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blut aus schokolade: anna.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Mix
21.12.2021
15.01.2022
2
3.038
3
Alle Kapitel
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15.01.2022 1.517
 
Ich schrieb in Kapitel 1: „Es gibt jedoch Diagnosen, die einige meiner Symptome, wie die Fachkräfte so schön sagen, erklären: Chronisch Depressiv, Borderline, Trauma und Psychose mit bekannten Wörtern gesagt. Es gibt da aber auch diese paar Wörtchen, mit dem das allgemeine Volk nicht wirklich etwas anfangen kann… zum Beispiel die Dissoziation…“ Ich möchte in diesem Kapitel genauer auf die verschiedenen Diagnosen eingehen.

Chronische Depression; Darunter leide ich schon sehr lange, wie an den meisten meiner Diagnosen. Depressionen kennt jeder und in Deutschland ist jeder zweite schon mal daran erkrankt. Doch was hat es mit diesem „chronisch“ auf sich? Nun, um depressiv zu werden, muss einem nicht unbedingt etwas schlechtes passieren, auch ein glücklicher Mensch, der mit seinem Leben zufrieden ist, kann an einer depressiven Episode erkranken. Bei mir ist es jedoch so, dass ich nie zufrieden war und auch nie glücklich. Die Depression gehört quasi zu mir. Sie begleitet mich schon das ganze Leben lang. Also dauerhaft. Ich weiß gar nicht, wie das geht, nicht wie die Depression zu denken. Da ich ein kleines Kind war, hab ich von der Depression quasi gelernt, wie man zu denken hat und dieses Denkschema jetzt zu durchbrechen ist für mich harte Arbeit. Ein Mensch, der wie in meinem Beispiel zuvor, glücklich war und eine Episode erlebt, hat es da etwas einfacher, seine alten Denkstrukturen wieder zu finden. Aber das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, es kommt drauf an, wie der Mensch gestrickt ist, welche Erfahrungen er gemacht hat, etc. Bei mir war alles sehr unglücklich.

Borderline; „Ritzen“, das denkt so gut wie jeder, wenn er „Borderline“ hört. Die Persönlichkeitsstörung hat aber zwangsläufig nicht immer etwas mit Selbstverletzung in Form  von sich schneiden zu tun. Natürlich gibt es Borderliner, die sich schneiden, es gibt aber auch andere Krankheitsbilder, welche als mögliches Symptom schneiden haben. Viele vergessen, dass jeder Krankheitsverlauf und die Symptome einer psychischen Krankheit so individuell sind, wie der Mensch, der davon betroffen ist. Selbstverletzung ist ein Thema, was aber so gut wie jeden Borderliner betrifft und zwar in jeglicher Form und Möglichkeit. Ich zum Beispiel habe erst in meiner späten Jugend angefangen mich zu schneiden. Meine anderen Selbstverletzungsmethoden sind unter anderem Kopf gegen die Wand schlagen, beißen, riskantes Verhalten, Verhalten, von dem ich weiß, dass ich es später bereuen werde und… ich suche gerade nach einem Wort für das, was ich gerade noch aufzählen wollte. Bloß weiß ich es nicht zu benennen. Ich denke dann sehr viel, zerdenke teilweise, stelle mir vor, quäle mich mit bestimmten Gedanken und Erinnerungen. Alles, was ich aufgezählt habe, mache ich unbewusst oder bewusst. Je nach Situation und Gemüt. Es ist erschreckend, wenn ich irgendwann dann feststelle „Moment, dass Verhalten war riskant und mein Borderline oder was auch immer, wollte, dass ich das tue“.

Es ist wieder eine ganze Weile her, dass ich geschrieben habe. An meiner Situation hat sich viel geändert. Unter anderem habe ich für mich erkannt, dass ich mich nicht als agender identifiziere, sondern allgemein als nonbinary. Mein Freund und ich hatten ja die zwei Wohnungen nebeneinander bezogen, aber mein Freund kann seine Wohnung nicht behalten, da er Geld sparen muss. Ich behalte meine Wohnung aber und bin gerade dabei, mein Kram aus seiner Wohnung zu holen und seinen aus meiner zu schaffen. Ich habe im Januar einen Termin (jetzt ist es kurz vor Weihnachten), wo ich beraten werde, um einen Weg zu finden, wieder arbeitsfähig zu werden.

Mein ambulant betreutes wohnen (auch ABW) Betreuer hat gesagt, ich mache Fortschritte. Ich stimme ihm da zu, auch wenn es wieder Tiefs gab. Ich habe vor zwei Monaten meine Mutter angerufen, um endlich wieder Kontakt zu meinem Bruder zu haben. Als sie mich rauswarf, war er 8 Jahre alt und nun ist er 12 Jahre alt. In all der Zeit durfte ich ihn nur vier Mal sehen. Er hat sich so gefreut, als ich ihn anrief, denn meine Mutter gab mir seine Telefonnummer. Zum Glück hat er ein Handy. Erreicht habe ich meine Mutter, indem ich die Telefonnummer ihrer Praxis googlete. Mein Bruder und ich haben leider nicht so viel Kontakt wie ich es mir wünschen würde. Er hat mir erzählt, wie gut es ihm geht und darüber bin ich froh, aber es scheint so, als würde ich ihm nicht fehlen. Zudem haben ihm meine Mutter und meine Schwester erzählt, dass ich freiwillig gegangen bin und mich ohne Grund nie gemeldet hab.

Meine Schwester ist jetzt 21 Jahre alt. Sie war schrecklich zu mir. Meine Mutter hat sie immer dafür belohnt, wenn sie gemein zu mir war und es kam nicht selten vor, da schlugen sie mich beide zusammen oder sprachen sich ab, wie sie mich gemeinsam mobben konnten. Ich habe versucht, meine Schwester zu mögen, tat es manchmal wirklich, aber die meiste Zeit hasste ich sie. Ich hab auch mit ihr versucht Kontakt aufzunehmen, ich hab sie über Instagram gefunden. Meine Nachricht ignorierte sie und blockte mich dann nach einer Weile. Ich schrieb ihr, dass ich bereit war, ihre Seite der Geschichte anzuhören. Denn meine Mutter war nicht die treibende Kraft hinter meinem Rauswurf, obwohl sie die war, die verlangte, ich soll sofort verschwinden. Meine Schwester hat, als ich weg war, meine ganzen Sachen aus den Schränken geschmissen und in der Mitte des Raums gesammelt. Vieles war kaputt und Poster, Fotos waren teilweise zerrissen. Als ich auf ihrem Profil bei Instagram war, war ich geschockt. Ich hab mir ihre Bilder und Storys angeschaut und dachte, würde ich sie jetzt kennen lernen, ganz neu, würde ich sie wahrscheinlich mögen. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, wie es scheint und ihr scheint es gut zugehen. Das hat schrecklichen Ekel in mir ausgelöst. Sie ist mir sympathisch, nach allem was sie mir angetan hat und zudem geht es ihr gut? Sie lebt dieses tolle Leben, welches ereignisreich und so angenehm ist und ich muss so leiden? Früher war sie etwas pummelig und ich mager. Jetzt bin ich pummelig und sie schlank. Zudem kann sie sich unglaublich gut schminken und hat so viele tolle Schuhe. Ich bin so neidisch und so wütend. Aber auch traurig. Sehr traurig.

Vor zwei Wochen war eine gute Freundin zu Besuch. Wir beide sind gerne gemeinsam kreativ, ich als Medium, sie als Muse. Aus Interesse ihrerseits haben wir uns einige meiner alten Skizzenbücher angeschaut, auch von vor der Zeit, bevor wir uns kannten. Ich habe mich an so viele Sachen wieder erinnert. Bei vielen Zeichnungen weiß ich noch, mit welchen Gefühlen ich sie gezeichnet habe und auch, wieso ich diese Gefühle hatte. Ich finde das einfach unglaublich. Leider kann ich das wann nicht sehr genau einschätzen, weil ich bei vielen kein Datum hingeschrieben habe und wenn doch, dann nur die Jahreszahl.

Ich hatte vor kurzem Geburtstag, es ist also wieder einiges an Zeit vergangen. Es ist mitten in der Nacht und ich liege wach wegen meiner Mutter. Meiner Mutter, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Meiner Mutter, die mich gequält hat, so, dass ich jetzt sehr krank bin. Ich leide, leide immer noch. Die Gedanken und Erinnerungen an sie machen mich fertig und ich schaffe es nicht, das abzustellen. Ich will das nicht mehr. Ich will nicht an sie denken. Ich vermisse meinen Bruder. Ich vermisse meine beiden Onkel, meine zwei Cousinen und meine Großmutter, welche sich aber alle auf die Seite meiner Mutter geschlagen haben; sie glauben mir nicht und sind davon überzeugt, dass meine Mutter ein guter Mensch ist. Ich hasse es, dass ich wie sie aussehe. Ich ähnel ihr so sehr, mein Gesicht sieht aus wie ihres, inzwischen bin ich auch dick geworden, fast so schlimm wie sie. Früher war sie schlank und ich fand sie wunderschön, damals, als ich sie vergöttert habe und mir eingeredet habe, ich habe es verdient, dass sie so zu mir ist. Dann hat sie zugenommen und ich habe sie bemitleidet. Irgendwann empfand ich Schadenfreude. Und nun bin ich selbst dick geworden. Nachdem ich bis zu meinem 18. Lebensjahr immer dünn war und dann sogar Magersüchtig wurde. Wegen der Magersucht bin ich wahrscheinlich so dick geworden. Als ich nämlich wieder anfing zu essen wie vorher, nahm ich sehr schnell zu. Ich hab meinen Stoffwechsel kaputt gemacht. Ich bereue es so sehr, dass ich noch dünner werden wollte. Ich war so schon gerade nach Normalgewicht. Dann war ich Untergewichtig. Jetzt bin ich dem Übergewicht nah. Würde ich bloß Sport treiben. Aber ich bekomme es alleine nicht hin. Nichts bekomme ich alleine hin. Und ich fühle mich so allein gelassen. Niemand nimmt sich mir meiner an. Klar, ich bin ein erwachsener Mensch. Ich möchte auch nicht gänzliches bevormundet werden. Bloß in den Bereichen, in denen ich es brauche. Ich will meine Freiheiten behalten. Im Grunde brauche ich Eltern. Eltern, die mich und meine Bedürfnisse verstehen. Die sich sorgen. Die mich lieben. Die mich unterstützen und halten.

Ich hatte den Termin schon, denn ich erwähnt hatte. Es klang interessant und ich werde zu einer Infoveranstaltung im Februar gehen. Es macht mir Angst, ich habe das Gefühl, es nicht schaffen zu können. Aber ich werde immer älter und ich will nicht mein ganzes Leben lang arbeitsunfähig sein… ich glaube, darauf wird es jedoch hinauslaufen.
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