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Crush My Mind

von Ari Fey
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Angst / P18 / MaleSlash
Goro Akechi Protagonist
21.12.2021
19.05.2022
7
34.903
3
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Dieses Kapitel
1 Review
 
03.04.2022 4.169
 
Als Goro aufwachte, war es zum ersten Mal seit Jahren, ohne den bitteren Nachgeschmack eines Alptraums. Verwundert blinzelte er ein paar Mal, gewöhnte sich an das helle Tageslicht. Seltsam; normalerweise würde er aufwachen, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen war. Es war ungewohnt, erholt aufzuwachen, nach einem angenehmen, langen Schlaf.

Akira schlief neben ihm, tief und fest. Sein Arm lag noch immer um Akiras Taille, seine Brust war flach an Akiras Rücken gepresst. Selbst ihre Beine waren ineinander verschlungen, wie zwei Puzzleteile, die perfekt ineinander passten.

Ein zartes, warmes Gefühl ließ Goros Herz flattern, als er unbemerkt einen sanften Kuss auf Akiras Schulterblatt hauchte. Was war nur los mit ihm?

Sein… Sein Rivale; hier, in seinem Bett, nachdem er ihm das Leben gerettet hatte. Was würden seine Fans sagen, wenn sie ihn so sehen könnten? Was würde — zur Hölle mit ihm — Shido dazu sagen, wenn er wüsste, was Goro hinter seinem Rücken mit seinem selbsternannten Erzfeind trieb?

Leise, rau kichernd schüttelte Goro den Kopf. Sein Plan, sich an Shido zu rächen, war noch immer sicher, dank Akira… Er hatte nichts zu befürchten. Okumuras Tod war nur ein weiterer Schritt, um sein Vertrauen zu gewinnen; sich unverzichtbar zu machen, nur um ihm anschließend einen Dolchstoß verpassen zu können. Egal, was es kostete.

Goro zog Akira näher an sich, vergrub sein Gesicht in Akiras Nacken und schloss die Augen.


*


“Wir müssen darüber reden, was gestern passiert ist.”

Goro ließ sich mit einer Tasse voll Instant-Kaffee neben Akira sinken. Er zuckte unwillkürlich zusammen, bevor er den Blick abwendete. Als Goro ihm die Tasse reichte, murmelte er ein leises ‘Danke’ und schloss seine Hände so fest um das Keramik, bis seine Knöchel weiß hervortraten. Es war bereits Mittag; vermutlich würden seine Freunde sich bald Sorgen machen.

“Wie ich bereits sagte, ich kann verstehen, wenn du deine Entscheidung bereust. Aber du solltest wissen, dass —”

“Wie oft soll ich es dir noch sagen?” unterbrach ihn Akira. Unter langen, schwarzen Wimpern sah er zu ihm auf, seine Augen waren an den Rändern gerötet. “Ich bereue es nicht. Du verstehst nicht, dass ich dich — ich meine— ” er seufzte, “— ich habe auch mich selbst gerettet. Er hätte uns beide…”

Goro verschränkte die Arme vor der Brust. Richtig, wie konnte er das vergessen? Akira hat es nicht wegen ihm getan; er hat es getan, um seine eigene Haut zu retten. Goro war lediglich der Grund gewesen, weshalb er im Palast zurückgeblieben war. Welchen Grund hätte er, ihn retten zu wollen? Das war absurd. Als würde Akira ihn —

“Als ich gesehen habe, dass du verletzt worden bist —” Akiras Stimme wurde leiser, als wäre er weit weg. “— ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Allein der Gedanke, dich zu verlieren, ist —”

Goros Herz setzte einen Schlag aus. “Akira, stopp —”

“Ich könnte es nicht ertragen,” sagte Akira schnell. “Das ist… die Wahrheit.”

Goro wusste, dass er ihn mit offenem Mund anstarrte, aber er konnte nichts dagegen tun. Akiras Worte ließen ihn zu Eis erstarren. Er könnte es nicht ertragen? Hatte er das wirklich…? Nein; Goro musste ihn falsch verstanden haben. Andererseits… sicher bezog er sich auf ihre Rivalität. Akira schätzte ihn, respektierte ihn, als Rivalen. Nicht mehr und nicht weniger. Akira war selbstverständlich ebenso unverzichtbar für ihn. Ohne Akira —

Sein Herz zog sich zusammen. Der Gedanke, Akira zu verlieren, ließ seine Brust eng werden, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Akira war… Er war wie die andere Hälfte einer Medaille…

Als er realisierte, dass mehrere Sekunden vergangen waren, in denen er nichts erwidert hatte, räusperte er sich und wendete schnell den Blick ab, um seine glühenden Wangen vor Akira zu verbergen.

“Niemand weiß, dass du es getan hast,” sagte Goro, während er nervös die Hände ineinander faltete. “Belassen wir es dabei. Deine Freunde müssen nicht wissen, dass du für das, was mit Okumura passieren wird verantwortlich bist.”

“Aber —”

“Es ist besser so,” unterbrach ihn Goro, “Wenn ein Schatten im Metaverse stirbt…” er schüttelte den Kopf, “Man kann es nicht aufhalten. Es wird passieren. Okumura wird auch in dieser Welt sterben. Du solltest… Du solltest bei ihnen sein, wenn es passiert. Das ist weniger auffällig. Tu einfach so, als hätte ich den Abzug gedrückt.”

Akira ließ die Schultern sinken. “Ich will sie nicht anlügen,” gab er leise zu. “Es ist meine Schuld. Haru hat verdient zu erfahren, wer ihren Vater —”

“Nein!” Goro unterbrach ihn harscher, als er beabsichtigt hatte. Akira wich unwillkürlich vor ihm zurück. “Wenn du ihr erzählst, was wirklich passiert ist; was würde dann passieren?”

“Ich weiß es nicht —”

“Das ist keine Entscheidung, die du selbstgerecht treffen solltest. Deine… Freunde werden dir vermutlich sowieso nicht glauben. Geschweige denn von der Polizei, solltest du ernsthaft darüber nachdenken, dich zu stellen.” Goro nahm einen tiefen Atemzug, während er Akira mit seinem Blick fixierte. “Das hier, das ist… größer, als du dir vorstellen kannst. Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst. Es würde keinen Sinn ergeben, dich zu stellen. Du bringst dich — uns — in Gefahr, und —”

“Dann sag es mir!” Akira stellte die Tasse auf dem Tisch ab, und griff nach Goros Händen. “Hör auf, mich auszuschließen! Ich weiß, dass du nicht allein arbeitest; dass dir jemand Aufträge erteilt, und du… du scheinst — wer auch immer es ist — schützen zu wollen, aber… Ich verstehe nicht, wieso.”

“W-Wovon redest du —?”

“Ich sehe diese Abscheu in deinen Augen. Du hasst es, nicht wahr? Das… Das Töten,” Akiras Hände schlossen sich enger um Goros. “Du hättest sonst nicht gezögert, gestern —”

Goro riss seine Hände aus Akiras. Gezögert? Nein, das kann nicht sein. “Bilde dir nichts ein. Ich bin nicht wie du,” er erhob sich, Nervosität zehrte an ihm. “Was ich mache, dient nur einem einzigen Zweck. Und solltest du dich entscheiden, meine Pläne zu durchkreuzen, indem du dich stellst —” er schüttelte den Kopf, wendete den Blick ab. “— ich würde nicht zögern, dich ebenfalls auszuschalten, bevor es dazu kommt.”

“Goro —” Akira stand ebenfalls auf, seine Stimme zitterte. Goro war bereit dafür, dass Akira ihm drohen würde; dass er ihm zeigen würde, wie sehr er ihn verachtete. Wie könnte er nicht, nach diesen Worten? Goro hatte es verdient. Selbst wenn es eine Lüge war; Akira durfte unter keinen Umständen die Schuld auf sich nehmen. Vielleicht würde die Drohung ihn endlich dazu bringen, aufzugeben, oder dazu bringen zu gehen, weg, weg von ihm. Bisher wurde er immer verlassen, früher oder später. Akira war keine Ausnahme.

Goro ballte seine Hände zu Fäusten, vergrub seine Nägel in den Handflächen.

“Hör mir zu, ich —,” als Akira versuchte, nach seinen Händen zu greifen, wich er vor ihm zurück. “Du solltest jetzt gehen.”

“Aber —”

“Akira, zwing mich nicht, mich zu wiederholen,” zischte er unheilvoll, bevor er ihm den Rücken zuwendete. “Verschwinde.”

Sein Herz klopfte lautstark in seinen Ohren. Sekunden vergingen, quälend langsam, bis er hörte, wie Akira aus seiner Wohnung floh.

Erst, als es um ihn herum still wurde, erlaubte er es sich wieder zu atmen.


***



Es war besser so. Akira wusste, worauf er sich einließ; er wusste, welche Konsequenzen er zu befürchten hatte.

Akira stellte sich nicht. Weder seinen Freunden, noch seinem Vormund, dem Kater oder der Polizei. Es blieb still, zwischen ihnen. Goro erwischte sich oft dabei, wie er an ihn dachte, doch er erstickte jeden Versuch seines Verstandes im Keim, ihn glauben zu lassen, er hätte etwas für Akira übrig. Mehr als… Hass, und… Wut, und… Neid, Eifersucht, und… Respekt…

Goro schüttelte den Kopf. Er war einsam, das wusste er. Vielleicht sehnte er sich nicht wirklich nach Akira, sondern nach Körperkontakt. Allerdings… allein der Gedanke, sich von einer fremden Person berühren zu lassen, ließ ihn beinahe würgen. Selbst wenn diese Person Akira ähnlich sehen würde.

Das war also nicht das Problem; aber was war es dann? Woher kam diese innere Unruhe, dieses seltsame Flattern seines Herzens, wann immer er eine Nachricht erhielt, und die Enttäuschung, wenn sie nicht von Akira war?

Es war beinahe eine Woche her, seitdem Akira aus seinem Apartment gestürmt war. Der mentale Zusammenbruch Okumuras musste kurz bevorstehen; es dürfte kaum mehr ein paar Stunden dauern, bis es soweit sein würde. Passend, denn für diesen Abend war eine Pressekonferenz angesetzt. Wenn alles nach Plan lief, sollte er bereits während der Aufnahme seinen letzten Atemzug nehmen.

Wenn nicht, dann spätestens, sobald sich die Kameras ausschalteten.


***



“Gute Arbeit, Akechi.” Shido faltete die Hände auf seinem Schreibtisch zusammen, während er Goro mit eiskalten Augen fixierte. Selbst wenn er etwas wie ein Lob aussprach, klang es schneidend, unehrlich. Goro unterdrückte ein Schaudern. Er durfte keine Schwäche zeigen.

Mit geübter, starrer Maske, setzte er ein charmantes Lächeln auf. “Selbstverständlich. Sie wissen, dass Sie nicht anderes von mir zu erwarten haben.”

Shido schnaubte. “Ich kann nicht leugnen, dass deine Dienste zufriedenstellend waren, bisher.” Seine Mundwinkel zuckten, als würde er eine Grimasse unterdrücken. “Ich hoffe für dich, dass dein nächster Auftrag ebenso erfolgreich ausfallen wird.”

Etwas an seinem Ton war anders, als bisher. Vorsichtig. Kalkulierend. Goro straffte seine Schultern. “Worum geht es, Sir?”

“Der Anführer der Phantom Thieves,” sagte Shido, jegliche Emotion verließ seine Stimme, “es ist an der Zeit, dass er seine gerechte Strafe erhält. Ich will, dass du ihn ausschaltest, nachdem er festgenommen wird.” Wie bitte? Nein, das kann er nicht wirklich verlangen. “Die Bevölkerung soll sehen, dass ich meine Versprechen halte. Die Phantom Thieves haben mir sehr dabei geholfen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Es wird Zeit, für den letzten Schlag…”

Shidos Stimme verschwand hinter dem Rauschen in Goros Ohren. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, verstopfte seine Kehle, ließ ihn würgen. Obwohl seine Mine starr blieb, wünschte er sich, lauthals zu schreien.


***

Die Tür zu Goros Apartment fiel hinter ihm ins Schloss. Er machte sich nicht die Mühe, das Licht anzuschalten. Stattdessen ließ er sich in der Sicherheit der Dunkelheit gegen das solide Holz fallen. Seine Knie gaben nach; jeder Funke Energie verließ ihn, als er es sich erlaubte, endlich aufzuatmen.

Goro vergrub sein Gesicht in den Händen. Er wollte schreien. Er zitterte, seine Brust verengte sich, er konnte — er konnte nicht atmen —

Alles in ihm schrie ihn an, es nicht zu tun, Akira nicht auszuliefern, ihn am Leben zu lassen.

Es war nicht so, als hätte er nicht gewusst, worauf Shidos Plan hinauslaufen würde. Aber es fühlte sich so plötzlich an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es soweit kommen würde. Dass Shido verlangen würde, den Anführer der Phantom Thieves nicht nur festzunehmen, sondern ihn zu töten. Goros Hände zitterten, als er sie in seine Haare krallte. Seine Brust wurde so eng, dass er keine Luft mehr bekam; er wollte schreien, atmen, aber sein Körper wollte ihm nicht mehr gehorchen.

Goro warf seinen Kopf in den Nacken und öffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei. Am Rande seines Bewusstseins nahm er wahr, wie Loki leise knurrte.


***


Goro musste eine Entscheidung treffen. Entweder, er schaltete Akira aus, gewann Shidos uneingeschränktes Vertrauen, und vollendete seinen Plan, Shido endlich einen Dolchstoß zu verpassen, wenn er es am wenigsten erwarten würde.

Oder, er… rettete Akira das Leben, so wie er es für ihn getan hatte. Er würde dafür sorgen, dass er die Festnahme überlebte, aber… wie? Und… was würde danach passieren? Würde Akira sich an ihm rächen? Nein; das könnte er nicht. Aber wie würde er dann reagieren? Wäre er wütend? Würde er Goro dafür verachten, was er geplant hatte, aus welchem Grund er all das getan hatte?

Goro zerbrach sich den Kopf darüber, jede freie Minute am Tag. Egal, wie er es drehte und wendete; das einzige, was ihm vollkommen bewusst war, war dass er Akira nicht verlieren konnte. Weder als Rivalen, noch als —

Nein. Goro verdrängte den Gedanken, so schnell wie er gekommen war. Selbst wenn sie intim geworden waren, hatte das nichts zu bedeuten. Akira hatte es aus demselben Grund zugelassen, wie Goro, er hatte sich dem Moment hingegeben, und die Chance genutzt, jemandem nahe zu kommen. Es hätte jeder sein können. Bestimmt.

Akira hatte schließlich genug Auswahl, immerhin flirtete halb Tokyo mit ihm. Wieso sollte Goro etwas besonderes in dieser Hinsicht sein? Niemand hatte bisher —

“Akechi, wartest du schon lange?”

Akiras Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Goro blinzelte, als Akira in sein Sichtfeld kam und setzte ein leichtes Lächeln auf. “Nein, keine Sorge. Danke, dass du gekommen bist.”

“Selbstverständlich,” erwiderte Akira, seine Wangen färbten sich in sanftem Rosa, sicher nur wegen der kalten Abendluft. “Also, was hast du vor? Darts oder Billard? Das letzte Mal hatten wir Gleichstand, wenn ich mich richtig erinnere.”

Goro schüttelte den Kopf. “Nein, eigentlich hatte ich gehofft, dass wir…” er schweifte ab, sah zu dem Eingang von Penguin Sniper, und zurück zu Akira. “Vertraust du mir, Kurusu-kun?”

Akira zog skeptisch die Augenbrauen zusammen. “Ja, natürlich.”

Goro trat einen Schritt näher. “Erinnerst du dich an das erste Mal, als wir uns im Metaverse getroffen haben?” Bei der Erinnerung an Akira, hilflos und überwältigt, breitete sich ein sanftes Grinsen auf Goros Lippen aus. “Ich habe dich besiegt.”

Akira hielt seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. Er nickte. “Wie könnte ich vergessen, dass du mich entführt hast?”

“Ach bitte,” Goro schüttelte den Kopf, “So weit wäre es nicht gekommen, wenn du stärker gewesen wärst, als ich. Was mich zu meinem Grund für unser Treffen bringt…” er legte eine Hand an Akiras Wange, “… kämpf mit mir, in Mementos. Ich will sehen, wie viel stärker du geworden bist, seit dem letzten Mal.”

Akiras Augen weiteten sich hinter den Gläsern seiner Brille. Er schluckte schwer, doch das Glänzen in seinen Augen verriet Goro, dass Akira diese Herausforderung ebenso verlockend fand, wie er. “Akechi —”

“Keine Regeln, nur du und ich, und unsere Personas,” sagte Goro, während er sein Smartphone aus seiner Jackentasche holte. “Wir kämpfen so lange, bis einer von uns aufgibt.”


*



Mementos war ihm ebenso vertraut, wie Tokyo selbst. Und dennoch, mit Akira allein hier zu sein, entfachte etwas in ihm. Eine nervöse, aufregende Kraft, die sein Herz höher schlagen ließ.

“Was bekommt der Gewinner?” fragte Akira, während er die karminroten Handschuhe an Jokers Outfit zurecht zupfte.

Goro entfernte sich einige Meter von ihm, legte eine Hand an den Haft seines Schwerts. “Solltest du gewinnen, verrate ich dir, wer mir Aufträge erteilt.”

Akira wurde still.

“Wie dem auch sei; sollte ich gewinnen…” er zog das Schwert aus der Halterung und richtete die Spitze auf Akira, “… kann ich dir nicht versprechen, dass du Mementos wieder verlassen wirst.”

Akira wich einen Schritt zurück. Er zückte seinen Dolch, leckte sich über die Lippen, während sich Unsicherheit auf seinem Gewicht abzeichnete. “Goro, warte. Wozu das alles? Wenn du in Schwierigkeiten steckst, helfe ich dir, wir müssen nicht —”

Goro schüttelte den Kopf. Seine Hände zitterten, doch er ignorierte es, ignorierte den Schmerz hinter seinen Rippen. “Halt den Mund!”

Loki zehrte an ihm, bittete darum, frei gelassen zu werden. Seine tiefe, grollende Stimme hallte in Goros Kopf wieder, wie Donner. Goro ließ es zu; ließ Lokis Energie ihn überwältigen, bis sich die Ränder seiner Sicht in Rot färbten.

Als Lokis unheilvolle Gestalt über ihnen erschien, rief Akira nach Arsené, während er eine defensive Haltung einnahm. Goro verlor keine Zeit; er preschte auf ihn zu, umklammerte sein Schwert mit beiden Händen. Er fletschte die Zähne, als er zum Sprung ansetzte. Akira wich ihm aus, bevor seine Klinge den Boden traf. Goro sah nach links, wo Akira ihn aus großen Augen beobachtete. Gut; er sollte ihn nicht aus den Augen lassen.

Bevor Goro ein zweites Mal auf ihn los gehen konnte, traf ihn Eiga, der Aufprall ließ ihn taumeln. Er stolperte über eine Unebenheit im Boden, verlor das Gleichgewicht. Im nächsten Moment war Akira über ihm, stieß ihn mit beiden Händen zurück, bis er flach auf dem Boden lag.

“Goro, bitte —” Akiras Stimme klang rau, als sie an den Rändern seines Bewutsseins abprallte, wie Wellen an einem Felsen. “Goro, wir müssen das nicht tun — ich weiß, dass etwas nicht stimmt —”

Akira hielt ihn fest, während Goro nach seinen Handgelenken griff und versuchte, Akiras eisernen Griff zu lockern. Er würde so leicht nicht aufgeben. Nicht, wenn Akira ihm zeigen sollte, dass er stärker war. Dass er die Kraft hatte, zu überleben, egal was passierte.

Goro fletschte die Zähne, dann rief er, “Laevateinn!

Bevor Lokis gigantisches, leuchtendes Schwert ihn traf, sprang Akira auf und ließ Goro frei. Arsené erschien vor ihm, fing den Schaden ab und beschützte Akira, indem er seine schwarzen Flügel wie einen Schild vor ihm zusammenschloss. Goro richtete sich auf wackeligen Knien auf; seine Brust schmerzte, wo Eiga ihn getroffen hatte.

Loki erhob sein Schwert erneut, dieses Mal richtete sich Laevateinn direkt gegen Arsené. Lokis Schwert zischte durch die Luft, doch als die Klinge traf, passierte nichts — Arsené stand unverletzt vor Akira, als wäre nichts passiert.

Wütend zischte Goro Loki zu, sich anzustrengen, anzugreifen, ihn zu verletzen. Loki grollte über ihm, hob sein Schwert und ließ die Klinge wieder und wieder auf Arsené niederregnen. Arsené blieb standhaft, egal wie oft Lokis Klinge ihn traf. Selbst, als das Schwarz seiner Flügel hinter dem Leuchten der Klinge verschwand, bewegte er sich nicht.

Außer Atem, legte Goro eine Hand auf seine Brust. Sein Herz hämmerte gegen seine Handfläche. Über ihm, kam Loki zum Stillstand; er ließ sein Schwert sinken. Als Goro den Blick hob, war er sich sicher, Akiras verletzes, blutüberströmtes Gesicht zu sehen. Er musste ihn unendliche Male getroffen haben. Der Gedanke versetzte ihm einen Stich. Er schluckte schwer, dann zwang er sich, Akira anzusehen, und —

Nichts. Nichts war passiert; Akira hatte keine einzige Verletzung.

“Wieso —” Wieso…? Wieso kann ich dich nicht…?

“Goro!” Akira kam auf ihn zu, eine Hand ausgestreckt, als würde er eine fauchende Katze beruhigen wollen, “Hör auf, es — es bringt nichts —”

“Halt den Mund! Halt den Mund!” Goro schüttelte den Kopf. Unsicher auf den Beinen, stolperte er zurück. Er wollte weg, weg von Akira, weg von allem. Von Shido, von Tokyo, weit, weit weg, doch bevor er weglaufen konnte, war Akira bei ihm. Er griff nach Goros Händen, bevor er ihn von sich stoßen konnte.

“Du willst mich nicht wirklich verletzen, richtig?” sagte Akira, “Deswegen trifft keiner deiner Angriffe. Deine Kognition lässt es nicht zu…”

“Nein, nein, nein —” Goro schüttelte den Kopf, wich Akiras warmen, grauen Augen aus. Das konnte nicht sein. Wollte er wirklich nicht…? Aber wie sollte er dann in der Lage sein, ihn zu —

“Ich will dich nicht verletzen,” Akira verstärkte seinen Griff um Goros Hände, “Ich — ich weiß nicht, wieso du das tun wolltest; aber das Ergebnis ist offensichtlich, oder nicht? Um ehrlich zu sein, macht es mich glücklich….”

Goros Herz raste; seine Knie gaben nach, und gemeinsam mit ihm, sank Akira auf den Boden. “Das kann nicht sein, ich —”

“Ich weiß, wir sind Rivalen, aber —”

Nein, nein, nein, bitte, hör auf, hör auf —

“— aber ich — Goro, ich bin verliebt in dich.”

Goro bemerkte, wie alles still wurde. Das Summen von Mementos’ verschwand, ebenso wie Lokis Grollen, das Schwingen von Arsenés Flügeln. Vorsichtig hob er den Kopf.

“Du —”

“Ich bin verliebt in dich,” wiederholte Akira sanft. “Und ich glaube, dass du mich… jedenfalls hasst du mich nicht,” er lachte, nervös, “es ist okay, wenn du nicht dasselbe fühlst, aber —”

“Bist du… bist du sicher?” Goro blinzelte verwirrt auf. Das konnte nicht sein. Niemals. Akira würde ihn niemals —

“Ja,” erwiderte er, “und ich… will dich wirklich nicht verletzen. Also, bitte… lass uns gehen? Wir können uns auf Gleichstand einigen, was sagst du?”

Goro schüttelte den Kopf, bevor er in hysterisches Lachen ausbrach. Seine Schultern zitterten, seine Lungen brannten. Das war absurd. Sein Rivale war verliebt in ihn. Sein Rivale, den er in weniger als zwei Monaten töten sollte.

“G-Goro?” Akira legte eine Hand an seine zitternde Schulter. “Was ist…?”

“I-ich kann nicht,” Goro schlang einen Arm um seinen Bauch, während er versuchte, sein Lachen unter Kontrolle zu bringen. “Ich kann nicht fassen, dass du — haha, das ist absurd, du — wie könntest du jemanden wie mich —”

“Hey!” Akira schüttelte ihn sanft. “Das ist nicht die Reaktion, die ich erwartet habe.”

Goros Lachen verebbte langsam. Sein Hals schmerzte, seine Augen brannten mit trockenen Tränen. Er sah auf, sah zu Akira. Für eine Weile suchte er nach einer Lüge, nach einem Hinweis, der ihm verriet, dass er es nicht ernst meinte. Doch nichts dergleichen spiegelte sich in Akiras Augen wieder. Stattdessen sah er raue, ehrliche Zuneigung. Es traf ihn wie ein Pfeil ins Herz, dass Akira ihn wirklich mochte; trotz allem, was er bisher getan hatte. Trotz allem, was er wusste.

“Du meinst es wirklich so,” sagte Goro leise, seine Stimme war heiser. “Tch. Wie kannst du nur so dumm sein?”

Akira schmollte. “Du könntest mich wenigstens abweisen. Kein Grund, sich über mich lustig zu machen —”

“Nein,” erwiderte Goro und lehnte sich Akira entgegen, “Nein, ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll…”

Akira legte einen Arm um ihn, streichelte sanft über sein Schulterblatt. “Du musst nichts sagen. Ich wollte nur, dass du es weißt.”

Goros Herz fühlte sich plötzlich zu groß an. Seine Schulter fühlte sich warm an, wo Akira ihn berührte. Diese Wärme zog sich durch seinen ganzen Körper, ließ ihn schaudern. Er blinzelte, bevor er erneut nach Akiras Blick suchte. Seine Augen wanderten von Akiras Augen zu seinen Lippen, und bevor er sich anders entscheiden konnte, nahm er seinen Helm ab, lehnte sich nach vorn und überbrückte die Distanz zwischen ihnen.

Es war nicht das erste Mal, dass er Akira küsste, und trotzdem fühlte es sich vollkommen neu an. Unerwartet. Akira seufzte erleichtert in den Kuss und schlang seine Arme enger um Goro, zog ihn näher zu sich. Er legte seine Hand in Goros Nacken, doch bevor er die Oberhand gewinnen konnte, stieß Goro ihn zurück.

Akira stützte sich mit den Ellenbogen ab, während Goro auf seinen Schoß kletterte. Er sah auf ihn herunter; auf Akira, seinen Rivalen. Seine Lippen waren geteilt und rot von ihrem Kuss, seine Augen glänzten dunkel. Sein Blick ließ ihn schaudern; er sah Goro an, als sei er kostbar, unverzichtbar.

Goro legte seine Hände an Akiras Schultern. Wieso… sollte er all das aufgeben? Wieso sollte er Akira aufgeben? Er konnte nicht; selbst, wenn er wollte. Was auch immer dieses warme, sanfte Gefühl zu bedeuten hatte, er konnte Akira nicht verletzen. Er konnte nicht tun, was Shido von ihm verlangte.

Dennoch war Akira an die anderen Phantom Thieves gebunden. Er war ihr Anführer. Aber was wäre, wenn…

“Schließ dich mir an,” forderte er, “Schließ dich mir an. Verlass die Phantom Thieves und komm stattdessen zu mir.”

Akira blinzelte verwirrt. “Goro, warte  —”

“Ich kann dir so viel mehr bieten, als sie… Keiner von ihnen sieht, was wirklich in dir steckt,” Keiner von ihnen sah Akiras Stärke, so wie Goro ihn sah, wie er ihn forderte. Goro lehnte seine Stirn gegen Akiras und schloss seine Augen. “Zusammen haben wir vielleicht eine Chance; wir können ihn besiegen…”

“W-Wer? Von wem sprichst du?” Akira legte seine Hände an Goros Taille, hielt ihn fest.

Goro seufzte. “Mein… Auftraggeber; sein Name ist Masayoshi Shido. Du kennst ihn, er ist kandidierender Präsident. Abgesehen davon…” Goro fletschte die Zähne, “ist er mein Vater. Dieses nutzlose, widerliche Arschloch ist dafür verantwortlich, dass ich dieses Leben führe; und er wird dafür bezahlen, was er mir angetan hat.”

“Goro, hey,” Akira legte eine Hand an seine Wange und zog seine Aufmerksamkeit auf sich. “Wie kann ich dir helfen?”

Goro krallte seine Hände in den Stoff von Jokers Mantel. “Hilf mir, mich an ihm zu rächen. Er hat einen Palast; allerdings ist er anders, als die Paläste von Kaneshiro oder Okumura… Die Schatten dort sind wesentlich stärker, unberechenbar.”

Akira nickte. “Wir können sein Herz stehlen —”

Goro schüttelte den Kopf. “Nein, das wird nicht reichen. Er ist nicht allein; selbst wenn er alles gestehen würde, wären wir immer noch in Gefahr. Du wärst in Gefahr —”

Akira runzelte die Stirn. “Wieso?”

“Mein nächstes Ziel,” seufzte Goro, “bist du. Er hat verlangt, dass ich dich ausliefere, festnehmen lasse und dich ausschalte…”

Akira wurde blass. “Was hat deine Meinung geändert?”

“Du, Idiot,” erwiderte Goro. “Ich wollte… heute in Mementos; ich wollte sicher gehen, dass du stärker bist als ich. Dass du mich besiegen könntest, sollte es soweit kommen,” er schüttelte den Kopf, “Offensichtlich bin ich selbst nicht dazu in der Lage, dich zu verletzen, geschweige denn, dir das Leben zu nehmen.”

“Verdammt, Goro,” Akira verstärkte seinen Griff um Goros Taille. “Du kannst so etwas nicht einfach so sagen.”

Goro genoss das Gefühl von Akiras Fingerspitzen, als sie sich in seine Haut bohrten. Der Schmerz war angenehm, willkommen. “Wie ist deine Antwort?” Er lehnte sich nach vorn, streifte Akiras Ohr mit seinen Lippen. “Schließt du dich mir an?”

Als Akira nicht reagierte, lehnte Goro sich zurück. Er konnte den Konflikt auf Akiras Gesicht sehen, doch dann —

“Ja,” er nickte, kaum sichtbar. “Ich… schließe mich dir an.” Er griff nach Goros Händen. “Du und ich, gegen alle anderen.”

Überrascht hob Goro eine Augenbraue. “Selbst gegen die Phantom Thieves…?”

Akira wendete den Blick ab, dann nickte er erneut. “Ich belüge sie schon seit Monaten,” er seufzte, ließ den Kopf hängen. “Ich kann so nicht weiter machen, nachdem was ich getan habe…”

“Du hast mir das Leben gerettet,” Goro legte eine Hand an Akiras Wange, drehte sein Gesicht zu sich, “lass mich jetzt deines retten.”
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