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Buon Natale

von renawitch
Kurzbeschreibung
OneshotFamilie, Freundschaft / P6 / Gen
Andy / Andromache of Scythia Booker / Sebastien le Livre Joe / Yusuf ibn Ibrahim ibn Muhammad ibn Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova Nile Freeman
17.12.2021
17.12.2021
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Nile balancierte das heiße Backblech durch die Küche, damit die Kekse auf der Fensterbank auskühlten.
Rund um sie herum gab es einfach keinen weiteren Platz, um es abstellen zu können. Die Arbeitsfläche und alle anderen potentiellen Ablagen waren über und über bedeckt mit Keksen, Lebensmittelfarben, Schälchen, Tiegeln und Töpfen die mit Mandeln, Nüssen und verschiedenfarbigen Zuckerglasuren gefüllt waren. Dazwischen verteilt kugelte und kullerte eine beträchtliche Anzahl von Zuckerperlen über die Küchenanrichte.
Nachdem sie das Blech mit den Plätzchen auf dem letzten freien Fleck der Fensterbank untergebracht hatte, wandte Nile sich um und drehte zufrieden grinsend die Hitzezufuhr des Backofens ab.
Hier kam sie erst einmal nicht weiter, also klopfte sie das Mehl auf ihren Händen an der Backschürze ab. Sie drehte die Lautstärke des laufenden Radios höher und schmetterte das Weihnachtslied mit, welches der Sender gerade spielte. Im Wohnbereich drapierte sie eine verrutschte Schleife auf dem üppig geschmückten Weihnachtsbaum neu.
Dass es an der Wohnungstüre klingelte, bemerkte sie erst, als der Besucher auch noch nachdrücklich an die Tür hämmerte.
Nile grinste wissend, als sie durch den Türspion schaute.
Es hätte ihr eigentlich gleich klar sein müssen, dass es nur Andy sein konnte, die derart deutlich ihre Anwesenheit bekundete.
Gut gelaunt öffnete Nile die Tür.

Andromache starrte sie einen Augenblick lang stumm an, dann schmunzelte sie, schloss Nile in die Arme und drückte sie an sich.
„Du siehst toll aus, Kleine. Der Urlaub tut dir gut. Sind die Jungs schon hier? Wir sollten den Job schnell abhaken und …“
Nile lachte gelöst auf, wand sich aus der Umarmung und unterbrach sie fröhlich.
„Ja, stimmt, aber es ist Weihnachten. Hier, nimm einen Keks.“
Nun erst sah Andy sich in dem überladen weihnachtlich geschmückten Raum um, stutzte überrascht und nahm den angebotenen Cookie entgegen.
„Das ist… hm, das ist wirklich ganz schön bunt.“
„Ja nicht?“ Erwiderte Nile fröhlich.  „Ich habe Tage gebraucht, bis es so aussah wie jetzt.“
Andy zog zweifelnd eine Augenbraue hoch und musterte skeptisch den blinkenden Tannenbaum. Sie durchquerte das Zimmer, während sie die restliche Dekoration stirnrunzelnd in Augenschein nahm und Nile einen misstrauischen Blick zuwarf.
„Ja, das ist nicht unbedingt unauffällig, aber …“, sie stutzte verwirrt.
“Was genau wird das hier?“
Nile drückte ihr ein weiteres Plätzchen in die Hand, bevor sie erklärend zurück in die Küche eilte.
„Das ist mein erstes Weihnachten als Unsterbliche, ohne dass wir einen Job in dieser Zeit haben und wenn ich es schon nicht mit meiner Mom und meinem Bruder feiern kann, dann tue ich es wenigstens mit euch. Außerdem können wir alle mal ein bisschen Festtagsstimmung gebrauchen, finde ich.“
„Festtagsstimmung, na toll…“
Andy nahm einen tiefen Atemzug, seufzte resigniert und ließ sich in einen der Sessel fallen. In Niles Ausführungen schwang eine Tonart mit, die keinen Widerspruch duldete. So wie Andy sie in den letzten beiden Jahren kennengelernt hatte, wusste sie, dass Diskussionen ihr hier auch nicht weiterhelfen würden. Wenn Nile in einer derartigen Stimmung war, hörte sie im Allgemeinen geflissentlich über alle Einwände und Weigerungen des Teams hinweg, ganz gleich, welche Konsequenzen sich daraus für sie ergaben.

„Hier, fang!“
Nile warf ihr unvermittelt einen weiteren Keks aus der Küche entgegen. Bevor er sie an der Schulter traf, fing Andy ihn routiniert auf und schüttelte milde amüsiert den Kopf.
„Die anderen müssten auch gleich da sein. Joe hat vor einer Stunde aus Detroit angerufen und gesagt, dass sie auf dem Weg sind.“
Der Boss nickte zustimmend und sah aus dem Fenster auf die verschneite Umgebung. Der Rest des Teams war also ebenfalls auf dieser merkwürdigen Veranstaltung eingeladen.
Ein schwaches Lächeln glitt über ihre Züge, als nach einiger Zeit ein blauer Wagen am  Straßenrand hielt.
Bald öffnete sich die Fahrertür und Joe stieg aus dem Auto. Unmittelbar darauf folgte Nicky, der den Ford umrundete und eine schwarze Tasche aus dem Kofferraum wuchtete.
„Sie sind da, Nile!“
Andromache erhob sich aus dem Sessel, durchquerte mit langen Schritten den Raum und öffnete die Eingangstür.
Joe fiel ihr wortlos sofort um den Hals und hob sie dabei, ganz seiner Gewohnheit entsprechend, ein Stück empor.
Nicky blieb grinsend neben ihnen stehen, wischte sich die Schneeflocken vom Mantel und schloss sie dann liebevoll in die Arme.
„Andy. Es ist schön, dich zu sehen. Buon Natale.“
Sie nickte zur Begrüßung, ohne etwas darauf zu erwidern und zog beide Männer mit sich in das Haus.

Joe hielt sich gar nicht erst lange im Wohnzimmer auf, legte den Mantel ab, warf ihn nachlässig über die Sofalehne und betrat die Küche, um Nile zu begrüßen.
Nicky hingegen machte es sich zunächst auf dem zweiten Sessel gemütlich, öffnete dann die mitgebrachte Tasche und entnahm ihr einen großen blauen Karton, den er spitzbübisch lächelnd vor sich auf den Tisch stellte.
Andy legte amüsiert den Kopf schief.
„Hm, Panettone? Das ist fast so gut wie Baklava.“
Nickys Lächeln wurde noch breiter.
„Lo so. Ich weiß, und darum habe ich ihn extra in Mailand gekauft. Da, wo er noch so schmeckt wie früher, auch wenn er jetzt viel höher ist, als ich ihn von damals kenne.“

Joe kam unter lautem Geklapper aus der Küche zurück und balancierte einen ganzen Stapel Teller, Gläser und Besteck auf einem vollgepackten Tablett, das er auf dem großen Tisch abstellte.
Nicky gesellte sich wortlos zu ihm und half, die Tafel einzudecken.
Ein dumpfes Klopfen am Fenster des Wohnzimmers ließ alle aufsehen.
Mit einem schiefen Grinsen spähte Booker durch das Glas in den Raum und schwenkte etwas, das sehr vertraut nach einer Flasche Alkohol aussah. An die Scheibe hatte er offenbar mit einem Apfel geklopft, den er zusammen mit einem weiteren in der anderen Hand hielt.
„Macht mal die Tür auf. Ich habe beide Hände voll und kann nicht aufschließen.“
Andy runzelte fragend die Stirn, war aber mit einigen wenigen Schritten erneut an der Haustür und öffnete sie.
Booker stolperte fast in den Raum. Er schien über und über beladen mit Einkäufen zu sein.
In seiner Ellenbeuge klemmten mehrere Kartons Apfelsaft, die Papiertüte in seiner Linken war zum Bersten voll mit Gemüse, Süßigkeiten, einer zweiten Flasche Alkohol, Äpfeln und offenbar einer Menge weiterer Dinge.
Als er die Tasche auf den Tisch hievte, kugelten einige Äpfel und Mandarinen heraus. Andy fing eine Frucht auf, bevor sie auf den Boden fiel und wog sie prüfend in der Hand.
„Was zum… Es ist schön, dich zu sehen, Book, aber was willst du mit dem ganzen Zeug?“
Er grinste triumphierend und schwenkte erneut die dunkle Flasche in seiner Hand.
„Das wird Jus de pomme chaud. Apfelpunsch. Eigentlich gibt man Wodka hinzu, aber mit Cointreau schmeckt er besser. Du wirst sehen, der ist großartig.“

Nile betrat das Zimmer, sortierte die Einkäufe zurück in die Tüte und machte Anstalten, damit erneut in der Küche zu verschwinden, doch Andy hielt sie mit einer knappen Geste davon ab.
Der Boss schüttelte den Kopf, runzelte die Stirn und schürzte missbilligend die Lippen.
„Moment mal, wartet.“
Das Team hielt inne und blickte sie fragend an.
„Book, du hast einen Schlüssel und das hier ist keins unserer Safehouses. Du bist also schon einige Tage hier.“
Er warf Nile einen undeutbaren Blick zu, hob schuldbewusst beide Augenbrauen und nickte langsam. Andy  legte den Kopf schief und musterte erst Nicky, dann Joe aus schmalen Augen.
„Ihr wart in Mailand und habt den Panettone gekauft. Panettone für ein Weihnachtsfest. Ihr wusstet ganz genau, was das hier wird, oder?“
Joe nahm einen tiefen Atemzug und setzte zu einer Antwort an, doch sie unterbrach ihn unwirsch.
„Boss, du weißt doch …“
„Weihnachten? Wirklich, Joe? Und ausgerechnet du bist auch noch mit bei der Planung dabei?“
Er zog eine Miene, als habe sie ihn beim Stehlen erwischt.
„Ach komm schon Andy, alle paar Jahre können wir Weihnachten ruhig mal feiern.“
Sie hob ein weiteres Mal missbilligend die Augenbraue.
„Gerade du hast mit Weihnachten ungefähr genau so viel zu tun wie ich, Joe. Bei Nile und Nicky wundert es mich nicht, aber du?“
Er lachte ihre Zweifel einfach fort, packte den mitgebrachten Pannettone aus und zupfte ein Stück davon ab.
„Ach Boss, ich weiß, du magst dieses Fest nicht, aber wir haben nicht mal Geschenke besorgt und Weihnachtslieder werden wir auch nicht singen.“

Andy presste unwillig die Lippen aufeinander. Ein wenig fühlte sie sich von ihrem Team betrogen. Das hier war nichts anderes als eine Falle, die sie ihr gemeinschaftlich gestellt hatten und in die sie blindlings hineingelaufen war.
Es half alles nichts. Natürlich konnte sie noch immer die Flucht ergreifen und das Haus verlassen, aber sie genoss es zu sehr, ihre Leute in ungezwungener Runde um sich zu haben. Außerdem war sie extra aus Griechenland angereist, weil Nile sie darum gebeten hatte.

Aufmunternd legte Booker ihr seine Hand auf die Schulter.
„Na los, Boss. Du weißt, dass deine und meine Alternative hierzu deutlich trostloser ist.“
Sie schloss kurz die Augen und nickte dann zustimmend. Er hatte recht. Sie würde es wohl genauso halten wie er, sich in eine stille Ecke verkriechen und in rauen Mengen irgendein alkoholhaltiges Zeug in sich hineinschütten.
„Keine Weihnachtslieder. Und keine melancholischen Geschichten aus den letzten Jahrhunderten.“
Nicky und Joe nickten zustimmend. Nile tat es ihnen gleich und Booker grinste zufrieden, während Andromache theatralisch eine Hand an ihre Stirn legte.
„Ich werde nie verstehen, was alle an diesem verdammten Fest finden. Nur weil vor zweitausend Jahren irgendwo in Judäa ein Kerl geboren wurde, macht die halbe Menschheit ein riesiges Fass auf.“
Nile hob missbilligend eine Augenbraue und zog unwillig die Stirn in Falten.
„Irgendein Kerl ist milde untertrieben, findest du nicht?“
Andy grinste spöttisch. Das Lächeln erreichte ihre Augen nicht und die Geste verlieh ihr auf diese Art und Weise etwas Raubvogelartiges.
„Wenn du das sagst, Kleine …“
Sie griff nach der Alkoholflasche, die aus der Einkaufstüte ragte, öffnete sie und trank einen kräftigen Zug von dem Orangenlikör.

Joe nahm einen auffällig tiefen Atemzug und beeilte sich, das Geschirr auf dem Tisch zu drapieren.
Booker legte auf die ihm eigene Art den Kopf schief und schüttelte ihn fast unmerklich, während Nicky angespannt die Lippen aufeinanderkniff und ein merkwürdiger, fast fieberhafter Glanz in seine Augen trat.
Diese Reaktion der Anderen war es, was Nile stutzig werden ließ. Sie musterte Andy prüfend und mit einem Male wurde ihr unmissverständlich klar, warum plötzlich diese merkwürdige Spannung in der Luft lag.
„Du … Oh man, sag jetzt nicht, dass du ihn gekannt hast, Andy.“
Andromaches Blick ruhte auf Nicky, der gebannt auf ihre Antwort wartete.
„Ich habe vor ein paar tausend Jahren in Judäa einen Jeschua getroffen. Dass ich ihn gekannt habe, sage ich nicht.“

Um die fassungslose Stille zu durchbrechen, die sich nach Andromaches Aussage eingestellt hatte, klapperte Joe mit voller Absicht besonders laut mit den Tellern.
Das Geräusch riss Nile aus ihrer Starre, doch die sich einstellende Erkenntnis schluckte die tausend Worte, die ihr auf der Zunge lagen fast völlig.
„Du hast Jesus getroffen …“
Andy nahm einen weiteren Schluck von dem Cointreau und wog beschwichtigend den Kopf.
„Naja, sagen wir, ich bin ihm über den Weg gelaufen. Er war ein netter Kerl. Ein bisschen zu speziell für die damalige Zeit. Er machte Ärger, galt als Aufwiegler und war den Obrigkeiten ein Dorn im Auge. Er stand auf ihrer Abschussliste und sie wollten ihn loswerden.“
Nile starrte sie stumm und fassungslos an, Nicky hielt den Atem an. Selbst Booker blickte ihr gespannt entgegen.
„Was denn? Ich hab den Job nicht angenommen. Ich hab mir diesen Jeschua einige Zeit lang angesehen, ein paar freundliche Worte mit ihm gewechselt und kam zu dem Schluss, dass nichts, was er getan hatte, seinen Tod rechtfertigte. Darum hab ich es nicht durchgezogen. Dem Tetrarchen hab ich sein Silber vor die Füße geworfen und zugesehen, dass ich so schnell wie möglich Land gewinne, bevor der noch auf die Idee kam, mich dafür zur Verantwortung zu ziehen. Das war auch schon alles.“

Nile war sprachlos. Kein einziges Wort kam ihr in den Sinn, während sie versuchte, das Gesagte irgendwie zu verarbeiten.
Andy hatte Jesus getroffen! Das war … das war einfach …
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf Nicky, der stumm zu Boden sah.
„Du hast das nicht gewusst? Seit neunhundert Jahren kennt ihr euch und du wusstest das nicht?“
Er nahm einen tiefen Atemzug und setzte eine undeutbare Mine auf.
„Certo, natürlich weiß ich davon.“
Nile verstand nun gar nichts mehr, rieb sich mit dem Finger die Nasenwurzel und schüttelte den Kopf.
„Aber du glaubst doch an all diese biblischen Dinge, Nicky! Du betest vor jedem Einsatz!“
Wieder nickte er bestätigend.
„Sicher bete ich noch immer. Ich war ein Mönch, Nile. Ein Kreuzfahrer. Ich habe für diesen Glauben gekämpft, getötet und bin selbst oft für ihn gestorben. Das schiebt man nicht einfach beiseite. Auch nach Jahrhunderten nicht völlig. Aber Wissen ist nicht glauben und all das hier, “ er beschrieb eine ausladende Geste, die den ganzen Raum miteinbezog, sprach jedoch nicht weiter.
Stattdessen ergriff Joe das Wort.
„Das hier ist nicht Wissen und auch nicht glauben.“ Er sah zuerst zu Nile, richtete seine Aufmerksamkeit dann jedoch auf Andy und nahm ihr die Flasche Cointreau ab.
Booker reichte ihr im Austausch für den Alkohol ein abgezupftes Stück vom Pannettone.
„Weihnachten ist Familie, Andy. Nicht all dieser ganze Kram hier. Nicht die Geschenke, das Essen und blinkende Lichter, sondern ein Abend mit Freunden und Familie. Darum sind wir alle hier. Nicht für diesen Kerl aus Bethlehem, den du nicht töten wolltest.“

Andromache presste abschätzig die Lippen zusammen, doch letztlich betrachtete sie das Stück Panettone und biss endlich hinein.
Die Jungs hatten Recht, wurde ihr klar.
Weihnachten war Familie. Sie waren eine Familie. Und es war an der Zeit, das endlich mal gebührend zu feiern.
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