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We give our Hearts

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
Gared Dirge OC (Own Character)
23.12.2021
02.09.2022
17
55.333
5
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Dieses Kapitel
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24.12.2021 3.280
 
Freitag, 10. Dezember 2021, 5:55pm - Hamburg
Als schließlich nur noch eine Handvoll Personen bei ihr standen, machten wir uns auch auf und gingen zu Professorin Garcon hinüber. Wir kamen punktlandungsmäßig genau in dem Augenblick bei ihr an, in dem sich die andere Gruppe zum Gehen wandte.
„Ein schönes Wochende!“, wünschte die Professorin ihnen und sah von einem vor ihr liegenden Stapel Blätter auf, als wir uns zu ihr an den Tisch gesellten.
Trotz der schwarzen Maske, die sie trug, war das Lächeln in ihren Augen deutlich zu erkennen und ich musste kurz tief durchatmen. So aus der Nähe sah sie noch viel schöner aus... Da war eine schmale Narbe unter ihrem linken Auge, die beinahe perfekt mit ihren Lachfältchen verschmolz.... Verdammt! Was war denn mit mir los?! Klar, sie war attraktiv, aber attraktive Frauen liefen mir öfter über den Weg und bei denen war das nicht so...
„Guten Abend, Professor Garcon“, begann Chris und lenkte mich von meinen Grübeleien ab.
Doch sie meinte schüchtern: „Sorry, aber ist es anmaßend, wenn ich um das ‚Du‘ bitte? Es würde sich irgendwie seltsam anfühlen, euch zu siezen... Ich bin Jules.“
„Ne, überhaupt nicht, Jules! Ist ja auch gleich viel persönlicher so!“, lachte Chris.
Pi und ich nickten nur.
„Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, auch nur einem von euch hier über den Weg zu laufen... Genau genommen ist mir erst in dem Augenblick aufgefallen, dass diese Möglichkeit ja durchaus bestünde, als ich erklärt habe, warum ich einen Song von euch ausgesucht habe...“, gab Jules zu.
„Tja, und jetzt hast du gleich drei von uns abbekommen“, mischte sich nun auch Pi ein, „Das muss ein ganz schöner Schock gewesen sein!“
Nur ich stand immer noch wie angewurzelt neben meinen Kollegen, starrte die Professorin an und bekam die Schnauze nicht auf, obwohl ich doch sonst nicht um Worte verlegen war!
„Tatsächlich hatte ich kurz einen Hänger, als ich euch entdeckt habe....“, gestand sie, „Hat man das nicht gemerkt?“
Endlich fand ich meine Sprache wieder und quasselte prompt drauf los: „Nein, überhaupt nicht, wann soll das denn gewesen sein? Überhaupt war dein Vortrag echt spannend!“
Mein plötzlicher Ausbruch und das viel zu schnell heruntergeratterte Lob brachten mir zwei belustigte Blicke von Pi und Chris, sowie ein überraschtes Lachen von Jules ein.
„Na, dann kam das mit dem Hänger vermutlich nur mir so vor... Aber es freut mich, dass es dir gefallen hat, Gerrit!“, grinste sie und zwinkerte mir zu.
„Und das, obwohl er den ‚alten französischen Professor‘ eigentlich gar nicht anhören wollte!“, platzte Pi plötzlich los.
Verwirrt sah die junge Frau zwischen uns hin und her, bis es plötzlich ‚Klick‘ zu machen schien und sie kicherte: „Das passiert mir tatsächlich öfter... Liegt am Namen und der Profession, aber da kann man nichts machen, als drüber lachen und die Leute eines Besseren zu belehren...“
„Das hast du“, murmelte ich fast ein wenig betreten, „also gelacht und mich eines Besseren belehrt...“
„Mach dir mal keinen Kopf...“, meinte sie fröhlich und wollte scheinbar noch fortfahren, aber da funkte Herr Meyer dazwischen, der wie aus dem Nichts neben uns aufgetaucht war: „Ach, Herr Harms, den Kollegen Stoffers haben Sie auch mitgebracht, und Herr Heinemann, wie schön Sie mal wieder hier zu sehen! Leider muss ich Ihre Unterhaltung unterbrechen, die Putzkolonne möchte gerne anfangen... Aber was halten Sie davon wenn wir zusammen zu Abend essen und das Gespräch dabei weiterführen würden. Sie wären selbstverständlich alle eingeladen!“
„Ähm...“, machten sowohl meine Freunde als auch Jules und ich gleichzeitig.
„Das ist ein ‚Ja‘, kommen Sie, die ‚Trattoria Remo‘s‘ hier um die Ecke ist wirklich ausgezeichnet und italienisch geht doch immer!“
Oh, je. Widerspruch schien zwecklos und so ergaben wir uns unserem Schicksal.
„Einen Augenblick, ich muss nur kurz meine Sachen zusammenpacken...“, entschuldigte sich Jules und schnappte sich die vor ihr ausgebreiteten Papiere, schob sie in ihre Tasche und schnappte sich eine schwarze Lederjacke, die auf einem Stuhl an der Wand gelegen hatte.
Auch wir zogen unsere Jacken über, denn Anfang Dezember konnte es in Hamburg ganz schön ungemütlich sein - so wie heute eben: Die Temperaturen fast am Gefrierpunkt und die Luft daher nass und eisig kalt...

Draußen bot Herr Meyer Jules sogleich seinen Arm an, offensichtlich im Versuch sie mit seiner Goethe-Kenntnis zu beeindrucken: „Schönes Fräulein, darf ich’s...“
„Bin weder Fräulein, weder schön, kann auch in Pis Geleit zum Italiener geh’n“, unterbrach sie den SAE-Leiter schlagfertig und hakte sich bei dem verdutzten Gitarristen unter, während Chris sich offensichtlich sehr zusammenreißen musste, um nicht laut loszulachen.
Für einen kurzen Augenblick fühlte ich ein unangenehmes Ziehen in der Brust. - War das etwa Eifersucht? Doch es dauerte nur einen Augenblick an, denn schon hatte sie sich mit ihrem noch freien anderen Arm bei mir untergehakt und schaute grinsend von Pi zu mir und zurück.
„Das wollte ich schon immer mal sagen!“, kicherte sie so leise, dass nur wir sie verstanden.
Zwischen uns gehend folgte Jules Herrn Meyer, während Chris sich ein wenig zurückfallen ließ, um zuhause anzurufen und mit seiner Frau abzustimmen, ob es in Ordnung ging, dass er zum Abendessen nicht da war.
Anscheinend gab es keine Unstimmigkeiten, denn bald hatte er wieder zu uns aufgeschlossen.
„Und?“, erkundigte sich Pi, „Hat die Chefin ein Abendessen außer Haus genehmigt?“
Der Lord grinste: „Ja, allerdings unter der Auflage, dass ich ihr und Mika Pizza mitbringe und nicht zu lange wegbleibe, wir haben nämlich noch einen DVD-Abend geplant. Aber den zu verpassen hatte ich eh nicht vor!“
Ach, ich war immer wieder begeistert, wie harmonisch und entspannt Chris kleine Familie das gemeinsame Leben gemanagt bekam. Er und seine Frau waren wirklich sowas wie mein ‚Relationship-Goal‘ geworden. Nur - so nett ich Mika auch fand und mich gerne mal um ihn kümmerte - auf eigene Kinder konnte ich getrost verzichten. Ob Jules Kinder mochte? - Moment! Was zum...?! Was hatte diese Literaturprofessorin nur mit mir angestellt? Ich wusste ja nichtmal, ob sie schon vergeben, vielleicht sogar verheiratet war! Mit 26 könnte sie ja sogar gut und gerne selbst schon Mutter sein... Worüber machte ich mir da gerade Gedanken?!
So vertieft war ich in meine Überlegungen, dass ich - hätte Jules mich nicht gerade so zurückgezogen - einfach so auf die Straße gerannt wäre, geradewegs in einen vorbeirauschenden LKW hinein.
„Wow, pass auf Gerrit, sonst müssen wir uns demnächst nach einer neuen Allzweckhure umsehen!“, meinte Chris halb im Spaß, halb im Ernst.
Ich musste erstmal tief durchatmen und wandte mich dann meiner Retterin zu: „Danke.“
„Kein Ding“, lächelte sie nur.
Der Schock über meinen Fast-Unfall war schnell überwunden, wir konnten unseren Weg zum Italiener fortsetzen und hatten unser Ziel bald erreicht.

Drinnen wurden wir an einen Ecktisch mit Bank geführt, bekamen die Speise- und Getränkekarte gebracht. Jules saß zwischen Pi und mir am Kopfende, skeptisch die Pizzaauswahl begutachtend.
Schließlich wendete sie sich an den Gitarristen: „Seid ihr öfter hier? Und falls ja: Weißt du, ob ich die Pizza ohne Käse bestellen muss, wenn ich sie vegan haben will?“
Der Angesprochene grinste: „Also, zu deiner ersten Frage: Nicht öfter, aber hin und wieder schon. Zur Zweiten: Du bekommst sie auch mit veganem Käse, wenn du fragst. Bist du Veganerin?“
„Jep. Danke, dann weiß ich, was ich nehme“, nickte sie.
Ich fühlte wieder dieses Ziehen in der Brust und verspürte das spontane Verlangen Veganer zu werden. Was bitte?! Ich, der gerne auch mal ein blutiges Steak aß?! Und das nur wegen einer - zugegebener Maßen sehr attraktiven - Professorin mit Piercings?
Kurz darauf tauchte der Kellner wieder auf, der uns die Karten gebracht hatte. Ganz die Gentlemen ließen wir Jules den Vortritt mit ihrer Bestellung.
„Ich hätte gerne die Pizza Verdura in vegan und zum Trinken eine dunkle Traubensaftschorle“, erklärte sie.

Nachdem auch wir unsere Wünsche geäußert hatten und der Kellner wieder abgerauscht war lehnte sich der neben mir sitzende Herr Meyer an mir vorbei in Richtung Jules und meinte: „Sie hätten ruhig auch einen Wein bestellen können, Professor Garcon!“
„Sehr nett von ihnen, Herr Meyer, aber der einzige Wein, den ich trinke, ist alle Jubeljahre mal ein Met. Wenn ich Wein gewollt hätte, dann hätte ich den auch bestellt“, stellte sie ein wenig schnippisch fest und ich musste mir ein Grinsen verkneifen.
Jules war wirklich cool drauf und an Selbstbewusstsein schien es ihr auch nicht zu mangeln, das gefiel mir...
Den Wink mit dem Zaunpfahl hatte der SAE-Leiter scheinbar verstanden und sagte nur: „Dann ist ja alles in Ordnung...“

Wenig später wurden die Getränke gebracht und wir stießen an.
„Auf Professor Garcon und ihren phantastischen Vortrag!“, verkündete Herr Meyer.
„Na, wenn es sein muss“, grinste Jules, „aber ohne Text - keine Analyse!“
Dabei zwinkerte sie Chris zu und dann wurde der Runde nach angestoßen.
„Cheers!“, grinste sie Pi zu.
Dann wandte die Professorin sich an Chris: „Nastrovje!“
In wie vielen verschiedenen Sprachen sie das wohl konnte?
Scheinbar in einigen, denn „Sláinte!“, machte sie bei Herrn Meyer weiter. Als Letzter war ich an der Reihe.
„Skål!“, lächelte Jules und sah mir in die Augen.
Fuck... Ich war verloren! Erst das leise Klirren, das unsere Gläser beim Zusammenstoßen von sich gaben, holte mich zurück in die Realität und widerwillig riss ich mich von ihren grüngrauen Augen mit den winzigen hellen Sprenkeln los, die mich wie magisch in ihren Bann gezogen hatten.
Inzwischen hatten auch alle anderen angestoßen und ihre Gläser wieder abgestellt, nur ich nippte noch etwas durcheinander an meinem Bier.
„In wie vielen Sprachen, kannst du das?“, sprach Pi meine Frage aus, „Also ‚Prost‘ sagen, meine ich...“
„Siebzehn“, erwiderte sie wie aus der Pistole geschossen.
„Echt?“, schaltete ich mich dazwischen.
Jules lachte und erklärte zum allgemeinen Amüsement: „Nein, ich weiß es nicht, aber es sind schon einige...“
„Und du hörst also unsere Musik?“, griff Chris das Gespräch wieder auf, das Herr Meyer vorhin mit seiner Einladung unterbrochen hatte.
„Ja, tatsächlich...“, nickte sie, „Zwar nicht ausschließlich, aber phasenweise auch mal ziemlich exzessiv, meistens so um Weihnachten herum...“
„Also auch jetzt?“, hakte ich nach.
„Stimmt“, erwiderte Jules, „ich habe mich ja als Vorbereitung für den Vortrag auch zwangläufig irgendwie mit eurem Kram auseinandersetzen müssen... Aber ihr scheint meine Arbeit ja auch zu kennen oder wart ihr rein zufällig alle drei vorhin da?“
„Ne“, grinste Pi, „Chris und ich sind unabhängig voneinander über deine ‚Wachstum über Alles‘-Analyse gestolpert und erst als Chris vor ein paar Wochen erzählt hat, dass er zu deinem Vortrag an der SAE gehen würde, ist uns klar geworden, dass wir beide schon ein paar Sachen von dir gelesen hatten...“
„Genau“, stimmte Chris zu und erläuterte dann auf mich deutend, „und den da haben wir dann mehr oder weniger zu seinem Glück zwingen müssen, uns zu begleiten!“
Ich wollte gerade den Mund aufmachen um mich - wie genau, wusste ich noch nicht - zu verteidigen, da war Jules schon für mich in die Bresche gesprungen: „Umso bemerkenswerter, dass du dich trotzdem drauf eingelassen hast!“
„Danke, es war aber auch wirklich sehr spannend!“, bedankte ich mich bei ihr.
Da hatte sie mich doch glatt schon wieder gerettet...
Bei Herrn Meyer schien auch langsam der Groschen gefallen zu sein: „Ach Sie sind Fan der Band?“
„Also genau genommen nicht... ‚Fan‘ kommt etymologisch von ‚fanatic‘, aber - so genial ich eure Musik auch finde - fanatisch bin ich schon aus Prinzip nicht“, erklärte sie nüchtern und fügte dann grinsend hinzu, „Ich hoffe ihr fühlt euch dadurch jetzt nicht in eurer Ehre gekränkt... Falls doch duelliere ich mich nur mit dem Schwert! Säbel und Pistole liegen mir nicht so...“
Pi, Chris und ich begannen zu lachen, während Herr Meyer nur leicht irritiert zwischen uns und ihr hin und her schaute. Da verstand scheinbar jemand den Humor der Professorin nicht...
„Du bist wirklich mit Haut und Haaren Literaturprofessorin, oder?“, grinste Chris, sobald er wieder Luft bekam.
„Ich kann mich ja schlecht jedes Mal häuten und meine Haare abschneiden, bevor ich in die Uni fahre, oder?“, stellte sie in gespieltem Ernst die Gegenfrage, was uns erneut zum Lachen brachte.
Jules gefiel mir von Sekunde zu Sekunde besser, sie war intelligent, schlagfertig, hatte Humor und sah obendrein noch verboten gut aus... Nur der SAE-Leiter, fand das ganze scheinbar nicht so amüsant -obwohl er sich Mühe gab so zu tun - und verfluchte sich vermutlich gerade dafür, uns eingeladen zu haben...
„Habt ihr denn als Grufti-Musiker auch meine Grufti-Novelle gelesen?“, erkundigte Jules sich bei Pi und Chris.
„Die mit den ‚Kindern der Nacht‘?“, hakte Pi nach und als sie nickte, „Ja, die habe ich gelesen. Sehr cool, ist aber nichts für schwache Nerven und eine ziemlich blutige Angelegenheit...“
Die Professorin lachte: „Ja, das stimmt, eine passendere Beschreibung gibt es glaube ich nicht... Freut mich, dass sie dir gefallen hat.“
„Das kann ich so auch unterschreiben“, bestätigte Chris nickend.
„Ich wusste bis eben nichts von der Existenz dieser Novelle, ich bitte also meine Ungebildetheit zu entschuldigen“, grinste ich.
„Weißt du was? Ich glaube, ich habe sogar noch ein Exemplar dabei...“, murmelte sie und begann in ihrer Handtasche zu wühlen.
Mit den Worten „Halt mal kurz!“ drückte sie mir ein weißgelbes Taschenbuch in die Hand.
Pi und Chris begannen augenblicklich zu lachen: „Du bist auf ein ‚Halt mal kurz‘ reingefallen!“
Mein Blick allerdings hatte sich auf das Buch in meiner Hand fixiert.
„‚Die Wesenszüge der Quantenphysik‘?“, las ich den Titel vor, „Sowas liest du?“
„Jup, manchmal erfasst mich ein unerklärliches Bedürfnis nach Erkenntnis oder einfach nur Wissen und dann greife ich auf sowas zurück...“, nickte sie, „Aber eigentlich wollte ich dir ja das hier geben! Und noch viel wichtiger: Ihr kennt die Känguru-Bücher?“
„Klar!“, nickten wir alle (bis auf Herrn Meyer natürlich) einstimmig.
„Cool!“, sie nahm mir das Quantenphysik-Buch wieder ab und reichte mir dafür eines mit dunkelgrau-rotem Einband, während sie das andere wieder in ihrer Tasche verschwinden ließ.
Ich ließ die Seiten einmal durchblättern und sah dann zu Jules: „Danke, aber dann musst du es mir auch signieren! Oh, und ich möchte eine Widmung!“
„Na gut“, grinste sie, „da muss ich aber kurz drüber nachdenken...“
Jules holte einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche und ließ sich das Buch von mir zurückgeben. Nachdenklich schüttelte sie den Stift, tippte sich damit gegen die Nase und dann hellten sich ihre Augen plötzlich auf.
„Okay, ich hab was“, verkündete sie, „aber du musst versprechen erst reinzuschauen, wenn ich nicht mehr daneben sitze!“
„Versprochen“, nickte ich grinsend.
Sich von mir weg drehend, damit ich nicht sehen konnte, was sie schrieb, schlug sie das Buch auf und zückte ihren Kugelschreiber.
„Tststs“, machte sie tadelnd, als Pi mit einiger Halsverrenkung ihr Geschriebenes zu lesen versuchte.
Dann schlug sie das Buch zu und reichte es mir. Dank der handlichen Größe konnte ich es einfach in meiner Jackentasche verschwinden lassen.
Bevor das Gespräch in irgendeine Richtung fortgesetzt werden konnte, wurden die ersten Pizzen gebracht.

Nach dem Essen entschuldigte sich Jules und verschwand kurz zur Toilette. Chris nutzte die Gelegenheit, dass er sie ohnehin nicht weiter ausfragen konnte und bestellte die Pizzen für Mika und seine Frau, da er sich bald verabschieden würde.
Nachdem Jules sich wieder zu uns gesellt hatte, kramte sie einen Augenblick in ihrer Handtasche und - ich weiß, das ist unhöflich - ich sah ihr neugierig dabei zu, wie sie rundes Döschen mit einem pinken Deckel zutage beförderte, darauf abgebildet war ein...
„Einhorn?!“, platzte ich heraus.
Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte sie zu mir auf, konnte sich dann ein Grinsen aber nicht verkneifen. Chris, der schon vor Jules zurück gewesen war, und Pi kicherten amüsiert, während Herr Meyer schon wieder verwirrt dreinblickte.
„Sorry, aber ich muss mir die Hände einkremen, sonst reißen mir bei dem Wetter ständig die Finger auf...“, entschuldigte sie sich und schraubte den Deckel von der Dose. Ein süßlich fruchtiger Duft strömte mir in die Nase, als sie die hellrosa Creme auf ihren Händen verteilte.
„Ich rieche zwar immer wie ein Bonbonladen, wenn ich die benutzt habe, aber sie ist pink und du hast recht, Gerrit, es ist ein Einhorn drauf, was bleibt mir also anderes übrig?“, stellte sie gespielt dramatisch klar.
Erneut lachten wir.
Dann verwickelten Pi Jules in ein Gespräch über ihre Analyse zu ‚Wachstum über Alles‘, das erst dadurch beendet wurde, dass Herr Meyer den Kellner um die Rechnung bat, da inzwischen alle Gläser gelehrt waren. Ehrlich gesagt war ich ganz froh darüber, da ich besagte Analyse als Einziger am Tisch nicht gelesen hatte und mir irgendwie deplatziert vorkam.
„Die beiden Pizzen zum Mitnehmen gehen auf mich“, erklärte Chris und bezahlte, nachdem Herr Meyer die restliche Rechnung beglichen hatte.
„Die bringe ich Ihnen auch sofort!“, versprach der Kellner und kam kurz darauf mit zwei Pizzakartons zurück.
„So“, meinte Herr Meyer schließlich, während er sich auf die Oberschenkel klopfte und benutzte damit den in Deutschland scheinbar allgemeingültigen Code für: ‚Ich habe keinen Bock mehr auf euch und gehe jetzt!‘
Natürlich verstanden wir das alle, erhoben uns und folgten dem SAE-Leiter aus dem Restaurant.
Auf dem Bürgersteig vor der Tür, verabschiedete er sich dann: „Ich mache mich dann mal davon... Ihnen allen ein schönes Wochenende und schauen Sie gerne mal wieder an der SAE vorbei, Professor Garcon, Sie sind jeder Zeit herzlich willkommen!“
„Vielen Dank, Herr Meyer!“, lächelte sie und schüttelte ihm sichtlich zögernd die angebotene Hand.
„Es wäre mir wirklich eine ausgesprochene Freude!“, verkündete Herr Meyer überschwänglich, ihre Hand gar nicht mehr loslassend und dann tätschelte er ihr mit seiner anderen Hand auch noch die Schulter...
Eww, konnte ich mich hier irgendwo unauffällig übergeben? Pi war wenigstens ein bisschen subtil in seiner Interessensbekundung, aber das war wirklich ekelhaft schleimig, mal ganz abgesehen davon, dass Herr Meyer gut und gerne Jules Vater sein könnte...
Letztlich ließ er sie doch los und das war gut so, sonst hätte ich ihm wirklich noch auf die Füße gekotzt... Chris und Pi verabschiedeten sich von ihrem Chef und dann war er endlich weg. Kaum, dass er um die Ecke war, zückte Jules eine Tube Desinfektionsmittel und verteilte etwas davon auf ihren Händen.
„Sonst noch jemand Alkohol?“, fragte sie.
„Gerne!“, erwiderten Pi und ich, ihr gleichzeitig unsere offenen Hände entgegenstreckend.
Chris lachte: „Dann euch noch viel Spaß, aber übertreibt’s nicht! Ich werde wahrscheinlich schon sehnsüchtig erwartet und die Pizza wird kalt...“
„Ciao, Chris, war nett, mal mit dir zu plauschen!“, verabschiedete sich Jules von unserem Sänger, nachdem sie ihr Desinfektionsmittel mit uns geteilt und wieder eingesteckt hatte.
„Ja, das fand ich auch. Du bist natürlich herzlich eingeladen, mal zu einem unserer Konzerte zu kommen, sobald da wieder was läuft!“, entgegnete dieser.
Sie grinste: „Da komme ich bestimmt drauf zurück, versprochen!“
„Tschö, bis Montag!“, verabschiedete auch ich den Sänger.
„Ja, man sieht sich“, fügte Pi hinzu und Chris stiefelte davon.
Jetzt waren Pi und ich also alleine mit Jules.
„Hast du heute Abend noch was vor, Jules?“, erkundigte sich der Gitarrist bei ihr.
Sie schüttelte den Kopf: „Ne, noch nicht... Also zumindest nichts, spezielles... Ich dachte ich gehe vielleicht noch irgendwo in einen Pub in der Nähe vom Hotel oder so...“
„In welchem Hotel bist du denn?“, schaltete ich mich dazwischen, um Pi nicht ganz das Feld zu räumen.
„Empire Riverside Hotel, quasi direkt am Alten Elbtunnel“, erklärte sie.
Der Gitarrist und ich wechselten einen Blick.
„Murphy‘s?“, fragte ich.
„Klar, was denn sonst?“, meinte er.
„Moment, ich komme nicht ganz mit. Ist das ein Pub, in den ihr wollt?“, fragte Jules.
Ich nickte: „Jep, da könnten wir hingehen, wenn du magst.“
„Und ihr wollt mich wirklich mit dahin nehmen? Also ich meine ich bezeichne mich zwar nicht als ‚Fan‘, bin aber ja doch irgendwo das, was das Wort meint...“, meinte sie unsicher.
„So ein Quatsch!“, unterbrach Pi sie, „Wir waren bei deinem Vortrag, also sind im Prinzip wir die Fans, okay?“
„Na gut“, grinste sie, „ich wollte nur sicher gehen...“
„Außerdem...“, fügte der Gitarrist hinzu und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sich ihre Wangen leicht rosa färbten.
Augenblicklich war die Eifersucht zurück.
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