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Neuanfang mit Hindernissen

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
OC (Own Character)
17.12.2021
05.10.2022
22
26.264
5
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
29.08.2022 1.319
 
Guten Abend meine Lieben!

Es tut mir leid, dass es diesmal etwas länger gedauert hat, aber irgendwie habe ich mir mit dem Kapitel schwer getan. Ich hoffe es gefällt euch trotzdem.

Habt noch einen schönen Abend!
Euer Paulchen ♥


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Der Nachmittag mit Yeliz und Hassan war wunderschön. Das erste Mal seit meinem Umzug habe ich mich hier wirklich zu Hause gefühlt. Und das obwohl ich im Krankenhaus bin. Wir haben über Gott und die Welt geredet. Über den Laden, die Familiengeschichte der beiden und wie sie vor zwanzig Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Ich habe die zwei gerade mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet und lasse mich erschöpft auf mein Bett fallen. Sie waren jetzt fast zwei Stunden bei mir und obwohl ihre Gesellschaft wirklich gut getan hat, war es doch auch anstrengend. Das Fieber macht mir noch immer zu schaffen, auch wenn es sich so anfühlt, als sei es nicht mehr so hoch. Ich merke, wie die Müdigkeit in mir hochkriecht und sich langsam aber sicher ausbreitet. Ich greife nach meinem Handy um zu sehen, wie viel Uhr es ist. 16:36 Uhr. Als ich gerade die Augen für ein kleines Nickerchen schließen will, macht sich wieder dieses Kribbeln in mir breit und für deinen kurzen Moment fühle ich mich wieder hellwach. Aufgeregt entsperre ich erneut mein Handy und öffne den Chat, den ich vor wenigen Stunden überstürzt geschlossen habe. Ich werde es tun, ich schreibe ihm. Meine Finger huschen flink über die Tastatur und diesmal brauche ich keine zehn Versuche, um die richtigen Worte zu finden. Bevor ich auf ‚senden‘ drücke, überfliege ich die Nachricht noch einmal und was soll ich sagen? Ich bin zufrieden.

Hi Ben!
Ich glaube es ist an der Zeit mich zu entschuldigen. Ich weiß, dass eine Entschuldigung das was ich getan habe nicht wieder gut machen kann, aber ich hoffe, dass du sie dennoch annimmst. Ich hätte nicht einfach gehen dürfen und schon gar nicht ohne mit dir darüber zu reden. Du weißt was passiert ist, aber du weißt nicht, was es mit mir gemacht hat. Und das ist kein Vorwurf an dich, im Gegenteil. Es ist einzig und allein mein Fehler. Ich war nicht in der Lage, mit dir darüber zu sprechen und ich kann dir nicht einmal sagen wieso. Du weißt, wie wichtig mir unsere Beziehung war, wie wichtig du mir warst. Und auch wenn es nach einer abgedroschenen Phrase klingt, es lag nicht an dir. Was ich getan habe war dir gegenüber nicht fair und ich will dass du weißt, dass es mir leid tut. Vielleicht kannst du mir irgendwann verzeihen. Ich hoffe es geht dir gut.

Gesendet. Perfekt. Als ich mein Handy zur Seite lege, bin ich noch immer aufgeregt. War es wirklich die richtige Entscheidung? Oder habe ich doch einen Fehler gemacht? Die Gedanken kreisen in meinem Kopf, doch ich bekomme sie nicht zu fassen, ich bin einfach zu müde. Na ja, vielleicht ist jetzt auch nicht der richtige Zeitpunkt, mir weiter den Kopf zu zerbrechen. Ich kuschle mich in mein Kissen und es dauert nicht lange, bis mir die Augen zufallen.

„Frau Emmerich?“, erweckt eine leise Stimme mich aus dem Schlaf. Verwundert schaue ich mich um, es dauert einen Moment, bis ich mich orientieren kann. Vor mir steht ein junges Mädchen, dem Schild an ihrem Oberteil nach zu urteilen eine Praktikantin. „Tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe, aber ich hab hier ihr Abendessen.“, fährt sie schüchtern fort und deutet zaghaft auf das Tablett, das sie auf dem kleinen Tischchen gegenüber abgestellt hat. Ich richte mich langsam auf und lächle sie verschlafen an. „Kein Problem, Dankeschön.“, erwidere ich, woraufhin sie schnell aus dem Zimmer huscht. Ich muss schmunzeln, erinnere ich mich doch nur zu gut an meine eigenen Praktika und daran, wie schüchtern und unsicher ich damals war. Ich setze mich auf die Bettkante und muss kräftig gähnen. Wie lange habe ich bitte geschlafen? Abwesend greife ich nach meinem Handy, um einen Blick auf die Uhr zu werfen. In diesem Moment kommt mir schlagartig wieder die Nachricht in den Sinn, die ich vor meinem Nickerchen verschickt habe. Ich werfe einen Blick auf den Sperrbildschirm meines Handys. Nichts. Enttäuschung macht sich in mir breit. Vielleicht hat der Chat sich lediglich nicht aktualisiert? Soll ja manchmal vorkommen. Ich entsperre das Gerät und öffne den Chatverlauf, nur um sicherzugehen. Doch meine Hoffnung ist vergebens. Ich versuche die Enttäuschung beiseite zu schieben. Vielleicht hat Ben die Nachricht ja auch noch gar nicht gelesen. Jedenfalls wird sich auch nichts ändern, wenn ich mir jetzt weiterhin das Hirn zermartere. Ich gehe noch einmal schnell ins Bad und mache mich etwas frisch bevor ich mir mein Abendessen vornehme. Hunger habe ich ja nicht so wirklich, aber eine Kleinigkeit zu Essen schadet meinem Körper sicherlich nicht. Gerade als ich mich hinsetze merke ich, wie sich das mittlerweile wohlbekannte Ziehen in meiner Flanke anbahnt. Na super, das hat mir gerade noch gefehlt. Die Schmerzen werden immer stärker und ich kralle mich nach vorne gebeugt an der Tischplatte fest bis die Attacke vorüber ist. Keuchend lasse ich mich wenig später im Stuhl nach hinten fallen und schüttle den Kopf. Ich hoffe nur, dass die Medikamente schnell wirken und das alles hier bald ein Ende hat.

Es ist kurz nach 19 Uhr als sich meine Zimmertür nach einem leisen Klopfen wieder öffnet. Ich habe mir einen der Stühle ans Fenster gezogen und wende meinen Blick vom Lichtermeer der Stadt ab, als eine Krankenschwester den Raum betritt. Wenn mich nicht alles täuscht ist es dieselbe Frau, die heute Mittag bei der Ultraschalluntersuchung anwesend war. In der Hand hält sie eine Flasche mit Infusionslösung, vermutlich mein Medikament. „Guten Abend.“, begrüßt sie mich eher emotionslos. „Ich hänge Ihnen Ihre Infusion an, haben Sie gegessen?“, fragt sie etwas gestresst und richtet ihren Blick auf das Tablett, das noch immer auf meinem Tisch steht. „Ein wenig, ja.“, bestätige ich. Sie hebt den Deckel des Tabletts an und wirft einen Blick darunter, woraufhin sie ein unverständliches Grummeln ausstößt. „Na gut. Setzen Sie sich bitte auf ihr Bett, hier kann ich die Infusion nirgends festmachen.“, fordert sie mich genervt auf, während sie bereits ungeduldig mit den Händen fuchtelt. Na die ist ja ein richtiger Sonnenschein…

Kurz darauf tropft die Infusionslösung sachte in meine Vene und Schwester Gutgelaunt ist mit den Überresten meines Abendessens verschwunden. Ich wollte eigentlich noch um ein Schmerzmittel bitten, aber so genervt wie die war habe ich es dann doch gelassen. Ich setze einfach auf den Schichtwechsel und hoffe bei der nachfolgenden Schicht mehr Glück zu haben.

Ausnahmsweise werden meine Hoffnungen nicht enttäuscht als später am Abend Schwester Birgit mein Zimmer betritt. Ich bin ganz froh ein bekanntes Gesicht zu sehen, außerdem war sie bei unserer letzten Begegnung sehr sympathisch und mehr als fürsorglich. „Guten Abend Frau Emmerich, ich wollte noch einmal nach Ihnen sehen.“, begrüßt sie mich freundlich. „Wie geht es Ihnen?“. Ich erwidere ihr Lächeln. „Das ist lieb, Danke. Ganz gut soweit, nur die Schmerzen sind über den Abend wieder stärker geworden. Könnte ich vielleicht noch was dagegen bekommen?“, bringe ich mein Anliegen zaghaft an. Die Schwester schaut mich mitleidig an und nickt dann eifrig. „Aber natürlich. Ich schaue mal schnell in der Akte nach was die Ärztin angeordnet hat und dann bringe ich Ihnen sofort etwas, ja?“. Mit diesen Worten ist sie auch schon aus dem Zimmer verschwunden. Ich nutze die Gelegenheit, um einen erneuten Blick auf mein Handy zu werfen. Es ist ja nicht so, als hätte ich das die letzten Paar Stunden nicht im Minutentakt getan. Doch diesmal ist es nicht wieder die Enttäuschung die in mir aufkeimt, im Gegenteil! Ben hat mir geantwortet. Aufregung macht sich in mir breit, gepaart mit Angst. Eine unangenehme Kombination. Ich will den Chatverlauf gerade öffnen als Schwester Birgit erneut in mein Zimmer tritt und mir das Schmerzmittel bringt. Enttäuscht lege ich mein Handy in meinen Schoß. Da werde ich mich wohl oder übel noch einen Moment gedulden müssen.
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