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Neuanfang mit Hindernissen

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
OC (Own Character)
17.12.2021
23.09.2022
20
23.475
5
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
23.09.2022 975
 
Hallo meine Lieben!
Nach einer etwas längeren Pause geht es weiter mit einem neuen Kapitel. Dieses hier ist eher kurz geraten, aber das nächste ist schon in Arbeit.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und ein wunderbares Wochenende.

Liebe Grüße,
euer Paulchen ♥


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„So, hier haben Sie noch was gegen die Schmerzen.“, sagt Schwester Birgit freundlich lächelnd, während sie mir den kleinen Becher hin hält. Dankbar nehme ich selbigen entgegen und schlucke die bitteren Tropfen. „Gut, falls noch etwas sein sollte, können Sie jederzeit klingeln, ja? Schlafen Sie gut.“. Mit diesen Worten verlässt die Krankenschwester mein Zimmer.

Ich kann es kaum erwarten, Bens Nachricht zu lesen, doch der bittere Nachgeschmack den das Medikament zurück gelassen hat ist wirklich nicht zu ertragen. Ungeduldig schenke ich mir etwas Wasser ein und nehme zwei kleine Schlucke, bevor ich das Glas zurück auf meinen Nachttisch stelle. Mit zittrigen Fingern entsperre ich schließlich mein Handy und öffne den Chatverlauf, woraufhin mein Blick neugierig über die Zeilen huscht.

Hey.
Ehrlich gesagt hat deine Nachricht mich etwas überrumpelt. Ich meine…du verschwindest einfach, meldest dich wochenlang nicht, ignorierst meine Nachrichten und dann das? Ich weiß nicht so genau, was du jetzt von mir erwartest. Ich verstehe bis heute nicht, warum du damals einfach abgehauen bist. Aber gut, ich schätze es ist an der Zeit darüber hinweg zu kommen. Ich nehme deine Entschuldigung gerne an, ich weiß aber nicht, ob ich dir verzeihen kann. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das will. Du hast mich verletzt. Ich weiß ja, dass du etwas schreckliches erlebt hast, aber ich bekomme einfach nicht in meinen Kopf hinein, was das mit mir zu tun hat und warum du meine Hilfe nicht annehmen wolltest. Ich dachte eigentlich, wir würden uns gegenseitig mehr vertrauen, da hab ich mich scheinbar geirrt. Aber wie gesagt…was passiert ist, ist passiert, also Schwamm drüber, ändern kann ich es jetzt sowieso nicht mehr. Und nein, so wirklich gut geht es mir immer noch nicht, die letzten Wochen waren hart, aber es geht bergauf.
Ich war trotzdem froh deine Nachricht zu lesen, immerhin weiß ich jetzt, dass du noch lebst und es dir scheinbar etwas besser geht.


Das wars. Resigniert schaue ich auf mein Handy. Ich lese die Worte nochmal. Und nochmal. Doch es ändert sich nichts. Schuldgefühle haben sich wie ein loderndes Feuer in mir ausgebreitet. Ich habe Ben verletzt, mehr als ich mir bisher eingestehen wollte. Ich habe eine der wenigen Personen verletzt, die in den letzten Jahren für mich da waren und das konnte ich nicht mehr rückgängig machen, das zeigen seine Worte mehr als deutlich. Ich atme tief durch und versuche die Tränen wegzublinzeln, die mittlerweile in meinen Augen brennen. Aber womit habe ich denn gerechnet? Dass er alles vergisst was passiert ist und es zwischen uns wieder so ist wie früher? Wohl kaum. In diesem Moment wird mir klar, wie naiv ich war. Ich hätte ihm nicht schreiben sollen, hätte es dabei belassen sollen. Vielleicht wäre das das Beste gewesen. Doch dafür ist es jetzt zu spät. Er hat die Worte gelesen, ich kann sie also nicht mehr zurücknehmen. Was jetzt? Was antwortet man auf so eine Nachricht? Erhofft er sich überhaupt eine Antwort? Ich überfliege die Zeilen ein weiteres Mal doch bin danach immer noch nicht schlauer. Seufzend lege ich mein Handy zur Seite.

Die Trauer und die Enttäuschung sind mittlerweile einem anderen Gefühl gewichen. Wut macht sich in mir breit. Wut darüber, dass ich so naiv war. Ich bin wütend, weil ich Ben solchen Kummer bereitet habe und jetzt mache ich alles nur noch schlimmer, indem ich alte Wunden wieder aufreiße. Aber Vic meinte doch auch, ich wäre ihm nicht egal. Hat sie sich geirrt? Seine Frage falsch gedeutet? Oder habe ich zu viel in dieses Gespräch hinein interpretiert? Mein  Kopf fühlt sich an, als würde er jeden Moment einfach aufplatzen, nur um diese ungeheure Menge an Fragen und Gedanken wieder loszuwerden.

Doch leider passiert das nicht. Auch noch Stunden später spukt das ganze Chaos durch meinen Kopf. Es ist schon kurz nach Mitternacht und obwohl ich sowohl körperlich als auch psychisch völlig am Ende bin, habe ich noch kein Auge zugetan. Eine Schwester war vor wenigen Minuten nochmal kurz im Zimmer, vermutlich für den routinemäßigen Rundgang, doch ich habe mich schlafend gestellt. Niemand soll mich in diesem Zustand sehen und auch ich will gerade niemanden sehen.

Fahrig befreie ich mich von der ohnehin ungemütlichen Bettdecke und stehe auf. Unruhig wandere ich im Zimmer auf und ab. Zu gerne würde ich die Sache mit Ben jetzt sofort klären. Aber wie? Anrufen kann ich ihn nicht, dazu fehlt mir der Mut, außerdem ist es mitten in der Nacht. Aber ich weiß auch nicht, was ich ihm schreiben sollte. Mir fehlen schlicht und ergreifend die Worte. Ich habe ihn von mir weggestoßen, ihn verletzt. Und vermutlich auf eine so niederschmetternde Art und Weise, dass ich es nie wieder gut machen kann. Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich habs vermasselt. Und ich war noch nie gut darin gewesen, mir solche Fehler einzugestehen. Schon als kleines Kind wollte ich immer alles richtig machen, niemanden enttäuschen. Es ist mir wichtig, wie ich auf mein Umfeld wirke und ich nehme mir sehr zu Herzen, was andere von mir denken, vielleicht zu sehr. Ich treffe Entscheidungen normalerweise sehr bewusst und meistens sind diese auch gut durchdacht.
Bis auf das eine Mal vor wenigen Wochen als ich Hals über Kopf meine Wohnung und meinen Job gekündigt habe und in eine andere Stadt verschwunden bin. Diese Entscheidung war ganz und gar nicht durchdacht, sie war rein emotional gefällt worden, weil ich in dieser Situation einfach keine andere Möglichkeit gesehen habe. Vielleicht war genau das der Fehler gewesen. Vielleicht wäre ich jetzt nicht in dieser absolut grässlichen Lage, wenn ich meine Gefühle ein bisschen besser unter Kontrolle hätte.
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