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Mosaik

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
Lawless / Hyde Licht Jekylland Todoroki
22.12.2021
22.12.2021
1
5.646
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22.12.2021 5.646
 
A/N: Ich gehe einfach durch alle Themen, mit denen sich niemand mehr beschäftigt, weil sie nicht mehr aktuell sind. Ich oute mich damit wahrscheinlich einfach als relativ junger Fan. Egal.
Im Klartext heißt das, diese Geschichte spielt während Kapitel 40, zu der Zeit, in der Hyde und Licht im Krankenhaus sind. Es gibt Referenzen zu Kapitel 113 und leicht 114 (das ich noch nicht gelesen habe, also sind es hauptsächlich Spekulationen und Zufälle), aber wenn jemand sehr gut kombinieren kann oder sehr aufmerksam ist, gibt es eventuell Spoiler. Nur, um auf der sicheren Seite zu sein.
Kleiner Fun Fact zum Schluss: Das hier sollte ursprünglich ein Gespräch zwischen Hyde und Lilly werden und höchstens zwischen 1000 und 1500 Wörter haben. That escalated quickly.


Das Metall fühlte sich kalt und leer unter seinen Fingern an. Er wusste zwar, dass es sich inzwischen längst aufgewärmt haben musste, doch wenn irgendeine Wärme von der Umgebung oder sogar von seinen Händen darauf übergegangen war, spürte er sie nicht. Alles von dem, was es ihn immer fühlen hatte lassen, war vollkommen verschwunden, und würde nie zurückkommen. Es war gebrochen, genau so wie er.

Ihr Vertrag selbst war intakt, und das war das einzige, woran er sich festhielt. Woran er sich festhalten konnte. Er erkannte den Namen, der in das kalte Metall geritzt worden war, und an dieser Stelle war er das einzige, was ihm noch so etwas wie ein Gefühl von Verbundenheit zu diesem seelenlosen Objekt gab. Jede Wärme, jede tröstliche Sicherheit, die immer von dieser kleinen Platte ausgegangen war, schien er mit seinen Dschinn verloren zu haben. Egal, wie oft er die Buchstaben mit seinen Fingern nachfuhr, den Namen, seinen Namen, in seinem Kopf wiederholte, die Kälte blieb zurück, als würde sie sich über ihn lustig machen.

Es hatte ihm nie irgendetwas besonderes bedeutet, wenigstens nicht mehr als die Vertragsobjekte all seiner anderen Eves. Es war nur eine Versicherung gewesen, dass er dabei war, dieses Spiel, das er spielte, zu gewinnen. Vielleicht, oder besser, selbst wenn dieses warme, vertraute Gefühl, dass alle seine Vertragsobjekte innegehabt hatten, schlussendlich von etwas anderem kam, von dem er nichts wusste, es war ihm egal. Wenn diese Erklärung nur eine Ausrede war, sich nicht weiter damit auseinanderzusetzen müssen und möglicherweise auf Dinge zu stoßen, von denen er nichts wissen wollte, war das vollkommen in Ordnung für ihn gewesen.

Und jetzt, wo all das fehlte, war es ohnehin sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen.

Sein Griff löste sich langsam, das zerbrochene Namensschild glitt nach unten, um auf seiner Handfläche liegen zu bleiben. Die kleine Platte, die er als Igel problemlos mit sich hatte tragen können, fühlte sich plötzlich so schwer an, dass seine Hand unter der Anstrengung zu zittern begann. Nein, wenn es ihm immer Kraft gegeben hatte, Hoffnung, Trost, was auch immer, war es jetzt, als würde es all das von ihm absorbieren, aus seinem Körper ziehen, bis nur noch eine kalte, leere Hülle zurückblieb.

Nein, ganz so war das nicht. Es hätte vorausgesetzt, dass er noch irgendetwas davon in sich übrig hatte.

In Zeitlupe, ohne, dass ihm bewusst gewesen wäre, was er tat, schloss Hyde die Hand um das kleine Schild und hob den Kopf. Sein Körper fühlte sich taub an, als er sich von dem Tisch hinunter rutschte, auf dem er gesessen hatte, ohne, dass er wusste, wohin er gehen sollte. Er sah sich um; seine Sinne registrierten seine Umgebung, ohne, dass irgendetwas davon sein Bewusstsein erreicht hätte. Er sah die Tische und unbequemen Stühle, hörte das Geräusch der Automaten an der Wand und der anderen Geräte in den anderen Räumen, die auf den leeren Gängen widerhallten. Die scharfe Luft und das kalte Licht der Neonröhren brannte in seinen Augen.

Er wusste nicht, wie viel Zeit inzwischen wirklich vergangen war, seit er und Licht in dieses Krankenhaus gekommen waren. Hätte er ihn gefragt, hätte Licht es ihm bestimmt gesagt, aber eigentlich interessierte es ihn nicht. Nein, der bessere Ausdruck war vermutlich, dass er es gar nicht wissen wollte. Und schlussendlich hatte es sowieso keinen Sinn.

Unter normalen Umständen wäre er wahrscheinlich längst gegangen, ganz egal, wohin. Es gefiel ihm hier nicht, und er hatte absolut keine Lust, länger zu bleiben als unbedingt notwendig. In diesem Sinne war der einzige Grund, warum er überhaupt hier geblieben war, dass sich etwas in ihm dagegen stellte, sich zu weit von Licht zu entfernen. Woher das plötzlich kam, wusste er nicht, aber eigentlich wollte er auch nicht darüber nachdenken. Wahrscheinlich war das eine normale Reaktion auf alles, was passiert war, zumal er teilweise auch das Gefühl hatte, dass Licht umgekehrt seine Nähe suchte. Nicht, dass er das zugegeben hätte, und Hyde hatte allemal das Gefühl, dass er mit einem Schlag zu seinem normalen Verhalten ihm gegenüber zurückkehren würde, wenn er es vor ihm erwähnte. Ob Licht es ihm einfach nicht sagen würde oder ob er es tatsächlich unbewusst tat, wusste Hyde nicht. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte.

Zusätzlich dazu wollten ihn die Ärzte auch noch nicht gehen lassen, was Hyde persönlich für die dümmste Idee hielt, die ihm in einer Weile untergekommen war (und das nach allem, was passiert war, verdammt). Ein Teil von ihm bekam manchmal fast Lust, das Krankenhaus zu verlassen, nur, um ihnen das zu zeigen. Immerhin war es sowieso nicht so, als könnten sie ihm helfen.

Seine Verletzungen waren zwar noch nicht ganz verheilt, es gab Bewegungen, die er noch nicht oder nur mit Schmerzen ausführen konnte, aber damit konnte er umgehen. Schließlich war er immer noch ein Vampir, und vermutlich war Lichts Zustand der Hauptgrund, warum es so lange dauerte, bis er sich vollständig regenerieren konnte. Oder wenigstens war das die Erklärung, die er sich selbst gerne eingeredet hätte.

Aber schlussendlich konnte er mit allem davon umgehen. Und mit dem schlimmen Teil der Sache, mit dem Teil, den er ihn nicht einfach ignorieren und vermeiden konnte, bis es ihm wieder besser ging, konnte ihm ohnehin niemand helfen.

Er wusste nicht, was mit ihm los war, und er war sich nicht sicher, ob er es überhaupt wissen wollte. Er war nicht tot, und ein Teil von ihm war dafür dankbar genug, dass er sich keine weiteren Gedanken darüber machen wollte. Egal, was jetzt kommen würde, er war am Leben, er konnte weitermachen, er…

Er hatte eine neue Chance bekommen.

Vielleicht war es seltsam, dass er so dachte, und vielleicht konnten die meisten seiner Geschwister ihn nicht verstehen, aber er war dankbar für die zweite Chance im Leben gewesen. Und er hatte sie genutzt, oder wenigstens alles dafür gegeben. Er würde sie weiterhin nutzen, er würde weiter kämpfen.

Nein, er war am Leben, und zumindest ein Teil von ihm wusste, dass das alles war, was in diesem Moment wichtig sein sollte. Und andererseits passierte irgendetwas, das er nicht verstand, und von dem er nicht wusste, wie es enden würde. An dieser Stelle garantierte ihm nichts, dass er nicht doch sterben würde, dass sein Vertrag mit Licht noch brechen würde, wie alles andere, dass…

Hyde biss sich auf die Zunge. Der stumpfe Schmerz half zwar nicht dabei, sich von diesem Gefühl abzulenken, das er nicht mehr losgeworden war, seit er aufgewacht war, und von dem er den Verdacht hatte, dass es ihn so bald nicht mehr loslassen würde, aber immerhin gelang es ihm so, seine Gedanken kurz zu unterbrechen.

Unruhig begann er, auf und ab zu laufen, ohne zu wissen, wo er hingehen sollte. Ein Teil von ihm sagte ihm, dass es vermutlich das beste war, schlafen zu gehen oder wenigstens in sein Zimmer zurückkehren, aber keine dieser Möglichkeiten hörte sich in diesem Moment auch nur annähernd angenehm an.

Das Brennen in seinen Augen wurde stärker, und mit einem leisen Geräusch, von dem er selbst nicht wusste, was es bedeuten sollte, hob er den Kopf ein Stück höher und blinzelte. An dieser Stelle hatte er es eigentlich längst aufgegeben, seine Tränen zurückhalten zu wollen; zumal er feststellen hatte müssen, dass es ihm ohnehin nicht mehr gelang.

Als würde es helfen oder irgendetwas ändern, setzte Hyde sich auf die Bank neben dem Tisch und zog die Beine an. Er war sich nicht ganz sicher, was er versuchte, als er das Gesicht im Stoff seiner Hose vergrub; immerhin war ohnehin niemand hier, der ihn sehen würde, und ob das gut oder schlecht war, wusste er nicht. Er wusste überhaupt nichts mehr.

Am Rand seines Bewusstseins spürte er, wie sich seine Fingernägel in seine Handfläche gruben, als er die Faust fester um sein Namensschild schloss. Vielleicht gab es einen Teil von ihm, der sich so erhoffte, etwas von dem, wofür es- nein, besser, wofür er einmal gestanden hatte, noch darin zu finden, und in diesem längst leblosen Metall zu behalten.

Ein ersticktes Hicksen drang aus seiner Kehle, bevor er es verhindern konnte, und Hyde biss sich auf die Zunge, sich vollkommen bewusst, dass es das nur noch schlimmer machen würde. Er wusste nicht, woher diese Schwäche plötzlich kam- dafür war viel zu viel passiert, verdammt- aber was er sehr wohl wusste, war, dass er es hasste. So viele Gefühle, mit denen er sich nie wirklich befasst hatte, mit denen er sich nie befassen wollte, kamen in diesen Momenten an die Oberfläche, und er konnte absolut nichts dagegen tun. Was würde er geben, um zurückkehren zu können, ganz egal, was es bedeutete.

Und schlussendlich wusste er selbst, dass das nicht mehr möglich war.

Seine Gedanken liefen weiter im Kreis, ohne, dass Hyde es unterbrechen hätte können, selbst, wenn er es versucht hätte. Vielleicht war das auch nur eine Ausrede, um den leichteren Weg wählen zu können, um sich keine falschen Hoffnungen machen zu müssen. Trotz allem, was passiert war, oder vielmehr, gerade deswegen. Nein, es gab viel zu viel, das auf einmal seinen Kopf ausfüllte, und über kurz oder lang hatte es keinen Sinn, sich dagegen zu wehren. Nicht mehr.

Unter normalen Umständen hätte Hyde längst bemerkt, was um ihn herum passierte. Er hätte seine Aufmerksamkeit sich gar nicht so weit von der Umgebung entfernen lassen, gerade, wenn er seine Situation in Betracht zog, oder die Ereignisse, die dazu geführt hatten. Und trotzdem war sein Bewusstsein anscheinend so tief in das Netz seiner eigenen Gedanken gezogen worden, dass er die Schritte, die sich ihm zweifellos genähert hatten, überhaupt nicht bemerkte, und erst auf den Klang einer vertrauten Stimme hin so plötzlich in die Realität zurück, dass er zusammenzuckte. „Warum habe ich gewusst, dass du hier bist?“ In diesen Worten lag ein Unterton, den er vielleicht hätte deuten können, wenn er in diesem Moment besser aufgepasst hätte. Aufpassen hätte können, eigentlich.

Hyde sprang unwillkürlich auf, ohne, dass er einen Grund hätte nennen können, wenn er ihn gesucht hätte. Während er sich eine Spur zu hastig abwandte, streifte sein Blick den Neuankömmling nur, gerade so weit, dass sein Verstand ihn registrieren konnte und bestätigte, dass er seine Stimme richtig erkannt hatte. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. „E-Engelchen?“ Hyde hasste sich dafür, wie seine Stimme wackelte, wie es ihm nicht mehr gelang, wenigstens so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Er fuhr sich flüchtig über die Augen, ohne zu versuchen, es noch wirklich zu verstecken, bevor er sich wieder umdrehte. „Warum bist du noch wach? Was machst du hier?“

Licht ignorierte die erste Frage. „Mir war langweilig“, entgegnete er knapp, als würde diese Antwort irgendetwas erklären. Aber andererseits ging es hier schließlich immer noch um Licht, in diesem Sinne gab es wahrscheinlich nichts, das wirklich seltsam daran gewesen wäre. „Also dachte ich, ich kann mir genauso gut etwas zu trinken holen. Hier gibt es doch Automaten, richtig?“ Ohne auf eine Antwort zu warten oder noch etwas zu sagen, sah er sich kurz im Raum um und ging dann ohne weiteres Zögern an Hyde vorbei.

„Es ist mitten in der Nacht“, bemerkte Hyde. Nicht, dass er erwartet hatte, diese Worte würden irgendetwas ändern.

Tatsächlich blieb Licht still, drehte sich nicht einmal zu ihm um, und Hyde senkte den Blick. Ihm vielen spontan eine ganze Reihe von Gründen ein, warum Licht noch wach war, und eigentlich wollte er nach keinem davon fragen. Ganz abgesehen davon, dass er wahrscheinlich ohnehin keine Antwort erhalten hätte.

Hyde blinzelte. „Du hättest mich rufen können, weißt du?“ Er drehte den Kopf kurz zur Türe hin und sah sich, soweit es ihm von seiner aktuellen Position aus möglich war, am Gang um, doch alles um sie herum blieb vollkommen still. „Dann hättest du nicht aufstehen müssen“, fügte er trotzdem hinzu.

Zum ersten Mal, seit er hier war, drehte sich Licht zu ihm um. In seinen blauen Augen lag ein Glänzen, das Hyde nur zu vertraut war, und das von den Lichtverhältnissen des Raumes noch verstärkt wurde. „Willst du auch etwas, Idiotenhyde?“

Hyde grinste schief und drehte den Kopf zur Seite, was seiner Meinung nach mit etwas Fantasie einem Kopfschütteln gleich kommen musste. Auch, wenn er stark daran zweifelte, dass diese Frage ernst gemeint gewesen war, als viel mehr eine Aufforderung, dass er still sein sollte. Lichts Tonfall und die Tatsache, dass er sich ohne eine weitere Reaktion wieder dem Automaten zuwandte, sprachen dafür.

Was Hyde nicht vollkommen verstand, war, warum Licht sich die Mühe machen würde und ihm nicht einfach direkt sagte, was er wollte. Vielleicht hatte er sich so größere Erfolgschancen versprochen. Wobei, wenn Hyde so darüber nachdachte, klang das auch nicht unbedingt nach Licht.

Ein Brummen erfüllte den Raum, als der Automat zu arbeiten begann, und Licht machte einen Schritt zurück. Es war keine große Bewegung gewesen, aber sein Bein knickte für eine Sekunde ein, bevor er sich wieder fing, und selbst aus seiner Entfernung konnte Hyde erkennen, wie er zitterte.

Dieser Anblick schoss einen scharfen Stich durch Hydes Brust, der nicht von seinen Verletzungen kam, und ihn dazu veranlasste, Lichts unterschwellige Anweisung zu missachten. „Du kannst auch nicht schlafen, oder?“ Er versuchte nicht, den gedrückten Ton in seiner Stimme zu verbergen, zumal er es vermutlich sowieso nicht geschafft hätte. „Geht es deinen Verletzungen schon besser?“ Nicht, dass er die Antwort nicht kannte.

„Bist du dir sicher, dass du nichts willst, Drecksigel?“ Seine Stimme klang ein ganzes Stück schärfer als zuvor, was Hyde dazu brachte, unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen. Es war zwar nicht so, als wüsste er nicht, dass dahinter nicht viel steckte; so gesehen lag einfach mehr Nachdruck in Lichts Tonfall, und um fair zu sein, er hatte gewusst, worauf er sich einließ. Aber offensichtlich wollte er nicht reden, und gegeben ihrer Situation… nein, dass es schmerzte, wäre zu viel gesagt, aber es verunsicherte Hyde doch ein wenig. Vielleicht hatte er sich auch nur selbst ein wenig Aufmunterung erhofft, oder Ablenkung, wenigstens. Nicht, dass das jetzt wirklich überraschend für ihn hätte kommen dürfen.

Das Geräusch des Automaten verstummte, und Licht wandte sich wieder ab. Einige Sekunden vergingen, in denen Hyde nicht ganz wusste, ob an dieser Stelle irgendetwas von ihm erwartet wurde, oder was er tun sollte. Er hatte nicht wirklich Lust oder Energie, jetzt zu streiten, aber mit Lichts Reaktion von zuvor fiel es ihm schwer, einzuschätzen, was er jetzt am besten tun sollte. Hätte er gewusst, dass er sich je in einer solchen Situation finden würde, hätte er sich besser darauf vorbereitet.

Was, gegeben der Umstände, ein ziemlich ironischer Gedanke war.

Doch nichts von dem, worauf Hyde sich vorbereitet hatte- oder besser, versucht hatte, sich vorzubereiten- geschah. Licht ging seelenruhig an ihm vorbei, ohne etwas zu sagen oder ihn auch nur anzusehen, und setzte sich mit seinem Becher auf den Tisch, der Hyde am nächsten war. Seinem Blick schien er nach wie vor auszuweichen, doch etwas an dieser Geste wirkte eine Spur zu unnatürlich, und ersetzte damit jedes mögliche Wort, das er an dieser Stelle sagen hätte können.

Hyde musste nicht weiter darüber nachdenken, ob er verstand. Vielleicht versuchte er auch nur, sich die Dinge einzureden, die er an dieser Stelle gerne hätte, aber andererseits machte es keinen großen Unterschied. Licht war immerhin sein Eve, und damit müsste er auch seine unausgesprochenen Signale erkennen. Ja, mit dieser Antwort konnte er leben.

Ohne Licht aus den Augen zu lassen, ging er zu seinem Platz zurück und setzte sich neben ihn. Er blieb immer noch still, drehte sich nicht zu ihm um, aber seine Schultern senkten sich ein Stück, und das war mehr Bestätigung, als Hyde gebraucht hätte, um die Botschaft zu verstehen.

Mit einem schwachen Seufzen, das mehr einem tiefen Atemzug glich, entspannte auch er sich etwas. Lichts Worte von zuvor, auf die er an diesem Punkt überhaupt nicht besonders geachtet hatte, kehrten in sein Bewusstsein zurück, und jetzt erst bemerkte er, was sie eigentlich bedeuteten. Warum habe ich gewusst, dass du hier bist? Es implizierte, dass Licht ihm wenigstens nicht aus dem Weg gegangen war, oder vielleicht sogar aktiv seine Nähe gesucht hatte.

Hydes Mundwinkel zogen sich zur Seite, ohne, dass er etwas dafür getan hätte. Das hätte er sich wohl gewünscht. Besonders nach Licht klang es nicht, unabhängig davon, wie gut es in sein Verhalten passte.

Würde es nicht so viel geben, was an dieser Situation falsch war, wäre es eigentlich fast lustig. Er hatte jede Kontrolle, die er über seine Gedanken und Gefühle gehabt hatte, verloren, und es gab nichts, was er noch tun könnte. Er war genauso gebrochen wie das Namensschild in seiner Hand, und nichts davon würde sich wieder zusammensetzen lassen.

Es war ein ironisch schlechtes Timing. Vielleicht hätte Hyde an einer anderen Stelle seines Lebens einfach aufgegeben, getestet, ob es ihn irgendwann umbringen würde, ohne, dass es einen Unterschied für ihn gemacht hatte. In diesem Punkt war sein eigenes Leben genauso wertlos gewesen wie alles andere.

Aber er durfte- er wollte nicht mehr so denken. Er konnte sich ändern, und das würde er ihnen beweisen- seinem Bruder, Licht, Ophelia, und allem voran sich selbst.

Und mit diesem Gedanken lag es an Hyde, die Stille zwischen ihnen zu brechen, bevor er richtig erfassen konnte, was er tat.

„Eigentlich…“ Hyde biss sich auf die Zunge. „Kann ich…“ Er sprach nicht weiter, nicht, weil er nicht gewusst hätte, wie er diese Frage beenden sollte. Viel mehr wusste er nicht, ob er es tun sollte, gegeben der Umstände. Er erwartete nicht, dass Licht verstand, und das war auch ganz gut so; Hyde setzte ohnehin keine große Hoffnung darin hinein, dass es überhaupt irgendetwas besser machen würde, und wahrscheinlich war es das damit nicht wert. Für einen kurzen Moment bereute er es, überhaupt damit angefangen zu haben- damit würde es schließlich nur noch schwieriger werden, seine Aufmerksamkeit von diesem Gedanken abzulenken.

Licht unterbrach seine Gedanken abrupt, als er seinen linken Arm zu Hyde hinüberdrehte, immer noch, ohne etwas zu sagen.

Mit einem überraschten Blinzeln hob Hyde den Kopf. Er konnte sehen, wie Lichts andere Hand sich ein Stück fester um seinen Becher schloss, aber er hatte sich von ihm weggedreht, und etwas gab Hyde das Gefühl, dass er dem fragenden Blick seines Servamps bewusst auswich. Darauf, warum er das tat, fand er keine Antwort, wenigstens keine, die Sinn ergab. Aber andererseits war das vielleicht ihr neues Leben, nach allem, was passiert war.

Mit einer Vorsicht, die ihn sich fast fragen ließ, was genau er damit bezweckte, nahm Hyde Lichts Hand in seine. Er achtete darauf, ob sich mit dieser Berührung etwas verändern würde, ob Licht es wollte oder unwillkürlich reagierte- ob er sich anspannte, stockte, seine Hand kurz zurückzog, doch nichts geschah. Er blieb vollkommen unbeweglich, zuckte nicht einmal unter Hydes Fangzähnen zurück.

Es vergingen nur ein paar Sekunden, bis Hyde sich wieder aufrichtete und zur Seite drehte, ohne noch aufzusehen; wobei seine Hand eine Sekunde länger als notwendig unter der von Licht ruhte, bevor er sie ebenfalls zurückzog. Licht sagte nichts; andererseits musste er auch nichts sagen, Hyde konnte seine Kommentare hören, ohne, dass er ihn überhaupt ansehen musste. Hätte er irgendetwas davon ausgesprochen, wäre Hyde an dieser Stelle wahrscheinlich verpflichtet gewesen, darauf zu antworten, und in diesem Sinne passte ihm die Stille ausnahmsweise ganz gut. Die Gedanken von zuvor, die seinen Kopf nie ganz verlassen hatten, wurden wieder lauter, und eigentlich wollte er nicht darüber reden. Zumal er den starken Verdacht hatte, dass er Lichts Antworten ohnehin kannte.

Obwohl- oder vermutlich besser, gerade weil er den Blick seines Eves auf sich spürte, hob Hyde den Kopf nicht mehr. Es war nicht mehr so, als hätte er erwartet, dass es irgendetwas helfen würde, nicht mehr. Nein… eigentlich war es ihm von Anfang an bewusst gewesen. Vielleicht hatte er es nicht wahrhaben wollen, aber die Gewissheit hatte ihn verfolgt wie ein Schatten, zu dem er sich einfach nicht umdrehen hatte wollen.

„Wenn du etwas aus dem Automaten willst, musst du dein eigenes Geld verwenden“, murrte Licht und riss ihn damit aus seinen Gedanken. Hyde sah wieder auf, seine Augen trafen auf die seines Eves, nur, um festzustellen, dass sich nichts an seinem Ausdruck verändert hatte. Da waren keine Erwartungen, keine Enttäuschung, keine Wut, nichts von dem, wovor er Angst gehabt hatte, es zu sehen. „Ich hab nichts mehr.“

Es gab so viel, was Licht hätte sagen können, und alles hätte das drückende Gefühl in Hydes Brust nur schlimmer gemacht. Alles, außer dieser Kommentar, der auf so vielen Ebenen fehl am Platz war und gleichzeitig so gut in die Situation passte. „Was soll das jetzt heißen?“ Die entrüstete Überraschung in Hydes Stimme war gespielt; so gut kannte er Licht allemal, oder sollte ihn wenigstens kennen. „Du hast mich gefragt, ob ich auch etwas will. Zwei Mal!“ Was nicht gespielt war, war der amüsierte Unterton, der seine Sorgen mit einem Mal überschattete.

„Weil du nervig warst“, meinte Licht kühl. „Ich habe nie gesagt, dass ich dafür bezahle.“ Wären diese Worte als Scherz gemeint gewesen, hätte Hyde das nicht ansatzweise lustig gefunden. Normalerweise hätte er sich einreden lassen, dass er dafür zu hohe Standards hatte, oder es in dieser Situation einfach nicht passte, aber die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme gab Lichts Reaktion eine entwaffnende Komik, gegen die er nicht ankam.

Gegen seinen Willen, und bevor ihm bewusst wurde, was passierte, gluckste Hyde auf. Es war ein aufrichtiges Lachen, aufrichtiger, als es in einer ganzen Weile gewesen war, und das, obwohl es in dieser Situation eigentlich das letzte gewesen war, wonach ihm zumute war. Er spürte Lichts Blick auf sich, und musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass auch seine Züge sich ein Stück entspannten.

Der Moment löste sich so schnell wieder in einer Wolke aus weißem Nebel auf, wie er gekommen war.

„Ha…“ Hyde schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Jedes Lachen, das noch geblieben war, endete in einem erstickten Geräusch, das er selbst nicht zuordnen hätte können, wenn er es gewollt hätte. „Ich wünschte, ich könnte das alles so sehen wie du.“

Licht sagte nichts darauf. Er musste nichts darauf sagen; Hyde spürte seinen Blick, in dem in diesem Moment eine größere Botschaft lag, als es je mit Worten der Fall hätte sein können.

Hyde biss die Zähne aufeinander. Er hatte nicht erwartet, dass Licht wusste, wovon er sprach- geschweige denn, es verstehen würde. Und wahrscheinlich war das besser so. Egal, was passiert war, am Ende des Tages war Licht immer noch Licht, und damit hatte es für Hyde keinen Sinn, weiter dieses was-wäre-wenn Spiel zu spielen. Er könnte versuchen, die Sache so zu sehen wie Licht, aber zur gleichen Zeit nur hoffen, dass er die drückenden Gegenbeweise ignorieren konnte. Er könnte versuchen, Licht zu erklären, wie er sich fühlte, aber wollte er das wirklich? Immerhin konnte er sich seine Antwort allemal vorstellen, und er war sich nicht sicher, ob es an dieser Stelle nicht weniger schmerzte, einfach damit allein zu bleiben. Das wäre wenigstens ein Terrain, das er gewohnt war, mit dem er umgehen konnte, und-

„Hyde.“ Es lag ein scharfer, nachdrücklicher Unterton in Lichts Stimme, der vorher noch nicht da gewesen war, und der sich doch von dem Ton, mit dem sein Eve sonst mit ihm gesprochen hatte, unterschied. Kein Ärger, keine Aggression, nichts; nur ein ernster Nachdruck, der keinen Widerspruch duldete.

Nicht, dass das nötig gewesen wäre.

Hyde. Das war sein Name, das einzige, was an ihm nicht zerbrochen war, das einzige, was ihm geblieben war. Sein Name, den Licht ihm gegeben hatte. Und Licht diesen Namen aussprechen zu hören, fühlte sich so unendlich tröstlich an.

Jetzt senkte Hyde langsam den Blick wieder, wandte sich zu Licht hin. In seinen roten Augen lag ein hoffnungsvolles Schimmern, und wahrscheinlich wäre es ihm schon wieder schwer gefallen, seine Tränen zurückzuhalten, wenn Licht an dieser Stelle still geblieben wäre.

„Dafür, wie überzeugt du warst, gibst zu ziemlich schnell auf.“ Hyde zuckte unter diesen Worten, die ihn weit unvorbereiteter trafen, als sie es hätten tun sollen, wenn man bedachte, dass er hier schließlich mit Licht sprach, zusammen. Die Pause, die darauf folgte, wäre unter normalen Umständen zwar lang genug gewesen, um ihm die Möglichkeit zu geben, zu antworten, aber so kam er nicht mehr dazu, bevor Licht fortfuhr. Wenngleich auch seine nächsten Worte nicht weiter hilfreich waren. „Ich dachte, du wolltest kämpfen?“

Unwillkürlich richtete Hyde sich ein Stück höher auf. „D-das wollte ich auch“, stellte er hastig klar, ohne zu versuchen, die Entrüstung in seiner Stimme zu verbergen. Ganz gerechtfertigt war diese Reaktion nicht, und irgendwo wusste er das auch selbst. Na ja. Ein Teil von ihm, wenigstens.

Lichts Augen wurden ein Stück schmäler und Hyde ließ die Schultern sinken. „Will“, verbesserte er sich, ohne seinen Eve dabei direkt anzusehen. Es ist nur schwer, noch daran zu glauben, fügte er in Gedanken hinzu. Zwar war er sich nicht sicher, wie genau es enden würde, sollte er diese Worte laut aussprechen, aber es würde ihm mit Sicherheit nicht gefallen. Wahrscheinlich keinem von ihnen.

Ein leises klack hallte durch den sonst so stillen Raum, als Licht seinen Becher neben sich auf dem Tisch abstellte. „Jetzt kannst du nur noch kämpfen“, meinte er ruhig. „Mein engelhaftes Licht scheint hell genug, dass es sogar dich Teufel erreichen kann.“

Hyde gab keine Antwort. Nicht, weil er nicht zuvor noch gewusst hatte, was er sagen hatte wollen- oder sich nicht sicher gewesen war, dass er etwas finden hatte können. Aber in diesem Moment war sein Verstand viel zu sehr mit Lichts Worten beschäftigt, oder besser den Implikationen dahinter. Ist das… Er blinzelte, senkte langsam den Kopf. Ist das seine Art, mir zu sagen, dass er bei mir ist? Normalerweise hätte er nicht lange darüber nachdenken müssen. Er hatte inzwischen doch genug Zeit mit Licht verbracht, um mit seiner eigenwilligen Ausdrucksweise etwas anfangen zu können. Meistens, wenigstens.

Aber andererseits hatte er nicht erwartet, so etwas je von ihm zu hören. Es fühlte sich schon seltsam an, darüber nachzudenken, wenn es an eine andere Person gerichtet gewesen wäre, aber doch am allerwenigsten an ihn.

Hydes Lippen begannen zu zittern, als er sie etwas fester aufeinander presste. Licht war kein Lügner, so gut kannte er ihn allemal, und die Tatsache, dass er nie erwartet hatte, so etwas von ihm zu hören, bestätigte die Aufrichtigkeit hinter seinen Worten in diesem Moment nur noch mehr.

Ohne darüber nachzudenken, was er tat, schlang er die Arme um Licht und vergrub sein Gesicht in dessen Kleidung. „Es tut mir leid.“ Hydes Lippen bewegten sich kaum, seine Stimme war so leise, dass er sich trotz der geringen Entfernung sicher war, dass Licht ihn nicht gehört hatte. Und wahrscheinlich war das auch besser so. Hyde erwartete nicht, dass er verstanden hätte, wofür er sich entschuldigte- verdammt, er war sich nicht einmal selbst sicher. So oder so wurde er aber das Gefühl nicht los, dass es keiner von ihnen wirklich wissen sollte.

„Was läuft nicht richtig mit dir?“ Trotz des angespannten Untertons in seiner Stimme war Hyde sich sicher, dass, wenn er damit irgendwelche Grenzen gebrochen hätte, sein Eve es ihn mit Sicherheit hätte spüren lassen. Doch er zuckte nicht zurück, trat nicht nach ihm, selbst, als er gesprochen hatte, hatte sich sein Körper kaum bewegt. Hyde konnte nicht einmal spüren, dass er sich unter der Berührung angespannt hätte oder etwas dergleichen.

Damit lag es an Hyde, sich wieder zu lösen, wobei er selbst nicht viel mehr tat, als die Arme sinken zu lassen. Jetzt erst rutschte Licht ein Stück von ihm weg und hob den Kopf etwas höher. „Das war eine rhetorische Frage“, stellte er klar, als hätte Hyde den Anschein erweckt, dass er vorgehabt hatte, darauf zu antworten. „Ich zweifle daran, dass wir genug Zeit hätten, um uns mit allem davon zu befassen.“

Hyde gluckste leise. „Nicht heute“, fügte er hinzu, mehr, um sich selbst eine Art Versicherung in dieser Sache zu geben, als weil er tatsächlich etwas mit diesen Worten bezwecken wollte. „Wenn es stimmt, was du gesagt hast, haben wir immerhin noch eine lange Zeit zusammen, nicht wahr, Engelchen?“ Vielleicht hätte es sich seltsam anfühlen müssen, diesen Gedanken laut auszusprechen. Verdammt, es hätte sich seltsam anfühlen müssen, diesen Gedanken überhaupt zu haben- er hatte Licht nicht ausgewählt, um mit ihm eine lange Zeit zu verbringen, ganz im Gegenteil. Und am allerwenigsten hätte er erwartet, dass sich diese Gewissheit je so tröstlich anfühlen würde.

Zum ersten Mal, seit Licht aufgetaucht war, lösten sich Hydes Finger wieder, und gaben den Blick auf sein Namensschild frei. Nein. Er wusste nicht, was ihn an dieser Stelle erwartete, was passiert war, was passieren würde. Aber an dieser Stelle die Hoffnung auf was-auch-immer, es war nicht wichtig, aufzugeben, war das einzig falsche, was er tun konnte. Hyde wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber er wusste, dass er Licht vertrauen konnte. Und auf eine seltsame, verdrehte Weise war das in dieser Situation alles, was er brauchte.

Licht selbst hatte auf seine Aussage hin nur die Augen verdreht und war vom Tisch aufgestanden. Ohne noch etwas zu sagen, ging er zu einem der Mülleimer in der Nähe des Eingangs hinüber und warf seinen Becher hinein; Hyde hätte es nicht überrascht, wäre er an dieser Stelle einfach weiter gegangen, doch er hielt inne und drehte sich noch einmal zu seinem Servamp um. „Ich werde jetzt jedenfalls wieder schlafen gehen“, kommentierte er; seine Stimme war vollkommen zu ihrer normalen Tonlage zurückgekehrt. „Kommst du mit, Idiotenhyde?“

Hyde zögerte. Wenn er die Frage so formulierte, lag die Antwort eigentlich auf der Hand; nur hatte er ein festes Gefühl, dass sie nicht wörtlich gemeint gewesen war. Mitkommen bedeutete in diesem Fall vermutlich bis vor die Tür, und über kurz oder lang würde das Hyde in der gleichen Situation wie zuvor zurücklassen.

Er wollte nicht allein sein. Und, auch, wenn es ihn nicht überrascht hätte, würde er sich in dieser Sache irren, es schien Licht ähnlich zu gehen. Nicht, dass Hyde erwartete, dass ihn das davon abhalten würde, seinen Servamp aus seinem Zimmer zu sperren. Gemein. Früher hatte er schließlich immer bei Licht geschlafen, manchmal sogar auf seinem Bett. Wenigstens bevor sie ihren Vertrag geschlossen hatten.

Es war keine weiter schwierige Entscheidung, was er jetzt am besten tun sollte. Immerhin war es nicht einmal so, als hätte er das noch nie versucht- wenngleich es, seitdem er sein Schauspiel als niedliches Haustier aufgelöst hatte, bisher noch nicht funktioniert hatte. Aber inzwischen war genug passiert, um ihm wenigstens Hoffnung zu geben.

In Igelgestalt sprang Hyde auf den Boden hinunter und trabte zu Licht hinüber, wobei er fast über die Kette seines Namensschildes stolperte, das er im Maul mit sich trug. Trotzdem blieb er nicht stehen, und ließ es erst fallen, als er Licht erreicht hatte. Darauf achtend, die Kette mit einer Pfote weiter festzuhalten, drückte er vorsichtig den Kopf gegen das Bein seines Eves. „Kyui!“

Als Licht einen halben Schritt zurück machte und den Kopf zu ihm nach unten wandte, setzte Hyde sich auf die Hinterpfoten und sah ihn mit dem niedlichsten Blick an, den er hervorbrachte. Eigentlich war diese Taktik ungerecht ihnen beiden gegenüber; Hyde wusste, dass ihm in dieser Form niemand widerstehen konnte- einschließlich seiner früheren Eves, oder den meisten von ihnen, wenigstens- genauso, wie er wusste, dass Licht dabei eine Ausnahme darstellte. Einen Versuch war es trotzdem wert.

Einige Sekunden lang musterte Licht ihn nur mit verengten Augen, und Hyde bereitete sich darauf vor, jede Sekunde zu sehen, wie er sich umdrehte und ohne ihn zurückging. Aber gut, damit würde er zurecht kommen. Immerhin hatte er nicht damit gerechnet, ihn heute überhaupt noch zu sehen, und dieses Gespräch sollte ihn immerhin so weit beruhigt haben, dass er versuchen könnte, ein wenig zu schlafen. Die Albträume, die ihn erwarteten, wären ihm wenigstens vertraut, und damit immer noch besser als die Gedanken, sollte er wach bleiben.

Ohne wirklich zu bemerken, was er tat, kniff Hyde die Augen zusammen und ließ sich wieder auf die Vorderpfoten fallen. Ja, das war nichts, mit dem er nicht umgehen könnte. Er hatte ohnehin genug-

Hydes Gedanken wurden mit einem Schlag unterbrochen, als er spürte, wie Licht ihn hochhob.

Überrascht öffnete Hyde blinzelnd die Augen, wagte es in diesem Moment aber nicht, sich zu sehr zu bewegen. Ein Teil von ihm befürchtete, Licht würde ihn sofort wieder absetzen und hier lassen, wenn er sich jetzt zu aktiv zeigte. Also senkte er nur den Kopf ein Stück tiefer, wobei sein Kinn gegen die Kante der Platte zwischen seinen Pfoten streifte, da, wo Tsubakis Schwert es zerstört hatte.

Unter Lichts Händen fühlte sich das Metall seines zerbrochenen Namensschilds ein kleines Stück wärmer an.

Mit einem leisen Fiepen drückte Hyde seinen Körper enger an seinen Eve. Licht löste eine Hand und legte sie auf seinen Rücken, mit dem Daumen vorsichtig über seine angelegten Stacheln streichend.

Hyde spürte, wie er sich unter dieser Berührung ganz automatisch langsam entspannte. Die Bewegung von Lichts Schritten, die Wärme, die von seinem Körper ausging, all das beruhigte ihn ein wenig.

Nein, es hatte keinen Zweck, zu versuchen, sich etwas vorzumachen, und er hatte das von Anfang an gewusst. Er hatte Angst. Er wusste nicht, was mit ihm passiert war, immer noch passierte. Die Zukunft lag offen vor ihm da, in einer alleinnehmenden Dunkelheit, die immer weiter ihre Krallen nach ihm ausstreckte. Gegen die er nicht kämpfen konnte, egal, was er versuchte.

Aber Licht war in dieser Zukunft, und das machte sie ein klein wenig erträglicher.
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