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When the night is darkest 5 – Vertraut

von Tilajasar
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Dinah Electra Greaseball OC (Own Character) Pearl Wrench
17.12.2021
17.01.2022
28
40.948
3
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15.01.2022 1.965
 
Es war noch recht früh am Morgen, als Pearl ihr Depot verließ und in Richtung Ausfahrt rollte. Ein paar weiße Wolken zogen über den Himmel, die Sonne stand aber noch nicht sehr hoch und spendete kaum Wärme.

Pearl sah sich um. In ein paar Depots brannte Licht aber außer ihr war noch niemand unterwegs. Worüber Dinah wohl hier draußen mit ihr reden wollte? Normalerweise kam sie zum Quatschen einfach vorbei. Aber vielleicht war sie auch sauer, weil sie die Tage lieber allein geblieben war, als die Zeit mit ihr zu verbringen. Oder wegen ihrer heftigen Reaktion gestern. Bestimmt hatten die anderen ihr davon erzählt. Dass Dinah Greaseball losgeschickt hatte, um ihr mitzuteilen, dass sie sich mit ihr treffen wollte, war auf jeden Fall sehr ungewöhnlich.

Mit einem flauen Gefühl rollte Pearl durch den Bahnhof. Die Ausfahrt, wo Dinah sich mit ihr treffen wollte, kam in Sicht, aber vom Speisewagen fehlte jede Spur. Stattdessen… Pearl stoppte sofort. Ihr Herz schlug auf einmal doppelt so schnell. Was machte er denn hier?

Finn stand da, den Blick auf die weiterführenden Gleise gerichtet. Wo war Dinah? Unschlüssig, was sie jetzt tun sollte, beobachtete sie ihn. Er hatte sie zum Glück noch nicht bemerkt, auch wenn er immer mal hin und her schaute, nur nicht in ihre Richtung. Es schien fast so, als ob er darauf wartete, dass ein Zug von außerhalb kommen würde. Ein wenig neugierig, was er hier so allein machte, war sie ja schon. Normalerweise war er ja jede freie Minute mit Greaseball unterwegs. Plötzlich rollte Finn rückwärts, schüttelte dabei den Kopf und stieß gegen einen Laternenmast. Erschrocken drehte er sich um und da trafen sich ihre Blicke.

Pearl stockte der Atem. Sie hatte die Chance verpasst ungesehen wegzufahren. Alles in ihr schrie danach es dennoch zu tun, aber sie hatte schon gestern diesem Impuls nachgegeben und ihm die Tür vor der Nase zugeknallt, so kindisch wollte sie sich nicht noch einmal verhalten. Schließlich war sie auch aus einem guten Grund hier.

Finn winkte ihr zu. Sie holte tief Luft, winkte zurück und rollte auf ihn zu. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

„Morgen Pearl!“, grüßte er lächelnd. „Du hast mich doch nicht beobachtet, oder?“
Sie merkte wie schwer es ihr fiel ihn anzusehen. „Nein, ich… ich stand nur zufällig da.“ Sie räusperte sich. „Ich warte auf Dinah. Was machst du denn hier?“
„Ich warte auch.“
Sie deutete nach draußen. „Auf einen Zug?“
„Nein. Auf Greaseball. Er lässt sich mal wieder Zeit.“
„Dinah auch.“ Pearl schaute sich um, aber es war noch immer niemand in Sicht.
„Die liegen bestimmt noch zusammen im Bett.“
Pearl nickte ernst, obwohl ihr durchaus bewusst war, dass Finns Bemerkung scherzhaft gemeint war. Die darauffolgende Stille war so unangenehm, dass sie sich entschied etwas zu tun, was sie eigentlich nicht tun wollte.

„Es… es tut mir leid, dass ich gestern so abweisend war.“ Sie zwang sich ihm ins Gesicht zu schauen. Dabei ging ihr nur ein Gedanke durch den Kopf. Warum hatte Dinah das getan? Er sah Rusty jetzt so ähnlich, dass es ihr das Herz zerriss.
„Warst du das?“ Er schien zu überlegen.
„Ja, war ich. Und nicht nur gestern. Das tut mir wirklich leid. Ich habe nichts gegen dich. Es ist nur…“ Sie holte tief Luft. „Du erinnerst mich so an Rusty und…“
„Du möchtest nicht an ihn erinnert werden?“
Sie sah ihn wieder an. Nein, das wollte sie nicht. Sie wollte endlich damit abschließen.
„Aber ihr wart doch eine ganze Zeit lang zusammen. Das war für ihn die schönste Zeit seines Lebens. Das hat er immer gesagt.“

Pearl stockte der Atem. Kannte Finn ihn etwa wirklich? War das, was er ihr an dem Morgen in ihrem Depot erzählt hatte, also doch nicht nur eine Halbschlaffantasie gewesen?
„Wann hat er das gesagt?“
„Na als wir zusammen gearbeitet haben.“ Aus seinem Mund klang das wie das Natürlichste der Welt.
„Beim Logisten?“
Finn nickte. „Tim hatte ihn mitgebracht und weil er neu war…“
„Tim?!“ Tim? Pearl fühlte sich, als risse jemand den Boden unter ihr weg. Sie suchte irgendetwas, woran sie sich festhalten konnte. Sie würde gleich umfallen, wenn sie nichts fand.
„Pearl, ist alles ok?“
Sie spürte seine Hand auf ihrem Arm. Ohne dass ihr bewusst war, was sie da eigentlich tat, griff sie nach seinem Arm und hielt sich daran fest.

„Geht’s dir nicht gut?“

Finns Stimme drang wie durch eine Nebelwand an ihr Ohr. Sie schüttelte den Kopf und versuchte sich zu beruhigen. Es gab für alles bestimmt eine ganz logische Erklärung. Ein paar Mal atmete sie noch tief ein und aus, dann richtete sie sich auf und erschrak.
Sie stand so dicht bei Finn, dass sie seinen Atem spüren konnte. Eine Sekunde starrte sie gebannt in seine braunen Augen, dann schob sie sich hastig weg. „Entschuldige, ich war nur… es war… ich…“
„Hey, ist doch nichts passiert.“ Seine Stimme klang beruhigend. Sicher verstand er gar nicht, was mit ihr los war. Wie konnte er auch? Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Mir geht’s gut. Du hast da nur gerade was gesagt, was nicht sein kann.“
Leicht verwirrt schaute er sie an. Wusste er wirklich nicht, was sie meinte?
„Du hast gesagt, …Tim hat Rusty zum Logisten gebracht.“

Finn lächelte kurz amüsiert, dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Das hast du falsch verstanden. Tim hat ihn nicht zum Logisten gebracht. Tim war der Logist. Unser erster. Er hat das ganze Geschäft aufgebaut. Von der Idee bis zur Ausführung. Am Anfang waren wir nur eine Hand voll, aber er hat immer mehr dazu geholt. Und einer davon war Rusty.“

Am liebsten hätte Pearl sich wieder irgendwo festgehalten. Warum erzählte er so etwas? Das konnte unmöglich wahr sein. „Aber Rusty hätte doch nie…“
Ein leicht resigniertes Lächeln erschien auf Finns Gesicht. „Keiner von uns hat da wirklich freiwillig gearbeitet, wenn du das meinst. Das lief alles über die Drogen. Tim hatte sie, wir haben sie gebraucht, er konnte die Forderungen stellen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich glaube Rusty ist da genauso reingerutscht wie ich. Weißt du… Tim… er war…“ Finns Blick verlor plötzlich den Fokus und er lächelte als würde er sich an etwas sehr Schönes erinnern. „…besonders.“
„Du hast ihn geliebt?“ Pearl biss sich auf die Zunge, sie hatte eigentlich nicht aussprechen wollen, was ihr gerade durch den Kopf ging.
Finn schaute sie wieder an und nickte dann. „Ja, hab ich. Und wie. Ich hätte alles für ihn getan.“
Angewidert schüttelte Pearl den Kopf. „Das ist krank! Er hat euch nur benutzt! Warum lässt Control das zu? Der Typ gehört verschrottet!“
Finn schaute sie an, als teile er ihre Meinung nicht. „Control ist nur für die Bahnhöfe zuständig. Tim war immer sehr vorsichtig keine Aufmerksamkeit auf sich und sein Geschäft zu lenken.“
„Wo ist er jetzt? Auch in den Zelten?“ Der Gedanke, dass Tim die ganze Zeit über so nah am Bahnhof war, jagte Pearl einen eisigen Schauer über den Rücken.
„Nein. Inzwischen haben wir schon den dritten Logisten. Tim ist vor… ich weiß nicht… vielleicht einem Jahr einfach verschwunden. Ab da hatten wir auch nichts mehr zu lachen. Dabei war der zweite noch besser als der Jetzige.“

Pearl hörte kaum mehr richtig zu. Sie konnte nicht glauben, was Finn über Rusty erzählt hatte. Das war undenkbar und passte auch nicht zu dem, was sie sonst über Rustys Leben wusste. Oder glaubte zu wissen. Sie schüttelte den Kopf. Nein. Finn musste sich das ausgedacht haben. Vielleicht auch nicht mal mit böser Absicht. Vielleicht hatten die Drogen ihn schon so zerstört, dass er gar nicht mehr wusste, was wahr war und was nicht.

„Warum guckst du mich so an?“
Sie zwang sich zu Lächeln. „Ach, nichts.“
Vielleicht würde er einsehen, dass seine Geschichte nicht der Wahrheit entsprach, wenn sie ihn mit den Fakten konfrontierte. „Ich… ich habe mich nur gerade gefragt, wann Rusty bei euch gewesen war. Nachdem er mich verlassen hatte, hat er über ein Jahr in Naiva gelebt.“
Finn nickte. „Genau. Da war er mit dem Reparaturwagen zusammen, Liz.“

Das wusste er also auch. Dann musste er Rusty wirklich gekannt haben, oder es hatte ihm jemand erzählt. Ja, das war wahrscheinlicher. Es war ja kein Geheimnis, dass Liz und Rusty ein Paar gewesen waren.
„Und dann hat Tim ihn mitgebracht“, fuhr Finn fort.
„Einfach so? Was war mit Liz?“
Finn überlegte. Aber das einen Moment zu lange, als dass Pearl seinen nächsten Worten Glauben schenken konnte. „Liz, …“ Er schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht mehr. Er wird sich wohl auch von ihr getrennt haben.“
„Er hat sie umgebracht.“ Die Worte klangen so falsch, aber es war leider nach wie vor die offizielle Version der Geschichte. Aber nach seinem entsetzten Gesichtsausdruck zu urteilen, kannte Finn die noch nicht.
„Wer sagt das?“, flüsterte er und schien die Antwort irgendwo auf dem Boden zu suchen.
„Die zwei Züge, die es gesehen haben. Aber ich glaube das nicht.“ Pearl holte tief Luft und wartete, bis Finn sie wieder ansah. „Leider ist es aber so, dass sowohl Liz als auch Rusty an dem Tag… gestorben sind.“

Finn starrte sie an, als habe sie ihn in einer anderen Sprache angesprochen. „Warum… warum sagst du das?“ Sein durchdringender Blick begann ihr unangenehm zu werden. „Das stimmt doch nicht. Tim hat ihn zu uns gebracht und dann ist er mit uns umhergezogen.“

Pearl seufzte. Wie konnte Finn an seiner Geschichte festhalten, wo sie doch ganz offensichtlich seiner Fantasie entsprang. „Finn, Rustys Überreste wurden gefunden, genauso wie die von Liz. Er ist tot, das steht fest. Die Zeit davor hat er in Naiva gearbeitet, er ist nie mit euch… umhergezogen.“
„Du glaubst mir nicht? Denkst du ich habe das erfunden?“ Sein fassungsloser Blick irritierte sie. „Ich… habe sicher vieles vergessen, aber ich weiß doch wohl noch wer meine Freunde waren!“

Pearl wich kaum merklich ein Stück zurück, aber Finn setzte ihr nach. „Rusty hat mir viel erzählt. Ich weiß, wie er dich kennengelernt hat, dass er dich mit Liz betrogen hat, wie er auf Tim hereingefallen ist, dass der ihn entführt und missbraucht hat, wie er dann trotzdem mit ihm…“
„Hör auf!“, schrie Pearl und hielt ihn mit einem Arm auf Abstand. „Das ergibt keinen Sinn!“ Das was er aufgezählt hatte, konnte er unmöglich wissen, wenn er Rusty nicht wirklich gekannt hatte. Aber er konnte ihn nicht gekannt haben. Rusty hätte nie…

„Hey, ihr beiden!“ Greaseballs Stimme schallte über den Platz. Erschrocken drehte sich Pearl um. Bei all der Aufregung hatte sie vollkommen vergessen, dass sie ja eigentlich auf Dinah gewartet hatte. Die hing an ihrem Freund und kam nun winkend mit ihm heran.

„Tut uns leid, dass es etwas später geworden ist“, entschuldigte sie sich. Dann lächelte sie etwas seltsam. „Ich hoffe euch ist nicht langweilig geworden.“
„Ist es nicht“, sagte Finn. „Wir haben uns ein bisschen über alte Zeiten unterhalten.“ Seine Stimme klang so als hätten sie das wirklich getan. So beeilte sie sich eine Zustimmung zu murmeln.
„Dann ist ja gut“, meinte Dinah. „Schön, dass ihr euch versteht.“
„Ja“, Greaseball nickte. „Das ist wichtig, wenn man zusammen fährt.“
„Was?!“, rief Pearl und glaubte denselben Ausruf auch von Finn gehört zu haben.
„Du willst, dass ich… mit…“, mehr brachte Finn offenbar nicht heraus.
Greaseball nickte bestimmt. „Genau das. Es sind nur noch fünf Tage bis zum Rennen. Zeit um das Fahren mit Partner zu üben. Ich nehme natürlich Dinah und du Pearl.“
„Aber“, schaltete sich Pearl ein, „habe ich dazu vielleicht auch was zu sagen? Vielleicht, dass ich nicht will?!“

Das verschlug Greaseball offenbar die Sprache und auch Dinah schaute sie überrascht an. Dann war es Finn, der sich an sie wandte und seine Stimme klang ein wenig traurig: „Du willst nicht mit mir fahren?“
Sie schaute in seine braunen Augen und war hin und hergerissen. Wenn sie jetzt doch zustimmte, schlug sie einen Weg ein, den sie eigentlich nicht befahren wollte.
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