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Penumbra

Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Fantasy / P18 / Gen
Elben & Elfen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
21.12.2021
21.01.2022
6
29.591
 
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14.01.2022 4.945
 
Kapitel IV: Tiefen der Vergangenheit




Als Gohr schließlich in das Innere des Hauses getreten war, konnte er so deutlich wie nie zuvor in sich spüren, dass er sich selbst gegenüber ein Fremder war. Er kannte diese Gänge, kannte jede lose Diele und wusste genau, worauf er durch jedes Fenster schauen würde. Sowie er dort stand, kaum über die Türschwelle getreten, blieb er stehen und horchte in die Behausung hinein. Er wollte sich nicht rühren, als könnte das Knarzen des Holzes ihn aus diesem Moment reißen.
So stand er dort und starrte mit flacher Atmung in die Leere hinein.
Alles in ihm war verzerrt – in manchen Augenblicken war er sich sicher, wieder ein kleines Kind zu sein, welches soeben vom Spielen heimgekehrt war. In wieder anderen hörte er seine Geschwister lachen und seinen Vater unverständlich säuseln. Die Magie, die sein Gedächtnis umgab, war still geworden. Sie lauerte stumm, waberte nur in wartender Macht.
Der Zwelist ballte die Hände kurzzeitig zu Fäusten und als er sich daraufhin wieder lockerte, tat er den ersten Schritt. Es war vertraut ruhig in dem Haus, seine Familie war wohl wie üblich im Hof oder ihre tägliche Arbeit verrichten. So nahm er sich die Zeit und schritt langsam den Gang zur Hintertür hinauf, einen analysierenden Blick durch jeden Rahmen zu seinen Seiten werfend.
Die Küche sah immer noch so aus, wie er es in seinem Traum gesehen hatte, und wieder machte sich das Glühen des Schlages auf seiner Wange breit. Die Worte seiner Mutter zogen als Echo durch seinen Kopf, wie sie ihn ein Monster geschimpft hatte. Wenn sie ihn als Kind bereits als Bestie empfunden hatte, was würde sie nun nur denken?
Unwillkürlich strich Gohr über die Wand, während er weiterging. Er erkannte das Nähzimmer seiner Mutter und gegenüber, die kleine Speisekammer. Letztere hielt jedoch nicht genug Nahrung für drei Personen. Ob seine Geschwister fortgegangen waren?
In den Zimmern roch es nach kaltem Staub und Holz. Dieser Geruch legte sich warm um seine Seele. Blitzartig zuckten Bilder vor seinem inneren Auge auf, Erinnerungen mit seiner Familie, die jedoch nicht lange genug bestanden, um sie gänzlich sehen zu können. Er fasste sich an die Brust und spürte ruhig sein Herz schlagen. Dann allerdings zog ein Geräusch seine Aufmerksamkeit an. Eine Stimme. Eine bekannte Stimme mit einem kraftvoll damischen Akzent.
Sie kam von draußen, vom Hof herein. Seine Mutter wies jemanden an, einen Korb mitzunehmen und eine Tür zu schließen. Für den Bruchteil einer Sekunde war der Zwelist gänzlich erstarrte, die Stimme fuhr wie ein Stoß durch seine Adern. Er sah den Gang hinauf und durch den offenen Türrahmen und musste auch nur kurz warten, bis seine Mutter schließlich an dieser vorbei zur anderen Seite des Hofes lief.
Der Moment, in dem er sie erblickte, zog sich zähflüssig dahin, als würde er ewig anhalten. Indem Gohr tief ausatmete, fluteten die Tränen nur so seine Wasserlinien, rollten schamlos über seine Wangen. Sechszehn Jahre war es her, dass er seine Mutter gesehen hatte, dass er sie gehört und sie gehalten hatte.
Schlussendlich konnte er sich nicht mehr halten. Er stolperte zur Tür und hielt sich krampfhaft an deren Rahmen fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, denn seine Beine schienen unter seinen Gefühlen nachzugeben. Als er den Kopf hinausreckte, kam soeben seine Schwester an der Tür vorbei und diese schreckte mit einem schrillen Schrei auf. Der Korb mit Eiern, den sie in den Händen gehalten hatte, fiel zu Boden und die Schalen zerbrachen.
Ohne Verzögerung schien seine Schwester ihn erkannt zu haben und ihre Züge waren gezeichnet von unkontrollierter Angst. Der Zwelist jedoch machte weder Anstalten, sich ihr anzunehmen, noch sie zu beschwichtigen – er konnte sie nur mit glasigen Augen anschauen.
Ahma, was- Seine Mutter war zurückgekehrt und stand nun ebenso neben ihm. Erst war sie verärgert über die zerbrochenen Eier, dann sah sie prüfend in Gohrs Gesicht und sowie sie ihn erkannte, trat ein Ausdruck resignierender Schwermut in ihre Augen. Diese tiefen braunen Augen.
Noch immer hing der Zwelist an dem Hauch von Selbstbeherrschung, der ihn davon abhielt, auf die Knie zu sinken. Seine Mutter seufzte leise, versuchte wohl Selbiges mühevoll zu verbergen, doch sah er es an ihren Nasenflügeln, die sich kurz aufblähten.
Taures grüßt dich, Gohr. Ihre Stimme enthielt schlecht aufgesetzte Herzlichkeit, welche den Zwelisten traf wie ein Schlag in die Magengrube. Doch gleichzeitig vernahm er keine Angst oder Überraschung in ihrer Ausstrahlung, mehr machte sie den Eindruck, als wäre eine offensichtliche Befürchtung eingetreten, mit der sie sich abgefunden hatte. Und Gohr wusste auch, dass er genau das war – eine Befürchtung. Ein notwendiges Übel, das sie nicht hatte aus der Welt schaffen können, als sie noch die Möglichkeit dazu gehabt hatte.
Seine Mutter wandte sich an seine Schwester und trug ihr auf, ihren Fehltritt zu bereinigen. Dann blickte sie wieder zu dem Zwelisten auf und rang sich ein schiefes Lächeln ab. Du bist groß geworden. Sie führte eine Hand zögerlich zu seiner tränenfeuchten Wange, berührte diese und schloss sie ein. Die erste Handlung, die tatsächlich aufrichtig war, wie er feststellen musste. Auch sie kämpfte mit den Tränen, als sich Gohr in die Berührung lehnte.
Willkommen zuhause, mein Junge.

Der Zwelist saß in der Küche, beobachtete seine Mutter dabei, wie sie das Feuer im Kamin entfachte. Seine Hände waren ineinandergesteckt und ruhten in seinem Schoß. Seine Waffe lehnte hinter ihm neben der Tür, er wollte im Beisein seiner Verwandten nicht bewaffnet sein. Er wollte nicht furchteinflößend erscheinen oder ihnen drohen. Er wollte-
Gohr erwachte aus seinen Gedanken, als sich seine Mutter zu ihm setzte. Sie machte einen erschöpften Eindruck. Ihre Hände waren wund und sie hatte in all den Jahren sehr abgenommen, sodass ihre Wangenknochen hervorstanden.
Wir haben dich erwartet. Nur nicht ganz so bald. Seine Mutter sprach leise und konnte sich sichtlich nicht dazu bringen, ihm ins Gesicht zu sehen. Stattdessen starrte sie auf ihre Finger, die verunsichert aneinander kratzten. Ihre Haare waren durchzogen von grauen Fäden und auf ihrer Stirn hatte sie tiefe Falten.
Der Zwelist blieb still und hörte ihr aufmerksam zu. Er spürte die Härte seiner Rückenmuskulatur. Etwas an der Aura seiner Mutter machte sein Inneres unruhig.
Wie hast du uns gefunden? Er betrachtete sie für einen langen Moment, schweigend, bis sie gezwungen war aufzusehen. In ihren Augen lag Besorgnis.
Gohrs Leib bebte, die graumagischen Barrieren in seinem Geist wogen sich sacht in einem schwachen Anflug von Emotionalität – er fühlte sich schuldig. Dort zu sitzen und zu sehen, wie er seine Mutter verängstigte, machte ihn tatsächlich traurig. Er nahm diesen Moment und manifestierte ihn in seinem Verstand. Es mochte kein schönes Gefühl sein, doch er kostete jede Emotion aus, die er empfinden konnte.
Der Zwelist nahm sich die Zeit und sprach von seiner Reise. Seinen Opfern, seinen Visionen. Von Shaphena und von seinem Onkel – dem Bruder seiner Mutter, welchen er letztendlich getötet hatte. Er erzählte solange, bis der Abend über sie hereinbrach.
Seine Mutter hatte währenddessen kein Wort mehr gesprochen, hatte nur zugehört und mit aller Mühe versucht, ihre Reaktionen zu verbergen. Auch seine Schwester hatte sich für einige Zeit zu ihnen gesetzt, konnte den Erzählungen von Blut und Tod jedoch schon bald nicht mehr standhalten.
Als er zuende gesprochen hatte, saß er für eine Weile in Schweigen mit seiner Mutter. Sie schien zu überlegen, abzuwägen und zu grübeln. Gohr musterte sie dabei.
Wieder schien sie wenig überrascht zu sein. Als wären seine Gewalt, seine Brutalität und sein Kannibalismus nichts Bedeutsames. Ein Teil von ihm dankte ihr dafür. Die Graumagie hat also all diese Jahre widerstanden. Die Damus sah kurz zu dem Hammer an der Tür und dann wieder zu ihm. Ihre Iriden hielten eine tiefe Macht verborgen, das konnte der Zwelist deutlich spüren – die Magie in ihm regte sich.
Sie lehnte sich über den Tisch hinweg und berührte erneut sein Gesicht, streichelte seine Wange und fuhr ihm mit den Fingern über die Stirn. Lichtblitze zuckten durch seine Sicht und er fühlte, wie ihr Griff in seinen Geist eindrang. Diese magischen Schleier gehörten also zu seiner Mutter. Gohr sah verschiedene Bilder kurz aufleben, Augenblicke aus den verschiedensten Zeiten. Dinge, die er kannte, Dinge, die ihm fremd waren. Sein Herz begann zu rasen. All die Wahrnehmungen, die den Momenten zu eigen waren, fluteten auf ihn ein – jede einzelne von gewaltiger Intensität und doch nur so kurz, dass sie unwirklich erschienen.
Der Zwelist ruckte mit seinem Stuhl zurück, entfloh dem Kontakt und die Erinnerungslawine ebbte ab. Auch dieses unangenehme Gefühl, von innen heraus erkundet zu werden, nahm er tief in sich auf.
Seine Mutter setzte sich wieder zurück und massierte sich die Schläfen. Eine Angewohnheit, die sie schon in seiner Kindheit gehabt hatte. Ach Gohr. Sie seufzte und sah ihn fest an, ihr Gesichtsausdruck von Überlegung gezeichnet. Der Zwelist war sich sicher, dass sie mit sich haderte, was ihn betraf. Auch wenn er teils irritiert war, weshalb er noch dort saß und nicht schon in Ketten im sapharischen Kerker lag.
Gohr betastete die Schuppen an seinen Handrücken, unwillkürlich wich er ihrem Blick aus und starrte in die Flammen, die im Kamin brannten. Aus unerfindlichen Gründen konnte sie ihm einfach nicht die Schuld geben. Und aus eben diesen Gründen war er vor all den Jahren vereinsamt aufgewacht, ohne Gedächtnis und ohne Wissen, was seine Vergangenheit und seine Ahnen waren. Und nun wollte er sie kennen, diese Gründe.
Gohr stand auf und ging um den Tisch herum. Für einen kurzen Moment war seine Mutter panisch, das konnte er erkennen, doch sowie er sich auf den Boden zu ihren Füßen setzte, wurde sie wieder ruhig. Er schmiegte sich an ihre Beine und schloss die Lider, als sie durch seine Haare fuhr. Ein warmes Knistern in seiner Brust verriet ihm, dass sie das auch schon damals so gemacht hatte.
Du willst es wirklich wissen? Was passiert ist? Der Zwelist legte seinen Kopf auf ihre Knie und verlor sich in ihrer liebevollen Zuwendung. Er spürte die Tränen in seinen Augen, wollte diese jedoch keineswegs unterdrücken. Die Stimme der Damus zitterte kaum hörbar als sie sprach. Nun, Gohr, du bist mein Sohn. Mein lieber Sohn. Ich wollte dich immer beschützen.
Sie streichelte weiter über sein Haupt, ließ einzelne Strähnen durch ihre Finger gleiten. Sein Bewusstsein driftete in einen Zustand seelischen Friedens ab, ein schwarzer, doch warmer Abgrund. Und er war sich sehr bewusst, dass seine Mutter ihn weiter in diesen hineindrängte. Doch ließ er es zu. Er vertraute ihr. Er wollte ihr wieder vertrauen. Auch nach all der Zeit, in welcher sie ihn allein und voller Fragen zurückgelassen hatte.
Ich liebe dich, mein süßes Gohrchen. Und es tut mir so leid. Seine Mutter begann laut zu schluchzen und sie schauderte. Magie strömte über ihre Finger in seinen Verstand und riss diesen wie eine Wunde auf.


„Und das warme Sonnenlicht
Fiel mir freudig ins Gesicht
Und die Seele, Schicht um Schicht,
Aus der harten Schale bricht.“
~ Auszug aus "Der Sechste Allreim", Ones Maratao



Es ist ein schwüler Tag. Ich stehe auf einem Feld und meine Füße sind bis zu den Knöcheln in Schlamm eingesunken. In einer Hand halte ich einen länglichen Lederbeutel, der mit Sumpfkartoffeln gefüllt ist, in der anderen eine Schaufel. Ich sehe gedankenverloren in die Ferne und beobachte, wie die Leute aus dem Dorf als schlierige Umrisse durch den Nebel ziehen. Wie jedes Jahr ernten wir im Mittsommer das Gemüse von den Feldern. Vater legt eine Hand auf meine Schulter und ich sehe zu ihm auf. Sein Gesicht ist verzerrt. Mit ohrenbetäubendem Rauschen sagt er mir etwas und ich lächele daraufhin. Ich schultere meinen Beutel und folgte meinem Vater. Wir lassen das Feld hinter uns und geben die Ernte bei dem Großbauer ab, der mit seinem Sohn am Feldrand steht. Er scheint zufrieden mit unserer Arbeit und entlohnt uns mit einigen der Früchte. Ich spreche, dass Mutter bestimmt einen großartigen Eintopf daraus kochen würde. Mein Vater lacht krächzend und geht mit mir in Richtung der Dorfgrenzen. Eine Gruppe an damischen Frauen kommt uns entgegen und grüßt uns freudig. Sie rufen uns nach, was für vorbildliche Arbeiter wir doch wären. Ich grinse. Ich freue mich, dass die Einheimischen die Mühen meines Vaters zu schätzen wissen, obwohl er ein Treshtaa ist. Wir teilen ein zufriedenes Schweigen. Langsam treten wir in den Wald nahe dem Dorf ein. Die Bäume haben schwarzes Holz und ich schaue mich um, ob ich nicht ein paar Tiere sehen kann. Schließlich kommen wir an unserem Ziel an. Im Inneren des Waldes steht Vaters Hütte – sein Zufluchtsort und seit einigen Jahren auch der meine. Dort lehrt mich Vater seine Kunst. Er schließt die Tür auf und wir treten ein. In dem Haus ist es warm und stickig. Es riecht süßlich nach morschem Holz und Fäulnis. Anfangs hatte ich Angst davor, doch mit der Zeit ist dieser Geruch Teil meines Herzens geworden. Ich mache mich bereits auf den Weg in den Keller, während Vater die Tür hinter uns verschließt. Er hat mir erzählt, dass viele Leute sein Handwerk nicht zu schätzen wüssten und dass es ein Geheimnis bleiben müsste. Ich lächele stolz. Vater vertraut mir und unterrichtet mich in dieser Fertigkeit. Vater liebt mich und ich liebe ihn. Ich spüre, wie warme Flüssigkeit von meiner Nase tropft, doch wische ich das Blut ganz unverwandt weg. Ich entzünde die Feuerschalen im Keller und setze mich auf meinen üblichen Platz in der Ecke. Während ich auf Vater warte, blicke ich um mich. Die Wände bestehen aus stabilem Holz und sind gepflastert mit den bereits ledrigen Überresten einstiger Gesichter. Vaters Werkzeuge liegen frisch geschärft auf seinem Arbeitstisch und blitzen im zuckenden Schein der Flammen auf. Ich warte geduldig. Vater kommt die Treppe hinab. Ich sehe zu ihm auf und bemerke, dass er einen großen Sack auf der Schulter trägt. Durch den Stoff sickert Blut und tropft auf die Stufen hinab. Mein Gesicht leuchtet vor Freude auf. Vaters Antlitz ist ein leeres Loch, doch seine Ausstrahlung verrät mir, dass er sich freut. Er winkt mich zu sich heran, als er den Beutel auf seine Werkbank legt. Während ich an ihn herantrete, schneidet er den Stoff auf und dieser gibt einen Leichnam frei, der noch keine Zeichen von Verwesung zeigt. Vater klopft mir anerkennend auf die Schulter als ich das anmerke. Ich lächele und beäuge den Körper neugierig. Es handelt sich um einen Bekwah’nee, der vor kurzem durch Saphar gekommen war, um Holz zu verkaufen. Unverständlich teilt Vater mir etwas mit und ich nicke verstehend. Ich sage, dass das Waldvolk durch einen Schlag auf das Hinterhaupt gestorben wäre. Erneut macht Vater seinen Stolz kund. Ich freue mich darüber und greife der Leiche in die Haare, um die Wunde am Kopf besser betrachten zu können. Mein Vater hat ihn umgebracht. Es ist Teil seiner Kunst. Schließlich reicht er mir eine kleine gewetzte Sichel, spricht mit mir und fährt mit dem Finger im Kreis um das Gesicht des Bekwah’nee. Ich nicke. Ohne lange zu zögern setze ich die Klinge an die Haut des Leichnams und schneide diesem das Gewebe von den Wangen. Meine Schnitte sind von unterschiedlicher Tiefe und die Linien sind ungerade. Ich bin unzufrieden, doch Vater tätschelt mir lobend den Scheitel. Zwar kann ich seine Worte nicht hören, doch spüre ich sie warm und vibrierend in meinem Inneren. „Du bist der beste Sohn, den man sich wünschen könnte.“

Ich öffne die Augen und stehe inmitten von Saphar. Der Platz im Herzen des Dorfes ist von Tumult erfüllt – Humanoide schreien und heben wuterfüllt Feldwerkzeuge in die Luft. Ich stehe etwas verloren dort und sehe um mich. Ein älterer Damus packt plötzlich meinen Arm und zerrt mich nach oben. Meine Schulter schmerzt und ich habe große Angst. Ich kann nichts sagen, er schreit mich haltlos an. Einen Agni schimpft er mich, ein Vieh, einen Mörder. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Der Damus lässt mich fallen, als er einen Schlag in sein Gesicht bekommt. Ich höre Mutters Stimme. Als ich mich umdrehe, steht sie dort und zieht mich zu sich. Sie schreit ebenso. Sie meint, dass niemand mich anfassen solle und dass all dies ein Missverständnis sein müsste. Ich bin verwirrt und halte mich an Mutters Beinen fest. Mein Herz hämmert in meiner Brust. Der alte Damus nennt meine Mutter eine Hure, sagt dass sie eine Schuppenhexe wäre. Diese Bezeichnungen machen mich wütend. Er beleidigt meine Mutter. Niemand darf meine Mutter beleidigen. Ich wende mich um und trete dem Alten gegen das Schienbein. Der Damus heult auf und ich lächele triumphierend. Mutter schlingt einen Arm um meinen Brustkorb und hebt mich nach oben. Sie rennt davon und flucht dabei. Pflichtbewusst halte ich mir die Ohren zu. Sie läuft für eine ganze Weile bis sie mich letztendlich vor unserem Haus absetzt. Sie hat Tränen auf den Wangen. Mutter macht den Mund auf, als wolle sie etwas sagen, doch schließt sie ihn wieder. Meine Geschwister kommen aus dem Haus zu uns nach draußen. Sie sehen verängstigt aus, so schickt Mutter sie auf ihre Zimmer. Meine Mutter nimmt mein Gesicht in ihre Hände und fragt mich mit noch anhaltender Schnappatmung, ob ich etwas über das Haus wüsste. Ich erinnere mich an Vaters Worte, dass seine Kunst ein Geheimnis wäre. Ich schüttele den Kopf. Ich kann Mutters Mimik nicht deuten, doch sie sieht verzweifelt aus. Ich habe Schuldgefühle und ich mache mir Sorgen um Vater.

Meine Lungen fühlen sich heiß an. Mutter ruft meinen Namen, doch höre ich sie nur ganz fern. Ich renne. Meine Brust schmerzt und sie ist erfüllt von der Kraft der Überzeugung. Sie dürfen Vater nicht wehtun. Über den Baumwipfeln des Waldes sehe ich Rauch aufsteigen. Ich werde noch schneller. Ich laufe an zahlreichen Damus vorbei, die ebenfalls ihren Weg zu der verborgenen Hütte finden. Wieder höre ich Mutter rufen, aber ich ignoriere sie. Zwischen den Baumstämmen glüht die Macht von magischem Feuer. Ich schüttele kräftig den Kopf. Sie zerstören Vaters Meisterwerke. Ich höre die Damus schreien, dass sie den Treshtaa suchen würden. Ich renne weiter. Endlich bin ich an dem Haus angekommen und ich beobachte, wie dieses lichterloh in Flammen steht. Das Feuer reicht im violetten Schein nun bis über die Baumkronen hinweg. Ich stehe wie erstarrt und beobachte es ungläubig. Wieder reißt mich ein Damus am Handgelenk herum und in seinem Blick liegt Hass und ungezügelte Wut. Er spuckt mir ins Gesicht und nennt mich einen Dreckblütigen, Ungeziefer und Dämon. Ich wäre ein Erzeugnis der Blutfürsten und solle ebenso brennen. Er hält mich weiterhin fest und schleift mich zu dem Haus. Ich schreie und trete aus. Ich habe Angst. Womit habe ich das verdient? Ich habe nichts getan. Bevor wir das Feuer erreichen, fällt meine Mutter den Damus an, ringt ihn zu Boden, beißt ihn, schlägt ihn. Sie schreit mit markerschütternder Lautstärke und baut sich wie eine Mauer vor mir auf. Meine Mutter beschützt mich. Sie wird mich immer beschützen.

Ich stehe auf einem Podium und halte Mutters Hand. Die Dorfältesten sitzen in einem Halbkreis um die Fläche und betrachten uns eingehend. Sie unterhalten sich mit meiner Mutter, doch schenke ich dem nicht viel Aufmerksamkeit. Ich scharre mit meinen Füßen und denke an Vater. Er war entkommen, als man seine Kunst verbrannt hatte. Der Grund für diese Handlung will mir nicht einleuchten. Vater hatte etwas Schönes erschaffen und ich hatte ihm geholfen. Sein Handwerk hatte uns zusammengebracht und ich hatte ihn damit stolz machen können. Mutter drückt meine Hand und ich sehe zu ihr auf. Ihr Gesicht ist vor Wut angespannt. Hinter uns sind ein Dutzend Wachen postiert. Ich beäuge ihre Rüstungen neugierig und lenke mich so von meinem Unmut ab. Mutter sagt schließlich laut, dass sie Vater und mir nicht die Schuld gäbe, dass ihn jemand niedermachen wolle. Ich liebe Vater sehr und Mutter liebt ihn auch. Vater ist kein böser Mann und ich bin kein böser Junge. Mutter weiß das. Sie wird uns immer verteidigen. Ich lächele zu ihr auf. In dem Licht, das durch die Kuppel des Hauses fällt, sieht sie kraftvoll aus. Die Dorfältesten sprechen mich schließlich frei, unter der Obhut meiner Mutter, ich wäre nur ein Kind. Doch mein Vater müsse sterben. Sie würden ihn suchen und sie würden ihn finden – und mit dunkler Stimme versprechen die Ältesten, dass er dann für seine Taten leiden würde. Ich schlucke schwer und drücke mich in Mutters Seite. Ich habe Angst. Angst um mich und Angst um Vater.

Ich sitze im Innenhof und zeichne mit einem Stock Bilder in die Erde. Ich male das Haus meiner Familie und daneben mich mit meinen Geschwistern und meinen Eltern. Wir halten uns alle an den Händen und lächeln vor Freude. Ich lächele daraufhin auch. Es ist viel Zeit vergangen seit dem Vorfall, die Sorge ruht als ferne Erinnerung in mir. Mein ältester Bruder tritt vor mich und verwischt dabei meine Zeichnung. Das verärgert mich und ich blicke zur Seite. Er sagt mir, dass er keine Vermächtnisse unseres Vaters mehr sehen will, er hätte unser Leben und unseren Frieden zerstört. Meine Hände werden zu Fäusten und während ich aufstehe, zerbreche ich den Stock mit meinem Griff. Obwohl mein Bruder deutlich älter ist als ich, bin ich ihm inzwischen auf Augenhöhe gewachsen. Ich knurre tief und fletsche meine Zähne. Das scheint ihn zu amüsieren, er lacht hämisch. Ich hätte viele Züge von unserem Vater geerbt, zu viele. Ich werfe die Bruchstücke des Holzes auf den Boden und komme so nah an ihn heran, dass ich seinen Atem spüren kann. Ich fordere ihn wortlos heraus, er soll Vater nicht beschimpfen. Mein ältester Bruder stößt mir kräftig gegen die Brust, doch taumele ich nur einen Schritt zurück. Ich bin kräftiger als er. Und das soll er spüren. Ich schubse ihn ebenso und er fällt zu Boden. Er schaut zornig nach oben und ich kichere leise. Mein Bruder nennt mich einen Agni, sagt mir, dass ich zurecht diesen Namen verdient hätte. Ich packe ihn am Kragen und ziehe ihn zu mir nach oben, hebe ihn auf seine Zehenspitzen hinauf. Er soll meine Stärke erkennen. Er sieht verunsichert aus. Ich fauche ihn an, dass er weder mich, noch Vater beleidigen sollte. Unsere anderen Geschwisterkinder kommen soeben aus dem Haus und sehen uns erschrocken an. Meine Schwester läuft wieder hinein und ich höre, wie sie nach Mutter ruft.

Es ist ein kühler Abend und in der Ferne singen die letzten Vögel ihre Lieder. Mein ältester Bruder sitzt mit einer Angel am Meeresufer und schaut still auf die Wellen hinaus. Ich stehe weiter abseits hinter ihm und beobachte ihn. Ich bin immer noch wütend wegen seiner Kommentare und finde nicht die Möglichkeit, ihm zu verzeihen. In einer Hand halte ich eine Sichel, wie ich sie damals an dem Bekwah’nee verwendet habe. Ich wiege das Werkzeug in meinen Fingern und überlege eine ganze Weile lang. Vater wäre stolz auf mich, wenn ich sein Werk fortführen würde. Ich denke an Vater. Ich hoffe, dass es ihm gut geht, wo auch immer er nun ist. Sowie ich die Sichel in meinen Hosenbund stecke, gehe ich zu meinem Bruder hinüber. Meine Schritte sind ganz leise, doch hört er mich trotzdem und dreht seinen Kopf zu mir. Er blickt entnervt drein und wirft seine Angel neu aus. Der Bottich für gefangene Fische ist noch immer leer. Ich freue mich darüber, dass er keinen Erfolg hat. Ich setze mich zu meinem Bruder und schaue ebenso auf das Meer hinaus. Durch den salzigen Nebeldunst sehe ich die Umrisse der Inseln, die vor der Küste liegen. Schon als kleiner Junge wollte ich immer dorthin. Letztendlich spricht mein Bruder, dass er allein sein will. Einen Wunsch, den ich ihm bald erfüllen werde. Ich grinse bei diesem Gedanken. Vorsichtig ziehe ich die Sichel aus meinem Hosenbund, sodass mein Bruder sie nicht sehen kann, und lege sie neben mich. Meine Hände zittern etwas und Schweiß klebt an meinen Fingern. Vater wäre stolz. Vater wäre stolz. Die Dorfältesten sprechen immer schlecht über den Tod, doch Vater hat mir gezeigt, wie schön er sein kann. Ich sehe zu meinem Bruder, betrachte ein letztes Mal, wie sich seine Brust hebt und senkt. Im Tode wird er wieder mit Vaters Liebe verbunden sein. Er wird sie kennen und sie genießen. Ich nehme die Sichel in einen festen und sicheren Griff und hole aus.

Vor meinen Augen flackert gleißendes Licht, das mit Pausen endloser Schwärze wechselt. Ich sehe Blut auf meinen Händen und meinen ältesten Bruder darnieder liegen. Ich lache. Der Ton ist rau und voller finsterer Begierde. Die Sichel in meiner Hand schimmert rot. Dann erblicke ich erneut den Gerichtssaal, doch stehe ich dort dieses Mal alleine am Pranger. Alle Personen im Saal zeigen auf mich und schreien Flüche, sowie verurteilende Spitznamen. Die Bezeichnung "des verdorbenen Vaters Sohn" schmerzt mir am meisten und als diese Worte fallen, brülle ich aus voller Brust. Ich bin wütend und traurig. Daraufhin finde ich mich hinter Gitterstäben. Die Umgebung ist spärlich beleuchtet. Ich trage zerrissene alte Kleidung und sowohl meine Knöchel, als auch Handgelenke liegen in schweren Ketten. Ich zerre daran, beiße mir ins eigene Fleisch, will mich aus den Fesseln winden, doch hilft es nicht. Ich beginne zu weinen und zu schreien. Ich habe Angst. Solche vernichtende Angst. Einen Lidschlag darauf befinde ich mich noch immer in dem Gefängnis, an die Wand fixiert, jedoch ist Mutter bei mir. Sie hockt vor der Zelle und spricht leise mit mir. Ihr Blick ist voller Trauer und Mitleid, allerdings erkenne ich auch Furcht darin. Furcht vor mir. Sie sagt mir, dass sie mich liebt und dass sie mich stets schützen wird. Ich vertraue ihr. Sie legt ihre Hand an meine Wange und lächelt, doch ist es eine gequälte Geste. Sie verspricht mir, dass sie mich retten wird. Und ich glaube ihr. Dann finde ich mich in einem Gang wieder. Es riecht nach Schweiß, Ruß und Exkrementen. Zwei mächtige Kerkerwachen schleppen mich an meinen Ketten einen Gang hinauf. Die Zellen dort sind allesamt leer. Ich bin verunsichert. Ich weiß nicht, wohin sie mich bringen. Zwar frage ich sie häufiger, doch antworten sie nicht, würdigen mich nicht mal eines Blickes. Der Gang zieht sich ewig hin. Plötzlich bleiben wir stehen und als die Wachen ihre Streitkolben ziehen, weiche ich zurück. Doch gilt dies nicht mir, sondern hat sich eine Frau am Ende des Korridors aufgebaut. Es ist meine Mutter. Sie trägt eine graue Robe und an ihren Fingerspitzen knistert Magie. Im nächsten Moment liege ich an Mutters Seite. Wir sind daheim, in ihrem Bett und sie fährt mir beruhigend durch die Haare, während sie ein stilles Lied singt. Ich fühle mich wohl. Ich höre ihren Herzschlag durch ihre Brust und dieser Ton ist mein Seelenheil. Ich denke nicht an das Verlies, dort war alles aus kaltem Stein. So liegen wir eine Weile. Ich genieße diese Zeit. Als Mutters Lied endet, frage ich sie, ob es ihr gut geht. Sie antwortet nicht und diese Stille sticht mir im Herzen. Ich sehe zu ihr auf und kralle mich in ihrem Überwurf fest. Die Robe hat sie abgelegt. Mutter sagt mir, dass alles gut ist. Sie erwidert meinen Blick und lächelt wieder auf gezwungene Weise. Ich warte. Sie küsst mir auf die Stirn und zieht die Decke über uns. Mutter meint, wir sollten schlafen gehen und sie verspricht mir, dass mit meinem nächsten Erwachen ein neues Leben auf mich warten würde. Ich schließe meine Augen und versuche zu schlafen. Ich öffne sie nicht einmal, als ich höre, wie Mutter ihre Magie auf mich wirkt. Ich vertraue ihr. Sie wird mich immer beschützen.


„Seelischer Schmerz lässt den Geist altern.“
~ Mortalar, Priester



Die folgende Vision, die Gohr überkam, war eine, an die er sich mehr als deutlich erinnern konnte. Er war inzwischen wach und starrte an die hölzerne Decke seines Elternhauses, doch zog an seinem inneren Auge Bilder der Vergangenheit vorbei. Er rief sich erneut ins Gedächtnis, wie er vor vielen Jahren eines Tages einsam in einem Haus erwacht war. Sowohl seine Mutter, als auch seine Geschwister waren verschwunden gewesen und die Umgebung, sowie er selbst waren ihm gänzlich fremd erschienen.
Ja, dies war durch die graumagische Barriere in seinem Verstand die erste klare Erinnerung gewesen, jahrelang - das Gefühl der Einsamkeit und des Verrats.
Nun lag der Zwelist dort, auf dem Boden, wo er zuvor mit seiner Mutter gewesen war, und nahm sich die Zeit, um all die Bruchstücke in sich zusammenzusetzen. Und ohne, dass er dies wirklich verhindern konnte, begannen Tränen über seine Wangen zu rollen. Wenn er das nur auch in seinem Inneren tatsächlich wahrnehmen könnte, die Trauer oder ohnehin irgendetwas. Immer nur erkannte er diese Auswirkungen - die Symptome, wenn man so wollte. Doch was Emotionen wirklich waren, wie sie sich anfühlten und wie sie jemanden verändern konnten, war ihm völlig unbekannt.
Ruhige Schritte zogen Gohrs Aufmerksamkeit zur Tür, mit tränenverklärter Sicht blickte er von unten zu seiner Mutter auf, die dort stand. Ihr Gesicht war eine Myriade an Gefühlen. In ihren dunkelbraunen Augen schimmerten Verunsicherung, Leid, doch allem voran Mitgefühl. Sie seufzte schwer und verbarg den Blick in ihren Händen. Sie flüsterte.
Es tut mir so leid. Ich- Ich wollte- Ihr Zustand hinderte seine Mutter am Sprechen, die Luft in ihren Lungen musste tonnenschwer sein. Der Zwelist stellte sich auf die Beine und fuhr ihr über die Wangen. Auch wenn er kein wirkliches Mitleid aufbringen konnte, so schmerzte sein Herz doch, als würde es jeden Moment zerbersten. Ich habe das nie für dich gewollt.
Gohr nahm sie in seine Arme, spendete ihr die Geborgenheit eines familiären Schutzes. Und während er sie hielt, gingen seine Gedanken auf Wanderschaft. Wieder und wieder spielte er die Szenarien der Träume in seinem Kopf ab, dabei strich er verloren über die Haare seiner Mutter. So standen sie dort, schweigend.
Sowie sie wieder ruhiger geworden war, fragte Gohr sie dann nach der Bedeutung von alledem. Er wollte endlich wissen, wer er war, wie er war und warum sie all das getan hatte.
Nun war es soweit, nach all den Jahren.
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