwort.
„Warte mal. Du hast gar keine eingelegten Heringe gebraucht. Genau so wenig das kaltgepresste Kürbiskernöl. Du hast mich aus dem Haus geschickt um unbeschwert dekorieren zu können!“
„Eventuell. Ich wollte dir eine Freude bereiten, dich überraschen. Ich hatte gehofft etwas Weihnachtsstimmung in unser Heim zu bringen.“
‚Unser Heim‘ diese Formulierung löste bei dem Dämon eine warme Welle an Gefühlen aus. Es war ihr Heim. Sie hatten darum und um ihre gemeinsame Zeit gekämpft, was sie stärker zusammengeschweißt hatte als es jede Pärchen-Aktivität je gekonnt hätte.
„Hab ich dir schon mal gesagt, wie sehr ich dich liebe?“ Die Worte flutschten einfach ohne Vorwarnung aus Crowley heraus und wäre er nicht zu beschäftigt damit gewesen seine Liebe im Zaun zu halten, hätte er sich in Grund und Boden bis in die Hölle geschämt.
Des Engels Augen leuchteten mit den Lichterketten um die Wette. Crowley hatte noch nie von Liebe gesprochen, schon gar nicht ihm gegenüber. Er stellte sich dicht vor seinen Dämonen, nahm ihm die Sonnenbrille von der Nase und schaute ihm tief in die Augen. „Das hast du jeden Tag mit deinen Blicken, Crowley.“

Spät am Abend saßen sie gemeinsam auf der Couch. Erziraphael las in einem seiner Bücher, während er genüsslich Plätzchen aß. Crowley lungerte lässig und zufrieden neben ihm, ein Bein auf des Engels Schoß, und sah ihm dabei zu. Aus dem Radio drang leise: „Christ the savior is born! Christ the savior is born!“
„Jemand sollte den Menschen vielleicht mal mitteilen, dass Jesus nicht am 24.12 geboren wurde.“, warf der Dämon in den Raum.
„Wenn ich mich recht entsinne, hatte das vor Jahren sogar ein Wissenschaftler schon selbst herausgefunden. Aber die Tradition wird glaube ich trotzdem bleiben. Menschen sind da ziemlich festgefahren. Außerdem extrem misstrauisch, wenn jemand versucht die Bibel anzufechten.“
„Du hast recht. Trotzdem schade, dass sich alle an einen falschen Geburtstag erinnern.“, schnaubte der Dämon. „Da schreiben Sie extra ein ganzes Buch über einen der Ihren und versemmeln dann sein Geburtsdatum. Und die Welt glaubt es auch noch über Jahrtausende.“
Das Schulterzucken Erziraphaels ging nahtlos in ein angewidertes Schütteln über. Das Radio hatte gerade angefangen ein anderes Lied zu spielen.
„Könntest du bitte das Radio abstellen, mein Lieber? Ich kann ‚Last Christmas‘ wirklich nicht mehr hören. Mich würde es nicht wundern, wenn dafür einer deiner Leute...“, er schüttelte den Kopf, „Tut mir leid. Ich meinte damit, einer der unteren Etagen verantwortlich ist.“
Crowley grinste breit und schnipste mit den Fingern, woraufhin das Radio merklich lauter wurde. „Ich mag meine Schöpfung.“
Die Schneemänner zwischen den blonden Locken federten genervt.
 
 
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