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Twists and Turns

Kurzbeschreibung
OneshotHumor, Action / P16 / Mix
Elena Reno Rude Tseng
19.12.2021
19.12.2021
1
8.210
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19.12.2021 8.210
 
Diese Geschichte widme ich nachträglich meiner kleinen Pastel Melon, die bereits Ende September Geburtstag hatte, aber leider ist mir erst jetzt gelungen, dieses Werk fertigzustellen. :c

Melon ist mir unfassbar ans Herz gewachsen und ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Dieses Jahr kennen wir uns schon seit 5 Jahren. (❃•̤ॢᗜ•̤ॢ)✲*。♡

Alles Liebe nachträglich auch noch einmal auf diesem Wege. *kisu kisu* UwU

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Twists and Turns


An der letzten Ampel vor dem Shinra-Hauptquartier drückte Reno seine Kippe aus und spülte den Rest des lau gewordenen Kaffees herunter. Angewidert rümpfte er die Nase. In der Mittelkonsole stapelte sich mittlerweile ein kleines Türmchen der braunweißen Pappbecher. Dabei fing das Zeug einfach nicht an, besser zu schmecken. Wieso auch? Es kam jedes Mal aus demselben abgegriffenen Automaten und wurde ihm jedes Mal von demselben grimmigen Typen über die Theke geschoben. Der schnurrbärtige Kauz hatte sein letztes Lächeln vermutlich seiner Erzeugerin geschenkt, als die ihm noch überfüllte Löffel mit Bananenbrei zwischen die Kauleiste geschoben hatte. Wobei, nein, das stimmte nicht ganz, wie Reno selbst bezeugen konnte. Auch ihm war ein winziges Lächeln zuteilgeworden.

Vor wenigen Wochen hatte er zufällig einen bewaffneten Überfall auf den kleinen Kiosk am Rande der Einkaufsmeile von Sektor 1 vereitelt. Der Täter? Ein abgehalfterter Typ, etwa Anfang 40 mit zerschlissenen Klamotten. Slum-Abschaum. Hatte es irgendwie mit einer gestohlenen ID-Karte auf die Platte geschafft und dann gedacht, er könnte sich ungeniert die Taschen vollmachen. Der Idiot wollte nicht hören und brav warten bis die freundlichen Herren der Schutztruppen eintrafen, um ihn zum Verhör mitzunehmen. Es endete mit einem blauen Auge und einem ausgekugelten Arm.
   Den Unannehmlichkeiten sei Dank stand Reno seitdem jeden Morgen ein Gratiswachmacher und die ein oder andere unentgeltliche Zigarettenschachtel zu. Ganz schön praktisch! Half nur nicht sonderlich dabei, den Tag mal ohne zwei seiner Laster zu beginnen. Aber ’nem geschenkten Chocobo schaute man nicht in den Schnabel.

Seine geschätzte Kollegin Elena hielt ihm immer wieder Vorträge. Wie wär’s mal mit einem reichhaltigen Frühstück, Reno? Dann geht dein Teint morgens auch über den einer weißen Wand hinaus.
   Reno bezeichnete das als vornehme Blässe. Zudem pflegte er seine Haut regelmäßig mit allerhand verrückten Gesichtscremes, damit er keine vorzeitigen Falten bekam. Elena konnte nicht sagen, dass ihm seine Gesundheit egal war. Und außerdem: er hatte schon mehrmals gefordert, dass sie ihm morgens doch zwei frisch belegte Sandwiches auf den Platz stellen könnte. Wäre immerhin mal ein bisschen Überzeugungsarbeit für ihre dreiste Behauptung. Aber lieber stichelte sie ihn nur mit gut gemeinten Ratschlägen.
   Wie gut, dass Reno ihren wunden Punkt kannte. So hatte er den Finger direkt am Abzug, wenn sie ihm mal wieder zu sehr auf den Geist ging.

Er parkte in der firmeneigenen Tiefgarage und versuchte, ausnahmsweise keinen Pfeiler zu schrammen. Tseng drohte schon länger damit, ihm den Wagen ganz abzunehmen, wenn er es nicht für nötig hielt, sich zu bessern. Bei Gehaltsverhandlungen warf Reno seinen ramponierenden Fahrstil zwar nicht mit in den Bottich seiner guten Taten, aber weil er ansonsten stets vorzeigbare Ergebnisse ablieferte, drückte zumindest Rufus immer wieder ein Auge zu. Oder zwei. Der Präsident konnte so gütig sein, wenn er in der Stimmung war.
   Ganz im Gegensatz zu Tseng. Der verbohrte Direktor der Turks hatte seine eigenen Vorstellungen von Recht und Ordnung. Manchmal schlichtete Rufus ihre Auseinandersetzungen, doch viel zu oft war er nicht dabei und die Machtkämpfe nahmen ihren Lauf.

Zigaretten, Handy, ID-Karte. Letzter Check vor dem Aussteigen. Reno verriegelte den Wagen mit einem Knopfdruck auf den Funkschlüssel; zur Bestätigung piepste es zweimal.
   Auch wenn die Uhrzeit zu mehr Eile gebot, schlenderte der Turk gemütlich zu den Aufzügen herüber. Heute stand ein ganzer Tag Büroarbeit an. In Renos Welt eher Strafarbeit. Da klebten die Uhrzeiger förmlich am Ziffernblatt fest und er rauchte gefühlt noch exzessiver als ohnehin schon, weil er nicht für fünf Minuten auf seinem süßen Hintern sitzen bleiben konnte.

„Morgen Ladys!“ Im Büro, das Reno sich mit Elena und seinem langjährigen Partner Rude teilte, herrschte arbeitsame Stille. Elenas zierliche Gestalt versank zwischen den Dokumentstapeln auf ihrem Schreibtisch und Rude quälte das Scrollrad seiner Maus. „Schön, spart euch die stehende Ovation ruhig für später auf.“
   Unwillig pflanzte Reno sich an seinen Platz. Rude warf ihm einen forschenden Blick über die getönten Gläser seiner Sonnenbrille zu. Selten sah man ihn ohne das modische Accessoire und wenn doch, verrieten seine treudoofen Augen, was für ein netter Kerl er eigentlich war. Ein Eindruck, auf den seine imposante Gestalt, der kahl geschorene Schädel und die Klunker in seinen Ohren nicht unbedingt schließen ließen.
   „Hab‘ dich heute Morgen angerufen. Wollte dich mitnehmen. Wie abgemacht.“
   „Oh, ja, richtig …“, erinnerte sich Reno schlagartig. „Sorry, Kumpel. Ich musste noch meinen Besuch von letzter Nacht verabschieden.“ Er grinste anzüglich. „Wir konnten uns einfach nicht voneinander trennen.“
   Rude spitzte den Mund und sparte sich einen Kommentar. Einer der Züge, den Reno an dem schweigsamen Hünen wertschätzte. Er steckte seine Nase nicht in Angelegenheiten, die ihn nichts angingen.

Die Minute rückte näher, da Reno sich nicht mehr vor der Arbeit drücken konnte. Eine Zigarettenlänge hätte er noch, bis der PC hochgefahren war.
   Beim beherzten Griff in die Tasche seines Jacketts hielt er inne. Ungläubig fiel sein Blick auf den schwarzen Mappenstapel, der sich in seiner Ablage auftürmte. War der gestern auch schon da gewesen?
   „Was ist das denn?“
   „Von Tseng. Deine Arbeit für heute.“ Elenas erste Worte an diesem Morgen. Als hätte sie nur darauf gelauert.
   Reno griff nach der obersten Mappe und warf einen Blick hinein. Moment mal, das waren die Berichte von letzter Woche; alle fertig und zur Prüfung bei Tseng eingereicht. Was passte diesem Fliegenbeinzähler wieder nicht?
   „Soll ich mit den Berichten mein Schlafzimmer tapezieren? Oder sie als Lektüre mit aufs Klo nehmen?“ Auch in den anderen Mappen befanden sich ausschließlich abgearbeitete Lageberichte. „Was soll der Scheiß? Hat Tseng was dazu gesagt?“
   Rudes Kehle verließ ein knurrender Laut. Seine Art zu lachen. „Willst du wirklich wissen, was er gesagt hat, Partner?“
   Reno sah finster von der Mappe auf. „Na, so schlimm kann’s schon nicht sein, oder?“
   „Er meinte, deine Berichte lesen sich wie der Aufsatz eines Grundschülers.“ Elena fixierte ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Spott. „Du sollst die Berichte alle neu schreiben. Tseng hat dir außerdem sämtliche Schriftarten, außer der Firmeninternen, gesperrt, damit du nicht mehr damit herumspielen kannst. Wir feiern hier nämlich keinen Kindergeburtstag, auch wenn du geistig wohl ewig 12 bleiben wirst, Reno.“
   Reno zog die Augenbrauen kraus. „Wieso bist du wieder so biestig zu mir?“
   „Habe noch was gut für deine freche Klappe von gestern“, stellte Elena klar.
   „Gestern?“
   „Tu nicht so, als hättest du es vergessen.“
   Reno warf einen Blick an die Decke und angelte angestrengt in seinem Gedächtnis. Darin fand er vor allem Erinnerungen an die sündige Nacht mit dem schnuckeligen DJ, den er gestern Abend im Tanzclub aufgerissen hatte. Es war nur etwas Unverbindliches, aber dafür prickelte es bei dem Gedanken an ein baldiges Wiedersehen umso mehr …
   „Was erwarte ich eigentlich von dir“, seufzte Elena und riss ihn aus seinen schwärmenden Gedanken.
   „Ach, El, du nimmst es einfach zu genau.“
   „Sei froh, dass ich Tseng nichts davon erzählt habe. Sonst hättest du noch eine Abmahnung obendrauf bekommen.“
   Reno grinste. Er hatte ihr doch nur ein paar Datingtipps gegeben, damit sie nicht mehr so frustriert war. Eigentlich ein netter Zug von ihm. „Wie gütig von dir. Aber auch ein bisschen dumm, oder? Wäre doch die perfekte Gelegenheit gewesen, dich bei ihm einzuschleimen und auf Jungfrau in Nöten zu machen.“
   „Bla, Reno.“
   „Hey, ich verstehe deine missliche Lage. Jeden Tag willst du ihm am liebsten breitbeinig ins Gesicht springen, damit er endlich kapiert, wie verschossen du in ihn bist. Aber jeden Abend liegst du im Bett und vertraust darauf, dass es am nächsten Tag endlich klappt.“
   „Bist du jetzt fertig?“
   „Schmink’s dir doch einfach ab, dass Tseng dich mal fein ausführt und anschließend flachlegt. Der ist mit seiner Arbeit verheiratet und hofiert außerdem lieber Rufus. Tut mir leid, Miezekätzchen.“

Elena schnaubte genervt und gab vor, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren, doch ihre zuckenden Mundwinkel und der steile Graben auf ihrer Stirn verrieten ihren Ärger. Jetzt noch ein falsches Wort und sie explodierte. Das Spielchen kannte Reno schon. Eigentlich wollte er sie ja gar nicht ständig zur Weißglut bringen, aber sie schwangen sich immer wieder zu neuen Wortgefechten auf.
   „Hey, El, ich war ‘n Arsch, tut mir leid“, brachte Reno zur Entschuldigung vor. „Frieden? Beste Freunde? Kuss?“
   „Fang lieber mit deiner Arbeit an, Reno“, brummte sie schnippisch.
   Tja, wo sie recht hatte! Reno schlug die Mappe in seinen Händen zu und legte sie zurück auf den Stapel. Seine Motivation, sich dem längst erledigten Kram erneut zu widmen, war genauso bescheiden wie sein gegenwärtiger Alkoholpegel. Aber vielleicht ließ Tseng sich umstimmen. Reno war meisterlich darin, anderen Leuten das Wort im Mund herumzudrehen und die Umstände zu seinen Gunsten auszulegen. Tseng gehörte zwar nicht zu seinem bevorzugten Beuteschema, aber an einem harten Gegner wie ihm übte es sich schließlich am besten.
   „Wartet’s ab. Tseng wird seine Meinung schon ändern und meine Berichte mit Kusshand abzeichnen. Aber erstmal …“ Er stand auf und reckte sich ausgiebig. „… geh‘ ich eine rauchen.“
   „Verdammt nochmal, Reno!“, fauchte Elena, sodass jeder geschlechtsreife Behemoth-Bulle den Schwanz eingezogen hätte. „Du bist nicht mal zehn Minuten hier, hast noch keinen Handschlag getan, außer zu nerven und glaubst ernsthaft, dir steht eine Raucherpause zu?! Ach, zu spät warst du auch noch! Wie immer! Merkst du eigentlich noch was?“
   Reno tauschte einen kurzen Blick mit Rude, der warnend den Kopf schüttelte. „Bin ich auf den Zündknopf gekommen ...?“
   „Wie kann man so dreist und unverschämt sein?!“
   „Na, du hast mir immer noch keine Sandwiches mitgebracht, also muss ich meinen Nährstoffmangel leider anders ausgleichen, oder?“

Eilig verließ Reno den Raum bevor Elena noch die Beherrschung verlor und ihm den Briefbeschwerer an den Kopf warf. Tief im Innern liebte er sie genauso, wie er Rude liebte. Sie waren ein Team, eine kleine Familie, und er wollte keinen von beiden je missen. Die Neckereien gehörten einfach zu ihnen, wie romantische Gondelfahrten beim Besuch im Gold Saucer.
   Er fischte die Kippenpackung aus seiner Tasche und nahm einen Stängel heraus. Der Geschmack der letzten Zigarette lag ihm zwar noch auf der Zunge, aber das war wie vor Endgegnern in Videospielen: man zog nur gewappnet in den Kampf.

~~~

„Reno, nochmal: Diskutiere nicht mit mir und geh‘ an die Arbeit.“ Tseng sah ihn nicht an, während er mit ihm redete. Er bevorzugte es, stur auf seiner Tastatur zu tippen oder etwas in einem Hefter zu notieren. Heute hielten es offenbar alle für die beste Idee, ihn wie Luft zu behandeln.
   „Meine Berichte werden nicht besser, nur weil ich sie nochmal schreibe, Tseng“, hielt Reno selbstgefällig dagegen.
   „Sie würden besser werden, wenn du dir die Mühe machen würdest, ein Wörterbuch zur Hand zu nehmen. Ich kämpfe mich nicht seitenweise durch deine abenteuerliche Schreibweise einfachster Begriffe. Du bist alt genug, um die Grundkenntnisse unserer Sprache zu beherrschen.“
   „Das ist also dein Problem?“ Reno verschränkte empört die Arme vor der Brust. Eine Prise Theatralik taugte immer, um den Anderen in seiner Sichtweise zu verunsichern. „Ich traue dir genug Intelligenz zu, um zu wissen, was ich meine. Auch, wenn mal ‘n Buchstabe fehlt. Oder zwei.“
   „Das ist reizend, Reno. Aber es geht hier nicht um mich, sondern um deine Einstellung zur Arbeit. Du kommst zu spät, du erlaubst dir Raucherpausen, wann immer dir der Sinn danach steht, du schmierst deine Berichte hin und erwartest, dass irgendein Trottel sich schon durch sie hindurch kämpft. Diese Unart treibe ich dir aus.“
   „Trottel? Hab‘ ich nie gesagt.“
   „Du schreibst die Berichte neu. Alle. Und zwar bis Ende der Woche.“
   „Das sind nur noch 2 Tage.“
   „Richtig, also fang lieber an.“

Reno biss die Zähne aufeinander, obwohl ihm dreiundzwanzigtausend Flüche auf der Zunge lagen. Jetzt nur nicht nachgeben. Es war noch nichts entschieden. Er setzte sich auf einen der beiden Stühle vor Tsengs Schreibtisch, um seinem Vorgesetzten zu signalisieren, dass sie noch nicht am Ende ihrer Diskussion angelangt waren.
   Tseng seufzte missbilligend. „Was wird das, Reno? Willst du mir wieder blauen Dunst vormachen?“
    „Du bist der Boss, Tseng, das respektiere ich. Ja, dein Wort ist Gesetz. Wenn du sagst, ich soll das Maul halten, dann halte ich das Maul. Zip!“ Reno zog einen imaginären Reißverschluss vor seinen Lippen zu.
   „Ein Segen. Jetzt raus hier.“
   „Das Ding ist aber, dass auch du noch viel lernen musst, Boss. Menschen sind keine Maschinen. Wir alle haben unsere Stärken und Schwächen. Wir leben in einer Welt der Gegensätze. Alles in dieser Welt hat zwei Pole. Kein Licht ohne Schatten.“ Reno breitete die Hände vor sich aus und grinste. „Auch ein Perfektionist wie du muss das anerkennen.“
   Zum ersten Mal sah Tseng von seiner Arbeit auf und durchbohrte Reno mit einem stechenden Blick. Die streng zurückgebundenen, schwarzen Strähnen, die sein Gesicht rahmten und ihm über die Schultern fielen, ließen seine Miene noch härter wirken.
   „Bist du dir sicher, dass du das weiter ausführen möchtest?“
   Reno lehnte sich nach vorn und blickte tief in die kastanienbraunen Augen seines Gegenübers. Schon als Kind hatte er gern mit dem Feuer gespielt. Selbst der Unfall mit einer gefundenen Feuermateria in seinem Kinderzimmer hatte daran nichts geändert.
   „Es ist noch kein Chocobo auf einen Baum geklettert, nur weil du es so wolltest, Tseng. Das musst du akzeptieren, auch wenn du dich auf den Kopf stellst. Sie sind ’ne super Einnahmequelle, wenn’s um Wettrennen geht. Die Viecher könnten den ganzen Tag durch die Gegend eiern und wären es noch nicht satt. Aber klettern? Nicht ihr Ding. Einfach nicht ihr Ding, Mann.“
   Tsengs Miene blieb versteinert. Er blinzelte nicht einmal. Manchmal glaubte Reno, er war nur eine weiterentwickelte Blechbüchse mit dem Aussehen eines Menschen. Würde so manches erklären.

Ohne sein Grinsen abzulegen, lehnte Reno sich im Stuhl zurück. Vielleicht hatte er Tseng auch sprachlos gemacht, ihn dazu gebracht, einzusehen, wie falsch er lag. Dann wäre das hier ein voller Erfolg und er dürfte sich wohl auf einen entspannten Tag einstellen.
   „Also, was sagst du? Vergessen wir das ganze Thema mit den Berichten einfach? Ich sag‘ auch keinem, dass du dich geirrt hast. Irren ist menschlich.“
   „Es ist immer wieder beeindruckend, mit welcher Beharrlichkeit du zu vermeiden versuchst, deine Berichte zu schreiben.“
   „Ich habe nun mal Prinzipien.“
   „Die habe ich auch. Ich gebe nicht nach, nur weil du glaubst, wegen deiner Vorlieben bei der Arbeit könntest du nicht lernen, deinen Papierkram vernünftig zu erledigen.“
   Reno schoss im Stuhl empor. „Das sagst du nur, weil du mir aus Prinzip nicht zustimmen willst.“
   „Reno …“
   „Tu nicht so, als wär’s anders. Mit dir kann man einfach keine Geschäfte machen.“
   „Ich will die sauberen Berichte über Angus Moreno bis Freitag auf meinem Schreibtisch liegen haben. Wenn es eine orthografische Katastrophe wie beim letzten Mal wird, fängst du noch einmal von vorne an.“
   „Pf, orthografische Katastrophe. Du glaubst wohl, ich weiß nicht, was das heißt.“
   „Ich hoffe sehr, dass du weißt, was das heißt. Und jetzt raus hier.“

„Ein siegreicher Reno sieht anders aus“, stänkerte Elena mit einem hämischen Grinsen, als Reno zurück ins Büro gestapft kam.
   „Tseng braucht eine Schulung in Mitarbeiterführung.“
   „Braucht er sicher nicht. Du brauchst einen Benimmkurs.“
   Reno lümmelte sich auf seinen Stuhl und malte mit dem Cursor Kreise auf seinem Bildschirm. Einen Moment lang versuchte er noch, den Mappenstapel und die Tatsache, dass er alles neu machen musste, zu ignorieren. Aber dieser schwarze Turm war übermächtig. Genauso übermächtig wie der Stock in Tsengs Arsch.
   „Beiß dir nicht ständig die Zähne an ihm aus, Reno“, brummte Rude „Ziehst den Kürzeren.“
Elena seufzte. „Reno wird es nie begreifen. Manchmal tut er mir ein bisschen leid für seinen Dickkopf. Aber nur ein bisschen.“
   „Klappe. Ist nichts Neues, dass Tseng einer abgeht, wenn er die Boss-Karte ausspielt.“
   „Was soll er sonst tun? Du nötigst ihn dazu, Dummkopf.“
   Widerwillig klickte Reno sich in das Verzeichnis mit den Dateien und öffnete den obersten Bericht. Doch schon beim Lesen der ersten Zeile übermannte ihn unwiderstehliche Unlust und das Bedürfnis nach einer Kippe.

Ihm standen ein paar harte Stunden bevor.

~~~

Am Nachmittag gönnte er sich auf der Dachterrasse eine wohlverdiente Pause und ließ seinen Blick über die Dächer von Midgar schweifen. Unter ihm rauschte der Verkehr vorbei, während in der Ferne nebliger, türkiser Dunst über den Reaktoren aufstieg. Die acht gigantischen Kessel waren immer in Betrieb, um die ewig durstige Stadt mit Strom zu versorgen.
   Anders als die Reaktoren hatte Reno für heute genug von der Arbeit. Zwei Drittel der Berichte hatte er bearbeitet, allerdings noch nicht überarbeitet, nachdem Elena ihm bei ihrer Korrektur viel zu viel rot angestrichen hatte. Den Rest verschob er besser auf morgen. Seine Konzentration war bis zum letzten Tropfen aufgebraucht.

„Hier bist du.“ Tseng trat zu ihm hinaus und blieb an der Tür stehen. „Man muss dich nie lange suchen. Wie läuft es?“
   Reno lehnte sich mit dem Rücken gegen die Brüstung. „Sieht man das nicht?“, entgegnete er und inhalierte den Rauch seines nächsten Zugs bis tief in die Spitzen seiner Lungen.
   „Deine Berichte zu schreiben, kostet dich mehr Nerven, als jede blutige Auseinandersetzung, oder?“
   Reno hob die Schultern. „Ich bin der Chocobo, von dem du erwartest, dass er den Baum rauf klettert.“
   Tseng hatte nur ein müdes Lächeln für ihn übrig. „Der Präsident hat mich beauftragt, ihm ein paar Dinge zu besorgen. Da ich nicht viel Zeit habe, könntest du mir behilflich sein.“
   „Im Ernst? Ich tu’ alles, um hier raus zu kommen.“
   Tseng sah wenig überrascht aus. „Das habe ich mir gedacht.“
   Reno nahm den Aschenbecher vom Boden auf und drückte seine Zigarette darin aus. „Hast du am Ende doch noch einen Funken Mitgefühl für mich übrig?“
   „Wir wollen es mal nicht übertreiben. Das hier ist keine Freistellung von der Arbeit.“
   „Ja, ja, ich weiß. Bin ja nicht doof.“
   Er schlenderte Tseng hinterher und freute sich auf die spontane, aber willkommene Spritztour mit seinem Vorgesetzten.

Die geschwungene Karosse von Tsengs viertürigem Coupé war so schwarz wie seine Seele. Das Design der großen, silbernen Felgen erinnerte Reno an das Aussehen einer Dampfturbine. Keinerlei Schrammen oder Beulen verunzierten den schnittigen Wagen. Tseng lieferte sich ja auch normalerweise keine wilden Verfolgungsjagden mit Flüchtigen; obwohl das Teil vermutlich genug Bums unter der Haube hatte. Die meiste Zeit tuckerte Tseng zur Arbeit und zurück oder kutschierte Rufus durch die Gegend.
   „Ist die Kiste neu oder hab‘ ich Gedächtnisschwund?“
   Tseng lächelte. „Ein kleines Präsent des Präsidenten.“
   „Klein, huh?“
   Welchen Schnickschnack die Kiste wohl zu bieten hatte? Rufus hatte für seinen persönlichen Chauffeur sicherlich den gesamten Ausstattungskatalog angekreuzt.

Im Innern duftete es nach Neuwagen und Leder. Türkise LED-Paneele erleuchteten das minimalistisch gehaltene Designer-Armaturenbrett und ein großzügiges, brillantes Multifunktionsdisplay in der Mitte fuhr mit einem kurzen Jingle hoch.
   „Herzlich Willkommen. Die Shinra Electric Power Company wünscht Ihnen auch heute eine angenehme Fahrt. Ihr derzeitiger Standort ist Sektor 0, Midgar. Es bleibt trocken und sonnig. Keine größeren Staus auf den innerstädtischen Highways. Sie gelangen bequem an Ihr Ziel. Wohin geht es heute?“
   „Sektor 1, Einkaufsboulevard“, antwortete Tseng der wohlklingenden Frauenstimme aus den Lautsprechern. Sogleich bestätigte sie das Ziel und das Navigationssystem startete mit der Suche nach der günstigsten Route.
   „Eine Frau, die macht, was du willst. Das gefällt dir, was, Tseng?“
   Tseng ließ den Motor an, der schnurrte wie ein zufriedenes Kätzchen. „Die gute Pflege zahlt sich aus. Für dich vermutlich ein Fremdwort, hm?“
   „Du kannst uns beide wohl kaum vergleichen. Die Frauen, die ich kenne, warten nicht in einer dunklen Tiefgarage auf mich.“
   „Ist das so?“ Tseng setzte den Wagen zurück und folgte der Beschilderung Richtung Ausfahrt, um sich in den Stadtverkehr zu stürzen.

Obwohl Reno versuchte, nicht darüber nachzudenken, musste er zugeben, wie luxuriös und komfortabel der Schlitten war. Vor allem diese scheißbequemen Sitze! Sein Hintern saß wie auf fluffigen Wattewölkchen. Das Polster passte sich seiner Körperform perfekt an. Kein Vergleich zu seinen durchgenudelten Arschbackenquälern.
   „Weißte, Boss, will dir ja nicht zu nahetreten, aber gilt in Wutai nicht Bescheidenheit als höchste Tugend? Das Teil hier ist nun wirklich alles andere als bescheiden.“ Mit aufgesetzter Sorge blickte er hinüber zu Tseng. „Ob Leviathan dir vergeben wird?“
   „Willst du damit sagen, ich sollte lieber auf dein Modell umsteigen?“
   „Ich will damit sagen, dass du deine eigenen Werte nicht verraten solltest. Am Ende kommst du nicht ins Paradies … Schlaraffenland, wo auch immer ihr hinkommt. Wirst bis in alle Ewigkeiten Leviathan die Schuppen mit ’ner Zahnbürste schrubben müssen, oder so.“
   „Eine blühende Phantasie hattest du ja schon immer.“
   „Etwas, das ich dir weit voraushabe. Musst du überhaupt noch was tun, damit das Teil geradeausfährt?“
   „Ich muss nicht. Aber ich habe gern das Steuer in der Hand.“
   „Sehr tiefsinnig.“
   „Du könntest übrigens auch so einen Wagen haben, Reno. Das setzt allerdings voraus, dass du verantwortungsbewusster mit Firmeneigentum umgehst und nicht nur die Aufgaben voller Enthusiasmus angehst, die dir Spaß machen.“
   Reno lachte. Versuchte Tseng gerade ihn zu bestechen? „Mein Schwanz ist auch ohne fette Karre groß genug. Hab’ so billige Tricks nicht nötig.“
   „Nun ja, das ist ein 250.000-Gil-Luxuswagen. Ich denke, billig ist der falsche Ausdruck, hm?“
   „Keiner hat von dir verlangt, dass du jetzt mit solchen Zahlen um dich schmeißt!“
   „Und, noch etwas, Reno: solange wir gemeinsam unterwegs sind, sprichst du bitte wie ein zivilisierter Mensch, haben wir uns verstanden?“
   „Immer.“ Reno sah aus dem Seitenfenster und rollte mit den Augen.
   „Gut.“
   „Aber, nur damit wir uns richtig verstehen: Ich wollte damit nicht sagen, dass du ’nen kleinen Schwanz hast, Tseng. Bestimmt bist du bestens ausgestattet. Bei dir ist das Auto quasi dazu da, deinen mächtigen Schwanz noch zu–“

Tseng machte eine Vollbremsung, sodass Reno fast von seinem Sicherheitsgurt erdrosselt wurde. Keuchend umfasste er seinen Hals. Der Fahrer des Kleintransporters hinter ihnen brauste mit der Hand auf der Hupe an ihnen vorbei. Ein Wunder, dass er ihnen nicht ungebremst in die Karre gefahren war.
   „Ist da ‘n süßes Kätzchen über die Straße gelaufen oder warum bringst du uns fast um …?“, fragte Reno und räusperte sich heiser.
   „Hör zu. Vorhin in meinem Büro hast du ausnahmsweise etwas sehr Weises gesagt. Da du es schon wieder vergessen zu haben scheinst, wiederhole ich es gerne für dich: Ich bin der Boss, das hast du zu respektieren. Mein Wort ist Gesetz. Wenn ich sage, du sollst das Maul halten, dann hältst du das Maul.“
   „Wow, hätte nicht gedacht, dass du dir das so gut merkst.“
   „Das gilt nicht nur für jetzt. Ich weiß, dass du dich damit schwertust, aber mir fallen genügend Strafaufgaben ein, um dich zur Räson zu bringen. Das heißt Vernunft, falls du es nicht weißt.“
   Reno setzte ein liebliches Lächeln auf und tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn. „Gebongt, Boss. Werde brav sein!“

Diese Unterhaltung würden sie irgendwann wieder führen, aber fürs Erste profitierte Reno wohl davon, Tseng nicht weiter zu reizen.

~~~

Die Einkaufspassage von Sektor 1 war die Größte in ganz Midgar und ein gut besuchtes Pflaster. Hier bekam der Konsum freudige Kunde alles, was das Herz begehrte. Von exklusiver Mode, über Kosmetik und neuste Unterhaltungselektronik bis hin zu verschiedenen kulinarischen Spezialitäten und Dienstleistungsangeboten. Vorausgesetzt, man hatte genug Zaster in der Tasche.
   Über Geld brauchte Rufus Shinra sich gewiss keine Sorgen zu machen und für die Besorgungen hatte er Tseng schätzungsweise genug Scheinchen zugesteckt.
   Als Turk verdiente auch Reno nicht schlecht. Natürlich nicht annähernd so viel, wie das, was die Geschäfte des Konzerns monatlich in Rufus’ Kassen spülten, aber immer noch reichlich. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte Reno zweifelhafte Dinge für Geld getan. Manch einer würde behaupten, dass sie heute immer noch zweifelhaft waren, doch immerhin stand er nun in der Hackordnung ganz oben.

„Wir teilen uns auf“, meinte Tseng.
   „Geht klar. Was soll ich machen?“
   Tseng hielt ihm einen handgeschriebenen Zettel hin. „Geh’ in den neuen Feinkostladen am Torbogen und besorge, was Rufus aufgeschrieben hat. Kriegst du das hin?“
   Reno betrachtete flüchtig das Papier. Dann hob er den Blick wieder zu Tseng. „Meinst du das ernst?“
   „Bin ich für meine Späße bekannt?“
   Reno nahm den Zettel entgegen. Er war noch nie in einem Feinkostladen gewesen und hatte nicht damit gerechnet, dass sich das heute ändern würde.
   „Hier ist das Geld. Kaufe nur das, was auf dem Zettel steht. Wir treffen uns in 20 Minuten am Kosmetikstudio Well & Pristine an der Westend Avenue.“
   „Verstanden.“
   Tseng wandte sich ab. „Sei pünktlich.“
   „Und was machst du solange?“
   Tseng blieb ihm eine Antwort schuldig. Stattdessen stelzte er davon und scherte sich nicht darum, dass entgegenkommende Passanten ihm ausweichen mussten.
   „Dann viel Spaß bei was auch immer“, rief Reno ihm nach und schnaubte verächtlich.

Er studierte den Einkaufszettel, auf dem in Rufus‘ akkurater Handschrift notiert stand, was er gerne hätte.

   Eine Lage geräucherter Doppelhornschinken
   Goldene Chocobo Eier
   Ghysal-Mimmett-Ragout mit Zeyonussöl
   Vanillepudding
   Blugupastete


Blugupastete?! Die schwebenden Blubberviecher? Reno wusste bisher nicht einmal, dass die essbar waren. Vermutlich nur was für die feinen Gaumen verwöhnter Wohlständler. Ob Rufus sowas schon als Kind vorgesetzt bekommen hatte? Der arme Kerl. Reno zog sich der Magen zusammen.
   Bevor er sich in aller Öffentlichkeit auf den Gehweg übergab, steckte er den Zettel weg und marschierte los. Auf seine imaginäre To-Do-Liste setzte er: Rufus von wohlschmeckenden, saftigen Burgern überzeugen.

Feinkost Abercrombie stand in schmalen, geschwungenen Lettern auf dem dunklen Schild über dem großen Schaufenster. Das musste es sein. Die bunte Beschriftung NEUERÖFFNUNG prangte noch an der Scheibe und sollte wohl neugierige Passanten anlocken. Ob ein Turk auch gern gesehen war?
   Reno betrat das Ladenlokal; die Türglocke schlug an. Eine ältere Dame am Gewürzregal starrte argwöhnisch zu ihm herüber. Ein junger Mann hielt inne, als er gerade eine Packung Nudeln in seinen Korb legte. Hinter einem Regal belauerte ihn ein kleines Mädchen und zog den Kopf zwischen den Schultern ein.
   Verwirrt drehte Reno sich um und versicherte sich, dass kein grauenerregendes Monster mit ihm das Geschäft betreten hatte.
   „Is’ irgendwas?“, fragte er die glotzenden Gestalten und schritt lässig an ihnen vorüber. „Noch nie so ‘nen gutaussehenden Kerl gesehen, oder was?“
   „Äh, k-kann ich Ihnen weiterhelfen, Sir?“
   Aus dem hinteren Teil der großräumigen Verkaufsfläche dackelte ein Typ an. Er war mittleren Alters und trug ein blau-gelb kariertes Hemd, über das er eine dunkelblaue Schürze mit der Aufschrift Feinkost Abercrombie gebunden hatte. Am lächerlichsten war aber die rote Fliege um seinen Hals und das schmierig zurückgegelte Haar. Auf seinem Namensschildchen stand Gerry Slaughter.
   „Netten Laden haben Sie hier“, befand Reno und steckte die Hände in die Hosentaschen.
   Der Mann mahlte nervös mit dem Kiefer. Sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an.  Ihm schien es gar nicht gut zu gehen. „Hören Sie“, begann er und kam ein Stückchen näher, sodass Reno die feinen Schweißperlen erkennen konnte, die ihm auf die Stirn getreten waren. Außerdem stieg ihm sein aufdringliches Parfüm in die Nase. „Wir sind ein unbescholtener Delikatessenladen und haben uns nie etwas zu Schulden kommen lassen. Das kann ich Ihnen versichern, Sir.“
   „Ach, wirklich?“
   Der Mann zupfte unruhig an seinen Fingern und rückte ihm noch ein Stück näher auf die Pelle. „Ich weiß, dass Sie von den Turks kommen“, flüsterte er. „Wir wollen keinen Ärger mit Ihnen oder mit Shinra. Das verstehen Sie, oder?“
   Reno schürzte die Lippen. Er hatte noch keinen Ton gesagt und dieser Typ führte sich auf, als hätte er mehr Dreck am Stecken, als der gesamte Wall Market. Es stimmte, in der Regel stand Ärger ins Haus, da, wo ein Turk aufkreuzte, aber Reno war weder mit seinem Schlagstock im Anschlag, noch mit einer Horde Soldaten eingefallen. Vielleicht hatte der gute Mann auch einfach nur zu viele Geschichten über die Turks gehört. Wollte Reno herausfinden, was ihm solche Angst einflößte? Er hatte eine bessere Idee.  

Er fischte den Einkaufszettel aus der Tasche seines Jacketts und drückte ihn dem Verkäufer in die Hand. „Sperr’ die Löffel auf, Gerry. Wenn du keinen Ärger willst, stell’ mir zusammen, was hier draufsteht. Dann überlege ich mir nochmal, ob ich dich davonkommen lasse.“
Ein wenig verdutzt beäugte der Mann die Einkaufsliste. „S-Sie wollen bei uns einkaufen?“
   Reno legte ihm eine Hand auf die Schulter und entblößte seine Zähne. „Ich habe nichts von kaufen gesagt, mein Freund. Zufällig braucht mein Boss ein paar spezielle Lebensmittel. Wenn ihm die Qualität der Ware zusagt, sieht er vielleicht davon ab, den Laden dicht zu machen.“
   „Dicht machen?“ Gerry schluckte. „Aber wir haben doch letzten Monat erst eröffnet.“
   Reno nickte. „Ja, und du hast wirklich viel Geld in dieses wundervolle Etablissement hier investiert, ich weiß. Ich weiß alles über dich, Gerry. Es wird angenehmer für dich, wenn du kooperierst.“
   Reno unterdrückte ein Lachen, während sein Gegenüber sichtlich verwirrt blinzelte. Man konnte beinahe hören, wie die Zahnräder sich in seinem Schädel drehten.
   „Bitte warten Sie hier, Sir. Ich hole Ihnen alles, was Sie brauchen“, meinte er schließlich und straffte seine Haltung. Als er sich umdrehte, nickte er den anderen Kunden freundlich zu; als gäb’s überhaupt kein Problem. Es gab keins. Gerry hatte sich nur dazu entschieden, dass es eins gab.

Reno nutzte die Chance, um sich das Sortiment genauer anzusehen. Bei vielen der Lebensmittel handelte es sich gewiss nur um überteuerte Ware, die genauso scheiße schmeckte, wie das ganz normale Zeug aus dem Supermarkt.
   Aus dem Augenwinkel bemerkte er wieder das kleine Mädchen, das ihn beim Betreten des Ladens schon beobachtet hatte. Sie versteckte sich hinter einem  Wagen aus Holz, der zu einem Obstregal umfunktioniert worden war und glaubte wohl, er hätte sie noch nicht entdeckt.
   „Hmmm, vielleicht sollte ich mir die Äpfel mal genauer ansehen“, sinnierte Reno und machte ein paar Schritte auf den reich gefüllten Karren zu. Das Mädchen spähte um die Ecke und versteckte sich wieder.
   Reno nahm einen rotbackigen Apfel in die Hand und gab vor, ihn sich genauer anzusehen. Dabei lugte er zu dem Mädchen, das sich nach einem Moment endlich hervortraute. Sie spielte an ihren Fingern und lächelte schüchtern.
   „Ich hab‘ auch einen Zopf“, meinte sie und drehte sich auf ihren kurzen Beinen um die eigene Achse, sodass Reno ihren dunkelbraunen Pferdeschwanz mit dem bunten Haarband sehen konnte.
   „Meiner is‘ länger.“ Er drehte sich auch um und hob seinen roten Schweif zwei Mal kurz am Haargummi an.
   Sie machte große Augen. „Wieso hast du so rote Haare?“
   Reno zuckte die Achseln. „Steht mir einfach.“
   „Ich hätte gern blaue Haare.“
   „Wieso das denn?“
   „Mein Lieblingschocobo in der Sendung mit dem Mogry ist auch blau!“
   „Star?“
   „Ja! Woher weißt du das?“
   „Tja.“ Reno warf den Apfel hoch und fing ihn mit beiden Händen wieder auf. „Mein Lieblingschocobo war Rocket.“
   „Der Rote?“
   „Jup. Der war viel cooler als der Blaue.“
   „Gar nicht wahr! Der rote Chocobo ist doof. Der ist immer frech zu allen.“
   Reno lachte. „Frech? Er ist der Boss! Star hat sich doch ständig vor jedem Furz erschreckt. Wieso magst du ‘nen Angsthasen?“
   „Er ist süß und lustig und ich mag ihn.“
   „Achso? Ich sollte wohl öfter süß und lustig sein, um bei der Damenwelt besser anzukommen.“
   „Hä? Damenwelt?“
   „Nichts. Bleib du bei deinem blauen Flattermann.“

Das Mädchen nahm auch einen Apfel aus dem Obstregal und drehte ihn in der Hand. „Du bist voll gemein.“
   „Bin ich gar nicht. Hab nur ‘ne andere Meinung als du.“
   „Du lügst aber.“
   „Ich lüge?“ Reno ging vor dem Mädchen in die Hocke und lächelte. „Ich mach‘ mir das Leben ja auch gerne leicht, aber nur weil jemand ‘ne andere Meinung hat, lügt er noch lange nicht.“
   „Ich kauf mir einen blauen Chocobo und er wird der Besteste von allen.“
   „Weiß deine Mutter davon? Die Chocobohaltung soll sehr teuer sein.“
   „Mein Papa verdient viel Geld bei Shinra. Er kauft mir eine ganze Chocobofarm und da gibt’s nur blaue Chocobos und niemals rote.“
   „Oho. Tja, wird wohl ‘ne Verliererfarm.“
   Das Mädchen schnaubte. In ihrer kleinen Visage sammelte sich plötzlich so viel Zorn an, dass Reno glaubte, ihr stiege gleich Rauch zu den Ohren heraus. Bockig stapfte sie auf ihn zu und versetzte ihm einen Stoß gegen die Schultern. Die unerwartete Wucht brachte Reno aus dem Gleichgewicht und er fiel hintenüber.
   „He, du freche Göre!“
   „Mama, Mama!“, rief sie und rannte davon.

„Ähm, Sir?“ Plötzlich stand Gerry wieder neben ihm und blickte stirnrunzelnd zu ihm hinab. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“
Reno rappelte sich auf. „Natürlich.“ Er wischte sich den Dreck vom Jackett und nahm die Papiertüte entgegen. „Alles drin?“ Neugierig steckte er die Nase hinein.
   „Alles, was auf Ihrem Zettel stand, Sir. Und noch ein Geschenk des Hauses. Eine Flasche bester Wein aus Costa del Sol. Kommt aus absoluter Spitzenlage und besticht im Geschmack durch eine höchstmögliche Traubenreife.“
   „Wie jetzt? Für lau?“
   „W-Wir hoffen natürlich, dass es Sie von der hohen Güte unserer Waren überzeugt und Shinra davon absieht, unser Geschäft zu schließen.“
   „Aha, also ein Bestechungsgeschenk?“
   „Nein! Nur eine kleine Aufmerksamkeit, Sir.“
   Die Sache wurde ja immer besser. „Gut, gut, mein Freund. Ich kümmere mich höchstpersönlich darum, dass die Flasche an den richtigen Empfänger gelangt.“
   „Wir hätten die Gelder nie annehmen dürfen, Sir. E-Es tut mir wirklich leid.“
   Reno zog eine Braue hoch. Von welchen Geldern sprach er? War das der Grund für seinen Bammel? Hatte er Geld von zwielichtigen Personen angenommen, um diesen Laden eröffnen zu können und zappelte nun an ihrem Haken?
   „Tja, ich will hoffen, dass du deine Lektion gelernt hast, Gerry, Baby. Aber wir behalten dich im Auge, klar?“
   „I-Ich verstehe, Sir. Es wird mir eine Lehre sein.“ Gerry verbeugte sich tief. Beinahe glaubte Reno, er wollte sich auf alle Viere werfen und ihm die Schuhsohlen lecken. Er könnte ihn bestimmt dazu bringen, aber das sparte er sich lieber für das nächste Mal auf.

Auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt ließ Reno sich den süßen Apfel schmecken, den er mitgehen lassen hatte; ein Hoch auf gesunde Ernährung; und dachte mit Vorfreude an den teuren Fusel in der Tüte. Wäre genau das Richtige, um nach den Strapazen des Tages bei einem Gläschen Wein in der Wanne zu entspannen. Er musste nur dafür sorgen, dass Tseng keinen Wind von der Flasche bekam. Er würde sie ihm gewiss nicht einfach überlassen, auch wenn es Renos Verdienst war, in ihren Besitz gekommen zu sein.
   „Ein Geschenk des Hauses“, trällerte er gut gelaunt und bog von der belebten Einkaufspassage in eine verwinkelte Seitengasse ab, um auf kürzestem Wege zur Westend Avenue zu kommen.

Im Schatten der verklinkerten Häuserwände hörte er plötzlich verdächtig klingende Schritte hinter sich. Schritte, die unbemerkt hatten bleiben wollen, doch die seinen geschärften Sinnen nicht entgangen.
   Er verschlang den Bissen des Apfels, auf dem er soeben noch herumgekaut hatte, und spannte seine Muskeln an. Sofort ahnte er, dass man ihm aufgelauert war. Drei Typen. Einer versteckt hinter dem großen Müllcontainer, den er soeben passiert hatte, einer vor Kopf hinter der nächsten Ecke lauernd und einer schlich sich leise von hinten an ihn heran.
   Blitzschnell drehte Reno sich herum und holte in der Drehung zu einem kräftigen Tritt aus. Der Angreifer taumelte zurück und hielt sich keuchend die Brust. Er trug eine dunkle Kapuze über dem Kopf, unter der lange, braune Rastazöpfe hervortraten. In seiner Linken hielt er ein Klappmesser.
   „Was hattest du denn damit vor?“, fragte Reno süffisant. Verärgert blickte sein Angreifer ihm entgegen und fletschte die Zähne.
   „Mistkerl!“
   „Ich weiß, dass ihr zu dritt seid. Zeigt euch lieber, bevor ich euch holen komme.“
   Bereitwillig gaben sie ihre Verstecke auf und umzingelten Reno mit respektvollem Sicherheitsabstand. „Das ist er“, murmelte der Beleibteste von ihnen. Er trug eine dunkelgrüne Wollmütze unter der sein gedunsenes Gesicht hervortrat wie ein unförmiger Teigklumpen. „Ich bin sicher. Er hat Robert an Shinra ausgeliefert.“
   „Robert?“, fragte Reno und positionierte sich so zwischen ihnen, dass er sie alle zugleich im Blick behalten konnte.
   „Wir warten schon lange auf unsere Gelegenheit, Rotschopf“, erklärte jetzt der Dritte im Bunde. Auch er hatte eine dunkle Kapuze in seine grimmige Fratze gezogen und trug einen großen Ring durch die Nase. Die Kerle rochen nach Ärger. „Heute ist der Tag der Abrechnung!“
   „Wäre nett, wenn ihr mir verratet, was Sache ist, Jungs. Ich verlier‘ so schnell den Überblick darüber, wer mir ans Leder will.“
   „Du hast unseren Kumpel ans Messer geliefert. Das wird dir noch leidtun.“
   Reno dämmerte, dass sie den Kerl meinen könnten, den er im Kiosk überwältigt hatte. Er hatte nicht weiterverfolgt, was die Sicherheitsbehörde mit ihm angestellt hatte. Er schien Mitglied einer Gang zu sein und machte nun offenbar Bekanntschaft mit den Arrestzellen im Hauptquartier. Reno ging davon aus, dass auch diese drei Gestalten keinerlei Aufenthaltsrecht auf der Platte hatten und in ihren Taschen gefälschte Ausweise steckten.
   „Tja, ich find’s ja nett, dass ihr extra gekommen seid, um euren Kumpel zu rächen, aber eigentlich habe ich gerade nicht so viel Zeit für ein paar Waschlappen wie euch.“
   „Du wirst dir die Zeit nehmen, Lackaffe! Und das arrogante Grinsen wird dir auch noch vergehen.“
   „Ihr erkennt keinen Turk, wenn er vor euch steht, oder? Robert war leider genauso dumm. Naja, ihr seht ja, was aus ihm geworden ist.“
   Dem Fettsack wich alle Farbe aus der Visage. Entsetzt sah er zu seinem Freund herüber. „Wusstest du, dass er von den Turks ist?“
   „Natürlich wusste ich das“, schnauzte der Nasenringträger. „Sonst hätte ich euch Trottel kaum um Hilfe gebeten, oder?!“
   „Hättest du uns das nicht vorher sagen können, Gordon?! Ich hätte mich ganz anders vorbereitet! Die Turks sind ausgebildete Spezialkräfte. Er wird uns alle machen.“
   „Willst du kneifen, du blöder Dickwanst?! Wir halten zusammen. Robert hätte dasselbe für uns getan. Los, zieht eure Messer!“

Reno seufzte. Sie wollten sich also wirklich mit ihm anlegen. Tseng hatte gesagt, er sollte pünktlich sein, aber das hier war wohl ein unplanmäßiger Zwischenfall, den Tseng entschuldigen musste. Reno stellte die Einkaufstüte in sicherer  Entfernung hinter ein paar Kisten ab.
   „Ihr sucht euch wirklich den Falschen aus, Freunde.“
   „Ein halbes Hemd wie dich verputzen wir zum Frühstück!“, grölte der Beringte und sie stürzten sich zu dritt auf Reno.
   Dank eines zügigen Ausweichmanövers entfloh er der Gefahrenzone und fand sich direkt hinter dem Typ mit den Rastazöpfen wieder, dem er den Arm auf den Rücken verdrehte. Mit einem Schmerzensschrei fiel diesem das Messer aus der Hand. Anschließend brachte Reno ihn mit einem gezielten Tritt in die Kniekehle hart zu Fall. Sofort stürzte sich rachelustig der Fettwanst auf ihn, doch auch ihn hatte Reno, trotz seiner enormen Masse, mit wenigen Handgriffen außer Gefecht gesetzt und er blieb stöhnend am Boden liegen, sodass Reno ihn entwaffnen konnte. Blieb nur noch das Großmaul mit dem Nasenschmuck übrig.
   „Mich kriegst du nicht so schnell klein wie die Anderen“, schnaubte der zornig.
   „Wetten doch?“

Reno zog seinen Mag-Rod aus der Tasche und fuhr ihn mit einer raschen Bewegung aus. Es knisterte elektrisch. Kleine, hellblaue Blitze zuckten um den metallenen Teil des Schlagstocks, bereit zu einer süßen, schmerzhaften Entladung.
   „Ob der Ring in deiner Nase wohl wie ein Blitzableiter funktioniert? Was meinst du?“
   „Was ist das für ein Ding?“ Ängstlich wich sein Gegner zurück. Er streckte sein Messer vor, als könnte ihn das vor dem Stromstoß bewahren.
   „Damit versohle ich bösen Jungs wie dir den Hintern.“
   Reno schwenkte den Schlagstock zur Seite, sodass sich immer mehr Elektrizität in dessen Spitze sammelte. Dann schoss er einen hell leuchtenden Elektro-Ball auf seinen Kontrahenten ab. Der sprang in letzter Sekunde aus der Schussbahn und landete ungelenk mitten in einem Haufen aus Mülltüten und Kartons. Die Gasse erstrahlte in gleißendem Licht, als das Geschoss auf die nächste Mauer traf und dort in vielen kleinen Blitzen verpuffte.
   „Bist du irre, Mann?!“
   Reno schritt gemächlich auf den jetzt völlig verschreckten Typ zu. Seine Kapuze war ihm vom Kopf gerutscht und entblößte grün gefärbte Haare.
   „Nennt sich Magnetschuss. Cool, was? Eine neue Entwicklung aus Shinras Waffenabteilung. Ich sagte denen, die sollen mal was mit mehr Bums entwickeln. Ich bin begeistert.“
   „Du hättest mich beinahe umgebracht!“
   „Sag‘ bloß. Findest du das etwa nicht fair, in Anbetracht der Tatsache, dass ihr zu dritt auf mich losgegangen seid?“
   Unbeholfen kraxelte Renos Widersacher aus dem Müllhaufen und drückte sich gegen die Wand. „Wir wollten dir doch nur ein bisschen Angst einjagen.“
   „Ich will doch auch nur ein bisschen spielen. Hab‘ noch mehr auf Lager“, schwor Reno düster. „Freu‘ mich richtig, dass du als Versuchsobjekt herhältst. Macht viel mehr Spaß, als im Simulationsraum.“
   „W-Warte. Tu das nicht!“
   „Deine Gesundheit ist mir genauso schnuppe, wie die der Pixelhaufen beim Üben. Also, Adios, Arschloch.“
   Reno sprang in die Luft. Um ihn herum knisterte es unheilvoll und dann landete er mit einer gewaltigen elektrischen Entladung genau vor seinem Opfer, das durch den Stromschlag, der ihm augenblicklich durch die Glieder fuhr, steif und zuckend zu Boden ging. Mit einem flinken Rückwärtssalto aus dem Stand wich Reno zurück und besah sich zufrieden sein Werk. Es roch ein bisschen angekokelt.
   „Hab‘ euch ja gesagt, ihr solltet euch nicht mit mir anlegen, Leute.“ Reno schob seinen Mag-Rod zusammen, verstaute ihn sicher in seiner Tasche und zog sein Jackett glatt.
   „Jetzt muss ich aber echt los. Tseng wartet sicher schon. Sollte ihn lieber mal anru–“

Ein harter Schlag traf ihn mit voller Wucht auf den Hinterkopf und er sah Sterne vor den Augen. Sofort sank Reno auf die Knie und sackte vornüber auf seine Hände. Bohrender Schmerz fraß sich wie ein Midgar Zolom durch seinen Schädel. Was zur Hölle war passiert? Die drei Typen lagen doch alle vor ihm am Boden. Hatte er jemanden übersehen?
   Ein brutaler Tritt in seine Rippen. Keuchend kippte er zur Seite.
   „Du hast nicht richtig gezählt, Shinra-Kläffer.“ Vor ihm stand ein Mann. Einer, der zuvor nicht da gewesen war. Reno konnte ihn nicht genau erkennen.
   „W-Wer bist du?“, ächzte er und blinzelte zu ihm herauf.
   „Roberts Racheengel. Wir waren zu viert, nicht zu dritt.“
   Der Unbekannte versenkte seinen schweren Stiefel in Renos Magengrube. Anschließend flog eine Faust in sein Gesicht und die vorschießenden Tränen und die Schmerzen raubten dem Turk endgültig die Sicht.
   Am Rande seines Bewusstseins bekam er mit, wie mehrere Leute an ihm vorbei stapften und durcheinander brabbelten, ehe die Lichter in seinem Kopf endgültig ausgingen.

„Reno! Hey! Hörst du mich? Reno!“
   Jemand klopfte ihm auf die Wangen und redete unentwegt auf ihn ein, doch es brauchte noch eine ganze Weile, ehe Reno sich durchringen konnte, seine bleiernen Lider zu heben. Nur schleppend kam er zu sich und als er die Augen schließlich offenhalten konnte, nahm ein ernstes Gesicht sein Sichtfeld ein.
   „Tseng …?“
   „Na endlich. Was ist passiert?“
   Das fragte Reno sich auch in diesem Moment. Sein Gedächtnis war noch nicht wieder in Gang gekommen. Er richtete sich auf. Ein Fehler. Schmerz fuhr durch seinen Schädel, als hätte ihm jemand ein Fleischermesser ins Hirn gerammt. Auf seiner Zunge lag ein metallischer Geschmack.
   „Diese Missgeburten …“ Er tastete über die getrocknete Blutspur, die ihm aus der Nase gelaufen war.
   „Wer hat das getan?“
   „Keine Ahnung, so ‘n paar Slumwichser …“
   Tseng atmete hörbar aus. „Was bist du, Reno? Ein Anfänger?“
   Bevor Reno weitersprach, spuckte er blutigen Speichel auf den Boden zwischen seinen Beinen. Der Kopfschmerz war überwältigend. Vorsichtig berührte er die schmerzhafte Beule an seinem Hinterkopf; dort, wo ihn der Vierte im Bunde mit irgendeinem harten Gegenstand niedergeschlagen hatte.
   „Ich hatte sie!“, begehrte er auf. „Drei von ihnen lagen schon am Boden und dann kam ein Vierter, den ich nicht bemerkt hatte und pustet mir die Lichter aus.“
   „Offensichtlich bist du ihnen genau in die Falle getappt.“
   Reno hätte gerne etwas anderes behauptet, aber Tseng hatte vermutlich recht. Er hatte komplett verkackt. Das war die bittere Wahrheit und ein herber Schlag für sein Ego.
   „Verschon‘ mich jetzt bitte mit deinen Predigten, Tseng, okay? Ich hab‘ ‘nen schlimmeren Schädel als nach ‘nem verfickten Saufgelage.“
   Zu Renos Überraschung sagte Tseng nichts mehr und erhob sich. „Wo ist die Tüte mit dem Einkauf für den Präsidenten?“
   „Steht da vorne hinter ein paar Kisten …“
   Reno beobachtete, wie Tseng in die gewiesene Richtung schlenderte und die Umgebung absuchte. Just in dem Moment erinnerte er sich an die Weinflasche, die er doch vor Tseng verstecken wollte. Fuck. Jetzt würde er sie finden und gewiss nicht erlauben, dass Reno sie einfach mitnahm, um sich heute Abend die Kante zu geben.

„Hier ist keine Tüte.“
   „Hinter den blauen Kisten.“
   „Es ist keine da.“
   „Was?“
   Wackelig richtete Reno sich auf und trottete, trotz der Schmerzen in seinem Körper, zu Tseng herüber, der ihn erwartungsvoll anblickte. Reno reckte den Hals und spähte hinter die Kisten, doch die akkurat gepackte Papiertüte war nicht mehr da.
   „Ich bin sicher, dass ich sie hier abgestellt habe, bevor ich die Typen zugerichtet habe.“
   „Wie sicher kannst du dir sein, nachdem du dir den Schädel einschlagen lassen hast?“
   „Ich bin sicher, okay?“ Reno seufzte genervt. Wo war die verdammte Tüte hin?! Er blickte sich weiter in der Gegend um, aber sein Bauchgefühl sagte ihm leider, dass sie unrettbar verloren war.
   „Die Wichser haben sie mitgehen lassen …“, knurrte er wütend.
   „Du hast dich zusammenschlagen und ausrauben lassen, Reno. Und das, obwohl wir uns nicht einmal in den Slums befinden.“
    „Die Welt ist schlecht, okay? Egal, ob Slums oder Platte.“
   „Wir gehen zurück zu Abercrombie’s und besorgen die Sachen noch einmal. Ich informiere Rufus, dass wir uns verspäten. Und deinen nächsten Auftrag hast du hiermit auch erhalten. Finde die Spinner und ziehe sie zur Rechenschaft.“
   „Ich kriege das schon alleine hin. Hab' einen Spezialdeal mit dem Ladenbesitzer. Du musst nicht mitkommen.“
   „In deinem Zustand könnte dich selbst ein Mogry überwältigen.“
   „Bullshit. Mir geht es gut. Geh‘ du schon mal zum Auto und flirte mit der Lady aus den Lautsprechern.“
   „Ich komme mit. Ende der Diskussion.“

Das Turkoberhaupt setzte sich entschlossen in Bewegung und Reno blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Großartig. Damit war seine Chance auf eine gratis Ersatzweinflasche wohl dahin. Und sein Bluff würde gewiss auch auffliegen, weil Tseng nicht mitspielte und dieser Gerry sich auf jeden Fall verplappern würde. Sollte Reno Tseng vorher einweihen? In seiner Welt hatte er  eine Beförderung für seinen Bossmove verdient, aber heute hatte er schon mehrmals zu spüren bekommen, dass Tsengs und seine Ansichten manches Mal himmelweit auseinanderlagen.
   Dennoch: Vielleicht erkannte Tseng ausnahmsweise den Nutzen dieses winzigen Streichs an und er könnte Gerry heimlich noch ein gratis Weinchen aus dem Kreuz leiern. Der Gute hatte offenbar ein schuldbeladenes Gewissen, aus dem sie ihren Vorteil ziehen konnten.

„Ach, eh, Tseng. Ich muss dir da noch etwas sagen …“

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