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Crush My Mind

von Ari Fey
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Angst / P18 / MaleSlash
Goro Akechi Protagonist
21.12.2021
19.05.2022
7
34.903
3
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21.12.2021 6.156
 
Kaltes Neonlicht flackerte über ihm, tauchte den grauen Gang für wenige Sekunden in Dunkelheit. Jemand sollte wirklich diese Glühbirnen austauschen — würde jemand denken, der diesen Gang ein zweites Mal entlang laufen würde. In Goros Fall, wäre dem ohnehin nicht so.

Das viele Grau war wirklich deprimierend. Kein besonders schöner Ort, und erst recht kein Ort, an dem man die Minuten vor dem letzten Atemzug verbringen wollen würde. Allein, umringt von nichts als schalldichten Wänden, kaltem Licht, dem Geruch von Moder und Metall. Selbst die Luft schien eisig zu sein. Musste wohl an der Position liegen, so tief unter der Erde, dass kein einziger Sonnenstrahl je in eine der fensterlosen Zellen fallen würde.

Er kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Sae Niijima schloss gerade die Tür zum Verhör-Raum hinter sich. Ihre Lippen waren zu seiner dünnen Linie zusammengepresst, ihre Augenbrauen konzentriert in die Stirn gezogen. Hm. Hatte sie es also immer noch nicht herausgefunden…? Aber wie sollte sie auch — der Plan war wasserdicht. Wesentlich besser als das, was der Rest der Phantom Thieves sich ausgedacht hatte.

“Ich habe nicht erwartet dich hier zu sehen,” sagte sie misstrauisch, als ihr Blick auf Goro landete. “Was willst du, Akechi?”

Goro setzte das perfekteste Lächeln auf, dass er zustande bringen konnte, während seine Fingerspitzen vor Aufregung kribbelten. “Ich will mit dem Verdächtigen sprechen, Sae-san,” erwiderte er höflich. “Hat es dir noch niemand gesagt? Kein Wunder, wenn du die letzten Stunden nur in dieser Zelle warst.” Er wartete kurz, doch Sae hob nur fragend eine Augenbraue. “Du wurdest von dem Fall abgezogen, Sae-san,” erklärte Goro, ohne seine Fassade für einen Moment fallen zu lassen. “Die Ermittlungen liegen nicht mehr in deiner Hand. Und… stattdessen darf ich jetzt dafür sorgen, dass wir bald ein Geständnis haben.” Eine Lüge, aber das musste sie nicht wissen. Hauptsache, er würde bald diese verdammte Tür erreichen, und —

“Das ist ein Scherz, oder?” entgegnete Sae entsetzt. “Du kannst nicht —”

“Ich kann,” hakte Goro ein, noch immer höflich lächelnd. “Die Entscheidung kam nicht von mir. Also, wenn du dich beschweren willst, dann besser direkt beim Direktor. Wenn du dich beeilst, erwischst du ihn vielleicht noch.” Verschwinde endlich.

“Akechi, ich warne dich —”

“Zu spät,” unterbrach Goro sie, lief nonchalant an ihr vorbei. Er stellte sicher, dass sich ihre Schultern im Vorbeigehen für einen Moment streiften, einfach nur, um sie noch mehr aufzuregen. “Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest? Ich will nicht noch mehr Zeit verschwenden.” Er legte eine Hand an den Türknauf, um zu signalisieren, dass sie bitte endlich verschwinden sollte.

Sae funkelte ihn für eine weitere Sekunde wütend an, doch dann schien der rationale Part in ihr zu überwiegen, und sie machte auf dem Absatz kehrt. Goro sah ihr hinterher, hörte dem Klicken ihrer Absätze auf dem dunkelgrauen Lenoleumboden zu, bis nur noch ein Echo übrig blieb.

Gut. Jetzt fehlte nur noch eines.

Mit einer behandschuhten Hand, zog er den Revolver aus seinem Mantel. Er schraubte einen glatten, schwarzen Schalldämpfer auf die Öffnung und zählte innerlich bis zehn, bevor er die Tür zum Verhör-Raum öffnete.

Der Geruch von Metall und Staub lag in der Luft. Nur aus den Augenwinkeln, sah Goro wirres, schwarzes Haar, bevor er seine Aufmerksamkeit schnell auf das nächste Ziel richtete: Den Polizist, der Akira bewachte. Goro schloss die schwere Tür hinter sich mit einem dumpfen Klick, ohne abzuschließen.

“Akechi?” fragte sein Gegenüber verwirrt. “Was machst du hier?”

Immer dieselbe Frage, huh.

“Der Direktor schickt mich,” erklärte Akechi höflich. “Ich führe das Verhör fort.”

Wie ein Reh im Scheinwerferlicht, starrte der Polizist mit großen Augen zwischen Goro und dem Revolver in seiner Hand hin und her.

“Oh, das?” Goro kicherte leise, charmant. “Hm, hier unten würde niemand bemerken, wenn die Dinge ein wenig… blutig werden, nicht wahr?” Er legte den Kopf schief, und fühlte, wie seine Mundwinkel sich nach außen zogen, sein Lächeln noch breiter wurde. “Ich würde Ihnen raten, zu verschwinden, bevor es so weit kommt. Es sei denn…” er schweifte ab, hoffend, dass der Polizist die Mitteilung verstand.

“I-ich —” beschwichtigend hob er die Hände. Goro sah, wie seine Finger zitterten, als würde sein Fuß auf einer offenen Stromleitung stehen. Um seinen Punkt zu verdeutlichen, lockerte Goro die Sicherung des Revolvers.

Das schien den Polizisten endlich in Bewegung zu bringen. Mit erhobenen Händen lief er an Goro vorbei, bis er die Tür erreichte, die ihn von seiner Freiheit trennte. Der Adamsapfel an seinem Hals bewegte sich, als er schluckte. Er warf einen letzten Blick zu Goro, und als Goro nickte, verließ er hastig den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Endlich.

Goro drehte den Schlüssel im Schloss, trennte sich und den Anführer der Phantom Thieves vom Rest der Welt.

Seufzend ließ er die Spannung aus seinen Schultern gleiten. Er lehnte die Stirn gegen das kühle Metall der Tür, atmete einmal tief ein, bevor er es wagte, einen Blick über die Schulter zu werfen.

Wie erwartet, war Akira übel zugerichtet. Blauviolette Flecken blühten wie die Blätter von Veilchen auf seinen Wangen, an der Stirn, am Hals — Goro biss den Drang herunter, Akira am Kragen zu packen und das Hemd zu zerreißen, wo ihn mit Sicherheit noch mehr Blütenblätter erwarten würden.

“Du hättest sterben können,” zischte Goro leise in Akiras Richtung. Das Lächeln auf seinen Lippen verblasste, als er sich zu Akira drehte. “Was hast du dir dabei gedacht, Joker?”

Akiras Lippen breiteten sich zu einem schiefen Grinsen aus. “Du hast mich gerettet,” erwiderte er und zwinkerte. Seine stürmischen Augen glänzten dunkel. “Ist es nicht so, Crow?” Goro leckte sich unwillkürlich über die Zähne, als er beobachtete, wie Akiras Lippen sich schürzten, als Goros Code-Name von seiner Zunge rollte. Er wollte diese Lippen küssen, bis sie wund und rot waren, bis Akira nichts anderes mehr schmecken konnte, außer ihm.

“Und was, wenn nicht…? Was, wenn —” wenn du mich nicht in deinen Bann gezogen hättest. Wenn wir immer noch Feinde wären. “Hättest du darauf vertraut, dass einer deiner Freunde gekommen wäre, um dich zu befreien?” Mit einer Hand stieß Goro sich ab und schloss die Distanz zwischen ihm und Akira. Er legte den Revolver auf den Tisch, und stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab.

Akira sah zu ihm herauf, wie eine Rose, die sich zur Sonne drehte. Das Neonlicht ließ seine Augen so silbrig glänzen, wie die Kugeln im Revolver. “Vielleicht,” erwiderte er schulterzuckend. “Aber das ist nicht wichtig, nicht wahr? Sie sind nicht hier —” er streckte eine Hand aus, krallte seine Faust in den Kragen von Goros Blazer, und zog ihn zu sich herunter. Er war so nah, dass Goro die Wärme seines Atems an seinen Lippen fühlen, das Blut auf seinen Lippen beinahe schmecken konnte, als er sagte, “— aber du bist es.”

Goro legte eine Hand in Akiras Nacken. Seine Finger schoben sich zwischen die wirren, schwarzen Locken. “Du wirst sie nie wieder sehen,” seine Lippen bewegten sich gegen Akiras, als würden sie sich bereits küssen. “Bist du dir sicher, dass du das willst?”

Akira machte ein Geräusch, dass wie ein Schnurren klang. “Nach allem, musst du das immer noch fragen?” Seine Lippen bewegten sich sanft gegen Goros, so dass er jedes einzelne Wort fühlte. “Das einzige, was ich will, bist du, Akechi.”


***



Akira Kurusu war zog die Menschen in seinem Umfeld an, wie ein Licht die Motten. Es war nicht nur frustrierend, sondern auch unglaublich störend, wenn irgendeine fremde Person plötzlich auf sie zukam, und Akira in ein Gespräch verwickelte. Jedes Mal, breitete sich ein saurer Geschmack auf Goros Zunge aus, und sobald er versuchte, zu lächeln und es herunterzuschlucken, wandelte es sich zu einem Kloß, der seinen Hals blockierte.

“Entschuldige,” sagte Akira, als die Journalistin zwischen den anderen Besuchern im Aquarium verschwunden war. “Ich helfe ihr mit ihren Artikeln über die Phantom Thieves. Nichts besonderes.”

Huh. “Was für ein Glück, dass gerade der Anführer der Phantom Thieves ihr Informant ist.”

Akiras Augen weiteten sich hinter den Gläsern seiner Brille. “A-Akechi!” Ein sanfter, roter Schimmer breitete sich auf seinen Wangen aus.

“Plötzlich so schüchtern?” erwiderte Goro und kicherte hinter vorgehaltener Hand. “Wäre es dir lieber, du hättest es mir nicht erzählt?”

“Es war ja nicht so, als hätte ich eine Wahl gehabt,” murmelte Akira, und wendete den Blick ab. Goro sah, wie er nervös auf seiner Lippe kaute.

“Oh? Ich habe das anders in Erinnerung.”


***



Die Phantom Thieves durch das Metaverse zu verfolgen, war nicht so spannend, wie erhofft. Kaneshiros Palast war kaum eine Herausforderung für den Anführer, Joker, wie Goro überhört hatte. Die Code-Namen waren wirklich keine schlechte Idee, allerdings machten sie es wesentlich schwerer, ihre Identitäten in der realen Welt herauszufinden.

Wenn Goros Vermutung richtig lag, wusste er allerdings bereits, wer sich unter den Masken versteckte.

Joker, der charismatische Anführer, war eigentlich Akira Kurusu, Schüler der Shujin-Akademie im zweiten Jahr, und vorbestraft. Das wirre, schwarze Haar würde jedenfalls passen; dieselbe Größe hatten sie auch, und Goro meinte, hinter der schwarz-weißen Domino-Maske ein paar eisengrauer Augen gesehen zu haben. Akiras Stimme hingegen, war wesentlich anders als im Metaverse; wann immer er Goro Kaffee servierte, klang er ruhig und beinahe monoton, aber hier, im Metaverse, hatte er die raue Stimme eines Anführers.

Von einem sicheren Versteck oberhalb des Geld-Tresors beobachtete Goro, wie die kleine Gruppe sich durch die Schatten kämpften, um tiefer in den Palast vorzudringen. Kaneshiros Schatz lag eine Etage weiter unten, und sicher würden die Phantom Thieves es bald schaffen, seinen Schatz zu stehlen. Goro würde sie nicht davon abhalten, aber er würde ihren Fortschritt auf jedem Schritt verfolgen. Besonders den Anführer, Joker —

Moment. Wo war Joker?

Die anderen Phantom Thieves waren gerade von einer kleinen Gruppe aus Schatten umzingelt, die sie überwältigt hatten. Goro kniff die Augen zusammen und lehnte sich etwas nach vorn. Nicht weit genug, um entdeckt zu werden, aber weit genug, dass er die anderen besser sehen konnte. Tatsächlich — Joker fehlte. Wo war er?

Goro sah sich um, konnte ihn allerdings nirgendwo entdecken. Hm. Es war ihm nicht ähnlich, seine Freunde allein zu lassen, also wo —

“Du bist Black Mask, oder nicht?”

Jokers raue Stimme erklang direkt hinter ihm, und ein eiskalter Schauer lief über Goros Nacken. Langsam drehte sich Goro um, und tatsächlich, Joker stand nur wenige Schritte hinter ihm. Der kleine Durchgang war kaum breit genug für zwei Personen. Goro konnte nicht an ihm vorbei; Joker blockierte den Ausweg. Und von hier aus konnte er unmöglich nach unten springen. Verdammt.

“Du… Madarame hat von dir gesprochen. Du bist auch ein Persona-User, richtig?”

Was für eine dumme Frage.

Goro lächelte, obwohl Joker es durch seine Maske ohnehin nicht sehen konnte. Reine Gewohnheit. “Du hast mich erwischt, Joker.”

Ein Schauer ließ Joker erzittern. Huh. Mit dieser Reaktion hatte Goro nicht gerechnet, aber er konnte nicht sagen, dass es ihm nicht gefiel. “Was ist? Hat es dir die Sprache verschlagen?”

Joker schüttelte den Kopf. “Wieso… Wieso schließt du dich uns nicht an?”

Goro blinzelte verdutzt. Was? “Was?”

“Du solltest dich uns anschließen,” wiederholte Joker, etwas zuversichtlicher, und zuckte mit den Schultern. “Du scheinst mehr über diesen Ort zu wissen, als wir. Wir könnten deine Hilfe brauchen.”

Goro unterdrückte ein hysterisches Lachen. “Und warum denkst du, sollte ich mich dir und deiner kleinen Bande aus Möchtegern-Dieben anschließen wollen?”

Joker zuckte unwillkürlich zusammen. “Wieso nicht?” Er kam einen Schritt näher und streckte eine Hand aus. “Du kannst jederzeit aussteigen, aber… vielleicht kann ich dich von uns überzeugen.” Jokers Augen leuchteten hinter der schwarz-weißen Domino-Maske. Ein selbstsicheres Grinsen umspielte seine Lippen. Goro wollte dieses Grinsen am liebsten sofort aus seinem Gesicht wischen.

“Ganz schön arrogant für jemanden, der nichts zu bieten hat,” knurrte Goro und begab sich in einen lockeren Ausfallschritt. Wenn er es klug anstellte, konnte er Joker überwältigen und fliehen. “Wenn du mich besiegst, denke ich darüber nach. Falls du es nicht schaffst —” seine Hand wanderte zum Haft seines Schwerts, “— bist du meine Zeit ohnehin nicht wert.”

“Ich hoffe, du bereust das nicht,” erwiderte Joker und zog einen silberglänzenden Dolch mit schwarzem Haft hervor.

“Gleichfalls.”

Goro schloss die Distanz zwischen ihnen. Trotz des fehlenden Platzes, schaffte er es, einen erfolgreichen Angriff zu landen. Er traf Joker an der Schulter. Jokers Mantel riss an der Stelle, legte makellose, weiße Haut frei. Goro wollte seine Zähne darin versinken.

Er drängte Joker zurück, bis der Gang endete und in einen kleinen Raum voller Tresore führte. Der Platz ermöglichte es Goro, erneut zum Schlag auszuholen, doch dieses Mal war Joker vorbereitet; er blockte den Angriff ab. Metall schlug auf Metall. Funken sprühten, als sich ihre Klingen mit einem lauten Klirren trafen. Goro fletschte die Zähne, als Joker mutiger wurde. Seine Faust traf Goros Magengegend, und Goro stöhnte auf, als der Schmerz in seine Knochen drang. Er stolperte zurück. Er fing sich schneller wieder, als gedacht, und überraschte Joker mit einem Tritt in den Oberschenkel. Joker blieb standhaft, doch Goro stieß seine Schulter in Jokers Sternum und hörte, wie Jokers Atem rasselnd seine Lungen verließ.

Joker hustete, und Goro nutzte den Moment, um ihn von hinten zu überwältigen. Er schnappte nach Jokers Dolch, riss ihm die Klinge unsanft aus der Hand. Mit einem Arm umklammerte er Jokers Torso, presste Jokers Arme an seinen Oberkörper. Mit der anderen Hand hielt er die scharfe Klinge des Dolchs an Jokers Hals. “Keine Chance, Joker,” zischte er und leckte sich über die Lippen. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust, und für einen Moment hatte er Angst, dass Joker es an seinem Rücken fühlen konnte. “Gib auf.”

“Nein!”

Goro lachte, dunkel und bitter. “Zeig mir, wer du bist,” raunte er nah an Jokers Ohr. Er fühlte, wie Joker in seinen Armen erschauderte.

“Nimm den Dolch von meiner Kehle,” entgegnete Joker. “Bitte. Ich — Du hast gewonnen. Ich gebe auf.”

Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf Goros Lippen aus. “Wer weiß, Joker,” schnurrte er. “Wenn mir dein Gesicht gefällt, lasse ich dich vielleicht gehen.”

Joker schluckte.

Goro ließ locker, und als er die Klinge von Jokers Hals entfernte, atmete Joker erleichtert aus. Goro verstaute den Dolch in einem der Gürtel entlang seines Oberschenkels.

Joker drehte sich zu ihm. Er hob eine Hand, und Goro folgte der Bewegung mit den Augen. Mit den Zähnen streifte er den karminroten Handschuh von seiner Hand und ließ ihn achtlos auf den Boden fallen, bevor seine bloßen, schlanken Finger den Rand seiner Maske ertasteten.

Vorsichtig schob er die schwarz-weiße Domino-Maske nach oben, und entblößte sein wahres Gesicht vor Goro. Lange, schwarze Wimpern umrahmten seine stürmischen, grauen Augen. Akira Kurusu war nicht unattraktiv; im Gegenteil. Selbst Goro konnte zugeben, dass er etwas Anziehendes an sich hatte. Und ehe Goro sich versah, wurde er selbst zu einer der Motten, die von ihm angezogen wurden.

“Ich wusste es. Akira,” hauchte Goro. Erst, als er Akiras Blick bemerkte, realisierte er, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte.

“Du kennst mich…? Wer —” Akira kam einen Schritt näher, und Goro wich zurück. “Wer bist du?”

Goro konnte sehen, wie Akira nachdachte. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, und er musterte Goro von oben bis unten. Goro wusste, dass sein Outfit niemandem verraten würde, wer er war. Die Maske verdeckte sein gesamtes Gesicht, und der schwarz-violette Anzug den Rest. Akira konnte unmöglich —

“Moment. Akechi…?” Akira streckte eine Hand aus, und berührte den schwarzen Helm, der Goros Identität verbarg. “Akechi, wie kannst du —”

“Halt den Mund, du verdammter Idiot!” zischte Goro wütend. “Ihr habt diese Code-Namen nicht umsonst, richtig? Hör auf, meinen Namen zu sagen —” Oh. Verdammt.

“Ich wusste es!” Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf Akiras Lippen aus. “Nimm die Maske ab.”

Goro schüttelte den Kopf. “Nein.”Er verschränkte die Arme vor der Brust. Akira sah viel zu glücklich für jemanden aus, der gerade erfahren hatte, wer sein Stalker-Schrägstrich-Assassine war.

“Oh, komm schon!” Akira schürzte seine pinken Lippen und schmollte. Er schmollte. Goro unterdrückte ein Augenrollen.

“Fein,” erwiderte er und griff nach den Rändern des Helms auf seinen Schultern, zog die schwarze Maske über seinen Kopf. Er schüttelte den Kopf, um seine Haare aufzulockern.

“Ich fasse es nicht,” hauchte Akira und kam noch einen Schritt näher. “Ich… Die anderen müssen es erfahren. Wir —”

“Nein!” zischte Goro und funkelte Akira direkt an. Akira wich einen Schritt zurück. “Du wirst kein Wort darüber verlieren, wer ich bin, und was ich hier mache —”

Akira blinzelte. “Und… was genau machst du hier, Black Mask?”


*



Das metallische Klicken der Handschellen hallte zwischen den weiß-gestrichenen Wänden wieder, wie ein Echo. Hätte er mehr als ein Bett und einen Schrank in diesem Raum, würde vermutlich nicht jeder Ton so laut sein. Die Kette, die die Handschellen miteinander verband, klickte leise zwischen den Streben am Kopfende des Betts. Goros Bett.

Akiras Augen waren noch immer geschlossen, seine Wimpern lagen wie ein schwarzer Fächer über seinen Wangen. Goro streckte eine Hand aus, drehte eine der rabenschwarzen Locken um seinen Zeigefinger. Als er locker ließ, sprang die Strähne zurück in Form.

Vielleicht hatte er etwas… überstürzt gehandelt.

Das Adrenalin, dass ihn am laufen gehalten hatte, während er Akiras schlafende Form aus Kaneshiros Palast, aus dem Metaverse gebracht hatte, verebbte langsam. Mit Akira in seinem Bett, wusste er nicht weiter; so weit hatte er nicht gedacht. Erbärmlich; er war besser als das — als überstürzte Handlungen, als Kurzschlussreaktionen, wie ein fauchendes Tier, dass in eine Ecke gedrängt worden war und wusste, dass es keinen Ausweg gab, außer die Arme des Jägers.

Das Schlafpulver, dass er angewendet hatte, war bei Menschen offensichtlich wesentlich potenter als bei Schatten. Zuerst wollte er Akira lediglich für einen Moment schutzlos machen, um zu fliehen. Doch dann erinnerte er sich an, weshalb er seine Identität versteckte; weshalb Akira nicht erfahren sollte, wer der mysteriöse Persona-User war, vor dem ihn die Schatten von Madarame und Kaneshiro warnten.

Mit seiner wahren Identität entblößt, war er selbst in Gefahr, nicht nur Akira. Der kurze Anfall von Panik, ein Gefühl dass ihm eigentlich mehr als bekannt war, war offensichtlich genug, um ihn aus der Fassung zu bringen. Unter anderen Umständen, hatte er sich besser unter Kontrolle. Aber Akira —

Jokers Charme war anders als Akiras langweiliges, reales Selbst, doch allein seine Anwesenheit; sein verdammtes, charmantes Lächeln, seine warmen, grauen Augen, waren genug um den letzten, erbärmlichen Funken Kontrolle verglühen zu lassen, von dem Goro sich einredete, dass er ihn besaß.

Und jetzt, gab es ohnehin kein Zurück mehr.

Die anderen Phantom Thieves mussten bereits bemerkt haben, dass ihr oh-so-geliebter Anführer verschwunden war. Ob sie bereits nach ihm suchten? Vielleicht steckten sie noch in Kaneshiros Palast fest. Hoffentlich. Keiner von ihnen wusste, wer Goro wirklich war, also würden sie ihn hoffentlich nicht verdächtigen. Nicht, dass sie besonders viel ausrichten konnten.

Aber was… Was sollte er nun mit Akira machen? Ihn mitzunehmen war die zweite, unglaublich dämliche Idee gewesen, aber was sollte er schon tun? Ihn liegen lassen, damit er Goros schlechtgehütestes Geheimnis seinen Freunden erzählte? Nein, ganz sicher nicht. Dafür schätzte Goro seine eigene Haut zu sehr. Wenn Shido davon erfahren würde, dass der Anführer der Phantom Thieves wusste, wer er war, und was er als sein persönlicher Assassine im Metaverse trieb —

“Ngh,” Akira seufzte leise im Schlaf, laut genug, um Goro aus seinen Gedanken zu holen. Er stoppte abrupt in seinem Vorhaben, endlose Kreise in seinem Schlafzimmer zu wandern, und warf einen Blick auf Akiras schlafende Form.

Er warf den Kopf zur Seite, schwarze, wilde Locken fielen in seine Stirn. Seine Lider zuckten, und Goro wog gerade ab, wie sinnvoll es wäre, jetzt das Zimmer zu verlassen, als Akira die Augen aufschlug. Verdammt. Zu spät.

Verwirrt blinzelte Akira ein paar Mal, als würde er versuchen, die Reste eines Traums aus seinem Kopf zu vertreiben. Seine Augen suchten den Raum ab, bis sie auf Goro landeten, sich überrascht weiteten. “W-Was?”

Goro seufzte. Er hatte gehofft, das Pflaster noch eine Weile länger kleben zu lassen, doch jetzt — “Akira, du bist wach.” — musste es wohl abgerissen werden.

“Akechi?”

Goro versuchte es mit einem Lächeln, doch seine Mundwinkel wollten ihm nicht gehorchen. Akira blinzelte verwirrt, und als er versuchte, seine Hände zu bewegen, und lediglich auf metallenen Widerstand trafen, weiteten sich seine Augen in so etwas wie Panik. “W-was…? Akechi, was hast du —” Klack-Klack. Es war seltsam beruhigend zu sehen, dass die Handschellen wenigstens hielten.

“Akira, ich —” ich wollte nicht, dass du erfährst, wer ich bin. Ich wollte nicht, dass du mich so siehst. Ich — “lass es mich erklären.” Es klang schwach, selbst in seinen eigenen Ohren.

“Du —” Akira schluckte, der Adamspafel in seiner Kehle bewegte sich auf und ab. “— Was hast du vor?”

Er klang seltsam ruhig, für jemanden, der seine Hände nicht bewegen konnte. Kalkulierend. Akira musterte ihn, und Goro ergriff ein eiskalter Schauer. Was hatte er sich nur dabei gedacht? “Ich —” er schüttelte den Kopf. “Du hättest das nicht sehen sollen.”

“Was?”

“Mich,” stellte Goro klar. “Du hättest mich nicht sehen sollen, Akira. Du hättest nicht sehen dürfen, wer —” was ich bin.

“Wovon redest du, Akechi?” Akira zog die Augenbrauen zusammen. “Du bist Black Mask, ein anderer Persona-User, na und? Das wusste ich schon, nachdem wir uns im TV-Studio begegnet sind, und du Morgana gehört hast. Was ist damit? Du bist doch nicht —” seine Augen weiteten sich, sein Mund formte sich zu einem ‘O’.

“Ich —”

“Du bist nicht… nicht für die psychotischen Anfälle verantwortlich,” sagte Akira, wesentlich leiser, beinahe vorsichtig. Er schluckte. “Richtig? Du bist nicht —”

Akira war klug, das musste er ihm lassen. Vielleicht zu klug. Goro antwortete nicht. Stattdessen wendete er den Blick ab, starrte auf den dunklen Parkettboden. Biss sich auf die Lippe, als würde er nachdenken, als würde er sich tatsächlich dafür schämen. Als hätte er nicht bereits jede Schuld, jede Reue so tief in seiner Brust vergraben, dass er sie nicht mehr ans Licht holen könnte, selbst wenn er es wollte.

“Akechi,” sagte Akira vorsichtig, “Was hast du vor?” Seine Stimme war schmal. Leise.

Goro ballte eine behandschuhte Hand zur Faust, bis er den Widerstand des Leders an seinen Knöcheln fühlte. “Ich weiß es nicht,” gab er leise zu.

*



Akira konnte nicht weg. Was würde passieren, wenn Goro ihn gehen lassen würde? Das erste, was er tun würde, wäre vermutlich, den anderen Phantom Thieves zu erzählen, wo und vor allem bei wem er gewesen war. Und dann, was? Vielleicht würden sie Goro erpressen, und verlangen, dass er sich selbst stellte. Oder, schlimmer noch: Ihn dazu überreden, an sein Gewissen appellieren. Sobald sie bemerken würden, dass es zwecklos wäre; denn jemand wie Goro konnte sich nicht erlauben, ein Gewissen zu entwickeln, würden sie vermutlich auch noch überprüfen, ob er nicht selbst bereits einen Palast entwickelt hatte, den sie ausrauben konnten.

Doch was, nun? Er konnte Akira nicht für immer hier festhalten, aber er konnte ihn auch nicht einfach so, ohne weiteres, gehen lassen. Dafür war es zu früh. Er musste… Er musste sicher gehen, dass Akira ihn nicht verraten würde.

“Akechi,” sagte Akira vom Bett aus, “lass mich gehen.”

Goro schnaubte leise. Er stoppte in seiner Bewegung, schloss die Schranktür wieder. “Nein.”

“Aber —”

“Halt den Mund. Soll ich dich knebeln?” Er warf Akira einen Blick über die Schulter zu, hob fragend eine Augenbraue. Keine so schlechte Idee, wenn er genauer darüber nachdachte.

Akiras Wangen zierte plötzlich ein sanfter, roter Schimmer. Er wendete den Blick ab. “N-Nein, aber —” er seufzte. “Ich werde nichts sagen. Versprochen! Ich — dein Geheimnis ist bei mir sicher, okay? Ich wüsste sowieso nicht, wem ich es erzählen sollte —”

Goro drehte sich zu ihm. “Nicht?” wiederholte er unbeeindruckt. “Du würdest den anderen aus deiner kleinen Gruppe also nicht erzählen, wer sie verfolgt, wer sie eigentlich jagt? Wer euer Feind ist?”

“So siehst du dich?” erwiderte Akira, die Augenbrauen tief in die Stirn gezogen. Seine Augen waren warm, als sie auf Goro landeten. Bemitleidend. Ein saurer Geschmack stieg Goros Kehle empor. “Als unser Feind?”

Ein bitteres Lachen wich aus seiner Kehle, bevor er es herunterschlucken konnte. “Wie sonst würdest du unser Verhältnis bezeichnen? Ich habe öffentlich verkündet, dass ich die Phantom Thieves verurteilen würde. Und währenddessen —”

“Wir — Ich meine, ich — ich würde dir helfen, Akechi,” hakte Akira ein. “Du… Ich glaube nicht, dass du allein arbeitest. Wieso solltest du wahllos Menschen in den Wahnsinn treiben? Jemand muss dahinter stecken, dir die Aufträge erteilen, und —”

Halt den Mund. Ich will dein verdammtes Mitleid nicht. “Wieso glaubst du, ich würde es nicht wollen?” Langsam lief er auf Akira zu. Er sah, wie Akira vor ihm zurückweichen wollte, doch er kam nicht weit. Goro blieb einen Schritt vor der Matratze stehen, funkelte wütend auf Akira herab. “Glaubst du ernsthaft, jemand würde mich dazu zwingen?”

Er sah den Konflikt auf Akiras Gesicht. “J-ja, ich —” als er versuchte, seine Hände zu bewegen, klickten die Kettenglieder gegen den Bettpfosten. “… Ist es nicht so?”

Goro schüttelte den Kopf. “Nein.”

“A-aber —” klack-klack, “Du kannst das unmöglich wollen, Akechi! Wieso solltest du Unschuldige zum Selbstmord zwingen? Das ergibt keinen Sinn. Du bist nicht so —”

“Sag mir nicht, was ich bin,” zischte Goro. “Du hast keine Ahnung, wer ich bin, und selbst wenn, würde es nichts ändern! Was bist du schon? Ein Möchtegern-Krimineller, der den Held spielen will?”

“Was wir tun, hilft Menschen! Wir haben Leben gerettet, Akechi —”

Ein lautes, bitteres Lachen drang aus Goros Kehle, so laut, dass sein Hals schmerzte. “Leben gerettet?” wiederholte er zwischen zwei Atemzügen. “Oh bitte. Ihr rettet höchstens euch selbst. Eure Vorstellung von Gerechtigkeit ist kaum mehr, als Heuchelei.”

“Das ist nicht wahr! Wir —”

“Ihr könnt nicht jedes Herz von jedem schlechten Menschen stehlen und verändern,” unterbrach ihn Goro. “Ihr könnt nicht jeden retten. Was ihr macht, ist nutzlos.” Das Lachen verebbte. “Ihr seid keine Helden.”

“Wir sind immerhin besser, als du!” Akiras Augen glänzten dunkel, als er zu Akechi aufsah. Er hielt seinem Blick stand. “Du tust so, als wärst du perfekt, als wüsstest du, was Gerechtigkeit ist, aber alles, was du tust, ist Menschen zu schaden!”

Goro schnaubte leise. “Sprich es aus, Akira,” Seine Stimme war flach, monoton. Er hörte sich kaum selbst, als er sagte, “Ich weiß, was du eigentlich sagen willst. Ich töte sie. Ich treibe sie nicht nur in den Wahnsinn, ich nehme ihnen ihr Leben.”

Akira verstummte. Sein Protest löste sich in Luft auf. “Aber —”

Goro seufzte leise. Seine Schultern sackten zusammen. “Was, Akira?” Wie kannst du mich jetzt noch bemitleiden?

“Es muss einen Grund geben,” sagte er leise. “Ich… glaube nicht, dass du nichts dabei empfindest, Akechi. Ich —”

Goro stürmte aus dem Zimmer, bevor er es hören konnte, doch Akiras Stimme erreichte ihn trotzdem. Ich glaube nicht, dass du deswegen keinen Ausweg verdient hast.


*



Goro schlief das erste Mal, seitdem er das Apartment gemietet hatte, auf der Couch.

Nach dem Streit mit Akira, hatte er das Zimmer nicht mehr betreten. Stattdessen war er, erbärmlich wie er war, die ganze Nacht lang wach geblieben, hatte sich auf dem harten Polster hin und her gedreht, an die Decke gestarrt, an die Wände gestarrt, auf den Tisch vor sich, auf seine Hände. So lange, bis ihm die Schwere seiner Lider in einen unruhigen Schlaf gezogen hatten.

Akiras Stimme hallte selbst in seinen Träumen hinterher; nicht nur das — er sah ihn, als Joker, in Kaneshiros Palast. In seinem Traum, hatte er Joker ebenfalls überwältigt, nachdem er ihn erwischt hatte. Goro hatte ihn auf den Boden gepinnt, hielt Jokers Hände über seinem Kopf in einem eisernen Griff. Beide atmeten schwer, das Heben und Fallen von Jokers Brust war so deutlich unter dem schwarzen Mantel zu sehen. Goros Blick fiel auf seine geteilten, rosa Lippen.

“Akechi,” keuchte Joker unter ihm. “Ich weiß, wer du bist.”

Goro schüttelte den Kopf. “Du hast keine Ahnung —”

“Es ist mir egal,” unterbrach ihn Joker. “Ich will nur —” er räkelte sich unter Akechi, doch alles, was er erreichte, war sich näher an Akechi zu pressen. Wann waren sie sich so nahe gekommen…? “— lass mich frei,” betete er, seine Stimme war sanft. “Bitte.”

Goro sah auf, sah ihn Akiras offene, graue Augen hinter der schwarz-weißen Maske. “Nein.”

“Ich verrate nichts,” versprach Akira. “Kein Wort. Ich will —” seine Stimme brach ab, “— ich will mich dir anschließen, Akechi.”


Allein die Vorstellung war absurd.

So absurd, dass Goro nach Luft schnappend aufwachte. Mit einem Mal, schlug er die Augen auf, blinzelte gegen das helle Licht der Sonne, die durch seine Fenster fiel, bis die Reste des Traums verschwunden waren. Das konnte nicht sein, er konnte nicht wirklich so erbärmlich sein, zu glauben, Akira würde so etwas tatsächlich zu ihm sagen —

Goro legte eine Hand auf seine Brust. Sein Herz raste gegen seine Handfläche, als würde es jeden Moment aus seinen Rippen bersten. Ein warmes Gefühl breitete sich hinter seinem Brustkorb aus, so warm, dass seine Fingerspitzen kribbelten. Akira…

Goros Blick schnellte zu der Tür, die ihn und Akira voneinander trennte. Er war noch immer hier. Er war hier, und —

Kopfschüttelnd wendete Goro den Blick ab, presste die Augen zusammen, krallte seine Hände in die haselnussbraunen Strähnen an seinen Schläfen. Er musste den Traum so schnell wie möglich vergessen. Was auch immer sein Kopf sich für Szenarien zusammenreimte, es würde ohnehin niemals Wirklichkeit werden. Akira wusste, wer er war, und mit ziemlicher Sicherheit, war er mehr als angewidert von ihm.

Es lag auf der Hand, oder nicht? Wie könnte er jemanden wie Goro vertrauen? Wie könnte er ihm verzeihen?

Es war unmöglich. Es sei denn —

Nein, Akira vom Gegenteil zu überzeugen, war unmöglich. Was sollte er ihm sagen? Dass er gelogen hatte, und jedes Mal, wenn er einen Auftrag von Shido erhielt, sich lieber selbst ins Bein schießen würde, als einen weiteren Schatten in Mementos aufzusuchen und zuzusehen, wie der schwarze Schleim aus jeder Körperöffnung aus ihm floss, sobald Goro mit ihm fertig war?

Goro sah jedes Gesicht, jedes seiner Opfer so glaskar vor seinem inneren Auge, wie in dem Moment, als ihre Augäpfel in ihren Schädel rollten, als sie sich in schwarzen Rauch auflösten. Es verfolgte ihn, wenn er schlief, wenn er allein war; sobald er genug Zeit hatte, darüber nachzudenken, was er getan hatte. Wie viel Blut bereits an seinen Händen klebte. Wie jeder seiner Schritte vom Betteln und Schreien der Stimmen begleitet war, die er zum Schweigen gebracht hatte. Wie viele Leben er zerstört hatte. Akira könnte niemals —

Bevor er den Gedanken zu Ende bringen konnte, schwang er die Beine über die Couch und sprintete in das Badezimmer am Ende des Flurs seiner kleinen Wohnung. Er schälte sich aus seinem Blazer, dem Hemd und den Anzughosen, die er in der letzten Nacht nicht ausgezogen hatte; dann sprang er unter die Dusche.

Als das kalte Wasser seine Haut traf, zischte er laut auf. Es war so kalt, dass die Tropfen durch seine Haut schnitten, wie Messer. Er ertrug es, wie jedes Mal, wenn er sich so fühlte. Als würde er aus seiner eigenen Haut fahren, als würde er von innen brennen, in zwei Teile zerbrechen. Wie jedes Mal, wenn er versuchte, sich selbst wieder zusammenzuflicken, brachen die Ecken und Kanten in ungleichmäßige Puzzleteile.

Goro lehnte seine Stirn gegen die Fliesen und ertrug es, bis er die Kälte nicht mehr fühlte. Sein gesamter Körper war von einer schmerzhaften Gäsenhaut überzogen, seine Haut spannte, war zu eng. Seine Glieder protestierten, als er aus der Dusche steigen wollte. Er stellte das Wasser ab und schnappte nach einem Handtuch, wickelte es um seine Mitte, nachdem er sich halbherzig abgetrocknet hatte. Einige Tropfen rannen in eiskalten Bahnen über seine Schultern, hinterließen scharfe, betäubende Schnitte.

Sein Herzschlag beruhigte sich langsam, als er seine Finger in das Keramik des Waschbeckens bohrte. Er sah auf, und sein Spiegelbild sah verurteilend zurück. Die letzte, schlaflose Nacht sah man deutlich in den Schatten unter seinen Augen, in seinen eingefallenen Wangen.

Mit zitternden Händen griff Goro nach einer Bürste und kämmte durch die nassen Strähnen, dann zwang er sich dazu, seine Zähne zu putzen und eine kleine Menge Concealer unter seinen Augen aufzutragen. Die Fassade war wieder intakt; wenigstens sah er jetzt weniger erbärmlich aus, auch wenn er sich nicht weniger erbärmlich fühlte, als vorher.

Er wollte sich gerade etwas frisches anziehen, als ihm auffiel, dass er keine neue Kleidung mitgebracht hatte.

Denn… diese war im Schrank. In seinem Schlafzimmer. Wo Akira seit letzter Nacht lag.

Fuck.


*



Mit nichts weiter als einem Handtuch um die Hüfte gewickelt, legte Goro eine zitternde Hand an die Türklinke. Er nahm einen tiefen Atemzug, zählte gedanklich bis zehn, dann drückte er die Klinke nach unten.

Es gab kein Zurück mehr; er betrat sein Schlafzimmer, und zu seinem wachsenden Horror, war Akira bereits wach.

Großartig. Er hatte wirklich vermeiden wollen, dass Akira ihn in diesem Zustand sah.

Akiras Augen hafteten auf ihm, wanderten an ihm herunter, und als er sah, dass Goro quasi nichts trug, wendete er den Blick ab, versteckte die Hälfte seines Gesichts in seiner Armbeuge.

“G-Guten Morgen, Akechi,” murmelte er, seine Worte gedämpft durch seinen Arm.

“Mhm,” erwiderte Goro müde. Er zog sich ein Hemd, Sweater-Pullover und Hosen aus dem Schrank, dann verließ er das Zimmer wieder.


*



Das nächste Mal, als er Akira gegenüberstand, hatte er immerhin eine Tasse Kaffee in der Hand. Es roch nach billigem Filterkaffee; Akira rümpfte die Nase. Selbstverständlich war er Besseres gewöhnt, und Goro begann bereits, den Kaffee aus dem Leblanc zu vermissen. Er stellte die Tasse auf dem Nachttisch ab, dann kniete er sich neben das Bett. Auf diese Weise, war er auf Augenhöhe mit Akira.

“Du hast mir keinen Kaffee mitgebracht?” fragte Akira und schürzte die Lippen zu einem Schmollen.

“Nicht, dass du die Tasse überhaupt halten könntest,” erwiderte Goro trocken. Er fluchte innerlich, als er sah, wie Akira zusammenzuckte.

“Du könntest mich los machen,” schlug Akira vor, in einem Ton, als würde er über das Wetter reden.

Goro seufzte. “Du weißt, dass ich das nicht kann,” antwortete er leise. Er griff nach dem Henkel der Tasse, um seine Hände zu beschäftigen. Seine Finger legten sich um das warme Keramik.

“Akechi,” begann Akira, “Du weißt, dass du mich nicht ewig hier festhalten kannst.”

Es stimmte, und Goro wusste das, ebenso gut wie Akira. Realistisch gesehen gab es zwei Möglichkeiten: Entweder, Akira kam früher oder später raus, oder er würde dieses Zimmer nie wieder verlassen. Goro schluckte schwer. Er wusste, welche Möglichkeit er bevorzugte, auch wenn es riskant war. Shido würde lachen, wenn er sehen würde, was für ein schwaches Herz Goro hatte.

“Das will ich auch nicht,” sagte er mit so viel Überzeugung, wie er aufbringen konnte. “Ich habe einen Vorschlag für dich. Wirst du mir zuhören?”

Akira nickte. “Habe ich eine Wahl?”

“Nein,” erwiderte Goro. “Hör mir zu: Ich… kann dich nicht frei lassen, mit dem Risiko, dass du mich verrätst. Aber ich kann dich genau so wenig verschwinden lassen.”

Bei den Worten, ‘Verschwinden lassen’, sog Akira scharf die Luft ein .

“Ich meine nicht —” Goro schüttelte den Kopf. Er seufzte, dann stellte er die Tasse Kaffee zurück auf den Nachttisch. “Hast du Angst?”

“Angst?” wiederholte Akira mit zusammengezogenen Augenbrauen.

“Lass es mich anders formulieren,” sagte Goro und streckte eine Hand aus. Akira wich instinktiv zurück, doch Goro folgte ihm; legte eine Hand sanft an Akiras Wange. Seine Haut war so warm. “Hast du Angst… vor mir?”

Akira öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn wieder, als würde er etwas sagen wollen, doch kein Wort verließ seine Lippen. Stattdessen wärmten sich seine Wangen unter Goros Hand; der sanfte, rote Schimmer kehrte zurück. Schließlich schüttelte Akira vorsichtig den Kopf, ohne seine Augen von Goro zu nehmen. Mit der Bewegung, lehnte er sich Goros Hand näher entgegen, intuitiv oder nicht; Goro konnte nicht sagen, dass er das Gefühl nicht genoss.

“Bist du sicher?” hakte Goro nach, streichelte mit dem Daumen über Akiras Wange. Er lehnte sich nach vorn, dann ließ er seine Hand über Akiras Schläfe zu seinem Haaransatz wandern. “Du weißt, was ich getan habe,” sagte er, während er seine Finger in Akiras wirren, schwarzen Strähnen vergrub. “Das macht dir keine Angst? Du findest es nicht abstoßend?”

“Akechi, ich — ah!” Akira kniff die Augen vor Schmerz zusammen, als Goro den Griff in seinem Haar verstärkte. “Ich weiß nicht, was du meinst, ich — ich —”

“Antworte mit ‘ja’ oder ‘nein’, Akira,” kommandierte Goro.

“N-Nein. Nein!” erwiderte Akira, seine Augen noch immer zusammengepresst. Goro sah, wie sich kleine, runde Tränen in seinen Augenwinkeln bildeten.

“Sieh mich an,” kommandierte er. Er merkte nicht, dass er sich Akira entgegenlehnte; alles, was er wollte, war Akiras Augen zu sehen; zu sehen, ob er log.

Akiras Lider flatterten, als er seine Augen öffnete. Mit halbgeschlossenen Lidern, blinzelte er zu Akechi herauf. Die kleinen Tränen in seinen Augen, rollten an seinen Schläfen herunter. Akechi wollte ihre Route mit seiner Zunge verfolgen, erfahren, ob sie so süß schmeckten, wie sie aussahen.

Akira wimmerte. “Wieso tust du das?”

“Ich habe dir eine Frage gestellt,” unterbrach ihn Goro. “Antworte mir.”

Akira blinzelte, und eine weitere Träne rann aus seinem Augenwinkel. Er schluckte, als er antwortete, “Nein.”

“Bist du dir sicher?” Goro suchte in seinem Ausdruck nach etwas, dass ihm verriet, dass er log. Irgendetwas. Ein kleines Zucken seiner Mundwinkel, der unverkennbare Ausdruck von Abscheu in seinen Augen. Doch… er sah nichts dergleichen.

Akiras Augen glänzten warm, als er Goros Blick erwiderte. “Nein,” wiederholte er, und Goro… glaubte ihm.
 
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