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L’argent des étoiles

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P16 / MaleSlash
Dominique de Sade Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
24.12.2021
24.12.2021
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24.12.2021 8.255
 
A/N:  Liebe Hakuyu, ich wünsche dir frohe Weihnachten und nur das Beste für das neue Jahr! ❤
Ich hoffe, dein 2022 wird so voller Magie sein wie die Welt von Noé und Vanitas. ;)
Tausend Dank für deine Freundschaft. ❤




Weißt du, Vanitas, der Vampir des blauen Mondes hat recht.
Auch du, der alle auf Abstand hält, wirst jemanden haben, der dich liebt und glücklich macht.  
Wie gerne ich es nur wäre!
Aber du würdest mir bestimmt nicht verzeihen, wenn ich dir sage, dass ich dich liebe.
Du würdest mir nicht glauben, weil du nicht an Liebe glaubst – dabei ist die Liebe überall um uns herum, gerade jetzt an Weihnachten.
Schau doch ein bisschen hin, hör doch ein bisschen zu.
Die Lieder, Gedichte und Geschichten, die nur mit Worten und Melodien verzaubern können. Die unzähligen kleinen Kerzen, deren flackernde Lichter die langen, dunklen Nächte erhellen. Der prachtvolle, strahlende Weihnachtsbaum und unter seinem Schirm aus geschmückten Ästen die liebevoll verpackten Geschenke.
Alles, was man sich das ganze Jahr über erträumt hat, scheint an Weihnachten plötzlich in greifbare Nähe zu rücken.
Die Gemeinsamkeit, Innigkeit, die Freude, die kleinen Kekse, buntes Windgebäck, das köstliche Essen und vor allem… warme Äpfel und Karamell.
Ach… Es macht mich ein wenig nostalgisch – denn für mich ist Weihnachten schon immer mit diesen Düften verbunden.
Denn nur weil ich sie so liebe, hat es zu Weihnachten schon früher – anstatt des traditionellen Bûche de Noël – immer Tarte Tatín zum Dessert gegeben.
»Ich habe gar nicht gewusst, dass du backen kannst«, strahle ich Dominique an, nachdem sie die Tarte Tatín aus der Gusseisenen Form auf die Glasplatte gestürzt hat. Die Torte ist wunderschön geworden – die Apfelspalten sind angeordnet wie die Blütenblätter einer Rose und schimmern golden von dem Karamell, mit dem sie überzogen wurden.
»Warum? Glaubst du, weil ich eine de Sade bin, werde ich von den Dienstboten so verwöhnt, dass ich selbst nichts zustande bringe?«, fragt Dominique eingeschnappt, doch an der Art, wie sie mir die Schulter zudreht um die heiße Tarte-Form in die Spüle zu legen, merke ich, dass sie aus Verlegenheit den Blick abwenden will.
»Es war als Kompliment gemeint«, erwidere ich lächelnd, »Gerade, weil du Dominique de Sade bist, bringst du alles zustande.«
»Oh, Noé, du Charmeur…«, seufzt die schwarzhaarige Vampirin und dreht sich warm lächelnd zu mir um. Sie sieht wirklich besonders hinreißend aus, wenn sie so lächelt und  leicht errötet wie jetzt – wie schade, dass sie nur den wenigsten dieses Gesicht zeigt. Die meisten Vampire wissen gar nicht, wie freundlich, süß und niedlich Domi in Wahrheit ist.
Auch das Kleid aus grünem Samt und weißem Fellbesatz sieht zwar ungewohnt, aber dennoch wunderschön an ihr aus.
»Ich habe viel geübt, damit deine geliebte Tarte Tatín genauso wird, wie du sie magst…!«
»Vielen Dank«, lächele ich gerührt.
»Das zählt als Weihnachtsgeschenk«, erwidert die Vampirin ernst.
»Natürlich! Aber dann darf ich doch schon probieren, oder?«, frage ich ungeduldig und versuche an Dominique vorbei zu greifen, doch ehe ich eine karamellisierte Apfelspalte von der Torte stehlen kann, klopft mir meine Kindheitsfreundin verspielt auf die Finger.
»Noé! Die Tarte gibt es doch erst zum Dessert!«, kichert sie.
»Hach…«, seufze ich.
»Kopf hoch«, lächelt Dominique, nachdem sie einen Blick auf die Uhr geworfen hat, »Jeanne wird doch jeden Moment hereinschneien und dann gibt es Essen. Und nach dem Dinde aux Marrons kommt das Dessert…«
»Du hast recht…«, maule ich und seufze, »Aber ich bin schon so hungrig… Du nicht auch, Vanitas?«
Doch als ich mich nach dir umblicke, weicht mein Lächeln der Sorge.
Was hast du, Vanitas? Warum siehst du so nachdenklich und traurig aus, während hinter dir die unzähligen Lichter am Weihnachtsbaum die bunten Christbaumkugeln zum Glänzen und Glitzern bringen?
»Hm?«, fragst du geistesabwesend.
»Ich habe dich gefragt, ob du auch schon so hungrig bist wie ich«, wiederhole ich leise.
»Nicht wirklich. Die Foie Gras lasse ich gerne aus. Warum fragst du? Und was siehst du mich denn jetzt so an?! Ah! Hilfe! Ein hungriger Vampir, der mich anstarrt, während er seine Fangzähne wetzt!«, rufst du entsetzt.
»Als würde ich dich fressen, obwohl es Tarte Tatín gibt…«, murmele ich beleidigt über Domis leises Kichern hinweg, »Ach Vanitas… Warum bist du sogar an Weihnachten  so
So kühl und distanziert. So unzufrieden.
»Häh? Wie soll ich denn bitte sonst sein? Magst du mich denn nicht so, wie ich bin? Also ich mag mich…«, grinst du so schelmisch, dass ich den Gedanken nicht loswerde, dass du dahinter etwas verbergen willst.
»Doch, natürlich!«, antwortete ich schnell und merke zu spät, dass ich dir in die Falle getappt bin, »Aber wenn du heute nur ein bisschen fröhlicher als sonst wärst-...«
An Weihnachten ist doch schließlich jeder fröhlich, oder?
Das ist doch ganz natürlich! Sogar Murr ist heute enthusiastischer als sonst – wie er neugierig und mit aufgestellten Schweif herumläuft, um an dem geschmückten Tannenbaum zu schnuppern oder das feine Gedeck aus chinesischem Porzellan mit echten Goldverzierungen zu inspizieren.
»Gänseleber, Apfelkuchen, kindisch-naive Lieder in Dauerschleife und ein aufgekitschter Baum sind für mich noch lange kein Grund zu übertriebener Fröhlichkeit«, meinst du demonstrativ schulterzuckend.
Vanitas… Soll das etwa heißen, dass dir rein gar nichts an Weihnachten liegt?
»Hättest du mehr Freude an Weihnachten, wenn ich dir einen besonderen Weihnachtswunsch erfülle?«, frage ich leise.
»Pffff…«, prustest du plötzlich, »Welcher Erwachsene glaubt denn noch an Wünsche? So etwas Albernes. Nicht jeder ist so gehirnverzuckert wie du, Noé… Aber warum kümmert Weihnachten euch überhaupt so sehr? Ich dachte, Christen und Vampire hassen sich wie die Pest.«
»Ich liebe Weihnachten nicht, weil es ein Fest der Christen ist, sondern weil es das Fest der Liebe ist«, stelle ich klar, »Und Liebe geht jeden etwas an. Jeder braucht sie. Ohne Liebe kann man nicht leben.«
Dein verwirrter, verständnisloser Blick spricht Bände, auch wenn du ansonsten schweigst. Schließlich wendest du dich wieder von mir ab und Dominique sieht dir mit verärgert zusammengezogenen Augenbrauen hinterher, ehe sie mir ihr bekümmertes Gesicht zuwendet.
»Nimm es dir nicht zu Herzen. Er ist einfach so…«, flüstert sie etwas unbeholfen.
Aus dem Augenwinkel glaube ich zu erkennen, dass sie ernsthaft darüber nachzudenken scheint, wie sie die Weihnachtsstimmung noch retten könnte und plötzlich strahlt in ihrem Gesicht ein Geistesblitz auf.
»Noé, erinnerst du dich noch daran, was wir früher immer an Weihnachten gesungen haben?«, versucht sie mich aufzumuntern. Nachdem ich geblinzelt habe, steht sie plötzlich wieder erwartungsvoll vor mir. Lächelnd beginnt sie leise zu singen.
»C'est la belle nuit de Noël
La neige étend son manteau blanc
Et les yeux levés vers le ciel
À genoux, les petits enfants
Avant de fermer les paupières
Font une dernière prière«
»Petit Papa Noël«, stimme ich schließlich mit ihr ein, sodass unsere Stimmen zu einem Chor verschmelzen, »Quand tu descendras du ciel
Avec des jouets par milliers
N'oublie pas mon petit soulier
Mais avant de partir
Il faudra bien te couvrir
Dehors tu vas avoir si froid
C'est un peu à cause de moi*«
Bevor Dominique das Lied weiter singen kann, unterbricht uns das Klingeln an der Türe.
»Das muss Jeanne sein!«, meine ich erleichtert darüber, dass es endlich gleich Essen geben wird. Tarte Tatín schmeckt am besten, wenn sie noch ein kleines bisschen warm ist und es ist schade, bloß zuzusehen, wie sie auskühlt.
Und sicher wird es dir auch etwas besser gehen, wenn du erstmal etwas Warmes im Magen hast, Vanitas, nach einer Portion mit Maronen gefüllter Truthahn und einem Stück köstliche Tarte Tatín kann niemand mehr schlechte Laune haben.
Gerade will ich gehen, um Jeanne die Tür zu öffnen, als ich sehe, wie du schon an mir vorbei läufst, um deine Freundin hineinzulassen.
Ich spüre einen seltsam schmerzhaften Stich im Herzen.
Vanitas, natürlich verstehe ich, warum du in die hübsche, süße Jeanne verliebt bist, nur… nur… ich wünschte…
…ach, vergiss es. Du findest Wünsche ja sowieso dämlich und kindisch und es spielt ohnehin keine Rolle. Ich bin froh, dass Jeanne deine Gefühle erwidert.
Ehrlich.
Es ist gut, jemanden zu haben, der einen liebt – gerade für dich.
»Nanu?«, fragt Dominique irgendwann sorgenvoll und lenkt meine Aufmerksamkeit wieder aus meinen Gedanken auf das Hier und Jetzt.
»Was ist los?«, frage ich leise und plötzlich richtet sie ihr ebenmäßiges, nachdenkliches Gesicht nach mir.
»Wo bleiben sie denn? Irgendetwas stimmt nicht…Warum kommen sie denn nicht rein?«, fragt sie danach verunsichert.
Was, wenn ihr euch draußen umarmt und küsst?
Reflexartig fasse ich mir ans Herz, als würde das Zusammenziehen in meiner Brust von meinen plötzlich viel zu eng gewordenen Kleidern kommen.
»Ich habe kein gutes Gefühl…«, murmelt Dominique und marschiert nach kurzem Zögern aus der Küche hinaus in den dunklen Flur.
Ich schiele nach der Tarte Tatín, denn es juckt mich in den Fingern, mir nur eine kleine Kostprobe zu genehmigen, aber es wäre Domi gegenüber nicht fair, denn sie hat sich so bemüht… und sicher wäre sie sauer, wenn ich ihre schöne Tarte mit Lücken entstellte, weil ich die eine oder andere Apfelspalte herausgestohlen habe…
Nachdem ich einmal durchgeatmet habe, beschließe ich, ihr zu folgen, selbst wenn ich dabei etwas sehen muss, das ich nicht sehen will.
Innerlich wappne ich mich dafür, euch gleich in den Armen liegend zu sehen und bereite mich darauf vor, Jeanne dennoch freundlich zu begrüßen, doch sie ist nirgendwo zu sehen. Stattdessen stehst du ganz alleine in der Dunkelheit, Vanitas und siehst uns schweigend an.
»Was ist passiert?«, platzt es verwirrt aus mir heraus, »Wo ist Jeanne?«
Mein ungutes Gefühl wird mit jedem Moment, der still verstreicht, stärker und stärker.
Du hast immer noch nicht gesprochen… Warum antwortest du nicht?
»Vanitas!«, rufe ich unsicher.
»… Es ist aus…«, sagst du schließlich mit tonloser Stimme, »Zwischen Jeanne und mir ist Schluss…«
Was?
Das kann doch gar nicht sein…
»Warum auf einmal?«, frage ich verwirrt.
An Dominiques überraschter Miene, die plötzlich vereist, merke ich, dass sie die Situation deutlich schneller begriffen hat, als ich.
»Jeanne war an der Tür, nicht wahr?«, fragt sie leise, »Und anstatt sie hereinzubitten, hast du einfach mit ihr Schluss gemacht und sie in die Kälte gejagt…«
Was?
Nein, nicht doch. Nein, das kann doch nicht stimmen… Warum solltest du so etwas tun?
Das wäre absolut grausam…
Aufmerksam blicke ich zu dir, in Erwartung einer vernünftigen Erklärung für diese so seltsame Situation, doch du schweigst erneut und ich beginne unsicher zu werden.
Wenn Dominique mit ihrer Vermutung Unrecht hat, Vanitas, warum sagst du dann nichts dazu?
Dominique beginnt zu zittern und ballt ihre Hände zu Fäusten, doch als sie näher an dich herantritt, sind ihre Bewegungen so anmutig wie immer.
»Du gewissenloser Mistkerl! Wie kannst du ihr das nur antun?«, ruft Dominique empört, während sie ihre flache Hand ausstreckt, um sie auf deine Wange schnalzen zu lassen. Das laute Klatschen der Ohrfeige lässt mich zusammenzucken, als wäre ich derjenige, der geschlagen worden wäre.
Und du zuckst nicht mit der Wimper, als wärst du derjenige, der nicht einmal berührt worden wäre.
Wie seltsam diese ganze Situation doch ist…
»Du Mistkerl! Du hast Jeanne doch gar nicht verdient!«
Dominique schnauft schwer. Für einen Moment lang starrt sie dich finster an, um sich dann so plötzlich, als ob ihr etwas Wichtiges eingefallen wäre, von dir abzuwenden.
Dominique kenne ich gut, vielleicht sogar besser als mich selbst, sodass mir sofort klar ist, dass sie von hier verschwinden will, als sie auch nur einen Schritt zur Seite macht.
»Domi!«, versuche ich sie zurückzuhalten, während sie ihren Mantel von der Garderobe nimmt, doch sie schüttelt meinen Arm ab, um hineinzuschlüpfen.
»Lass mich bitte. Ich gehe Jeanne nach. Sie sollte jetzt nicht alleine sein müssen!«, erklärt sie mit einem Blick, der keinen Widerspruch zulässt und läuft schon zur Tür hinaus in die Kälte.
Als die Tür ins Schloss fällt, klingt es so endgültig – und obwohl es hier drinnen warm ist, so viel wärmer als die Luft, die mir entgegengeschlagen ist, als Dominique hinausgelaufen ist, fröstle ich.
Noch vor ein paar Minuten war alles ganz friedlich und unbeschwert, wie es zu Weihnachten sein sollte und ich fühlte mich fast wieder wie ein Kind. Doch nun kommt es mir so vor, als würde ich nach einem Sturm auf einer verwüsteten Wiese stehen und erst begreifen müssen, was alles zu Bruch und verloren gegangen ist.
Als wäre ich nach einem schönen Traum in der Wirklichkeit aufgewacht und wüsste, dass ich nicht dorthin zurückkehren kann, niemals.
Wir werden nie mehr alle zusammen an einem Tisch sitzen und Tarte Tatìn essen.
»Vanitas, ich -«, setze ich nach einer Weile an und merke erst, als du nicht reagierst, dass du gar nicht mehr da bist.
Seit wann denn schon?
Wo bist du hin?
Warum, Vanitas? Warum hast du das getan?
Ich bin doch so sicher gewesen, dass Jeanne dich liebt und dass du sie liebst…
Obwohl ich selbst Sehnsucht nach dir habe, wenn du direkt neben mir stehst, habe ich euch gewünscht, dass ihr zusammen glücklich werdet.
Selbst, wenn du dann aus meiner Welt verschwindest.

»Da bist du also«, sage ich leise.
Sinnloserweise, denn natürlich wird dir klar sein, wo du hingegangen bist.
Schließlich bist du so oft hier, über den Dächern von Paris und blickst hinab auf diese Welt - es passt so gut zu dir, möglichst viel zu sehen und gleichzeitig von allem weit entfernt zu bleiben.
»Du bist schlimmer als jede Klette«, sagst du düster, »Warum läufst du mir immer hinterher? Bist du ein Hund? Oder kannst du dich nicht mal ein paar Stunden alleine beschäftigen?«
Auch wenn dein genervter Tonfall normal klingt, wirkst du gleichzeitig abwesend, dein Blick ist starr und in die Ferne gerichtet, als wärst du fort im Gedanken. Nie weiß ich, wo du hingehst, im Gedanken, wenn dein Blick abschweift…
»Wie wäre es, wenn du dich mal mit deiner Katze beschäftigst?«, schlägst du vor.
»Murr hat keine Lust auf mich. Er hat sich auf einem Kissen eingerollt und schläft. Wenn ich ihn wecke, wird er mit seinen Krallen mach mir schlagen«, erzähle ich, möglichst heiter, in der Hoffnung, dich so wenig aufmuntern zu können, doch dieses Mal kann dir meine Unbeholfenheit keinen spöttischen, bissigen Kommentar entlocken, ja noch nicht mal ein Lächeln.
Dein Lächeln, Vanitas… Ich sehe es doch so gerne, auch wenn ich weiß, dass es nicht echt ist.
Seufzend setzte ich mich neben dich und schiele aus den Augenwinkeln zu dir.
Deine von der Kälte geröteten Wangen schimmern geradezu verräterisch.
»Deine Augen sind rot«, bemerke ich still, »…Du hast doch nicht etwa-…«
geweint?
Gerade noch rechtzeitig kann ich mich davor hüten, das Wort auszusprechen. Wenn ich es getan hätte, würdest du doch sicher durchdrehen und mich lautstark korrigieren, schließlich würdest du niemals weinen, du –
»…Ich habe ja auch geweint«, antwortest du mit zugleich tonloser und schmerzerfüllter Stimme, »Wenn man weint, kommt es eben vor, dass die Augen rot werden, Noé. Das liegt an dem Natriumgehalt der Tränenflüssigkeit und weil -«
»Du hast geweint?«, frage ich sicherheitshalber nach, ob ich mich auch wirklich nicht verhört habe. Das trotzige Gesicht und den Schmollmund, den du nun ziehst, stehen dir so viel besser als dieses starre, maskenhafte Gesicht, hinter dem du irgendetwas zu verbergen versuchst.
»Warum auch nicht?«, fragst du gereizt zurück, »Es ist doch normal zu weinen, wenn die Traumfrau aus dem Leben verschwunden ist…«
»Aber du… hast doch mit Jeanne Schluss gemacht«, flüstere ich verwirrt.
Du hast Jeanne abgewiesen und deine Beziehung mit ihr beendet und nun weinst du, weil sie fort und du alleine bist?
Was sonst hast du denn gewollt, als du es getan hast?
»Noch dazu an Weihnachten…«, füge ich stirnrunzelnd hinzu.
Das macht alles, was sowieso schon schlimm wäre, nur noch viel schlimmer.
Warum musst du immer alles so kompliziert und schmerzhaft machen, wie nur möglich?
Was geht nur in dir vor, Vanitas?
Wenn ich doch nur kurz in deine Erinnerungen lesen könnte, dann würde ich dich vielleicht verstehen - …
»Mir blieb keine Wahl«, antwortest du hart.
Ich schlucke schwer.
Zwar kann ich das nicht verstehen, doch immerhin erkenne ich, dass du auch leidest.
»Kann ich… Kann ich etwas für dich tun?«, frage ich hilflos, obwohl ich mich sicher bin, dass du ablehnen wirst. Ich weiß selbst, dass es nichts gibt, das ich tun kann.
Wieder einmal. Ich konnte noch niemals etwas für jemand anderen tun…
Darum habe ich auch Louis verloren – weil ich nichts für ihn tun konnte.
»Ja… Vielleicht«, antwortest du völlig überraschend.
Deine Bewegung wirkt seltsam fahrig, als du dir dein dunkles Haar hinter die Schulter streifst.
»Noé… Erinnerst du dich noch daran, als du von meinem Blut trinken wolltest?«, fragst du plötzlich mit rauer, verbrauchter Stimme.
Warum fängst du denn damit an und dann noch ausgerechnet jetzt?
Natürlich erinnere ich mich… Wie könnte ich es denn jemals vergessen?
›Vanitas, auch wenn das bei deinem unfassbar nervigen Charakter und Verhalten eigentlich kaum vorstellbar ist, du hast wundervoll riechendes Blut.‹
›Hä? Suchst du Streit?‹, fragst du, als hättest du wirklich keine Ahnung, in welche Richtung ich das Gespräch lenken will.
›Ich mach dir gerade Komplimente! Deshalb… also… Was ich eigentlich sagen will… Vanitas. Bitte lass mich nur einen Schluck deines Blutes…‹
›Archiviste. Ich sage das nur ein einziges Mal. Also hör gut zu. Wenn du auch nur versuchst, mein Blut zu trinken… Dann bring ich dich um. Hast du das verstanden?‹

Wie todernst du das gesagt hast… Mir ist wirklich ein eiskalter Schauer den Rücken hinuntergelaufen und noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich auch nur daran denke.
»Ja… Du hast gesagt, dass du mich töten wirst…«
Du lächelst fiebrig und abgekämpft.
»Das hab ich nie gesagt«, versuchst du es abzustreiten.
»Und wie du das gesagt hast! Ich erinnere mich doch an ernst zu nehmende Morddrohungen von einem verrückten Vampirarzt!«
»Na schön! Vielleicht habe ich so etwas in der Art wirklich einmal gesagt… aber nicht so gemeint. Vergiss es einfach wieder. Du darfst mein Blut trinken. Ich erlaube es dir.«
Was ist das nur wieder für ein Trick, Vanitas?
Willst du, dass ich dir einen Grund gebe, mich umzubringen, damit du deinen Frust auslassen kannst?
»Sei nicht so misstrauisch«, forderst du, als hättest du meine Gedanken gelesen, »Freu dich doch. Du wolltest doch mein Blut… Und nun kannst du es haben!«
Nun streckst du mir auch noch so verführerisch deinen nackten Hals hin.
Meine Lippen sind so trocken, dass ich kurz darüber lecken muss, bevor ich weitersprechen kann.
»Wo ist der Haken?«, frage ich skeptisch, »Manchmal bist du gruselig. Als du bei Moreau plötzlich so starr geworden bist, als du mir gedroht hast, mich umzubringen, oder als du mit diesem wahnsinnigen Grinsen davon gesprochen hast, die Vampire retten zu wollen… Jedes Mal hatte ich eine Gänsehaut. Aber am Schlimmsten ist es jetzt. Dieser großzügige Vanitas ist der unheimlichste von allen!«
»Häh? Sprich nicht, als wäre ich mehrere Personen«, murmelst du eingeschnappt, »Und was der Haken ist, sollte doch klar sein: Wenn du dir meine Erinnerungen ansiehst, dann bringe ich dich um. Ich werde dich wirklich umbringen, klar?«
Ja… Kaum jemand will, dass ich mir seine Erinnerungen ansehe und sicher war das auch der Grund, warum du mich nicht von deinem Blut probieren lassen wolltest.
Was ich immer noch nicht verstehe, ist, warum du plötzlich deine Meinung geändert haben solltest.
»Ich kann es nicht verhindern. Wenn ich jemandes Blut zum ersten Mal trinke, sehe ich automatisch seine Erinnerungen.«
»Aber Dominique sagte, du kannst selbst bestimmen, wie weit du in die Erinnerungen eines Menschen vordringst«, erinnerst du, »Dann lass die Finger davon, so gut du eben kannst.«
Mechanisch nicke ich, immer noch mehr als skeptisch.
»Damit wir quitt sind, könntest du mir auch dein dunkelstes Geheimnis verraten«, meinst du und betrachtest mich abschätzig, »Wobei jemand wie du so etwas wie ein dunkles Geheimnis nicht hat…«
Ein dunkles Geheimnis?
Etwas Dunkles und Schreckliches habe ich auch einmal erlebt…
»… Es verfolgt mich bis heute, dass der Vampirjunge, mit dem ich aufgewachsen bin, vor meinen Augen zum Fluchträger und danach getötet wurde…«, erzähle ich schließlich leise.
Für einen Moment ist es still.
»Das tut mir sehr leid«, beteuerst du danach mit gedämpfter Stimme.
»Danke.«
Über Louis nachzudenken macht mich zu traurig. Dabei erinnerst du mich manchmal ein wenig an ihn – ja, tatsächlich habt ihr so manche Gemeinsamkeiten.
Ob ich mich deswegen zu dir hingezogen fühle und dich beschützen will, weil du ihm ähnlich bist?
Nein… Ich weiß es doch, dass Louis tot ist. Und auch wenn ich ihn sehr vermisse…
Du bist du, Vanitas. Und genauso bist du gut, nicht anders solltest du sein…
»Bist du… überhaupt nicht durstig?«, reißt mich deine Frage aus den Gedanken.
»Warum?«, will ich wissen, »Warum würdest du mich plötzlich von deinem Blut trinken lassen? Woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel?«
»Maaann, Noé! Ich versuche doch bloß nett zu dir zu sein! Betrachte es einfach als dein Weihnachtsgeschenk.«
»Und das soll ich wirklich glauben? Ich bin nicht so dumm wie du denkst. Nein… Dafür bist du viel zu versessen darauf, mich von deinem Blut trinken zu lassen. Du hast doch Hintergedanken.«
Wieder verziehst du deine Lippen zu so einem Grinsen, das mich beunruhigt.
Unter hinter diesem erzwungenen, zu breiten Grinsen erkenne ich, dass du dich gerade über mich ärgerst… Ja, und wie du dich darüber ärgerst, dass dich meine Skepsis und mein Zögern dazu nötigen, etwas preiszugeben, dass du mir eigentlich nicht sagen wolltest.
»Na schön. Ich brauche etwas gegen diese Traurigkeit. Ich bin an Qualen gewöhnt, doch dieser Schmerz…«, gibst du zu und seufzt schwer auf, »Es hört einfach nicht auf… Es tut so weh und frisst mich innerlich auf. Du kannst mir helfen. Nun, wo ich Jeanne nicht mehr bitten kann… Bist du der einzige, der mir helfen kann.«
»Und wie? Wie soll ich dir helfen, Vanitas?«
Du seufzst, als seist du genervt. Aber ich weiß nicht, ob du genervt bist, weil du die Antwort auf die Frage zu offensichtlich findest, oder weil du nun aussprechen musst, was du von mir willst.
»Vampirgift… Sicher wird es den Schmerz betäuben oder mich zumindest schläfrig machen…«
»Wusste ich es doch, dass du Hintergedanken hast«, murmle ich.
»Und wenn schon. Es wäre ein fairer Deal. Wir hätten doch beide etwas davon. Du bekommst mein Blut und ich dein Gift«, erinnerst du ungeduldig und ziehst fordernd an deinem Kragen, »Was ist nun? Willst du oder nicht?«
Wenn es ganz still ist und für sich für einen Moment der heulende, kalte Wind legt, dann kann ich geradezu hören, wie dein warmes, süßes Blut durch deinen Körper pulsiert.
Ich bekomme Hunger und lecke mir unwillkürlich über meine zu trockenen Lippen.
Vanitas… Ich wollte dein Blut schon so lange…
›Was ist los, mon cheri? Du siehst aus, als würdest du jeden Moment weinen.‹
›Domi… Seit…‹, beginne ich leise und schlucke schwer, ›Seit ich gehört habe, dass Jeanne Vanitas‘ Blut getrunken hat… schmerzt… mein Herz.‹
Auch, wenn ich es nicht sehen kann, weil ich die Augen geschlossen halte, während ich mein Gesicht gegen ihre Hand schmiege, weiß ich von irgendwoher, dass Domi mich verwundert anstarrt.
›Ich habe nachgedacht. Mich gefragt, warum. Und dann hab ich verstanden, dass ich sauer bin. Weil Jeanne mir zuvorgekommen ist!‹
›Häh?‹
›Ich habe schon die ganze Zeit gedacht, dass Vanitas‘ Blut ziemlich gut riecht. Ich hätte ihn mich vorher schon mal probieren lassen sollen!‹, ärgere ich mich, ›Das muss so ein fantastisches Blut sein, dass Jeanne sogar ihre Markierung auf ihm hinterlassen hat, um alles für sich zu behalten. Ich mein, wie gut muss das bitte schmecken?!‹
In Domis Lächeln liegt sowohl Belustigung, als auch Nachsicht.
›Du bist echt…‹, setzt sie an, ohne zu Ende zu sprechen. Und im nächsten Moment lässt sie sich gegen mich sinken und streift mit ihren scharfen Zähnen über meine Haut.
›Domi?!‹
›Klappe! Ein Mann wie du kann sich auch mal von mir beißen lassen!‹
Ihre Lippen wandern über meine Wange und mein Ohr.
›Halt! Am Ohr bin ich kitzelig…‹
Das weiß Domi natürlich und gerade deswegen kitzelt sie mich dort mit ihrem Atem und ihren Lippen, bis ich mein krampfhaftes Lachen nicht mehr zurückhalten kann.
›Buwahaha…hah‹
Und plötzlich ist es vorbei. Stattdessen beißt sie mich sanft in den Hals und ich spüre, wie ich erröte. Mein Blut erhitzt.

»Ich will dein Blut«, gebe ich mit erstickter Stimme zu, aber gleichzeitig habe ich auch Angst.
Angst, dass es zwischen uns dann nicht mehr wie vorher sein wird.
»Gut«, lächelst du, »Dann trink schon…«
Zögernd beuge ich mich über dich, schnuppere vorsichtig an deinem Hals und merke, wie mir das Wasser im Mund zusammenläuft.
Hastig schlucke ich es hinunter.
»Können wir danach noch Freunde sein?«, frage ich leise.
Du lachst trocken auf.
»Wir sind doch nie Freunde gewesen, Noé. Ich kann dich doch gar nicht leiden…«
»Ja, stimmt. Ich mag dich auch nicht…«
Wir beide wissen, dass das nicht wahr ist. Du nimmst meine Sorgen nicht ernst, weil du sie für unbegründet hältst – ist es nicht so, Vanitas?
Bestimmt mache ich mir viel zu viele Gedanken… Es ist doch nicht viel dabei…
Wir tauschen doch einfach nur… ein paar Schlucke Blut gegen ein paar wenige Tropfen Vampirgift.
Mit geschlossenen Augen küsse ich deine Haut. Ich schmecke das Salz, spüre den Herzschlag, der darunter pulsiert und die Wärme…
»Du sollst mein Blut trinken und nicht meinen Hals küssen«, erinnerst du mit kratziger Stimme, doch es klingt nicht halb so abweisend, wie ich erwartet habe.
Dass du mich nicht schon längst weggestoßen hast, kommt mir wie ein Wunder vor.
»Sei still«, bitte ich leise, »Ich muss mich konzentrieren, ich muss mich darauf einstellen, ich muss… -«
Ich besinne mich darauf, wie es ist, wenn ich Dominique beiße oder wenn sie mich beißt, doch das ist so spielerisch, so selbstverständlich… so viel anderes als diese Situation.
Ob ich es lieber doch nicht tun sollte?
»Wie unsensibel von dir, Noé… Denkst an jemand anderen, während du mich beißt…«
Obwohl mir der Widerspruch auf den Lippen liegt, wage ich ihn nicht auszusprechen. Wenn du nur wüsstest, Vanitas, wenn du wüsstest, würdest du mich fortstoßen.
»Du – du… kannst sagen, wenn ich aufhören soll«, höre ich mich selbst keuchen, damit du weißt, dass du mich jederzeit aufhalten kannst.
»Oh Gott, mach schon«, höre ich dich nur flüstern, »Aber lass meine Erinnerungen, da wo sie jetzt begraben sind. Ich werde es merken, wenn du suchst und gräbst…«
Ja, dir glaube ich das wirklich.
Ich hole ein letztes Mal Luft, bevor ich meine Lippen gegen deine Haut drücke.
Sie spannt, passt sich an und widersteht erst, doch dann gleiten meine Fangzähne durch sie hindurch wie durch warme Butter.
Mir schaudert, als ich das reißende Geräusch deines Fleisches höre, lasse kurz von dir ab, um vorsichtig meine Fangzähne aus deiner Wunde zu ziehen und schließe danach die Lippen um sie.
»Gnngh…«
Ich spüre, wie dein Körper erst starr wird und dann langsam entspannt, während dein schnell schlagendes Herz dein warmes, süßes Blut in meinen Mund pumpt. Wie es langsam meine Kehle hinunterrinnt und sich in meinem Magen sammelt. Es ist so gut!
Dickflüssig und intensiv wie Sirup - süß und salzig und würzig und heiß und kühl zugleich.
Genüsslich schließe ich die Augen und trinke langsam, um den Geschmack voll auszukosten.
Behutsam beginne ich, mein Gift mit der Zunge um die Wunde zu verteilen, um deinen Schmerz zu lindern und dich zu betäuben, so wie du es wolltest.
»Hah… endlich…«, höre ich dich wohlig seufzen, als wohl die Wirkung einsetzt.
Gut, dass es so schnell geht.
Nun fühlst du dich besser, nicht wahr, Vanitas?
Immer mehr lässt du dich sinken, ich merke doch, dass dein Körper ruhiger wird, an dem Gewicht in meinen Armen und deinem ruhigeren Herzschlag.
»Und? Wie ist mein Blut? Besser als das von Dominique, besser als von Fräulein Amelia?«, fragst du leise und so teilnahmslos, als wärst du schon betäubt.
Irgendwie wundert mich, dass das du das überhaupt fragst und es dir nicht einfach gleichgültig ist.
Anstatt zu antworten, sauge ich fester an der Wunde.
Es ist einfach anders – es ist das erste Mal, dass ich das Blut eines Menschen trinke.
Ich koste den Augenblick voll aus und versuche mir diesen Geschmack genauestens einzuprägen. Schließlich bin ich mir sicher, dass du mir das kein zweites Mal erlauben wirst.
Ich schließe die Augen und lasse die fremden Erinnerungen an mir vorüberziehen, ohne sie bewusst zu betrachten.
Doch, ganz ähnlich wie wenn man träumt und sich nach dem Aufwachen noch an Fragmente des Traums erinnern kann, bleiben auch jetzt in meinem Bewusstsein Bilder und Geräusche aus deiner Vergangenheit hängen.

Ich sehe ein Bild von Jeanne nur mit einem dünnen, durchsichtigen Unterkleidchen vor mir…
Unsere gemeinsame Zeit zieht an mir vorbei…
Und davor nehme ich vor allem Fluchträger wahr…
Eine Leiche mit langem wallendem Haar und in seltsamer, schlichter weiter Kleidung ganz in Blau…
Wer ist das?
›Solange du nicht dein Herz davor verschließt… wirst auch du, den ständig friert, jemanden treffen, der dich wärmt.‹
Neugierig linse ich durch deine Wimpern hoch in das Gesicht, das von langen, wallenden Locken fast vollständig völlig verdeckt ist.  
Diese Person, die ich schon tot gesehen habe… Sie scheint ein Vampir zu sein, aber er ist anders als alle, die ich kenne – seine Kleidung, seine Frisur, sein Gehabe….
Ist das etwa der Vampir des blauen Mondes?
Bestimmt… Es muss so sein.
Aber er erscheint nicht böse zu sein, zu dir zumindest nicht. Seine Worte zu dir waren voller Wärme. Und er ist bereits tot.
Warum sagst du also, du willst dich an ihm rächen?
Ich sehe dich mit ihm und einem kleinen blonden Jungen zusammen, Bilder wie aus einem Familienfotoalbum.
Irgendwann scheint sich die Szenerie zu ändern, allmählich wird es hinter meinen Augenlidern dunkler und meine Anspannung steigt.
Ich kann nicht aufhören, weiter in deine Erinnerungen einzutauchen, doch kneife wenigstens die Augen fester zusammen und konzentriere mich darauf, nicht mehr hinzuhören.
Das Schluchzen eines Kindes.
Nebeneinander liegende, leblose, unbekleidete Jungenkörper, ganz verschwommen durch einen Tränenschleier.
Das Gefühl von Kälte.
Angst und Schmerz.
›Sch-sch, keine Angst… Du bist so süß, so gut, meine liebe Nummer 69.‹
Diese siebensüße Stimme, die Menschen mit Nummern anspricht kenne ich dich… Moreau!
Ich bin hin und her gerissen, denn einerseits bin ich neugierig und andererseits möchte ich es nicht wissen, denn ich weiß nicht, ob ich es ertragen kann…
Warum und wozu?
Weißt du überhaupt selbst, wieso du so grausam gequält wurdest?
Oder willst du lieber gar nicht wissen, wozu du gelitten hast?
Würde es denn etwas ändern, wenn du wüsstest, ob dein Schmerz irgendeinen Zweck hatte?
Mein Herz rast, als ob es gleich zerspringen würde.
Ich höre deine Schreie, sehe aus den Augenwinkeln dein Blut…


Erschrocken öffne ich den Mund und schnappe nach Luft.
Als ich mich umblicke, finde ich mich unter dem Sternenhimmel über den von Eis glitzernden Dächern von Paris wieder.
Der tote Vampir des blauen Mondes, Moreau und all das Grauen könnten nicht weiter von mir entfernt sein.
Und doch verfliegt die Angst, die ich gefühlt habe, nur sehr langsam.
Und es bricht mir noch das Herz…
… wenn ich an das Ausmaß deines Leids und deiner Einsamkeit denke.
All die Jahre voller Angst und Qual, in denen du nur dich selbst gehabt hast.
Die hohen Mauern, die du aufgebaut hast, die verschlossenen Türen und Irrgärten, die einen nicht an dich herankommen lassen, nur um dich zu beschützen, weil du so oft, so unendlich viele Male, von der Welt enttäuscht wurdest.
Ich verstehe jetzt, warum du manchmal so seltsam gleichgültig bist, nicht nur anderen, sondern auch dir selbst gegenüber. Warum du das Schöne um dich herum nicht sehen kannst.
Du leidest Schmerzen… und es ist kein Wunder, denn du bist doch immer noch verletzt.
»Was hast du gesehen?«, fragst du plötzlich leise, geistesabwesend und in die Ferne starrend, als ob du längst nicht mehr bei vollem Bewusstsein seist.
»Ich weiß nicht«, antworte ich wahrheitsgemäß, »Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Aber ich weiß, dass es vor allem traurige Dinge waren…«
»… Haha…«, machst du freudlos, »Gut, dass du nicht der hellste Stern am Himmel bist…«
Meine Kehle kratzt vor Trockenheit, in meinem Mund sammelt sich das Gift, aber ich nachdem, was ich gesehen habe, zögere ich, dich nochmal anzurühren.
Darf ich dir, der du schon so viel leiden musstest, noch mehr Schmerz zufügen?
»Hast du dich schon satt getrunken? Wenn nicht, dann bedien dich ruhig. Das war doch fast gar nichts. Jeanne hat auch viel mehr - ah…«
Verzeih mir, Vanitas, ich habe dich unterbrochen, als ich die Lippen um deine Wunde geschlossen habe, um weiter zutrinken.
Irgendwie will ich nicht, dass du von Jeanne oder deinem früheren Leben sprichst.
Auch, wenn ich nicht tief genug in deine Erinnerungen eingetaucht bin, um zu begreifen, was in deiner Vergangenheit geschehen ist, so habe ich doch etwas sehr Wichtiges gesehen:
Nämlich, wie schön glitzernd und hauchdünn die seidenen Fäden sind, die dich in dieser Welt und am Leben halten.
Sie könnten so leicht reißen und dann…?
Mehr denn je habe ich das Gefühl, dass du jederzeit von dieser Welt verschwinden könntest.
Wie verheerend…
Ich hätte es eigentlich wissen müssen, Vanitas. Wie dein ganzes Wesen sind deine Erinnerungen und auch dein Blut – so schwer zu begreifen, einzigartig, ich will nicht davon lassen und je länger es mich beschäftigt, umso rätselhafter erscheint es mir.  
Bei deinem Blut ist es fast so, als würde ich Salzwasser trinken - je mehr ich trinke, umso durstiger werde ich.
Ob es dem Vampir des blauen Mondes, Jeanne und allen anderen, die vor mir davon gekostet haben, genauso gegangen ist?
Durch das Rauschen des Blutes höre ich den Wind heulen und dein leises Stöhnen.
Deine Finger wickeln sich langsam um meine weißen Haarsträhnen…
Willst du meinen Kopf wegziehen?
Nein! Ein bisschen noch, noch ein kleines Bisschen…
Lass mich diesen Geschmack wenigstens so lange auskosten, bis ich ihn mir so gut eingeprägt habe, dass ich ihn mit Worten beschreiben könnte!
Sicher ziehst du meinen Kopf gleich weg…
In Panik, gleich gezwungen zu werden, von dir abzulassen, sauge ich gierig an deiner Wunde und lausche angespannt in die Weihnachtsnacht.
Noch ein wenig.
»Ngh… Noé… ungh…«
Tue ich dir weh?
Hastig ziehe ich den Kopf zurück und lehne mich nachhinten, um wieder Abstand zwischen uns zu bringen. Vor Verlegenheit wage ich es nicht, zu dir aufzublicken. Und meine Haut, obwohl sie sonst immer verrät, zu welchem Clan ich gehöre, ich bin so froh, dass sie bronzefarben ist und verbirgt, wie viel Blut sich in meinen Wangen staut.
»Vanitas«, beginne ich leise, »Bist du okay?«
Erst herrscht Schweigen und ich merke, wie du dich unter mir windest.
»…Hör nicht auf…«
Dieser flehentliche Tonfall und diese dünne Stimme passen nicht zu dir. Ob ich geträumt habe?
Ungläubig richte ich meinen Blick auf dein Gesicht und erstarre.
Rosig errötete Wangen. Zitternde, feucht schimmernde Lippen.
Zwei tiefblaue, lustverschleierte Augen.
»Wie bitte?«, flüstere ich fassungslos.
»…Mhm…mehr…«
Was ist denn mit dir?
Du stößt mich sacht weg und ehe ich mich wehren kann, küsst du meinen Hals drückst mich mit deinem Gewicht hinunter.
Du setzt dich in meinen Schoß… Statt der Kälte des Winters fühle ich die Wärme deines Körpers auf mir. Innerhalb weniger Augenblicke bin ich verdutzt, überempfindlich und zittrig unter dir begraben.
Deine behandschuhten Hände streifen durch mein Haar und du bist so nah, dass die kalte Winterluft ganz nach dir riecht.
Langsam beginne ich zu verstehen.
Du hast es mir doch einmal erklärt… Wie war das noch gleich?
›Es heißt, dass man Lust verspürt, weil die Vampire einem mit ihren Fangzähnen eine aphrodisierende Substanz injizieren. Anscheinend wirkt die Substanz aber unterschiedlich stark, abhängig von den Kräften des Vampirs selbst und davon, wie viel Zuneigung er gegenüber seinem Zielobjekt verspürt. In erster Linie injizieren Vampire diese Substanz in ihre Zielperson, damit diese stillhält, während ihr das Blut ausgesaugt wird. Je nach Vampir kann es sein, dass das Opfer keine Lust verspürt, sondern stattdessen müde oder benommen wird. In diesem Bereich gibt es noch sehr viele Rätsel…‹
Ach so…
Das Gift in meinen Fangzähnen versetzt dich in Lust, nichts weiter.
…Aber…
Aber, wenn das wahr ist, Vanitas… Wenn die Stärke des Gifts abhängig davon ist, wie viel Zuneigung der Vampir seinem Opfer gegenüber verspürt, dann merkst du am Ende noch, dass… dass ich…
…ich mich in dich verliebt habe.
Und dann würdest du mich verlassen.
Wie bei Jeanne wirst du Angst bekommen, dass ich vor lauter Liebe zu dir deine Grenzen und Mauern überwinde. Sicher fürchtest du, dass ich in dir verschlossene Türen öffne und versiegelte Räume erkunde, verborgende Schätze stehle und Kostbarkeiten zerbreche.
Du hast Angst davor, was die Liebe mit dir machen könnte.
Ich weiß es.
Du hast es doch selbst gesagt: ›Ich… habe absolut kein Interesse an jemandem, der sich in mich verlieben würde.‹
Auch zu Laurent hast so etwas gesagt, als ich euch heimlich im Café belauscht habe.
›Weil es doch absolut widerwärtig wäre! Was für ein Mensch würde sich in einen wie mich verlieben?‹
Hihi. Obwohl es so traurig ist, dass du dir deines eigenen Werts und deiner Liebenswürdigkeit nicht bewusst bist… ist es auch so niedlich, so süß, diese von dir ungewohnte, übertriebene Bescheidenheit und diese kindliche Angst vor dem Leben.
Ach, Vanitas… So ein Vampir wie ich würde sich in dich verlieben – und ich bin nicht der einzige. Da ist doch noch Jeanne... und möglicherweise Laurent.
Und genau darum…
...sobald du wieder bei Sinnen bist, wirst du auch mich nie wieder sehen wollen.
So sehr dein Körper gerade auch zittert… und trotzdem…
»Noé, bitte…«, stößt du heiser hervor. Irgendein Funkeln liegt in deinem verschleierten Blick. Ich weiß nicht, was es ist, aber es zieht mich an, als wäre ich ein verirrter Fischer, der im Nebel den Lichtkegel des Leuchtturms erblickt.
Deine Hand greift nach meiner und zieht sie unter deinen Rumpf, zwischen unsere Körper und hinunter, wo unsere Hüften auf einander treffen.
Schwer atmest du durch, ehe du dich lächelnd über mich beugst.
In meinen verschleierten Augen schimmert dein blasses Gesicht ein bisschen.
Fast wie damals…
Als ich ein kleiner Junge war und vor lauter Vorfreude auf Weihnachten nicht schlafen konnte. Ich sah in dieser Nacht, wie es schneite und die im Wind tanzenden Schneeflocken schienen in der Dunkelheit zu glitzern, als wären sie Silber.
Voller Faszination drückte ich mir das Näschen an der kalten Fensterscheibe platt und sah zu, wie das Silber von den Sternen hinabfiel…
Der Duft deines Blutes wabert verführerisch um meine Nase, während du mir so nahekommst, dass deine Lippen über meine streifen.
Schließlich drehst du den Kopf zur Seite und küsst meinen Hals…
»…Noé…«
Ich spüre, wie mein Widerstand bricht und bröckelt und wie Sand durch meine Finger rieselt.
Sehnsüchtig seufze ich, während ich dich zu mir hinunterziehe und über die blutende Wunde lecke, bevor ein hinunterlaufender Tropfen deinen Kragen schmutzig machen würde…
Ach, Vanitas… Lust überkommt mich, zwar ist sie schon die ganze Zeit dagewesen, doch tief in mir verschlossen…
Ich höre, wie du deine Kleidung öffnest. Ich spüre, wie du meine Hand am Handgelenk ergreifst und sie über deine warme Haut führst.
»Du hast doch versprochen, mir heute einen Wunsch zu erfüllen«, säuselst du benommen, während ich zittrig deinen Körper ertaste. Meine Finger streifen über wulstige Narben und trainierte Muskeln, deinen flachen und weichen Bauch hinunter… ehe sie sich um deine harte Männlichkeit schließen.
Instinktiv will ich meinen Arm zurückziehen, doch er rührt sich nicht.
Auch, wenn du nun von meinem Handgelenk ablässt, spüre ich immer noch deine stumme Aufforderung, dich so lange zu berühren, bis du genug hast.
Hast du schon mal so etwas gemacht? Ich nicht.
Aber du hattest doch Jeanne… Sie hat schließlich vor deinen Augen nur einen Hauch von Nichts aus weißer Spitze getragen…
Bist du auch in diesen Zustand geraten, wenn sie von deinem Blut getrunken hat?
Ist es so dazu gekommen? Nun wünschte ich, ich hätte genauer hingesehen…
… Oder vielleicht lieber auch nicht.
Es würde sich nicht gehören, seine Nase derart in die Privatsphäre eines Fräuleins zu stecken… und es könnte mir vielleicht noch mehr wehtun, als die anderen Dinge, die ich in deinen Erinnerungen sah…
»…Noé…«
Mein Arm ist taub, als ich mechanisch beginne, meine Hand um deine Männlichkeit zu bewegen.
Meine Wangen glühen und mein Herz rast, mein Blut wird heiß und rauscht wie eine reißende Flut durch meine Adern, spürbar durchströmt es meinen erhitzten Körper.
Je mehr ich dich berühre, streichele und verführe, umso weiter lehnst du dich näher zu mir und stützt dich mit den Ellbogen neben meinem Kopf ab, während ich deinen Duft inhaliere.
»Küss mich«, raune ich leise. Du zögerst einen Moment und doch bin ich überrascht, dass du mir dieses Mal ohne Widerrede gehorchst. Das sieht dir nicht ähnlich, Vanitas…
Aber eigentlich doch. Denn gerade brauchst du mich eben so sehr wie ich dich brauche.
Mit meiner freien Hand streife ich durch dein Haar, wie durch fließendes Wasser.
Du holst nur kurz Luft, um mich danach wieder zu küssen, doch dieses Mal auffordernder, hingebungsvoller und so, dass ich das Gefühl habe, du würdest dich in deinem Rausch völlig verloren haben.
Wir Warum kannst du so gut küssen, Vanitas?
Haben du und Jeanne – ?
Ärgerlich beiße ich mir auf die Lippen, schließlich hatte ich gehofft, für dich der Erste… und vor allen Dingen der Einzige zu sein.
Aber wenn das nicht mehr möglich ist… will ich wenigstens der Beste sein.
Darum lege ich alles in diesen Kuss, all meine Gefühle für dich und halte erst still, als du mir zärtlich über meine Unterlippe und Zunge leckst. Unser Atem verschmilzt miteinander, während wir auch unsere Körper dichter an einander drängen…
Deine Augen, obwohl glasig und dunkel vor Lust und gleichzeitig noch so blau wie der schöne, blaue Mond, sind so starr auf mich gerichtet, dass sie gerade nichts anderes sehen als mich.
Paris verschwindet, der tiefblaue Himmel verschwindet.
Die Welt um uns löst sich auf, existiert gerade nicht mehr für uns.
Dein angespannter Körper zuckt unwillkürlich, dein Gesicht verzieht sich, als hättest du Schmerzen.
Erst wird dein Keuchen für einen Moment zum Stöhnen und dann bist du ganz still, hältst den Atem an, dein versteifter Körper zuckt und zittert über mir.
Ohne zu wissen warum, bin ich genauso starr wie du.
Nach wenigen Augenblicken entspannst du dich wieder und als du von meinen Lippen ablässt, um dich auf meiner Hüfte wieder aufzusetzen, lächelst du zufrieden.
Obwohl meine Haltung immer noch angespannt ist und meine rechte Hand von der Wärme deines Körpers glüht, muss ich dein Lächeln erwidern…
Meine Hände und der Wind haben dein Haar ganz zerzaust, Vanitas.
Wenn du dich jetzt so sehen würdest, würdest du dich bestimmt aufregen.
Aber weil du es nicht sehen kannst, schmiegst du wie eine Katze deine glühendwarme Wange gegen meine Hand und flüsterst du nur sehnsüchtig meinen Namen in die Weihnachtsnacht.
»Noé… Noé…«
Ruf nicht so nach mir, wenn du mich nicht wirklich mit Leib und Seele begehrst.
Denn wenn du es tust, dann kann ich doch nicht -
Aber vielleicht spielt das gerade keine Rolle.
Es gibt nur noch uns alleine… und den Schnee.
Schnee, so weiß und glitzernd…
Wie an dem Morgen, als der Meister mit mir spazieren ging und ich überall nach dem Silber der Sterne suchte, das ich in der Nacht zuvor vom Himmel fallen sah.
Ich fand nur Schnee… egal, wie verzweifelt ich suchte… Warum?
Ich konnte es nicht begreifen.
Warum…?
Und wieso muss ich mich gerade jetzt daran erinnern?
Ich habe schon ewig nicht mehr an das Silber der Sterne gedacht…
Ach so… Deinetwegen, weil du mich daran erinnerst. Denn du bist genau wie das Silber der Sterne.
Auch, wenn ich dich jetzt so vor mir sehe und du mich so verzauberst, dass mein Herz wehtut, bist du ein schöner Traum.
Wenn ich versuchen werde, dich festzuhalten, wirst du mir nur durch die Finger gleiten wie der schmelzende Schnee, den ich für das Silber der Sterne hielt.
Der Zauber wird verfliegen.
Ich unterbreche unseren Augenkontakt, in dem ich die Lider halb sinken lasse. Und deine Hände, die durch den Stoff deiner Handschuhe hindurch meine Brust wärmen, fange ich mit meinen ein, um sie sanft von mir zu entfernen.
Vielleicht ist es zu spät, um dich davor zu bewahren, etwas zu tun, das du nie hättest tun wollen, wenn du nicht von meinem Gift berauscht wärst.
Aber zumindest ich bin jetzt wieder völlig klar im Kopf und werde dagegen ankämpfen, dass du noch weiter gehst.
Ich will dich schließlich beschützen! Und am meisten, noch vor Fluchträgern und Feinden, musst du vor dir selbst beschützt werden.
Kein Vampir, kein Fluchträger, kein Chasseur und auch sonst niemand könnte jemals deine Mauern und Irrgärten überwinden und die seidenen Fäden zerreißen, aber du…
Darum lass mich bitte nicht zurück. Nur, wenn du bei mir bleibst, kann ich dich beschützen.
Es mag wohl daran liegen, dass ich mich mit ganzem Herzen in dich verliebt habe, doch, selbst wenn du meine Gefühle nicht erwidern kannst, möchte ich dich trotzdem glücklich machen… Ja, genau.
»Ich möchte, dass du glücklich wirst, Vanitas.«
So schläfrig, wie du gerade wirkst, muss ich schmunzeln, als ich dich in deiner unordentlichen Kleidung in deinen Mantel wickle und behutsam hochhebe.
Du fühlst dich schwerer an, als ich gedacht habe, aber vielleicht liegt es auch nur an meinen Beinen, die gerade so weich sind. Umso vorsichtiger setze ich jeden meiner Schritte über die mit einer dünnen Schicht funkelnden Eises überzogenen Dachschindeln.
»Ich will gar nicht glücklich werden«, glaube ich dich plötzlich leise flüstern zu hören und ich halte den Atem an, »Und doch bin ich es. Du machst mich glücklich…«
Hast du das gerade wirklich gesagt oder habe ich es mir nur eingebildet?
»Vanitas? Ich habe dich nicht verstanden«, murmele ich angespannt und darauf hoffend, dass du es wiederholen wirst.
»Hm? Ich habe doch gar nichts gesagt«, antwortest du stattdessen tonlos. Doch in meinem Kopf hallen immer noch die Worte von zuvor.
Ich schlucke hart den Kloß in meinem rauen Hals hinunter und es kommt mir so vor, als ob ich erst jetzt verstehen würde, was du vorhin gesagt hast.
›Du machst mich glücklich.‹
»Kannst du dich nicht lieber beeilen, anstatt irgendwelche seltsamen Stimmen zu hören?«, fragst du trocken, »Mir ist kalt.«
›Auch du, den ständig friert, wirst jemanden treffen, der dich wärmt.‹
»Entschuldige.«
Endlich bin ich mit dir auf den Armen durch das offene Fenster in das warme Schlafzimmer eingestiegen und kann dich auf deinem Bett absetzen. Als ich dir den Rücken zudrehe, um das Fenster wieder zu schließen, kann ich aus dem Augenwinkel sehen, wie du fast ein wenig schüchtern deine nackten Schultern wieder mit deinem Mantel verdeckst und ich schmunzle.
»Soll ich dir etwas bringen? Orangensaft und etwas Truthahn?«, schlage ich leise vor.
»Nein, danke. Ich habe keinen Hunger«, erwiderst du, während dein Blick zur Seite fliegt, um dem meinigen auszuweichen.
»Aber… du solltest etwas essen und trinken. Schließlich hast du an Blut verloren… Du wirst sicher geschwächt sein...«
»Ich bin nur sehr müde, Noé. Ich werde gleich zu Bett gehen…«
»Bist du dir wirklich sicher, dass du nicht einmal etwas trinken willst?«, frage ich besorgt nach, doch statt einzulenken, strafst du mich mit deinem genervten Blick.
»Ist es eigentlich normal, dass ihr Fledermäuse euch solche Sorgen um euer Essen macht oder sagst du das, weil du so schrecklich sentimental bist?«
»Du bist doch kein Essen!! So habe ich dich nie gesehen!«, entfährt mir lauter und schärfer als ich beabsichtigt habe. Aber es sind wohl auch meine vor Ärger zusammengezogenen Augenbrauen, die dich dazu bringen, zu schmunzeln.
»Haha… Weiß ich doch!«
Wenigstens… hast du dich durch das, was vorhin auf den vereisten Dächern über Paris zwischen uns geschehen ist, nicht verändert.
»Noé? Bekomme ich gar keinen Gute-Nacht-Kuss, bevor ich mich hinlege?«
Ungläubig, dass du mich so etwas fragst, werde ich sofort ein wenig nervös.
»Doch, wenn du einen willst…«
»Ja«, sagst du und schenkst mir dabei so ein strahlendes Lächeln, dass mir das Herz aufgeht, »Aber nur, wenn dein Mund nicht nach meinem Blut schmeckt…«
»Ah… Ähm, ich putze mir schnell die Zähne oder esse ein Stück Tarte Tatín oder…«, überlege ich laut und halte erst inne, als ich sehe, wie du lachst.
Ich erröte und stemme mir instinktiv empört die Hände in die Hüfte.
»Hey… Warum lachst du mich aus?«, frage ich verärgert.
»Ich lache dich nicht aus«, erwiderst du und neigst den Kopf zur Seite, »Es ist nur… Du bist nur… süß, Noé.«
Nun errötest du selbst ein wenig.
Aber ist es denn gut? Ist es gut für einen erwachsenen, männlichen Vampir, süß zu sein?
Langsam komme ich wieder näher auf dich zu und als ich dich erreicht habe, neige ich dir mein Gesicht zu.
»Wie hat es denn nun geschmeckt?«, fragst du leise, »Mein Blut, meine ich…«
»Ganz so wie ich es mir vorgestellt habe, wundervoll köstlich. Nein, sogar noch besser als das…«, antworte ich, bevor ich das Thema wechsle, »Und wie war mein Gift?«
Meine Lippen, die soeben noch gelächelt haben, streifen über deine.
»Perfekt. Danach könnte ich süchtig werden.«
Vielsagend schielen deine mondblauen Augen durch deine Wimpern in mein Gesicht und für einen Sekundenbruchteil bin ich mir nicht mehr sicher, ob du wirklich noch von dem Vampirgift sprichst.
Das tust du doch… oder?
»Gute Nacht, Noé. Frohe Weihnachten«, flüsterst du in den Winkel meines Mundes.
»Frohe Weihnachten… und Danke.«
»Wofür?«
»Na, weil du mir einen großen Wunsch erfüllt hast«, lächele ich.
Weißt du…
Auch wenn ich es bisher nicht gefunden habe, Vanitas, habe ich trotzdem nicht aufgehört, nach dem Silber der Sterne zu suchen.
Tief im Inneren will ich einfach weiter daran glauben, dass weit von hier, manchmal nachts Silber von den Sternen regnet. Und gerade habe ich das Gefühl, dass ich es finden werde.



* Deutsche Übersetzung:
Es ist die schöne Weihnachtsnacht,
der Schnee breitet seinen weißen Mantel aus.
Und die Augen zum Himmel gerichtet, auf den Knien, bevor sie die Augenlider schließen, sprechen die kleinen Kinder ein letztes Gebet:
Lieber Weihnachtsmann,
wenn du vom Himmel hinabsteigst mit Tausenden von Geschenken, vergiss nicht meinen kleinen Schuh.
Aber bevor du aufbrichst, musst du dich gut bedecken.
Draußen wirst du es kalt haben, das ist ein bisschen wegen mir.
 
 
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